Kammermusik von Mendelssohn Bartholdy

  • Hallo, Kammermusikfreunde und Mendelssohn-Liebhaber!


    Zur Kammermusik Mendelssohn-Bartholdys kann ich selbst leider nicht viel sagen. Ich hoffe, hier einige Anregungen zu erhalten. Einige wenige Werke kenne ich, und die meist nur flüchtig. Das soll sich ändern.
    Natürlich, da gibt es das berühmte Streicheroktett, davon habe ich sogar zwei Aufnahmen. Dazu gibt es aber schon einen eigenen thread:


    Mendelssohn: Oktett op. 20


    Ich habe auch keinen Überblick, was Mendelssohn so alles kammermusikalisches komponiert hat. Wenn jemand eine Werkliste posten könnte, wäre das gut.
    Noch besser, wenn jemand ein Werk vorstellen möchte!


    Ich möchte beginnen mit den Cellosonaten:


    Es gibt zwei davon von Mendelssohn. Eines vorweg: Ich finde, dass sie musikalisch den Cellosonaten von Beethoven keinesfalls nachstehen, eher umgekehrt (op. 69 von Ludwig van ausgenommen). Um so bedauerlicher ist ihre relative Unbekanntheit.


    1838 entstand die Cellosonate Nr. 1 B-dur op. 45. Die Freude, die in diesem Werk steckt, soll u.a. von einer überstandenen schweren Masernerkrankung des Komponisten herrühren. Es ist kein ausgelassener Jubel, der zu hören ist, sondern eine innig-beglückende Freude. Ja, „Glück“ beschreibt am besten mein Empfinden beim Hören des ersten Satzes (allegro vivace) und des dritten (und letzten) Satzes (allegro assai). Dazwischen steht ein g-moll-Andante, dass an weniger glückliche Episoden erinnert…
    Alles in allem eine schöne Sonate!


    Das kann ich auch zur zweiten Cellosonate in D-dur op. 58 sagen, 1843 komponiert und viersätzig (allegro assai vivace – allegretto scherzando – adagio – molto allegro e vivace). Diese Sonate ist vehementer und extrovertierter als die erste, es gibt mehr musikalische Kontraste. Bezeichnend ist, dass die Sonate im virtuosen Sturmlauf endet, während op. 45 friedvoll verklingt.


    Derzeit gefällt mir die B-dur-Sonate mehr, aber das Adagio der D-dur-Sonate ist schon etwas ganz besonderes – so „romantisch“ kenne ich Mendelssohn sonst gar nicht.


    Und diese Aufnahme ist es, die ich besitze und beim Konzipieren des Beitrags endlich mal intensiv angehört habe:


    Viele Grüße,
    Pius.

  • Ich habe zwar auch die von Pius genannte CD mit den Cellosonaten, kann aber aus dem Stand nicht viel dazu sagen.
    Abgesehen vom Oktett (das ja fast schon zwischen Kammermusik und Streichorchester anzusiedeln ist), dürften die bekanntesten seiner Kammermusikwerke die beiden Klaviertrios sein, besonders das erste d-moll op.49 (Nr. 2 c-moll op. 66). Sehr schwungvolle, romantisch-leidenschaftliche Werke, die bei aller Eleganz nichts von der angeblichen "Glattheit" oder Oberflächlichkeit, die man diesem Komponisten mitunter nachsagt spüren lassen.
    Ich kann gern demnächst zu den Trios und den Streichquartetten etwas mehr schreiben. Es gibt 6 "richtige" Quartette:
    op.12 Es-Dur
    op.13 a-moll
    op.44,1-3 D-Dur, e-moll, Es-Dur
    op.80 f-moll
    und dann noch ein Jugendwerk Es-Dur und ein "Pastiche" 4 Stücke f. Streichquartett op.81 (so weit ich weiß posthum publiziert)


    Die beiden ersten Quartette sind höchst erstaunliche Werke eines knapp 20jährigen, der hier wie kaum ein anderer Komponist des 19. Jhds. die Herausforderung der (damals erst wenige Jahre alten) späten Beethoven-Quartette annimmt. Das führt zwar teils zu sehr deutlichen Anspielungen bzw. Anleihen, aber insgesamt ist die fast schon dreiste Art wie Mendelssohn hier Elemente des kühnen Beethovenschen Spätstils übernimmt, dabei selbstständig verarbeitet und erweitert, faszinierend.


    Wenn ich es schaffe schreibe ich am Wochenende etwas zu den einzelnen Stücken (wenigstens opp.12 &13)


    viele Grüße


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Moin,


    zu den Cellosonaten:


    Ich besitze die folgende Aufnahme und finde sie ganz hervorragend, exquisit . Mir gefallen die Cellosonaten durch die Bank besser als die von Beethoven.




    zu den Streichquartetten:


    Hier besitze ich die folgende Aufnahme, die mich aber nie richtig überzeugen konnte. Insofern habe ich sie lange nicht mehr gehört.



    Live habe ich einmal eins der Streichquartette, leider weiss ich nicht mehr welches, mit dem Emmerson Quartett vor ca. 16 Jahren gehört. Das fand ich sehr gut, danach habe ich mir leider die obige Aufnahme gekauft.

  • Eine sehr schöne Aufnahme der Cellosonaten ist diese:



    Die Cellistin Susan Tomes war 1972 die erste Frau, die am King`s College in Cambridge studieren durfte.
    Ihr Celloton ist weich, voll und rund.


    (Ich bitte um Verzeihung, wenn ich es immer noch nicht raus habe, wie man die Bilder im Thread sofort sichtbar macht. Veilleicht gibt mir ja noch jemand einen Tipp für Ahnungslose wie mich!)




    Bild von der Moderation sichtbar gemacht
    petemonova, Moderator

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  • Hallo!


    Schön, daß es ein paar Antworten gab!


    @Johannes:


    Zitat

    Wenn ich es schaffe schreibe ich am Wochenende etwas zu den einzelnen Stücken


    Das wäre toll!



    Ach ja,
    kann jemand etwas zu den Aufnahmen der Quartette mit dem Cherubini-Quartet sagen (3 CDs in der Nipper-Serie)?


    Viele Grüße,
    Pius.

