Konzert des Chores und Orchesters Collegium Vocale Gent, Herreweghe, Köln 25. 3. 2018

  • Ich bin kurz vor Mitternacht von einem erfüllenden Konzertabend aus Köln zurückgekehrt:


    Johann Sebastian Bach, Johannes-Passion BWV 245 (Fassung von 1724)
    Dorothee Mields, Sopran
    Damien Guillon, Altus
    Robin Tritschler, Tenor
    Peter Kooij, Bass (Pilatus)


    Maximilian Schmitt, Tenor (Evangelist)
    Kresimir Strazanac, Bass (Christusworte)
    Chor und Orchester des Collegium Vocale Gent
    Philippe Herreweghe, Dirigent


    Vorausschicken möchte ich, dass ich vor 8 Jahren schon Herreweghe mit der Matthäuspassion und seinem Collegium Vocale in der Essener Philharmonie erlebt habe. Damals sang Christoph Pregardien den Evangelisten und Simon Kirkbride den Christus. Dorothee Mields und Damien Guillon waren damals auch schon dabei. Jahre vorher habe ich die Matthäuspassion einige Male in Köln erlebt in der Aera Markus Stenz.
    Eine Protagonisten, der schon sehr lange mit Herreweghe zusammenarbeitet, kenne ich aus verschiedenen Aufnahmen, zum Teil 30 Jahre alt, den Bassisten Peter Kooij:


    der zwar älter geworden ist, jedoch noch immer Beeindruckendes leistet. Ich habe ihn mit der h-moll-Messe, BWV 232, und den Messe BWV 233, 234, 235und 236 sowie dem Weihnachtsoratorium, sämtlich unter Herreweghe.
    Die Johannespassion habe ich nun zum ersten Mal live erlebt, und Herreweghe hat die Besetzung gegenüber der Matthäus-Passion von Essen weiter reduziert. Allerdings ist ja die Matthäuspassion auch zweichörig.
    Hier bestand der Chor zu je vier Sängerinnen und Sängern in den vier Stimmen. Ich Alt sangen außer Damien Guillon noch zwei weitere Countertenöre mit, und außer den oben genannten Solisten, die bis auf Maximilian Schmitt und Kresimir Strazanac in den Chor integriert waren, sangen noch der Tenor Stephen Gähler den Knecht und der Bass Philipp Kaven den Petrus.
    Alle Solisten konnten überzeugen, wobei mich die wunderbare Dorothee Mields:


    mit ihren beiden Arien Nr. 9 "Ich folge dir gleichfalls mit freudigen Schritten" und Nr. 35 "Zerfließe mein Herz, in Fluten der Zähren" sehr bewegte, wobei sie auch die inhaltlichen Kontraste dieser beiden Arien und ihre musikalische Umsetzung meisterlich ausdrückte.
    Auch die beiden reinen Solisten, der mit einem schlanken, biegsamen aber dennoch kraftvollen Tenor singende Maximilian Schmitt:


    der mir ebenso gefiel wie acht Jahre zuvor Christoph Prégardien;


    dann der "Christus" des Kresimir Strazanac:


    mit einem voluminösen Bass, von dem man sicherlich auch noch Einiges hören wird.


    Nicht unerwähnt bleiben sollen der Cuntertenor Damien Guillon:


    der die Altarien sang,


    und der Tenor Robin Tritschler,

    der für die Tenorarien zutändig war.


    Wie so oft, so auch noch letzten Mittwoch in einem Konzert mit Schuberts Stabat Mater und Beethovens Christus am Ölberge war wieder der Chor der Star des Abends, was sich auch im Grad des Schlussapplauses äußerte:


    Bereits im Eingangschor: "Herr, unser Herrscher" setzte der Chor sofort den ersten Ton unverrückbar in den Raum und war sofort präsent und auch der Schlusschor, der den hochmusikalischen Kreis schloss und dem nur noch abschließend der Schlusschoral folgte, wurde mitreißend vom Collegium Vocale vorgetragen, ebenso wie auf dem dramatischen Höhepunkt der Handlung die Turba-Chöre, z. B. Nr. 21 d. "Kreuzige, kreuzige!" oder Nr. 23d. "Weg, weg mit dem, kreuzige ihn!"
    Getragen wurde das Ganze, wie ich auch schon persönlich als Mitwirkender im Weihnachtsoratorium erfahren durfte, von dem Gerüst, das aus den Chorälen besteht, die das Geschehen reflektieren und auf seine Bedeutung hinweisen und deren einfachen Zuschnitt das Collegium ganz schlicht und natürlich vortrug und dessen Melodien sicherlich vielen von den Zuhörern bekannt waren.
    Damit alles gut harmonierte und zu einem großen Ganzen wurde, war auch der Maestro wieder zu großer Forum aufgelaufen:


