Innige Interpretationen bachscher Klavierstücke

  • Dies ist der Parallelthread zu den "rauschhafte Interpretationen". Hier geht es nicht um besonders schnell und nähmaschinenartig, sondern um langsam mit starkem Ausdruck.


    Als erstes Beispiel sei Glenn Gould genannt, der in einer Aufzeichnung des Senders Arte die Fuge aus BWV 878 (WTK II, E-Dur) spielt, und zwar so langsam, daß sie mehr als doppelt so lange dauert (5:05 min) wie bei seiner Einspielung des WTK, die ich auf CD habe (1:51 min)


    Dies ist die CD



    und hier die gnadenlos gute Einspielung der Fuge bei Arte:



    Auf der CD fällt die Fuge kaum auf, sie rauscht so vorbei ohne rauschhaft zu sein, in der Arte-Version kann sich Ton für Ton eine besondere Schönheit entfalten, die in der Sequenz ab 4:00 min bis zum Ende ihren Höhepunkt findet.


    Aus Wikipedia: "Nun schweben die drei Oberstimmen gleichsam schwerelos herunter; der Bass bringt das Thema zum letzten Mal, der Sopran begleitet seine Abwärtsbewegung in Sekundschritten, und die Fuge schließt mit einer innigen Wendung, die uns wieder auf die Erde zurückführt."


    Und hier erläutert Glenn Gould seine Sicht auf die Fuge:

  • Und natürlich "Jesu bleibet meine Freude" aus der Kantate BWV 147 in der Transkription von Myra Hess:


    ,


    wobei es hier gar nicht so einfach war, eine angemessene Interpretation zu finden. Es darf nicht zu langsam sein, und in der Mitte darf nicht zu dick aufgetragen werden, das Tempo muß gleichmäßig und die Tonqualität nicht zu schlecht sein - dann ist es ein sehr inniges Stück mit großer Kraft und Würde.


    Da es aber auch verhältnismäßig einfach zu spielen ist, gibt es auf youtube so etliche Amateur-Versionen, die man nur in den Fremdschäm-Thread "you fail" von Dr. Pingel einstellen kann.

  • Ein Stück aus den "Fünf kleine Präludien" (BWV 941) ist, wenn nicht "innig", so zumindest "warmherzig", singbar und "heimelig"; schade, daß es so kurz ist, der Textur des Stückes könnte man viele Minuten lang zuhören.


    Von den großen Pianisten habe ich keine Interpretationen bei youtube gefunden, anscheinend schätzen sie so leichte Stücke nicht, und so muß ein Amateur ran, der es aber, wie ich finde, sehr gut macht.


  • Richtig innig wird es bei BWV 855 (WTK I, 10); e-moll scheint ohnehin die zur Innigkeit passende Tonart zu sein (kann ich auch für die Gitarre bestätigen) - Gavrilov spielt nicht schlecht:


    , ab 0:32 min


    Das Ende des Präludiums 855 sowie die dazugehörige Fuge kann man dann bei "rauschhaft" einordnen.

  • Kleines Präludium D-Dur, BWV 925, Maria Tipo spielt.


    Anders als bei den "Rauschhaften", die keine Tempovariationen vertragen, können die "Innigen" durchaus romantisch (verschleppt) gespielt werden, und sie wirken immer noch.


    , ab 1:08 min


    Leider ist die Tobqualität recht mäßig.


    Ich verzichte mal auf die Referenz zur CD, weil die bei jpc gar nicht und bei Amazon für den Schnäppchenpreis von 244 Schleifen angeboten wird...

  • und als abschreckendes Beispiel dafür, was man bei dem Stück alles falsch machen kann (Rubati, viel zu kräftig gedrückte Tasten, dramatisch romantischer Aufbau) - Bach ist nicht wiederzuerkennen.


    Ira Levin


  • Das Minuet G-Dur aus dem Kleines Büchlein für Anna-Magdalena ist zwar reichlich abgenudelt, und die Darbietung von Rosalyn Tureck hat noch einige Luft nach oben, aber es gibt nun mal keine so große Auswahl - das Stück ist zwar reichlich bei youtube vertreten, aber vor allem durch Amateure, denen man dann doch klar anhört, daß sie eben keine Profis sind.


    Insgesamt gehört das Stück jedoch sicherlich hierher.


    , ab 3:34 min

  • Das Herzstück dieser Musik ist m. E. Bach Siloti BWV 855a, das ich am Anfang in der fast perfekten Version von Lisitsa schon mal vorgestellt habe, und das häufig viel zu schnell gespielt wird und dann seine Magie nicht entfalten kann.


    Eric Lu bemüht sich um die richtigen Akzente, der Grundrhythmus taugt aber nichts:


  • Perfekt ist Weissenberg, der leider nur einen Teil des Stückes spielt, und den ich im Beitrag 3 unglücklicherweise auf ein Stück verlinkt habe, in dem eine knisternde Platte auf einem eiernden Plattenspieler, der auf einen rauschenden Verstärker ausgibt, zum Einsatz kommt.


    Dies sei hiermit korrigiert: