Aus der neuen Welt - Dvoraks Geniestreich

  • Hallo Taminoianer,




    Stimmt ja alles nicht, der ganze Titel ist falsch.
    Ich hab Euch wieder mal reingelegt :D
    Wenngleich Dvoraks 9. Sinfonie "Aus der neuen Welt" von vielen als die Krönung seines sinfonischen Schaffens gesehen wird, und andere überhaupt nur diese eine Werk des Komponisten kennen, so muß doch gesagt werden, daß diese Sinfonie ein Auftragswerk war, zu dem er den Auftrag hauptsächlich aus einem Grund erhalten hat:


    Nämlich, weil er zu jenem Zeitpunkt schon so berühmt war !
    Amerika erwartet von diesem berühmten Komponisten, der in seinen bisherigen Sinfonien tschechische Folklore eingearbeitet oder zumindest angedeutet oder zitiert hatte, daß er ebnso typisch amerikanische Melodien in seiner neuen Sinfonie anklingen ließ - und er enttäuschte nicht.
    Zwar verwendete er nicht, wie oft behauptet wurde "indianische Melodien" sondern er komponioerte alles selbst, ließ aber in das Werk indianische Eigenart einfließen.


    Die Uraufführung fand am 16. Dezember 1893 in New York unter der Leitung Dvoraks statt und war ein Riesenerfolg. Das Werk wurde sofort von der Presse zur "Amerikanischen Sinfonie" hochstilisiert.


    Der Erfolg des Werkes ist bis heute anhaltend, leider verstellt scheinbar dieser Strahlende Diamant den Blick auf Dvoraks andere Edelsteine.


    An Aufnahmen der 9. Sinfonie in e-moll op 95 von Dvorak hat es nie gemangelt. Auch an guten nicht.


    Mein persönlicher Favorut ist jedoch jene Aufnahme:


    Antonin Dvorak: Sinfonie Nr 9 in e.mll op 95
    "Aus der Neuen Welt"
    Berliner Philharmoniker
    Ferenc Fricsay
    Deutsche Grammophon (The Originals)



    Zudem erhält man hier auch noch quasi als Zugabe eine wunderbare "Moldau"



    Freundliche Grüße


    aus Wien


    Alfred

  • Klassikliebhaber schrieb:



    Zitat

    er hat bekannte elemente verwendet.
    im 2.satz, in dem langsamen von seiner 9.Sinfonie, ähnelt die Melodie dem bekannten Gospellied Swing Low,Sweet chariot...


    Schon aufgefallen?


    Wie sollte ich.
    Den Titel kenn ich grad mal vom hörensagen.


    Auch wenn ich sonst dagegen bin, im Klassikbereich über andere Musikstile zu schreiben, in diesem Fall, weil bereichüberschreitend kann man schon eine Ausnahme machen:


    Empfehlung erbeten


    (Bitte per PM um den Thread nicht zu unterbrechen)



    Gruß
    aus Wien
    Alfred

  • Ja, das ist schon so eine Sache mit der "amerikanischen" Musik. War zuerst das Ei da oder die Henne ?
    Geht man zurück zum Anfang der noch recht "jungen" Nation USA so liegen die Wurzeln sicherlich im indianischen Bereich. Das aber, so auch eine kürzlich ausgestrahlte TV-Reportage, soll von den Amerikanern nicht gerade als Ursprung angesehen/anerkannt werden.
    Der nächste Schritt waren die unzähligen Einwanderer aus aller Herren Länder, die auch ihre wunderbaren kulturellen Einflüsse mitbrachten. Aber auch das schien nicht "amerikanisch" zu sein. Erst ab dem auslaufenden 19. Jahrhundert hat sich so etwas wie American Music gebildet.


    Nachträglich gesehen war es wohl doch ein Geniestreich des Komponisten, denn fragt man sich doch, warum gerade Dvorak's 9. noch immer als uramerikanische Musik angesehen wird.
    Ist es das Thema bzw. der Titel "Aus der Neuen Welt" oder sind es die verwendeten, folkloristischen Melodien ? Und was davon ist dann die Henne und was das Ei ?


