WALTON, William: TROILUS UND CRESSIDA

  • William Walton (1902-1983):
    TROILUS AND CRESSIDA
    Oper in drei Akten - Libretto von Christopher Hassal nach einem Gedicht von Geoffrey Chaucer
    Widmung an die Frau des Komponisten


    Uraufführung der Erstfassung am 3. Dezember 1954 am Royal Opera House London
    Erstaufführung der (von 1955 bis 1972) revidierten Fassung 1976 am gleichen Haus



    DIE PERSONEN DER HANDLUNG


    Kalchas, Oberpriester der Pallas Athene (Bariton)
    Antenor, Hauptmann (Bariton)
    Troilus, trojanischer Prinz (Tenor)
    Cressida, Tochter von Kalchas (ursprünglich Mezzo/Alt, nach Umarbeitung Sopran)
    Pandarus, Bruder von Kalchas (Tenor)
    Evadne, Gefährtin von Cressida (Mezzosopran)
    Horaste, Freund von Pandarus (Bass)
    Diomedes, Prinz aus Argos (Bariton)
    Ein Priester
    Zwei Soldaten
    Chor: Priester, Soldaten, Volk


    Ort und Zeit der Handlung: Troja im zehnten Jahr des Krieges.



    INHALTSANGABE


    Erster Akt.
    Vor dem Tempel der Pallas Athene. Mittig der Bühne eine aufsteigende Treppe zu einer Säulengalerie mit Epistyl. Rechts ein Wall mit Tor, gegenüber ein Altar. Beim Aufgehen des Vorhangs klagt das Volk im Gebet:

    Göttin von Troja, nimm unser Opfer, siehe wir sterben, rette uns!
    Göttin von Troja, schlafe nicht länger, rette uns, siehe wir sterben!
    Pallas, Pallas, Pallas, wach auf!

    Die Klagerufe animieren andere Bürger, in das Bittgebet hinein zu schreien, dass die Göttin tot sei, weil sie schon seit zehn Jahren Menschen jeglichen Alters verhungern lasse.


    Da schaltet sich Oberpriester Kalchas ein und verkündet den Spruch des delphischen Orakels, wonach Troja dem Untergang geweiht ist. Das akzeptiert das Volk nicht und reagiert Kalchas gegenüber feindselig. Den feindseligen Ton nimmt der Hauptmann Antenor auf und bezichtigt den Oberpriester der Kumpanei mit den Griechen. Vor allen Dingen verlangt Antenor Beweise für die Echtheit des Orakelspruchs, und die Menge will Kalchas in Ketten sehen.


    Der Lärm hat Prinz Troilus herbeigerufen und er stellt sich mit gezogenem Schwert an die Seite des Oberpriesters, weist den Hauptmann in die Schranken und schüchtert die Menge durch sein energisches Auftreten ein, die sich dann murrend zurückzieht. Allein mit Antenor verspricht Troilus ihm, ein waches Auge auf den Oberpriester haben zu wollen. Troilus‘ freundliche Worte machen Antenor mutig und er fragt vor seinem Abgang den Prinzen, warum er ‚hier um den Tempel‘ schleicht; die Antwort liefert er, in eine Frage gehüllt, nach:

    Ist es vielleicht das Mädchen, das die Lichter hütet? Die reizende Novizin Cressida?

    Troilus‘ Antwort hört Antenor nicht mehr, aber das Publikum erfährt aus dem Selbstgespräch des Prinzen, dass er tatsächlich jene Cressida liebt. Deren Zuneigung zu ihm scheint sich jedoch in Grenzen zu halten, denn Troilus wendet sich an die Göttin Aphrodite, der Lust-Spenderin, mit der Bitte um Hilfe bei der Eroberung von Cressidas Herz, wofür er dann sein eigenes der Göttin als Thron überlassen will.


    Unterdessen hat sich das Tempeltor geöffnet und zwei Priester kommen mit Cressida heraus. Troilus spricht sie an und macht ihr eine Liebeserklärung, aber sie weist ihn ab, denkt an ihren Gatten, den die Griechen getötet haben, und an ihren Vater, den das Volk mit dem Tode droht. Troilus gelingt es nicht, sie aufzuheitern und sein Werben um ihre Liebe bleibt erfolglos. Sie lässt Troilus stehen und geht traurig die Stufen zum Tempel hinauf, wo sich hinter ihr die Tore schließen. Trotz dieser Zurückweisung schwört Troilus, den Kampf um Cressidas Herz nicht aufzugeben, denn die Götter haben sie füreinander bestimmt.


    Pandarus, Bruder von Kalchas und somit Onkel von Cressida, tritt auf und Troilus gesteht ihm seine Liebe zu Cressida. Pandarus reagiert keinesfalls überrascht, sondern bietet dem Prinzen seine Hilfe an. Er behauptet, dass er sein Kuppeltalent schon oft genug mit Erfolg eingesetzt habe, weshalb sich auch seine Nichte seinem Einfluss nicht werde entziehen können! Mit dieser Ansage hat Pandarus den Prinzen vollkommen überzeugt, der euphorisch abgeht.


    In diesem Augenblick öffnet sich die große Tempeltüre und Kalchas tritt mit Cressida und deren Vertrauter Evadne heraus. Während aus dem Tempel die priesterlichen Bittgesänge an Pallas Athene zu hören sind, flehen Cressida und Evadne Kalchas an, den Tempel und die Stadt nicht zu verlassen. Doch der Oberpriester nimmt den Orakelspruch aus Delphi ernst: Die Stadt ist dem Untergang geweiht und er wird nicht bleiben! Er lässt die beiden Frauen stehen und geht eilig durch ein Tor in der Schanze ab. Cressida schickt Evadne hinter ihm her und Pandarus schließt sich ihr an.


    Allein auf der Szene schwelgt Cressida in Erinnerungen an die Kindheit; die in ihrem Kopf entstehenden Bilder vermengen sich jedoch mit einer Gestalt, die sie nicht zuordnen kann. Es ist ein Krieger mit Speer, Schild und Helm, der ihr auf einem Ross naht und nicht von der Seite weicht, plötzlich aber in einem Feuermeer verschwindet. Sie ist überzeugt, Troilus in diesem Tagtraum gesehen zu haben. Doch darf sie seine träumerisch angebotene Hilfe nicht annehmen, denn es wäre sein Ende und der geliebte Mann soll doch frei sein!


    Evadne kommt mit der Nachricht zurück, dass Kalchas zu den Griechen übergelaufen ist. Das ist für Cressida unvorstellbar und sie bricht in Tränen aus. Pandarus bestätigt Evadnes Bericht und äußert seine Wut über den Verrat seines Bruders. Er versucht Cressida mit dem Hinweis zu trösten, dass sie immer mit dem Schutz von König Priamos‘ Sohn rechnen kann. Cressida versteht nicht, warum der Onkel im Singular spricht und erfährt, dass Hektor, der älteste, leider verheiratet ist (was er bedauert!), dass Paris, der zweite Sohn des Königs, zwar ein netter Kerl, aber offensichtlich nicht Mann genug ist, denn Helena gähnt ihm zu viel. Bleibt noch Troilus - und der ist ein ‚Mann der Tat‘ und Liebling des Apollo!


    Cressida wundert sich über den Einsatz des Onkels für den Prinzen, doch ehe der sein Denken erklären kann, kommt der so Gelobte mit mehreren Kriegern und Bürgern auf die Szene. Aus den Berichten zweier Soldaten wird deutlich, dass Hauptmann Antenor gefangen genommen wurde und drei seiner Begleiter dabei ums Leben kamen. Troilus ordnet an, die Nachricht sofort dem König zu übermitteln, damit zur Befreiung Antenors alles Notwendige in die Wege geleitet werden kann. Notfalls muss sogar das Schwert entscheiden!


    Die Krieger stimmen einen Schlachtruf an, und Troilus befiehlt, Kalchas zu holen, damit er die Waffen segne. Doch der Oberpriester ist spurlos verschwunden, was Troilus nicht glauben kann, und in den Tempel stürmt. Pandarus fleht unterdessen Cressida an, am Abend unbedingt zum Nachtmahl zu kommen, während Troilus sicher alles versuchen wird, den Hauptmann zu befreien. Viel Hoffnung auf ein Gelingen des Unternehmens hat er allerdings nicht! Um den Prinzen stark zu machen, bittet er Cressida um ein Zeichen der Gunst für ihn und sie gibt dem Onkel ihren roten Schal.


