Erstaunlich gut klingende Aufnahmen, die teilweise mehr als hundert Jahre alt sind

  • Vorab, nicht jede Aufnahme muss 100 Jahre oder älter sein -- dies ist nur eine Orientierung, um welche Epoche es hier geht, also nicht um Stereoaufnahmen etc. sondern um das sogenannte Schellack-Zeitalter. Nach der unlängst geführten Diskussion, ob man so alte Aufnahmen wie die Carusos, Giglis etc. überhaupt noch hören kann, möchte ich hier versuchen, einige Aufnahmen und Klangbeispiele zu sammeln, die v.a. im Bezug auf die Klangqualität doch so gut sind -egal ob im Original schon gut gelungen oder liebevoll remastered- , dass man vielleicht doch zumindest erahnen kann, warum diese Zeugnisse über Generationen Stimmenfans und Musikliebhaber verzaubert haben.


    Ich möchte mit dieser Aufnahme beginnen: Enrico Caruso, O sole mio, 1916. Hier kann man die Stimme Carusos, finde ich, erstaunlich plastisch und detailreich erleben. Das ist eine Aufnahme, in der für mich sehr viel Wärme und Gemüt mitschwingt. Man kann die robuste, breite Mittellage ebenso gut erkennen, wie die sich darüber entfaltende Höhe, die auch leicht baritonal wirkt, für mich aber durchaus Schmelz und Wärme besitzt. Wieviel Strahlkraft da durch die Limitierungen der Tontechnik verloren gegangen ist oder nicht, mag man mutmaßen - jedoch ist das, was da noch transportiert worden ist durch die Zeit, für mich genauso schön wie eine wunderbar erhaltene Amphore, die wohl die ein- oder andere Fissur oder Absplitterung aufweist, jedoch weitaus mehr ist als nur ein Scherbenhaufen.


    Diese Aufnahme jedenfalls kann ich mit Genuss hören und goutieren.


  • Um auch die Frauenstimmen zu ihrem Recht kommen zu lassen und nicht nur Tenöre: hier kann ich nur staunen, wie klar und plastisch Nellie Melbas Stimme abgebildet wird. Man erlebt sie hier nicht als Operndiva, sondern als Liedsängerin -- und diese schier überwältigende Schönheit, das, was man im Italienischen"dolcezza" nennt, ohne dass es süßlich-kitschig klingt, diese unprätentiös, unangestrengt schöne Stimme, die leuchtet und mit ihrer Strahlkraft alle Nebel der Historie mühelos zerschneidet, ist für mich ohne Gleichen. Eine Kostbarkeit ersten Ranges, und ich muss Alfred zustimmen, der sinngemäß geschrieben hat, dass die gesungene menschliche Stimme unersetzlich und einmalig ist - die Melba möchte ich auf keinen Fall missen, sie war und ist wirklich einzigartig und unverwechselbar.


    Nellie Melba, Claire de Lune, 1926


  • Ganz wunderbar, lieber Don! Ich bin ja - bei meinem "Fach" Klavier - auch ein ganz großer Liebhaber historischer Aufnahmen und verstehe diesbezügliche Reserven überhaupt nicht. Nicht nur, dass wir hier ein Zeitfenster haben, durch was wir blicken können, wir entdecken immer wieder, was unsere heutige neusachliche Ernüchterung doch so alles verloren hat.


    Bei mir ist der Nelli Melba-Link oben gesperrt, aber dieser hier funktioniert:



    Ist Dir Gabriella Besanzoni ein Begriff, mit der Artur Rubinstein eine Zeit lang eine heiße Affaire hatte und über die er schreibt, sie sei die mit Abstand beste "Carmen" gewesen, die er je erlebt hätte? :hello:


    Schöne Grüße
    Holger

  • Ich möchte hier einen kurzen Einschub starten:


    Vor allem müssen wir den berühmten Einschnitt zwischen AKUSTISCHER Aufnahme und sem SCHELLACK Zeitaler späterer Jahre machen, was einen eheblichen Qualitätsunterschei ausmacht, bezw ausmachte.


