Sternstunde der Oper: Andreas Schager als Siegfried (Wagner), Hamburgische Staatsoper, 18.11.2018

  • Das Haus erhob sich bei seinem Solovorhang, wann hatte es das zuletzt gegeben. Was für ein Siegfried, schallstark, heldisch im Forte, klangschön und ausdrucksstark im Lyrischen sowie mit einer darstellerischen Intensität, die man bei anderen Sängern dieser mörderischen Rolle selten sieht. Schager hörte ich zum ersten Mal vor fünf Jahren als kraftvollen Rienzi (konzertante Aufführung in der Laeiszhalle, dann wieder vor einem Jahr als Parsifal in der hiesigen Oper (wo er sehr gut war, aber in dieser Rolle für mich nicht an K. F. Vogt heranreichte) und heute als Siegfried. Die Rolle scheint ihm auf die Stimmbänder und den Leib geschrieben zu sein. Sein Tenor zeigte keinerlei Ermüdungserscheinungen, selbst nicht bei den stimmlich fordernden Schmiedeliedern im ersten Aufzug; das war einfach bravourös. Wo nimmt dieser Sänger bloß die Kraft her; einen besseren Siegfried habe ich bisher nicht erlebt (Beirer, Hering, Cox, Kruse, Franz, Vinke). Wenn jemand in Wagners Siegfried der göttergleich singenden Birgit Nilsson das Wasser gereicht hätte, dann dieser Siegfried von Andreas Schager.


    Er ließ mit seiner Sangeskunst im letzten Bild selbst die enttäuschende Lise Lindstrom als Brünnhilde vergessen, aber nur fast. Dafür ist diese Rolle denn doch zu wichtig. Ich hatte zunächst nach ihrer von mir kritisierten Walküren-Brünnhilde gedacht, dass sie im Siegfried wegen ihrer Hochtonfortestimmkraft besser wäre, das galt aber nur für die letzten 2 Minuten des Schlussduetts, da strahlte ihre Stimme etwas. Sonst wirkte ihr heller, eher schmaler Sopran fast brüchig; hätte man statt ihrer rechtzeitig doch die annähernd zeitgleich als Elektra in Leipzig vor offenbar wenig Publikum auftretende Catherine Foster engagiert, die ich 2009 in Hamburg und 2015 in Bayreuth als sehr gute Siegfried-Brünnhilde gehört hatte. Am nächsten Sonntag geht es in die Götterdämmerung, wieder mit Frau Lindstrom als Brünnhilde, da befürchte ich Schlimmes, andererseit singt Schager wieder den Siegfried; seine sängerische Leistung allein machte den Siegfried, und macht hoffentlich auch die Götterdämmerung, zu einer Sternstunde der Oper.


    Wie waren die anderen Sänger? John Ludgren erwies sich als sängerisch und darstellerisch ausgezeichneter Wanderer, besonders stimmschön im Zwiegespräch mit Mime. Letzterer wurde von Jürgen Sacher gesungen. Im ersten Aufzug, den er ja neben Siegfried wesentlich trägt, schien es mir, als hätte er seine Stimme verloren, sie klang entfärbt, vibratoreich und näherte sich dem Sprechgesang. Er riss es darstellerisch wieder etwa raus. Im zweiten Aufzug schien sich die Stimme wieder etwas erholt zu haben. Jochen Schmeckenbecher war ein gesanglich eher unauffälliger Alberich, da ist mir allerdings noch Wolfgang Kochs gefährlich und brutal klingender Alberich im Hinterkopf, den ich hier 2009 (zusammen mit Falk Struckmann als Wanderer) gehört hatte. Als Fafner war Alexander Roslavets besetzt, über Mikrofon klang er aus dem Hintergrund schwarz und mächtig, später als tödlich Verwunderter nach vorn auf die Bühne kommend blieb davon nicht mehr so viel nach. Elbenita Kajtazi sang klangschön den Waldvogel, Doris Soffel mit darstellerischer Grandezza die Erda. Besonders loben möchte ich noch das Philharmonische Staatsorchester unter der Leitung von Kent Nagano, sein Stil ist weicher, weniger dynamisch als der seiner Vorgängerin Simone Young; besondere beindruckten die Pianopassagen, etwa während der Vorspiele; da hat wohl die Akustik der Elbphilharmonie mit zur Erziehung der Philharmoniker beigetragen.


    Die Inszenierung von Claus Guth ist nicht ganz so schlimm wie jene der Walküre. Vor allem der zweite Aufzug zeigte durchaus Poesie und Schönheit, was mit Wagners Waldweben prächtig harmonierte (den Eingang zur Neidhöhle stellte eine Fliesen-verkleidete Halle dar, deren Hintergrund sich in eine Art grünen Regenwald als Fafners Heimstatt öffnete). Dort trat auch der Waldvogel auf. Interessant wurde auch die erste Szene des dritten Aufzugs gelöst, es handelte sich um eine riesige Bibliothek, in der die Bücher mehr oder weniger ordentlich standen bzw. aus den Regalen fielen. Hier war mal die Weisheit angesammelt, der sich Erda, als Bibliotheksleiterin, bedienen konnte. Das Schlussbild war dagegen wieder grauslich. Das kriegszerstörte Gebäude, in dem Brünnhilde sich schlafen gelegt hatte, war weiter zerfallen. Dank der künstlerischen Kompetenz von Andreas Schager fiel das alles nicht so schlimm auf. Es ist aber schon eine Widerspruch, wenn Brünnhilde „Heil Dir Sonne, Heil Dir Licht“ singt, und der gesamte Bühnenraum allenfalls funzelig ausgeleuchtet ist. Es gibt den Siegfried noch einmal am 23. November, man sollte Andreas Schager als Siegfried jetzt nicht verpassen. Wer weiß, wie lange seine Stimmbänder diese Partie noch durchhalten werden. Es gibt auch noch Karten.

  • Es gibt den Siegfried noch einmal am 23. November, man sollte Andreas Schager als Siegfried jetzt nicht verpassen. Wer weiß, wie lange seine Stimmbänder diese Partie noch durchhalten werden.

    Endlich, lieber Ralf, komme ich dazu, die von Dir geschilderten Eindrücke mit solchen aus der Vorstellung am 23.11. zu ergänzen und gleich vorneweg sei versichert: Die Stimmbänder haben durchgehalten! Auch in dieser zweiten und letzten Siegfried-Vorstellung war Andreas Schager der Star des Abends. Er konnte das Publikum erneut und vom ersten Ton an mit einer außerordentlich kräftigen und virilen Stimme, sowie mit vollem darstellerischen Einsatz auf seine Seite ziehen. Verzeihlich die wenigen Momente des "zuviel, zuviel ..." und ein paar kleine Textaussetzer.


    Auch ich habe ihn im Laufe der vergangenen Jahre in dem von Dir genannten konzertanten Rienzi, sowie mit dem damaligen NDR-Sinfonieorchester in Mahlers Lied von der Erde erlebt, wo er mir noch deutlich weniger gefallen hat; dort überwog noch das "zuviel, zuviel ...", seine Stimmführung schien ihm zu entgleiten. Inzwischen, schon seit dem besagten Parsifal gefällt mir das alles sehr viel besser und Andreas Schager scheint sein Organ deutlich kontrollierter einsetzen zu können. Sein Widerpart Jürgen Sacher in der Rolle des Mime bleibt im Vergleich dazu geradezu in natürlicher Weise zurück: Sacher verfügt einfach nicht über derartige stimmliche Möglichkeiten, was ich ihm als ansonsten ausgezeichneter Ensemble-Kraft mit einmal mehr herrlich schauspielernder Finesse gerne nachsehe.


