Der amazon-recommendation-fail

  • So stellt man sich das heute vor: es braucht keine Fachzeitschriften mehr, da es im web die authentischen recommendations gibt, Empfehlungen also, die ein Konsument abgibt, nachdem er ein Buch, eine Platte, einen Rasierer oder sonstwas gekauft hat. Der gemeine Nerd (nerdus vulgaris) findet das klasse, eine neue Stufe im Digitalen ist erreicht. Wirklich? Man kann von diesen recommendations halten, was man will, sie sind alles Mögliche, nur eines nicht: objektiv. Wohlverstanden: ich glaube nicht, dass es eine wirkliche Objektivität gibt; wer sich die Rezensionen eines Reich-Ranicki durchliest und weiß, dass sein literarischer Hausgott Thomas Mann war, kann mit den Kritiken sehr gut umgehen. Diese Form der Subjektivität meine ich aber nicht: ich meine den Verriss aus Unbildung und Unkenntnis heraus, der sich entweder als Anmaßung verstehen lässt oder, ebenso schlimm, als Entäußerung einer intellektuellen Verwahrlosung. Ein solches Musterbeispiel fiel mir heute zwischen die Finger, es ging um die Besprechung der Gesamteinspielung der Sonaten Scarlattis durch Scott Ross. Ein Highlight aus der sogen. recommendation (das Wort Rezension hier zu verwenden käme einer Begriffsentstellung gleich):


    "Nun noch kurz zur "Musik" , die man kaum als solche bezeichnen kann : Ich dachte,
    ich würde Barockmusik bestellen, geliefert bekam ich eine Art skurrile ,
    schräge , schief klingende, Volksmusik, offensichtlich spanisch und /
    oder portugiesisch beeinflusst, jedoch im negativsten Sinne. Ich habe
    bis jetzt nur mal reingehört, aber , was einem gleich auffällt, ist dass
    die Sonaten alles andere als barock klingen und außerdem jede zweite
    Phrase bzw. kurze Tonfolge mehrmals, zum Teil sogar fünf- oder sechsmal
    hintereinander wiederholt wird, das ist wirklich unerträglich und hört
    sich zum davonlaufen an ! Man hätte diese ständigen Wiederholungen auch
    einfach sein lassen können, selbst, wenn diese im Manuskript "gefordert
    werden";"


    Hier der Rest des Ganzen.


    Dieser Thread mag dazu dienen, weitere solcher recommendations zu sammeln. Ich bin sicher, dass es da eine Menge von gibt. Viel Spaß damit.


    Liebe Grüße vom Thomas :hello:

    Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

  • Ja, lieber Thomas, das ist der Geist der Zeit. Jeder fühlt sich dazu berufen seine bloßen Bauchgefühle, die unbeleckt sind von jedweder fachlichen Kenntnis in diesem nassforschen Tonfall, der das von dir ausgesuchte Beispiel geradezu omnipräsent beherrscht, vorzutragen.
    Eine Zeit, in der alles gleich viel Wert zu sein hat, in der die bloße Gedankenflatulenz gleichwertig neben Durchdachtem und Kenntnisreichem steht. In der viele gar nicht mehr in der Lage sind zu erkennen, welche Aussage wertlos ist und welche allgemeingültigen Charakter besitzt. Das vorliegende Beispiel ekelt mich geradezu an in seiner stumpfen Selbstgefälligkeit.


    Grüße
    Garaguly

  • .....ich meine den Verriss aus Unbildung und Unkenntnis heraus, der sich entweder als Anmaßung verstehen lässt oder, ebenso schlimm, als Entäußerung einer intellektuellen Verahrlosung.


    Eine Zeit, in der alles gleich viel Wert zu sein hat, in der die bloße Gedankenflatulenz gleichwertig neben Durchdachtem und Kenntnisreichem steht. In der viele gar nicht mehr in der Lage sind zu erkennen, welche Aussage wertlos ist und welche allgemeingültigen Charakter besitzt.


    Dieser Thread mag dazu dienen, weitere solche recommendations zu sammeln. Ich bin sicher, dass es da eine Menge von gibt. Viel Spaß damit.


    Ja, lieber Thomas, darüber kann man sich zu Recht aufregen!


    Aber man sollte vorsichtig sein: in unserem Forum gibt es leider auch reichlich Beispiele "intellektueller Verwahrlosung".


    Die Fähigkeit, lieber Garaguly, zwischen "Durchdachtem und Kenntnisreichem" und "bloßer Gedankenflatulenz" zu unterscheiden, ist leider auch bei uns nicht sehr ausgeprägt. Und wenn denn mal kritisch auf flatulente Äußerungen reagiert wird, gibt es gleich einen Sturm der Empörung!


    Also wir sollten lieber nicht in anderen Medien Beispiele "intellektueller Verwahrlosung" sammeln!


    Caruso41

  • Es gibt, lieber Caruso, tatsächlich das Phänomen, dass die Kommentare in Kauf-, Gastro-, Arzt- oder Reiseportalen eine qualifizierte Kritik ersetzen sollen. Angeblich würde das auch Stiftung Warentest zu schaffen machen (was ich nicht glaube). Diese "Empfehlungen" sind mit Vorsicht zu genießen, sind nicht gerade selten von persönlichen Verstimmungen geprägt und besagen eigentlich nichts. Gerade die niedrigen Bewertungsstufen bei Amazon wimmeln von Texten, die ich als Rachebewertungen bezeichnen würde. Das fängt bei Schülern an, die einen Lektüre-Text bei Amazon gekauft haben und dann den Goethe verreißen (was ihnen unbenommen bliebe, hätten sie ihn verstanden), in Hotels und Restaurants wird offen mit einer schlechten Bewertung im web gedroht, die angebliche Verbraucherschutzorganisation foodquatsch hat schon mal alle ihre Groupies, die ein Amazon-Konto haben aufgerufen, Negativ-Kritiken für ein bekanntes Bonbon abzugeben. In der Nerd-Welt bekommt man indes diese Möglichkeit der mehr oder weniger unredigierten Form der Kritik von jedem und jeder als posive Entwicklung serviert. Zeit also, einen kritischen Blick auf diese ungute Entwicklung zu werfen.


    Dass es in der Welt der Klassikliebhaber gerne zu Raufereien wie im gallischen Dorf kommt, ist mir in 17 Jahren, die ich in Foren unterwegs bin, nicht verborgen geblieben. Die oben zitierte Form der recommendation hat allerdings nicht viel mit den zugegebenermaßen teilweise unappetitlichen Disputen hier am Brett zu tun. Eigentlich müsste Amazon für den user-content eine eigene Redaktion einrichten, die solche Beiträge wie den oben zitierten nach redaktioneller Bewertung gar nicht erst freigibt. Denn, auch da müssen wir uns nicht drüber unterhalten, es gibt sie auch: die sehr aufwendigen, (qualitativ) sehr guten Besprechungen.


    In der jetzigen Form ist das System allerdings kaum oder nur bedingt tauglich.



    Liebe Grüße vom Thomas :hello:


    (Deinem Motte zufolge behalte die bei mir gefundenen Tipp-Fehler gerne, bei mir sind sie weg :D )

    Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.


  • Lieber Caruso,


    natürlich hast du dahingehend Recht, als dass auch nicht alles, was etwa hier im Forum geäußert wird, frisch geschürftem Geistes-Gold entspricht (schließe mich persönlich hier selbstredend mit ein). Aber das, was in der von Thomas zitierten Pseudo-Rezension formuliert wurde, ist eine so unangenehme Mischung aus Nichtwissen und gleichzeitiger Großspurigkeit, dass ich behaupte, man werde so etwas im Forum kaum antreffen.


    Grüße
    Garaguly

  • Aber das, was in der von Thomas zitierten Pseudo-Rezension formuliert wurde, ist eine so unangenehme Mischung aus Nichtwissen und gleichzeitiger Großspurigkeit, dass ich behaupte, man werde so etwas im Forum kaum antreffen.


    Lieber Garaguly!


    Ich glaube, solcher "unangenehmen Mischung aus Nichtwissen und gleichzeitiger Großspurigkeit" in den Diskussionen über Ralf Recks interessanten Bericht über eine Alcina begegnet zu sein! Es ist wirklich nur e i n Beispiel!


    Aber dass Thomas Papes Anliegen sinnvoll und dringlich ist, will ich überhaupt nicht bestreiten!


    Beste Grüße
    Caruso41

  • Der Text umfasst 447 Wörter mit 2939 Zeichen (mit Leerzeichen), meine Betonung liegt auf Leerzeichen. (Rang des Rezensenten
    #8.037.856)


    Die amazon-Frage "War diese Rezension für Sie hilfreich?" habe ich mit dem Nein-Button beantwortet... So schnell kann's im digitalen Zeitalter gehen.


    (Übrigens, ich besitze die Scarlatti-Box mit den Interpretationen von Scott Ross am Cembalo und habe alle !!! 34 Scheiben angehört.)
    .

    Alleen / Alleen und Blumen // Blumen / Blumen und Frauen // Alleen / Alleen und Frauen // Alleen und Blumen und Frauen und / ein Bewunderer


    Aus Solidarität mit Eugen Gomringer habe ich die Übersetzung eines seiner Poeme gesetzt, weil dieses Gedicht, das sich an einer Hausfassade in spanischer Sprache befindet, überpinselt werden muss. Grund: Sexismus-Vorwurf
    .


  • Na gut. Du hast gewonnen! Ich bin allerdings auch nur selten in den Opernthreads unterwegs. Dass in denen bisweilen mehr geholzt wird, denn mit dem feinen Florett gefochten wird, ist wohl richtig.


    Grüße
    Garaguly

  • Ich persönlich finde eigentlich Rezensionen schlimmer, in denen etwas gelobt wird - und man aus dem, was da geschrieben steht, ebenfalls die Unkenntnis und Unbildung herauslesen kann. Wobei ich mit "Unbildung" selbstverständlich nur die musikalische Bildung meine.




    LG,
    Hosenrolle1

  • Ich kann Euch nur bedingt verstehen.
    Was Euch IMO fehlt, ist der Sinn für (skurrilen) Humor.
    Auch wenn mir der oft abgesprochen wird, ich besitze ihn, und die Kunst dabei ist: nicht zu lachen.


    Wie kann man denn einen Menschen Ernst nehmen, der nicht mal die CD aus dem Schuber bringt??
    Er hat auch nicht irgendein Werkzeug dazu herangezogen, sondern einen zweiten Mann.
    Bitte stellt Euch das als Szene von Loriot inszeniert vor (er lebt leider nicht mehr, aber ich kann sowas auch recht gut).
    Zwei Männer entnehme eine CD einem etwas enger anliegendem Schuber.
    Vielleicht haben sie sogar Strategien entwickelt und haben zu streiten begonnen - wir wissen es nicht.


    Leider hat der Verfasser keinen Namen angegeben (Amazon-Kunde ist ein wenig zu vage), sonst könnte man ihn anmailen und versuchen für Tamino zu gewinnen, Nennen wir ihn mal als Platzhalter "Mario Semmelgrün" (damit das Kind einen Namen hat) Was könnte man daraus nicht alles machen.
    Eine eigene Tamino Kolumne:
    KOMPONISTEN AUF DER ANKLAGEBANK
    Tamino Starkritiker Mario Semmelgrün benotet Komponisten, verbessert ihre Kompositonen und gibt stilistische Ratschläge.


    Sowas wäre eine "sichere Bank" und könnte unser Forum weiter aufwerten. Man muß auch (so wie ich :untertauch: ) positiv denken könne und aus alltäglichen Vorgängen veritable Ereignisse machen....