    Uesprüngleich rauschten BEIDE Verfahren äusserst stark, wobei die Akustischen Aufnahmen über einen wesentlich geringeren Frequenzumfang verfügten (1 Oktave weniger)


    Mit Einführung der Langspielplatte hatten die damaligen Tontechniker den Ehrgeiz das Rauschen wegzufiltern. Denn Rauschen galt um 1960 als ein NO GO !
    Irgendwie schint niemand aufgefallen zu sein, daß damals das gesamte Timbr der Stimmem zerstört wurde. Oder aber es ist aufgefallen, und man schrieb es dem alter der historischen Aufnahmen zu.


    Seit einigen Jahren leistet die moderne Computertechnik hervorragendes. Und Die von Dir als Beispiel eingestellte Caruso-Aufnahme verdankt ihren guten Ton (mit leichtem digitalen Beiklang) modernster Audio Computertechnik, hier wird nicht gefiltert sondern mittels komplexer Algorithmen restauriert.


    Alledings wird derzeit diese kostspielge Technik nur den Berühmtesten der Berühmten zuteil .......


    mit freundlichen Grpßen aus Wien
    Alfred

  • In der Tat klingen die Aufnahmen erstaunlich gut, meine Erwartungen waren niedriger - aber sie klingen nicht gut genug, daß ich sie mir als normale Aufnahmen (außerhalb des Kuriositätenkabinetts) anhören würde. Ich höre ja nicht mal den Bach-Altgott Richter, weil die Aufnahmen in der Regel zu verrauscht sind.

  • In der Tat klingen die Aufnahmen erstaunlich gut, meine Erwartungen waren niedriger - aber sie klingen nicht gut genug, daß ich sie mir als normale Aufnahmen (außerhalb des Kuriositätenkabinetts) anhören würde. Ich höre ja nicht mal den Bach-Altgott Richter, weil die Aufnahmen in der Regel zu verrauscht sind.


    8-)^^:jubel:

    Ihr absolviert diese Stelle wie ein Intercity auf einer schwer zu nehmenden Weiche (mein verstorbener Chordirigent Johannes Glauber aus Essen)

  • Endlich ein konstruktiver Thread zu diesem Thema - Danke, Don_Gaiferos! :jubel:

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"


    Inhalten aller Art in Beiträgen anderer in diesem Forum stimme ich hier ausdrücklich nur dann zu, wenn ich ihnen in Antwortbeiträgen ausdrücklich zustimme! ;)

  • In der Tat klingen die Aufnahmen erstaunlich gut, meine Erwartungen waren niedriger - aber sie klingen nicht gut genug, daß ich sie mir als normale Aufnahmen (außerhalb des Kuriositätenkabinetts) anhören würde. Ich höre ja nicht mal den Bach-Altgott Richter, weil die Aufnahmen in der Regel zu verrauscht sind.


    Was nützt mir die beste Aufnahmetechnik, wenn der künstlerische Gehalt nicht stimmt?

  • Zurück zum Thema: Hier ein Schmankerl, gesungen 1907 von dem französischen Bass Pol Plancon: Die Arie des Tambourmajors aus Ambroise Thomas´ "Le Caid"
    Bemerkenswerte Koloraturgeläufigkeit, und man merkt, welchen Spaß der Sänger selber hat:



    Viel Vergnügen!

  • Was nützt mir die beste Aufnahmetechnik, wenn der künstlerische Gehalt nicht stimmt?


    Wie Recht Du hast, liebe Mme. Cortese. Ich habe massenweise Einspielungen aus meinem Beständen entfernt, die lediglich gut geklungen haben - sonst nichts. Das ist mir zu wenig. Und dem Don möchte auch ich danken für den konstruktiven Ansatz seines Threads. :hello: Insofern haben auch grelle Thesen ihr Gutes. Sie bringen uns gelegentlich weiter. Deshalb sei dr. pingel auch bedankt.

  • In der Tat klingen die Aufnahmen erstaunlich gut, meine Erwartungen waren niedriger - aber sie klingen nicht gut genug, daß ich sie mir als normale Aufnahmen (außerhalb des Kuriositätenkabinetts) anhören würde.


