WAGNER, Richard: Siegfried-Idyll

  • Man glaubt es kaum, aber es gibt offensichtlich bis zum heutigen Tage keinen gesonderten Thread zum Siegfried-Idyll (WWV 103) von Richard Wagner


    Es handelt sich um den wichtigsten Beitrag Wagners in der Gattung Kammermusik und zugleich seine einzige Symphonische Dichtung. Das Werk wurde im Jahre 1870 komponiert und trug ursprünglich den sperrigen Titel Tribschener Idyll mit Fidi-Vogelgesang und Orange-Sonnenaufgang, als Symphonischer Geburtstagsgruss. Seiner Cosima dargebracht von Ihrem Richard.


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    Die etwa zwanzigminütige Komposition hatte also zunächst einen besonders intimen Charakter und war seiner zweiten Ehefrau Cosima, geb. Liszt, gewidmet, die er erst kurz zuvor geheiratet hatte (25. August 1870 in Luzern). Mit "Fidi" war der bereits am 6. Juni 1869 (also noch unehelich) geborene gemeinsame Sohn Siegfried gemeint. Die Uraufführung fand an Cosimas 33. Geburtstag am 25. Dezember 1870, also am Weihnachtstage, im engsten Familienkreise statt. Es waren Mitglieder des Tonhalle-Orchesters Zürich beteiligt, wobei die beengten Platzverhältnisse in Wagners Landhaus Tribschen nahe Luzern eine Kammerbesetzung notwendig machten. Die Widmungsträgerin Cosima Wagner stellte sich auch lange Zeit einer offiziellen Veröffentlichung des Werkes entgegen. Diese erfolgte in der am 20. Dezember 1871 in Mannheim uraufgeführten Fassung für Orchester (36 Spieler) im Jahre 1878 bei Schott. Die Originalfassung für Kammerorchester umfasst lediglich 13 Spieler: Flöte, Oboe, zwei Klarinetten, Fagott, zwei Hörner, Trompete, zwei Violinen, Bratsche, Cello und Kontrabass.


    Zwar bezog sich die Komposition auch auf Wagners damals etwa einjährigen Sohn, aber gerade auch auf das noch in der Entstehung befindliche Musikdrama "Siegfried", den dritten Teil der "Ring"-Tetralogie, wobei sich Wagner vornehmlich Motiven aus dieser Oper bediente. Der Komponist meinte zum Siegfried-Idyll, es handle sich um sein einziges Orchesterwerk, für welches ein vollständiges Programm vorliege. Vielleicht war diese einzige Wagner'sche Tondichtung auch eine Hommage an Franz Liszt, seinen nunmehrigen Schwiegervater und "Erfinder" dieser musikalischen Gattung.


    Das Werk steht in E-Dur und bekam später die Werkverzeichnisnummer WWV 103. Es gibt zahllose Einspielungen, wobei die meisten die Fassung für großes Orchester berücksichtigen. Vom kanadischen Pianisten gibt es zudem eine Klaviertranskription des Werkes.


    Soweit ich mich entsinne, gibt es nur ganz wenige Aufnahmen in der Originalfassung für Kammerorchester. Vielleicht könnten gerade diese in diesem Zusammenhang benannt werden.

  • Also ich bin immer sehr positiv überrascht, wenn ein so bekanntes Stück wie das "Siegfried-Idyll" noch keinen eigenen Thread hat. Gut, dass Joseph II. diesen Zustand beendet. Er hat uns die Umstände des Entstehens genau beschrieben. Ich würde es noch für erwähnenswert halten, dass der Dirigent Hans Richter an der intimen Aufführung im Treppenhaus beteiligt gewesen ist. Auf die Vielzahl der Einspielungen wurde hingewiesen. Selbst bevorzugt ich die originale, also die ursprüngliche Besetzung für 13 Spieler. Sie ist dem Anlass angemessen. Nie war Wagner so intim und so zart wie in diesem Werk. Es ist, als ob die Instrumente miteinander in einen Dialog treten, mal flüsternd, mal deutlicher. Wagners Instrumentierungskunst ist auf einem absoluten Höhepunkt. Es gibt - wie auch Joseph erwähnt - so viele Einspielungen davon nicht. Meine bislang liebste findet sich auf diesem Album. Glenn Gould biete zwei Fassungen an, die für kleines Orchester und eine für Klavier, die er erarbeitet hat.






    Noch ergreifender fand ich aber wohl Bernard Haitink mit Musikern der Berliner Philharmoniker. Nach meinen Informationen ist der Mitschnitt kostenpflichtig in der digitalen "Concert Hall" zu hören.

  • Danke für die Ergänzungen und den Hinweis auf Glenn Gould. Ich habe die Aufnahme sogar hier vorliegen, aber m. W. bisher noch gar nicht gehört. So geriet sie in Vergessenheit. Das muss ich schleunigst nachholen.


    Vorhin lauschte ich schon einer anderen Aufnahme der kammermusikalischen Fassung durch die Camerata Salzburg unter Sir Roger Norrington vom August dieses Jahres. Mit gut 16 Minuten deutlich flotter als üblich, in diesem Zusammenhang scheint Norringtons Ansatz (den ich bei Wagner sonst nicht schätze) aber aufzugehen. Auch ich bin der Meinung, dass das Siegfried-Idyll ungemein profitiert von der Originalfassung. Hier ist weniger tatsächlich mehr.

    Es gibt auch eine Einspielung von 1994 mit den London Classical Players, die praktisch exakt dieselbe Spielzeit aufweist wie Norrington 24 Jahre später live:



  • Es gab im Deutschen Fernsehen einmal eine Diskussionsrunde mit illustren Gästen: Musikaleum. In einer Folge wurde über Richard Wagner gesprochen, ausführlich auch über das Siegfried-Idyll. Der Musikwissenschaftler, Autor, Komponist und Pianist Ludwig Kusche widmete sich am Klavier einer auch heute noch interessanten launigen Analyse. Sie beginnt bei etwa der 18. Minute. Teilnehmer war auch Ferenc Fricsay, der zum Abschluss mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks das Stück in großer Besetzung aufführt. Wer sich nicht fürchtet vor schwarz-weiß, der wird aus historischer Sicht vielleicht etwas Gefallen an der Sendung finden.

  • Ein großartiger Hinweis, für den zu danken ist, lieber Rheingold. Sendungen dieses Formats vermisst man heute. Sie wären heutzutage in dieser Form nicht mehr denkbar. Interessant auch, Fricsay mit Wagner zu erleben, den er relativ selten streifte, sich im Gespräch aber durchaus als Bewunderer dieses Komponisten zu erkennen gibt. Eine flüssige, moderne Interpretation, wie man sie bei diesem Dirigenten erwarten durfte, auch wenn er sich nicht zur Kammerorchester-Fassung durchringen konnte.

  • Noch ein Wort zur bereits erwähnten Einspielung unter Glenn Gould:


    Richard Wagner

    Siegfried-Idyll (Originalfassung für 13 Instrumente)


    Mitglieder des Toronto Symphony Orchestra

    Glenn Gould

    Aufnahme: 1982


    Es handelt sich um Goulds Dirigentendebüt - und leider zugleich seine allerletzte Aufnahme. Er starb keinen Monat nach der letzten Aufnahmesitzung am 4. Oktober 1982 kurz nach seinem 50. Geburtstag. Mit 24:29 Minuten Spielzeit zeigt sich Gould auch als Dirigent von seiner exzentrischen Seite - langsamer dürfte das wohl kaum dirigiert worden sein. Aber mich hat diese Einspielung vom ersten Moment an regelrecht gepackt. Gould versteht es, diese enorme Spieldauer mit Leben zu füllen, da gibt es m. E. keinen Augenblick Langeweile. Die enorme Transparenz, die eben durch die kammermusikalische Originalfassung erzielt wird, hilft dabei ganz eindeutig. Man hört jedes einzelne der gerade 13 Instrumente frappierend natürlich. Die Aufnahme fand zwischen 27. und 29. Juli sowie am 8. September des Jahres 1982 in der St. Lawrence Hall in Toronto statt (man darf ja nicht vergessen, dass Gould Kanadier war). Offenbar wurde bei der letzten Studiositzung noch einiges nachgebessert, bevor Gould sie freigab. Irgendwelche Brüche sind jedenfalls nicht hörbar. Ich für meinen Teil zumindest meine, das Siegfried-Idyll nie überzeugender gehört zu haben. Die Herangehensweise Goulds ist diametral verschieden von jener Norringtons, der über acht Minuten (!) flotter, auf seine Weise aber auch überzeugend ist. Insgesamt würde ich dennoch Gould den Vorzug geben. Mögen auch bedeutendere Dirigenten dieses Werk aufgenommen haben, hat Glenn Gould doch hier einen goldenen Standard gesetzt. Aufgrund der verwendeten Urfassung ist diese Einspielung von noch größerem Interesse.

  • Durch diese Aufnahme habe ich das Siegfried-Idyll in der Bearbeitung für Piano kennengelernt, hier spielt Mikhail Rudy im Arrangement von Rubinstein und ihm selbst!

    Das gefällt mir schon, aber das gelbe vom Ei ist das für mich nicht.

    Die Orchesterfassung ist auch auf der DCD, Dresdner Philharmonie, Michel Plasson, ist auch ziemlich durchsichtig und nicht zu dick aufgetragen!

    Was auch auf dieser Doppel CD interresant ist, die Klaviersonate für das Album von Mathilde Wesendonck.

    Diese Aufnahme mit dem Nothern Sìnfonie Kammerorchester ist wahrlich meine liebste, das ist ein wirkliches Idyll und ein wohltuender Labsal für die Ohren!

    Auf der CD sind die Wesendonck-Lieder in der Henze Fassung und das Lied "Träume" im Arrangement für Solo Violine u.Orchester! Eine CD die ich nicht missen möchte!


    LG Fiesco

    Il divino Claudio
    "Wer vermag die Tränen zurückzuhalten, wenn er den berechtigten Klagegesang der unglückseligen Arianna hört? Welche Freude empfindet er nicht beim Gesang seiner Madrigale und seiner Scherzi? Gelangt nicht zu einer wahren Andacht, wer seine geistlichen Kompositionen anhört? … Sagt nur, und glaubt es, Ihr Herren, dass sich Apollo und alle Musen vereinen, um Claudios vortreffliche Erfindungsgabe zu erhöhen." (Matteo Caberloti, 1643)

  • Diese Aufnahme mit dem Nothern Sìnfonie Kammerorchester ist wahrlich meine liebste, das ist ein wirkliches Idyll und ein wohltuender Labsal für die Ohren!

    Auf der CD sind die Wesendonck-Lieder in der Henze Fassung und das Lied "Träume" im Arrangement für Solo Violine u.Orchester! Eine CD die ich nicht missen möchte!

    Danke für den Hinweis auf Hickox. Welche Fassung lässt er denn spielen? Das geht nicht eindeutig aus den Details hervor.

  • Hallo JosephII,

    Hickox spielt die Orchesterfassung, aber reduziert für Kammerorchester!

    Mir gefällt die Klavier Fassung nur so la la, die Originalfassung auch nur bedingt, dafür war dann der Hickox genau das richtige für mich! ;)


    LG Fiesco

    Il divino Claudio
    "Wer vermag die Tränen zurückzuhalten, wenn er den berechtigten Klagegesang der unglückseligen Arianna hört? Welche Freude empfindet er nicht beim Gesang seiner Madrigale und seiner Scherzi? Gelangt nicht zu einer wahren Andacht, wer seine geistlichen Kompositionen anhört? … Sagt nur, und glaubt es, Ihr Herren, dass sich Apollo und alle Musen vereinen, um Claudios vortreffliche Erfindungsgabe zu erhöhen." (Matteo Caberloti, 1643)

  • Lieber Fiesco,


    danke für die Klarstellung. Damit gäbe es bereits eine dritte Interpretation der originalen Fassung.


