21.10.2018 (Laeiszhalle) Lachenmann, Beethoven und Schönberg - Ein Antrittskonzert zwischen Stille und Sternen

  • Helmut Lachenmann, "Staub" für Orchester
    Ludwig van Beethoven, Symphonie Nr.9 d-moll op.125
    Arnold Schönberg, Ein Überlebender aus Warschau op.46


    Emily Magee
    Michaela Schuster
    Sebastian Kohlhepp
    Luca Pisaroni


    Europa Chor Akademie Görlitz unter der Leitung von Joshard Daus,
    Hamburger Symphoniker unter der Leitung von Sylvain Cambreling


    Nach verschiedenen Ankündigungen und Erörterungen z.B. hier bin ich nun natürlich noch einen entsprechenden Bericht schuldig:


    So ein Antrittskonzert eines neuen Chefdirigenten ist natürlich immer etwas besonderes, und so war an diesem Abend natürlich einige "Prominez" vertreten, wie z.B. der nicht mehr ganz neue Erste Bürgermeister der Hansestadt Peter Tschentscher, der ehemalige Hamburger Bürgermeister (und Komponistensohn bzw. Dirigentenbruder) Klaus von Dohnanyi, sowie die halbe Hamburger Bürgerschaft. Auch meine ich, von meinem Platz im zweiten Rang aus im Parkett den Komponisten, Dirigenten und ehemaligen Staatsopern-Intendanten Peter Ruzicka entdeckt zu haben. Unvermeidlich, aber erfreulich kurz gingen dem Konzert zwei Begrüßungsadressen des Orchesterintendanten Daniel Kühnel und des Bürgermeister Tschentscher voraus. Letzterer sorgte mit der etwas verunglückten Satzkonstruktion "Der künstlerische Weg Sylvain Cambrelings ging durch viele internationale Musikmetropolen der Welt und endet jetzt ... äh ...und ist jetzt angekommen ..." dann auch für einiges Gelächter im Publikum.
    Auch Cambreling selber richtete einige Worte an das Publikum, welches er in gesunder Baritonlage mit einem sonoren "Bonsoir!" begrüßte. Mit einem Verweis auf van Goghs Sternennacht-Bilder meinte er, das heutige Programm führe von der Stille zu den Sternen, betonte dabei jedoch die Stille. Eventuell hatte er schon davon gehört, dass seit Eröffnung der Elbphilharmonie Teile des hanseatischen und auswärtigen Publikums leider vermehrt dazu neigen, in eher unpassenden Momenten zu applaudieren. So bekam der Verweis im Hinblick auf die anstehende Programmfolge, welche ohne Konzertpause quasi attaca präsentiert werden sollte, durchaus einen tieferen Sinn.


    Der Komponist Helmut Lachenmann, der hier in Hamburg mit der Uraufführung seines Mädchen mit den Schwefelhölzern im Jahr 1997 einen großen Erfolg feiern konnte, begeht nach eigener Aussage in seinem Werk Staub Beethovens 9te Symphonie wie einen Steinbruch. Tatsächlich sind die dabei gewonnenen Partikel so winzig, dass auch der aufmerksamste Zuhörer hier kaum einen melodischen Bezug wird herstellen können. Trotzdem zwingt diese zurückgenommene fast schon Nicht-Musik, in welcher selbst die Blechblasinstrumente gewissermaßen nur "gepustet" werden, zu genau diesem aufmerksamen Zuhören. Der Effekt ist, wie ein Bekannter meinte, eine Art Kalibrierung auf das, was dann nach gut zwanzig Minuten unvermittelt und - obwohl so oft gehört - plötzlich vollkommen neu und ungewohnt beginnt: Die Enstehung von Musik aus einem Urton, der Beginn des Beethovenschen opus magnum. Sylvain Cambreling ging die nun folgende Symphonie Nr.9 d-moll op.125 durchaus zügig, aber mit viel Gefühl für die Feinheiten an. Allerdings auch hörbar noch einige Koordinationprobleme zwischen Dirigent und Orchester - hier wird sich in der nächsten Zeit noch finden müssen, was sich gesucht hat.
    Selbiges galt für das vor dem Orchester platzierte Solisten-Quartett, wo sich Cambreling manchmal weit zurücklehnen musste, um die Sänger zusammenzuhalten. Besonders über das Ziel hinaus schoß hier Frau Magee, die ihren Part zu laut und ein wenig schrill präsentierte. Ganz ausgezeichnet hingegen der Bassbariton Luca Pisaroni, der dann insbesondere als Sprecher in Schönbergs Ein Überlebender aus Warschau op.46 reüssierte. Maestro Cambreling platzierte dieses aufwühlende Melodram nicht wie von mir erwartet und von ihm selber oder auch von Michael Gielen bereits so praktiziert, als Einschub vor dem Bariton-Solo "Oh, Freunde, nicht diese Töne!" mit den entsprechenden kontextuellen Problemen, sondern jetzt unmittelbar und ohne Pause nach dem jubelnden Presto-Finale. Der so entstehende Eindruck war natürlich einerseits überwältigend, aber auch erschütternd und bedrückend. Für einige Zuhörer offenbar so erschütternd und bedrückend - wenngleich vielleicht in anderer Weise - dass diese den Saal verließen ... (*) Wie bereits oben erwähnt, leistete Herr Pisaroni als "Überlebender" hier einiges bzgl. Textverständlichkeit oder sangbar gesprochenem Ausdruck. Und auch die Europa Chor Akademie beeindruckte mit dem Schma Jisrael wie schon zuvor im Schlusschor der 9ten. Als dann nochmals das Chor-Finale dieser Symphonie erklang, gefühlt jedoch ungleich akzentuierter, härter und des vordergründigen Jubels beraubt, so aber auch den Effekt des Symphoniebeginns nach Lachenmanns "Staub" potenzierend, stockte einem für den Moment geradezu der Atem, bevor sich dann die Spannung in lang anhaltendem Applaus entlud.


    Insgesamt ein überzeugender und vor allem auch programmatischer Abend. Dies wohl nicht nur aufgrund der präsentierten Werkauswahl, sondern darüber hinaus auch im Hinblick auf das, was dieser Dirigent dem Publikum womöglich in den nächsten Jahren "zumuten" möchte. Dies ist nur konsequent, zum einen als Fortsetzung der Arbeit des unvergessenen Sir Jeffrey Tate, dem dieser Abend ganz sicher gefallen hätte, zum anderen als klare Positionierung gegenüber den "Elbphilharmonie"-Orchestern (NDR Elbphilharmonie Orchester unter Alan Gilbert und Philharmonisches Staatsorchester unter Kent Nagano).


    Wir werden Sylvain Cambreling in der nun begonnen Saison weiter begleiten und dabei etwa Mozarts Symphonie Nr.29 A-Dur KV201 gefolgt von Bruckners 7ter in der Laeiszhalle, sowie in der Elbphilharmonie Debussys Le Martyre de Saint Sébastien und später u.a. Tschaikowskys e-moll-Symphonie op.64 zu hören bekommen. - Ich freue mich!


    (*) Ein "Schelm", wer hier bezüge zum Regietheater herstellen zu können glaubt.