Franz Liszt: Sinfonische Dichtung Nr. 12: Die Ideale


  • Ernst Rietschel: Goethe-Schiller-Denkmal in Weimar (1857)


    Die Sinfonische Dichtung Nr. 12 "Die Ideale", S. 106, von Franz Liszt entstand 1856/57, ist Fürstin Carolyne zu Sayn-Wittgenstein gewidmet und wurde am 5. September 1857 in Weimar uraufgeführt. Konkreter Anlass war die Enthüllung des berühmten Goethe-Schiller-Denkmals am selben Tage. Inspiriert wurde das Werk durch ein gleichnamiges Gedicht Schillers, welches Liszt anpasste, um sich ein passendes Programm für seine Tondichtung zu schaffen. Während im Gedicht in elf Strophen die Rede ist vom düsteren Moment von Verlust und Vergänglichkeit, vom Abschied des gereiften Mannes von seiner Jugend und einer ungewissen Zukunft, konstruiert der Komponist daraus einen gleichsam sinfonischen Verlauf in drei Strophen: 1. Aufschwung, 2. Enttäuschung und 3. Beschäftigung. Am Ende steht die Apotheose des Dichters.


    Musikalisch ist "Die Ideale" mit die am schwersten zugängliche Sinfonische Dichtung aus der Feder von Liszt. Zudem gehört sie mit über 25 Minuten Spielzeit zu seinen längsten. Im Konzertbetrieb wird sie so gut wie nie aufgeführt.





    Der Gesamttext des Poems:


    Friedrich von Schiller: Die Ideale (1795)


    So willst du treulos von mir scheiden
    Mit deinen holden Phantasien,
    Mit deinen Schmerzen, deinen Freuden,
    Mit allen unerbittlich fliehn?
    Kann nichts dich, Fliehende, verweilen,
    O meines Lebens goldne Zeit?
    Vergebens, deine Wellen eilen
    Hinab ins Meer der Ewigkeit.


    Erloschen sind die heitern Sonnen,
    Die meiner Jugend Pfad erhellt;
    Die Ideale sind zerronnen,
    Die einst das trunkne Herz geschwellt;
    Er ist dahin, der süße Glaube
    An Wesen, die mein Traum gebar,
    Der rauhen Wirklichkeit zum Raube,
    Was einst so schön, so göttlich war.


    Wie einst mit flehendem Verlangen
    Pygmalion den Stein umschloß,
    Bis in des Marmors kalten Wangen
    Empfindung glühend sich ergoß,
    So schlang ich mich mit Liebesarmen
    Um die Natur, mit Jugendlust,
    Bis sie zu athmen, zu erwarmen
    Begann an meiner Dichterbrust,


    Und, theilend meine Flammentriebe,
    Die Stumme eine Sprache fand,
    Mir wiedergab den Kuß der Liebe
    Und meines Herzens Klang verstand;
    Da lebte mir der Baum, die Rose,
    Mir sang der Quellen Silberfall,
    Es fühlte selbst das Seelenlose
    Von meines Lebens Wiederhall.


    Es dehnte mit allmächt'gem Streben
    Die enge Brust ein kreisend All,
    Herauszutreten in das Leben,
    In That und Wort, in Bild und Schall.
    Wie groß war diese Welt gestaltet,
    So lang die Knospe sie noch barg;
    Wie wenig, ach! hat sich entfaltet,
    Dies Wenige, wie klein und karg!


    Wie sprang, von kühnem Muth beflügelt,
    Beglückt in seines Traumes Wahn,
    Von keiner Sorge noch gezügelt,
    Der Jüngling in des Lebens Bahn.
    Bis an des Äthers bleichste Sterne
    Erhob ihn der Entwürfe Flug;
    Nichts war so hoch und nichts so ferne,
    Wohin ihr Flügel ihn nicht trug.


    Wie leicht war er dahin getragen,
    Was war dem Glücklichen zu schwer!
    Wie tanzte vor des Lebens Wagen
    Die luftige Begleitung her!
    Die Liebe mit dem süßen Lohne,
    Das Glück mit seinem goldnen Kranz,
    Der Ruhm mit seiner Sternenkrone,
    Die Wahrheit in der Sonne Glanz!


