Die Walküre (Wagner), Hamburgische Staatsoper, 16.11.2018

  • Nach der im Januar dieses Jahres gesehenen Aufführung der hiesigen Walküre war mir erstmals die Lust vergangen, diese schreckliche Inszenierung (Claus Guth) noch einmal anzusehen. Da aber der gesamte Ring aufgeführt wird (Leitung des Philharmonischen Staatsorchesters: Kent Nagano), und damit auch Siegfried und Götterdämmerung, und wegen der Besetzung des Wotans mit John Lundgren, der hier einen fabelhaften Holländer gesungen hatte und des Ersatzes von Liang Li durch Alexander Tsymbalyk als Hunding machte ich mich auf den Weg in die Dammtorstraße. Der Eindruck war gemischt, nicht nur wegen der Szenerie, sondern auch gesanglich. Rober Dean Smith sang den Siegmund recht schön, mit sehr lang gehaltenem zweiten Wälseruf, blieb aber darstellerisch eher steif und konnte mit seiner Stimme auch wenig Ausdruck transportieren. Die Szenen mit Sieglinde im ersten Aufzug gerieten daher wenig spannungsreich, was bei dieser geballten, emotional aufstachelnden Musik schon ein Kunststück sein dürfte. Die vom Mezzofach her kommende Jennifer Holloway war als Sieglinde stimmlich sehr gut (wenngleich etliche andere Sieglinden ihr gleich kommen dürften). Das fiel vor allem im dritten Aufzug auf, als sie nach Lise Lindstroms (Brünnhilde) „…seht dieses traurige Weib“ mit „Nicht sehre dich Sorge um mich“ oder etwas später nach „Lebe oh Weib….ein Wälsung wächst dir im Schoß“ mit „Rette mich Kühne..“ beginnt. Mit welchem Farbreichtum in der Stimme und vor allem ohne klanglich wegbrechende Mittellage gestaltete Holloway die Klage bzw. diesen emotionalen Ausbruch. Lise Lindstroms heller, höhensicherer Sopran gibt bei den Hojotoho-Rufen eingangs des zweiten Aufzugs etwas her, scheiter aber mangels Klangreichtums bei den tiefer liegenden Passagen der Todesverkündigung am Ende des zweiten Aufzugs sowie in dem Zwiegespräch mit Wotan („War es so schmählich..“). John Lundgren (Wotan) trumpfte dagegen mit vibratoarm geführtem Bariton schallstark und trotzdem sehr wortverständlich schon in dem Part mit Fricka auf (herausragend Mihoko Fujimura) und machte zusammen mit seiner Bühnenpartnerin diesen Teil im zweiten Aufzug zum gesanglich spannenden Höhepunkt der Walküre. Der Bass Alexander Tsymbalyuk war ein hervorragender Hunding, schade, dass er nicht so viel zu singen hat. Das Walkürenoktett war wieder ausgezeichnet, soweit es mit möglich war, die einzelnen Sängerinnen zu identifizieren, beeindruckten klanglich vor allem Hellen Kwon und Katja Pieweck (die hier im Haus auch schon eine ganz hervorragende Sieglinde gesungen hat). Sonntag geht es weiter mit Siegfried.

  • Hallo Ralf,


    Nach der im Januar dieses Jahres gesehenen Aufführung der hiesigen Walküre war mir erstmals die Lust vergangen, diese schreckliche Inszenierung (Claus Guth) noch einmal anzusehen. Da aber der gesamte Ring aufgeführt wird (Leitung des Philharmonischen Staatsorchesters: Kent Nagano), und damit auch Siegfried und Götterdämmerung, und wegen der Besetzung des Wotans mit John Lundgren, der hier einen fabelhaften Holländer gesungen hatte und des Ersatzes von Liang Li durch Alexander Tsymbalyk als Hunding machte ich mich auf den Weg in die Dammtorstraße. Der Eindruck war gemischt, nicht nur wegen der Szenerie, sondern auch gesanglich.

    Wie Du, so ich! - Nach dem Appetizer im Januar diesen Jahres (siehe hier und hier) nun also der Ring des Nibelungen "am Stück" (bei mir noch Siegfried am kommenden Freitag, sowie Götterdämmerung gleich am Sonntag danach; zum vergangenen Rheingold siehe hier).


    Einige meiner Eindrücke:


    Robert Dean Smith sang den Siegmund recht schön, mit sehr lang gehaltenem zweiten Wälseruf, blieb aber darstellerisch eher steif und konnte mit seiner Stimme auch wenig Ausdruck transportieren. Die Szenen mit Sieglinde im ersten Aufzug gerieten daher wenig spannungsreich, was bei dieser geballten, emotional aufstachelnden Musik schon ein Kunststück sein dürfte.

    Die Wälse!-Rufe sind natürlich immer ein Prüfstein für jeden Wagner-Tenor und Dean Smith wirkte hier (und über weite Strecken der Partie) auf mich eher lyrisch, als dramatisch, was seine Leistung jedoch keineswegs schmälert. Grundsätzlich sind laaaaaaaaaaaange Wälse!-Rufe zwar ein Highlight für das Publikum, aber immer auch ein wenig obszön :untertauch: Dass der erste Aufzug wenig spannungsreich geriet, habe ich ebenfalls so empfunden, führe dies aber hauptsächlich auf das ziemlich kalte Licht und das sterile Bühnenbild zurück. Den inszenatorischen Einfall, Siegmund bei seiner "Arie" ("Winterstürme wichen dem Wonnemond ...") durch einen eigenen, von oben herabgelassenen Scheinwerfer - es soll wohl der hereinscheinende Mond sein - in wärmeres Licht zu tauchen, halte ich gemeinsam mit den herabrieselnden Blütenblättern(?) allerdings für gänzlich mißlungen: Siegmund wirkt plötzlich wie ein abgehalfteter "Schlagerfuzzi" und die gesamte Szene wird denunziert.


    John Lundgren (Wotan) trumpfte dagegen mit vibratoarm geführtem Bariton schallstark und trotzdem sehr wortverständlich schon in dem Part mit Fricka auf (herausragend Mihoko Fujimura) und machte zusammen mit seiner Bühnenpartnerin diesen Teil im zweiten Aufzug zum gesanglich spannenden Höhepunkt der Walküre.

    Vollkommene Zustimmung! Von Lundgren als Holländer waren wir ja beide recht beeindruckt (siehe hier) und so war heuer sein Wotan nochmals eine deutliche Steigerung gegenüber Matthias Goerne in der Januar-Walküre. Ich konnte nicht davon ab, den Psycho-Krieg zwischen seiner Gemahlin Fricka und ihm die ganze Zeit durch mein Opernglas zu verfolgen! Einzig im Schluß-Monolog schienen mir seine Kräfte etwas nachzulassen. Hoffentlich mußte er mit Blick auf den heutigen Siegfried nicht zu viele "Körner" lassen.


    Das Walkürenoktett war wieder ausgezeichnet, soweit es mit möglich war, die einzelnen Sängerinnen zu identifizieren, beeindruckten klanglich vor allem Hellen Kwon und Katja Pieweck (die hier im Haus auch schon eine ganz hervorragende Sieglinde gesungen hat).

    Auch hier sind wir einer Meinung: Ein sehr differenziert und deutlich geführtes Walküren-Ensemble (der Auftritt der acht Behelmten kann ja musikalisch auch gerne mal in einem ziemlichen Durcheinander enden ...). Allerdings meine ich, dass Du bei Katja Pieweck einem Irrtum unterliegst: Ich erinnere sie lediglich als Rheingold-Fricka!?


    Sonntag geht es weiter mit Siegfried.

    Dann solltest Du dich langsam auf den Weg machen, der Vorhang öffnet sich in knapp 90 Minuten :hello:

  • Lieber MSchenk, Katja Pieweck hat mal die Sieglinde unter Simone Young in einer Schüleraufführung gesungen, allerdings nur den zweiten Teil des ersten Aufzugs, soweit ich mich erinnere. Sie war jedenfalls so bravourös, dass ich sie mir gut in einer vollständigen Aufführung vorstellen könnte. Warum sie, die einer der besten Ortruds ist, die ich je gehört habe und auch eine herausragende Ariadne sang, nur noch in Nebenpartien eingesetzt wird, erschließt sich mir eigentlich nicht. Vielleicht will sie auch selber nicht. Du sagst nichts über Lise Lindstrom, ich komme gerade aus dem Siegfried, hatte gedacht, sie wäre dort besser, leider nicht, Schager war dagegen sensationell. Demnächst mehr.

  • Lieber MSchenk, Katja Pieweck hat mal die Sieglinde unter Simone Young in einer Schüleraufführung gesungen, allerdings nur den zweiten Teil des ersten Aufzugs, soweit ich mich erinnere. Sie war jedenfalls so bravourös, dass ich sie mir gut in einer vollständigen Aufführung vorstellen könnte. Warum sie, die einer der besten Ortruds ist, die ich je gehört habe und auch eine herausragende Ariadne sang, nur noch in Nebenpartien eingesetzt wird, erschließt sich mir eigentlich nicht. Vielleicht will sie auch selber nicht. Du sagst nichts über Lise Lindstrom, ich komme gerade aus dem Siegfried, hatte gedacht, sie wäre dort besser, leider nicht, Schager war dagegen sensationell. Demnächst mehr.

    Danke für die Infos zu Katja Pieweck: Mir war tatsächlich nicht bekannt, dass sie in Hamburg Ortrud und Ariadne gesungen hat. Allerdings bin ich nach längerer Pause (Studium, Beruf, Familie etc) auch erst ab 2011/12 wieder häufiger in die Oper gegangen, wo ich Katja Pieweck dann zuerst als Brangäne im Berghaus-Tristan siehe hier) und später dann in einer leading role das war als Fidelio/Leonore in der alten Neuenfels-Inszenierung (siehe hier), gehört habe. Jedenfalls gebe ich Dir recht, dass sie für Nebenrollen zumeist eher überqualifiziert ist; da sollte sich die Intendanz vielleicht mal etwas überlegen ?(
    Mein Urteil zu Lise Lindstrom spare ich mir noch etwas auf. Sie habe ich erstmals in der FroSch gehört, wo ich sie sehr gut fand. Jetzt bin ich mir nicht absolut sicher, ob sie als Brünnhilde nicht etwas gegen die Rolle besetzt ist - aber ich will noch Siegfried und vor allem Götterdämmerung abwarten. Was Du zu Schager schreibst, macht neugierig. Bekannte, die ebenfalls gestern schon im Siegfried gewesen sind, deuteten ähnliches an :thumbsup: