Geistliche Werke von Felix Mendelssohn Bartholdy

  • Hallo liebe Taminos und Paminas!


    Ich muss zugeben, ich bin etwas schockiert...Kein eigener Thread über geistliche Musik dieses Komponisten???
    In doppelter Hinsicht bin ich enttäuscht: einmal weil ich dachte so etwas hätten wir längst und andererseits, weil ich mich auf die Suche nach Empfehlungen machen wollte.


    Natürlich bin ich auch fündig geworden. Nur nicht zufriedenstellend :rolleyes:


    Ein bisschen hier:


    Chor-Aufnahmen - - - Welche sind zu empfehlen ?


    Und dann wurden im folgenden Thread noch zwei Aufnahmen angesprochen:


    Jauchzet dem Herrn alle Welt - Psalmenvertonungen


    Nun bin ich ein Mensch, der es gerne übersichtlicher hätte und alles beisammen.
    Deshalb würde ich mich freuen, wenn ihr mir einige Anregungen zu Mendelssohns Schaffen der geistlichen Musik liefern könntet.


    Ausgrenzen möchte ich eigentlich nur die beiden großen Oratorien Elias und Paulus, zu denen ein seperater Thread sicherlich vorteilhafter wäre.
    Genauso die Psalmvertonungen - die können im entsprechenden Thread genannt werden :yes:


    Über alles andere kann IMO hier gesprochen werden - oder es entwickelt sich von euch der Wunsch einen weiteren seperaten Thread zu eröffnen.


    So, nun aber los - ich habe vor in diesem Bereich etwas aufzurüsten :hello:
    (Vielleicht hat es jemand anderswo gelesen :D)


    Gruß, Maik

  • Hallo,


    mit CD-Aufnahmen bin ich noch nicht so reich gesegnet, da ich mit dem, was ich habe, erst einmal zufrieden bin und ich mich da auch noch ein wenig durchhören muss. Die Brilliant-Box mit seinen Chorwerken deckt ja schon so ziemlich sein gesamtes Schaffen auf diesem Gebiet ab, ist zudem sehr günstig und interpretatorisch wertvoll.
    Ich möchte bei der Gelegenheit aber etwas über diese Werke schreiben.


    Sieht man von den beiden großen Oratorien mal ab, sind doch die meisten der geistlichen Werke in der Öffentlichkeit vergessen.
    Mendelssohn war zeit seines Lebens tiefgläubiger Christ, der aber seine jüdischen Wurzeln nie verleugnete. Schon in frühester Jugend beschäftigte er sich mit geistlicher Musik und schrieb Werke für die protestantische Liturgie, die aber zu seiner Zeit kaum noch vorhanden war. Mendelssohn komponierte aber, wie ihm zumute war und machte sich daraus recht wenig. Für ihn war Gott in seinem Leben stets allgegenwärtig gewesen. Wer will es anzweifeln bei jemandem, der von Glück und Freude in seiner Familie, im Freundeskreis nur so umgeben war? Schon deswegen drängte es ihn dazu, Gott mit seiner Musik zu preisen und seinen Glauben in den Dienst der Musik zu stellen.


    Das Problem bei Mendelssohns geistlicher Musik in heutiger Zeit ist sicher die Diskrepanz zwischen Kirchenmusik (Musik, die in Kirchen bzw. zu Gottesdiensten gespielt wird) und Sinfonik. Das heißt, für die Kirche ist die Musik zu sinfonisch, zu anspruchsvoll und für den Konzertsaal ist sie zu liturgisch. Deshalb findet man seine Werke selten öffentlich aufgeführt sondern vermehrt auf Tonträgern.


    In der nächsten Zeit werde ich einige Werke vorstellen, die von Bedeutung sind, schließe dabei aber wohl auch die Psalmkantaten ein.



    Gruß, Peter.

  • Zwei Aufnahmen möchte ich in diesem Zusammenhang empfehlen, obwohl auf der ersten CD auch Reger und Brahms vertreten sind:


    1. Motetten der Romantik mit folgenden Kompositionen Mendelssohns:


    "Warum toben die Heiden?" Psalm 2, op. 87, 1.