  • Mendelssohn: Streichquartette


    Mendelssohns Quartette stehen nicht nur im Schatten der entsprechenden
    Werke von Beethoven, Mozart, Haydn und Schubert, sondern auch innerhalb der Kammermusik Mendelssohns scheinen manchmal nur das Oktett und das bekanntere der Klaviertrios (d-moll) wahrgenommen zu werden. Das ist jedoch nicht gerechtfertigt.

    Die beiden frühen Werke op.12 und op.13 lehnen sich zwar
    teils extrem eng an einige Sätze Beethovens an, aber das Vertrauen, dass
    der Teenager Mendelssohn in seine Fähigkeiten hatte, zeigt sich darin,
    dass die Werke auf Jahre hin die einzige Auseinandersetzung mit
    Beethovens anspruchsvollsten Quartetten waren, und eine durchaus
    originelle dazu.
    Charles Rosen schreibt: "Das Beeindruckenste an Mendelssohns Imitationen, die er noch als Teenager schrieb, war allerdings der außerordentliche Ehrgeiz und das Wesen des Erfolgs. Sein Modell war Beethoven, aber nicht der Beethoven der mittleren Periode, den die meisten anderen Komponisten so nützlich fanden: es wurde oft darauf hingewiesen, das Mendelssohns Vorbilder die
    exzentrischsten und phantasievollsten Werke aus Beethovens letzten Lebensjahren, die späten Sonaten und Quartette waren. Es könnte scheinen, dass solch ein Vorbild für einen sehr jungen Komponisten geradewegs ins Verderben führen würde, aber Mendelssohn bewältigte das Problem mit erstaunlicher Leichtigkeit. Die größte Überraschung liegt jedoch im Charakter der Imitationen. Weit davon entfernt Reproduktionen Beethovenscher Ideen aus zweiter Hand zu sein, sind sie
    individuell und persönlich, kurz typisch Mendelssohn."
    (The Romantic Generation, Harvard UP: cambridge, MA 1995, S. 570; meine Übersetzung. Auch mein Kommentar zum Finalsatz basiert auf Rosens Analyse (S. 574 ff.))


    Das Quartett a-moll op. 13 ist wohl trotz der höheren Nummer etwas früher entstanden (1827, nur wenige Monate nach Beethovens Tod)


    Der Kopfatz beginnt mit einer längeren langsamen Einleitung, die ebenso wie Überleitung zum allegro und dessen Hauptmotiv eng an Beethovens op. 132 angelehnt ist (das Hauptmotiv des Satzes entspricht fast wörtlich dem von Beethovens Werk). Mendelssohn verzichtet allerdings darauf,
    Tonfolgen aus der Einleitung "mottoähnlich" im Hauptsatz erklingen zu lassen; dennoch ist der Satz nicht nur motivisch, sondern auch stimmungsmäßig recht nah am Vorbild.

    Der zweite Satz kopiert (wohl zu seinem Vorteil) jedoch nicht den "Dankgesang", sondern lehnt sich im fugierten Mittelteil motivisch an die entsprechende Stelle im allegretto aus Beethovens op.95 an.
    Neu (gegenüber Beethovens Stück) ist, dass das fugato bei seiner Wiederkehr motivisch mit dem A-teil verflochten wird.
    Das folgende Intermezzo, das ohne Reminiszenzen an Beethoven auskommt, ist ein schlichter melancholisch-volkstümlicher Satz mit lebhafterem Mittelteil; die pizzicato-Begleitung erinnert etwas an "gotische" Balladen.

    Der wohl kühnste und erstaunlichste (auch längste) Satz ist das Finale:
    Wie bei Beethoven (op.132, dort Überleitung zwischen dem "alla marcia" und dem Finale) eröffnet ein dramatisches Rezitativ der 1. Geige den Satz. Aus dessen Motivik ist das Hauptthema des Finales abgeleitet, das Rezitativ ist also stärker an den Finalsatz gekoppelt und wirkt weniger als Überleitung. Im weiteren Verlauf wird zunächst das Rezitativ des Anfangs fugiert verarbeitet (Beginn der Durchführung), dann taucht die Fuge aus dem 2. Satz wieder auf, beide werden mit thematischem Material des Finales kombiniert und schließlich folgt in der Coda eine Metamorphose des Fugenthemas aus 2 in ein Rezitativ, das schließlich in eine Rückkehr der Einleitung des Kopfsatzes mündet, damit das Werk zyklisch zu einem ruhigen Abschluß bringt. Diese Tour de force wirkt jedoch keineswegs "gebastelt" oder gesucht, sondern hat durchaus natürlichen Fluß und Schwung.


    Insgesamt ein wirklich außergewöhnliches Stück eines 18jährigen, dabei in den Ecksätzen von leidenschaftlichem Schwung, wobei die Mittelsätze einen sehr schönen Kontrast bilden. Auf wie vielfältige Weisen die kompositorische Einheit gestiftet wird, habe ich oben angedeutet. Jeder der Streichquartette schätzt, besonders auch an der Musik des späten Beethoven interessiert ist, sollte Mendelssohns Quartett kennenlernen.


    Ich habe auch Zeitgründen nur eine meiner beiden Einspielungen gehört; die aus der Box mit allen Quartetten mit dem Talich-Quartett. Diese Sammlung ist aber insgesamt sehr empfehlenswert (und ist nocht bei jpc z.B. sehr preiswert, ca. 3 für 1, also 18-20 EUR/3CDs)



    Bei der Vorstellung weiterer Werke werde ich auch noch das Cherubini-Q. heranziehen.


    viele Grüße


    JR

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    (Bob Dylan)

  • Hallo, Johannes!


    Es ist nach Deiner ausführlichen Beschreibung wohl nur eine Frage der Zeit, bis ich Mendelssohns op. 13 kennenlerne...wirklich sehr interessant!


    Auf Deine Einschätzung der Aufnahme mit dem Cherubini-Quartett bin ich gespannt, ist schließlich eine recht kostengünstige Anschaffung.


    Irgendwann demnächst werde ich noch Mendelssohns Klaviertrio Nr. 1 hier vorstellen.


    Viele Grüße,
    Pius.

