Léon Boëllmann: Das Orgelwerk


  • Der französische Komponist Léon Boëllmann ist vor allem duch sein Opus 25, die "SUITE GOTHIQUE pour Grand Orgue" bekannt, dieses viersätzige Werk hört man unentwegt, alle anderen Werke scheinen in Vergessenheit geraten zu sein. Dabei soll gerade eine zweite Suite für Orgel sehr lohnend, vielleicht gar besser als opus 25 sein. Welche Werke kennt ihr noch, welche Einspielungen, setzten sich die Tamino-Organisten für eine Wiederbelebung ein?


    Boëllmann (1862 - 1897) wurde bereits als Neunjähriger an der bedeutenden Pariser Kirchenmusikschule Ecole Niedermeyer angenommen. Er verstarb mit 35 an einer Lungenkrankheit.


    Ich kenne (und übe) derzeit nur die populäre "Suite gothique".
    Die vier Sätze lauten:


    Introduction-Choral
    Menuet gothique
    Priere a Notre Dame
    Toccata


    Das Menuet gothique hat mich schon als Kind beeindruckt.
    Es wäre freilich schlimm, wenn man die Suite gothique auf jedem dritten Orgelkonzert hören würde, aber diese Zeiten sind wohl vorbei.
    Über die kompositorische Qualität wioll ich mich gar nicht äussern, aber es ist doch ein effektvolles und schönes Stück (für den dritten Satz braucht man eine wirklich schön französisch säuselnde Orgel...)


    naja, soll im Vergleich etwa zu Cesar Franck kein großes Thema sein, aber vielleicht kommt ja doch was nützliches dabei heraus.


    Die einzige Einspielung, die ich besitze, ist passabel und brauchbar, aber ich könnte mir da noch besseres vorstellen.


    French organ music - Simon Lindley. Naxos


  • Hallo Markus,


    ich kenne bis dato auch nur seine Suite gothique, die ich aber sehr gerne habe. Eine komplette Aufnahme habe ich nicht, auf einer EMI-Box mit französischen Orgeln und Organisten aus dem frühen 20. Jahrhundert sind das Menuett und die Toccata drauf.
    Ist aber ziemlich schlechte Klangqualität, die Aufnahme von Edouard Commette ist von 1932 bzw. 1938.
    Die Toccata habe ich zudem auf einem Sampler, der sogar den gleichen Namen trägt:




    Hier ist das Stück wirklich effektvoll zu hören. Wer spielt, habe ich jetzt nicht im Kopf, müsste ich noch einmal nachschauen.
    Ansonsten bin ich durchaus offen für neue Aufnahmen, vielleicht mal eine, wo die komplette Suite drauf ist.



    Gruß, Peter.

  • Hallo Markus,


    das ist auch für meinen Geschmack eins der schönsten Orgelstücke, die ich kenne. Ich habe es zweimal in Orgel-Konzerten gehört und war beide Male sehr beeindruckt. Gerade die Toccata ist ja wohl sehr schwer zu spielen, also alle Achtung und bestes Gelingen, wenn Du Dich da heranmachst.


    Andere Stücke von Boellmann kenne ich leider auch nicht. Laut Internet soll er einige Kammermusik komponiert haben.


    Ich habe auf CD die Toccata auf einer Zusammenstellung von ähnlichen Stücken, gespielt von Marie-Claire Alain. Ähnliche Stücke: Natürlich nicht nur die berühmte Toccata von Bach, sondern auch Widors Toccata aus der 5. Orgelsinfonie, eine Toccata von Vierne, das "Pièce Héroique" von César Franck und als krönender Abschluss die "Litanies" von Jehan Alain.



    Das ist in meiner CD-Sammlung einer meiner absoluten Favoriten!


    Viele Grüße,


    Walter

  • Hallo Markus,


    Zitat:
    Das Menuet gothique hat mich schon als Kind beeindruckt.
    -----------------------------------------------------------------------


    Ich besitze eine CD von Helga Schauerte, eingespielt im Dom zu Passau mit der Boellmann-Komposition
    "SUITE GOTHIQUE"



    Klangtechnisch für mich nur guter Durchschnitt.



    Von einer großartigen Aufnahme, die auch eher der franz. Kathedralmusik entspricht ist die CD
    aus der Cathedrale Liverpool mit Ian Tracey zu empfehlen.