    "Richte mich Gott", Psalm 43, op. 78, 2


    "Mein Gott warum hast Du mich verlassen?" Psalm 22, op. 78, 3


    "Jauchzet dem Herrn alle Welt!", Psalm 100 op. 69,2.



    Der Amadeus-Chor ist eine Wucht! Ein klarer, transparenter Klang, ausgewogen in allen Stimmen- hervorragende Tenöre- ein homogenes Ensemble. Ein eher heller Klang.



    2. Psalmenvertonungen Mendelssohns mit Philipp Herreweghe. Dunkler Klang, ausdrucksstarke Textausdeutung. Mein Favorit: "Verleih uns Frieden gnädiglich."



    Psalm 42 und Psalm 115 dazu ein "Ave Maria" und "Verleih uns Frieden gnädiglich"


    Herzliche Grüße,:hello:


    Christian

  • die brillant-box besitze ich auch und habe sie auch schon fast ganz durchgehört ... da sind viele schätze mit traumhaft schöner musik zu finden , gerade auch bei den 'kleinen' stücken


    unübertroffen für mich seit 2 jahren die choralkantate 'vom himmel hoch'
    (hier vor allem der eingangs- und schlußchor): seither 'die' weihnachtsmusik, die auch das berühmte weihnachtsoratorium in den schatten stellt


    bei ersten hören liefs mir wie schauer über den rücken herunter: der einsatz der violinen gleichsam von den höchsten höhen des himmels, das immer stärker werdende orchester, das gleichsam das auf die erde fallende licht symbolisiert, der erste einsatz des himmelschores mit den sopranen ....grandios ...ich habs danach bestimmt 20x gehört ...unvergeßlich :-)

  • Lieber Jörg,


    Zitat

    unübertroffen für mich seit 2 jahren die choralkantate 'vom himmel hoch'
    (hier vor allem der eingangs- und schlußchor): seither 'die' weihnachtsmusik, die auch das berühmte weihnachtsoratorium in den schatten stellt


    bei ersten hören liefs mir wie schauer über den rücken herunter: der einsatz der violinen gleichsam von den höchsten höhen des himmels, das immer stärker werdende orchester, das gleichsam das auf die erde fallende licht symbolisiert, der erste einsatz des himmelschores mit den sopranen ....grandios ...ich habs danach bestimmt 20x gehört ...unvergeßlich :-)


    das hast du schön beschrieben und ich kann mich da nur anschließen. In der letzten Woche, als ich mich durch die Choralkantaten durchgehört habe, ist mir dieser grandiose Chor "Vom Himmel hoch" durch Mark und Bein gegangen. Das ist Musik, wie sie nur Mendelssohn schreiben konnte. Unbeschreiblich, zum Niederknien... :jubel:


    Momentan höre ich das Te Deum à 8, das der 17-jährige Mendelssohn komponiert hat. Das rund 40-minütige Werk ist für Soli, zwei vierstimmige Chöre und Generalbass geschrieben. Auf der Brilliant-Box wird der Generalbass von der Orgel gespielt.
    Das Te Deum besteht aus 12 Teilen und ist aufgrund des fehlenden Orchesters heutzutage nicht oder kaum in Konzerten zu hören. Mendelssohn lehnte sich hier noch nicht an seine Meister Bach oder Händel an. Vielmehr erinnert es mit dem Doppelchor an die Venezianische Schule. Das Werk besticht durch eine meisterhafte Polyphonie, erstaunlicher chromatischer Wendungen und geschickter Ausnutzung der Variationsmöglichkeiten von Chor und Solibesetzungen. Der Anfangschor erstrahlt mit einem glänzenden "Te Deum"-Thema, das am Ende fugiert ("In Te Deum speravi..."). Zum Ende der Komposition wird das Thema erneut aufgegriffen und das Werk somit schön abgerundet.



    Gruß, Peter.

  • Hallo.


    Weitermachen will ich mit einem sehr kurzen Werk, das Mendelssohn für 4 (!) vierstimmige Chöre und Orgel im Jahre 1828, also mit 19 Jahren, geschrieben hat. Es nennt sich "Hora est", auf deutsch: "Die Stunde schlägt". Vermutlich wurde das Werk auf Wunsch Zelters, seinem Lehrer, komponiert und unter seiner Aufsicht geschrieben. Die Berliner Singakademie, dessen Leiter Zelter war (Felix war Zelters Lieblingsschüler und sein ständiger Assistent), führte das Werk mehrfach auf, zuletzt im Jahre 1930.
    Das "Hora est" besteht aus 318 Takten und es ist eine Kunst, wie Mendelssohn es vermochte, mit seinen jungen Jahren ein 16-stimmiges Werk ohne ständige Stimmenverdopplungen zu komponieren.
    Der "Hora est"-Ruf erscheint am Anfang und am Ende. Das Werk steigert sich von Anfang an grandios. Der Mittelteil ("Ecce apparebit Dominus") ist der Gotteserscheinung gewidmet.


    Im Übrigen war es durchaus Tradition der Singakademie, 16-stimmige Werke zu singen. Mit diesem Auftrag Zelters an Felix stellte sich somit schon heraus, dass er an ihn als seinen Nachfolger im Amt gedacht hatte.



    Gruß, Peter.

  • Salut,


    ich hab den ELIAS und das gleich zweimal: Es ist ja ein Werk, dass sehr oft und gerne von Kantoreien und zusammengewürfelten Orchestern aufgeführt wird.


    Meine erste Aufnahme - zugleich ein Andenken an einen Konzertbesuch - stammt vom 27. Februar 1993 in St. Maria-Magdalena, Bonn-Endenich [ = Kirche neben dem Schumannhaus!] mit dem Philharmonischen Chor und Orchester der Stadt Bonn, Leitung Thomas Neuhoff.


    Die zweite Aufnahme bekam ich einst zum Geschenk - potentieller Kunde - Livemitschnitt vom 20. Mai 2001 in der Immanuelskirche Wuppertal-Barmen mit der Kantorei Barmen Gemarke, Orchesterakademie an der Immanuelskirche, Leitung: Wolfgang Kläsener.


    Ich mag das Werk zwar, aber insgesamt ist es mir dann doch zu langatmig. Im Konzert jedoch ist es großartig.


    :hello:


    Cordialement
    Ulli

  • Zitat

    Original von Ulli
    Ich mag das Werk zwar, aber insgesamt ist es mir dann doch zu langatmig. Im Konzert jedoch ist es großartig.


    Wenn man nur die Handlung nimmt, kann es vor allem im 2. Teil wirklich langatmig werden. Langweilig wird es glücklicherweise nicht, dafür ist die Musik zu gut.
    Der 1. Teil ist aber an Dramatik wohl kaum zu überbieten, das hat ja schon fast was von Oper. :yes:


    Aber über den Elias soll hier ja gar nicht gesprochen werden. Ich habe aus vertrauten Quellen gehört, dass in einiger Zeit ein separater Thread entstehen soll. :)




    Gruß, Peter.

  • lieber peter, du hast zwar bei der 'quelle' nicht an mich gedacht, aber auch ich habe seit vielen wochen vor, über den elias zu schreiben, den ich als eines der großartigsten oratorien seit bald 20 jahren verehre ... nur, die zeit ... ;(


    deshalb will ich der 'quelle' nicht vorgreifen ...nur soviel gegen die sawallisch aufnahme kommt keine heran ... sehr prächtig auch die hickox -aufnahme im originalen englisch ...:-)))
    da muß man sich erstmal dran gewöhnen ... aber dann .... :yes:


    lg jörg

  • Bis jetzt wurden sie leider nicht erwähnt, aber ich finde sie sehr schön: Die "Drei Motetten für Frauenchor und Orgel op. 39"!
    - Veni Domine
    - Laudate pueri
    - Surrexit pastor bonus
    Wir haben die ersten beiden Motetten im letzten Weihnachtskonzert gesungen. Sie sind recht einfach zu erlernen und klingen sehr schön.

