Tristan und Isolde V - Bayreuther Festspiele 24.08.2018

  • Liebe Taminos,

    vergangenen Freitag ging es zum zweiten Mal zu den Bayreuther Festspielen. Während damals Parsifal auf dem Programm stand, so war es dieses Mal der Tristan. Nachdem ich mich letztes Mal in der Galerie etwas über die Akustik beschwert hatte, so riet mir Rheingold zu einem Parkettplatz, den ich mir auch leistete - und es war eine deutlich akustische Verbesserung zu vernehmen! Danke für den Tipp!!!

    Zur Aufführung. Die Regie von Katharina Wagner kommt hier im Forum ja nicht gut weg - so schlecht fand ich sie nicht. Jemand hier im Forum schrieb, dass sie nicht störte...dem kann ich nur zustimmen.

    Der erste Akt zeigt ein großes Treppenwirrwar, welches zumindest optisch interessant ist. Durch verschieben der Elemente und abbrechen von Treppenteilen konnte tatsächlich auch eine Personenführung, wenn auch nicht eine originelle, entstehen. Deutlich wurde dadurch jedoch, dass Tristan die Wege zu Isolde verstellen möchte, bzw. er eigentlich zu ihr gelangen möchte, dies aber nicht möglich ist. Gut gelöst war die Liebestrank-Szene. Dieser wurde nicht getrunken, sondern über die Hände, der Hand in Hand stehenden Hauptpersonen gegossen.

    Der zweite Akt spielt auf einem Gefängnishof, und erschloss sich mir offengestanden nicht wirklich. Es wird mit Symbolik gearbeitet. Es befinden sich zahlreiche Metallringe auf der Bühne, deren Sinn fragwürdig blieb. Zum Liebesduett verbanden sich welche...naja. Immerhin etwas, denn die Sänger mussten das Duett starr gegen die Wand singen. Insgesamt eher unästhetisch und sinnlos.

    Der dritte Akt hingegen wurde meine Meinung nach sehr ästhetisch und ansprechend inszeniert. Die ganze Bühne ist in einen Nebenschleier gehüllt, nur die kleine Gruppe um Tristan ist sichtbar, die Stimmung seiner Treuen deutlich auch durch das fahle Licht, den Nebel. Als Tristan wieder erwacht, werden verschiedene Isoldes scheinbar projiziert, jeweils in hellen Pyramiden, die immer mehr zunehmen, sofern auch sein Wahn zunimmt. Als Marke erscheint, ist die Bühne hell, Tristan wird auf einen Leichenwagen gehoben und Isolde verklärt sich an seiner Seite.

    Wie die Regie durchwachsen war, so war es auch die musikalische Seite. Die Isolde von Petra Lang empfand ich als eine Zumutung, was jedoch der Rest des Publikums offenbar anders sah - Beifallsstürme. Davon abgesehen, dass man kein einziges Wort von ihr verstand, waren ihre Höhen zu offen, wirkliche Spitzentöne gab es nicht, insgesamt empfand ich ihren Vortrag als geleiert. Schade, denn ihre Stimme ist ideal für Wagner, erinnert mich an Gwyneth Jones. Insgesamt hatte ich das Gefühl, dass die Rolle deutlich über ihren Kapazitäten liegt. Ebenfalls schwach war der Tristan von Stephen Gould. Während er im ersten Akt sehr schwach war, steigerte er sich (nach der Ansage, dass er unter eine Luftröhrenentzündung leide), im zweite Akt jedoch merklich. Doch auch hier - vom Text verstand man nahezu nichts, die Spitzentöne blieben aus, der Rest war reiner Schöngesang ohne einen Funken Expressivität. Im Spiel ist er sehr starr, kommt Wagners Idee vom Sängerdarsteller nicht sehr nah. Im dritten Akt gab es einen Einspringer, dessen Namen ich leider nicht in Erfahrung bringen konnte - er machte alles besser!

    Die restlichen Rollen waren besser besetzt. Großen Jubel gab es für René Pape als Marke, der einen wirklich stattlichen König darbot. Großartige Diktion, volltöniger Bass, tolles Spiel! Das war ganz großes Kino. In die Anlage als unerbittlicher Machthaber durch Katharina Wagner, steigerte sich Pape geradezu ins dämonische. Ich fand es toll. Die Bragäne von Christa Mayer ließ sich auch sehen. Wenn auch nicht immer verständlich, lag ihr die Rolle bestens, die Höhen als auch die Tiefen saßen, ihr Gesang - hochexpressiv. Auch Ian Paterson als Kurwenal, besonders jedoch Raimund Nolte als Melot konnten in ihren Rollen brillieren.