    Hier wird ein Orgelbombardement auf den Zuhörer losgelassen. Virtous und klangtechnisch gibt es
    nichts zu mäkeln. Im Gegensatz zu der Helga Schauerte-Aufnahme aus Passau eine gelungene
    Einspielung.


    Zu beziehen bei Amazon.com
    Sie enthält folgende Werke:


    1. Grand Choeur Dialogué
    Composed by Eugene Gigout
    Performed by Ian Tracey


    2. Suite Gothique, for organ, Op.25
    Composed by Leon Boellmann
    Performed by Ian Tracey


    3. Pieces (3) for organ, Op 29
    Composed by Gabriel Pierne
    Performed by Ian Tracey


    4. Variations de concert, for organ in E major, Op.1
    Composed by Joseph Bonnet
    Performed by Ian Tracey


    5. Pièces Nouvelles (12) for organ In paradisum
    Composed by Theodore Dubois
    Performed by Ian Tracey


    6. Symphony No. 6 in G minor for organ, Op. 42/2
    Composed by Charles-Marie Widor
    Performed by Ian Tracey


    Hier kannst Du Ausschnitte anhören!


    P.S.
    Helga Schauerte, Organistin.
    Sie ist unter anderem Autorin des "Handbuch Orgelmusik" und hat die Urtext-Gesamtausgaben von Léon Boëllmann editiert.
    Grüsse
    reklov29

    Bach ist so vielfältig, sein Schatten ist ziemlich lang. Er inspirierte Musiker von Mozart bis Strawinsky. Er ist universal ,ich glaube Bach ist der Komponist der Zukunft.
    Zitat: J.E.G.

  • Mir kommt das Grausen, wenn ich so lese, was als sehr schön und schwer empfunden wird - aber ok, ich bin eher Max Reger verpflichtet und stehe somit den Franzosen eher etwas ablehnend gegenüber.
    Zur Suite gothique: Sie hat mir auch früher recht gut gefallen; seit ich jedoch in die Tonsprache eines Widors und Viernes eingedrungen bin (französisch - Reger bleibe außen vor), kommt mir alles nur noch platt und langweilig vor. So habe ich mir kürzlich von Vierne die Toccata b-moll aus op. 53 (gehört zu den schwersten Toccaten) erarbeitet. Weil auf der Orgel zufällig auch Boellmann lag, habe ich die Noten herausgekramt und diese Toccata versucht - es war kein großes Problem vom Blatt...
    Vielleicht solltet ihr euch eher auf deutsch-romantische Aufnahmen mit hervorragenden Interpreten (Bossert, Sander, Hell) konzentrieren, als zu sehr frankophil zu werden. Denn so wie es aussieht, lebt sich der Französismus im Orgelbau gerade aus...
    Viele Grüße

  • Zitat

    Original von sebastian
    Mir kommt das Grausen, wenn ich so lese, was als sehr schön und schwer empfunden wird - aber ok, ich bin eher Max Reger verpflichtet und stehe somit den Franzosen eher etwas ablehnend gegenüber


    Sebastian, das mag daran liegen, dass hier vorwiegend Orgel-Laien verkehren, denen es vor allem darum geht, Orgelmusik kennen zu lernen und auch Schritt für Schritt dazu zu lernen.
    Das Grausen mag aufgrund deiner größeren Erfahrung (sei es theoretisch als auch praktisch) zu einem gewissen Grad verständlich sein, aber sehr viel weiter bringt es die Forumiers hier eigentlich nicht. Im Gegenteil, wenn ehrliche Beiträge hier mit offenkundigen (gar abschätzigen?) "Grausen" empfangen werden, traut sich hier bald keiner etwas zu sagen. Und so gut läuft das Orgel-Forum hier ja nun auch wieder nicht.
    Freu ich doch stattdessen, dass diese (für dich mittlerweile "banalen" Stücke) immer noch "Rattenfänger-Wirkung" haben und dadurch Orgelbegeisterte gewonnen werden, anstatt gleich mit erhobenen Zeigefinger auf das "einzig wahre" Repertoire zu verweisen...


    Zitat

    Original von sebastian
    Zur Suite gothique: Sie hat mir auch früher recht gut gefallen; seit ich jedoch in die Tonsprache eines Widors und Viernes eingedrungen bin (französisch - Reger bleibe außen vor), kommt mir alles nur noch platt und langweilig vor. So habe ich mir kürzlich von Vierne die Toccata b-moll aus op. 53 (gehört zu den schwersten Toccaten) erarbeitet. Weil auf der Orgel zufällig auch Boellmann lag, habe ich die Noten herausgekramt und diese Toccata versucht - es war kein großes Problem vom Blatt...