    "Orgel spielen heißt, einem mit dem Schauen der Ewigkeit erfüllten Willen offenbaren!"
    Charles-Marie Widor

  • Wunderschön auch das kurze a-capella Stück für achtstimmigen gemischten Chor: Denn er hat seinen Engeln.


    Ich habe gerade zum Vergleich mal meine Aufnahme des Elias (Sawallisch) rausgekramt. Dort kommt das Stück auch vor, allerdings hier mit Orchester und nicht vom Chor sondern von den Solisten gesungen. Auch sehr schön.


    Noch etwas: Ich hatte ganz vergessen, dass Mendelssohns Werke während der Nazi-Diktatur verboten waren und bin jetzt wieder durch das Booklet der Brilliant Box daran erinnert worden. Dort heißt es in der Einführung von Christian Wildhagen unter anderem: ..." Dass Mendelssohn heute kaum mehr die Wertschätzung erfährt, die seiner herausgehobenen Stellung im europäischen Kultur- und Geistesleben um 1840 entspräche, mag zum einen, wie oft behauptet, noch immer der Verfemung seiner Person und der Ächtung seines Werks durch den Nationalsozialismus geschuldet sein. Von dem totalen Aufführungsverbot während der Zeit des "Dritten Reichs" hat sich sein Schaffen tatsächlich nie recht erholt; entsprechend ist auch die Wahrnehmung seiner Biographie nach wie vor nicht frei von Denkmustern, die sich mitunter gefährlich im Fahrwasser antisemitischer Rezeptionsmuster bewegen. Richard Wagners fatales Pamphlet über "Das Judentum in der Musik" hat hier schon 1850 die Stoßrichtung vorgegeben, und so scheint es, als habe sich der Nationalsozialismus lediglich auf perfide Weise zunutze gemacht, was an mehr oder minder künstlerisch motivierten Einwänden von jeher gegen Mendelssohn vorgebracht worden ist."... (Seite 3 des Booklets)


    An anderer Stelle schreibt Wildhagen noch: ..."Dass er als getaufter Jude den protestantischen Glauben ernster nahm als mancher seiner christlichen Zeitgenossen ist durch zahlreiche Schilderungen belegt, wird aber durch die antisemitischen Verzerrungen der Rezeption noch immer zu wenig beachtet."... (Seite 19 des Booklets)


    Ebenfalls interessant finde ich in diesem Zusammenhang, dass ein großer Teil der Choralkantaten erst zwischen 1972 und 1983 zum ersten Mal veröffentlicht worden ist. Ich jedenfalls bin froh, diese Werke jetzt kennenzulernen.


    Carola :hello:

  • Carola:


    Zitat

    Dass Mendelssohn heute kaum mehr die Wertschätzung erfährt, die seiner herausgehobenen Stellung im europäischen Kultur- und Geistesleben um 1840 entspräche


    Hallo Carola, erst einmal freue ich ich über JEDEN, der sich die schöne Brilliant-Box mit der Mendelssohnschen Vokalmusik besorgt. Seit einem Jahr schon etwa gehe ich hier im Forum mit dieser "hausieren, doch erst jetzt, nachdem auch Peter nach einigem Zögern "zugeschlagen" hat, rührt sich so langsam was :D
    Was die Wertschätzung Mendelssohns angeht, so ist diese zumindest in den englischsprachigen Ländern ungebochen: Wildhagen bezieht sich auf
    Deutschland, OHNE das im Text zu präzisieren !Nach 1945 wurde Mendelssohn in Deutschland eher ein Opfer des gewandelten Zeitgeschmacks. Erst zu Beginn der 60ger setzt ein spürbares "Umdenken" diesbezüglich ein; die Aufnahme Sawallischs aus den späten 60gern, die du erwähnst, setzte Maßstäbe. In Ostdeutschland war es Rudolf Mauersberger, der sich für den Komponisten stark machte...
    Was noch nicht Allgemeingut ist, ist das, daß es sich bei Mendelssohn nicht um einen "Romantiker", (trotz reichlich "romantischer" Züge in vielen Werken) handelt, sondern um den Hauptmeister des Klassizismus,
    einer Kunstrichtung, die noch nicht allzulange als eigenständig angesehn wird. Aussserdem ist er der letzte große Komponist in der Nachfolge von Schütz und Bach, der als "bekenneder Protestant" eine Vielzahl von Werklen schaffen konnte, in denen sich kompositorische Meisterschaft
    und ungebochnenes Gotteslob die Waage halten. NACH ihm gelang das
    in so großem Stile niemanden mehr.

