Die ewig gleichen Stücke/Komponisten!?!

  • Hallo liebe Mit-Klassikbegeisterte!


    Ich möchte hier zu einem Thema schreiben, das mich schon ein Weilchen beschäftigt. Wenn man sich die "Klassiklandschaft" anschaut stößt man unweigerlich auf die ewig gleichen Namen: Die drei grossen B (und vielleicht das ein wenig kleinere b(artok)), Chopin, die beiden grossen S (Schubert, Schumann), Rachmaninov und ein kleines Häufchen weiterer Komponisten. Das fällt auch in diesem Forum auf. Praktisch nie findet man Namen wie Anatoly Liadow, Alexander Borodin, Manuel de Falla, Enrique Granados, Glinka, Glasunow, Mompou und so weiter und so fort... Woran liegt es, daß fast jeder Solist oder Dirigent (ob einer der wirklich grossen oder einer, der erst gross werden will) sich auf ein so enges Feld festlegt und die x-millionste Beethoven-Sonaten-Aufnahme oder die tausendste Aufnahme des zweiten oder dritten Rachmaninov-KK aufnimmt??? Sind andere Komponisten wirklich so viel schlechter, daß ihre Musik es nicht wert ist, aufgenommen zu werden? Als kleines Beispiel möchte ich den schon angeführten Anatoly Liadow nennen - einen Komponisten, der sich vor allem durch seine Klavierminiaturen hervorgetan hat. Unter diesen finden sich wirklich wundervolle kleine Schätze - man höre sich nur einmal das herrliche Prelude op 11 Nr 1 an. Sucht man nun nach Aufnahmen von seinen Klavierwerken ist die Ausbeute sehr mickrig: In den allermeisten Fällen findet man nur vereinzelte Werke als Füllmaterial auf CDs, die sich vornehmlich anderen Komponisten widmen. Lediglich eine CD konnte ich finden, die sich ausschließlich Liadow's Klavierwerken annimmt: Von Stephen Coombs für Hyperion eingespielt (unter anderem auch mit dem erwähnten Prelude).


    Woran liegt's? Und: Fehlt euch nicht auch ein wenig die Abwechslung im Klassikbereich? Neuentdeckungen statt der bekannten Werke?


    VG, FoN

  • Wer ist denn das dritte B? Berlioz oder Bruckner? Ist Bruckner so bekannt?
    Zu Borodin kann ich sagen, dass er Naturwissenschaftler war und nur nebenbei ein paar Werke geschrieben hat. Deshalb KANN er zwangsläufig gar nicht so oft gespielt werden.


    Nun was soll man zu disesem Thema schreiben.
    Es liegt doch letztendlich in der Hand der Hörer. In der freien Marktwirtschaft (bzw. in Deutschland die soziale Marktwirtschaft, wie das in Österreich ist weiß ich nicht). bestimmt die Nachfrage maßgeblich das Angebot. Das hat den Vorteil, dass automatisch die breite Masse mit den nötigsten versorgt wird. Jemand der an Besonderheiten ganz interessiert ist natürlich etwas benachteiligt.


    Du, FreakOfNature, kannst das wenigstens etwas mit steuern, in dem du anderen Menschen, deinen Liadow und andere Komponisten näherbringst.
    Der zweite Punkt ist natürlich, dass das klassische Gebiet so unglaublich groß ist und man sich normalerweise, weil das auch Sinn macht, von den berühmtesten Komponisten zu den etwas unbekannteren Komponisten vorarbeitet.


    Zu der Schlussfrage: Das Gegenteil ist der Fall, durch die Eindringung in die Welt der klassischen Musik bekam das Wort Abwechslung für mich eine ganz neue Bedeutung.

  • Lieber FoN,


    Zunächst mal Gratulation, daß Du dich durchgeungen hast von den Lesenden zu den Schreibenden zu wechseln :hello:


    Dann die Anwort auf Deine Frage:


    Die meisten der von Dir genannten Komponisten liegen geschmacklich nicht auf meiner Linie.


    Jedoch der "Vorwurf" ich würde immer nur die selben 5, 10 oder 30 Komponisten hören, zieht zumindest bei mir nicht, denn ich bin ein ausgesprochener Sammler von "Raritäten", ich schwärme geradezu für dei "Kleinmeister" des 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts. Allein hievon sollte ich in etwa 100 Komponisten haben und schätzen...


    Ulli und ich, das ist abgesprochen, werden in nächster Zeit alternierend 20 oder 30 dieser Komponisten vorstellen - allzuviel Resonanz darf man sich davon jedoch nicht erwarten - Kaum jemand kennt die Namen und wenn doch - hat Aufnahmen davon.


    Dennoch - das Forum ist für jeden offen, der einen Komponisten mittels Thread vorstellen will.


    Im übrigen haben wir hier schon Namen wie Rubinstein (der Komponist), Raff´und Gernsheim erwähnt - mit mäßigem Erfolg, muß ich leider sagen.


    LG


    aus Wien


    Alfred

  • Zitat

    Original von ThomasW
    Wer ist denn das dritte B? Berlioz oder Bruckner? Ist Bruckner so bekannt?


    Meine drei grossen B's waren: Bach, Beethoven, Brahms


    Zitat


    Zu Borodin kann ich sagen, dass er Naturwissenschaftler war und nur nebenbei ein paar Werke geschrieben hat. Deshalb KANN er zwangsläufig gar nicht so oft gespielt werden.


    Borodin hat immerhin drei sehr ordentliche Sinfonien und ein paar andere Orchesterwerke komponiert - allesamt schöne Werke, vor allem wenn man mit in Betracht zieht, daß er nur "nebenbei" Komponist war.


    Nun, die Erklärung mit den Prinzipien der Marktwirtschaft kann meiner Meinung nach nicht wirklich darauf angewendet werden: Dem einsteigenden Hörer bleibt ja kaum etwas anderes übrig als sich dem Angebot des Marktes zu beugen - wenn man im CD-Markt nichts anderes als das altbekannte findet, werden auch nur wenige den Weg zu neuen Komponisten finden. Dadurch kann ganz einfach gar keine Steuerung über die Nachfrage passieren - was man nicht kennt, wird nicht nachgefragt und was man nicht nachfragt, kann man als Einsteiger nicht kennen, da es nicht angeboten wird. [Wenn ich's mir recht überlege gilt das eigentlich für die allermeisten 'marktgesteuerten' Bereiche] Eine Hoffnung auf Änderung ist da das Internet (insbesondere Foren wie dieses).


    Zitat

    Du, FreakOfNature, kannst das wenigstens etwas mit steuern, in dem du anderen Menschen, deinen Liadow und andere Komponisten näherbringst.


    Ich werde mal versuchen, ab und zu etwas unbekanntere Komponisten mit einzubringen!!! Vielleicht mach ich ja demnächst gleich mal einen Thread über Liadow! :]

  • Zitat

    Original von Alfred_Schmidt
    Zunächst mal Gratulation, daß Du dich durchgeungen hast von den Lesenden zu den Schreibenden zu wechseln :hello:


    Na mal sehen, wie lange das anhält - ich bin meistens sehr schreibfaul... :rolleyes:


    Zitat


    Jedoch der "Vorwurf" ich würde immer nur die selben 5, 10 oder 30 Komponisten hören, zieht zumindest bei mir nicht, denn ich bin ein ausgesprochener Sammler von "Raritäten", ich schwärme geradezu für dei "Kleinmeister" des 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts. Allein hievon sollte ich in etwa 100 Komponisten haben und schätzen...


    Nunja, ein Vorwurf sollte das nun sicherlich nicht sein - eher eine Suche nach Gründen, warum viele Menschen, die sich lange mit Klassik beschäftigt haben, es nicht schaffen, 'über den Tellerrand zu schauen'. Ein ganz besonders markantes Beispiel dafür wäre mein Klavierlehrer - er spielt seit etwa 50 Jahren klassische Werke auf dem Klavier und kennt erschreckend wenige Komponisten abseits der "ausgelatschten Pfade"! Ich bin aber fleissig damit beschäftigt, das zu ändern.. :D


    Zitat


    Ulli und ich, das ist abgesprochen, werden in nächster Zeit alternierend 20 oder 30 dieser Komponisten vorstellen - allzuviel Resonanz darf man sich davon jedoch nicht erwarten - Kaum jemand kennt die Namen und wenn doch - hat Aufnahmen davon.


    Auch wenn ich eher ein Fan der romantischen als der klassischen Ära bin freue ich mich schon sehr auf diese Themen!


    Zitat

    Im übrigen haben wir hier schon Namen wie Rubinstein (der Komponist), Raff´und Gernsheim erwähnt - mit mäßigem Erfolg, muß ich leider sagen.


    Zumindest die Vorstellung von Raff hat bei mir zur CD-Anschaffung geführt - also war es schonmal nicht umsonst...


    LG, FoN

  • Hallo FoN,
    einerseits hast Du schon recht, wenn ich mal - weil ich vielleicht auf meine Frau warten muß - mehr oder weniger gelangweilt das halbe Regal mit Klassik-CDs im örtlichen Supermarkt durchblättere, finden sich wirklich immer die selben wenigen Namen. Auch wenn ich bei ebay nach Dvorak-CDs suche, komme ich zu der Annahme, der Mann hat außer der Neunten nix geschrieben.
    Das ist halt das, was die "breite Masse" kennt und möglicherweise am ehesten kauft.
    Andererseits muß man ja diesen Trend nicht mitmachen. Glücklicherweise ist es so, daß es - insbesondere bei kleineren Labels - noch viel zu entdecken gibt.
    Während die einen sagen: "Kenn ich nicht - kauf ich nicht", heißt es für mich eher: "Kenn ich noch nicht - muß ich haben" :D
    Habe gerade mal nachgeschaut, in meiner bescheidenen CD-Sammlung finden sich ca. 190 Komponisten, bei insgesamt etwa doppelt so vielen CDs.


    Viele Grüße
    Reinhard

    Einer acht´s - der andere betracht´s - der dritte verlacht´s - was macht´s ?
    (Spruch über der Eingangstür des Rathauses zu Wernigerode)

  • :hello: fon


    die großen buchstaben haben einfach zuuu gute musik geschrieben!
    an bach oder beethoven kann man sich eigentlich nicht "satt"hören.
    ich glaube nicht, dass ihre präsenz vorwiegend marktgesteuert ist. wobei es schon große regionale unterschiede gibt: in den usa z.b. kaum haydn oder mozart, dafür tschaikowsky, ravel, strawinsky....
    wenn man in einen der tonträgerkataloge (zb. bielefelder oder naxos) schaut, findet man hunderte komponisten verewigt (für kurze zeit ;) )
    ein einsteiger in die welt der klassischen musik ist ja zuerst ein halbes leben lang damit beschäftigt, die "großen" und ihr werk kennenzulernen. ist er darin einigermaßen firm, mag er entweder da in die tiefe gehen und ist damit die nächsten 2 1/2 leben beschäftigt, oder er sucht sich seine lieblinge jenseits des randes des tiefen tellers. da gibt es aber so viele möglichkeiten, dass es zu keinen schwerpunktbildungen mehr kommen kann.


    aber es ist natürlich schon interessant: wir hören alte, "tote" musik; die "lebende", d.h. musik, die zu unserer lebenszeit entsteht, ist im vergleich dazu echt tot. übertragen auf einen anderen kulturbereich hieße das: wir läsen fast nur goethe, schiller, heine, shakespeare, racine, tolstoi, cervantes und kein mensch gierte nach neuerscheinungen von z.b. updike, handke, grass oder meinetwegen rowling.


    :hello:
    :beatnik:

  • Hi observator


    Zitat

    aber es ist natürlich schon interessant: wir hören alte, "tote" musik; die "lebende", d.h. musik, die zu unserer lebenszeit entsteht, ist im vergleich dazu echt tot. übertragen auf einen anderen kulturbereich hieße das: wir läsen fast nur goethe, schiller, heine, shakespeare, racine, tolstoi, cervantes und kein mensch gierte nach neuerscheinungen von z.b. updike, handke, grass oder meinetwegen rowling.


    Es könnte aber auch nur heißen, dass hier niemand öffentlich zugibt, was er so an zeitgenössischer populärer Musik hört. Könnte ja mit dem Image des Mozart- oder Bach-Experten kollidieren...


    :D :D :D

  • Zitat

    Sind andere Komponisten wirklich so viel schlechter, daß ihre Musik es nicht wert ist, aufgenommen zu werden?


    Hallo FoN,


    ich denke eher, die Struktur ergibt sich durch Marketing Mechanismen. Da geht niemand gern Risiken ein und bringt lieber altbewährtes. Das wird sich geben, ein Tschaikowski 1b moll war ja auch irgendwann entsaftet.


    Ich habe grad einige Musikgeschichten von 1880 bis 1930 durchgelesen - da gibt's zig Komponisten allein in Deutschland vor und nach Richard Strauss, die scheinbar einen recht hohen Stellenwert besassen, und die sich heute nicht einmal ergooglen lassen. Da muss wohl CPO, denen ich übrigens äusserst dankbar bin, noch viel leisten.


    Ich besitze in meiner CD-Sammlung keine einzige Beethoven, Mozart, Schubert oder Vivaldi Aufnahme. Damit habe ich mich zu LP-Zeiten ausgetobt.


    Beim Formatwechsel habe ich fast nichts zum zweitenmal gekauft, daher sind meine Favoritenlabel zur Zeit CPO, BIS, Chandos, Naxos und viele kleinere. Da muss ich im nächsten Jahr nochmal kräftig zulangen. Die Formate stehen bei mir mittlerweile gleichberechtigt nebeneinander.


    Ich kaufe "Konserven" fast ausschliesslich unter dem Motto "neue Musik kennenlernen". Um Interpreten oder gar Werbung kümmere ich mich überhaupt nicht.


    Threads im Forum aufzumachen ist natürlich auch recht schwierig, da es z.B. von Cornelis Dopper zur Zeit grad' mal 2 Aufnahmen gibt und darüber zu diskuiteren ist recht müssig.


    Auf der anderen Seite ist im Nordlichter Thread ja auch einiges zum Vorschein gekommen. Rangström zählt bei mir nach wie vor mit wenigen anderen Aufnahmen zum Kauf des Jahres 2005, und Allan Pettersson werde ich im nächsten Jahr komplett bestellen.


    Ernst Boehes Symphonische Werke sind schon vorgemerkt und Bantock muss ich komplettieren.


    Viele Grüsse
    Walter

  • Zitat

    Original von observator
    lieb gottlieb,
    ich meinte zeitgenössisch-klassisch und nicht "guilty pleasures", wo wir uns eh ordentlich geoutet haben :D
    aber das hast du ohnehin kapiert :baeh01:
    :hello:


    Was uns zur interessanten Frage bringt, was wird in - sagen wir einmal - zweihundert Jahren in den Musiklexika über die Musik der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu lesen sein? Wird es das sein, was wir so unter "Neuer Musik" im ernsten Fach bezeichnen (Boulez, Henze, Messiaen, ... Hilfe!), von der Friedrich Gulda einmal schnippisch meinte, dass sie weder "Neu" noch "Musik" sei. Wird sie wirklich überleben können?


    Also ich weiß nicht, ich bin mir da gar nicht so sicher...


    :hello:

  • Wir müssen uns mal vor Augen halten, welche Ansprüche (weltliche)Musik früher hauptsächlich erfüllte:


    Die Leute zu unterhalten, zu erfreuen, in gehobene Stmmung zu versetzen,( zeitweise schaffte das sogar die geistliche Musik) ihre Macht und Herrlichkeit zu präsentieren.
    Herrscher und Adelige, später das Bürgertum erteilten Aufträge, und es bestand reges Interesse.
    Um die Jahrhundertwende 1900 kam irgendjemand auf die IDee von nun ab müsse alles anders werden. Neue Klangwelten entstanden - waren aber den alten noch irgednwie verbunden. Was ich beispielsweise an Strawinsky und Schostowitsch, ebenso wie bei Mahler schätze, daß hier Reminiszenzen an die" Welt von gestern" stets präsent sind - nicht ihr "revolutionärer" Ansatz.
    Irgendwann gab man in der Kunst das Streben nach Schönheit auf, das jahrhundetelang eine Wichtigen Faktor darstellte, das gilt für alle Kunstformen. Man hatte plötzlich "Mut zur Häßlichkeit"
    Besser gesagt, die Kunstlobby hatte diesen Mut - das Publikum nicht. Diese Tatsache wird geren übersehen - übergangen - was weiß ich.


    Persönlich hatte ich dieses Forum gegründet um gegen die zeigenössischen Kunstformen zu wettern. Indes - es ist nicht nötig.
    Ich habe dieses Forum inzwischen sogar für die Moderne geöffnet - indes - sie ist ein "zahnloser Tiger"
    Allen gegenteiligen Beteuerungen zum Trotz will sie niemand hören.
    Diese Musik will die Tonalität abschaffen (oder zumindest relativieren) "Neue Hörgewohnheiten" einführen uns scheinbar die Gesellschaft verändern. Unschönes, Unangenehmes solli m Vordergrund stehen- das Publikum soll erschüttert und aufgerüttelt werden -
    wer will das schon ???? :P


    Musik die einen halbstündigen Eiführungsvortrag benötigt um erträglich zu sein hat nach meiem Dafürhalten nur geringe Chancen.


    Bei Mozarts Musik mag ein Einführungsvortrag hilfreich sein - indes - seine Musik spricht für sich....


    Freundliche Grüße


    Alfred

  • @ theophil



    200 jahre sind von heute aus gesehen extrem, wenn man die menschheitsentwicklung anschaut, die ja in vielem nicht linear sondern exponentiell abgelaufen ist.
    in 200 jahren gibt's die menschenwelt vielleicht nicht mehr.
    wenn doch werden die obgenannten in lexikaähnlichem sicher vorkommen, weil immer weniger "verschwinden" kann. ihre bewertung, die du ja meinst, werden programme übernommen haben.
    denk ich mir jetzt mal spielerisch... :]


    :hello:
    :beatnik:

  • Zitat

    Original von Alfred_Schmidt
    Diese Musik will die Tonalität abschaffen (oder zumindest relativieren) "Neue Hörgewohnheiten" einführen uns scheinbar die Gesellschaft verändern. Unschönes, Unangenehmes solli m Vordergrund stehen- das Publikum soll erschüttert und aufgerüttelt werden -
    wer will das schon ???? :P


    Aristoteles zum Beispiel.
    Ich weiß, daß ich hier gegen die Wand rede, aber ich kann diese wiederholt vorgetragene völlig unhistorische Position nicht unwidersprochen hinnehmen (Es war nicht mal im "Rokoko" wahr, da geben Äußerungen von z.B. Mozart oder Gluck und insbesondere auch ihre Musik eine andere Auskunft). Daher ein paar Stellen aus der vermutlich ältesten abendländischen systematischen Abhandlung über die Funktion von dramatischer Kunst (Antike Tragödien waren von Musik begleitet, es ist jedoch wohl nicht ganz klar, wie. Es waren jedoch keine "Opern", wie die Florentiner um 1600 glaubten):


    "Die Tragödie ist demnach die nachahmende Darstellung einer sittlich ernsten, in sich abgeschlossenen, umfangreichen Handlung, in kunstvoll gewürzter Rede, deren einzelne Arten gesondert in (verschiedenen) Teilen verwandt werden, von handelnden Personen aufgeführt, nicht erzählt, durch die Erregung von Mitleid und Furcht die Reinigung (Katharsis) von derartigen Gemütsstimmungen bewirkend."
    [...]
    "Dieses wären also zwei Bestandteile der Fabel, nämlich Peripetie und Erkennung? die dritte ist die leidvolle Tat. Eine leidvolle Tat aber ist eine verderbenbringende und schmerzverursachende Handlung als da sind Tötungen vor den Augen der Zuschauer Fälle, von übermäßigen Qualen, Verwundungen und sonstiges dieser Art."