    Nichts desto trotz gibt es hier hervorragende Interpretationen, wobei ich mich nach wie vor auf Rafael Kubelik festgelegt habe, von dem ich auch die restlichen Sinfonien hörte, die nicht minder interessant sind, jedoch aufgrund ihrer anfänglich schweren Struktur nicht gerade geeignet scheinen, den Kultstatus der 9. zu überbieten.


    Mit grüblerischen Grüßen,
    Jürgen

    Wenn Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann das Recht, den Menschen zu sagen, was sie nicht hören wollen. [frei nach George Orwell]

  • Meine Lieblingsaufnahme der Sinfonie ist von
    Carlo Maria Giulini mit dem Chicago Symphony Orchestra.
    DG (Grand Prix du disque).
    Eine exzellente Aufnahme (imo).
    Jedoch sind die Bässe bei den aufsteigenden Pizzicatostellen zu schwach/leise (1.Satz,ca. 3.Minute?).


    Hat jemand den Booklettext bzw. den Text der LP Rückseite?
    Der Text ist sehr interessant bezüglich des Themas.
    Wie auch immer: Kurz beschrieben, liess sich Dvorak von verschiedenen Kulturen inspirieren. So auch bei der Indianermusik.

  • Hallo,
    da die 9. zu meinen absoluten Favouriten gehört, haben sich inzwischen 12 Einspielungen angesammelt, von denen ich eine (Solti,CSO) noch nicht hören konnte.
    Meine Best-Of:
    1.Fricsay (BPO)
    2.Reiner (CSO)
    3.Kubelik (BPO)
    Sehr gerne hätte ich noch die Einspielungen von Bernstein(NYPO) und Giulini... aber was noch nicht ist...
    Gruß
    Achim

  • Lieber Achim C.


    dann aber schnell, denn laut Joachim Kaiser handelt es sich bei den beiden Dir noch fehlenden Einspielungen um Referenzeinspielungen !


    Aber wer ist schon J.K. ?


    Ich höre gerade die Jansons Einspielung (Oslo), die ich zufällig letzte Woche erwerben konnte.


    Grüße TW

  • Zitat

    Original von Klassikliebhaber
    Meine Lieblingsaufnahme der Sinfonie ist von
    Carlo Maria Giulini mit dem Chicago Symphony Orchestra.
    DG (Grand Prix du disque).
    Eine exzellente Aufnahme (imo).
    Jedoch sind die Bässe bei den aufsteigenden Pizzicatostellen zu schwach/leise (1.Satz,ca. 3.Minute?).


    Mir persönlich gefällt Giulinis spätere Aufnahme mit dem Concertgebouw Orchester noch besser.


    Wie es ihm gelingt, den langsamen, zweiten Satz (mit 15'28'' wirklich kangsam) mit Spannung zu füllen, ihn fast überirdisch schön ausmusizieren zu lassen, ist imo eine ganz große Dirigentenleistung.


    Da die Einspielung momentan bei Sony Music im low-budget-Bereich erhältlich ist, gibt's nur eins: zugreifen!

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.
    Gustav Mahler

  • Hallo Alfred,


    natürlich bin ich Deiner Meinung, was die Bedeutung der Fricsay-Aufnahme, die ich auch bei jedem Voting empfehle, angeht. Aber ich habe aus seligen LP-Zeiten noch zwei Asse im Ärmel bzw. Regal, die es sich auch anzuhören lohnt:


    Zum einen Karel Ancerl-Tschechische Philharmonie (1961) (auch als CD verfügbar):


    zum anderen Vaclav Talich - ebenfalls Tschechische Philharmonie (1954) ebenfalls jetzt auch als CD erhältlich):



    Nicht zu vergessen Istvan Kertesz (meine erste 9.) mit dem LSO:



    Gruß aus Hamburg
    Uwe

  • Hallo,


    um dieses Werk und seine Entstehungsgeschichte spinnt sich ja eine ganze Reihe von Legenden und Halbwahrheiten. Fakt ist, dass Dvorak beauftragt wurde, eine Symphonie zu komponieren, allerdings nicht als einmalige Auftragsarbeit, sondern im Rahmen der Präsidentschaft des Nationalen Konservatoriums für Musik in New York. Das Engagement wurde von Jeanette Thurber angeschoben, der Gründerin des Konservatoriums. Allerdings war Dvorák zu diesem Zeitpunkt in den USA bei weitem nicht so bekannt, dass die Wahl automatisch auf Dvorák gefallen wäre. Thurber wurde von Bekannten in Wien auf Dvorak hingewiesen. Übrigens bedurfte es einer gewissen Werbungsfrist bis Dvorák das angebot annahm, dass ihm wohl mehr Geld pro Jahr einbrachte, als der New Yorker Bürgermeister erhielt.