    Troilus kommt aus dem Tempel mit dem Wissen um den Verrat des Oberpriesters zurück, doch seine anfängliche Wut um Kalchas‘ schändliches Handeln legt sich, als er von Pandarus den Schal Cressidas als ein ‚schüchternes Pfand ihrer Neigung‘ erhält. Der Prinz ist überglücklich, dankt überschwänglich Aphrodite und wähnt sich bereits als Gewinner - sowohl über Cressidas Herz, als auch Antenor befreien zu können.



    Zweiter Akt.
    Szene I.
    Ein Raum im oberen Stockwerk von Pandarus‘ Haus: Hinten links eine Tür, rechts ein Alkoven mit Bett, vom Hauptraum durch einen Vorhang getrennt. Ein Fenster gibt den Blick auf Trojas Dächer frei. Die Szene ist am Abend des Folgetages zu denken.


    Cressida und Pandarus‘ Freund Horaste spielen an einem Tisch, Evadne und eine Frau an einem anderen Schach. Pandarus geht unruhig auf und ab. Er tritt an das Fenster und meint, dass ‚ein Wetter‘ heranzieht und es besser sei, hier im Hause zu übernachten. Dieses Angebot nehmen die Gäste gerne an. Pandarus geht er zur Tür und befiehlt leise einem Sklaven, Troilus zu holen. Die Gäste beenden ihr Spiel und nach einigen Wortwechseln begeben sie sich zur Ruhe.


    Cressida kann aber nicht schlafen und gibt in einem Selbstgespräch zu, dass sie nur noch an Troilus denken muss, und dass sie hin und her gerissen ist zwischen Liebe und Hass zu ihm. Der Zwiespalt ist kaum zu ertragen - da stört sie Pandarus mit der Nachricht, dass jemand

    ganz zufällig, so ganz von ungefähr, vielleicht auch nicht ganz ungewollt,
    mitten in finsterer Nacht hier ins Haus, nun wer? Rate doch, mein Kind!

    gekommen ist. Cressida denkt sofort an ihren Vater, doch Pandarus schüttelt unwillig seinen Kopf und erklärt, dass es Troilus sei. Cressida gerät vor Freude völlig ‚aus dem Häuschen‘, ist aber, als der Prinz eintritt, vor Aufregung stumm. Pandarus zieht sich anstandsvoll zurück und überlässt die beiden Verliebten ihrem Liebesglück.


    Während Troilus seine Liebe zu Cressida wortreich bekräftigt, hält sie es viel kürzer, aber mit sehr viel Wärme. Das anschließende Duett beweist nicht nur die Ehrlichkeit ihrer Geständnisse, sondern beinhaltet gleichzeitig auch Dank und Einladung an Aphrodite, an der Liebesnacht teilzunehmen. Sie begeben sich in ein Nebenzimmer und das Orchester malt das unsichtbare Liebesgeschehen mit strahlenden Klängen.


    Szene II.
    Am nächsten Morgen bei unverändertem Bühnenbild.


    Langsam erhellt sich die Bühne und aus dem Alkoven tritt Cressida mit dem Lob für den neuen Tag. Gleichzeitig wünscht sie sich die Nacht der Liebe zurück - eine Bitte, der sich auch Troilus gerne anschließt. Doch aus der Ferne sind bedrohliche Trommelschläge zu hören, die sie sich nicht erklären können. Da stürzt Pandarus aufgeregt ins Zimmer und berichtet, dass griechische Soldaten im Hof stünden, er aber nicht weiß, was sie wollen. Cressida spricht die Überlegung aus, dass ihr Vater die Krieger, aus welchem Grunde auch immer, geschickt haben könnte. Aber Troilus glaubt seine Geliebte in Gefahr und will mit gezogenem Schwert hinausstürmen, doch Pandarus hält ihn fest: Er sieht Cressidas Ruf gefährdet.