  • Mendelssohn Quartett Es-Dur op. 12


    Adagio. Allegro non tardante
    Canzonetta. Allegretto
    Andante espressivo
    Molto allegro e vivace


    Trotz der höheren Opuszahl ist dieses Quartett zwei Jahre später als das a-moll-Werk entstanden (1829).


    Diesmal beschränkt sich die Beethoven-Anspielung auf einen Anklang der langsamen Einleitung des ersten Satzes (Adagio. Allegro non tardante) an die des Es-Dur-Quartetts op.74 (die ich so nicht gehört hätte, vgl. Rosen a.a.O., S. 581 ff.). Der Hauptsatz selbst mag in seinem mühelosen Fluß und der teils polyphonen Textur auch ein wenig an op.74 und op. 127 erinnern, aber ingesamt klingt das Stück überhaupt nicht nach Beethoven. Der Kopfsatz ist von eher lyrisch-kantablem Charakter; wichtig ist ein zusätzliches prägnantes Thema (obgleich mit dem Hauptmotiv verwandt), das in der Durchführung und dann wieder in der Coda aufscheint (vielleicht inspiriert vom Hauptsatz der Eroica). Der Satz endet verhalten im piano.
    An Stelle des Scherzos steht eine kurze "Canzonetta", ein leicht melancholisches Stück, ähnlich im Charakter dem entsprechenden aus dem a-moll-Werk, mit einem bewegten Mittelteil in Dur. Bemerkenswert wie Mendelssohn es hier schafft, neben seinem Markenzeichen dem Oktett/Sommernachtstraum/Elfenscherzo eine weitere überzeugende Alternative zu einem traditionellen Menuett oder einem Scherzo a la Beethoven zu präsentieren.
    Das folgende Andante espressivo ist ebenfalls kurz, dominiert vom leidenschaftlichen Gesang der ersten Geige.
    Das Finale Molto allegro e vivace beginnt in c-moll, sehr schnell in einem tarantellaartigen 12/8-Takt, dessen Hauptthema sich als ein Verwandter des
    "3. Themas" aus dem Kopfsatz entpuppt. Und tatsächlich taucht dieses alsbald in der Durchführung des Satzes in seiner Originalversion auf, was diesen Zusammenhang verdeutlicht. Der Kreis schließt sich, wenn das Finale als bewegtester und passioniertester Satz des Werks nach einem letzten Ausbruch eingeleitet vom "3. Thema" zum Hauptthema des Kopfsatzes zurückkehrt und wie dieser ruhig schließt.


    Insgesamt ein Werk, in dem die Ambition des jungen Komponisten nicht ganz so übereifrig herausgestellt wird wie im a-moll-Quartett, das aber vielleicht gerade deshalb eher noch eigenständiger und geschlossener wirkt; zudem bildet es mit seinem weitgehend lyrischen, teils auch spielerischen Charakter einen willkommenen Gegensatz zum passionierten Schwesterwerk.


    Außer dem bereits oben genannten Quator Talich habe ich diesmal auch das Cherubini Quartett (dessen Aufnahmen anscheinend jetzt bei EMI wieder zu haben sind, ich habe bisher nur, hm, Versionen mit extrem neutraler Covergestaltung :D ) gehört:



    Die Cherubinis haben eine volleren wärmeren Klang, die Talichs klingen schlanker, aber nicht spitz. Auch scheinen die Cherubinis auf stärkere Kontraste zu setzen, sie sind ein einigen Sätzen (Canzonetta bzw. Intermezzo in op.13) deutlich langsamer. Während mir in einigen Stücken die Homogenität, der Fluß und die Leichtfüßigkeit der Talichs mehr zusagt, so hat das größere Gewicht, dass das Cherubini-Quartett den dramatischeren Sätzen verleiht, auch etwas für sich, in der Canzonetta z.B. sind sie mir allerdings zu schwerfällig. Beide kann ich jedoch guten Gewissens als sehr gute Einspielungen zum Kennenlernen dieser großartigen Werke empfehlen.


    viele Grüße


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
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    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Guten Abend!


    Was für ein schönes Thema! Mendelssohn gehört zu meinen absoluten Lieblingskomponisten, deshalb muß ich hier einfach was schreiben...


    Ich will heute was zu seinen drei Klavierquartetten schreiben, da diese ja anscheinend noch gar nicht richtig erwähnt werden, und sie zu meinen Lieblingswerken in der ganzen Klavierquartettliteratur gehören...


    Diese drei Werke belegen die op.1-3, was schon mal einiges aussagt: Mit diesen Werken stellt sich Mendelssohn sich nun offiziell dem Verlagswesen und der Öffentlichkeit vor. Diese Werke findet er nun also auch als reif genug.


    Das Erstlingswerk ist das Quartett c-moll op.1. Schon der Beginn ist bemerkenswert: Die Streicher starten alleine. Aus motivischen Keimzellen entwickelt sich ein dichtgearbeiteter, auch kontrapunktischer Satz, der schwungvoll und spielfreudig auftrumpft. Man hört förmlich die jugendliche Freude. Man bedenke diese drei Quartette entstanden im alter von ca. 12-15 Jahren...
    Der zweite Satz ist gleichfalls bemerkenswert, zeigt deutliche Ansätze zu Liedern ohne Worte, und das Scherzo, ein typisches Mendelssohn-Scherzo! Im Finale wird noch mal Satztechnik und Spielfreude verbunden.


    Das zweite Quartett f-moll ist nun dem Lehrer Carl Friedrich Zelter gewidmet und knüpft in der Form an das erste an, lediglich das Scherzo wird durch ein langsameres und besinnlicheres Intermezzo ausgetauscht.


    Das dritte Quartett h-moll ist für mich nun der Klimax. Auch satztechnisch ist eine Veränderung bei Mendelssohn vonstatten gegangen: Keine Wiederholung im ersten Satz, die Durchführung bringt neues (!) motivisches und thematisches Material, was dann in der Coda wiederaufgegriffen wird. Der zweite Satz sehr feingearbeitet, am Scherzo hatte Goethe großes Gefallen, und nicht nur er!
    Der letzte Satz nun: Tremoli, ausdenen sich neue Harmonien formen, das Klavier quasi eintaucht. Dann diese herrlichen Steigerungen und Verarbeitungen und Verflechtungen. Der absolute Gipfelpunkt in der Coda!! So schön! Da kann ich schon Tränen in den Augen bekommen.