    Zu den vermeintlichen indianischen Einflüssen: In der Tat hat Dvorák Kontakt mit Indianern gehabt - allerdings erst nach der Vollendung der Komposition. Und da es zu diesem Zeitpunkt in den USA nicht einmal ein minimalstes Interesse gab, die idianische Kultur zu pflegen und zu konservieren - von Tonaufnahmen mal ganz zu schweigen, ist es fraglich, wie Dvorak irgendwelche Einflüsse hätte verarbeiten können. Nachdem er ersten Kontakt mit den Indianern geknüpft hatte, äußerte sich Dvorak jedoch positiv über deren Musik.


    In der Tat sind jedoch (afro-)amerikanische Einflüsse zu bemerken. Mehrfach hat er die Kompositonen seines afro-amerikanischen Studenten Henry Thacker Burleigh konsultiert - während er selbst seine Symphonie komponierte. Neben Swing Low soll es auch Zitate von "Deep River" und "Yankee Doodle" (weiße Volksmusik) geben. Insgesamt hatte Dvorak eine hohe Achtung vor der afro-amerikanischen Kultur und bezeichnete sie als Basis für eine "nationale amerikanische" Musik.


    Nicht vergessen sollte man bei der Diskussion übrigens seine Lebensumstände und den Titel der Symphonie: Dvorak hatte Heimweh, seine Kinder waren zunächst England untergebracht und es gibt Stimmen, zum Beispiel die seines Sekretärs Joseph Kovarik, die darauf hinweisen, dass Dvorak die Symphonie selbst als Gruß an seine Heimat "aus der Neuen Welt" verstanden wissen wollte - und, auch dafür gibt es Aussagen von Dvorak und Zeitgenossen - nur böhmische Volksmusik als Basis verwendete.


    Übrigens fällt es mir schwer, im Scherzo dieser Symphonie "nicht" an Beethoven zu denken.

  • Die Fricsay-Aufnahme ist wirklich sehr faszinierend und referenzwürdig.
    Nur stört mich, dass die Wiederholung der Exposition im 1. Satz fehlt. Wurde die nicht gespielt oder nicht mit aufgenommen oder besser gesagt, rausgeschnitten?


    Es waren bestimmt wieder Platzprobleme auf der CD...



    Gruß, Peter.

  • Hallo Peter,


    Wahrscheinlich nicht gespielt.....
    Wiederholungen wurden damals oft ausgelassen, aber gerade Deine Bemerkung hat mich drauf gebracht warum das so gewesen sein könnte: Es waren natürlich keine Platzprobleme auf der CD, wahrscheinlich aber auf der (ursprünglichen) Langspielplatte, deren Spielzeit ja wesentlich kürzer war. Es war zwar möglich relativ viel Musik auf solch einer LP unterzubringen, allerdings auf Kosten der Klangqualität (mehr Verzerrungen gegen Ende der Rille, geringere Dynamik und übersprechen von Rillenwindung zu Rillenwilndung)


    Ungeachtet dessen: Eine meiner Lieblingsaufnahmen



    Beste Grüße aus Wien


    Alfred

  • Hallo Taminoianer,
    da wir nun erfreulicherweise so viele Neue bei uns haben und da ich mich in den letzten Tagen mal etwas intensiver Dvoraks Neunter - meinem Schlüsselwerk beim Zugang zur klassischen Musik vor über 30 Jahren - gewidmet habe, muß dieser Thread noch einmal ans Tageslicht.
    Bitte um Nachsicht, ich bin kein geübter Vergleichhörer und die meisten der bisher genannten Einspielungen habe ich gar nicht (wird sich aber ändern :) ), aber was ich habe:
    Rodzinski mit dem RPO gefällt mir ganz gut (siehe "edles Mono"), im Largo ist es mir manchmal zu viel Vibrato...
    E. Kleiber, Orchester der Berliner Staatsoper finde ich sehr fein, aber eine Aufnahme von 1929 rauscht und knistert doch halt etwas... Von der Interpretation aber meine Lieblingsaufnahme.
    Szell mit der Tschechischen Philharmonie (1937) - hier haben die Tontechniker zu viel des guten getan, kein Rauschen, aber damit auch seltsam steril. Außerdem weiß ich noch nicht, ob ich mich an die doch sehr angezogenen Tempi gewöhnen kann...
    Levine mit dem Chicago Symphony Orchestra - da weiß ich überhaupt nichts dazu zu sagen. Diese Aufnahme berührt mich seltsamerweise überhaupt nicht. Ich wüßte nichts zu kritisieren, aber sie hat keien Eindruck hinterlassen, weder positiv noch negativ...
    Nochmals das RPO, diesmal später und unter Paavo Järvi. Järvi braucht fast 15 Minuten für das Largo, vielleicht braucht es da die passende Stimmungslage, im Moment gefällt mir da Kubelik mit der Tschechischen Philharmonie deutlich besser. Hier wird wirklich "beseelt" musiziert. Leider hustet es in dieser Live-Aufnahme wo es bei Kleiber rauscht :)
    Also im Moment - in Kombination von INterpretation und Aufnahme - meine Nummer 1 Kubelik vor Kleiber, aber das wird sich sicher ändern, auf dem Wunschzettel steht Fricsay und unbedingt auch Ancerl und Talich.


    Viele Grüße
    Reinhard

    Einer acht´s - der andere betracht´s - der dritte verlacht´s - was macht´s ?
    (Spruch über der Eingangstür des Rathauses zu Wernigerode)

  • Zitat

    Original von Reinhard
    Szell mit der Tschechischen Philharmonie (1937) - hier haben die Tontechniker zu viel des guten getan, kein Rauschen, aber damit auch seltsam steril.


    Welche Ausgabe hast Du denn? Möglicherweise ist das bei der Naxos-Edition etwas besser geworden. Zumindest gibt es einigen Aufnahmen, die bei denen weniger bearbeitet wurden (Filter) als bei den ursprünglichen Plattenfirmen.

  • Das Label (?) heißt "Centurion Classics", verantwortlich zeichnet eine Flex Media Entertainment GmbH, ein Label-Code ist auf der CD nicht zu finden. Noch mit drauf ist Karneval op. 92 mit E. Kleiber und LPO (1948 ).


    Gruß
    Reinhard

    Einer acht´s - der andere betracht´s - der dritte verlacht´s - was macht´s ?
    (Spruch über der Eingangstür des Rathauses zu Wernigerode)

  • Zitat

    Original von Reinhard
    Das Label (?) heißt "Centurion Classics", verantwortlich zeichnet eine Flex Media Entertainment GmbH, ein Label-Code ist auf der CD nicht zu finden. Noch mit drauf ist Karneval op. 92 mit E. Kleiber und LPO (1948 ).


    Gruß
    Reinhard


    Muss mich selbst verbessern: Die Dvorak 9 von Szell gibt es (noch) nicht auf Naxos, so weit ich das überblicken kann. Eine einigermaßen vernünftige Edition wird vom Label Dutton vertrieben. Dutton hat einen widersprüchlichen Ruf: Es gibt Aufnahmen, die Sammler im A/B-Vergleich für besser halten, manche scheinen aber auch zu stark gefiltert worden zu sein (so wie Deine Aufname).

  • Am Morgen, ein Schlag in Gesicht (mit der Faust):



    Der erste Satz kommt kalt und mechanisch daher, präzise gespielt, nein gepeitscht bis an den Rand der Erschöpfung (bei den Musikern und mir), so als wollte Szell die Musik (und die Aufnahme) so schnell wie möglich hinter sich bringen. Solcherart Passagen finden sich auch später, auch wenn die Sache langsam an Konzentration verliert. Wer Dvorak reduziert auf rohe Gewalt haben will, wird daran dennoch sein volles Vergnügen. Für mich war es schön herauszufinden, dass nicht alle Urteile nach ein paar Jahren zu revidierungsbedürftigen Vorurteilen mutieren. Nicht mein Dvorák, eine überflüssige Aufnahme.