    "Es kann nun das Furcht- und Mitleiderregende (1453b) aus der szenischen Ausstattung erwachsen, es kann aber auch aus der Verknüpfung der Ereignisse selbst sich ergeben und dies ist das Vortrefflichere und Sache des besseren Dichters. Man muß nämlich auch ohne Rücksicht auf die Aufführung die Fabel so gestalten, daß man schon beim bloßen Anhören aus dem, was sich zuträgt, Schauder und Mitleid empfindet, eine Wirkung, die jemand, der die (dramatische) Darstellung der Oidipus-Geschichte auch nur (vorlesen) hört, an sich erproben kann."
    (Aristoteles, Poetik)


    Kunst als Zerstreuung ist gewiß ein Aspekt unter vielen, aber es war die längste Zeit der Menschheitsgeschichte gewiß nicht der zentrale. Klassik war nicht einfach die Popmusik der Oberschicht um 1780 oder 1800 oder wann auch immer, egal was Filme wie "Amadeus" suggerieren.
    Selbstverständlich steht jedem frei, Kunst und Musik hauptsächlich als Unterhaltung zu sehen. Aber man sollte diese Privatmeinung nicht leichtfertig auf vergangene Epochen ausdehen oder daraus die "eigentliche funktion der Kunst" ableiten.


    viele Grüße


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Zitat

    Original von Alfred_Schmidt
    Allen gegenteiligen Beteuerungen zum Trotz will sie niemand hören.


    Lieber Alfred,


    es ist immer wieder schön, zu erfahren, dass man "niemand" ist.


    Beste Grüße,


    Niemand

    Die wirkliche Basis eines schöpferischen Werks ist Experimentieren - kühnes Experimentieren! (Edgar Varèse)

  • Zitat

    Original von FreakOfNature



    Meine drei grossen B's waren: Bach, Beethoven, Brahms


    Ach Gott, Brahms. Meine Güte, der ist mir prompt nicht eingefallen. :D


    In Bezug auf moderne Musik gebe ich Alfred recht.
    Wenn ich erschüttert und aufgerüttelt werden will, lese ich ein Buch. :baeh01:
    Natürlich hört man Musik um unterhalten zu werden, sonst würde sich glaube ich das Geld für die CDs gar nicht rentieren.


    Das Problem ist, dass einfach zu wenig Menschen überhaupt zur klassischen Musik finden. Man muss erst einmal die Toren für Neulinge weiter öffnen (aber zu diesem Thema gibt es ja andere Threads). Es ist ja schließlich so, dass die meisten Menschen auch nicht bekanntere Komponisten kennen. Ich glaube wenn ich mich morgen Mittag in die Fußgängerzone stelle und jeden der vorbeikommt Frage, wer Modest Mussorgsky ist, werde ich bis abends dastehen, bis ich jemand treffe, der diesen kennt. Wie um alles in der Welt soll dann sogar Liadow bekannt werden.
    Das Milieu der Klassikliebhaber schaufelt sich das eigene Grab, wenn es nicht versucht in höchsten Maße neue Anhänger für seine Musik zu begeistern und damit das mediale Interesse etwas mehr auf dieses Musikgenre lenkt.


  • Ein alter Hut, Huth... :D


    Meinen berühmten Namen, Kyklop? Du sollst ihn erfahren.
    Aber vergiß mir auch nicht die Bewirtung, die du verhießest!
    Niemand ist mein Name; denn Niemand nennen mich alle,
    Meine Mutter, mein Vater, und alle meine Gesellen.
    Also sprach ich; und drauf versetzte der grausame Wütrich:
    Niemand will ich zuletzt nach seinen Gesellen verzehren;
    Alle die andern zuvor! Dies sei die verheißne Bewirtung!


    SCNR :D


    :hello:


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Zitat

    Allen gegenteiligen Beteuerungen zum Trotz will sie niemand hören.


    Hallo Alfred,


    ein Freund von mir liebt Barockmusik, Händel Oratorien oder ähnliches über alles und singt selbst mit seiner Frau seit Jahren bei den Aufführungen im Chor.


    Letzte Woche hörte ich mit ihm stundenlang Lachenmann, Ligeti und Rolf Riehms Violinkonzert "Shifting", und er hatte seine helle Freude daran. Er hört auch alle Neue Musik-Sendungen im WDR. Ist er vielleicht schizophren oder gar aufgerüttelt?


    Es ist für mich unverständlich, warum jemand ausgerechnet in der Musik einseitige Vorlieben kultivieren sollte - ich höre ja auch Raff und Gernsheim!


    Viele Grüsse
    Walter

  • Zitat

    Original von FreakOfNature
    Häufchen weiterer Komponisten. Das fällt auch in diesem Forum auf. Praktisch nie findet man Namen wie Anatoly Liadow, Alexander Borodin, Manuel de Falla, Enrique Granados, Glinka, Glasunow, Mompou und so weiter und so fort... Woran liegt es, daß fast jeder Solist oder Dirigent (ob einer der wirklich grossen oder einer, der erst gross werden will) sich auf ein so enges Feld festlegt und die x-millionste Beethoven-Sonaten-Aufnahme oder die tausendste Aufnahme des zweiten oder dritten Rachmaninov-KK aufnimmt??? Sind andere Komponisten wirklich so viel schlechter, daß ihre Musik es nicht wert ist, aufgenommen zu werden?


    Das trifft auf dieses Forum nun m.E. überhaupt nicht zu: Alfred hat ja schon die "Kleinmeister" des späten 18. Jhds. genannt, andere wie Guercoeur haben ausführlich relativ unbekannte Komponisten des späten 19. u. frühen 20. Jhds. vorgestellt, salisburgensis und BigBerlinBear, sowie natürlich der Lullist werben für Barockmusik abseits der ausgelatschten Pfade, andere wie C.Huth oder Walter (und Walter T.) befassen sich mit zeitgenössischer Musik. (Und all die anderen, die ich jetzt vergessen habe)
    Dass junge Künstler sich mit bekannten Werken vorstellen hat einige naheliegenden Gründe: Erstens sind sie populär, wenn das Publikum den Pianisten schon nur als X-Preisträger kennt, weil er noch nicht so bekannt ist, will es ein bekanntes Werk hören. Zweitens muß der Jungstar sich auf dem allgemeinen "Schlachtfeld" bewähren; er muß erstmal zeigen, dass er die Schachtrösser drauf hat. Und drittens vermute ich, dass die Ausbildung auch zunächst auf die bekannte Werk konzentriert ist, weil die für die Wettbewerbe parat sein müssen.