    Übrigens als Mendelssohn mit Musikern dieses 3. Quartett durchspielte, da waren diese so gerührt, daß einer Mendelssohn ergriffen, spontan kameradschaftlich umarmen mußte, ich denke, auch mit Tränen in den Augen.


    Werke, die sich wirklich lohnen.


    Meine Lieblingsaufnahme ist die mit dem London Schubert Ensemble.


    Damit liebe Grüße von dem Mendelssohn-Freund
    Daniel :)

  • Sonate für Klarinette und Klavier Es-dur op. deest:


    Dieses Werk des fünfzehnjährigen Mendelssohn wurde vermutlich für Heinrich Bärmann, Freund von Carl-Maria von Weber und Vorzeigeklarinettist seiner Zeit, komponiert.
    Der erste Satz (adagio-allegro moderato) beginnt still und besinnlich, das folgende Allegro ist klangschön und heiter, allerdings nicht so ausgereift wie vieles später entstandene des jungen Komponisten.
    Der zweite Satz (andante) ist eine wahre "Ohrenweide", so wunderschön innig spielen hier Klavier und Klarinette miteinander (oder auch die Klarinette solo zu Beginn des Satzes).
    Der dritte Satz (allegro moderato) ist ein Wald- und Wiesenrondo.
    Insgesamt kein herausragendes, aber ein schön anzuhörendes Werk!

  • Klaviersextett D-dur op. 110:


    Es handelt sich um eine Komposition für Klavier, Violine, 2 Violas, Cello und Kontrabaß.
    Das viersätzige Werk ( allegro vivace - adagio - minuetto:agitato - allegro vivace ) ist mozart-haydnschen Vorbilden nachempfunden. Zumindest die ersten drei Sätze. Die hohe Opuszahl täuscht, die bekam das Sextett erst postum. Komponiert hat es Mendelssohn im Jahre 1824.
    Im Schlußsatz ("alla polacca") übt Mendelssohn das ausladende, sich immer weiter steigernde Finale, auf "zeitgemäße" Weise - und das recht ordentlich. Ich gerate beim Hören des Werkes ins Staunen, wie souverän der Fünfzehnjährige die Stilmittel beherrscht.
    Der erste Satz, immerhin 12-minütig, in Sonatenhauptsatzform, ist nicht so brilliant wie der Kopfsatz des Oktetts, dennoch besitzt das prägende Motiv "Ohrwurm"-Charakter.
    Dem schönen, schlichten zweiten Satz in Fis-dur (!) folgt ein kurzes Menuett. Das Werk endet rasant mit einer Allegro-con-Fuoco-Stretta des Finalthemas.


    Viele Grüße,
    Pius.

  • Klaviertrio Nr. 1 d-moll op. 49:



    Da im booklet dieser CD leider nichts über das Werk drinsteht :motz: , habe ich mir im Internet etwas zusammengesucht:


    Von kammerkunst.de:


    Zitat

    Eines der berühmtesten romantischen Klaviertrios ist das d-moll-Trio von Felix Mendessohn-Bartholdy. Dieses emotionale Feuerwerk, komponiert 1839, an Ideenreichtum, herrlichen Melodien und virtuoser Leidenschaft kaum zu überbieten, hat der Komponist selbst zur Uraufführung gebracht. Mendelssohn war ein äußerst vielseitiger Musiker, der neben dem Komponieren auch dirigiert und ausgezeichnet Klavier gespielt hat. Auch ist er dafür verantwortlich, dass die großen Werke von Johann Sebastian Bach, die zu Mendelsohns Zeiten in Vergessenheit geraten waren, wieder den Weg in die Öffentlichkeit fanden.


    Allein das Hauptthema des l. Satzes umfaßt 39 Takte; es wird von einem lyrischen Thema des Violoncellos ergänzt. Trotz der weitgespannten Linie bleibt die Form klar und überschaubar. Das Violoncello intoniert auch das Seitenthema, das echten Dualismus der Sonatensatzform gewährleisten soll; indes tritt das mildere 2. Thema in der Durchführung hinter dem 1. zurück. In der Reprise wird von der Violine ein zusätzlicher Kontrapunkt zum Hauptthema eingeführt, das seine Vorherrschaft schließlich auch noch in der Coda behauptet. Wiederum als "Lied ohne Worte" erweist sich das folgende Andante, in dem das Klavier eine 8taktige Episode eröffnet, die von der Violine aufgegriffen und vom Violoncello kommentiert wird. Das Klavier unterstützt und umspielt den Gesang, der als Wechselspiel mit den anderen Instrumenten weitergeführt wird. Das Scherzo ist wieder am Prototyp Mendelssohnscher klanglicher Leichtigkeit und tänzerischen Spiels orientiert. Damit ist eine Brücke zum Finale gegeben, das im Pianissimo beginnt und sich rhythmisch steigert. Ein Seitenthema, von beiden Streichern vorgetragen, kann sich nicht recht behaupten: Die beherrschende Rhythmik trägt den Sieg davon.


    Von musiktext.de:


    Zitat

    "Mendelssohn ist der Mozart des neunzehnten Jahrhunderts, der hellste Musiker, der die Widersprüche der Zeit am klarsten durchschaut und zuerst versöhnt", schrieb Robert Schumann, nachdem er das erste Klaviertrio in d-moll von Felix Mendelssohn Bartholdy kennengelernt und zum "Meistertrio der Gegenwart" ernannt hatte. An Widersprüchen war die Zeit reich: Der 1827 verstorbene Beethoven hatte mit seinem Spätwerk die Tür zu einer neuen musikalischen Epoche aufgestoßen, einer vergangenen war man sich durch die wesentlich von Mendelssohn vorangetriebene Wiederentdeckung der Musik Bachs eben erst bewusst geworden. Das rasant anwachsende bürgerliche Musikleben schuf neue Rahmenbedingungen für die musikalische Produktion und führte gleichzeitig zu der fragwürdigen, aber bis heute gebräuchlichen Unterscheidung in E- und U-Musik. Dass schließlich besonders in Deutschland eine von verschiedenen Seiten geforderte Anbindung der Musik an die Literatur ihren Niederschlag ausgerechnet in der Instrumentalmusik fand, ist ein Widerspruch, mit dem sich sowohl Mendelssohn als auch Schumann nachhaltig auseinandersetzten.
    Und das "Meistertrio", das laut Schumann die Gegensätzee der Zeit vereint haben soll? Mendelssohn komponierte es im Juli 1839, unterzog es zwei Monate später aber einer gründlichen Überarbeitung.


