Gustav Mahler, Sinfonie Nr. 3 d-moll am 2. 10. 2018 in der Kölner Philharmonie

  • Gustav Mahler, Sinfonie Nr. 3 d-moll mit Altsolo, Knabenchor und Frauenchor in Köln, 2. 10. 2018


    Gürzenich-Orchester Köln, Francois Xavier Roth
    Sara Mingardo, Alt,
    Mädchen und Knaben des Kölner Domchores,
    Damen der Heidelberger Schola,
    Gürzenich-Orchester,
    Dirigent: Francois Xavier Roth


    Bericht, 1. Teil:


    Das war doch nun mal eine Saisoneröffnung meines FXR-Abos in Köln, so recht nach meinem Geschmack, mit meiner Lieblingssymphonie Gustav Mahlers. Zuletzt hatte ich die Dritte, ebenfalls in Köln, am 19. 6. 2016, erlebt mit Bernard Haitink, dem BRSO und Gerhild Romberger. Davor hatte ich sie in den letzten 10 Jahren ebenfalls in Köln 2010 erlebt, ebenfalls mit dem Gürzenich-Orchester unter Markus Stenz, im gleichen Jahr in Berlin mit den Berliner Philharmonikern unter Sir Simon Rattle und kurz zuvor, wenn ich mich recht entsinne, in Essen mit den Bochumer Sinfonikern unter Steven Sloane. Ich weiß aber nicht genau, ob das alle Konzerte waren.
    Ich weiß wohl, dass ich sie am 2. Juni 2019, wenn nichts dazwischen kommt, schon wieder in Köln erleben werde, und zwar mit dem Rotterdams Philharmonisch Orkest unter Rav Shani und mit Anna Larsson.


    Ich wusste bisher wohl, dass das Gürzenich-Orchester zusammen mit Musikern der Krefelder Stadtkapelle, die Dritte im Juni 1902 unter der Leitung des Komponisten in Krefeld uraufgeführt hatte. Was ich aber bis gestern Abend nicht wusste, war die Tatsache, dass Mahler nach dem riesigen Kopfsatz eine Pause eingelegt hatte. Und Francois Xavier Roth hatte wohl für diese Aufführungsserie das Gleiche beschlossen. Ich war zwar erst skeptisch, aber es klappte wunderbar.
    Was ich darüber hinaus nicht wusste und auch erst gestern Abend erfuhr, beim Lesen des Programms, das ich immer in aller Ruhe vor dem Konzert ganz durchlese (man muss nur früh genug anreisen), war die Bedeutung, die Gustav Mahler der Soloposaune beimaß. Ich hatte sie bisher gar nicht so stark beachtet. Gustav Mahler war vom Blasen des Soloposaunisten Franz Dreyer so begeistert, dass er ihn später nach Wien in die Hofburg abwarb (die Verhandlungen dauerten zwei Jahre!)


    Wenn man die Dritte Mahler so begeisternd gespielt hört wie ich gestern Abend ( und beileibe nicht nur ich alleine, sondern noch knapp 2000 andere Mahlerfreunde), dann meint man möglicherweise, die Sinfonie bestünde aus sechs mehr oder weniger langen Höhepunkten.
    Was aber den gewaltigen Kopfsatz betrifft, so ist er gewiss ein Höhepunkt der Kopfsätze der gesamten Sinfonienliteratur, vielleicht zusammen mit dem Kopfsatz der Neunten, dem Kopfsatz der Neunten Beethoven und dem Kopfsatz der Neunten Bruckner.
    Damit dieser Kopfsatz aber auch zu einem Höhepunkt werden kann, ist gleich zu Beginn eine exzellente Hörnertruppe notwendig, wie sie unter der Führung von
    Markus Wittgens:

    gestern Abend prachtvoll agierte, nicht nur im Kopfsatz, aber da kam es ja schon einmal darauf an, um vor allem die bei Mahler schon von der ersten Sinfonie an wichtigen Naturlaute vorzustellen, und da waren die acht Hornisten mit Feuereifer und Fortissimo vom ersten Takt an dabei, wurde ringsum alles aufgeweckt und fuhr am Ende jedes Thementeils das versammelte Schlagwerk furios in die Parade. Da grummelte es gewaltig im Magen. Auch die Trompeten mit ihrem Vorreiter
    Simon de Klein:

    der nicht nur durch sein gleißendes Fortissimo, sondern immer wieder durch seine betörenden Pianissimi begeisterte, sowie natürlich die Posaunenabteilung mit ihren Solisten
    Aaron Außenhofer Stilz:

    und Carsten Luz:

    waren für das Fundamentum des "Monumentalmarsches" mit verantwortlich und taten dies mit Verve und Begeisterung.
    Doch so geht es nicht in einem fort, sondern auch das Gegenteil hatte Mahler aufgeboten, die wunderbaren Streicher mit ihrem Solo des nun wiederholt in Köln gastierenden ersten Konzertmeisters der NDR Elbphilharmonie Orchesters,
    Stefan Wagner:

    der es wunderbar verstand, ein luftiges, duftiges Gegengewicht für die martialischen Bläserausbrüche, aber auch für die ruppigen Marschrhythmen in der eigenen Fraktion, nämlich den acht äußerst durchschlagskräftigen Kontrabässen zu sorgen.
    Damit einem solch gewaltigen Satz kein Chaosprinzip zugrunde liegt, oder, wie Adorno es nannte, ein "Zufallsprinzip", sondern ein dennoch fester, kunstvoller Bauplan, braucht es sicher so ein musikalisches Genie, wie Gustav Mahler es war, der ja über den Satz die Bezeichnung geschrieben hatte: "Pan erwacht. Der Sommer marschiert ein".
    Wenn man diese Symphonie oft genug gehört hat, meint man sogar, zumindest äußerlich so etwas wie einen Sonatenhauptsatz zu erkennen.
    Ich weiß nicht, welche Besetzung Gustav Mahler in Krefeld zur Verfügung hatte, aber Francois Xavier Roth hatte gestern Abend 107 MusikerInnen zur Verfügung, 60 Streicher, 17 Holzbläser, 18 Blechbläser, 2 Harfenistinnen und 10 Schlagwerker.
    Hinzu kamen 20 Damen der Schola Heidelberg und 37 Mädchen und Jungen des Kölner Domchores.
    Ich glaube, aus der Erinnerung sagen zu können, dass dies eine der größten Bestzungen war, die ich je bei Konzerten mit Mahlers Dritter erlebt habe.


    Da dieser Bericht doch länger dauert und länger wird, als ich gedacht habe, gehe ich gleich ins Bett und schreib am Nachmittag weiter.


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Gustav Mahler, Sinfonie Nr. 3 d-moll mit Altsolo, Knabenchor und Frauenchor in Köln, 2. 10. 2018
    Gürzenich-Orchester Köln, Francois Xavier Roth
    Sara Mingardo, Alt,
    Mädchen und Knaben des Kölner Domchores,
    Damen der Heidelberger Schola,
    Gürzenich-Orchester,
    Dirigent: Francois Xavier Roth


    Bericht, 2. Teil


    Im 2. Satz, Tempo di Minuetto, trug zu Beginn der Solo- Oboist Tom Owen:

    ein berührendes Thema vor- welch ein unglaublicher Kontrast zur "ersten, teilweise apokalyptischen Welt" des Kopfsatzes, in dem Gustav Mahler uns vielleicht zeigen wollte, dass es möglich ist, in einer (seiner) Sinfonie solche gegensätzlichen Welten zu zeigen. Wie wir heute wissen, und nicht erst heute, ist seine unglaubliche Imagination längst von der Realität weit übertroffen worden, und man muss leider sagen, "auch noch heute", auch noch bei uns.
    Wunderbar auch, wie anmutig, ja pastoral die Oboe von den herrlichen Pizzicati der Gürzenich- Streicher begleitet wurden, dann von den zweiten Geigen und dem Soloklarinettist
    Blaz Sparovec:

    übernommen wurde, und dann die ersten Geigen, an der Seite von Andreas Wagner die stellvertretende Konzertmeisterin
    Anna Heygster:

    von dort dann in die Celli wanderte, bevor das sanfte Wiegen im Trio von gespenstischen Bocksprüngen der Holzbläser, quasi einer "Parallelwelt" wieder kräftig kontrastiert wurde- ähnlich krasse Kontraste wie im Kopfsatz also auch hier im sogenannten Menuett, das doch ursprünglich ganz anderen Tönen vorbehalten war. Und auch hier, im viel kleineren musikalischen Format, jedenfalls dem Kopfsatz gegenüber, knüpfte Mahler die verschiedensten musikalischen Bausteine teilweise blitzschnell aneinander, ging es zwischen den Instrumentengruppen hin und her, bevor das Hauptthema dann wieder in den zweiten Geigen auftauchte und dann auch hier Stefan Wagner an der ersten Geige wieder ein kurzes Solo hatte.
    So ging es hin und her, erst Menuett, dann Trio, dann wieder Menuett, dann wieder Trio. Nur ist das Trio hier beim zweiten Mal nicht einfach Trio, nach dem früher (in der Klassik) stereotypen Muster A-B-A-B-A, sondern Mahler baut es aus, fügt neue Themenbausteine hinzu, neue Instrumentengruppen, steigert den dramatischen Impetus und das Gürzenich-Orchester unter dem wieder grandiosen Francois Xavier Roth folgte ihm mit großer Begeisterung und großem Können.
    Auch die Soloflötistin
    Alja Velkaverh:

    stand hier in der Reise durch die Instrumentengruppen öfter im Mittelpunkt und konnte ihr großes Können zeigen.
    In einem berührenden Pianissimo im hohen Diskant in den ersten Geigen endete dieser reizvolle und vielschichtige Satz.


    Der dritte Satz, das Scherzo, setzte die Reise durch die Natur fort. Die Dritte gehört ja zu den sogenannten Wunderhorn-Sinfonien, in denen Lieder aus der Sammlung "Des Knaben Wunderhorn" (1892) zum Tragen kommen, wie auch in der Zweiten und in der Vierten, und hier im Gegensatz zum fünften Satz, liegt die instrumentale Fassung des Liedes "Ablösung im Sommer: Kukuk hat sich zu Tode gefallen" vor.
    Dieser Gesang geisterte zu Beginn durch die Holzbläser. Doch auch hier der (dynamische Kontrast. nach dem anfänglich hervorragend vorgetragenen Geplänkel zwischen Klarinette, Flöte und Oboe folgt ein sperriges, teilweise ruppiges, ja bizarres Tutti, in denen sich auch die Blechbläser wieder hervortun und dynamische Sprünge entstehen. Und nach einem großen Tumult wird, es wieder friedlich, übernehmen die Klarinetten, springt es wieder zurück in das Tutti, kehr langsam Ruhe ein, entsteht die Überleitung zum ersten Posthorn-Einsatz, oder sollte man sagen: Wunderhorn?
    Es kam diesmal aus den oberen Rängen, aus dem Rücken der Zuhörer, gegenüber dem Podium:
    (Es empfiehlt sich für den geneigten Leser und (oder Hörer und Zuseher), dem Link, den ich am Ende des letzten Beitrages setzen werde, zu folgen. Man kann dann den Posthornisten
    Bruno Feldkircher (auch Solotrompeter):

    in einer Überblendung auch sehen, wir Zuschauer konnten das nicht).
    Am Ende des ersten Posthornsolos intonierten die beiden Flötistinnen Aljah Velkaverh und
    Irmtraud Rattay-Kasper (schon seit 1977 Mitglied des Gürzenich-Orchesters):

    zum ersten Mal das Thema des Wunderhornliedes aus dem fünften Satz "Es sungen drei Engel einen süßen Gesang", in das sich nahtlos das Posthorn zum zweiten Soloabschnitt einfügte, und dann die beiden Hörner von Markus Wittgens (siehe 1. Teil) und
    Andreas Jakobs:

    deren Solo ich ebenso ergreifend und schön finde wie das Posthornsolo selbst, das sich dann noch ein drittes Mal meldet, dann die beiden Hörner noch einmal.
    Dann wieder der bizarre Kontrast. Es geht immer weiter, aber längst nicht immer so, wie man vermutet, sondern Tutti ist angesagt, und auch noch ein viertes Mal das Posthorn, diesmal das Thema verlängert von den Geigen, dann nochmals die Waldhörner und das Posthorn zusammen- und dann Tumult- die Posaunen (von Jericho?)- grandiose Coda-Ende.


    Auch an dieser Stelle will ich heute unterbrechen, da ich gemerkt habe, dass ich schreiben muss, was mir einfällt und wie es mir einfällt. Und deswegen geht es morgen weiter.
    Für alle, die sich jetzt schon den Live-Stream anschauen möchten (es lohnt sich wirklich, auch die Gespräche in der Pause), hier der Link:


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Guten Morgen lieber Willi, Dein Bericht nimmt ja die Formen der Sinfonie an. ;) Deine Begeisterung ist herauszulesen. Ich habe mich inzwischen auch durch den Live-Stream gehört und kann Dein sehr positives Urteil nachvollziehen, wenngleich ich die großen Mahler-Sinfonie fast nie mehr von der Konserve höre. Sie brauchen den Raum, die Enthaltung. Man muss diese Musik ganz körperlich spüren. Auf Tonträgern wirken sie für mich wie eingesperrt. Etwas verstörend fand ich die Pause nach dem ersten Satz, bei der die Musiker vom Podium gehen. Das habe ich so noch nicht erlebt. Ich weiß nicht, ob ich nach so einer Pause, die ja immer etwas prosaisches und praktisches hat, in die Sinfonie wieder hinein käme. Man stelle sich so eine Pause in der Neunten von Beethoven vor. Vielleicht kommt das ja auch mal noch. Die Gespräche in dieser Pause nahm ich seitens des Moderators als etwas zu naseweis wahr. Außerdem stört es mich, wenn Reporter den Dirigenten des Abends duzen und ihm das, was er sagen will, förmlich in den Mund legen. Das gehört sich nicht. Aber ich bin da wohl zu altmodisch und zu konservativ. Bei Wand wäre das unvorstellbar gewesen. Der wäre auch nicht in einer Konzertpause mal schnell vor das Mikrophon gekommen.

  • Lieber Rüdiger,


    schönen Dank für deinen Beitrag. Mir geht es ja ähnlich wie dir mit dem Hören großer Sinfonien im Konzertsaal, deshalb habe ich ja auch die Anzahl meiner Konzertbesuche merklich erhöht, und deswegen greife ich bei Neuerwerbungen, wenn möglich, zu Blu-Ray-Aufnahmen, wo die Illusion eines Konzertbesuches doch stärker ist als bei reinen Audio-Aufnahmen. Allerdings können auch sie den Konzertbewsuch nie ersetzen, zumal dieser Sinfonie, in der Fernorchester und externes Posthorn eine nicht unerhebliche Rolle spielen. Eine ähnliche Situation haben wir ja z. B. in Verdis Requiem, wo im "Tuba mirum"-Satz auch externe Trompeten auftreten, und bei den geeigneten Lokationen ist das sehr eindrucksvoll, wenn sie gut platziert sind.
    Zur Pausensituation wurde ja in dem ansonsten gewöhnungsbedürftigen Gespräch auch auf die Pause selbst Bezug genommen. Das können antürlich alle diejenigen nicht wissen, die das Konzert nicht besucht haben und das Programmheft nicht gelesen haben.
    Gustav Mahler selbst hatte ja die Sinfonie Nr. 3 am 9. Juni 1902, genau drei Monate nach seiner Heirat mit Alma Schindler, mit dem Gürzenich-Orchester und Mitgliedern der Krefelder Stadtkapelle in Krefeld uraufgeführt und nach der I. Abteilung, also nach dem 1. Satz, diese Pause gemacht, und Francois-Xavier Roth, der ja gerne mal experimenitert, fand es, scherlich in Abstimmung mit den Musikern, gut, dies auch einmal auszuprobieren. Meine anfänglich diesbezügliche Skepsis löste sich dann auch in Wohlgefallen auf.
    Wo du Günter Wand erwähnst, der hätte das Konzert gar nicht erst gespielt, denn er hatte, naxh seinen eigenen Worten, zu der Musik Mahlers "keinen Zugang" gefunden.
    Um noch einmal auf diese meine Lieblingssymphonie und die Pausengespräche zurück zu kommen, da hieß es, man komme aus dem Konzert dieser Symphonie als anderer Mensch wieder heraus, als man hineingegangen wäre. Da ist etwas dran, aber so empfinde ich auch z. B., wenn ich die Neunte Mahler besuche, wie im Juni 2017, als Jukka-Pekka Saraste mit dem WDR-Sinfonie-Orchester in Köln dies Sinfonie aufführte.


