Franz Liszt: Faust-Symphonie


  • Joseph Fay: Faust und Mephisto im Kerker (1846)


    Eine Faust-Symphonie in drei Charakterbildern für großes Orchester und Männer-Chor, S. 108, von Franz Liszt wurde in den Jahren 1854 bzw. 1857 bis 1861 (Hinzufügung weiterer Blechbläserstellen und des Chorus mysticus) komponiert; 1880 ergänzte Liszt noch zehn Takte im zweiten Satz. Die Uraufführung fand am 5. September 1857 anlässlich der Einweihung des Goethe-Schiller-Denkmals in Weimar unter Leitung des Komponisten statt. Das Werk ist Hector Berlioz gewidmet. Die Erstveröffentlichung erfolgte 1861.


    Das Werk ist durch Goethes Drama "Faust" und "Faust II" inspiriert und stellt eine der Sinfonieform nahe Sinfonische Dichtung dar. Die drei Bilder beschreiben I. Faust, II. Gretchen und III. Mephistopheles; der Chorus mysticus mit Männerchor und einem Tenorsolisten beschließt das Werk.


    Der Text des Chorus mysticus aus "Faust II" lautet:


    Alles Vergängliche
    Ist nur ein Gleichnis;
    Das Unzulängliche,
    Hier wird's Ereignis;
    Das Unbeschreibliche,
    Hier ist's getan;
    Das Ewig-Weibliche
    Zieht uns hinan.



    An Aufnahmen des Werkes besteht kein Mangel. Anders als die Dante-Symphonie wurde die Faust-Symphonie häufig eingespielt. Im Folgenden eine Auswahl:







  • Oft bedarf es eines Anstoßes von außen um sich eines ungeliebten Themas anzunehmen. Insofern muss ich S.M. für diesen Thread danken, hat er mir doch eben jenen Stups gegeben, die nebenstehende Box hervorzukramen, die seit Jahren (fast ungehört) im Regal steht. Dass ich die Box seinerzeit überhaupt gekauft habe, ist, neben dem günstigen Preis, wohl dem Gedanken geschuldet, dass auch dieser Komponist in meine Sammlung gehört. Aufraffen, die Musik ernsthaft zu hören, konnte ich mich bis jetzt nicht.


    Nun aber war die ‚Faust-Sinfonie‘ tatsächlich im Player, hier interpretiert vom Ungarischen Staatsorchester, dem Männerchor der ungarischen Armee sowie dem Tenor György Korondi unter der Leitung von János Ferencsik. Ohne irgendwelche Vergleiche mit anderen Aufnahmen anstellen zu können, empfinde ich die Interpretation der einzelnen Sätze durch Ferenczik durchaus als glaubhaft: Faust wird in alle seinen Facetten orchestral eindrucksvoll geschildert (dass Liszt dabei, wie ich las, bis an die Grenzen der Tonalität ging, kam mir nicht so vor, denn da kenne ich Schlimmeres). Der zarte zweite Satz zeichnet für mich mit seinem lichten Oboenklang ein ideales Bild von Gretchen. Der wüste, dämonische, die verzerrte Fratze des Mephisto musikalisch darstellende dritte Satz macht mir den Urian durchaus erlebbar. Warum Liszt das Werk mit dem ‚Chorus mysticus‘ abschließt, weiß ich mir dagegen nicht zu erklären. Wollte er einen beruhigenden Abschluss des aufwühlenden dritten Satzes? Oder dachte er gar an das Vorbild ‚Chorfinale‘ von Beethovens Neunter? Wie dem auch sei: Der strahlende Schlussvers (‚Das ewig Weibliche zieht uns hinan‘, mehrfach vom Chor und dem Solo-Tenor wiederholt), mit brausenden Orgelklängen ist ein imponierender und fesselnder Abschluss. Resümee: Liszt greift hier voll ins orchestrale Leben und Ferenczik versteht es, die Steigerung auszukosten. Ich frage mich: Werde ich jetzt zu einem Liszt-Fan? Ich verschiebe die Antwort, um auch die anderen Sinfonischen Dichtungen zu hören…


    :hello:

  • Bei mir steht diese Aufnahme – habe sie erst kürzlich gehört:


    Einer der erhabensten Zwecke der Tonkunst ist die Ausbreitung der Religion und die Beförderung und Erbauung unsterblicher Seelen. (Carl Philipp Emanuel Bach)

  • Ist die Orchesterleistung dort wirklich so medioker, lieber Maurice?


    Für das Alter der Aufnahme bin ich eigentlich ganz zufrieden – sicher gibt es inzwischen klanglich hervorragendere Interpretationen … :pfeif:

    Einer der erhabensten Zwecke der Tonkunst ist die Ausbreitung der Religion und die Beförderung und Erbauung unsterblicher Seelen. (Carl Philipp Emanuel Bach)

  • Ich habe die Gelegenheit genützt, um die Faust-Sinfonie ebenfalls zu hören. Ich nutzte dazu die schon bei den Sinfonischen Dichtungen verwendete Box mit dem Leipziger Gewandhausorchester unter Kurt Masur. Es war dies - zumindest glaube ich das . die erste Hörsitzung in Zusammenhang mit diesem Werk.
    Ich hatte das über eine Stunde dauernde Monumentalmonster immer wieder beiseite gelegt. Jetzt - oder nie - war die Devise - und so legte ich die CD in den Player. Im Gegensatz zu den Sinfonischen Dichtungen empfand ich beim Hören des Werkes sofort eine ausgeprägte Abneigung. Eigentlich frönt Listzt ja gerade in diesem Werk seiner Vorliebe für "Ausdeutungen", handelt es sich ja irgendwie auch um eine "Sinfonische Dichtung", wenngleich Listzt jein Programm im eigenlichen Sinne mitgeben wollte - meine 3 Konzertführer sind sich in dieser Hinsicht uneins. Auch die Bewertung ist sehr unterschiedlich. Während ein Konzertfühter die "Faust-Sinfonie" als Listzs "bedeutendstes Werk" bezeichnete, wie ein anderer auf die "Peinlichkeit" des nachkomponierten Schlußchores hin und meinet, hier sei an die Grenze des Guten Geschmacks gegangen - wie so oft bei Liszt.
    Ich hatte, wie gesagt eine tiefe Abneigung gegen dieses Werk, das zwar - wie zumeist - auf Effekt bedacht war, aber es fehlte das Musikalischem das Listzts "sinfonische Dichtungen" im Gegensatz dazu durchaus aufwiesen.
    Es ist natürlich eine gewisses Risiko, das von einigen als Hauptwerk eines berühmten Komponisten zu verachten, man stellt sich damit unter Umständen ins Abseits.
    Holen wir und also Rückendeckung bei einem der bedeutensten Musikkritiker seiner Zeit, bei Eduard Hanslick. Er schreibt 1876 in der Rezension eines Konzertes:


    Jüngere Mitleser mögen hier einen kurzen Überblick gewinnen wie spitz in der Vergangenheit (bis in die 80er Jahre des 20. Jahrhunderts) Kritiken gelegentlich formuliert wurden. Eduard Hanslick (1825-1904) war hierin ein Meister, Das Gustostück dieser Kritik ist die lobende Erwähnund der Drehorgel mit dem Strauß Walzer - quasi ein virtuelle Faustschlag ins Gesicht von Liszt, eine Bosheit wie sie nur wenige zustandebringen....


    mfg aus Wien
    Alfred

  • Hallo Alfred,


    da kann man mal sehen wie unterschiedlich die Wahrnehmungen sein können. Dieser blöde Hanslick hatte ja immer was zu meckern und hat mit seiner (aus heutiger Sicht) dummen Meinung für mich null Aussagekraft.