    Zitat

    Ungetrübten und schrankenlosen Genuß bietet das in leidenschaflichem Schwung und schwelgerischem Ton komponierte Trio von Felix Mendelssohn Bartholdy, geschrieben in der Zeit zwischen Februar 1839 und 23. September desselben Jahres. Seine Uraufführung erlebte es in Leipzig am 1. Februar 1840 mit Mendelssohn am Klavier, dem Geiger und Freund Ferdinand David und dem Cellisten Wiltman. Dem Klavier kommt hier die Hauptstimme zu, der Pianist wird sich voll ausleben, während die Streicher ihre Melodien mit edelstem Ton erfüllen können. Das Werk strahlt eine in sich ruhende, positive Grundhaltung aus, die Mendelssohns Mentalität widerzuspiegeln scheint.


    Mir hat das Klaviertrio sehr gut gefallen, ist neben dem Oktett und der Reformations-Symphonie derzeit mein Lieblingswerk von Mendelssohn-Bartholdy.
    Bei Klaviertrios hatte ich mich lange nur auf Beethoven und Schubert beschränkt, später kam Brahms dazu.
    Aber ich merke, in dieser Gattung warten noch viele schöne Werke auf mich.


    Viele Grüße,
    Pius.

  • Trios für Klarinette, Bassetthorn und Klavier Nr. 1 f-moll op. 113 und Nr. 2 d-moll op. 114:


    Auf einer Konzertreise nach Rußland machten der berühmte Klarinettist Heinrich Bärmann und sein Bassetthorn spielender Sohn Carl in Berlin Station und erbaten sich von Mendelssohn ein Bravourstück für ihre Tournee. Dieses war auf Anhieb so erfolgreich, daß Mendelssohn für die beiden noch ein zweites komponierte.
    Es handelt sich um kurze, dreisätzige (jeder Satz etwa drei Minuten Länge) Werke, die sicher dankbare Stücke für die Bläsersolisten sind. Bedeutungsvolle Musik ist es aber nicht.
    Mendelssohn schrieb über op. 113 folgende Widmung:
    Die Schlacht bei Prag, grosses Duett für Dampfnudel und Rahmstrudel, oder Clarinett und Bassethr., componirt und demüthigst dedicirt an Bärmann senior und Bärmann junior von ihrem ganz ergebenen Felix Mendelssohn Bartholdy"

  • Wer kennt die Aufnahme von sämtltichen Werken Mendelssohns für Cello und Klavier mit Isserlis am Cello und Tan am Klavier. Wie gefällt euch die? Welche Besonderheiten gibt es bei der Interpretation.


    Ich kenne nur diese Aufnahme und habe die Cellosonaten erstmals gehört. Sie gefallen mir, sind mir aber insgesamt zu ruhig.

  • An J.R.s Beitrag u dem Streichquartett op. 12 möchte ich meinen anlehnen:


    1. Satz:
    Für mein Empfinden nimmt die herrliche Adagio-Einleitung bereits gemeinsam mit dem 3. Satz den wirklich wunderschönen, traurigen Adagio-Satz seines Streichquartettes op. 80, das er 8 Jahre später komponierte, vorweg. Das folgende Hauptthema ist schön, das Nebenthema eher langweilig, wenngleich gut verarbeitet; beide stehen in einem angenehmen Kontrast zueinander.


    2. Satz
    Die Achillesferse des Quartetts: Die Canzonietta ist für mich ein Scherzo - wie ich es überhaupt nicht mag. Wenn ich das Quartett höre, zappe ich immer über diesen Satz hinweg.


    3.Satz


    Zitat

    Das folgende Andante espressivo ist ebenfalls kurz, dominiert vom leidenschaftlichen Gesang der ersten Geige


    Das sehe ich auch so wie J.R., das ist wahrlich Leidenschaft. Wie oben gesagt, weist dieses für mich Thema eine ähnliche Schönheit und herzergreifende Melancholie wie op. 80 auf.


    4. Satz
    Ganz plötzlich beginnt der 4. Satz im erschreckenden Forte (besser vorher auf "replay" drücken oder ausmachen :)). Der letzte Satz ist ein typischer, gut gemachter Schlusssatz, der eilig dem Ende hinzustrebt. Er ist er dem ersten und dritten Satz gefühlsmäßig sehr verbunden.


    Insgesamt ein sehr "reifes" Werk, das immer "Hand und Fuß" hat.


    Zitat

    Insgesamt ein Werk, in dem die Ambition des jungen Komponisten nicht ganz so übereifrig herausgestellt wird wie im a-moll-Quartett, das aber vielleicht gerade deshalb eher noch eigenständiger und geschlossener wirkt; zudem bildet es mit seinem weitgehend lyrischen, teils auch spielerischen Charakter einen willkommenen Gegensatz zum passionierten Schwesterwerk.


    Dem schließe ich mich an. Es ist in der Tat spielerisch, aber dennoch in seiner Grundfärbung ernsthaft und nicht verspielt.


    Gruß,


    Uwe

  • Ich habe heute Mendelssohns Klaviertrio in D_Dur mit dem Beaux Arts Trio gehört.


    Das ist auf einer Cd, die ich mir wegen Dvorak Dumky-Trio ausgeliehen hatte. Dieses Werk von Dvorak gefällt mir aber insgesamt überhaupt nicht; auch wenn mich einzelne Passagen ansprechen.
    Es ist mir zu sentimental, wirklich heitere mitreißende Teile fehlen mir.
    Und es ist mir zu "zerrissen", ich höre nicht recht, wie sich die einzelnen Teile zu einem Gesamtwerk zusammen fügen.