    Die Klavierbearbeitungen sehe ich persönlich skeptisch. Ich las mal irgendwo, Wagner sei gewissermaßen derjenige Komponist, wo die Reduzierung aufs Klavier allein am wenigsten funktioniere. Das möchte ich unterstreichen. Auf der gezeigten Gould-CD sprechen mich seine Klavierbearbeitungen auch nicht sonderlich an. Einmaliges Hören geht natürlich problemlos, aber ich habe nicht den Drang, das Hörerlebnis zu wiederholen.

  • Vielleicht für den einen oder anderen von Interesse: Es existiert ein Video des Siegfried-Idylls der Wiener Philharmoniker unter der Stabführung von Hans Knappertsbusch aus dem Jahre 1963. Ich weiß nicht, ob das jemals auf DVD gelangte - auf meinen DVDs mit Wiener Konzerten aus den Jahren 1962 und 1963 ist es jedenfalls m. W. nicht enthalten. Eine der seltenen Gelegenheiten, diesem Giganten der Wagner-Interpretation staunend zuzuschauen. Er scheint das Werk geliebt zu haben, es gibt nämlich eine ganze Reihe von Aufnahmen, sogar zwei aus dem Studio.


  • Die Fassung für Kammerorchester ist ja die Originalfassung, mit einen riesigen Orchester hätte Wagner seiner Cosima zu ihrem Geburtstag in der Tribschener Villa ja auch schlecht kommen können.


    https://de.wikipedia.org/wiki/Siegfried-Idyll

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"


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  • Lieber Fiesco, ich kenne die Aufnahe auch, habe aber keine genauen Informationen dazu. Weißt Du, wie das Kammerorchester in diesem Fall besetzt ist?

    Leider nein lieber Rheingold!

    LG Fiesco

    Il divino Claudio
    "Wer vermag die Tränen zurückzuhalten, wenn er den berechtigten Klagegesang der unglückseligen Arianna hört? Welche Freude empfindet er nicht beim Gesang seiner Madrigale und seiner Scherzi? Gelangt nicht zu einer wahren Andacht, wer seine geistlichen Kompositionen anhört? … Sagt nur, und glaubt es, Ihr Herren, dass sich Apollo und alle Musen vereinen, um Claudios vortreffliche Erfindungsgabe zu erhöhen." (Matteo Caberloti, 1643)

  • Die Fassung für Kammerorchester ist ja die Originalfassung,

    Also ich hatte Fiesco so verstanden, dass Hickox die auf ein größeres Orchester erweiterte Fassung wieder auf eine Kammerorchester-Besetzung reduziert hat, ohne sich des Wagnerschen Originals zu bedienen, das ja in ganz konkreter Besetzung überliefert ist. Hingegen kann sich ein Kammerorchester sehr unterschiedlich zusammensetzten. Es gibt keine festgelegte Ordnung. Deshalb frage ich bei ihm nach.

  • Die Fassung für Kammerorchester ist ja die Originalfassung, mit einen riesigen Orchester hätte Wagner seiner Cosima zu ihrem Geburtstag in der Tribschener Villa ja auch schlecht kommen können.


    https://de.wikipedia.org/wiki/Siegfried-Idyll

    Steht doch in Beitrag 1! :pfeif:

    Il divino Claudio
    "Wer vermag die Tränen zurückzuhalten, wenn er den berechtigten Klagegesang der unglückseligen Arianna hört? Welche Freude empfindet er nicht beim Gesang seiner Madrigale und seiner Scherzi? Gelangt nicht zu einer wahren Andacht, wer seine geistlichen Kompositionen anhört? … Sagt nur, und glaubt es, Ihr Herren, dass sich Apollo und alle Musen vereinen, um Claudios vortreffliche Erfindungsgabe zu erhöhen." (Matteo Caberloti, 1643)

  • Ja, offensichtlich. Die Rubrik hatte ich gestern noch als gelesen markiert, ohne sie zu lesen...


    Unabhängig davon würde es mich wundern, wenn Hickox eine Kammermusikfassung eines Orchesterwerkes erstellt hätte, deren Original bereits eine autorisierte Kammermusikfassung ist. Kann man nicht ausschließen, würde mich aber trotzdem wundern.

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"


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