    Aus dem Hintergrund sind marschierende Schritte zu hören und Pandarus schickt das Paar in den Alkoven. In diesem Moment wird rabiat die Tür aufgestoßen und Diomedes, Prinz aus dem peleponnesischen Argos, tritt mit Soldaten ein. Er kommt ohne Umschweife zur Sache, zeigt sich gut informiert und weiß deshalb, dass Pandarus, der Bruder des Oberpriesters Kalchas, vor ihm steht. Diomedes bezeichnet Kalchas als ‚nützlich für Griechenland‘ und dass er aus diesem Grund einen besonderen Lohn verdient habe - und der besteht im Austausch von Cressida, die sich hier im Hause aufhält, für den Hauptmann Antenor. Pandarus lehnt diesen Handel strikt ab und bedeutet dem Prinzen, dass auch König Priamos seine Zustimmung nicht geben werde. Das interessiert Diomedes nicht, er verlangt kategorisch, Cressida sofort holen zu lassen. Dabei fällt ihm auf, dass Pandarus unruhig zum Alkoven blickt. Sofort geht er ahnungsvoll hin und zieht den Vorhang zurück - Cressida sitzt allein am Fußende des Bettes. Ihre Schönheit trifft ihn wie ein Schlag, aber er zwingt sich zur Ruhe und fordert sie auf, sich für den Weg ins Lager der Griechen fertig zu machen; er wird mit seiner Begleitung solange draußen warten.


    Während Cressida entsetzt in Pandarus‘ Arme sinkt, kommt Troilus aus einem Versteck hervor und zieht Cressida an sich. Die Liebenden erkennen das ihnen von den Göttern zugewiesene Schicksal an und er verspricht ihr, dass er die Wachen bestechen wird, um sie im Griechenlager treffen zu können. Als Zeichen seiner Liebe gibt er ihr den roten Schal zurück. Dann kommen auf ein Zeichen von Pandarus zwei griechischen Soldaten und führen Cressida mit Evadne ab. Pandarus sinkt auf einem Stuhl in sich zusammen und Troilus wirft sich enttäuscht und entsetzt zugleich auf das Bett.



    Dritter Akt.
    Das griechische Lager, etwa zehn Wochen später zu denken. Rechts das Zelt des Kalchas. Im Hintergrund ein Damm gegen das Meer; auf dem Wasser sind die Masten dreier Schiffe zu sehen. Links befindet sich ein Kohlebecken und ein kleiner Wachtturm.


    Cressida kommt aus dem Zelt ihres Vaters und beklagt sich in einem Selbstgespräch, dass sie bisher von Troilus keine Nachricht erhalten hat. Sie bittet wieder einmal Evadne, nach dem Botengänger Ausschau zu halten, wird aber von ihrer Gefährtin gewarnt: Troilus ist wie alle jungen Männer - sie richten ihre Augen auf jede Frau, und deshalb solle sie davon ausgehen, dass er sie wegen einer anderen Frau längst vergessen hat. Diese abfällige Äußerung macht Cressida wütend und sie verlangt, dass Evadne nie wieder so über ihren Geliebten spricht. Doch die hält sich nicht daran, empfiehlt ihr sogar, sich dem Prinzen Diomedes zuzuwenden. Der würde ihr ein besseres Leben bieten, zumal es ja auch möglich wäre, dass Troilus im Kriege getötet würde - und ein Leben in Trauer kann doch nicht ihr Ziel sein. Das ist Cressida endgültig zu viel: Sie gibt Evadne wütend einen Stoß, die daraufhin zu Boden stürzt. Darüber erschrocken hilft sie der Vertrauten, dabei um Verzeihung bittend, wieder auf. Sie bittet Evadne inständig, noch einmal, und auch nur dieses eine Mal noch, den Botengänger nach einer Nachricht von Troilus zu fragen. Evadne nimm Cressidas Entschuldigung an und geht ab.


    Alleine auf der Szene bittet Cressida Persephone, in allen Winkeln ihres Totenreiches nach dem Freund zu forschen - doch die Göttin der Unterwelt hüllt sich in Schweigen. Die Szene hat Kalchas beobachtet und er hält den Zeitpunkt jetzt für gekommen, seiner Tochter den seiner Meinung nach einzigen und richtigen Weg zu weisen: Er geht auf sie zu und bittet sie, an die Zukunft zu denken, Träume und Pläne der Vergangenheit hinter sich zu lassen. Das heißt nichts anderes, als dass die Zukunft griechisch sein wird, weil die Götter den Untergang Trojas beschlossen haben. Und es heißt für sie persönlich, endlich dem freundlich-liebevollen Werben des Prinzen Diomedes nachzugeben - denn eine bessere Partie gibt es für sie, der Tochter eines Priesters, nicht!