    Das geht über das Sagbare hinaus. Das läßt sich nicht deuten und bedarf keiner Deutung. Es kann nur gehört werden. Es ist Musik. (H.H.Jahnn)

  • Sagitt meint:


    Ich hatte die geistliche Musik von Mendelsohn durch Paulus kennengelernt ( mehrfach mitgesungen) und fand das aufdringlich protestantisch ( obwohl oder weil ich protestantische Kirchenmusik so mag- Schütz!).
    Dadurch entgingen mir viele geistliche Werke. Langsam höre ich mich durch diese Box durch und bin davon sehr angetan. Das sind ja doch andere Töne.


    Höchst erfreulich, dass so qualifizierte Musik zu diesem Preis zu erwerben ist !


  • Und was ist mit Brahms und seinem Deutschen Requiem? War das nicht auch kompositorische Meisterschaft und Gotteslob? Wobei: Ist echtes Gotteslob nicht immer auch gebrochenes Gotteslob? Aber das ist ein weites Feld...


    Carola :hello:

  • Carola:


    Zitat

    Und was ist mit Brahms und seinem Deutschen Requiem?


    Hallo Carola, mit Brahms verhält es sich deutlich anders: Er betrachtete sich selbst als "bibelfester Atheist" und wollte mit konfessioneller Religion nichts zu tun haben. Also nicht nur dieses unterscheidet ihn von Mendelssohn, dem sowohl Religionsausübung als auch gelebter Glaube ein Bedürfnis waren. Es gab in den Zeiten der Uraufführung harsche kritik an Brahms Textauswahl für das dem Andenken an seine Mutter gewidmete "Requiem" vor allem von Seiten der lutherischen Geistlichkeit. Werke auf texte der Bibel stellen bei Brahms kein Zentrum (wie bei Mendelssohn), sondern eher eine Randerschgeinung dar !

    Das geht über das Sagbare hinaus. Das läßt sich nicht deuten und bedarf keiner Deutung. Es kann nur gehört werden. Es ist Musik. (H.H.Jahnn)

  • Wobei ja Brahms auch keine Originaltexte verwendet hat, sondern sich nur an ausgesuchte Stellen angelehnt hat, die zudem noch möglichst allgemein gehalten wurden.
    Anders halt Mendelssohn, der bei jeder Gelegenheit sein Gotteslob anbrachte.



    Gruß, Peter.

  • Sagitt meint:


    Wenn man die spannende Geschichte der Mendelssohns liest,beginnend mit Moses, wird einem dieser Protestantismus ganz verständlich. Der konvertierende ist oftmals übereifrig.
    Das war ja bei Brahms gar kein Motiv. In meinem Gefühl steht Brahms näher bei einem Schütz, Mendelssohn näher bei einem preussisch-lutherischen Protestantismus.Näher ist mir die Brahms-Variante,schon sein wunderbarer Begräbnisgesang op. 13.
    Aber ich lerne Mendelssohns geistliche Werke jenseits Elias und Paulus jetzt erst richtig kennen.


    Man weiss nie....

  • Hallo Sagitt,


    ich denke, daß Mendelssohn und Brahms mental kaum miteinenander vergleichbar sind. Ich schätze Brahms Werke, die sich im Fahrwasser der Bibel befinden, auch ganz ausserordentlich und ihr emotionaler Gehalt steht mir vielfach näher als der mancher Werke Mendelssohns.Nun muss man aber bedenken, daß der junge Felix zuhause kaum noch etwas von dem aufklärerischem Geist eines "Herrn Moses" mitbekommen hat, der Protestantismus war ihm schon ganz selbstverständlich. Trotzdem erinnern mich manche seiner a cappella Werke auch an Schütz oder an Giovanni Gabrieli, wie z.B.das geniale "Hora est", das hier schon an anderer Stelle gewürdigt wurde. Ich sehe Mendelssohn immer "seelenvewandt" seinen Zeitgenossen K.F. Schinkel und P.J. Lenné, in deren "arkadischen Landschaften" er ja einen nicht unerheblichen Teil seines Werkes realisierte. Allen Interssierten empfehle ich deshalb einen Besuch des Schlosses "Charlottenhof" im Park von Sanssouci, in dem Mendelssohn (das Schloss wurde ihm von König Fr.Wilhelm IV als "Arbeitsresidenz" zur Verfügung gestellt) wesentlich Teile seines Sakralen Werkes schuf und in dem sein Geist noch immer lebendig ist !

    Das geht über das Sagbare hinaus. Das läßt sich nicht deuten und bedarf keiner Deutung. Es kann nur gehört werden. Es ist Musik. (H.H.Jahnn)

  • Sagitt meint:


    Mendelssohn ist einem Clan groß geworden, derer einer Teil sich dem Christentum zuwandte. Einige waren quasi auf relgiöser Wanderschaft, aber es blieb auch der jüdische Zweig. Lackmann hat das in seiner umfangreichen Studie zu den Mendelssohns sehr interessant geschildert.
    Trotz de neuen Orientierung waren es doch Schritte einer Assimilation. Mindestens beim Paulus höre ich das fast aufdringliche Bekenntnis, ich gehöre zu euch, und irgendwie immer die Posaunenmassen evangelischer Kirchentage. Ich schreibe das in keiner Weise als Kritik, ich will es nur verstehen.
    Aber ich will die geistliche Musik von ihm erst einmal ganz durchhören, vielleicht fallen mir dann weitere Schuppen von den Augen ?

  • Zitat

    Original von petemonova
    Wobei ja Brahms auch keine Originaltexte verwendet hat, sondern sich nur an ausgesuchte Stellen angelehnt hat, die zudem noch möglichst allgemein gehalten wurden.


    Was meinst Du mit Originaltext? Er hat nicht die katholische Totenmesse vertont, natürlich, das wäre in protestantischen Kreisen sowieso unüblich gewesen. Seine Auswahl ist aber original Heilige Schrift und es gab im Barock ähnliche recht frei ausgewählte Texte, die als Trauermusik vertont wurden (zB Schütz Musikalische Exequien). Brahms erntete indes Kritik, weil zeitgenösssiche Theoogen und Kantoren mit seiner Auswahl unzufrieden waren (Christus kommt z.B. nicht vor).


    viele Grüße


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Zitat

    Original von Johannes Roehl


    Was meinst Du mit Originaltext? Er hat nicht die katholische Totenmesse vertont, natürlich, das wäre in protestantischen Kreisen sowieso unüblich gewesen. Seine Auswahl ist aber original Heilige Schrift und es gab im Barock ähnliche recht frei ausgewählte Texte, die als Trauermusik vertont wurden (zB Schütz Musikalische Exequien). Brahms erntete indes Kritik, weil zeitgenösssiche Theologen und Kantoren mit seiner Auswahl unzufrieden waren (Christus kommt z.B. nicht vor).


    Ich hatte das so in Erinnerung, dass Brahms frei nach der Heiligen Schrift zusammengestellt hat. Also nicht den genauen Wortlaut wählte. Das meinte ich mit Originaltext.
    Und weil er eben nicht so fest im Glauben stand, wählte er Stellen aus, die auch als weltliche Texte durchgehen könnten, die also nicht von Gott oder Christus preisen und erzählen.



    Gruß, Peter.

  • Zitat

    Original von petemonova


    Ich hatte das so in Erinnerung, dass Brahms frei nach der Heiligen Schrift zusammengestellt hat. Also nicht den genauen Wortlaut wählte. Das meinte ich mit Originaltext.