    Ich Übertreibe ???? NEIN


    Das Auspacken von Geräten dürfte für VIELE Internetuser ein veritables Problem darstellen. Daher finden sich dankenswerterweise immer wieder EXPERTEN, die zeigen, wie es geht. Man beachte einerseits den Wortschatz, die manuelle Geschicklichkeit etc. DIESEN Leuten verdanke ich, daß ich mich selbst vor die Kamera getraut habe, meine Schwellenangst ist gesunken. Solche OUTBOXING-Videos findet man (auch wenn man in Wahrheit einen Test über ein Gerät sucht) zu tausenden im Netz.
    Ich sehe sie gern; immer wieder, wenn ich mal mit einigen Äusserungen von Tamino-Mitgliedern nicht ganz einverstanden bin oder darüber grüble, WARUM Tamino nicht mehr Mitglieder bekommt, DANN sehe ich mir SOLCHE Outboxing-Videos an - oft STUNDENLANG - und bin versöhnt mit dem Tamino Forum und der Welt. Nach solch einer Session brauch ich dann natürlich ein Tablette, die meinen Lachkrampf beendet. Alles hat Nebenwirkungen - "No Risk no Fun" wie wir Lateiner sagen......




    mfg aus Wien
    Alfred


    Beste Grüße aus Wien

  • Es gibt auch einen erstaunlich hohen Anteil von Rezensionen, bei denen Produkt- mit Verkäuferbewertungen verwechselt werden und dann unter einer Mozart-CD als Rezension "Schnelle Lieferung" steht...
    Erstaunlich ist schon, dass jemand, der anscheinend vorher noch nie Scarlatti-Sonaten gehört hatte, ohne jegliches Probehören (was heute ja kein Problem sein sollte) solch einen Klotz kauft. Und sich auch noch die relative "Mühe" eines so langen Kommentars macht.


    Normalerweise erwartet man ja, jedenfalls bei gängiger klassischer Musik auch in erster Linie einen Kommentar zu Interpretation, vielleicht zur Klangqualität (da gibt es auch manchmal sehr seltsame Kommentare bei amazon), nicht unbedingt zur Musik selbst.


    Andererseits sind solche mehr oder minder offensichtlich verfehlten oder inkompetenten Kommentare ja leicht auszublenden. Viel schwieriger ist es, wenn jemand durchaus Ahnung hat und flüssig formuliert, aber eben inhaltlich doch Fragwürdiges verzapft.

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Ich glaube ja, dass ist etwas was, was die Kinder von heute verstärkt lernen werden (müssen) Informationen filtern, nicht nur im schulisch/beruflichen Kontext sondern permanent. Es ist nicht mehr so, dass sich die Welt in ACDC und KISS Fans aufteilt.


    Diese Unboxing Videos guckt mein Sohn mit seinen fast vier Jahren auch gerne mal. 8-) . Aber ich glaube, es wird eben in Zukunft eine ganz wichtige und den Unterschied ausmachende Qualität sein, ob man Informationen geschickt filtern kann. Es ist nun mal so, dass sich heute jeder im Internet berufen fühlt, seine Meinung zu äußern. Und ich glaube auch nicht, dass sich das ändern wird. Die Menschen sind eben so. ;)


    Ich lese ja mittlerweile eher die negativen Kritiken und versuche aus dem Kontext heraus zu lesen. Und selbst ohne jede Ahnung von Klassischer Musik merkt man direkt, der Schreiber hat mal so echt gar keine Ahnung. :hahahaha::hahahaha:

  • Ich habe es von Anfang an so gehalten: ich bewerte nicht und lese die Bewertung anderer nicht. Also so ähnlich wie bei ungewünschten Telefonanrufen: ich lege wortlos auf.

    Ihr absolviert diese Stelle wie ein Intercity auf einer schwer zu nehmenden Weiche (mein verstorbener Chordirigent Johannes Glauber aus Essen)

  • Echt?