    Also man braucht wirklich nicht erst Vierne spielen zu können um die Boellmann-Toccata vom Blatt spielen zu können...


    Zitat

    Original von sebastian
    Vielleicht solltet ihr euch eher auf deutsch-romantische Aufnahmen mit hervorragenden Interpreten (Bossert, Sander, Hell) konzentrieren, als zu sehr frankophil zu werden. Denn so wie es aussieht, lebt sich der Französismus im Orgelbau gerade aus...
    Viele Grüße


    Sebastian, schau dir doch das ganze Tamino-Forum mal an: Die wenigsten lassen sich hier durch igendwelche "Moden" beeinflussen. Zudem werden hier die jeweiligen musikalischen Vorlieben und Abneigungen werden ernst genommen, diskutiert, kritisiert, aber auch akzeptiert. Von daher fällt dein Beitrag (meines Erachtens negativ) aus der Rolle, indem Du indirekt und von "oben herab" vorschreibst, was man hören soll(te).


    Und letzlich: Über Geschmack lässt sich bekanntlich trefflich streiten... (oder so ähnlich ;) )


    Gruß
    Karsten


  • Ich liebe die Orgel seit Kindheit sehr, bin aber leider 'Laie' geblieben und habe so einen völlig unspezifischen, eben 'laienhaften' Zugang zur Orgel als Instrument und zur Orgelliteratur. Gerade deshalb finde ich es interessant und aufschlußreich, wie sich Organisten und Laien äußern, ob sie nun zu einem sinnhaften Dialog kommen oder (wahrscheinlich) eher nicht. Auch aus Äußerungen wie von Sebastian kann man lernen.


    Sebastian schreibt, daß sich der 'Französismus' im Orgelbau derzeit auslebe. Kann er oder jemand das etwas erläutern? Ich erlebe, daß z. B. die 'französische' Oberlinger-Orgel an St. Josef in Bonn-Beuel nach wie vor regen Zuspruch gerade französischer Organisten bis hin zu O. Latry von Notre Dame hat. Das muß kein Widerspruch sein, aber es könnte ein Indiz dafür sein, daß weder die französische Orgel noch deren Spieler auf dem Weg ins out sind.


    Noch eine konkrete Frage: zur Interpretation von Tournemires 'L'Orgue mystique'. Es gibt inzwischen mehrere Aufnahmen, zumindest von Teilen (Delvallee, van der Ploeg, Müller). Welche wird denn hier so geschätzt? Ich bekenne mich schon mal vorab zu Delvallee.

  • Hallo Sebastian,


    ja, ok, ich spiele nicht selbst Orgel und konnte daher bei der Aussage über den Schwierigkeitskraft die „Litanies“ von Alain mit der Toccata von Boellmann verwechseln.


    Und doch ist für mich ein Stück nicht nur danach zu bewerten, welche kompositorischen Schwierigkeiten es enthält. Zweifellos enthält Viernes Toccata ganz andere rhythmische Anforderungen. Boellmann gehört für mich in Frankreich in seiner Aussage zu einer Richtung, die mir dem Symbolismus verwandt zu sein scheint (ich weiß nicht, ob dies auch biographisch stimmt). Und ich gestehe gern, dass ich in der symbolistischen Literatur nicht nur die ausgefeilten Gedichte von Mallarmé, sondern auch Texte von Huysmans mag, die sicher von Literaturwissenschaftlern ähnlich kritisiert werden könnten.


    Marie-Claire Alain spricht in ihren Anmerkungen vom „Zwangsmotiv“, von dem Boellmanns Stück beherrscht wird. Aus deutscher Sicht würde es wohl weniger als Symbolismus, denn als Dekadenz bezeichnet werden. Und mit dem Begriff Dekadenz kann ich mir auch am besten vorstellen, was Reger vermeiden und wodurch er sich von den französischen Organisten unterscheiden wollte.