    Das ist aber eine deutlich andere Aussage als die von Pingel im anderen Thread, selbst wenn man die Pennälerpolemik abzieht. Dort war nämlich die Aussage, dass der Klang unerträglich sei und unmöglich, sängerische Qualität zu beurteilen und als (wenn auch unausgesprochene) logische Folge davon, dass Experten wie Kesting oder Liebhaber solcher Sänger und ihrer Aufnahmen aus der Vergangenheit, im Grunde Dummschwätzer sind, eben weil eine Beurteilung oder gar ein sinnlicher Genuss der Gesangskunst anhand dieser Einspielungen unmöglich ist. Allerhöchstens könnte es eine Art wissenschaftlich-historisches Interesse wie beim Entziffern eines Papyrusfragments daran geben.
    Das ist alles schlicht und einfach falsch. Die Aufnahmen wurden damals und werden heute von ganz normalen Leuten gehört, weil sie von dem Gesang begeistert sind, nicht nur von "Experten".
    Der Punkt hier im Thread ist auch nicht die unstrittige Erkenntnis, dass eine Aufnahme von 2017 oder 1987 normalerweise besser klingt als eine von 1917 oder 1937, sondern dass die alten gut genug klingen, um sie mit Freude anhören und die (sofern man eben die technischen Kenntnisse besitzt) die hohe Kunstfertigkeit und emotionale Gestaltungskraft dieser Sänger beurteilen zu können.

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)


  • Das ist aber eine deutlich andere Aussage als die von Pingel im anderen Thread, selbst wenn man die Pennälerpolemik abzieht. Dort war nämlich die Aussage, dass der Klang unerträglich sei und unmöglich, sängerische Qualität zu beurteilen und als (wenn auch unausgesprochene) logische Folge davon, dass Experten wie Kesting oder Liebhaber solcher Sänger und ihrer Aufnahmen aus der Vergangenheit, im Grunde Dummschwätzer sind, eben weil eine Beurteilung oder gar ein sinnlicher Genuss der Gesangskunst anhand dieser Einspielungen unmöglich ist. Allerhächstens könnte es eine Art wissenschaftlich-historisches Interesse wie beim Entziffern eines Papyrusfragments daran geben.
    Das ist alles schlicht und einfach falsch. Die Aufnahmen wurden damals und werden heute von ganz normalen Leuten gehört, weil sie von dem Gesang begeistert sind, nicht nur von "Experten".
    Der Punkt hier im Thread ist auch nicht die unstrittige Erkenntnis, dass eine Aufnahme von 2017 oder 1987 normalerweise besser klingt als eine von 1917 oder 1937, sondern dass die alten gut genug klingen, um sie mit Freude anhören und die (sofern man eben die technischen Kenntnisse besitzt) die hohe Kunstfertigkeit und emotionale Gestaltungskraft dieser Sänger beurteilen zu können.


    :jubel: :jubel: :jubel:

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"


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  • Jacques URLUS als Rienzi in einer Aufnahme, die 1917 gemacht wurde.
    Also genau vor 100 Jahren!
    Urlus war damals 50 Jahre alt! Er sang zu der Zeit in New York Tristan, Tannhäuser, Siegmund und Siegfried! Aber auch Tamino und Lohengrin!


    Der Klang ist natürlich nicht optimal, aber an der herrlichen Gesangsleistung kann man sich dennoch erfreuen!
    Wer das nicht glaubt, mag die Stelle mal von René Kollo, Robert Dean Smith, Torsten Kerl, Stefan Vinke oder Andreas Schager anhören!


    https://www.youtube.com/watch?v=zJn218vkvJY


    Caruso41

  • Zu Beginn war ich auch häufig von historischen Aufnahmen abgeschreckt, die ich in meiner Jugend (die zwar noch anhält...) für wenig Geld häufig erstanden habe. Mittlerweile bleibe ich jedoch immer häufiger bei diesen hängen, erst vor kurzem habe ich zum ersten Mal Gobbi als Scarpia gehört... seitdem höre ich keine andere Aufnahme mehr. Aus historischem Interesse kommen jedoch auch öfters historische Orchesteraufnahmen in den Player. 1928 wurde Rimsky-Korsakovs Capriccio Espagnole unter der irischen Dirigentenlegende Hamilton Harty aufgenommen - ein youtube-Ausschnitt soll die fantastische Tonqualität der Zeit verdeutlichen. Nicht nur das Dirigat ist fantastisch und unglaublich mitreißend, auch der Orchesterklang ist bereits ziemlich gut eingefangen, auch das Schlagwerk, dass sonst doch häufig untergeht. Viel Vergnügen!