    Ich lese die tatsächlich gerne, wenn ich mir etwas neues kaufen will. Und zwar lese ich gerne die guten, wie die bekloppten. Das macht mir einfach Spaß. Nur selber welche Schreiben habe ich keine Lust. Was ich aber auch nicht schlimm finde, es gibt ja genügend Menschen, die mit Begeisterung Amazon Rezensionen schreiben :jubel:

  • Ich möchte ja niemandem den Spaß verderben, aber mir sieht die oben von Thomas zitierte recommandation doch sehr so aus, als hätte sich da jemand einen (jetzt nicht soooo lustigen) Scherz erlaubt: Weder die verwendeten Begriffe bis hin zu "Claviermusik", noch der Schreibstil und das Fehlen von Rechtschreib- und Gramatikfehlern deuten darauf hin, dass es sich bei dem Verfasser tatsächlich um einen solchen Idioten handelt, für den er sich ausgibt.

  • Okay, du hast recht. Ich habe es mir gerade mal auf Amazon ganz durchgelesen, aber der Sinn erschließt sich mir nicht. Warum acht man sich solche Mühe und schreibt so eine Rezension??


    Eine ungute Kombination aus Langeweile und Rotwein ... ? - Ernsthaft: Warum gibt es (nicht staatlich oder kommerziell finanzierte) Trolle? Warum tun Menschen Dinge?

  • Ich finde Produktbewertungen in der Regel recht nützlich. Manche sagen was über die Produkte, manche mehr über den Bewerter, aber mit der Vielzahl von Kommentaren bei amazon oder sonstwo im Netz kristallisiert sich doch ein Trend heraus, der zusammen mit Testportalen wie z.B. dpreview.com vor allzu groben Fehlkäufen schützen sollte. Ab und an schreibe ich auch eine Bewertung, insbesondere dann, wenn ich von dem Produkt sehr überzeugt oder aber sehr enttäuscht bin. Für mittelprächtige Produkte bringe ich das Engagement nicht auf.


    Sicherlich ist das von Thomas Pape dargestellte Beispiel besonders kraß, aber dieser Blödsinn wird doch schnell als solcher offenkundig, und ich glaube nicht, daß sowas viel Schaden anrichtet.

  • Sicherlich ist das von Thomas Pape dargestellte Beispiel besonders kraß, aber dieser Blödsinn wird doch schnell als solcher offenkundig, und ich glaube nicht, daß sowas viel Schaden anrichtet.


    Im Gegenteil. Ich fühle mich durch krasse Äußerungen eher ermutigt und neugierig gemacht. In einem unqualifizierten Verriss kann unter Umständen gerade das zum Vorschein kommen, was mich zur Anschaffung oder Beschäftigung reizt. Ich las mal eine vernichtende Besprechung von Balladen, vorgetragen von Gert Westphal. Da wusste ich, diese Aufnahmen sind genau richtig für mich. :D Und so war es auch.


    Ansonsten entspannt bleiben. Was wird nicht alles geschrieben. Auch von Präsidenten einer Weltmacht. Dass jeder absondern kann, was er will, ziehe ich immer noch jedem Verbot vor.

  • Was der Kerl über die Box schreibt, ist mir mit der DG-Argerich-Box passiert. Schublade aufgezogen, Schublade falschrum wieder reingeschoben hat sich bickelfest ineinandergesaugt dann. Möglich, dass das mit dem Scarlattisarg auch so ist.

  • Ihr Lieben, der Thread geht in eine interessante Richtung, wenngleich etwas anders, als ich dachte.