    Meine erste Aufnahme, die ich auch heute für die Beste halte, ist die mit Ansermet und Werner Krenn (Decca), die damals auf LP in einer 2LP-Box erschienen war.
    Ich war gleich von Anfang an von dieser Sinfonie begeistert und auch wenn ich wenig von Gesang halte, so hat mich bis heute trotzdem dieser herausragende Gesangspart im Finale von Werner Krenn in den Bann gezogen und begeistert.
    Auf CD habe ich mir diese Ansermet - Aufnahme nie gekauft, weil ich mit meiner späteren Solti-Aufnahme auf CD (Decca) absolut zuftreden bin.
    Als Bernstein-Fan muss ich es trotzdem erwähnen ---> die Bernstein-Aufnahme hat auf mich immer Fremd gewirkt und ich konnte nie mit ihr warm werden - ich habe sie auch nicht mehr ... aber was Ansermet und Solti (beides Decca) bieten lässt schon diese ganz grosse und wertvolle Sinfonik absolut fabelhaft erscheinen.


    8-) Wenn man alleine bestrachtet wie oft und welche Dirigenten sich dieses Meisterwerkes auf CD und im Konzert angenommen haben, ja Alfred, dann stehst Du recht alleine da mit Deiner ersten Wahrnehmung ... ;) die sich ja bei der richtigen Aufnahme noch ändern kann !
    Masur (EMI) ist doch gar nicht übel ..... mehrmals hören .....



    Mir gefällt diese Faust-Sinfonie jedenfalls ungleich besser als so mache langweilgen Frühklassiker, die so oft bei Tamino goutiert werden ... :untertauch::pfeif:
    Sei es drum !


  • Gerade klingt hier die hervorragende Einspielung von Riccardo Muti mit dem Philadelphia Orchestra (EMI, 1982/83) aus - und ich bin stark geneigt, teleton beizupflichten, was die Wertschätzung für die Faust-Symphonie anbelangt. Mutis Aufnahme gilt ja als einer der Klassiker bei diesem Werk. Dem will ich mich gerne trotz eingeschränkter Hörerfahrung anschließen. Absolut tadellos musiziert und aufgenommen. Vom angeblichen "Plüsch-Sound" des Philadelphia Orchestra kurz nach Ende der Ormandy-Jahre (1936/38-1980) ist hier nichts spürbar (würde auch nicht zum Werk passen). Mit Gösta Winbergh konnte man einen sehr hochkarätigen Tenor verpflichten. Der Westminster Choir College Male Chorus rundet das positive Gesamtbild ab. Formidable Leistung aller Beteiligten! :hail:


    Spielzeiten: 30:49 - 22:07 - 23:34 = 76:38

  • da kann man mal sehen wie unterschiedlich die Wahrnehmungen sein können. Dieser blöde Hanslick hatte ja immer was zu meckern und hat mit seiner (aus heutiger Sicht) dummen Meinung für mich null Aussagekraft.


    Lieber Teleton
    Bei Aller Wertschätzung: SOO kann man das nicht sagen. Hanslick war mit Sicherheit nicht "blöde" Er hatte auch zu keiner Zeit eine "dumme Meinung"
    Gegebenenfalls ist seine Meinung mit der gegenwärtigen - die ja auch nicht das Gelbe vom Ei darstellen muss - nicht kompatibel
    In einer (unserer heutigen) Zeit wo man auch von der "Ästhetik des Hässlichen" spricht - ist Hanslicks Wertesystem nicht anwendbar, desungeachtet aber auch nicht ungültig.


    Hier Auszüge aus Wikipedia - mit (grün) Ergänzungen von mir)



    Hanslick betrachtete den Höhepunkt der Wiener Klassik als den Höhepunkt der Musikgeschickte - und eigenartigerweis deckt sich das mit meiner Einschätzung.
    Daß das "rückwärtsgewandt" ist, ist mir wohl bewusst, aber ich sehe in diesem Begriff - obgleich so gebraucht - nicht als Abwertend.
    Aber das können wir - so gewünscht - auch im Hanslick Thread ausfechten.....