    Cressida antwortet nicht; Kalchas gibt aber nicht auf, argumentiert nun mit der harten Realität eines Gefangenenlagers für Frauen: Sie möge sich vor Augen führen, dass es für sie dort kein Zuckerlecken sei, denn sie werde am Tage kochen und waschen, und in der Nacht den ‚Männern zur Lust‘ dienen müssen. Da sei ein Leben mit dem Prinzen doch wohl ungleich besser! Weil Cressida immer noch schweigt, wird Kalchas‘ Ton nun rauer: Diomedes hat ihm bedeutet, dass er heute eine endgültige Antwort von ihr haben will und deshalb ist es seine Vaterpflicht, sie an den nötigen Gehorsam zu erinnern. Eigene Entscheidungen stehen ihr nicht zu! Cressidas hartnäckiges Schweigen nervt Kalchas und er geht ab.


    Cressida ist am Boden zerstört und klagt die Götter wegen ihrer Leiden an. Sie weiß, dass sie von Diomedes geliebt wird, doch kann sie Troilus nicht vergessen, auch wenn sie keine Ahnung hat, warum er schweigt und sein Versprechen nicht einlöst. In ihren Gedanken wird sie von Diomedes gestört, der jetzt, wie es ihr Vater angekündigt hat, eine endgültige Antwort auf seine Werbung um ihre Hand erhalten will:

    Herzlose Cressida, hast du dich wohl bedacht? Heut‘ will ich deine Antwort!

    Sie versucht, ihn zum Verzicht auf sie zu bewegen, weist ihn auf Standesunterschiede hin, doch Diomedes geht über das Argument hinweg und verspricht ihr eine goldene Zukunft als Königin an seiner Seite. Dieses Versprechen lässt Cressida nicht unberührt, wie Diomedes sofort sieht und deshalb auch nachhakt: Er möchte ein ‚Pfand der Hoffnung’ auf ihre Liebe besitzen - vielleicht kann sie jenen roten Schal entbehren? Cressida lehnt dieses Ansinnen jedoch entsetzt ab. Er versucht es noch einmal, indem er vor ihr auf die Knie fällt, zu einer Erklärung aber nicht kommt, weil sie sich plötzlich den Schal vom Hals reißt, und ihn dem Prinzen in die Hand drückt, ehe sie davoneilt.


    Was war geschehen? Warum hat Cressida plötzlich doch den Schal abgegeben? Die Erklärung ergibt sich aus Evadnes plötzlichem Auftauchen hinter Diomedes‘ Rücken, der sie folglich nicht sehen kann. Cressidas Gefährtin deutet ihr durch Kopfschütteln an, dass auch heute vom Botengänger keine Nachricht von Troilus dabei war. Diomedes dagegen reagiert aufgekratzt und jubelt vor seinem Abgang, endlich für sich eine Partnerin und für Argos eine geeignete Königin gefunden zu haben.


    Kaum ist der Prinz verschwunden kommt Evadne mit einer Schriftrolle zurück und entlarvt sich selbst als Intrigantin: Sie geht, sich dabei nach allen Seiten umschauend, zum Kohlebecken und wirft ein Schriftstück in die Flammen:

    So endet Cressidas Kampf. Nun ist sie frei, um neu zu leben.
    Einmal noch brenne mein ängstliches Geheimnis, vergeblich wartet Troilus,
    und seine letzte Botschaft opfere ich heute dieser Flamme.

    Nun ist klar, dass sie alle Nachrichten von Troilus vernichtet hat. Ob aus eigenem Antrieb oder durch Anstoß anderer, bleibt offen.


    Während sie ihre Hände an dem Feuer wärmt, kommen plötzlich Troilus und Pandarus auf die Szene und Evadne reagiert erstaunt. Mit den beiden hat sie nie und nimmer gerechnet. Sie hört, dass für kurze Zeit die Waffen schweigen sollen und deshalb Cressida und sie heimgeholt werden sollen. Pandarus fällt auf, dass Evadne keinen freudigen, sondern einen entsetzten Eindruck macht. Leise warnt er Troilus vor dem ‚verdächtigen Weib‘, doch der Prinz ist in einer so euphorischen Stimmung, dass er auf diese Warnung nicht reagiert. Erst durch Evadnes Hinweis, dass sie in großer Gefahr schweben und ihr Vorhaben zum Scheitern verurteilt sei, wird er nachdenklich, aber auch abgelenkt, weil gerade Cressida aus ihrem Zelt tritt. Er will auf sie zugehen, wird jedoch von Pandarus festgehalten und zur Seite gezogen. Hier beobachten die beiden erstaunt, dass Cressida als Braut geschmückt ist, und hören, dass sie von Evadne wissen will, ob sie ‚ihm‘ wohl gefallen werde?


    Jetzt hält es Troilus nicht mehr in seinem Versteck, er tritt hervor und Cressida gerät vor Freude außer sich. Pandarus denkt an die von Evadne beschworene Gefahr und verlangt von ihr, schnell Cressidas Mantel zu holen, damit sie sofort mit den bereitgehaltenen Pferden fliehen können. Es kommt aber anders: Cressida wirft Troilus mit Enttäuschung in der Stimme vor, dass es zu spät sei, dass sie voneinander Abschied nehmen müssen, und sie gibt ihm die Schuld, weil er ihr keine Nachricht hat zukommen lassen. Troilus reagiert erstaunt und mit Unverständnis, hat er doch die griechischen Wachen bestochen und ihr jeden Tag geschrieben - sie dagegen habe ihm nie geantwortet!


    Trompetengeschmetter unterbricht die Szene und aus dem ‚Off‘ hört man Jubelgesänge auf Cressida, die ‚Braut von Kalydon und Argos‘. Cressida fordert Troilus mit tiefer Traurigkeit auf, zu gehen, sie zu vergessen und ihrem Schicksal zu überlassen. Während Troilus unfähig ist, etwas zu sagen, erkennt Pandarus den Ernst der Lage und drängt den Prinzen, dass sie beide sofort den Rückzug antreten:

    Ich fürchte Schlimmes, wenn sie uns hier finden! Verloren sind wir dann!

    Er zieht den Prinzen gerade noch rechtzeitig zur Seite, denn Diomedes kommt mit Kalchas und einer Menge Volk auf die Szene. Die Menge jubelt in Vorfreude auf die Hochzeit, während Pandarus weitereilen, Troilus ihm aber nicht folgen will, denn er hat ‚seinen‘ roten Schal um Diomedes‘ Hals gesehen. Mit einer Mischung aus Ärger, Enttäuschung und Wut tritt er aus dem Sichtschatten und sorgt damit für Überraschung und Unruhe unter den Anwesenden. Es ist Pandarus, der nun ebenfalls hervortritt und die Situation zu retten versucht, indem er Diomedes mit höfischem Ton entgegentritt: Die Waffenruhe zu nutzen sind sie gekommen um sowohl Cressida als auch ihre Gefährtin Evadne auszulösen. Den Überraschungscoup hat Diomedes schnell überwunden, und er geht sofort in den Angriffsmodus über:

    Wenn ihr alle liegt zum Fraß den Vögeln auf dem Feld, Cressida herrscht in Argos!

    Im Übrigen habe seine Braut ihm als Zeichen der Liebe den roten Schal geschenkt, was Troilus natürlich zurückweist und behauptet, er habe ihn schon vor langer Zeit von Cressida als Zeichen ihrer Liebe erhalten. Diomedes stutzt, reagiert aber, als Cressida aus dem Zelt tritt, und verlangt von ihr, dass sie Troilus wegen des Schals vor allen als Lügner entlarvt. Doch sie schweigt, auch auf Nachfragen, und lässt damit alle Anwesenden zunächst an ihrer Redlichkeit zweifeln, dann sogar der Falschheit bezichtigen.


    In den Chor der Menge mischen sich die Stimmen von Troilus und Diomedes, jeder für sich die Lügen des jeweils anderen entlarven wollend, dann Cressidas Verzweiflung über ihre Lage, hin und her gerissen zwischen Troilus und Diomedes, während Evadne erkennt, dass sie zwar Fehler begangen hat, dennoch überzeugt ist, im Sinne einer glänzenden Zukunft für Cressida richtig gehandelt zu haben. Pandarus ärgert sich, dass er ein düsteres Spiel mitspielen muss, und Kalchas macht seiner Tochter den Vorwurf, ihn mit Schmach bedeckt zu haben. Es ist ein gewaltiges Stück Musik von großer Emotionalität!