    Der Scarlatti-Rezensent ist kein Einzelfall. Freilich, der oben zitierte Unfug tauchte in einer Ecke auf, wo ich ihn eher nicht vermutet hätte. Wer kauft derart uninformiert ein Box mit 33 CD's, die man in Gänze übrigens bei youtube hören kann? Ein weiters Fundstück, auch aus dem Klassiksektor, habe ich hier :


    "Ich hatte mich sehr auf die CD Box gefreut, sie wurde auch gleich nach Erscheinen geliefert. Die Überraschung: CD 1 enthielt Bachwerke, andere CDs waren
    teilweise nur als Tracks ohne Titelhinterlegung (auf verschiedenen Gerräten abgespielt). Obwohl mir klar ist, dass an eine Editonsausgabe nicht die höchsten Ansprüche gestellt werden dürfen, ist dies mehr als beschämend. Hier wird ohne Interesse an der Sache wohl etwas schnell auf den Markt geworfen."


    Da kämpft allerdings eher jemand mit den Tücken der Technik, und der Denkfehler des Rezensenten, der die CD's offenbar im CD-Laufwerk seines Rechners abgespielt hat, wo einem tatsächlich in Verbindung mit Datenbanken im web zuweilen sehr kryptische Informationen auf dem Monitor angezeigt werden, wird allerdings in einem Kommentar richtig gestellt. Mit den Verpackungen kämpfe ich auch zuweilen, eine Bemerkung wäre mir das indes nicht wert. Aber auch darum geht es nicht.


    Ich habe bewusst das Wort recommendation gewählt. Eine Möglichkeit, die dem User eine Macht zubilligt, für die er nicht notwendigerweise qualifiziert ist. Und die sich über Verkaufsplattformen ausbreitet und eigene Vergleichportale gebiert. Tatsächlich schnappte ich letztens die Aussage auf, dass die Hefte der Stiftung Warentest überflüssig würden, weil man heute ja zu recommendations greifen würde. Für geschmacksabhängige Artikel mag diese vox populi ja interessant sein (aber auch da hätte ich so meine Zweifel, da ich ja über die Geschmackssozialisation des recommendanten nichts weiß), denn subjektiver Geschmack wird bei StiWa nicht bewertet. Dafür allerlei Dinge, die zu analysieren einem Normaluser gar nicht möglich sind.


    Persönlich bin ich zu alt, um mich auf solchen digitalen Kinderkram einzulassen. Auch teile ich nicht die Auffassung, dass jedermann in der Lage sei, qualifiziert über seine Einkünfte Auskunft zu geben. Spätestens die Genration Y, ausgestattet mit einem ziemlich starken Selbst, die das Funktionieren redaktioneller Systeme beim Filtern von Informationen kaum kennenlernt, die sich ihrerseits zunehmend in eigenen Filter-Bubbles herumtreibt, dürfte allerdings für solche Rezensionen anfällig sein. Auch der Glaube an die Wahrheit des Internet unterstützt diese Anfälligkeit. Eine CD im Rechner kommuniziert mit Datenbanken, die dann behaupten, die Ouvertüre der "Wassermusik" sei eine "Sizilienne" von Bach. Glaubt man das so ohne weiteres, ohne vielleicht auf das CD-Booklet zu scheuen? Offenbar, denn so entstand die hier gepostete "Rezension".


    Wurden Menschen in der Vergangenheit in Gemeinschaften geboren und suchten im Laufe ihrer Entwicklung darin ihren Platz, so scheint es heute so zu sein, dass ein Mensch zum Individuum erzogen wird, das sich sein passendes Gesellschaftssegment sucht. Meiner Wahrnehmung nach greifen hier gesellschaftliche Entwicklungen und die Erweiterung der Möglichkeiten des Digitalen (ich rede jetzt hier nicht von Industrie 4.0) auf eine ungute Weise ineinander. Ökonomen mag es freuen und bei der Optimierung von Produkten helfen, letztens aber auch zum Verflachen von Angebotenem beitragen.


    Auch wenn sich der Thread-Titel so lesen mag: es geht mir weniger darum, auf den Verfasser dieser recommendation zu zeigen sondern auf eine ungute Entwicklung hinzuweisen, in der unredigierte Meinung entfesselt wird und zu angeblich sachlicher Information gerinnt. Und dazu einzuladen, weitere solcher schrägen recommendations einzustellen.