    Weiterhin gibt es meistens gute Gründe wenn Komponisten weniger bekannt sind oder ganz in der Versenkung verschwinden. Das ist zwar kein einziger udn verbindlicher Qualitätsmaßstab, hat aber auch mit bestimmten Qualitäten zu tun, nicht nur mit dem Zeitgeist.
    (in den letzen Jahrzehnten ist z.B. ein Zeitgeistphänomen, dass zeitgenössische Musik von etlichen Hörern abgelehnt wird, sie des zentralen Repertoires aber auch überdrüssig sind und sich daher auf bisher wenig beackertes Gebiet stürzen: alte Musik, Barock und seit kurzem eben auch "Kleinmeister" des 18.-20. Jhds.


    Ich muß dazu sagen, dass ich trotz ca. 18 Jahren Hörens klassischer Musik und vielleicht einiger kleiner Schwerpunkte abseits des Mainstream, immer noch große Teile des Standardrepertoires nur oberflächlich, unzureichend oder gar nicht kenne, zB viele Opern, aber auch Klaviermusik von Liszt, Skrjabin, Rachmaninoff usw.
    Gar nicht zu reden von zentralen Komponisten vor ca. 1700. Da möchte ch wenn erstmal solche Lücken schließen, statt die zweite Reihe der Spätromantiker oder der Mozart-Zeit ausführlich kennenzulernen.
    (Dennoch habe ich kürzlich CDs mit Musik von Vanhal und Kozeluch erworben und Schreker bestellt)


    viele Grüße


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Hallo,


    die klassische Musik ist eine extrem schwere und sehr anspruchsvolle Kunstform. Nur wenige haben sie wirklich voll ausgeschöpft und gemeistert, und dies sind diejenigen wenigen, die bekannt und (heute) viel gehört sind. Tatsächlich ist der "Rest" in der Regel nur zweit- oder drittklassig und in der künstlerischen Qualität deutlich von den "großen Komponisten" (Mozart, Beethoven, ...) zu unterscheiden. Entweder fehlen überzeugende Melodien, oder die Musik ist schlecht strukturiert (mit anderen Worten: ein Chaos), oder aber sie klingt einfach langweilig und schöpft möglicherweise nicht die Möglichkeiten der Instrumentation aus (z.b. schlecht orchestriert). Stimmen all diese Faktoren, handelt es sich definitiv auch um einen bekannteren Komponisten.


    Fakt ist auch, dass die vielen großartigen Komponisten wie Beethoven oder Brahms (etc.) so viel komponiert haben, dass man schon das längst nicht alles hören kann. Warum sollte man sich dann also auch noch weitaus schlechteren Stücken widmen, wenn man nicht mal alle guten zu hören bekommt?

    "Das Große an der Musik von Richard Strauss ist, daß sie ein Argument darstellt und untermauert, das über alle Dogmen der Kunst - alle Fragen von Stil und Geschmack und Idiom -, über alle nichtigen, unfruchtbaren Voreingenommenheiten des Chronisten hinausgeht.Sie bietet uns das Beispiel eines Menschen, der seine eigene Zeit bereichert, indem er keiner angehört." - Glenn Gould

  • Hallo rappy,


    wenn du schreibst, dass nur heute vielgespielte und vielgehörte Komponisten Qualität geliefert haben, dann sprichst du vergangenen Generationen jeglichen Musikgeschmack ab! Wie viele Beispiele von Komponisten gibt es, die zu Lebzeiten hochgeschätzt waren, heute aber kaum mehr bekannt sind. Ich kann über soviel Ignoranz nur den Kopf schütteln.



    Thomas

    Da freute sich der Hase:
    "Wie schön ist meine Nase
    und auch mein blaues Ohr!
    Das kommt so selten vor."
    - H. Heine -

  • @ rappy


    In einer Internetveröffentlichung ist unter der Headline "Der Vergessene" nachzulesen:


    "Der Vergessene

    Manche fallen durchs Netz, warum weiß keiner. Johann Wilhelm Wilms (1772-1847) jedenfalls war einer der wichtigen Komponisten seiner Epoche, schrieb Symphonien voller Kraft und Individualität. Er lebte seit 1791 in Amsterdam, brachten den Holländern Mozart und Beethoven nahe, blieb aber selbst im Hintergrund, so sehr, dass es erst intensiver Recherchearbeit des Concerto Köln bedurfte, um seine Musik wieder im angemessenen Glanz erstrahlen zu lassen.
    Johann Wilhelm Wilms kam am 30. März 1772 in Witzhelden Solingen zur Welt. Ersten Klavierunterricht gab ihm sein Vater, ein Lehrer und Organist. Damit war der Grundstock für eine Leidenschaft gelegt, die dazu führte, dass Wilms Musiker statt Pfarrer werden wollte. Nach einem Studium wurde er zunächst Musiklehrer, bildete sich jedoch weiter, lernte Flöte und Komposition. Er reiste zum Spaß nach Amsterdam, war begeistert von der Stadt und ließ sich dort 1791 nieder. Dort wurde er zunächst noch von Georg Hodermann unterrichtet, hatte aber bald selbst als Pianist und Komponist Erfolg. Seine Unterrichtsstunden wurden voll, nebenbei arbeitete er außerdem in verschiedenen Orchestern. Zuverlässig und korrekt erwarb er sich einen guten Ruf in der niederländischen Musikszene und wurde dank seiner Fähigkeiten und seines Engagements bald zu einer wichtigen Persönlichkeit des kulturellen Lebens. Als das Koninklijk Nederlandsch Instituut voor Wetenschappen, Letteren en Schoone Kunsten im Jahre 1808 gegründet wurde, ernannte man Wilms zu einem Mitglied der Musikabteilung. Er gehörte er zu den Initiatoren einer Konzertvereinigung und gewann 1816 in einem Wettbewerb für die Vertonung zweier im Jahre zuvor ausgezeichneter nationaler Texte beide möglichen Preise.


    Das Lied "Wien Neêrlandsch bloed" wurde daraufhin zur offiziellen Nationalhymne. Mit seiner "Symphonie Nr.6, d-moll, op.58" errang Wilms wiederum 1820 den ersten Platz des von der Koninklijke Maatschappij voor Fraaie Kunsten en Letteren zu Gent ausgeschriebenen symphonischen Wettbewerbs. In älteren Jahren galt er als Kapazität in Streitfragen und wurde sogar bei der Entwicklung von Musikinstrumenten um Rat gefragt. Als Wilms am 19.Junil 1847 in Amsterdam starb, war er eine geachtete Persönlichkeit des musikalischen Lebens. Was aber nicht verhindern konnte, dass er außer seiner Komposition der Nationalhymne weitgehend in Veressenheit geriet.