    Plötzlich bricht der Gesang ab - und Diomedes reißt sich den Schal vom Hals, wirft ihn zu Boden, tritt ihn mit Füßen und bezichtigt Cressida, Schmach über ihn und Argos gebracht zu haben. Er will davoneilen, doch hält ihn Troilus, das Schwert ziehend, mit der Drohung zurück, ihn für seine schandhaften Äußerungen töten zu wollen. Als er sich auf Diomedes stürzt und ihn dadurch in die Knie zwingt, tritt Kalchas auf Troilus zu und stößt ihm hinterrücks seinen Dolch in den Rücken. Troilus lässt sein Schwert fallen und sinkt zu Boden. Cressida schreit auf, will ihn stützen, vermag ihn aber nicht zu halten.


    Diomedes verlangt, dass man den Prinzen in sein Zelt bringt und ihm alle Hilfe zuteilwerden lasse. Kalchas aber soll gefesselt nach Troja gebracht werden, wo man über ihn richten möge, hier benötige man seine Hilfe nicht mehr. Cressida aber muss bleiben, denn mit ihren ‚vielen Reizen‘ kann sie noch nützlich sein. Dann geht er ab und das Volk zerstreut sich, Pandarus, Kalchas und Evadne werden abgeführt.


    Allein auf der Szene klagt Cressida verzweifelt über ihre Lage. Plötzlich sieht sie Troilus‘ Schwert und nimmt es mit den Worten

    Hier ist die Botschaft, die ich so lang ersehnt! Wie strahlt sie in heller Schönheit,
    strahlt Troilus‘ Ehre! Du kommst von Troilus und du bist mein!

    unter einem Schleier verbergend an sich. Als griechische Krieger kommen, um sie zu holen, ersticht sie sich. Verstört blicken alle auf die Sterbende, während der Vorhang fällt.



    INFORMATIONEN ZUM WERK


    Troilus und Cressida ist die erste der zwei Opern von William Walton, deren Partitur er übrigens seiner Frau Susana gewidmet hat. Die Uraufführung fand am 3. Dezember 1954 im Royal Opera House in London unter der Leitung von Sir Malcolm Sargent statt. Sie war nur ein mäßiger Erfolg, und Kritiker machten dafür in erster Linie den Dirigenten für ‚eine glanzlose Leistung‘ verantwortlich. Aber auch die Solisten (Magda László Cressida, Richard Lewis Troilus, Frederick Dalberg Kalchas, Geraint Evans Antenor, Peter Pears Pandarus, Monica Sinclair Evadne, Otakar Kraus Diomedes) kamen nicht gut weg; ihnen wurde vorgeworfen, das Werk ‚nicht gründlich genug‘ studiert zu haben.


    Das Libretto stammt von Christopher Hassall, der ein Gedicht von Geoffrey Chaucer als Vorlage benutzte. Die gleichnamige Oper von Winfried Zillig (auch im Tamino-Opernführer besprochen) hält sich dagegen im Handlungsablauf streng an Shakespeare.


    Die Entstehung der Oper datiert zurück bis in die Mitte der 1940er-Jahre und wurde von dem großen Erfolg von Brittens ‚Peter Grimes‘ inspiriert. Der Sujet-Vorschlag stammt von Alice Wimbourne, die auch Hassell als Librettisten ins Auge gefasst hatte, obwohl der noch nie einen Operntext geschrieben hatte. Die Komposition beschäftigte Walton etwa sieben Jahre.


    Die nordamerikanische Premiere fand am 7. Oktober 1955 an der San Francisco Opera statt; bei Anwesenheit des Komponisten dirigierte Erich Leinsdorf, dem Richard Lewis als Troilus, Dorothy Kirsten als Cressida, Giorgio Tozzi als Kalchas, Carl Palangi als Antenor, Ernest McChesney als Pandarus und Frances Bibel als Evadne zur Verfügung standen. Die Premiere an der New York City Opera war am 21. Oktober 1955 und die Mailänder Scala brachte die Oper im Januar 1956 heraus. Covent Garden hat 1963 eine erneue Aufführung, abermals mit Sargent am Pult, herausgebracht und Australien im März 1964 während des Adelaide Festivals mit Richard Lewis und Marie Collier und dem South Australian Symphony Orchestra unter der Leitung von Joseph Post.


    1976 revidierte Walton seine Oper für Janet Baker, wobei er nicht nur Kürzungen vornahm, sondern die Partie der Cressida um eine kleine Terz veränderte.