    Liebe Grüße


    Will :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Lieber Willi,


    ich mag Mahlers 3. auch besonders. Ich habe sie aber nur einmal in der Bielefelder Oetker-Halle erlebt. Das war auch eine sehr gute Aufführung. Das Posthornsolo wurde außerhalb des Saales gespielt - der Kontakt zum Dirigenten ging per Videokamera. Das klang wirklich gut - auf CD ist genau das dann schon mal weniger akustisch gut, wie bei der ansonsten sehr subtilen Abbado-Aufnahme aus Wein. Da klingen Aufnahmen besser, wenn das Flügelhorn im Saal gespielt wird. Über die Anlage höre ich die Symphonie aber auch sehr gerne - da kann sie zeigen, was sie kann! :D In Köln ist die 3. zu hören wegen der Geschichte der Uraufführung besonders reizvoll, da kann ich Deine Begeisterung sehr gut nachvollziehen! :hello:


    Liebe Grüße
    Holger

  • Danke auch für eure Beiträge, lieber Rodolfo und lieber Holger!


    Gustav Mahler, Sinfonie Nr. 3 d-moll mit Altsolo, Knabenchor und Frauenchor in Köln, 2. 10. 2018
    Gürzenich-Orchester Köln, Francois Xavier Roth
    Sara Mingardo, Alt,
    Mädchen und Knaben des Kölner Domchores,
    Damen der Heidelberger Schola,
    Gürzenich-Orchester,
    Dirigent: Francois Xavier Roth


    Bericht, 3. Teil


    Nach dem grandiosen Codaschluss des Scherzo nun im vierten Satz der nächste große Kontrast- die tiefe philosophische Versenkung in Nacht, Dunkelheit und Ewigkeit.
    Zunächst haben die acht Kontrabassisten das Wort, die den Satz mit einem betörenden Piano Pianissimo eröffne, bevor die wunderbare Altistin
    Sara Mingardo:

    aus lichter Höhe der zweiten Balkonreihe die Worte des Philosophen und Philologen Friedrich Nietzsches aus dessen philosophischer Schrift "Also sprach Zarathustra", das sog. "Mitternachtslied" sanft ins weite Rund singt:
    "O Mensch! Gib Acht!
    Was spricht die tiefe Mitternacht?
    »Ich schlief, ich schlief –,
    Aus tiefem Traum bin ich erwacht: –
    Die Welt ist tief,
    Und tiefer als der Tag gedacht.
    Tief ist ihr Weh –,
    Lust – tiefer noch als Herzeleid:
    Weh spricht: Vergeh!
    Doch alle Lust will Ewigkeit –,
    – will tiefe, tiefe Ewigkeit!«


    begleitet von den Hörnern mit ihrer wunderbaren Melodie, dann das dreimalige Terzen-Glissando der Oboe, die Singstimme, wieder die Hörner, dann das Glissando, diesmal intoniert vom Englischhorn, mit dem uns die Japanerin
    Ikuko Homma:

    erfreut. Und immer wieder die Hörner und die Streicher und die Holzbläser, die sich unter die schwebende Altstimme legen, denn sie schwebt ja im wahrsten Sinne des Wortes, ca. 10 Meter über dem Podiumsboden.
    Diese Aufführung des Gürzenich-Orchesters ist in mancherlei Hinsicht anders als andere Aufführungen der Dritten Mahler. (Ich bin mal gespannt, wie Lahav Shani seine Akteure am 2. Juni 2019 anordnet, wenn er die Dritte in Köln gibt.)
    Und weiter geht es mit den herrlichen Melodien, nun geführt von den Violinen, umspielt von den Hörnern, bevor sich die Oboe wieder mit ihrem Glissando meldet, dann die Wiederholung der ersten Zeile und der Sprung zur Zeile "Tief ist ihr Weh", dies im Wechsel mit der anrührenden Melodie der 1. Geige von Stefan Wagner und dann wieder Frau Mingardo mit der Zeile "Lust- tiefer noch als Herzeleid"- zeigt, auch in der Melodie, den nächsten Kontrast allein schon in diesem beiden Zeilen, aber auch im ganzen Stück. Dazu passt auch die herrliche Melodik des Solohorns und die emotionale Steigerung in der Solostimme auch in den letzten beiden Zeilen:
    Doch alle Lust will Ewigkeit--,
    -- will tiefe, tiefe Ewigkeit!"
    und noch einmal das Oboenglissando, dann beenden die tiefen Streicher, dass, was sie begonnen haben und so, wie sie es begonnen haben- welch ein wunderbarer Satz, und wie ergreifend hier musiziert und gesungen!


    Aber Gustav Mahler wäre ja nicht Gustav Mahler, wenn es nicht ganz anders, aber dennoch folgerichtig, nämlich aus der gleichen Höhe, wie im vierten Satz, weiterginge:
    "Bimm bamm ..."


    Es sungen drei Engel einen Süssen Gesang

    Knabenchor:
    Bimm bamm, bimm, bamm, . . .

    Frauenchor:
    Es sungen drei Engel einen süßen Gesang,
    Mit Freuden es selig in den Himmel klang.
    Sie jauchzten fröhlich auch dabei,
    Daß Petrus sei von Sünden frei.
    Und als der Herr Jesus zu Tische saß,
    Mit seinen zwölf Jüngern das Abendmahl aß,
    Da sprach der Herr Jesus: "Was stehst du denn hier?
    Wenn ich dich anseh', so weinest du mir."
    Alt:
    "Und sollt' ich nicht weinen, du gütiger Gott" . . .
    Frauenchor:
    Du sollst ja nicht weinen!
    Alt:
    "Ich habe übertreten die Zehn Gebot;
    Ich gehe und weine ja bitterlich,
    Ach komm und erbarme dich über mich."
    Frauenchor:
    Hast du denn übertreten die Zehen Gebot,
    So fall auf die Knie und bete zu Gott!
    Liebe nur Gott in alle Zeit,
    So wirst du erlangen die himmlische Freud!
    Die himmlische Freud, die Selige Stadt;
    Die himmlische Freud, die kein Ende mehr hat.
    Die himmlische Freude war Petro bereit'
    Durch Jesum und allen zur Seligkeit."


    Hier in diesem Wunderhornlied wird die Religion als zusätzliche Dimension behandelt, in der es nicht nur um die ewigen Freuden geht, sondern auch um die Sünden, die Petrus (gesungen von der Altstimme, beichten will und es dann auch tut, und von den Engeln wird ihm dann auch prompt die Vergebung angekündigt. Diese "Beichte" ist ein weiteres Paradestück für den Alt und wird von Sara Mingardo hinreißend gesungen, Auch die Kölner Chormädchen und -knaben sowie die Heidelberger Schola-Damen machen ihre Sache vortrefflich.
    Diese Ankündigung der Vergebung ist jedoch nicht endgültige. In der Sinfonie braucht es (er, Mahler) dafür noch einen sechsten Satz, ein Schlussadagio, eines der schönsten, das ich kenne, und das wird man am Ende auch noch an etwas anderem sehen, was ich dann noch erwähnen werde.