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Ich finde ja nach wie vor die Matthäuspassion unter Herreweghe (Köln 2010) maßstabsetzend. Ich habe sie "nur" auf DVD (aus dem Fernsehen, arte) aufgenommen. Ich hoffe, dass diese Johannespassion auch bald gesendet wird. Ich beneide dich total, lieber William, für diese Konzerterlebnisse, und auch, wie lebendig du sie beschrieben hast. Im Sommer 2017 war Herreweghe mit seiner Truppe (aber ganz andere Sänger als hier) in Dortmund mit der "Marienvesper" zu hören. Da habe ich nach Hiroshi Wakasugi und Hilary Hahn mit Herreweghe mein drittes Autogramm erbeutet!
    Bisher habe ich oft beobachtet, dass Herreweghe gar nicht dirigiert, schon gar kein Pultlöwe ist ("...und er lockte eine Flöte aus der Streicherwand"). Das liegt sicher daran, dass seine Musiker alles können und er nur die Richtung vorgeben muss. Außerdem bewahrheitet sich hier meine Vermutung, dass das Große an großen Dirigenten ist, dass alle Musiker unter ihnen spielen oder singen wollen!

    Ihr absolviert diese Stelle wie ein Intercity auf einer schwer zu nehmenden Weiche (mein verstorbener Chordirigent Johannes Glauber aus Essen)

  • Wie ich weiter oben schon beschrieben habe, lieber Dottore, habe ich ja die Aufführung, die du aus Köln erinnerst, vor 8 Jahren in Essen erlebt und war davon auch sehr berührt. Gleichzeitig möchte ich betonen, dass ich bei dem gestrigen Erlebnis auch an dich gedacht habe und jetzt mehr denn je verstehen kann, warum du so gerne in kleinen Formationen singst. Nicht nur für den Hörer ist es wohltuend, die Strukturen der Musik durch ide ungeheure Transparenz eines solchen Vortrages von lauter Sängern auf Solistenniveau zu erspüren, sondern auch für den Sänger selbst.
    Ich selbst habe das zum ersten mal vor vielen Jahren erfahren, als wir mit einem großen Chor Mendelssohns "Wie der Hirsch schreit" op. 42 aufgeführt haben. 5 Tage später haben wir den herrlichen Eingangschor in einem Hochzeitsgottesdienst mit der halben Besetzung, also in Kammerchorstärke und nur mit Orgel gesungen. Es war herrlich.


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Ja lieber Willi, auch von mir ein "Danke" für Deinen Bericht aus Köln. Ich kann mir lebhaft vorstellen, dass Du ein tolles Erlebnis hattest. Ich finde es sehr schade, kann es aber nachvollziehen, dass solche Konzerte nur in größeren Städten geboten werden, denn auf dem Dorfe - wie hier in MH - kommen möglicherweise nicht genug Zuhörer zusammen.


    Übrigens kenne ich auch Mendelssohns op. 42, finde aber - wohl meiner Affinität zum Barock geschuldet - Händels Vertonung des nach Wasser schreienden Hirsches viel schöner...


    :hello:

  • Lieber Musikwanderer,


    in Mülheim werde ich am 26. 4. wieder aufschlagen. Ich habe letztens eine prima Karte ergattert für das Klavierrecital (Schubert) von Mitsuko Uchida. Vielleicht sieht man sich ja mal. Ich war übrigens von allen meinen Konzertbesuchen beim Klavierfestival Ruhr am häufigsten in Mülheim.


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • So ist es, lieber Musikwanderer, und es sind noch Karten verfügbar. Sie spielt Schuberts H-dur-Sonate Nr. 9 D.575, dann die berühmte Nr. 16 a-moll D.845 und am Schluss die wunderbare Nr. 17 D-dur D.850:



    Hier aus dieser Sonate das berührende "Con moto" :rolleyes:


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).