  • Ist Dir Gabriella Besanzoni ein Begriff, mit der Artur Rubinstein eine Zeit lang eine heiße Affaire hatte und über die er schreibt, sie sei die mit Abstand beste "Carmen" gewesen, die er je erlebt hätte?


    Lieber Holger,


    danke Dir für die Anregung, sie war mir kein Begriff! Allerdings schaffe ich hiermit diesem Missstand Abhilfe - und auch hier hört man in der Tat, trotz des Rauschens, eine Prachtstimme! Was für ein luxuriöses, dunkles, sinnliches Timbre! Das hört man selbst bei dieser 1920er Aufnahme schon durchschimmern:



    Noch eindrucksvoller diese unverschämt junge, brandneue Aufnahme :D , die aus dem Jahre 1931 stammt und in der Tat dieses begeisterte Verdikt deutlich belegt und verständlich macht; so eine volltönende Stimme, schwer und dunkel wie exquisiter Rotwein, satt und sonor, dennoch auch mit lichtdurchfluteten Höhen, und einer immensen Energie - das ist schon eine ungeheure Stimme, die hier durch die Nacht der Vergangenheit aufscheint und mich wirklich massiv beeindruckt. Ja, ich liebe auch rauschfreie moderne Aufnahmen, und Elina Garanca ist auch eine phantastische Carmen - aber kann, darf und will ich deswegen auf diese prachtvolle, schier überwältigende Carmen Gabriella Besanzoni verzichten? Undenkbar, unvorstellbar! Ein großartiger Schatz, diese Aufnahme.



    Ebenso toll "Près les ramparts de Séville", auch aus dem Jahre 1931:



    Den etwas kuriosen Akzent im Französischen sehe ich ihr gerne nach, bei dieser immensen Tiefe, diesem reichen, geschmeidigen Stimmklang, diesem sinnlichen-lockenden KLang, gepaart mit diesem spöttischen Lachen, mit einem Stolz und einer Grandezza, die ihresgleichen sucht. Brava!


    Danke nochmals Holger! Diese Entdeckung ist wirklich ein Kleinod! :jubel:

  • Auch auf Carusos verdienstvollen Hinweis möchte ich gerne eingehen - die Aufnahme, die Du gepostet hast und die tatsächlich hundert Jahre überbrückt zeigt deutlich die Charakteristika dieses ungewöhnlichen Tenors - ich finde frappierend, wie weich und lyrisch seine Stimme klingt, und wie er dennoch mit großer dramatischer Linie singen kann. Ein schönes Zeugnis, das auch recht gut von der Tontechnik (elektrisch aufgenommen) ist für ihr Alter ist diese hier aus dem Jahr 1927:


  • Noch eindrucksvoller diese unverschämt junge, brandneue Aufnahme :D , die aus dem Jahre 1931 stammt und in der Tat dieses begeisterte Verdikt deutlich belegt und verständlich macht; so eine volltönende Stimme, schwer und dunkel wie exquisiter Rotwein, satt und sonor, dennoch auch mit lichtdurchfluteten Höhen, und einer immensen Energie - das ist schon eine ungeheure Stimme, die hier durch die Nacht der Vergangenheit aufscheint und mich wirklich massiv beeindruckt. Ja, ich liebe auch rauschfreie moderne Aufnahmen, und Elina Garanca ist auch eine phantastische Carmen - aber kann, darf und will ich deswegen auf diese prachtvolle, schier überwältigende Carmen Gabriella Besanzoni verzichten? Undenkbar, unvorstellbar! Ein großartiger Schatz, diese Aufnahme.