    Liebe Grüße vom Thomas :hello:

    Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

  • Wurden Menschen in der Vergangenheit in Gemeinschaften geboren und suchten im Laufe ihrer Entwicklung darin ihren Platz, so scheint es heute so zu sein, dass ein Mensch zum Individuum erzogen wird, das sich sein passendes Gesellschaftssegment sucht. Meiner Wahrnehmung nach greifen hier gesellschaftliche Entwicklungen und die Erweiterung der Möglichkeiten des Digitalen (ich rede jetzt hier nicht von Industrie 4.0) auf eine ungute Weise ineinander. Ökonomen mag es freuen und bei der Optimierung von Produkten helfen, letztens aber auch zum Verflachen von Angebotenem beitragen.


    Natürlich, lieber Thomas, eine "Gemeinschaft" gibt es ja auch nicht mehr. Ich mache diese Beobachtungen auch verstärkt - sie sind auch gar nicht zu übersehen, wenn man mit offenen Augen durch die Welt geht. Das ist eben die "marktkonforme Demokratie", die bei uns herrscht. Und das ganze "System Amazon" beruht ja genau darauf - es ist zutiefst asozial und ausbeuterisch - was auch jeder wissen sollte. Die Menschen passen sich diesem System lediglich an, was sollen sie auch anderes machen? Sie sind ohnmächtig und hilflos. Deshalb rennen sie auch den ganzen Tag mit dem Smartphone vor der Birne rum und gucken weder rechts noch links. Die Radikalindividualisierung passiert so fast automatisch. Mitmenschlichkeit hat da keinen Platz mehr.


    Aber zum Thema "Rezensionen auf Amazon": es gibt auch immer noch genügend positive Ausnahmen - und nicht nur Müll. Am liebsten sind mir sowieso englische bzw. amerikanische Rezensenten, denn da gibt es echte Kenner im Klassikbereich, die wissen, wovon sie reden.


    Gruß,


    Agon

  • Sagen wir es so, lieber Agon, Gemeinschaft verändert sich. In die älteren ist man hineingewachsen. Und musste sich darin behaupten, leistete den Spagat zwischen Teil von und Individuum. Nicht zuletzt durch den Mobilitätszwang verändert sich das. Und es entstehen neue Wege, "Freunde" zu finden. Über eine Plattform wie comangi kann ich wildfremde Leute zum Essen einladen. Partnerschaften bilden sich über Dating-Portale. Das alles ist Teil eines gesellschaftlichen Wandels, der ökonomisch nützlich genug ist, dass es keinen Protest dagegen gibt und es lediglich des nötigen Nudgings bedarf, um die Menschen dazu zu bringen, das alles gut zu finden.


    Amazon bildet das in gewisser Weise ab, inkl. der Maschinengläubigkeit der user. Ich habe mir übrigens erlaubt, den Threadtitel abzuändern. Fail ist gewiss sachlicher als Trottel, und es beschreibt das Gemeinte besser.


    Liebe Grüße vom Thomas :hello:

    Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
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  • Amazon bildet das in gewisser Weise ab, inkl. der Maschinengläubigkeit der user.


    Amazon bildet das nicht lediglich ab, sondern war von Anfang an ein treibendes Element der "Digitalisierung aller Lebensbereiche". Und es geht ja immer weiter mit unverminderter Brutalität.
    Und warum sollte ich wildfremde Leute zum Essen einladen wollen? Dieses Bedürfnis hatte ich nie.
    Und diese ganzen "Datingportale" - das ist die pure Illusion. Damit wird nur Geld verdient.
    Ich kann diesem ganzen "Wandel" nicht viele positive Seiten abgewinnen.

  • Ich sehe die Dinge tendenziell auch eher kritisch und als Versuch, das Gesellschaftsverhalten des Menschen durchzuökonomisieren. Ob das von Anfang an bei amazon so geplant war lässt sich rückwirkend nicht feststellen. Dass die Programmierung sich allerdings an den Bedürfnissen der Wirtschaft orientiert und weniger den User im Auge hat wurde jüngst von einer kritischen Programmiererin festgestellt (finde allerdings in der Eile den Artikel nicht).