    Ebenfalls - wie schon in der Walküre - hat mir John Lundgren als Wotan/Wanderer gefallen. Auch ihn zeichnet neben seiner angenehmen Stimmfarbe die Fähigkeit aus, seiner Rolle Leben einzuhauchen. So, wie das Duett Fricka-Wotan in der Walküre (mit Mihoko Fujimura) an dramatischer Intensität kaum zu überbieten war, konnte man an diesem Abend in der "Quiz"-Szene mit Mime erleben, wie Ironie gesungen werden kann. Weniger intensiv dann leider Wotans zusammentreffen mit Erda, da Doris Soffel, wie sich bereits im Rheingold andeutete, zwar als Person anwesend und auch durchaus präsent, stimmlich kaum mehr über eine Art Sprechgesang hinauskam :(

    Besonders loben möchte ich noch das Philharmonische Staatsorchester unter der Leitung von Kent Nagano, sein Stil ist weicher, weniger dynamisch als der seiner Vorgängerin Simone Young; besonders beindruckten die Pianopassagen, etwa während der Vorspiele; da hat wohl die Akustik der Elbphilharmonie mit zur Erziehung der Philharmoniker beigetragen.

    Wahrscheinlich nicht nur die Elbphilharmonie: Man wird auch zugeben müssen dass die ehemalige und von mir durchaus sehr geschätzte GMD Simone Young deutlich besser "laut", als "leise" konnte :pfeif: - Aber davon unabhängig finde ich auch, dass Nagano bislang einen zumeist sehr differenzierten, eher ruhigeren, vielleicht auch etwas risikoarmen Ring dirigiert hat (ein Eindruck, der sich auch in der Götterdämmerung bestätigt hat - doch dazu an entsprechender Stelle).

    Die Inszenierung von Claus Guth ist nicht ganz so schlimm wie jene der Walküre. Vor allem der zweite Aufzug zeigte durchaus Poesie und Schönheit, [...]

    Ich denke, den Guthschen Siegfried mit seiner Deutung der Walküre zu vergleichen, heißt die m.E. stärkste Inszenierung des Zyklus mit der schwächsten in Konkurrenz zu setzen: Im

    Siegfried legt Guth den Schwerpunkt sehr stark auf den Aspekt der Adoleszenz. Der junge Siegfried rebelliert gegen seinen Ziehvater Mime, gegen seinen Groß- oder Übervater Wotan

    und gegen äußere Mächte, wie z.B. Fafner. Dabei entdeckt und findet er sich selbst, was beispielsweise in der Waldvogel-Szene sehr schön herausgearbeitet wird, wenn sich beide spiegelbildlich gegenüberstehen und Siegfried im Waldvogel sich selbst und seinen Weg in die Zukunft erkennt. Hier macht er sich unabhängig, indem er die "alte Welt" mit Alberich und dem toten Mime hinter sich läßt; er wird diesen Prozeß im dritten Aufzug vollenden, indem er schließlich Wotans Speer zerschlägt.


    Was mir aufgefallen ist: Als ich diese Inszenierung zum ersten Mal sah, kam Siegfried am Ende des zweiten Aufzuges nochmals kurz zurück, um dem toten Mime liebevoll über die Wange zu streichen (nachzulesen hier und nachzusehen in diesem Trailer). Eine in meinen Augen sehr starke Szene, die bei der Neueinstudierung wohl leider verlorengegangen ist.

    Das Schlussbild war dagegen wieder grauslich. Das kriegszerstörte Gebäude, in dem Brünnhilde sich schlafen gelegt hatte, war weiter zerfallen.

    Ja, ja, dass "rumänische Kinderheim" ... Gerechterweise muss man, wie ich finde, allerdings sagen, dass das, was auch mir in der Walküre "sauer aufgestossen" ist und hier gänzlich zerstört erscheint, in der nachfolgenden Götterdämmerung nicht nur vollständig renoviert zum "trauten Heim" des liebenden Paares Brünnhilde und Siegfried wird (Fensterfront und Waschraumn), sondern dort sogar den gesamten Ring in gleißendem Licht beschließt (auch dies nochmals am Beginn und am Ende dieses Trailers nachzuvollziehen).


    Und nun hoffe ich, dass es nicht wieder so lange dauert, bis ich mich auch noch zur Götterdämmerung äußere. Denn schließlich habe ich auch noch von einem ganz wunderbaren Konzert mit dem NDR Elbphilharmonie Orchester unter Sakari Oramo zu berichten und am Donnerstag geht es auch schon wieder in die Elbphilharmonie zu Herbert Blomstedt.


    (alle Links zuletzt aufgerufen am 09.12.2018)