Beethoven Neunte - Chor im Publikum

  • Es sollte ein großartiger Abend werden, die Neunte von Beethoven steht außer am Silvestertag ja nicht oft auf dem Programm und ist natürlich, schon wegen des großen Chorfinales immer etwas Besonderes. Es spielte das Konzerthausorchester Berlin unter seinem Noch-Chefdirigenten Ivan Fischer. Ursprünglich war der (gute) Rundfunkchor Berlin vorgesehen, aber ein Einlegezettel im Programmheft informierte darüber, dass aus "produktionsbedingten Gründen" (was ist das?) die Chorpartie vom The Choir of the Transylvania State Philharmonic übernommen wird. Die Solisten: Christiane Karg, Sopran; Gerhild Romberger, Alt; Mauro Peter, Tenor; Hanno Müller-Brachmann, Bass. Zusätzlich gab es zur Sinfonie noch ein Vorstück, von Tore Takemitsu: "Familiy Tree", Musical Verses for Young People für Orchester und Sprecherin. Aber darum soll es hier nicht gehen. Die Leute waren schließlich wegen der Sinfonie gekommen, darunter zahlreiche Vertreter vom Hauptsponsor 50hertz. Das Orchester steigt ein, vom Chor ist nichts zu sehen. Na schön, vielleicht nach dem zweiten Satz. Auffallend: direkt mittig vor dem Dirigentenpult sind zwei kleine Pauken. Fischer bemüht sich redlich, den musikalischen Fluss zu erhalten, es gibt dabei keine Ausreißer, alles ziemlich brav und bieder. Nach dem zweiten Satz kommen die Solisten auf die Bühne, immer noch kein Chor zu sehen. Der langsame Satz hört sich wirklich schön an, aber etwas bleibt die Konzentration auf der Strecke, weil man überlegt: Wo bleibt der Chor? Jetzt beginnt das Finale, nach dem zögerlichen Prestoaufschrei spielen sehr zart Celli und Bässe die Freudenhymne, bis es den Chor nicht mehr auf den (Parkett)-Sitzen hält. Bunt verteilt, da zwei Sänger, dort zwei Sängerinnen, Weiblein und Männlein durcheinander im Parkett verteilt, geschätzt vielleicht 30 Choristen. Mal auf, mal nieder, die Zuhörer um sie herum sollen ja die Sicht auf das Orchester behalten. Fischer dirigiert mal nach vorne ins Orchester, mal nach hinten in den Saal hinein, hampelt wie ein Hanswurst, ich fand das ziemlich peinlich. Die Doppelfuge bleibt bei dieser Positionierung natürlich auf der Strecke. Die Solisten passen sich dem niedrigen Niveau an und sind wenig hörenswert. Auch der Schluss ist mir zu schaumgebremst, zu wenig Energie und vom Schlagwerk mit zwei Minibecken zu wenig unterstützt. Ob Fischer mit dieser Aufstellung ins Guinessbuch der Rekorde kommt? Hat jemand so etwas schon mal erlebt? Es war auf jeden Fall ein einzigartiger Abend. Unvergesslich dazu!
    :hello:

  • Lieber timmiju,


    das eröffnet ja völlig neue Interpretationen??!!


    Ich stelle mir Bruckners 7. oder Mahlers 3. vor. Kein Orchester auf der Bühne, dafür Stühle, darauf Zuschauer. Bühnenplätze zum doppelten Preis.
    Das Orchester im Saal verteilt, zwischen dem restlichen Publikum. Die Bässe irgendwo von der Bühne aus gesehen rechts, am Ausgang zu den Toiletten. Die 1. Violinen wenigstens noch geschlossen auf der Gegenseite, in Richtung Fahrstuhl. Alles andere kreuz und quer verteilt. Wäre Bruckner dran, dann die 4 Wagnertuben gemeinsam im obersten Rang, letzte Reihe. Bei Mahlers 3. das Posthorn vor der Tür (wie es eigentlich sein soll, bitte nicht rechts auf der Toilette, sondern daneben!)
    Der Dirigent unter der Orgel, damit er den Überblick behält. Das neben den Musikern sitzende Publikum muß die Noten halten. Über eine Ermäßigung der Kartenpreise oder einen Zuschlag wird noch gestritten. Während des Spielens sollte das Publikum aufstehen und die Orchestermitglieder sitzenbleiben, gruppenweise.


    Das wäre als Event zu verkaufen. Natürlich wird dafür ein Regisseur benötigt, es entsteht eine neue Spezies, Konzertregisseur!! Leute, es geht aufwärts in Deutschland!!!


    Herzlichst La Roche

    Musik ist eine heilige Kunst - Hugo von Hofmannsthal. Aussage des Komponisten aus der Oper "Ariadne auf Naxos" mit der Musik von Richard Strauss.


  • Ich sehe das auch kritisch. Deiner Schilderugn zufolge, lieber timmiju, hat durch diese Aktion die Qualität der musikalischen Darbietung erheblich gelitten, wie man es sich auch unschwer vorstellen kann, und da gewinnt man dann schon den Eindruck, dass es hier darum ging, auf jeden Fall etwas Neues und Originelles und NIedagewesenes zu bieten, auch wenn es zu keinem musikalischen oder interpretatorischen Mehrwert führt, im Gegenteil. Das ist für mich dann leider bloße Effekthascherei, die keinerlei Gewinn bringt.

  • die keinerlei Gewinn bringt.


    Da würde ich widersprechen, immerhin dürfte es für die Konzertbesucher einen unvergesslichen Abend gebracht haben! Vielleicht musikalisch nicht ganz so, wie man es sich gewünscht hat, aber es war mal etwas neues, es wurde einfach mal etwas ausprobiert. Ist doch schön. Musik ist ja eine lebende Kunst. :D;)

  • Lieber Friese,



    unvergesslich zweifellos, aber ob das dann eher positiv oder negativ in Erinnerung bleibt, steht natürlich auf einem anderen Blatt....wenn man solch eine Aktion bringt, dann muss die auch wirklich perfekt und auf den Punkt sein (in der Oper haben wir das schon mal gemacht, dann waren allerdings Monitore verfügbar, um den Dirigenten zusehen), und selbst dann ist es noch eine heikle Angelegenheit. Aber nunja, der transsylvanische Staatsphilharmoniechor war mit 30 Sängerinnen und Sängern natürlich auch nicht gerade üppig besetzt, wenn man das durch die entsprechenden Stimmgruppen teilt. Bei uns wurde damals für die Neunte noch der Extra-Chor hinzugezogen.

  • Hallo Don Gaiferos
    Ich will ja auch gar nicht sagen, dass unbedingt positiv sein muss. Ich war ja auch nicht dabei. Und wie ich bei dir gerade lese, war es ja wohl kein einzigartiges Experiment. Aber ich freue mich halt immer wenn sich etwas bewegt. Und selbst wenn es nicht 100%IG geklappt hat, man hat es versucht, und muss vielleicht noch etwas dran feilen, aber man hat es probiert, dass finde ich immer aller Ehren wert.