    Wegen dieses kritischen Blicks auf die Entwicklung habe ich diesen Thread ins Leben gerufen. Es ging mir nicht daran, den Autoren der Scarlatti-Rezension zu verunglimpfen. Freilich kann ich mich den Dingen entziehen, vieles wird mich auch nunr noch kaum persönlich betreffen. Dennoch sollten wir diese Dinge, Entwicklungen und die daraus sich ergebenden fails ernst nehmen. Und noch was: ruhig auch solche fails sammeln und hier einstellen. Sie lohnen allemal einer Diskussion.


    Liebe Grüße vom Thomas :hello:

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  • Und noch was: ruhig auch solche fails sammeln und hier einstellen. Sie lohnen allemal einer Diskussion.


    Liebe Grüße vom Thomas :hello:


    Ein solches Thema gibt es, es ist von mir und heißt "YouFail"!

    Ihr absolviert diese Stelle wie ein Intercity auf einer schwer zu nehmenden Weiche (mein verstorbener Chordirigent Johannes Glauber aus Essen)

  • Witzig war, als ich mal Schnabels Beethoven-Sonaten empfohlen hatte in einem Hifi-Forum - und dann das Cover der neu remasterten Aufnahme einstellte. Ich selbst habe eine ältere Raubkopie. Dann kam ein Schlaumeier und zitierte so eine "Empfehlung", wonach die remasterte Aufnahme grottenschlecht sei - und zwar denselben "Empfehler" bei Amazon und jpc. Ich hätte deshalb keine Ahnung, weil ich so eine unmögliche Empfehlung geben würde. Er verwechselte auch noch, dass das keine Bewertung der historischen Aufnahme war, sondern des Remasterings! Meine Hinweise - das sei immer derselbe, also nur ein Mensch mit seiner bescheidenen (falschen) Meinung- nutzten nichts! :D


    Schöne Grüße
    Holger

  • Ah, ich habe mal wieder was für diesen Thread. Es geht um das dramatische Gedicht "Manfred" des Lord Byron. Die Rezension der deutschen Ausgabe stammt von dem schweizerischen Psychotherapeuten Dr. Heinrich Balmer. Er überschreibt seine Einlassung dazu:


    Das dümmste Buch über die Schweiz, das noch den Tartarin dans les alpes übertrifft


    Dieser Schmarren soll angeblich "eines der ganz großen Werke der Romantik überhaupt" darstellen (Verlagswerbung), trieft aber von hanebüchenem Kitsch. Natürlich steht Manfred auf der Jungfrau und ein Adler fliegt vorbei, in der Ferne ertönt eine Hirtenflöte, zufällig kommt auch grad noch der Abt von St. Moritz auf einen Sprung vorbei, gerade recht, um Manfred den Segen zu geben, als er endlich nach 53 Seiten dramatischem Gedicht stirbt. Ergänzt wird das Bändchen durch eine verdienstvolle Zusammenstellung aller Affären, die Lord Byron hatte


    Ein anderer User, der sich Manfred nennt, kommentiert die Kindle-Ausgabe:


    Ich kenne Byron von seiner Biografie und einigen Gedichten her (z.B.So We'll Go No More a Roving). Aber dieses Drama ist für mich unerträglich, auch wenn es meinen Namen trägt. Ich hab das Buch bald wieder von meinem Kindle entfernt.


    Dergleichen ist mir bislang nur als Kommentar zu schulischer Pflichtlektüre von gleichzeitig intellektuell überforderten und dies sehr selbstbewusst dokumentierenden Schülern untergekommen. Bei dem Psychologen, der ansonsten eher Taschenmesser, Weingläser oder Konservensuppen (die er in der Pfanne zubereitet) kommentiert gibt es doch Anlass zum Staunen.


    Liebe Grüße vom Thomas :hello:

    Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.