    Sollen wir uns wirklich auf eine Stufe stellen mit Eduard Hanslick... ?


    mfg aus Wien
    Alfred


  • Gerade klingt hier die hervorragende Einspielung von Riccardo Muti mit dem Philadelphia Orchestra (EMI, 1982/83) aus - und ich bin stark geneigt, teleton beizupflichten, was die Wertschätzung für die Faust-Symphonie anbelangt. Mutis Aufnahme gilt ja als einer der Klassiker bei diesem Werk. Dem will ich mich gerne trotz eingeschränkter Hörerfahrung anschließen. Absolut tadellos musiziert und aufgenommen. Vom angeblichen "Plüsch-Sound" des Philadelphia Orchestra kurz nach Ende der Ormandy-Jahre (1936/38-1980) ist hier nichts spürbar (würde auch nicht zum Werk passen). Mit Gösta Winbergh konnte man einen sehr hochkarätigen Tenor verpflichten. Der Westminster Choir College Male Chorus rundet das positive Gesamtbild ab. Formidable Leistung aller Beteiligten! :hail:


    Spielzeiten: 30:49 - 22:07 - 23:34 = 76:38


    Lieber Joseph,


    trotz Ansermet, Beecham, Chailly oder Horenstein (Orchester des Südwestfunks Baden-Baden) ist und bleibt Mutis Aufnahme meine liebste. Mit ihr lernte ich das Werk kennen und bis heute ist Mutis Sinn für Orchesterbrillanz, Lyrik (im "Gretchen"-Satz) und wilder Dämonie (im "Mephistopheles"-Satz) für mich unerreicht geblieben - und das erstaunlicher Weise, obwohl sich Muti ca. acht, neun Minuten länger Zeit nimmt für die Sinfonie als Chailly oder Ansermet. Gösta Winbergh ist für mich der ideale Tenor für die kurze Sangespassage.


    Zu Solti/Beecham gibt es übrigens eine, wie ich finde, recht interessante kleine Geschichte, die im Beiheft der ersten CD Ausgabe zu finden ist. Solti war der Meinung, dass es keine unaufgeführten Meisterwerke gäbe, bis er bei einem Freund die Aufnahme mit Sir Thomas Beecham hörte und seine Meinung änderte. Er führte die "Faust Sinfonie" einige Male mit verschiedenen Orchestern auf, bevor er das Werk für Platte/CD aufnahm.

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.
    Gustav Mahler


  • Soeben endete die Aufnahme von Martin Haselböck mit dem Orchester Wiener Akademie (Alpha/Gramola, 2014 & 2016). Bereits auf den ersten Blick ist Haselböcks Zugang ein anderer als jener von Muti: Die Spielzeiten sind vergleichsweise rasant (26:59 - 17:36 - 23:45 = 68:20). Durch die originalen und originalgetreu nachgebauten Instrumente und die relativ kleine Orchestergröße (55 Musiker) wird ein transparenter Klang erzielt, der nichts von der Opulenz der Spätromantik hat und eher an Schumann und Mendelssohn denken lässt (ob dies nun ein Vor- oder ein Nachteil ist, muss jeder für sich selbst entscheiden). Entschlackung und ja kein Pathos um jeden Preis - häufig ja ein zweifelhaftes Unterfangen. Hier gelingt's indes überzeugend. Dass Haselböck besonders den Gretchen-Satz sehr rasant nimmt, fällt kurioserweise gar nicht sonderlich auf. Besonders stark erscheint er mir indes im Faust- und Mephistopheles-Satz. Im Chorus mysticus treten der Chorus sine nomine aus Wien und der australische Tenor Steve Davislim (gelungene Darbietung) hinzu. Dass es sich um einen Laienchor handelt, hört man glücklicherweise nicht (anders als beim Wiener Singverein allzu oft). Die Tonqualität ist ausgezeichnet, Nebengeräusche gibt es nicht.


    Fazit: Schon sehr gut, aber insgesamt liegt mir Mutis großorchestraler Ansatz persönlich doch mehr. Für die erste "historisch korrekte" Faust-Symphonie aber wirklich gelungen.