Das Streichquartett wird zu Domäne der Jugend (?)

  • In früheren Jahren verband (zumindest ich) mit dem Begriff Streichquartett vier gesetzte Herren fortgeschrittnenen Alters, welche ein dem Ensemble angemessenes Werk - also ein klassisches Streichquartett - vortrug. Immer öfter - vor allem wenn man im Internet bei youtube unterwegs ist, finden sich aber sehr junge und unbekannte Formationen, die geradezu mit Begeisterung dieser Musikrechnung frönen. Das kann man begründen, indem man darauf hinweist, daß dies ein Zwischenstadiom sei, bis in einem der größeren Orchester ein Platz frei sei, oder als Vorbereitung auf eine Solokarriere, eine Art Notnagel gewissermaßen. Aber, wenn man in die Gesichter dieser oft sehr jungen Musiker blickt, dan ist die Begeisterung für die Musik, die sie gerade machen, nicht zu übersehen.
    Die Qualität befindet sich oft auf einem erstaunlich hohen Niveau, aber darüber hinaus gibt es etwas, das etablierten Formationen oft fehlt.
    Bestätigungen und Widerspruch werden gern gelesen - idealerweise mit youtube Beispielen...


    mfg aus Wien
    Alfred

  • Ich kann das nur bestätigen. Das Aris-Quartett in Deutschland und das Quatuor Arod in Frankreich sind dazu leuchtende Beispiele.


    Vor einer Woche habe ich das Aris-Quartett mit Bach (Contrapuncti Nr. 1-4 aus der "Kunst der Fuge" BWV 1080), Janácek (Streichquartett Nr. 1 "Kreutzersonate") und Dvorák (Streichquartett G-Dur op. 106), Zugabe: 4.Satz aus Dvoráks "Amerikanischem" Streichquartett, in nächster Nähe (2. Reihe Mitte) erlebt. Über absolute Souveränität des Zusammenspiels hinaus haben diese Vier genau das, was angesprochen wurde: eine musikalische Sprache, die mich als Hörer geradezu entführt, die scheinbar bestens bekannten Werken eine beunruhigende Intensität und Neuheit des Erlebens verleiht, die noch Tage weiter wirkt. Seit Jahren verfolge ich die Schritte, die dieses Quartett macht, mit größter Spannung.


  • Die große Attraktivität, die das Streichquartett heute für junge Musiker hat, hat meines Erachtens mehrere Gründe.
    Da ist zum einen schon mal das umfangreiche phantastische Repertoire. Viele bedeutende Komponisten haben ihre beste und tieschürfendste Musik dem Streichquartett anvertraut (Haydn, Beethoven, Schubert, Mendelssohn, Bartok, Schostakowitsch, Ligeti).
    Dann ist man als Mitglied eines Quartetts nie nur ein anonymer Teil eines großen Ensembles wie im Orchester. Dort interessiert sich niemand - schon gar nicht der Dirigent - für die eigenen musikalischen Vorstellungen. Heute sind in der Regel alle vier Musiker eines Quartetts gleichberechtigt an den musikalischen und organisatorischen Entscheidungen beteiligt.
    Und man ist nicht der Einsamkeit ausgesetzt, die viele Solisten als Nachteil ihrer Karriere beklagen.
    Es gibt also schon sehr gute Gründe, sich für ein Streichquartett zu entscheiden. Ein Wir-Gefühl kann sich nur dort entwickeln. Und die Attraktivität einer vierköpfigen Formation hat ja auch schon seit 50:Jahren die populäre Musik geprägt (Beatles, WHO, Led Zeppelin, Queen).
    Anscheinend gibt der Markt es auch her, so vielen jungen Quartetten ein Auskommen zu ermöglichen, was sicher auch damit zusammen hängt, dass sich auch kleinere Orte es leisten können, eine Kammermusikreihe auszurichten. In meiner Umgebung fallen mir da z.B. Balingen und Bruchsal ein.


    Die Anmutung, dass früher ein Streichquarett aus vier älteren Herren bestand, hatte sich auch bei mir festgesetzt. Aber wenn man mal recherchiert, stellt sich natürlich heraus, dass das nie so war. Als sich das Juilliard String Quartet formierte, waren die Musiker Mitte 20 und schon bei dem Auftauchen des Tokyo String Quartet Ende der 1960er wurde deren Jugend demonstrativ zur Schau gestellt. Und schon eines der berühmtesten Quartette der 1950er Jahre hatte ein weibliches Mitglied (Quartetto Italiano).


  • Lutgra schrieb_

    Zitat

    Anscheinend gibt der Markt es auch her, so vielen jungen Quartetten ein Auskommen zu ermöglichen, was sicher auch damit zusammen hängt, dass sich auch kleinere Orte es leisten können, eine Kammermusikreihe auszurichten. In meiner Umgebung fallen mir da z.B. Balingen und Bruchsal ein


    Und natürlich auch ein "gefundenes Fressen" für die Tonträgerkonzerne.
    Eine CD mit Streichquartetten ist ja in der Produktion viel billiger als jene eines Klavierkonzerts oder einer Sinfonien, von Opern ganz zu schweigen. Der Verkaufspreis ist dann aber der gleiche.
    Problematisch war in der Vergangenheit das eher moderate Interesse des Klassikpublikums an Kammermusik. Dieses Manko dürfte aber in unseren Tagen nicht mehr wirkich existieren - warum - das wissen die Götter.


    mfg aus Wien
    Alfred

  • Problematisch war in der Vergangenheit das eher moderate Interesse des Klassikpublikums an Kammermusik. Dieses Manko dürfte aber in unseren Tagen nicht mehr wirkich existieren - warum - das wissen die Götter.


    Da bin ich mir nicht so sicher. Wenn ich meine Kammermusikkonzerte besuche, habe ich den Eindruck, dass 80% des Publikums im Rentenalter sind.


  • Und natürlich auch ein "gefundenes Fressen" für die Tonträgerkonzerne.
    Eine CD mit Streichquartetten ist ja in der Produktion viel billiger als jene eines Klavierkonzerts oder einer Sinfonien, von Opern ganz zu schweigen. Der Verkaufspreis ist dann aber der gleiche.
    Problematisch war in der Vergangenheit das eher moderate Interesse des Klassikpublikums an Kammermusik. Dieses Manko dürfte aber in unseren Tagen nicht mehr wirkich existieren - warum - das wissen die Götter.


    mfg aus Wien
    Alfred


    Der Verkaufspreis mag der gleiche sein, doch die Verkaufszahlen sind sicherlich ganz andere. Ich glaube, daß eine CD mit Streichquartetten von Beethoven in viel geringerem Maße (je höher die Opuszahl, desto weniger!) gekauft wird als eine mit Mozarts Zauberflöte oder Bachs Brandenburgischen Konzerten. Ob es da so viel verlockender ist, nur vier Leute engagieren zu müssen statt eines ganzen Orchesters, wenn hinterher der Absatz dann leider in ähnlichem Verhältnis sparsam ausfällt? Eine fühlbare Zunahme des Interesses an Kammermusik ist mir zumindest nicht aufgefallen. Möglicherweise gibt es da regionale Unterschiede.


    Mir geht es bei dem Thema dieses Fadens allerdings nicht um das Musikbetriebliche, sondern um das, was sich musikalisch auf der Bühne ereignet.