    © Manfred Rückert für den Tamino-Opernführer 2018
    unter Hinzuziehung des Klavierauszuges von Oxford University Press

  • Beim Tamino-Werbepartner jpc sind folgende Einspielungen von Waltons Oper gelistet



    die auch der Werbepartner Amazon anbietet; zusätzlich werden die beiden folgenden Aufnahmen angeboten (die beiden Cover einzustellen ist mir nicht geglückt, deshalb hier die Übernahme der Daten):


    Troilus and Cressida; Dirigent des Philharmonia Orchesters William Walton; mit Elisabeth Schwarzkopf und Richard Lewis (B01C7Z25C6)
    Troilus and Cressida; Dirigent des Royal Opera Orchestras Lawrence Foster mit Janet Baker, Richard Cassily, Gerald English,
    Benjamin Luxon und Elisabeth Bainbridge (B0078M0ISW)


    :hello:

  • Lieber musikwanderer, sei herzlich bedankt für Deinen spannenden Führer durch Waltons "Troilus and Cressida". Du erwähnst auch die Aufnahme mit Elisabeth Schwarzkopf.



    Es handelt sich um eine Zusammenstellung großer Szenen. In dieser Aufmachung des originalen Covers sind sie zuletzt in die Edition der kompletten EMI-Recitals der Schwarzkopf von 1952 bis 1974 eingegangen, die nun unter dem Loge von Warner erschienen ist. Der Klang der von Walter Legge, dem Mann der Schwarzkopf, betreuten Mono-Produktion ist superb. Sie entstand 1955 in der Londoner Kingsway Hall. Walton war mit Legge und der Schwarzkopf sehr gut befreundet. Sie sollte die Uraufführung singen. Schließlich wurde aber Magda László sozusagen als Ersatz herangezogen. Du hast sie schon erwähnt. Warum? Walton arbeitete langsam, brauchte für seine einzige Oper achteinanhalb Jahre. Als endlich die Uraufführung angesetzt werden konnte, war die Schwarzkopf anderweitig unter Vertrag und stand nicht mehr zur Verfügung. So wurde der Querschnitt zum Kompromiss und ist auch als Zeichen der Anerkennung und des Respekts für den Komponisten zu werten. Er offenbart nach meiner Überzeugung aber auch die Schönheiten, die Sinnlichkeit und die Raffinesse der Komposition, der vielleicht mehr Erfolg hätte beschieden sein können, wäre sie in der ursprünglich gedachten Weise an die Öffentlichkeit gelangt.

  • Lieber Rheingold, habe Dank für das eingestellte Cover. Die 'Szenen aus Troilus and Cressida' hatte ich beim großen Urwaldfluss auch entdeckt,

    allerdings mit einer für meinen Geschmack belanglosen Aufmachung (siehe nebenstehend). Die Veröffentlichung des Labels BNF Collection ist auch nicht besser und den Designern des Labels Naxos Classical Archives ist auch nur salatiges Grünzeug eingefallen:
    https://www.amazon.de/Walton-W…ords=walton%3A+troilus...
    Ich habe absichtlich diese Auszüge nicht erwähnt, wie ich auch die orchestralen Zusammenfassungen Waltons ausgelassen habe.
    Was mich aber irritiert hat, ist Deine Angabe, dass 'Troilus and Cressida' Waltons einzige Oper sei, während Wikipedia als zweite 'The Bear' listet. Ich lese ja immer wieder, dass das kostenlose Online-Lexikon nur mit Vorsicht zu genießen sei (Willi kann ein sechzehnstrophiges Lied davon singen), aber ich hatte gedacht, die kennen den Unterschied zwischen 1 und 2.
    :hello:


  • Lieber musikwander, eine meiner Quellen ist dieses Buch von Alan Jefferson, das ich grundsätzlich sehr schätze. Dieser Autor spricht in Bezug auf "Troilus and Cressida" von Waltons einziger Oper. Du siehst, Recherchen sollten eben breiter gestreut sein. Ich bin darauf hereingefallen, habe nun aber etwas dazugelernt. Danke für den Hinweis. Auf die Szenenfolge habe ich so ausführlich hingewiesen, weil sie für mich - ich sagte das schon mit anderen Worten - die gelungenste Umsetzung darstellt, wenn auch nicht als Gesamtheit. Für einen Opernführer ist das gewiss unerheblich. Da geht es ja nicht um Geschmacksfragen. Deshalb halte ich hier ein.