    Lieber Don,


    das freut ich sehr! Sie hat eine große, volltönende Stimme (so wie Rubinsteins Klavierton: voll, saftig :D ) und was mich beeindruckt - warum sie auch die Idiomatik von Carmen so gut trifft - sie ist nie süßlich. Die Spanier haben ja diese gewisse Herbheit und auch Trockenheit (die "afrikanische Trockenheit" hob schon Nietzsche bei "Carmen" hervor - das war ja, als er zum Anti-Wagnerianer wurde, seine Lieblingsoper) und auch diesen Stolz. All das ist in der Stimme. Rubinstein schreibt, dass sie in Lateinamerika und in Europa unglaublich erfolgreich war - dagegen hat man sie an der MET ganz übel weggemobbt. Lustig die Anekdote, wodurch es zum Bruch dieser Liebschaft mit Rubinstein kam:



    Die Berganzoni sagte sich in Paris zum Essen an. Rubinstein hatte also ein Date. Und er wußte, das durfte er um keinen Preis der Welt absagen, denn sie war eine ziemlich exzentrische Person. Zu seinem Unglück ruft genau an diesem Tag sein Freund Igor Strawinsky an. Er müsse am selben Abend unbedingt zu ihm kommen, es ginge um Leben und Tod. Er wolle sich nämlich umbringen. Rubinstein war verzweifelt, denn seinen Freund Strawinsky konnte er auch nicht hängen lassen in so einer dramatischen Situation. Also schickte er mit dem unguten Gefühl, dass das total schief geht, seinen besten Freund zum Date mit der Berganzoni - und die war natürlich außer sich vor Wut. Was war mit Strawinsky los? Er hatte Potenzschwierigkeiten! Also sagte Rubinstein: "Ich gehe mit Dir ins Bordell, da wirst Du kuriert!" Das hat er auch gemacht, betonte allerdings, dass er selbst - alles andere als ein Kostverächter - die Angebote dort an diesem Abend nicht wahrgenommen habe. Strawinsky aber hat der Bordellbesuch wirklich geholfen - er war geheilt und bedankte sich bei Rubinstein, dass er ihm auf diese Weise aus dieser schweren Lebenskrise herausgeholfen habe. Die Berganzoni gratulierte ihm dann, als er schließlich seine Frau Nela heiratete, die ja so viel jünger war als er. :D


    Schöne Grüße
    Holger


  • Jacques Urlus
    Auch auf Carusos verdienstvollen Hinweis möchte ich gerne eingehen - die Aufnahme, die Du gepostet hast und die tatsächlich hundert Jahre überbrückt zeigt deutlich die Charakteristika dieses ungewöhnlichen Tenors - ich finde frappierend, wie weich und lyrisch seine Stimme klingt, und wie er dennoch mit großer dramatischer Linie singen kann. Ein schönes Zeugnis, das auch recht gut von der Tontechnik (elektrisch aufgenommen) ist für ihr Alter ist diese hier aus dem Jahr 1927:


    Lieber Don Gaiferos,


    schön dass Du noch eine Aufnahme von Jacques Urlus eingestellt hast!
    Als er diese Aufnahme gemacht hat, war er sechzig (60!!!!) Jahre alt und hatte zig Tristane, Tannhäuser, Siegmunds, Siegfriede aber auch Samsons, Raouls und Jean van Leydens gesungen. Einfach unglaublich.


    Sollte man diese Aufnahme nicht mal Jonas Kaufmann vorspielen?



    Beste Grüße
    Caruso41

  • Sollte man diese Aufnahme nicht mal Jonas Kaufmann vorspielen?