    Doch, ach! schon auf des Weges Mitte
    Verloren die Begleiter sich,
    Sie wandten treulos ihre Schritte,
    Und einer nach dem andern wich.
    Leichtfüßig war das Glück entflogen,
    Des Wissens Durst blieb ungestillt,
    Des Zweifels finstre Wetter zogen
    Sich um der Wahrheit Sonnenbild.


    Ich sah des Ruhmes heil'ge Kränze
    Auf der gemeinen Stirn entweiht.
    Ach, allzuschnell, nach kurzem Lenze
    Entfloh die schöne Liebeszeit!
    Und immer stiller ward's und immer
    Verlaßner auf dem rauhen Steg;
    Kaum warf noch einen bleichen Schimmer
    Die Hoffnung auf den finstern Weg.


    Von all dem rauschenden Geleite
    Wer harrte liebend bei mir aus?
    Wer steht mir tröstend noch zur Seite
    Und folgt mir bis zum finstern Haus?
    Du, die du alle Wunden heilest,
    Der Freundschaft leise, zarte Hand,
    Des Lebens Bürden liebend theilest,
    Du, die ich frühe sucht' und fand.


    Und du, die gern sich mit ihr gattet,
    Wie sie, der Seele Sturm beschwört,
    Beschäftigung, die nie ermattet,
    Die langsam schafft, doch nie zerstört,
    Die zu dem Bau der Ewigkeiten
    Zwar Sandkorn nur für Sandkorn reicht,
    Doch von der großen Schuld der Zeiten
    Minuten, Tage, Jahre streicht.

  • Liszts sinfonische Dichtung ‚Die Ideale‘ (nach Schillers Gedicht, das ich bisher nicht kannte, mir aber dank Joseph II. durchlesen konnte) wird von einer völlig anderen Tonsprache getragen, als jene, die in den bisher gehörten Tondichtungen vorherrschten. Verständlicherweise, denn in dem Gedicht geht es nicht um Dramatik, sondern um den Verlust von nicht näher konkretisierten Idealen.


    Was Liszt aus dem Schillerschen Poem für sich herausgefiltert und musikalisch umgesetzt hat, vermag ich, offen gestanden, nicht nachzuvollziehen - wenngleich auch hier die Thread-Einleitung zunächst hilfreich war. Aus dem Vorwort zur Komposition erschloss sich mir, dass Liszt sich nicht an die Reihenfolge der Strophen gehalten, sondern sie umgestellt und für seine Musik-Dichtung ‚dienstbar‘ gemacht hat. Dass außerdem zunächst eine dreisätzige Sinfonie geplant war, konnte ich einem Aufsatz entnehmen; ebenso, dass in der endgültigen, nunmehr einsätzigen Fassung diese Dreiteilung erhalten blieb.


    Während Joseph II. weiter oben schrieb, dass ‚Die Ideale‘ mit die am schwersten zugängliche Sinfonische Dichtung aus der Feder von Liszt sei, und zudem im Konzertbetrieb so gut wie nie aufgeführt würde, fand ich im Netz die folgende Beschreibung (wegen der durchgängigen Fraktur-Schrift wohl älteren Datums):
    Das Tonstück wird um seiner edlen Begeisterung und gepflegten musikalischen Sprache willen sehr geschätzt.
    Und genau diese Charakterisierung - edle Begeisterung und gepflegte musikalische Sprache - kann ich der Interpretation der Budapester Sinfoniker unter Árpád Joó entnehmen. Deshalb ziehe ich das Resümee, dass es mir einerseits zwar schwerfällt, Liszts Vorstellungen zu Schillers Poem nachzuvollziehen, dass ich aber andererseits keine Probleme mit der Musik habe - sie spricht mich an und von daher kann ich sie, auch ohne tiefschürfende Gedankengänge zu haben, mit Genuss hören.


    :hello: