Der Freischütz in Augsburg


  • Hinrich Horstkotte hat den Freischütz in Augsburg inszeniert. Ich hatte eine Karte für den Sonnabend, habe mich in den ICE gesetzt und bin hingefahren. Es hat sich gelohnt.


    Max ist überreif. Die Tochter des Erbförsters, Agathe, seine letzte Chance, wirtschaftlich und sexuell zu reüssieren. Um den Waidbann zu brechen, der untergründig wohl auch die Angst vor Impotenz in der Hochzeitsnacht ist, geht Max den Freikugeln nach. Horstkotte läßt Max agieren - Kaspar ist sein alter ego, seine dunkle Seite. Kaspars Rachemotiv geht dabei allerdings verloren, aber mit leichten Retuschen am Libretto ist durchaus stimmig, was auf der Bühne abläuft.
    Wolfgang Schwaninger gibt den alternden Jagdgesellen als grüblerischen Außenseiter. Sein schwerer Tenor paßt hervorragend dazu. Mir gefallen heldische Maxe immer gut, René Kollo und Rudolf Schock sind meine Lieblinge in der Partie. So hat mich Schwaninger von Anfang an überzeugt - konzeptionell und gerade auch an diesem Abend mit Spiel und Stimme.


    Mit Kaspar, gesungen von Alejandro Marco-Buhrmester, ergeben sich durch das Doppelgänger-Motiv, das der Regisseur einführt, ein paar hübsche komödiantische Einlagen, als Kaspar sein Lied "Hier im ird'schen Jammerthal" singt.
    Folgerichtig werden die Freikugeln im Maxens Junggesellenschlafzimmer mit dem schmalen Bett gegossen, nachdem Max in Samiel sein eigenes Spiegelbild angerufen hat.
    Eine tolle Szene hat Horstkotte aus dem Guß gemacht: Aus dem zum Sarg gewandelten Bett tauchen Mutter und Agathe auf, die Geometrie des Raumes verzieht sich, bei der zweiten Kugel fliegen fast die Wände weg, nach der sechsten dringt der Wald in Gestalt vieler schwarzer Hirschhornkäfer, Todesboten, auf die Szene und deckt die Verschwörer fast zu. Max ruft das "Hier bin ich!", mit dem sonst Samiel die Szene in der Wolfsschlucht beschließt.
    Max ist in allem die treibende Kraft, die Entschlüsse sind seine eigenen, niemand bläst sie ihm ein.


    Ich hatte durchaus auf Sally du Randt gehofft, als ich nach A. fuhr, aber gestern abend sang die alternierende Besetzung Josefine Weber (Agathe) und Jiyun Cecilia Lee (Ännchen) - erstere recht heldisch, letztere direkt ins Herz des Publikums. Auch die Försterstochter ist nicht mehr die jüngste und durchaus forciert, wenn es um die Ehe geht. Daß Horstkotte ihr eine stumme, somnambule Doppelgängerin verpaßt, ist nicht nötig, stört aber auch nicht sehr.
    Lee und Weber sind ein wirklich gegensätzliches Pärchen. Agathe ein bißchen träge und mißgelaunt, Ännchen quecksilbrig und frech. Den Damen, die ja eigentlich vor allem auf die Männer warten müssen, gibt die die Regie viele kleine feine inszenatorische Einfälle, die ausgespielt werden wollen. Das macht großen Spaß.


    Im letzten Akt betritt Ottokar, mindestens 1,90 m groß und bunt wie ein Pfau die Bühne. Wiard Withold ist ein herrlicher Fürst! Extrovertiert, eitel, formbar und mit einer großartigen Stimme - neben Schwaninger und Lee die dritte sängerische Überraschung des Abends.
    Max schießt. Agathe fällt. Kaspar fällt auch. Maxens "denn schwach war ich, obwohl kein Bösewicht" ist rein taktisch, sein dunkles Ich kann er nur kurz abschütteln, und Kaspar taucht im Schlußbild wieder auf, bei dem beide aufeinander zielen.


    Das Theater Augsburg bespielt den Martinipark, weil das Haupthaus renoviert wird. Das Provisorium wird wohl länger benötigt, für die Arbeiten sind fünf bis sechs Jahre veranschlagt. Im Martinipark gibt es keinen Graben für das Orchester, was eine Kammeroper-Atmosphäre bewirkt. Domonkos Héja dirigierte das Orchester, das mir elastisch und willig schien, nachdem die Hörner, die in den ersten Takten der Ouvertüre ziemlich schräg klangen, sich eingeblasen hatten.


    Es schwarzer Zugriff auf den Freischütz. So überzeugend, daß man auch die Einbußen verschmerzt.

    ..., eine spezifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifizierbar.
    -- Aydan Özoğuz

  • Danke für den ausführlichen, informativen Bericht. Der "Freischütz" eignet sich offensichtlich gut für Regieexperimente und bedingt auch für neue Deutungen. Ich durfte bei den Festspielen in Zwingenberg einen hervorragend gelungenen, von einem Comedian herrlich frech komödiantisch inszenierten Freischütz erleben. Ich schrieb darüber eine Kritik, die ich auch im Form einstellte. Nun berichtet Hans Heukenkamp über eine schwarze Regiekonzeption. Es lebe diese Breite in den Deutungen, das ist spannend und hält die Oper am Leben.


    Herzlichst
    Operus

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