    Nachdem die Streicher im fünften Satz meist geschwiegen haben, haben nun ihren ganz großen Auftritt.


    Attacca beginnt Francois Xavier Roth mit dem Finale. Immer, wenn ich die ersten Takte gehört habe, muss ich mich erst sammeln.
    Dieser Beginn ist musikalisch so dicht, emotional so überwältigend und wird vom Gürzenich-Orchester so grandios gespielt, dass ich meine Hörsitzung und meine Niederschrift immer wieder unterbrechen muss. Ich bin noch mehr überwältigt als beim Hören in der Philharmonie, weil ich durch meine Nachbeschäftigung mit ihr und die unterstützende Kameraführung wieder etwas näher an den Kern dieser Himmelsmusik gekommen bin.
    Im Konzert und jetzt auch wieder komme ich an eine Stelle in den ersten Violinen, die genauso auch in Verdis Traviata stehen könnte. Es ist unglaublich (im Livestream etwa ab 1:55 Std.).
    Dynamisch nimmt dieses Schlussadagio genau den umgekehrten Verlauf wie Mahlers anderes Schlussadagio, das aus der Neunten in D-dur.
    Dieses aus tiefstem Pianissimo kommende feine Weben wird erst dann unruhig wenn sich langsam die Bläser hinzugesellen und erreicht einen ersten Höhepunkt (etwa im Forte). Beim zweiten Mal eröffnet die Oboe das Drängen, kommen die Hörner, die Flöte, die Klarinette und die anderen Streicher hinzu, dann die Solotrompete, dann das machtvolle Tutti, dann noch mal Mahlers bevorzugte Soloposaune (etwa bei 2:04 Std.).
    Und wieder geht es zurück, weben die Streicher wieder im Piano, aber diesmal kommt die nächste Steigerung eher (die Einschläge liegen dichter). Es kommt der prachtvolle Bläser-Choral, dann das Tutti im Forte fortissimo und die (hier) bedrohlichen Pauken.
    Dann wieder Zurückfahren, die Flöte beginnt wieder leise, die Piccolo tritt hinzu, dann das Choralthema mit der gedämpften (mit schwarzem Tuch den Schalltrichter verhängten Solotrompete, dann die anderen und die Posaunen, welch ein feierlicher (noch leiser) Choral (im Hintergrund denke ich immer noch an die Szene aus dem fünften Satz), auch mit der Soloposaune klingt das wunderbar, nun die Celli und Bratschen und die nächste Steigerung-
    nun wandelt sich auch der Rhythmus zu einem machtvollen Schreiten, und es schwillt wieder ab und endlich die hymnische D-dur-Coda- mein Gott!!


    Ich habe Francoix-Xavier Roth noch nie so fertig gesehen, und ich erinnere mich jetzt an sein Pausen-Gespräch, wo die Rede davon war, dass uns diese Symphonie verändert, dass wir als ein anderer Mensch aus dem Saal gehen als der es war, der ihn betreten hat. Es war, jedenfalls für mich, der nur wenige Meter entfernt saß, direkt greifbar, dass sie auch ihn verändert hatte, das sah man auch an dem Glitzern in seinen Augen und an dem völlig kraftlosen Abgang von der Bühne. Er hat sich dieser Musik völlig ausgeliefert, man konnte das in diesem Live-Stream noch besser sehen, weil häufige Kameraeinstellungen sein Gesicht zeigten, und man konnte sehen, wie es darin arbeitete, und man muss bedenken, dass er diesen Kraftakt nicht nur körperlicher, sondern auch geistiger und seelischer Art nun zum dritten Mal innerhalb von drei Tagen, Sonntagmorgen, Montagabend und Dienstagabend, hinter sich gebracht hatte.
    Welch eine grandiose Leistung von allen Beteiligten, vor allem aber von ihm:


    Danke Maestro!


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).