    Mendelssohn Klaviertrio, das hier ja bereits ausführlich beschrieben ist, dagegen hat mich sehr angesprochen. Vor allem der 2. liyrische Satz, sehr melodiös, wenn auch etwas traurig. Und genauso der 3. Satz, temperamentvoll, heiter, nur leider sehr kurz.
    Lediglich der 4. Satz ist nicht ganz nach meinem Geschmack. Ich finde, dass sich das betont Rhythmische ziemlich wiederholt. Dadurch wird das Ganze für mich leicht langweilig, eintönig. Aber vielleicht wird das bei einem 2. Hören anders.


    Von Mendelssohn will ich jetzt auch anderes erstmals oder erneut hören. Bisher habe ich diesen Komponisten nur so "nebenbei" wahr genommen; das gilt auch für die ja so bekannte Musik zum Sommernachtstraum.

  • Zitat

    Original von Anna-Beate
    Von Mendelssohn will ich jetzt auch anderes erstmals oder erneut hören. Bisher habe ich diesen Komponisten nur so "nebenbei" wahr genommen; das gilt auch für die ja so bekannte Musik zum Sommernachtstraum.


    Liebe Anna-Beate,


    eine Entdeckungsreise in Sachen Mendelssohn lohnt sich sehr ! Spontan fallen mir da die geistliche Chormusik (Oratorien, Motetten etc.), die Klavierkonzerte, die "Lieder ohne Worte", die Streichquartette ein. Zu den meisten dieser Stücke gibt es im Forum ja auch einschlägige Threads.


    Herzliche Grüße,:hello: :hello:


    Christian

  • Zitat

    Original von Anna-Beate
    Ich habe heute Mendelssohns Klaviertrio in D_Dur mit dem Beaux Arts Trio gehört.


    d-moll; es gibt ein weiteres, etwas weniger bekanntes, aber auch sehr schönes in c-moll.


    Zitat


    Von Mendelssohn will ich jetzt auch anderes erstmals oder erneut hören. Bisher habe ich diesen Komponisten nur so "nebenbei" wahr genommen; das gilt auch für die ja so bekannte Musik zum Sommernachtstraum.


    Oktett
    Violinkonzert
    Sinfonien 3-5
    Klavierkonzerte (zumindest das Erste)
    andere Ouverturen (Hebriden, Melusine usw.)


    und die schon genannten Streichquartette, zu denen ein teils recht ausführlicher thread besteht.


    viele Grüße


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Ich habe jetzt von Mendelssohn wieder die 1. Cellosonate mit Isserlis am Cello und Tan am Klavier gehört.
    Sie kam mir heute sehr wehmütiig, melancholisch vor, ohne Schwung und Pep. Mit Ausnahme von wenigen Stellen im 1. Satz. Vielleicht liegt das auch an der Interpetation.


    Ich hätte heute etwas Aufmunterndes gut gebrauchen können. Diese Musik war heute nicht das Richtige für mich. Die 2. Sonate, die ich bald hören will, soll ja lebhafter und fröhlicher sein.


    Auch das Lied ohne Worte für Cello und Klavier, dass ich nach der Sonate gehört habe, wirkte sehr verhalten, ruhig, sentimental auf mich. Auch wenn es sehr melodisch, eben liedhaft ist. Und durchaus schön anzuhören.

  • Hallo,


    wie auch das Schwesternwerk op. 12 ist es auch das op. 13 allemal wert, gehört und kommentiert zu werden. Zu den bisherigen Aussagen möchte ich aus meiner Sicht ergänzen:


    J.R. sprach bereits ausführlich von der Analogie der beiden Quartette zu Beethovens letzten Streichquartetten und begründete dies. Für mich besteht eine weitere Verbindung zwischen den beiden Komponisten: die Ernsthaftigkeit der Sprache. Es gibt nicht viele Komponisten, die ich dafür bewundere; im Alter von Mendelssohn zur Zeit dieser Komposition bis auf Arriaga keinen. Es ist für mich unfassbar, mit welcher Sicherheit und mit welchem Ernst Mendelssohn mit 17 oder 18 Jahren solch großartige Werke, auf das Wesentliche reduziert und dennoch voller Lebendigkeit, erschafft. Wenngleich mir nicht alles in seinen Werken gefällt, erkenne ich dieses jedoch und bewundere es.


    Die Einleitung des Kopfsatzes finde ich sehr romantisch und schön. Der junge Mendelssohn hatte wirklich ein gutes Gespür für die romantische Wirkung seiner Adagio-Sätze und -Passagen. Sie gleiten nie in den Kitsch, haben aber viel Schmelz (im Sinne von dahinschmelzen). Beim Allegro vivace erscheint alles wichtig und wesentlich; es erscheint sehr reif.


    An die Einleitung erinnernd bringt mich die Einleitung bzw. Einrahmung des zweiten Satzes, des Adagios, wieder in romantische Sphären. Trotz Adagio-Charakters ist der Hauptteil des zweiten Satzes voller Bewegung und Konstanz.


    Die Melodien in Verbindung mit den Rhytmen des Intermezzos mag ich, ich gestehe es, nicht. Ich verbinde dies, ohne es zu wollen, mit dem Begriff der Banalität; aber das ist natürlich lediglich mein persönlicher Geschmack des Empfindens. Dennoch: Dies ist ausdrucksmäßig, wie auch die anderen, ein reifer Satz ohne erzwungene Passagen.


    Zum wirklich großen Schlussatz schließe ich mich im vollen Umfang der Beschreibung von J.R. an.


    Mein Fazit für die beiden Streichquartette op. 12 und op. 13, : Die Musiksprache wirkt, im Gegensatz zu fast allen Streichquartetten in dieser Zeit und auch mehreren Jahrzehnten danach, wie gekonnt - und nicht wie gewollt. An Beethoven kommt er natürlich nicht heran, aber was wäre, wenn Mendelssohn noch ein paar Jahrzehnte älter geworden wäre? Diese Gedanken drängen sich bei mir besonders beim Studium dieser beiden Quartette auf.


    Uwe

  • Hallo!