    Das ist aber ein Irrtum. Die Text sind soweit ich sehe exakt aus der Lutherbibel entnommen; nur die Zusammenstellung ist eine persönliche Auswahl. Und so "weltlich" (wie man es z.B. bei den "4 ernsten Gesängen" sehen könnte) sind sie nun auch wieder nicht, z.B.:

    "So seid nun geduldig, liebe Brüder, bis auf die Zukunft des Herrn", "Aber des Herrn Wort bleibet in Ewigkeit...Die Erlöseten des Herrn werden wiederkommen und gen Zion kommen, mit Jauchzen...", "Der Gerechten Seelen sind in Gottes Hand und keine Qual rühret sie an...) "Wie lieblich sind deine Wohnungen, Herr Zebaoth,..."
    "Herr, Du bis würdig zu nehmen Preis und Ehre und Kraft, denn Du hast alle Dinge erschaffen..., "Selig sind die Toten, die in dem Herren sterben"
    Ich finde jetzt auf die Schnelle keine kompletten Text online, aber wenn Du "Brahms Requiem Text" googlest, findest Du auch Kommentare und Interpretationen zur Textauswahl.


    viele Grüße


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Johannes Roehl:


    Zitat

    Das ist aber ein Irrtum. Die Text sind soweit ich sehe exakt aus der Lutherbibel entnommen; nur die Zusammenstellung ist eine persönliche Auswahl.



    Genau so ist es !

    Das geht über das Sagbare hinaus. Das läßt sich nicht deuten und bedarf keiner Deutung. Es kann nur gehört werden. Es ist Musik. (H.H.Jahnn)

  • Deswegen bei der Aufführung 1868 im Bremer Dom, keine Uraufführung, weil nicht vollständig, mitten hinein: I now, that my redeemer liveth aus dem Messias.


    Brahms war sicher nicht kirchlich gebunden, aber die Texte gingen ihm sehr nah. Wenn ihm etwas nahe ging, wurde er ironisch. Schnadahüpfler nannte er seine vier ernste Gesänge, weigerte sich zugleich, diese zu hören.

  • 1831 reist Mendelssohn nach Italien und begegnet dort unter anderem Berlioz, den er als Kollegen sehr schätzte und sich mit ihm auch persönlich gut verstand, für seine Art von Musik aber wenig bis gar nichts übrig hatte.
    Mitte April reist Felix mit einigen Freunden nach Neapel. Dort hatte er schon eine erste Version der "Hebriden-Ouvertüre" fertig gestellt und machte sich an die Arbeit an seine "Italienische Symphonie" und stellte die noch unvollendete "Schottische" erst einmal zurück, da ihn die italienische Landschaft und die Lebensart kaum als Inspirationsquelle für dunkle, stürmische Musik erschien.


    In Rom komponierte Mendelssohn einige Zeit vorher während des aufgrund einer Konklave verkürzten Karnevals zwei Luther-Texte (!). "Aus tiefer Not schrei ich zu dir" und "Mitten wir im Leben sind" entstanden ebenso wie die wunderschöne Choralkantate "Verleih uns Frieden gnädiglich".
    Aber hier in Neapel schrieb er ein melodisches "Ave Maria" für achtstimmigen Chor, Tenorsolo und Orgel. Als Felix einen Ausflug auf den Monte Pincio unternahm, kam er in eine Kirche (die Abtei della Trinita dei Monti), in der er französische Nonnen mit lieblich-süßen Stimmen hörte, die aber, so Felix "rührend zart und ordentlich schlechte, lächerliche Musik singen".
    Sein Vorhaben war nun: "Ich komponiere etwas für ihre Stimmen, die ich mir recht gemerkt habe, und schicke es ihnen (anonym) zu".
    Und so schrieb er für die Nonnen drei (eigentlich vier) Motetten, sein op. 39.


    Diese sind: "Veni Domine" für dreistimmigen Chor, die Psalmen 112 "Laudate pueri Dominum" und 127 "Beati omnes, qui timent Dominum", in denen drei Solostimmen einem dreistimmigen Chor gegenüber stehen. Und als vierte Motette schrieb er ein "Surrexit pater bonus" für vierstimmigen Chor mit vier Solistinnen.
    Diese Kompositionen entstanden ganz im Wohllaut des Nonnengesangs mit romantischer Melodieseligkeit, die mit zarter Polyphonie verwoben ist. Die Kompositionen sind dann doch eher katholisch als protestantisch gefärbt.



    Gruß, Peter.

  • Habe gerade den "Paulus" mitgesungen und sehe das Werk letztlich ziemlich kritisch. Das Oratorium ist einfach zu langgezogen, was u. a. durch die eingeschoben wirkenden Choräle bewirkt wird, die auch teilweise inhaltlich gar nicht passen, z. B. "Wachet auf" bezieht sich textlich ja ursprünglich eindeutig auf Jesus. Der Text täte besser daran, strikt der Handlung zu folgen, anstatt durch die hartnäckig immer wieder aufgegriffene Lobes- und Dankeshaltung die dramatischen Effekte der Haß- und Trauerchöre und -arien zu verschenken. Die Äußerungen der christlichen Fraktion sind mir auch zu larmoyant, überall klagen die Oboen und wimmern die Fagotte. Habe mir trotzdem die Aufnahme mit Kurt Masur und Theo Adam geholt und höre gerade eine dieser Endlos-Arien von Paulus. Die Oboe wimmert, das Fagott klagt... :rolleyes:

    „People may say I can't sing, but no one can ever say I didn't sing."
    Florence Foster-Jenkins (1868-1944)

  • Ebenso wie das 1830 in Rom entstandene "Ave Maria", erfolgte die Vertonung des 115. Psalms op. 31 "Nicht unsere Namen, Herr" bzw. "Non nobis Domine" in der italienischen Hauptstadt.
    Im Gegensatz zu den Motetten ist diese Psalmvertonung sehr protestantisch gehalten. Sehr herb und an Bach und Händel erinnernd.
    Das Werk beginnt mit einem großen Chor, der in düsterem Moll die Erkenntnis von der Größe des Herrn vorträgt und wie bedeutungslos die Menschheit doch ist.
    Mit einer Fuge samt Choraleinwürfen setzt sich Mendelssohn mit den Heiden auseinander. Für Mendelssohns Verhältnisse findet man in diesem Werk eine ungewöhnlich kompakte Dichte der Stimmführung. Auch das macht diesen tiefernsten Teil aus.


    Es folgt ein lyrisches, melodiereiches Duett mit Chor "Israel hofft auf Dich". Mendelssohn verwendet hier zukunftsweisend Tonfolgen, denen man erst Jahrzehnte später wieder begegnet.
    Anschließend folgt das nobles Bariton-Solo "Er segne Euch".


    Der Schlussteil "Die Toten werden Dich nicht loben...doch wir, die leben heut, loben den Herrn...", ein achtstimmiger Chorsatz wird hymnisch aufgefasst und Mendelssohn sieht hier von einer musikalischen Darstellung des Gegensatzes Tote-Lebende ab. Er wendet sich wieder dem Eingangsthema zu, dieses Mal ohne die aufbrausende Leidenschaft, dennoch weiterhin sehr ernst. Schlicht und leise endet der Psalm. Ein Werk für den Konzertsaal.



    Gruß, Peter.

  • Hallo Maik,


    Wie oder wo willst Du das "Ich harrete des Herrn" (Sinfonie Nr. 2 "Lobgesang") einteilen.
    Bei der Sinfonien? Dann gehört es nicht hier, obwohl es zweifelsohne "geistlich" ist. Es ist ergreifend schön.
    Es wurde geredet vom letzten Wort. Dieses "Ich harrete des Herrn" eignet sich zur letzten Musik.


    Das Internet entnehme ich:

    Zitat

    Mendelssohn described Lobgesang as a symphony-cantata


    Falls es (auch) Cantate ist, gehört es meiner Meinung nach (ebenso) hier.


    LG, Paul