    Viele Grüße,


    Walter

  • Liebe Forianer


    Wir wollen hier an dieser Stelle von Seiten der Moderation festhalten, daß es sich durchaus um ein Forum für Musikhörer und Gelegenheitsmusiker handelt, und daß sich niemand fürchten braucht hier "niedergemacht" zu werden. Das wurde heute in einer "Moderatorensitzung" beschlossen. Im Fall des Falles genügt eine Beschwerde beim diensthabenden Moderator.


    Es gibt ja spezielle Foren für Berufsmusiker, die aber die Eigenschaft haben allesamt leer zu sein - diesen Status möchte ich hier sicher nicht haben.


    Letztlich gesehen entscheidet das Publikum was es kauft -zumindest bei Tonträgern ist das so, weil nicht staatlich subventioniert.


    Für die Moderation und Administration
    Alfred

  • Hallo sebastian,
    Zitat:
    Vielleicht solltet ihr euch eher auf deutsch-romantische Aufnahmen mit hervorragenden Interpreten (Bossert, Sander, Hell) konzentrieren, als zu sehr frankophil zu werden. Denn so wie es aussieht, lebt sich der Französismus im Orgelbau gerade aus...
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    Diese Deine Aussage verstehe ich überhaupt nicht, schau Dir einmal die bereits vorhanden Orgel-Threads genau an dann wirst Du feststellen können, dass von einer französichlastigen Themen-
    auswahl nicht die Rede sein kann. Wenn zur Zt. von Tamino-Mitgliedern einmal ein franz.Orgelkomponist
    als Thread gestartet wird, dient es doch "Allen" nicht nur bis zu dem Tellerrand "Mitteleuropas" (Deutschland, Oesterreich, etc) immer etwas vorgekaut zu bekommen es gibt auch andere hervorragende Orgelkomponisten aus anderen Ländern. Wollen wir einseitig in unserer Themenauswahl sein? wohl
    ganz bestimmt nicht, in der Vielfalt beweist erst sich ein großartiges "Forum." Wir wollen es sein!!:hello: :hello:


    Wenn ich zu einem Thema kein Statement abgeben möchte, überlasse ich es den Foren, die grosses
    Interesse an diesem Thread besitzen, sich zu äußern.



    Karsten , Zitat:
    Sebastian, das mag daran liegen, dass hier vorwiegend Orgel-Laien verkehren, denen es vor allem darum geht, Orgelmusik kennen zu lernen und auch Schritt für Schritt dazu zu lernen.
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    Deine oben getätigte Aussage über Orgel-Laien ist so nicht unbeantwortet zu bleiben, Deine Beiträge
    habe ich immer mit grossem Genuss verfolgt, umso mehr stört mich dieser Ausdruck, eine gewisse
    Überheblichkeit drückt sich hier ebenfals aus, leider.


    Lasst uns hier zu einem ausgewogenen Miteinander zurückkehren, ob als Laie oder Orgelsachverständiger
    jeder sollte ungehindert seine Meinung äußern dürfen.


    ----------------------------------------------------
    Wie ich eben gesehen habe, hat sich unser lieber Alfred schon gemeldet, wenn es im Forum einmal
    brenzelig wird ist auf ihn allemal Verlass, Hut ab, grandios!!!
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    Karsten, etwas vermisse ich von Dir, Deine getätigte Aussage im Thread: Orgel-Tour auf den Spuren von J.S.Bach:


    Nachdem reklov "seine" Bach-Orgel-Reise beendet hat, könnte dieser Thread vielleicht mit dem einen oder anderen Beitrag anderer über Orgeln, die mit Bach in Beziehung stehen, fortgeführt werden.


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    Dem bin ich gerne nachgekommen und hoffe auch auf weitere Beiträge von deiner Seite!!


    Allenfalls verwundert mich es hier, dass vom Themenstarter Markus noch keine Rückmeldung vorliegt!


    Grüsse an alle Laien und Orgelsachverständigen im Forum
    reklov29

    Bach ist so vielfältig, sein Schatten ist ziemlich lang. Er inspirierte Musiker von Mozart bis Strawinsky. Er ist universal ,ich glaube Bach ist der Komponist der Zukunft.
    Zitat: J.E.G.

  • Hallo Reklov|volkeR


    Naja, wenn Du mich schon drum bittest: meine Rückmeldung:


    Dankeschön erstmal für die CD-Hinweise.