    Es war daher auch für Werner Ehrhardt, den Konzertmeister des Concerto Köln, eine Überraschung, als er vor wenigen Jahren auf der Suche nach unveröffentlichten Meisterwerken auf die Partituren von Wilms stieß. Die Musik zeichnete sich durch erstaunliche Klarheit und Kraft aus, die den Urheber in die Nähe der Beethovenschen Gestaltungsmacht stellt. Stilistisch von der Wiener Klassik ausgehend, war sie allerdings bereits von Elementen des Biedermeiers und der Romantik beeinflusst. Wärme und Spontaneität kennzeichneten den Ton, Direktheit die Entwicklung, anspruchsvolle Modulationen und Instrumentationen die Durchführung der Themen.


    So etwas passt ideal zu den Klangvorstellungen des Concerto Köln und so wählte Ehrhardt die Symphonien Nr. 6 und 7 als Programm für die zweite Aufnahme, die das Ensemble für die Archiv Produktion der Deutschen Grammophon verwirklicht hat. Im Februar 2003 waren die Proben soweit gediehen, dass im Sendesaal des Deutschlandfunks Köln die Bänder laufen konnten. So entstanden zwei Weltersteinspielungen, die Johann Wilhelm Wilms mit rund zwei Jahrhunderten Verspätung nun doch noch die ausstehende Würdigung durch die interessierte Musiköffentlichkeit einbringen könnten."



    Was folgern wir daraus?


    Dank an all diejenigen, die sich um die Wiederentdeckung der "Vergessenen" kümmern. Das ist doch spannend, oder?


    Beste Grüße


    tom

  • Es ist durchaus nicht so, dass ich in der Musik nur die "Fülle desWohllauts" (Thomas Mann) suche. Schuberts Winterreise beispielsweise mangelt es nun wirklich nicht an Schmerz, Erschütterung, Dissonanz und dieses Werk gehört zu meinen Lieblingsstücken.
    Was ich allerdings nicht möchte ist, nach einer halben Stunde Zuhören Kopfschmerzen zu bekommen. Und ich möchte auch keine Musik hören, die nur meinen Verstand anspricht nicht aber mein "Herz" - um dieses pathetische Wort zu gebrauchen.


    Es kann natürlich sein, dass das alles nur Vorurteile sind, ich einfach zu
    wenig weiß über zeitgenössische Musik. Ich gebe zu, meine wenigen
    Hörerfahrungen beschränken sich auf kurze Sequenzen im Radio, die ich noch dazu nie zu Ende gehört habe, weil es mich in keiner Weise angesprochen hat. Und genau das erwarte ich nun mal von jeder Kunst, also auch von der Musik, dass ich mich von ihr "angesprochen" fühle - angesprochen ganz wörtlich gemeint.
    Wenn jemand nicht mit mir "reden" will durch seine Komposition, warum sollte ich seiner Selbstbespiegelung zuhören? Das
    hat nichts mit einem Ausweichen vor irgendwelchen Erschütterungen oder Tiefen zu tun, banale Musik interessiert mich nicht und würde ganz sicher auch längst in der Versenkung verschwunden sein. Aber weder Bach noch Beethoven noch Mozart noch Brahms noch ... ist seicht oder banal. Und mit denen werde ich für den Rest meines Lebens mehr als genug zu tun und zu hören haben. Wenn ich darüber hinaus noch weitere Komponisten kennenlerne - um so besser. Aber ob das zeitgenössische sein werden? - Sehr unwahrscheinlich.


    Mit Gruß von Carola :hello:

  • Hallo allerseits,


    erstmal möchte ich meinem Dvorák-Freund Reinhard zustimmen.
    Was Ebay an Dvoráks Neunter aufbietet ist gigantisch...und das ist nervig. Da macht nicht einmal stöbern Spaß.



    Tja, die ewig gleichen Stücke und Komponisten...
    Da dürfte ich mit Dvorák wohl kaum zu sehr tief in diesen Sumpf hineingeraten sein. Natürlich gehört er zu den Bekannten, gar keine Frage, aber dennoch steht er in der Allgemeinheit und vom Bekanntheitsgrad deutlich unter den Genannten Bach&Co.
    Aufgrund von meinem Interesse, höre ich auch nicht die gleichen Werke! Denn selbst bei ihm gibt es so viel tolles zu entdecken, dass schon dadurch Abwechslung entsteht.


    Natürlich beschränke ich mich nicht allein auf ihn.
    Auch ich will grob das 'Pflichtrepertoire' kennen. Gehört das nicht irgendwie dazu? Ich finde, da gibt es zwei Fronten...darüber sollten wir nicht diskutieren, weil es entweder die Partei gibt, die Wert darauf legt und die andere, die es für absurd halten unbedingt ein solches Repertoire zu kennen. Sie spezialisieren sich lieber gleich auf ihre Musik.
    Und das halte ich für völlig legitim.


    Aber auch ich möchte Werke kennenlernen, die eher unbekannt und untergegangen sind.
    Da liegt ein Reiz, eine Neugierde, die die Musik unglaublich interessant macht!
    Und nur weil die Musik keinen hohen Stellenwert mehr in der HEUTIGEN Zeit genießt, ist sie noch lange nicht schlecht!
    Man kann in einigen Beispielen sogar sagen, dass sie besser ist, als manch bekanntes Werk.
    Ich beurteile das jetzt nur an Werken, die doch wenigstens auf einer Aufnahme zu finden sind, von denen also auch wir Eindrücke sammeln können.
    Aber ich kann auch Thomas beiplfichten, dass es für Werke gilt, die damals sehr angesehen waren.



    Meine Sammlung beherbergt derzeit etwa 40 verschiedene Komponisten, bei etwa doppelt so vielen CDs.
    Und Dvorák nimmt gute 40% davon ein.
    Ich versuche so in etwa alles gleichzeitig. Ob das eine gute Methode ist, sei einmal dahingestellt.
    Einerseits liegt meine große Liebe bei Dvorák, dann arbeite ich ganz langsam an dem 'Pflichtrepertoire' und zudem auch an einer breitgefächerten Sammlung.



    In diesem Jahr werde ich die 40 auf alle Fälle noch überschreiten...Weihnachten bringt 'neue' Komponisten und auch schon die nächste Lieferung.



    Wir sollten wenigstens den Komponisten und Werken die Ehre einräumen gehört zu werden, wo uns die Möglichkeit gegeben ist.
    Verschließen wir die Augen nicht.


    Gruß, Maik

  • Hallo FoN, hallo Ihr Raritäten-Sammler,


    Zitat

    Ich möchte hier zu einem Thema schreiben, das mich schon ein Weilchen beschäftigt.


    Mich beschäftigt diese Frage auch bereits seit einiger Zeit, nämlich beinahe so lange, wie ich Klassische Musik höre. Schon recht bald, nach meinen ersten Entdeckungen auf dem Gebiet der Klassik (Anfang der 80-er Jahre), stellte ich fest, daß mich die wenig bekannten Kompositionen weitaus mehr interessierten als diejenigen, die zum Standardrepertoire gehörten. Das Ausgefallene, Besondere kennenzulernen übte stets einen größeren Reiz auf mich aus; Raritäten-Schätze zu entdecken, die dem breiten Publikum unbekannt sind und die dennoch trotz ihrer bemerkenswerten Qualitäten völlig zu Unrecht vernachlässigt werden.


    Zitat

    Woran liegt es, daß fast jeder Solist oder Dirigent (ob einer der wirklich grossen oder einer, der erst gross werden will) sich auf ein so enges Feld festlegt und die x-millionste Beethoven-Sonaten-Aufnahme oder die tausendste Aufnahme des zweiten oder dritten Rachmaninov-KK aufnimmt??? Sind andere Komponisten wirklich so viel schlechter, daß ihre Musik es nicht wert ist, aufgenommen zu werden?


    Diese Frage kann man auch auf das Terrain der Konzert- bzw. Opernveranstaltungen erweitern. Wenn man sich die Spielpläne der letzten Jahre und Jahrzehnte ansieht (und beispielsweise mit der Werk-Vielfalt der 10-er und 20-er Jahre des 20. Jahrhunderts vergleicht), ist es völlig offensichtlich, daß eine große Verarmung des Repertoires stattgefunden hat, und zwar nicht nur bezüglich der Komponisten (wo werden heutzutage noch Komponisten wie Kraus, Raff, Lortzing, Schoeck, Korngold, K. A. Hartmann usw. aufgeführt), sondern auch bezüglich der dargebotenen Gattungen: Welcher Konzert- / Opernhausveranstalter hat in den letzten Jahrzehnten schon große Orchesterliederzyklen, Schauspielmusiken, Filmmusiken oder Melodramen auf sein Programm gesetzt?
    Selbst bei beinahe ausabonnierten Veranstaltungen mögen wirtschatliche Erwägungen eine Rolle spielen; bei anderen mag eine erschütternde Einfallslosigkeit der Konzertveranstalter bzw. der Labels bezüglich des Repertoires der Grund sein, warum immer wieder dieselben Stücke aufgeführt bzw. eingespielt werden.


    Zitat

    Nun, die Erklärung mit den Prinzipien der Marktwirtschaft kann meiner Meinung nach nicht wirklich darauf angewendet werden: Dem einsteigenden Hörer bleibt ja kaum etwas anderes übrig als sich dem Angebot des Marktes zu beugen - wenn man im CD-Markt nichts anderes als das altbekannte findet, werden auch nur wenige den Weg zu neuen Komponisten finden.


    Dem möchte ich (zumindest teilweise) widersprechen:
    Derjenige Hörer, der tatsächlich aufgeschlossen und an ausgefallenem Repertoire interessiert ist, hat die Möglichkeit, sich jederzeit mithilfe des öffentlich-rechtlichen Rundfunks mit der dort gebotenen Vielfalt der Klassischen Musik auseinanderzusetzen! (Mein Interesse an der Klassik habe ich ebenfalls den "Öffis" zu verdanken! - HR 2, BR 4, BR 2, SWR 2, Deutschland Radio :jubel: ).


    Bezüglich der Auswahl an Konzerten und Opern, die ich besuche, hat sich in den letzten Jahren allmählich nochmals eine Änderung ergeben. Habe ich in den 90-er Jahren zwischen 40 und 60 Musikveranstaltungen pro Jahr besucht (mit reichlich Standardrepertoire dabei), so sind es jetzt nur noch ca. 10 oder 15 Konzerte, und zwar solche, die mindestens ein Werk enthalten, das ich bisher selten oder noch nie live gehört habe. Einen kleinen Mini-Beitrag zur Erweiterung des Repertoires habe ich außerdem schon geleistet, indem ich bei verschiedenen Konzert- bzw. Opernhäusern Programmvorschläge eingereicht habe - natürlich mit sehr unterschiedlichen Resultaten. :D
    Nun ja, und was dieses Forum betrifft, versuche ich natürlich auch immer mal wieder auf entdeckenswerte Komponisten hinzuweisen bzw. zu Unrecht vernachlässigte Werke vorzustellen. Und wie die positive Entwicklung dieses frischen Threads sowie die wunderbaren Beiträge der für "Neues" aufgeschlossenen Mitglieder gezeigt haben, besteht wohl doch ein recht großes Interesse an auszugrabenden musikalischen Schätzen. :)


    Schöne Grüße
    Johannes

  • Hallo, Johannes!


    Zitat

    Original von Johannes Roehl


    Aristoteles zum Beispiel.


    "...durch die Erregung von Mitleid und Furcht die Reinigung (Katharsis) von derartigen Gemütsstimmungen bewirkend."
    [...]
    "Dieses wären also zwei Bestandteile der Fabel, nämlich Peripetie und Erkennung? die dritte ist die leidvolle Tat. Eine leidvolle Tat aber ist eine verderbenbringende und schmerzverursachende Handlung als da sind Tötungen vor den Augen der Zuschauer Fälle, von übermäßigen Qualen, Verwundungen und sonstiges dieser Art."


    Die "Poetik" halte ich ebenfalls für eine hochbedeutende Schrift.
    Ich finde aber, hier Aristoteles heranzuziehen, ist unpassend. Die Ästhetik im alten Griechenland war eine andere, es geht auch um Dramen und nicht um Musik usw. aber das lassen wir mal beiseite.
    Die KATHARSIS wird durch tiefgreifende Identifikation des Zuschauers/Zuhörers, durch Zutiefst-Gefühltes hervorgerufen. Und genau das leistet die "moderne Musik" meiner meinung nach nicht. Vom Instinkt abgeschnitten ist sie sowieso, die Herzen mag sie aber auch selten zu erreichen. Meines jedenfalls nicht. Ausnahmen bestätigen die Regel.
    Ich sehe Aristoteles also eher Argument für "klassische" Musik (warum wurde die fragliche Epoche denn "Klassik" genannt? ).
    Aber grundsätzlich bin ich der Meinung, in solchen Fällen keine Philosophen zu zitieren, die keinen Bezug zur Sache haben.
    Eigentlich will ich mich gar nicht streiten, aber das wollte/mußte ich als Aristoteles-Fan mal sagen.


    Viele Grüße,
    Pius.

  • Hochinteressant,


    In vielerlei Hinsicht ist dieser Thread.


    Wer hätte solch ein Echo erwartet ?


    Schön daß das so ist.


    Vielleicht noch mal kurz einge Präzisierungen zu meinen Aussagen:


    Daß ich persönlich hier im Forum BESONDERS gerne unbekanntere Komponisten vorstelle sollte bekannt sein.
    Daß hier ein Problem besteht, wenn die Mitgliederzahl, sagen wir mal auf 30, 40 oder 50 beschränkt ist, liegt auf der Hand.
    Das Forum hat soeben einen ungeheuren Zuwachs an Forianern bekommen - ganz kann ich das Potential noch nicht beurteilen- es ist jededenfalls sehr groß.
    Somit können wir es wagen auch Unbekanntes vorzustellen - Es wäre sinnlos dies zu tun, wenn wir davon ausgingen, daß kaum jemand eine Einspielung der besprochenen Komponisten kennt.


