Langsame, gefühlvolle Stücke im Barock

  • Der Barockmusik wird mitunter schon mal vorgeworfen, sie bestehe im Wesentlichen aus einer Hintereinanderreihung schneller Noten, die auf verwirrend ähnliche Weise immer wiederkehrend dargestellt werden.


    Für Leute, die nicht barockaffin sind und z.B. Entwicklungen innerhalb von z.B. Toccaten oder Fugen nicht so schätzen, ist da vielleicht auch was dran.


    Deshalb sollen hier mal andere Stücke dargestellt werden, die langsam sind, eindrücklich sind, eine schöne Melodie haben und doch auch aus dem Barock stammen. Nun haben viele Barockkonzerte einen langsamen Mittelteil, das fast schon obligate Adagio, das grundsätzlich für diesen Thread in Frage käme, aber viele Adagien sind lieblos komponiert, weil sie meist nur dazu dienten, einen Rahmen für die Improvisationskunst der Interpreten zu bieten. Diese Stücke, die in heutigen Aufnahmen, die sich ja meist an den Notentext halten, nicht weiter erwähnenswert sind, sollen hier nicht aufgeführt werden.


    Welche aber sind die "schönen" Adagien oder andere, ähnliche Stücke, und was sind die besten Interpretationen?

  • Ich fange mal mit einem Stück an, das ich schon als Jugendlicher phantastisch fand, und zwar das Adagio aus dem Oboenkonzert op. 9 Nr. 2 von Albinoni. Die Oboe schwebt wie eine leichte, weiße Wolke über dem irdischen Geschehen des Basso Continuo.


    Es spielen Anthony Camden, Oboe, sowie die London Virtuosi unter John Georgiadis


  • Hallo Timo,


    vielen Dank für Deine Beteiligung.


    Du meinst anscheinend dieses Stück:



    Ich stimme Dir da völlig zu, es ist ein wunderschönes Adagio.


    Anscheinend ist mir aber wohl doch nicht ganz gelungen darzustellen, was die Intentionen dieses Threads sein sollen: er soll sich besonders an Leute richten, die eben nicht so barockaffin sind wie wir. Ich habe meine Mutter mal in genau so ein Konzert geschleppt, und sie sagte hinterher, sie habe sich die ganze Zeit über gelangweilt - und dann dieses Kratzen auf der Violine...


    Also bitte bei der Auswahl der Stücke überlegen, ob es auch für den normalen "plebs" in Frage kommt.

  • Bach: Air aus der 3. Orchestersuite :D
    Meine Favoriten wären aber eher der langsame Satz aus dem E-Dur-Violinkonzert oder z.B. der erste oder der dritte Satz aus der h-moll-Sonate für Violine und Cembalo



    Händel: Sarabande aus Cembalosuite d-moll (Barry Lyndon, Levi's Werbung)


    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Hallo!


    Vielleicht ist dieses Stück ja geeignet, Menschen für´s Barock zu gewinnen.


    Eine der ersten Klassik CDs, die ich mir zugelegt habe, war diese:



    Darauf enthalten das Oboenkonzert d-moll von Alessandro Marcello.


    Ich liebe dieses Adagio, wenngleich ich jetzt nach gefühlt einigen Jahren erstmals diese CD wieder bewusst in den Player legen werde.



    Gruß und Danke für diesen Thread
    WoKa

    "Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber Schweigen unmöglich ist."


    Victor Hugo

  • Ah, das war mir nicht bewusst. :)


    Wenn Johannes von "erste oder der dritte Satz aus der h-moll-Sonate für Violine und Cembalo" redet, könnte man auch noch die c-Moll Sonate BWV 1017 erwähnen, dort auch der erste und dritte Satz. Mit Violine und Cembalo oder auch Violine und Klavier, z.B. mit Glenn Gould und Menuhin:



  • Die Sarabande trifft es exakt!


    Air natürlich auch, aber ich stimme zu, wir müssen hier nicht noch mehr Eulen nach Athen tragen, wenn ich mal Deinen "Emoji" in diese Richtung interpretieren darf. Also Nicht-Albinonis Adagio und Pachelbels Canon seien auch ausgeschlossen.

  • "Siciliano"-Sätze im wiegenden 12/8 oder 6/8-Takt passen nicht nur zu Weihnachten (Hirten), sondern sind oft auch melodisch eingängig:


    ein ziemlich un-HIPpes La Paix


    Bach/Kempff/Kissin:



    eigentlich Flötensonate (aber nicht dem Cover entsprechend, sondern un-HIP Rampal, die Flöte offensichtlich viel zu laut für das Cembalo...)


    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Die Parallele zur Hirtenmusik aus dem WO ist die "Pifa" aus dem Messias, für Streicher und 2 Fagotte. Das Wort Pifa leitet sich wohl von den "Pifferari" ab, was im Mittelalter die Bezeichnung der Stadtpfeifer war. Wir haben den Messias hier 2013 aufgeführt, mit einem großartigen Orchester aus Köln (Nel dolce). Bei der Pifa zeigte unser Kantor eine schöne Geste: dieses Stück hat er nicht dirigiert!

    Ihr absolviert diese Stelle wie ein Intercity auf einer schwer zu nehmenden Weiche (mein verstorbener Chordirigent Johannes Glauber aus Essen)

  • Hallo!


    Zählt wohl noch zum späten Barock - der deutsche komponist Johann Ludwig Krebs, der 1713 in Weimar geboren wurde.


    Hier seine Fantasie für Oboe und Klavier mit Vladimir Kurlin (Oboe), einem Mitglied des Leningrader Kammerorchesters. Begleitet wird er von Sergei Tsatsorin an der Orgel.



    Gruß WoKa

    "Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber Schweigen unmöglich ist."


    Victor Hugo

  • Hallo Timo, Woka,


    alles schöne Stücke (die Krebs-Fantasie kannte ich auch noch nicht), aber bei Lascia würde ich doch statt Jaroussky eine andere Version bevorzugen, manches finde ich dort etwas dick aufgetragen.


    Mein Favorit ist Julia Lezhneva, die eine dem Barock sehr angemessene eher vibratoarme Version singt:


  • Gerade jetzt zur Weihnachtszeit ist eines meiner Lieblingsstücke das gefühlvolle Pastorale (Largo) aus dem Concerto grosso per il Santissimo Natale von Francesco Manfredini.



    Liebe Grüße
    Gerhard

    Alle Kunst ist der Freude gewidmet, und es gibt keine höhere und keine ernsthaftere Aufgabe, als die Menschen zu beglücken. Die rechte Kunst ist nur diese, welche den höchsten Genuß verschafft.
    (Schiller: Die Braut von Messina, Kapitel 2)

  • Hallo!


    Ein Stück aus dem französischen Hochbarock: Jacqueline du Pré spielt die Air aus "Les gouts réunis (13ième concert)".


    Bitte folgenden Link anklicken:
    Link


    "Die Concerts Royaux ( Royal Concerts ) sind vier von François Couperin für den französischen Hof von Ludwig XIV zwischen 1714 und 1715 komponierte Suiten - daher der Zusatz "royal". Komponiert, während Kammermusikkonzerte in Mode waren, sollen sie mehr als nur tanzen hören. Sie wurden 1722 ohne Angabe von Instrumenten veröffentlicht; Daher kann das gleiche Stück für Solo gespielt werden harpsichord oder von einem Ensemble mit einem Bass - Instrumente, eine Violine, eine Viole und einer Oboe oder einer Flöte . (Diese Instrumentationsfreiheit findet sich auch in bestimmten Werken von Marin Marais undGaspard Le Roux ). Diese Sammlung wurde 1724 um eine Reihe von "Nouveaux Concerts" mit dem Untertitel " Goûts réunis" ergänzt, die "wiedervereinigten Geschmäcker" französischer und italienischer Stile." (Wikipedia)


    Gruß WoKa

    "Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber Schweigen unmöglich ist."


    Victor Hugo

  • Für mich eines der bekanntesten und schönsten barocken Liebeslieder.



    Zuerst von Philippe Jaroussky.



    Zum Vergleich Benjamino Gigli, der das Werk noch langsamer vorträgt, wenn er auch für meinen Geschmack ein bisschen zu viel Glissando singt. - Das vermittelte Gefühl ist trotzdem ein Wahnsinn für mich.



    LG
    isi

  • Die Originaltonart vom Präludium BWV 999 ist ja c-Moll. Transponiert ist es aber leichter zu spielen. Es erinnert mit seinen gebrochenen Akkorden etwas an das Präludium C-Dur aus dem Wohltemperierten Klavier Buch 1.


    Ich finde diesen Thread sehr interessant. Spricht etwas dagegen, analoge Threads auch für andere Epochen aufzumachen?

  • Hallo Timo,


    dagegen spricht sicherlich gar nichts, und ich hätte auch schon ein paar Ideen für Beiträge.


    Hier aber erstmal ein sehr schöner Mittelsatz aus einem von Bach (BWV 972) transponierten Konzert von Vivaldi (RV 230).


  • Händel, Basso ostinato (eigentlich der 2. Satz aus dem Orgelkonzert op.7, Nr. 5, g-moll) in einer bemerkenswert gut registrierten Aufführung aus der Martinikerk, Bolsward, in den Niederlanden. Es spielt André van Vliet.




    Hier derselbe Organist mit demselben Stück auf einer Art besserer Heimorgel - und schon ist ein guter Teil des Zaubers verschwunden.


  • Taci, o di morte Arie des Medo aus der Oper Il Medo von Leonardo Vinci


    Hier leider nur die Hälfte ....klick mit Filippo Mineccia, Countertenor


    Und hier ganz ....klick mit David Hansen, Countertenor


    Das ist überirdisch schön!


    LG Fiesco

    Il divino Claudio
    "Wer vermag die Tränen zurückzuhalten, wenn er den berechtigten Klagegesang der unglückseligen Arianna hört? Welche Freude empfindet er nicht beim Gesang seiner Madrigale und seiner Scherzi? Gelangt nicht zu einer wahren Andacht, wer seine geistlichen Kompositionen anhört? … Sagt nur, und glaubt es, Ihr Herren, dass sich Apollo und alle Musen vereinen, um Claudios vortreffliche Erfindungsgabe zu erhöhen." (Matteo Caberloti, 1643)

  • Das wohl schönste Duett von Händel *As steals the morn* aus "L'ALLEGRO, IL PENSEROSO, ED IL MODERATO"


    Duett Sopran/Tenor
    Mark Padmore/Lucy Crowe
    The English Concert / Andrew Manze


    Wie der Morgen sich an die Nacht heranstiehlt
    und die Schatten dahinschmelzen lässt,
    so löst Wahrheit die verführerische Einbildung auf,
    und der erwachende Verstand verscheucht
    den Rauch, der den Sinn vernebelte,
    indem er die Vernunft wieder ans Tageslicht bringt.



    LG Fiesco

    Il divino Claudio
    "Wer vermag die Tränen zurückzuhalten, wenn er den berechtigten Klagegesang der unglückseligen Arianna hört? Welche Freude empfindet er nicht beim Gesang seiner Madrigale und seiner Scherzi? Gelangt nicht zu einer wahren Andacht, wer seine geistlichen Kompositionen anhört? … Sagt nur, und glaubt es, Ihr Herren, dass sich Apollo und alle Musen vereinen, um Claudios vortreffliche Erfindungsgabe zu erhöhen." (Matteo Caberloti, 1643)