    Oh, ja!! :jubel: :jubel:

    "Menschen, die nichts im Leben empfunden haben, können nicht singen."
    Enrico Caruso


    "Non datemi consigli che so sbagliare da solo".
    ("Gebt mir keine Ratschläge, Fehler kann ich auch allein machen".)
    Giuseppe di Stefano

  • Oh, ja!! :jubel: :jubel:


    Trotz eures Bashing höre ich doch lieber Jonas Kaufmann! :baeh01::baeh01::baeh01::baeh01:


    LG Fiesco

    Il divino Claudio
    "Wer vermag die Tränen zurückzuhalten, wenn er den berechtigten Klagegesang der unglückseligen Arianna hört? Welche Freude empfindet er nicht beim Gesang seiner Madrigale und seiner Scherzi? Gelangt nicht zu einer wahren Andacht, wer seine geistlichen Kompositionen anhört? … Sagt nur, und glaubt es, Ihr Herren, dass sich Apollo und alle Musen vereinen, um Claudios vortreffliche Erfindungsgabe zu erhöhen." (Matteo Caberloti, 1643)

  • schön dass Du noch eine Aufnahme von Jacques Urlus eingestellt hast!


    ... kann ich leider nicht hören. Offenbar hat die GEZ (=Gebühreneinzugsmafia :D ) das deaktiviert. Schade! Denn als Laie würde ich gerne meinen Horizont erweitern in diesem Metier - und das ist die ideale Fürhung durch Euch Experten! :hello:


    Schöne Grüße
    Holger

  • Trotz eures Bashing höre ich doch lieber Jonas Kaufmann! :baeh01: :baeh01: :baeh01: :baeh01:

    Meine Frau mag seine Stimme auch nicht. Aber sie sieht in gerne.


    Herzlichst La Roche

    Musik ist eine heilige Kunst - Hugo von Hofmannsthal. Aussage des Komponisten aus der Oper "Ariadne auf Naxos" mit der Musik von Richard Strauss.


  • kleiner Einwurf: Neil Shicoff (zusammen mit einem Bass - in Wien) und Roberto Alagna haben vor Jahren das Experiment gewagt, akustische Aufnahmen zu machen, um zu sehen, wie das mit heutigen Sängern klingt. Von den Resultaten hab ich nie etwas gehört.............................. Hat jemand mehr Info dazu?

  • Zitat

    kleiner Einwurf: Neil Shicoff (zusammen mit einem Bass - in Wien) und Roberto Alagna haben vor Jahren das Experiment gewagt, akustische Aufnahmen zu machen, um zu sehen, wie das mit heutigen Sängern klingt. Von den Resultaten hab ich nie etwas gehört.............................. Hat jemand mehr Info dazu?


    Damit kann ich nicht dienen, wohl aber mit 2 Beispielen aus einem anderen Musikbereich. Das was wir aber wissen wollen, wie die Verfärbungen der Stimme jeweil sind, das erfahren wir hier recht gut. Die Aufnahmen entstanden 2009 in den Edison Labaratories - Authentischer gehts nicht mehr !
    Man beachte wie der Tontechniker in der Museumsuniform (soweit ich feststellen konnte der Kurator) die wichtige Funktion des "Span-Wegblasens übernimmt - dies is inder Tat überlebenswichtig für die Aufnahme. Kommte nur ein winziger Partike vor den Schneidstickel ist die Aufnahme verdorben im Sinne von unbrauchbar.


    Wie sehen in Beispiel 1 daß das Timbre - unter Nachsicht aller Taxen - in den Grundzügen eigentlich erhalten bleibt, und das , obwohl die Aufnahme im Freien gemacht wurde. Dies geschah vermutlich, damit ein entsprechendes Publikum anwesend sein konnte


    In Beispiel 2 ist die heutige Aufnahmetechnik derart schlecht, daß sie von der in historischer Technik ausgeführtern Aufnahme nur geringfügig unterboten wird.
    Beispiel


    CJXDtrq4McY
    ST5GnI-XiMI
    In Beisipiel 3 hören wir eine akustische Aufnahme aus dem Jahre 1910, wiedergegeben auf einem Edison Phonographen der Serie OPERA mit BLUE AMBEROL Walzen.
    Sofort springt der hohe Aufnahmepegel und die Klarheit des Tins ins Ohr. Der EDISON OPERA PHONOGRAPH war zuzusagen das High End der Phonographentechnik: Die Walzen war nicht aus Wachs, sondern aus einem blauen - fast unzerstörbaren - Kunststoff namens Amberol. Man garantierte 2500 !! Abspielvorgänge und unzerbrechlichkeit. Darüber hinaus handelte es sich um eine eignes Format, da NUR auf den Opera Geraöten abgespielt werden konnte, der Umfang der Walzen war wesentlich größer als jener der Standardgeräte. Der unerschwingliche Preis dieser Walzen machte ihnen bald den Garaus....
    NOSRI-ULyIE


    im letzten Beispiel DER HAMMER


    Es wir die EINZIGE Wachswalzer gezeigt, die in EXORBITANTER QUALITÄT spielt auch nach HEUTIGEN MASSSTÄBEN !!
    Es ist eine EINZIGARTIGE GELEGENHEIT dieses UNIKAT zu SEHEN und zu HÖREN
    EINZIGARTIG in der Welt !!!!
    pnsizkVjGm8


    Viel Vergnügen

  • Lieber Alfred,


    vielen Dank für Deine interessanten Ausführungen, ich habe auch schon mit großem Interesse gelesen, dass man heute mit modernster Technik nicht nur die alten Aufnahmen filtert, sondern vermittels Algorhythmen aufwendig rekonstruiert - das klingt wirklich spannend. Und gerade bei dem letzten Clip musste ich laut lachen! :D
    Weiterführen möchte ich diesen THread mit einer besonders eindrucksvollen Aufnahme von Miguel Fleta - auch wenn er mir hier "Princesita" sehr langsam nimmt, ist doch die Stimme stupend eingefangen - sie klangt nah, klar und für diese Zeit unglaublich detailreich und transparent, kaum störende Nebengeräusche - und das 1928!
    Hier kann man auch gut nachvollziehen, warum er so ein gefeierter Sänger war - die Schönheit seines Timbres, die Subtilität seiner Gesangskunst, der differenzierte Ausdruck, die fein dosierte Dynamik, egal ob diminuendo oder forte, alles ganz famos und wunderschön gesungen...selbst im Piano noch klangschön und präsent, ein tolles Tondokument, wie ich finde.


  • Auch diese Aufnahme von Mary Garden aus dem Jahre 1927 ist erstaunlich plastisch und detailreich-ich hätte sie mindestens 20 Jahre später geschätzt. Hier begegnet man einer der großen Sängerinnen aus dem Vereinigten Königreich - die gebürtige Schottin galt als "Sarah Bernhardt" der Oper und machte u.a. in Amerika eine große Karriere. Sie lebte von 1874-1967. Großen Erfolg hatte sie unter anderem mit Charpentiers Louise, sie war eine der ersten Sängerinnen dieser Partie - mehr Details finden sich bei wikipedia


    https://de.wikipedia.org/wiki/Mary_Garden

  • ich habe auch schon mit großem Interesse gelesen, dass man heute mit modernster Technik nicht nur die alten Aufnahmen filtert, sondern vermittels Algorhythmen aufwendig rekonstruiert - das klingt wirklich spannend.


    Lieber Don, selbst schwöre ich ja auf die Arbeit des Berliner Klangrestaurators Christian Zwarg, der auch einen eigenen Onlineshop unterhält:


    TRUESOUND TRANSFERS


    Sein Vorteil ist, er versteht sehr viel von Gesang und geht seine Bearbeitungen vom Wissen um die menschliche Stimme an. Er ist zugleich ein sehr gut vernetzter Schelllackplattensammler und unterhält weltweite Kontakte und Verbindungen. Auf seinen Tisch gelangen nur die am besten erhaltenen Quellen. Wichtig ist ihm, dass diese auch mit den originalen Nadeln und Geräten übertragen werden etc. Ein Beispiel will ich einfügen:



    https://www.youtube.com/watch?v=eXbFRq1pyqE



    https://www.youtube.com/watch?v=5Dp4hnKyYoM


    Nach meinen Beobachtungen gibt es bei den Arbeiten von Zwarg immer eine Grenze: Die Sänger müssen in ihren Individualität und Besonderheit erkennbar bleiben. Dabei vertraut er wohl seinen eigenen Ohren mehr als Algorhythmen.


    Bei Youtube findet sich noch mehr aus seiner Werkstatt.