    Wenn Sebastian "das Grausen kommt", was uns hier so an Musik gefällt (obwohl ich mich in meinem Einführungsbeitrag durchaus distanziert genug zur Suite gothique geäussert hatte), dann ist das seine Meinung, diese in dieser Form kundzutun, ist sicher nicht sonderlich diplomatisch oder freundlich, aber ich habe hier im Forum schliesslich ähnliche Anfängerfehler gemacht und verschiedene Leute verärgert. Daher will ich mich auch nicht über Sebastians "Grausen" aufregen.


    Vielmehr haben mir Sebastians Beiträger aber in anderer Sache zu denken gegeben. Sein unschönes (selbsterfundenes ?) Wort vom "Französismus" im Orgelbau stösst mir da schon mehr auf. Und warum sollte man Boellmann nun an einer "deutschen romantischen" Orgel spielen, statt an einer Cavaillé-Coll-Orgel? Wirklich eine sehr fragwürdige Sache, aber wir können ja vielleicht nüchtern darüber weiter diskutieren.


    In einem anderen Thread schrieb er, daß ihm sogar "deutsche gothische Musik" näher sei, als Widor, weil er nun mal deutsche Wurzeln hat und mit der französischen Geschichte nicht so verwachsen ist... Ich hoffe, daß das lediglich eine unglückliche Formuliereung (und somit verzeihbar) ist. Dass er sich dann aber outet als jemand, dem Reger und VIERNE nahe liegen, das macht mich vollkommen konfus.


    Aber Sebastian ist sicherlich ein wirklich sehr hervorragender Organist und ich denke, daß sich diese Irritationen hier wieder irendwie legen werden.


    Mit freundlichen Grüssen an Volker und Sebastian,


    Markus (in seiner Eigenschaft als Threadstarter und normales Forenmitglied)

  • Ok, ich habe mich im Ton vergriffen, tut mir leid - soll nicht wieder vorkommen.
    Ich spreche im Orgelbau unserer Zeit tatsächlich von Französismus - man gehe in eine kleinere Dorf- oder Stadtkirche mit einer relativ neuen Orgel und untersuche das Schwellwerk; mit hoher Wahrscheinlichkeit wird man da die "heilige Dreifaltigkeit" - nämlich Trompette harmonique, Hautbois und Basson/Clairon harmonique finden. Dann hat man im Hauptwerk vielleicht noch einen Montre 8', ein Bourdon 8' und eine Gambe 8' und ist - von den Namen her - sofort bei den Orgeln eines Aristide Cavaille-Colls. Diese französische Ästhetik (die in sich sehr auf der Teilung Zungenplenum vs Mixturenplenum aufbaut, wobei in der Romantik die Mixturen nur noch als Füllstimmen, quasi als "Obertonbringer" gesehen werden) verknüpft mit dem Konzept einer auch noch am Barock orientierten sonstigen Dispositionsweise (deutsche Mixturen, deutsche Streicher, relativ leises Schwellwerk) ergibt für mich eine höchst unheilvolle Quasi-Synthese aus allem, was gerade als schön empfunden wird - dem Französismus. Gehe ich dann in Kirchen mit neuen Orgeln einer Orgelbaufirma aus Österreich (z.B. Taborkirche in Freudenstadt, die ursprüngliche Orgel für den Konzertsaal der MHS Trossingen) und sehe dort von der Disposition her, dass Franck, Vierne, Widor etc sehr gut gehen müssen, werde ich sehr enttäuscht, wenn ich das Werk zum Klingen bringe: Knödelige Zungen ohne Fundament und "Bauch" (obwohl das schon Dom Bedos, der "Papst" des französischen Orgelbaus fordert), in vielen Kirchen auch eine Gesamtintonation, dass ich eine mittelgroße Gemeinde mit zwei Gedackten 8' und 4' begleiten kann (zB Ravensburg), tiefe Mixturen und bodenerschütternde Bässe (in Heidenheim/Brenz darf der 32' nicht im Gottesdienst/Konzert verwendet werden, weil er Probleme bei den Zuhörern hervorruft), an eine Orgel, die ich von der Lautstärke her zu einem Drittel ausfahren kann, auf der dann aber nicht einmal die Literatur, für die sie eigentlich bestimmt ist, halbwegs authentisch klingt, dann sitze ich mE an einer französistischen Orgel.
    Cavaille-Coll und die Franzosen in allen Ehren, aber allerorten (wobei mich St. Nikolai, Leipzig und die Dresdner Frauenkirche am meisten stören) solche - wie gesagt nicht authentisch klingenden - Instrumente, auf denen ich dann schlussendlich auch das darstellbare Repertoire betreffend viel weniger Möglichkeiten habe, aufzustellen, zu Ungunsten der deutschen Orgelgeschichte nach 1850, erscheint mir in unseren Zeiten etwas sehr fraglich.
    Ich fürchte, dass du mich mit Boellmann auf einer deutsch-romantischen Orgel falsch verstanden hast - obgleich er auf den früh- und hochromantischen Instrumenten eines E.F. Walckers und seines Sohnes (Hoffenheim, Annaberg, Riga) wirklich hervorragend klingt, meinte ich dies eher in Bezug auf Aufnahmen eines Max Regers (und nicht auf einer neobarocken Werkorgel). Denn auf solchen Instrumenten gut interpretiert und sowohl Orgel als auch Raum angepasst kann man Reger plötzlich auch verstehen - es ist dann kein undurchhörbarer Klangbrei a la Rosalinde Haas, ein Kämpfen um den Weltrekord in der Wertung "Wer spielt eine Regersche Fuge am schnellsten perfekt?", sondern man kann ganz und mit Genuss in die wunderbare Mystik dieses Meisters eindringen.
    Zum Punkt mit den deutschen Wurzeln (eine andere formulierung fand sich nicht leicht): Hier hielt ich mich an Christoph Bossert, der von einer gewissen landschaftsorientierten "musikerseele" ausgeht - als deutscher (Organist) habe ich nun mal eine andere Geschichte des Orgelbaus im Rücken ( Praetorius, Schnitger, Bach, Walcker etc) als ein französischer Organist (Dom Bedos, Cliquot, CC, Widor), ich habe eine andere Sprache (auch der Musik), nicht ganz so elegant und leicht wie die französische Sprache, eher genau ins Detail gehend uswusf - mit diesem anderen Background werde ich dann aber auch die Musik anders auffassen und verstehen können. Wenn ich die Musik aber anders verstehe, interpretiere ich sie anders, nicht so vollkommen, wie dies ein Latry kann, was ja auch vor diesem Hintergrund ganz logisch ist.
    Zum Thema Vierne - Boellmann: Wenn ich die beiden Toccaten - jetzt auch nur unter dem etwas oberflächlichen Aspekt der großflächigen Struktur - betrachte, fallen mir einige große Unterschiede auf: Boellmann hat eine durchgehende Sechzehntelfigur, die sich in den Randthemen nur jeweils durch die Harmonien unterscheidet. Es ist eine A-B-A'-Form, in der es allerdings keine großen Unterschiede zwischen A und B gibt. Die ostinaten Sechzehntel begleiten drängende Melodie-Bewegungen, die sich allerdings in einem relativ engen tonalen Raum aufhalten. Insgesamt ein sehr anhörbares, trotz der Tonart und allem recht "leichtes" Stück. Vierne nun hat sehr viel komplexere Figuren; hier gibt es fast nie Ostinato-Formen, man wird ständig überrascht von kleinen, neuen Änderungen und Aspekten -----


    Da ich jedoch morgen eine Geschichtsklausur zu schreiben habe, werde ich jetzt zu Bette gehen - ich hole dann den restlichen Text bei Bedarf nach
    Es tut mir nochmals leid, dass ich mich so im Ton vergriffen habe; da ich mich gestern auch schon mit der Dresdner Frauenkirchenorgel näher beschäftigt habe, ging mir einfach das Herz über ob der Ungerechtigkeit, dass man relativ einfach gestrickte Musik einer mystischen und sehr symbolologischen Musik vorzieht - derart vorzieht, dass es (bis auf wenige Ausnahmen) auch bei Orgelneubauten immer noch sehr in Richtung Frankreichs geht.
    Viele um Verzeihung bittende Grüße

  • Lieber Sebastian


    Danke für Dein obiges Posting, jetzt dürften einige unglückliche Missverständnisse geklärt sein und ich verstehe jetzt auch, was Du mit "Französismus" meinst, was ja ein reales Phänomen ist.


    Ich eröffne diesbezüglich gleich einen Thread und hoffe auf Deine Mitarbeit.


    (nachträglich) wünsche ich Dir viel Erfolg bei der Geschichtsklausur.