    Das Highlight des Abends war jedoch zweifellos das Dirigat von Christian Thielemann, auf das ich sehr gespannt war. Was dort aus dem Orchestergraben kam, war irre. Diese Natürlichkeit, mit der musiziert wurde, die Wucht der Dramatik, aber auch die Präzision im Orchester als auch mit der Bühne - es war wunderbar. Allein das Vorspiel war so großartig ausmusiziert worden. Die Klangpalette reichte von extrem leisen, geradezu kammermusikalischen Tönen z.B. im Liebesduett, bis hin zur mitreißenden Klangwoge in Tristans Monolog im dritten Akt. Es fällt mir schwer es in Worte zu fassen - daher: Großartig! Dafür hat es sich schon gelohnt nach Bayreuth zu kommen. Der Applaus, der ihm galt, war ohrenbetäubend! Insgesamt hatten meine Freundin und ich einen sehr schönen Abend, sowie den Entschluss: Wiederkommen!

  • Lieber Christian,
    mich würde schon sehr interessieren, was Du für diesen gelungenen und schönen mit der nicht störenden Regie versehenen Tristan bezahlen mußtest. Stehen Aufwand (incl. An- und Abreise, Übernachtung etc.) und Nutzen im angemessenen Verhältnis zueinander??
    Herzlichst La Roche

    Musik ist eine heilige Kunst - Hugo von Hofmannsthal. Aussage des Komponisten aus der Oper "Ariadne auf Naxos" mit der Musik von Richard Strauss.


  • Liebe Melomane,

    vielen Dank für die Info! Ich hatte bei der Ansage etwas von Iwan verstanden...Vincent Wolfsteiner sang also den Tristan im dritten Akt - wie gesagt, ich fand es gut. Zwar verfügt er nicht über einen solchen Stimmenschönklang wie Stephen Gould, aber musikalischer war er allemal! Das Publikum dankte dem sichtlich erfreuten Sänger auch lauthals.

    @ La roche: Für die Karte zahlte ich 190€ p.P, mit Übernachtung und Zug/Bus für etwa 70€ lag das ganze bei etwa 260€. Klar, das ist viel Geld, gerade auch für einen Studenten wie mich. Es ist auch schwer zu bewerten, ob es das wert war - ich kann nur sagen, es tut mir nicht weh ;) Wir saßen in einer ganz guten Vorstellung, haben eine schöne Stadt besucht, toll gegessen, Wahnfried und das Opernhaus besucht. Du wirst mich bestimmt für bekloppt halten, dass ich dafür nach Bayreuth fahre, aber ich kann auch mit modernen Inszenierungen leben (obgleich mich ein "originaler" Wagner auch sehr reizen würde). Ich kenne es aber auch fast nicht anders.

    LG
    Christian

  • Lieber Christian, ich bedanke mich für den Bericht aus Bayreuth. Ich bin immer sehr neugierig zu lesen, wie andere Taminos ihre Bayreuth-Erlebnisse schildern. Es grüßt Hans

    ..., eine spezifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifizierbar.
    -- Aydan Özoğuz

  • Lieber Christian,
    zunächst gönne ich Dir das schöne Erlebnis, in Bayreuth dabei gewesen zu sein. Wir wohnen nur eine gute Autostunde entfernt, und wir waren noch nie zu den Festspielen! 1990 hatten wir uns angemeldet, nach über 10 Jahren Wartezeit hätten wir eine Chance gehabt auf die Meistersinger, aber da wollten wir nicht mehr. Uns gefallen die Inszenierungen nicht. Jetzt könnten wir ja die Karten sogar ohne lange Wartezeit bekommen.


    Auch wir haben schon Vorstellungen besucht, in Dresden, wo eine Karte über 150,- Euro gekostet hat, und wir hatten es nicht bereut. Ich will mich nur nicht ärgern, so viel Geld auszugeben und dann nicht den erwarteten Genuß gehabt zu haben. Übrigens kennen wir Bayreuth sehr gut, von der Eremitage angefangen über das Markgräfliche Opernhaus, das sehenswerte Zentrum und natürlich die Wagner-Gedenkstätten. Dazu die herrliche Umgebung.


    Musikalisch glaube ich schon an eine begeisternde Aufführung. Thielemann haben wir in Dresden erlebt, mit Bruckner und im Lohengrin (da war die Karte eben um die 150,- Euro!), er ist schon ein Ereignis. Frau Lang haben wir auch erlebt, auch Stephen Gould. Letzteren in Dresden in der Liebe der Danae und im Gewandhaus in einer der Tenorpartien in Mahlers 8. Wir waren nicht so beglückt, vielleicht hat er jetzt bessere Zeiten. Wir fanden Gould auch als höhensicher, aber um in die Höhe zu kommen, mußte er die Töne häufig anschleifen, und das war gerade bei Mahler für meinen Begriff unschön. Wolfsteiner war eine Sensation in Gera. Unser eher ländlich kleines Theater konnte ihn als Bacchus bewundern, und er war grandios, wie überhaupt die Geraer Ariadne zum Besten gehört, was die Bühne in den letzten Jahren hervorgebracht hat.


    Also, wenn Du das Geld nicht als umsonst ausgegeben betrachtest, ist es Dir gegönnt. Ich machs ja auch, nur stelle ich Anforderungen an eine solche Ausgabe. Tschüß und weiterhin viel Spaß beim Opernbesuch. Ich schließe mich Hans Heukenkamp an und bekenne mich als eifrigen Leser von Taminozuschriften zu besuchten Vorstellungen nicht nur in Bayreuth. Manchmal entehen daraus direkte Theaterbesuche wie in "Der Rebell des Königs" in Leipzig.


    Herzlichst La Roche

    Musik ist eine heilige Kunst - Hugo von Hofmannsthal. Aussage des Komponisten aus der Oper "Ariadne auf Naxos" mit der Musik von Richard Strauss.


  • 1990 hatten wir uns angemeldet, nach über 10 Jahren Wartezeit hätten wir eine Chance gehabt auf die Meistersinger, aber da wollten wir nicht mehr. Uns gefallen die Inszenierungen nicht.


    10 Jahre nach 1990, also im Jahr 2000 (und in den Jahren 2001 und 2002) lief Wolfgang Wagners "Meistersinger"-Inszenierung, die 1996 Premiere hatte. War das jetzt auch schon so schreckliches Regietheater, dass Familie "La Roche" da keine Lust mehr drauf hatte? ?(
    Am Pult debütierte im Jahr 2000 übrigens sehr erfolgreich ein damals noch verhältnismäßig junger Dirigent, der zu den größten Hoffnungen Anlass gab: Christian Thielemann.

  • Ich will im Tristan-Thread nicht zu sehr abschweifen. Bayreuth hat mich schon gereizt, wenn ich Wolfgang Wagners 1984-er Meistersinger angeboten bekommen hätte. 2002 war das nicht mehr im Angebot.
    Fam. La Roche stand damals auf der Chemnitzer Inszenierung (2x gesehen, mit Siegfried Vogel und mit Wolfgang Probst) und auf der Dresdener Inszenierung (auch gesehen, etwa 1995, Tomlinson?). Jetzt würde ich noch die Met hinzufügen und Glyndebourne mit Finney. Keinesfalls meinem Geschmack entspricht die gegenwärtige Inszenierung in Chemnitz, bei der alle 3 Akte in einem Museum spielen, keine Kirche, keine Festwiese, von Alt-Nürnberg und der Schusterstube ganz zu schweigen (gesehen mit Franz Hawlata), die gegenüber der Inszenierung der 90-er um Lichtjahre zurückliegt.
    La Roche
    Als einer der Korrekturleser ist Dir wohl gar nicht meine kleine Falle im Beitrag 6 aufgefallen? Ich hatte Stephen Gould als einen der Tenöre in Mahlers 8. zum Mahlerfest 2011 in Leipzig kritisch erwähnt. Ich hatte gehofft, daß Du oder einer der anderen Korrektoren anspringen wird, aber Irrtum. Die 8. Mahler hat nur eine Solotenorpartie!

    Musik ist eine heilige Kunst - Hugo von Hofmannsthal. Aussage des Komponisten aus der Oper "Ariadne auf Naxos" mit der Musik von Richard Strauss.


  • Lieber Chrstian, danke für Deinen feinen Bericht. Ich bin natürlich froh, dass mein eigener akustischer Eindruck im Bayreuther Festpielhaus nicht ganz abwegig war. :)

  • Stephen Gould ist weiterhin erkrankt, in der heutigen Vorstellung "Tristan" übernimmt Andreas Schager die männliche Titelpartie. Wie man hört, soll Wolfsteiner morgen den Siegmund übernehmen. Tristan und Siegmund an zwei direkt aufeinanderfolgenden Tagen wäre allerdings auch ein sehr sportliches Programm für Gould gewesen.