    Zitat

    Im eigenen Todesjahr sublimierte Mendelssohn seine Empfindungen nach dem Tod seiner Schwester Fanny, indem er mit diesem Streichquartett ein Requiem zu ihrem Gedenken schuf.
    Autobiographische Bezüge voller Trauer und Düsternis werden hier auf das quasi programmatische Klanggeschehen projiziert.
    (Reclam Kammermusikführer)


    Ich war doch beim ersten Hören sehr überrascht. So ein hochemotionales Werk, einen solchen Furor hatte ich bis dahin von Mendelssohn nicht gekannt.
    Dieses Quartett erinnert mich sehr an Bethovens ebenfalls kurzes, aber sehr intensives f-moll-Quartett.
    Im Angesicht des Todes lernt man hier einen ganz anderen Mendelssohn kennen.


    Viele Grüße,
    Pius.

  • Hallo,


    Zitat

    So ein hochemotionales Werk, einen solchen Furor hatte ich bis dahin von Mendelssohn nicht gekannt.


    Ja, hochemotional ist dieses Werk, mein Lieblingswerk Mendelssohns, auf jeden Fall. So extrem ist dies bei seinen Werken vorher nicht dagewesen. Aber dennoch: Mendelssohn hat seine Gefühle auch in einigen anderen Werken nicht versteckt oder verstecken können; eswar wohl seine Natur. Das konnte er sich aber auch leisten, da er stets streng die Form wahrte.


    Und genau dies ist für mich, eben wegen der hochgradigen Emotionalität in seinem letzten Quartett, die Stärke dieses Werkes. Das Werk schwelgt nicht ziellos in seiner Emotionalität, sondern wird stets gehalten von einem starken formellen Gerüst. Und ich meine, dass gerade diese Selbstdisziplin besonders betroffen macht.


    Selbstverständlich bin ich geneigt, wegen meiner Kenntnisse der Biographie Mendelssohns also des Todes seiner Schwester wie auch möglicherweise der eigenen Vorahnung seines Todes, die Gefühle des Werkes daraufhin zu beurteilen und Traurigkeit sowie Verzweiflung herauszuhören.


    Der erste Satz beginnt mit einem hetzenden Tremolo, das noch mehrmals wiederkehrt. Geschwind und unruhig huscht der Satz, immer wieder unterbrochen von ruhigen und melancholischen Melodien, vorüber. Die Unruhe wird, wie auch in den folgenden Sätzen, u.a. durch Betonung der Begleitstimmen auf 2 und 4 erreicht. Dies wirkt, als solle damit die regelmäßige Pumpfrequenz des Herzens durcheinandergebracht werden.


    Der zweite Satz führt das Werk im Allegro assai weiter; auch hier kommen Traurigkeit und vielleicht Anflüge von Hoffnungslosigkeit, die aber schnell besiegt wird, zum Ausdruck.


    Es folgt der wunderschöne - oder besser wunderschön traurige dritte Satz im Adagio. Die Melodien sind sehr ergreifend. Aber: es ist eine Traurigkeit ohne Resignation. Äußerlich ist die Ruhelosigkeit der beiden ersten Sätze verschwunden, aber innerlich ist sie m.E. noch sehr zu spüren.


    Der Schlussatz treibt wieder unruhig nach vorne. Gefühlsmäßig bildet er mit den anderen Sätzen eine verblüffende Einheit (was in der Sekundärliteratut häufig anders empfunden wird). Ich kann nicht umhin, der solierenden Violine am Schluss des Satzes einen fundamentalen Kampf zuzuschreiben. Das ist Emotionalität pur.


    Viele unterschiedliche Gefühle, nach meinem Empfinden fundamentalen Charakters, werden zusammengefasst und füllen das Werk - nach dem Hören verbleibt bei mir stets Ergriffenheit, wie ich sie in der Musik nicht häufig erlebe.


    Uwe

  • Ich habe mir heute das Streichquartett Nr. 12 mit dem Henschel-Quartett angehört.


    Es ist ja hier bereits ausführlich beschrieben.


    Gefallen hat mir vor allem die lebhaftere Canzonetta (2. Satz). Auch die melodischen Teile des 1. Satzes sowie der langsame getragene 3. Satz haben mich angesprochen.
    Nicht zugesagt hat mir der Schlußsatz, den ich als unruhig empfunden habe. Dabei aber nicht so richtig lebhaft, fröhlich.


    Es war insgesamt gute Unterhaltung, aber nichts, was mich wirklich bewegt hat. Es fehlen mir ausdrucksstarke lebhafte freudige Passagen und richtige traurige Teile.


    Bisher kann ich mit allen Werken von Mendelssohn nicht so richtig warm werden. Er wird wohl nicht zu den Komponisten gehören, zu denen ich mir etwas kaufe.

  • @ Anna-Beate


    Felix Mendelssohn hat meines Wissens nicht mehr als 6 Streichquartette geschrieben. Du meinst vielleicht das Quartett op. 12 (also das erste nummerierte bzw. zeitlich zweite Quartett?).


    Ich merke schon: Mendelssohn ist nicht Deine Sache; aber es ist schön, dass Du es mit Begründung kundgetan hast.


    Aber mich würde interessieren, ob Du auch das op. 80 nicht ausdrucksstark, genauer: traurig findest. Falls Dir die Musik irgendwann einmal über das Ohr läuft, kannst Du dies ja gerne mitteilen.


    Gruß,


    Uwe

  • Mendelssohn komponierte auch zwei Streichquintette:


    Op. 18 in A-Dur wurde von Mendelssohn ursprünglich in viersätziger Gestalt1826 abgeschlossen. Als der Widmungsträger der Komposition, der Violinist Eduard Rietz 1832 starb, änderte Mendelssohn nicht nur die ursprüngliche Reihenfolge der Sätze sondern ersetzte das Menuett in fis-moll durch ein Intermezzo, ein Andante Sostenuto in F-Dur.


    Die Entstehungsgeschichte des zweiten Streichquintetts in B-Dur, op. 87 ist dagegen vergleichsweise unkompliziert: Mendelssohn komponierte das Quinett im Sommer 1845.