    Zur Moderne: Natürlich ist Claus nicht "niemand" wenn er gerne zeitgenössische Musik hört. (korrekterweise hätte ich schreiben sollen "kaum jemand" oder "nur wenige"
    Aber: Obwohl von meiner Seite - entgegen meinem eigenen Geschmack - keine Restriktionen in bezug auf die "Moderne" - hier im Forum bestehen, kommt doch kaum echte Begeisterung für dieses Thema auf. Allein auf diesen Umstand wollte ich hinweisen.


    Die 5 oder 6 schreibwilligen Vertreter der Moderne im Web sind
    auf diverse Foren verstreut, die sie regelmäßig wechsel, weil "sowieso nix los ist"


    Und daß man Sprechtheater (auch wenn musikalisch unterlegt - in welcher Form auch immer) nicht mit Musik vergleichen sollte - der Anspruch an die hervorzubringende Wirkung ist aus meiner Sicht ein anderer - hat PIUS wesentlich eleganter formuliert, als ich es gekonnte hätte.


    Liebe Grüße aus Wien


    Alfred


    LG aus Wien


    Alfred

  • Also da möchte ich widersprechen, es mag zwar hier so sein, aber in anderen Foren (englischen - ich darf ja leider nicht verlinken), die gut besucht und somit auch repräsentativ sind, ist die Moderne teilweise (nach dortigen Umfragen/Polls) die beliebteste Epoche.

    "Das Große an der Musik von Richard Strauss ist, daß sie ein Argument darstellt und untermauert, das über alle Dogmen der Kunst - alle Fragen von Stil und Geschmack und Idiom -, über alle nichtigen, unfruchtbaren Voreingenommenheiten des Chronisten hinausgeht.Sie bietet uns das Beispiel eines Menschen, der seine eigene Zeit bereichert, indem er keiner angehört." - Glenn Gould

  • Zitat

    Original von Pius


    Ich finde aber, hier Aristoteles heranzuziehen, ist unpassend. Die Ästhetik im alten Griechenland war eine andere, es geht auch um Dramen und nicht um Musik usw. aber das lassen wir mal beiseite.
    Die KATHARSIS wird durch tiefgreifende Identifikation des Zuschauers/Zuhörers, durch Zutiefst-Gefühltes hervorgerufen. Und genau das leistet die "moderne Musik" meiner meinung nach nicht. Vom Instinkt abgeschnitten ist sie sowieso, die Herzen mag sie aber auch selten zu


    Dir ist klar, dass das Schilderungen Deiner Eindrücke sind, aber keine Argumente? Mal abgesehen davon, dass es "die moderen Musik" nicht gibt, höchstens bei denen, die sie ablehnen, meist ohne sie zu kennen. Was soll denn "Instinkt" hier heißen? Über tierische Instinkte sollte Kunst in der Tat ein wenig hinausgehen, sonst wäre nur schön, was man essen, oder womit man sich paaren kann...


    Zitat


    erreichen. Meines jedenfalls nicht. Ausnahmen bestätigen die Regel.
    Ich sehe Aristoteles also eher Argument für "klassische" Musik (warum wurde die fragliche Epoche denn "Klassik" genannt? ).
    Aber grundsätzlich bin ich der Meinung, in solchen Fällen keine Philosophen zu zitieren, die keinen Bezug zur Sache haben.
    Eigentlich will ich mich gar nicht streiten, aber das wollte/mußte ich als Aristoteles-Fan mal sagen.


    Was heißt hier keine Bezug zur Sache?? Es geht überhaupt nicht in erster Linie um "moderne Musik". Es geht um die Funktion von Kunst.
    Alfred behauptet oben (zum wiederholten Male und in einem thread, in dem es eigentlich um ganz anderes geht), die Funktion von Kunst sei zuvörderst Unterhaltung für feine Leute und "Aufrütteln" oder irgendeine andere heftige Rührung oder Verstörung der Zuschauer bzw. -hörer sei so ein Auswuchs moderner Zeiten.
    Die Funktion von Kunst kann man so sehen, ist aber historisch gesehen eher eine Randposition, keineswegs die Regel. Daher zitiere ich nicht Adorno, sondern Aristoteles, dessen Ästhetik des Dramas bekanntlich bis weit in die Neuzeit als verbindlich angesehen wurde, also keine exotische oder abseitige Position ist, auch wenn sich ästhetische Vorstellungen gewiß im Einzelnen wandeln. Die Beschäftigung mit der antiken Tragödie war ein wichtiges Element bei der Entstehung der Oper usw. Es ist also auch nicht verfehlt, einen Text zur Dramatik zu zitieren.
    Man kann darüberhinaus praktisch irgendeinen Text eine beliebigen großen Komponisten (oder anderen Künstlers) aufschlagen und wird ähnliche Aussagen finden, z.B. bei Monteverdi vs. Artusi, bei CPE Bach, in Mozarts Briefen usw. Sehr häufig wird gesagt, dass Musik den Hörer erschüttern, Affekte hervorrufen usw. soll.
    BTW ist es natürlich ein völliger Unsinn, dass bei "moderner Musik" "Unschönes Unangenehmes" im Vordergrund stehen soll, viel weniger als bei der Tragödie. Wo steht bitte bei einem Ballett von Stravinsky oder einem Bartok-Klavierkonzert solches im Vordergrund?
    So etwas ist nichts anders als eine Rationalisierung von "X gefällt mir nicht und ich kann einfach nicht kapieren, dass es Leute gibt, denen es wirklich, WIRKLICH gefällt."
    Auf die anderen genannten Punkte will ich nicht näher eingehen, auch sie sind unhaltbar bzw. die angesprochenen Besonderheiten keinesfalls etwas spezifisch Modernes; so findet sich bereits in Platons Staat ein Hinweis darauf, dass Musik die Gesellschaft verändern kann (und daher im durchorganisierten Idealstaat "weichliche" oder "lüsterne" Musik verboten werden soll).
    Selbst manche scheinbar den Herrscher glorifizierende Barockoper ist ein "Fürstenspiegel", der den Tyrannen verdammt und den Weisen und gerechten Herrscher preist. Die politische Dimension von Mozarts DaPonte-Opern, auch den Singspielen und Beethovens Fidelio kann nur von völligen Ignoranten geleugnet werden, sie ist völlig offensichtlich usw. verglichen damit ist der überwiegende Teil moderner Musik völlig unpolitisch!


    viele Grüße


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)