  • Vor ein paar Wochen besorgte ich mir die Einspielung mit Harnoncourt.



    Antonín Dvorák: Sinfonie Nr. 9 e-Moll, op. 95 + Der Wassermann, op. 107
    Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam, Harnoncourt
    Teldec



    Die gefällt mir besser als die hier schon oft angeführte Fricsay-Aufnahme.
    Natürlich kann man den besseren Klang anführen, aber das ist hier nicht die Hauptsache.
    Ein sehr positiver Aspekt war zunächst, dass hier Wiederholungen auch gespielt werden. Gerade den Übergang von der Exposition in die Wiederholung im Kopfsatz finde ich zu schön und bedauere es jedesmal, wenn es gleich in die Durchführung geht.
    Dann wirkt das ganze Werk frischer und lebendiger. Die Nuancen werden berücksichtigt und mit eingearbeitet, aber nicht übertrieben gespielt, wie es Harnoncourt manchmal vorgeworfen wird.
    An den nötigen Stellen kracht es (Scherzo), es gib aber auch ebenso schöne lyrische Stellen, bevorzugt natürlich im 2. Satz.
    Die Sinfonie wirkt auch in ihrer Gesamtheit sehr geschlossen und stellt nicht einzelne Sätze heraus.
    Zudem gibt es eine schöne sinfonische Dichtung, die ich vorher noch nicht kannte. Aber auch den Wassermann lohnt es, kennenzulernen.
    Zur Zeit gibt es die CD noch für schlappe 4,99 EUR bei jpc zu beziehen.
    Ich denke, dass man da ohne Bedenken zugreifen kann.



    Gruß, Peter.

  • Ich stimme petermonova zu. Die Harnoncourt-Aufnahme gefällt mir auch sehr. Allerdings halten sich meine Vergleichsmöglichkeiten bei Dvorak in Grenzen. Aber auch ohne Vergleich wirkt alles an dieser Aufnahme stimmig für mich. Was Harnoncourt mit alter Musik macht, findet meine Zustimmung nicht. Wenn ich Alternativaufnahmen finde, und inzwischen kann man das glücklicherweise von vielen Aufnahmen sagen, treffen die viel mehr meinem Geschmack. Aufnahmen alter Musik von Harnoncourt empfinde ich meist als leblos. Die Dvorak-Aufnahme ist da ganz anders. Und nicht nur die, auch Smetanas Vaterland, Bruckners Neunte und die Slawischen Tänze von Dvorak gefallen mir wirklich gut.


    Thomas

    Da freute sich der Hase:
    "Wie schön ist meine Nase
    und auch mein blaues Ohr!
    Das kommt so selten vor."
    - H. Heine -

  • Hallo,


    für mich ist die neunte Sinfonie auch aus musiktheorethischer Sicht ein ganz besonderes Werk. Es kommt mir so vor, als wollte Dvorak seinen amerikanischen Studenten zeigen: Schaut her, genau so schreibt man eine traditionelle romantische Sinfonie. Eine langsame Adagio-Einleitung wie bei Haydn, drei Themen mit jeweils unterschiedlichem Charakter (erstes Thema "männlich", zweites "weiblich", wie es sich halt gehört :D), eine ganz reguläre Durchführung, alles, wie man sich einen erweiterten Sonaten bzw. Sinfoniesatz eben vorstellt.


    Beachtlich finde ich dies vor allem, weil Dvorak in den vorhergehenden Sinfonien ja schon wesentlich experimenteller mit der Form umging.


    Aufnahmen:


    Die schon oft erwähnte Fricsay-Aufnahme ist sicher hervorragend, mich stören aber im ersten Satz die extremen Tempoverlangsamungen vor dem zweiten Thema (wie ein erhobener Zeigefinger, fast schon eine didaktische Interpretation: Achtung, jetzt kommts...) Ansonsten lässt vor allem der zweite Satz keinerlei Wünsche offen.
    Rafael Kubelik ist mein persönlicher Favorit, glühend leidenschaftlich, mit wunderbarem Klang und viel böhmischem Musikantentum.
    James Levines Aufnahme kann diesen ganz hohen Level nicht halten, eine typische Hochglanz-Aufnahme für mich, Nebenstimmen hörbar zu machen oder solche Feinheiten, war wohl nicht von Interesse.
    Die Aufnahme von Paavo Järvi im Rahmen der Brilliant-Classics-Box ist für mich typischer Durchschnitt, alles ganz ordentlich, nix herausragend.


    Über den amerikanischen Charakter kann sicherlich viel diskutiert werden, ich höre aus dieser Sinfonie mehr Heimweh und Sehnsucht nach Böhmen als amerikanische Einflüsse heraus.


    Gruß, flo

  • Hallo Holger,


    Zitat

    Original von Holger am 11.10. in 'Heute erst gekauft'

    Dvorak, No. 9, Slovak PO, Gunzenhauser


    konntest du schon die CD hören???


    Ich bin immer noch sehr an einem Statement deinerseits interessiert ;)
    Denn wie gesagt, ich gedachte mir auch schon etwas aus dem Gunzenhauser Repertoire der Dvorák Symphonien zu holen.
    Wurde aber, aufgrund negativer Kritiken aus dem Forum, davon abgehalten...


    Mich würde dein Eindruck im Vergleich zu Wolfgangs sehr interessieren :yes:


    Gruß, Maik :hello:

  • Weitaus besser ist der neue Zyklus mit demselben Orchester - man mag es ob des Klangeindrucks kaum glauben - von Ivan Anguélov (für Oehms Classics). Sein leichter, tänzerisch-federnder Dvorák ist eine Anschaffung allemal wert.



    ca. 30,- komplett.


    Gunzenhauser legt eine relativ saubere Arbeit ab, aber Orchester (damals) und Klang stempeln die Produktion als drittklassig ab.


    Gruß, Thomas

  • Hallo Thomas,


    deine Meinungsäußerung hört sich so an, als kennst du die Gunzenhauseraufnahmen?
    Deshalb vielen Dank für die aufschlussreiche Aussage!


    Auch wenn die Naxos CDs schön billig sind, aber drittklassige Interpretationen bzw. Aufnahmen brauch ich mir nicht zulegen, wenn ich schon eine fantastische mit Dohnanyi habe ;)



    Vielen Dank und viel Spaß im Forum :hello:
    Maik

  • Zitat


    deine Meinungsäußerung hört sich so an, als kennst du die Gunzenhauseraufnahmen?


    Die obige CD mit der 9. habe ich mal jemandem geschenkt - er stand mir nicht allzu nahe. 8)


    Andere Aufnahmen aus dem Zyklus kenne ich in Auszügen, ist alles ganz OK, aber "ganz OK" ist zu wenig in einem Repertoire, das mehrfach sehr erfolgreich eingespielt worden ist.


    Ich selbst habe diverse Dvorák-Zyklen (er ist einer meiner Lieblingskomponisten): Neeme Järvi, Rafael Kubelik, István Kertesz, Ivan Anguélov, Zdenek Kosler, und Otmar Suitner jeweils komplett, andere in Teilen. Für eine traditionelle Lesart sehr zu empfehlen ist auch Suitner. Ein sehr ausgeglichener Zyklus:



    Und mit unter 20,- unverschämt günstig. Eine dicke Empfehlung für alle, die Tradition mit großem "T" schreiben. Und immerhin befinden wir uns ja in einem österreichischen Forum. ;)


    Dave Hurwitz schrieb in seiner Rezension der Anguélov-Aufnahme, dass die Einspielungen der 1.- bis 4.Symphonie die bisher besten seien. Er hat wohl Recht.


    Gruß, Thomas

  • Ganz recht,der Fricsay-Aufnahme ist nichts hinzuzufügen,sie ist die Referenzaufnahme ohne wenn und aber.Auch nach dem hundertsten Mal krieg ich immer noch eine Gänsehaut beim Hören.Und manchmal,je nach Stimmung,werden meine Äuglein feucht.

  • Hallo,


    die von Kertesz und den Londonern finde ich persönlich etwas zu langsam: es fehlt die "Power" im 1. Satz. Ansonsten aber ganz gelungen.


    Auch zu erwähnen ist aber auch die Aufnahme mit Karl Böhm! Was sagt ihr zu dieser?

    "Das Große an der Musik von Richard Strauss ist, daß sie ein Argument darstellt und untermauert, das über alle Dogmen der Kunst - alle Fragen von Stil und Geschmack und Idiom -, über alle nichtigen, unfruchtbaren Voreingenommenheiten des Chronisten hinausgeht.Sie bietet uns das Beispiel eines Menschen, der seine eigene Zeit bereichert, indem er keiner angehört." - Glenn Gould

  • Hallo,
    es ist wirklich unglaublich! Nicht zuletzt angeregt durch diesen Thread hatte ich die Anguelov-Gesamteinspielung mal auf meine Wunschliste genommen.
    Vor kurzem entdeckte ich sie dann bei amazon/caiman für sage und schreibe 1,04 €!!! Das war mit Sicherheit ein unbeabsichtigtes Superangebot - will heißen ein Schreibfehler, aber ich konnte nicht widerstehen und habe bestellt in der Erwartung, dass sich caiman vielmals für den Irrtum entschuldigt und mir die CDs für einen normalen Preis anbietet...
    Pustekuchen - caiman hat konsequent 4,04€ inkl. Porto von meinem Konto abgebucht, und heute lag die Box (nagelneu, noch verschweisst) bei mir in der Post!!!
    Das Schnäppchen des Jahres!


    P.S.: Zu diesem Preis ist die Box jetzt bei caiman nicht mehr zu haben...

  • Heute brachte das Bayerische Fernsehen eine Aufzeichnung von 2004 aus dem Herkulessaal der Münchner Residenz. Mariss Jansons dirigierte das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Ich finde, Jansons hat dieses großartige Werk, das man auch nach noch so vielen Wiedergaben immer wieder mit Gewinn hören kann (erbauliche Musik im besten Sinn), bei allem notwendigen Effekt auch sehr feinsinnig modelliert.


    Herzlicher Gruß
    Alexander

  • Zitat

    Original von Alexander
    Ich finde, Jansons hat dieses großartige Werk, das man auch nach noch so vielen Wiedergaben immer wieder mit Gewinn hören kann (erbauliche Musik im besten Sinn), bei allem notwendigen Effekt auch sehr feinsinnig modelliert.


    Ja, Alexander, da stimme ich Dir zu, habe zwar erst den ersten und zweiten Satz gehört, aber die haben mir schon sehr zugesagt. Wenn ich alles in Ruhe gehört habe, werde ich mich nochmal äußern.

    Einer acht´s - der andere betracht´s - der dritte verlacht´s - was macht´s ?
    (Spruch über der Eingangstür des Rathauses zu Wernigerode)

  • Hallo allerseits,


    ich möchte euch auch hier einmal eine neue Empfehlung anprechen.
    Iván Fischers Interpretation mit dem Budapest Festival Orchestra ist herzergreifend.


    Diese Aufnahme hat bei mir wieder die Liebesflamme zur Neunten entfacht, nachdem Sawallisch und Dohnanyi (dieser hat mir zwar gefallen, aber da fehlte etwas) dazu nicht in der Lage waren.
    Gleich beim ersten Hören habe ich das gemerkt und erlebt - ich habe wieder viel mehr Lust, diese Symphonie zu hören, nachdem sie immer mehr in den Hintegrund treten musste, weil super Einspielungen der 7. und 8. starke Begeisterung auslösten.


    Ja, ich kann nicht wirklich beschreiben was es ist, dass mich gerade an dieser Einspielung so fesselt und ergreift - vielleicht der liebliche Orchesterklang, die sanfte Hernangehensweise, aber auch dieses Triumphale und Majestätische.



    Wie man sieht, ist auch die 8. mit drauf. Diese hab ich aber erst einmal gehört, da sie mich beim ersten Mal klar enttäuscht hat - nichts gegen Dohnanyi.
    Aber schon alleine wegen der Neunten ist sie es wert, hier speziell erwähnt zu werden. Vielleicht finden andere ja auch noch an der Achten Gefallen.



    Viel Spaß, Maik