    Orientierte sich Mendelssohn bei seinen Streichquartetten an Beethoven, fällt es schwerer für die beiden Streichquintette Vorbilder auszumachen. Mendelssohn komponierte seine Quintette für zwei Violinen, zwei Bratschen und Cello.


    Das Streichquartett L´Archibundelli spielte die beiden Streichquintette gemeinsam mit dem Cellisten Anner Bylsma auf Instrumenten mit Darmseiten.



    Herzliche Grüße,:hello: :hello:


    Christian

  • Hallo,


    was sind eure Lieblingskammermusikwerke von Mendelssohn? Die Auswahl ist groß, doch viele Werke - u. a. einige, die er sehr früh in seiner Jugend komponiert hat - muss man nicht unbedingt haben. Was ist Must Have?


    Zu nennen wären hier zum einen die Klavierquartette. Das erste, dem Opus (Op. 1) nach zu urteilen ein sehr frühes Werk, ist bereits sehr schön anzuhören, doch der Highlight ist wohl das dritte in h-Moll, welches zu meinen Lieblingswerken in dieser Gattung gehört. Es besitzt fantastische Ecksätze, alle sehr kurzweilig, virtuos und melodiös. Ich besitze eine Aufnahme mit dem Domus Quartett, sehr zu empfehlen.
    Auch die Streichquartette gehören zu den besten im Repertoire. Zumindest die späteren sollte man alle besitzen. Beeindruckend sind vor allem Op. 44 und Op. 80 (in f-moll, Mendelssohn von der tragischen Seite).
    Auch nicht entgehen lassen sollte man sich das Streichquintett Op. 86 in B-Dur.
    Ansonsten kann ich noch die Klaviertrios empfehlen, auch sehr schöne, fetzige und virtuose Werke.


    So, jetzt seid ihr dran! Zum Oktett gibt es ja bereits einen Thread, aber es gibt ja sooo viel mehr! Was ist mit den Cello- und Violinsonaten?

    "Das Große an der Musik von Richard Strauss ist, daß sie ein Argument darstellt und untermauert, das über alle Dogmen der Kunst - alle Fragen von Stil und Geschmack und Idiom -, über alle nichtigen, unfruchtbaren Voreingenommenheiten des Chronisten hinausgeht.Sie bietet uns das Beispiel eines Menschen, der seine eigene Zeit bereichert, indem er keiner angehört." - Glenn Gould

  • Hallo!


    Daniel hatte schon weiter oben zu dem Werk geschrieben:


    Zitat

    Das dritte Quartett h-moll ist für mich nun der Klimax. Auch satztechnisch ist eine Veränderung bei Mendelssohn vonstatten gegangen: Keine Wiederholung im ersten Satz, die Durchführung bringt neues (!) motivisches und thematisches Material, was dann in der Coda wiederaufgegriffen wird. Der zweite Satz sehr feingearbeitet, am Scherzo hatte Goethe großes Gefallen, und nicht nur er!
    Der letzte Satz nun: Tremoli, ausdenen sich neue Harmonien formen, das Klavier quasi eintaucht. Dann diese herrlichen Steigerungen und Verarbeitungen und Verflechtungen. Der absolute Gipfelpunkt in der Coda!! So schön! Da kann ich schon Tränen in den Augen bekommen.


    Übrigens als Mendelssohn mit Musikern dieses 3. Quartett durchspielte, da waren diese so gerührt, daß einer Mendelssohn ergriffen, spontan kameradschaftlich umarmen mußte, ich denke, auch mit Tränen in den Augen.


    Nun bin auch ich ganz begeistert von diesem frühen Meisterwerk Mendelssohns! :jubel:


    Ich zitiere aus dem booklet der (sehr schönen) Naxos-Aufnahme mit dem Bartholdy Piano Quatet:




    Viele Grüße,
    Pius.

  • "Es ist nicht das meisterhafte zweite Trio von Mendelssohn, das Schumann als "Meistertrio der Gegenwart" bezeichnet hat - es existierte noch nicht - sondern das sechs Jahre frühere in d-moll, und so blieb das c-moll-Werk bis heute zu Unrecht im Schatten des erstgeborenen."


    Mit diesem Hinweis führt Jan Reichow im Beiheft der Aufnahme des Abegg-Trios in das 1845 entstandene, nach Mendelssohns eigenen Worten "ein bisschen eklig" zu spielende zweite Klaviertrio ein.


    Der erste Satz hat denn auch nicht die Eingängigkeit des ersten Trios sondern wirkt viel unruhiger, dichter, drängender. Vor allem den Klavierpart stelle ich mir in der Tat "ein bisschen eklig" zu spielen vor. Es gibt aber auch immer wieder Ruhe- und Haltepunkte, vor allem, wenn das wunderschöne Seitenthema erklingt. Im Hinblick auf den zweiten Satz spricht Harenberg von einem "konfliktfreien, biedermeierhaften Idyll", welches nicht ganz auf dem Niveau der anderen Sätze stehe. Ich höre ihn trotzdem gerne. Im Scherzo geht es dann wieder deutlich rasanter zu. Das Finale verarbeitet ein bekanntes Choralthema: "Herr Gott, dich loben alle wir".

    Mir gefällt die Aufnahme des Abegg-Trios, die neben Mendelssohns op. 49 und op. 66 auch das ebenfalls sehr gut anzuhörende Klaviertrio von Fanny Hensel enthält, außerordentlich gut. Wenn ich sie mit der Aufnahme von op. 49 durch das Beaux Arts Trio vergleiche, so ist sie deutlich zügiger, frischer, leichtfüßiger. Wenn ich sie anderseits mit der zurzeit "angesagten" neuen Aufnahme des Trio Wandererr vergleiche, so spielt das Abegg-Trio in meinen Ohren nicht ganz so forciert, sondern genau an den richtigen Stellen schwelgerisch und singend. Der verwendete Flügel, laut Beiheft ein Bösendorfer Imperial, hat einen wunderbar weichen Klang und trotzdem Tiefe, womöglich ein Instrument aus dem 19. Jahrhundert? Da wissen andere vielleicht mehr. Jedenfalls eine großartige, mit einer Spielzeit von 77,43 Minuten bis an den Rand gefüllte CD!


    Mit Gruß von Carola