    (In den nächsten Tagen kann ich ja vielleicht in den vorherigen Postings etwas entschärfend eingreifen (nach eventueller Rücksprache)


    Gruß, Markus

  • Hallo sebastian,
    Zitat:
    ich bin eher Max Reger verpflichtet und stehe somit den Franzosen eher etwas ablehnend gegenüber.
    ----------------------------------------------------------
    Da ich aus Deinen Angaben herauslese, dass Du ein Bachbekenner bist, erlaube ich mir nur folgenden
    Hinweis auf Bach: "während seiner Lehrjahre in der Michaelisschule in Lüneburg hatte Bach auch Kontakt zu dem Hof in Celle wo dort vorwiegend französische Musik gepflegt wurde."


    in seinem Orgelwerk "Piece d'Orgue G-dur, BWV 572" um 1708-1712 in Weimar entstanden, verfasst
    er die entstandene Orgelkomposition durchgehend französischsprachige Tempobezeichnungen der
    einzelnen Abschnitte. Bach wollte mit diesem Hinweis auf eine bestimmte Art der Registrierung geben
    (Plein Jeu). Es wird vermutet, dass Bach sich mit einer kompositorischer Auseinadersetzung mit Werken
    französicher Meister einließ.


    Weiterhin wurde in "Canzona d-Moll BWV 588" italienische Einflüsse sichtbar, da sich Bach mit Studien
    der italienischen Musik befasst hatte.
    Seine Transkription "Concerto a-Moll BWV 593" basiert auf einem von Antonio Vivaldi komponiertes
    Violinkonzert für 2 Violinen.


    Diese Beispiele wollte ich noch anführen um auszusagen, wie sehr sich Bach auch auf andere ausländische
    Kompositionen zubewegt hat.


    Für Dich als jungen Organisten kann es doch nur von allergrößten Nutzen sein, sich auch mit sonstigen
    ausländischen (nicht nur französischen) Meistern auseinanderzusetzten.


    Grüsse
    reklov29

    Bach ist so vielfältig, sein Schatten ist ziemlich lang. Er inspirierte Musiker von Mozart bis Strawinsky. Er ist universal ,ich glaube Bach ist der Komponist der Zukunft.
    Zitat: J.E.G.

  • Allerdings bitte ich zu bedenken, dass ich mich ja zuerst in "meiner" Musik heimisch fühlen und mich sicher und frei bewegen können sollte - Pluralismus in allen Ehren, aber da, glaube ich, ist es falsch, wenn man zu früh zu viel macht. Anders als beim Klavier (wo es ja eigentlich kaum oder gar keine HIP gibt) gibt es riesige Unterschiede in kompositorischen, interpretatorischen, instrumentlich bedingten und anderen Dingen - und wenn ich mich nicht zuerst auf einem Gebiet eingelebt habe, habe ich sicher sehr große Probleme, später auch sonst unterschiedliche Sachen so getrennt zu halten...
    Viele Grüße

  • Hallo,


    ich habe die "Suite Gothique" in einer Aufnahme mit Jennifer Bate an der Gonzalez-Orgel von Beauvais, deren Nachhall aufgrund des Kirchraumes Legende sein soll.


    Heute habe ich im Ulmer Münster das Werk gehört - die Akustik umwerfend. Da muß bei der Aufnahme in Beauvais wohl ziemlich ziemlich nachgearbeitet oder vorgesorgt worden sein.


    Was im Münster an Transparenz gegenüber Beauvais verloren geht - die hörbar kaum trennbaren Akkordübergänge speziell bei Menuet und Toccata sind ein Hörerlebnis der besonderen Art. Es entstehen Klangverbindungen, die nur in einem so überakustischen Raum erlebt werden können.


    Vilele Grüße
    zweiterbass

    Wer die Musik sich erkiest, hat ein himmlisch Gut bekommen (gewonnen)... Eduard Mörike/Hugo Distler

  • Hallo, ja, sorry:
    L. Beollmann - Suite Gothic
    A. Guilmant - Cantilene Pastorale
    C. Saint-Saens - Improvistion Nr. 7
    L. Verne - Impromptu Op.54,2 - Clair de Lune Op. 53,5 - Divertissement Op. 31.11 - Carilllon de Longpont Op. 31,21
    J.Langlais - Triptyque
    E. Gogout - Toccata in B minor; Scherzo; Grand Choeur Dialogue

    Wer die Musik sich erkiest, hat ein himmlisch Gut bekommen (gewonnen)... Eduard Mörike/Hugo Distler