Genies: Seltsame Gewohnheiten, Ihr Glück und Ihr Pech

  • Hallo Daniel,


    mit Macken, persönlichen Anekdoten etc. kann ich leider nicht dienen. Aber mit der Tragik eines der ganz großen Dirigenten:
    Einer der größten nicht nur Dirigenten, sondern auch Pechvögel war sicher Otto Klemperer:
    zuerst stürzte er während einer Konzertprobe rückwärts vom Podium und erlitt einen Schädelbasisbruch (1933). Anschließend bekam er einen Gehirntumor, der zwar erfolgreich operiert werden konnte, der aber zu teilweisen Lähmungen des Körppers und des Gesichtes führte. Gerüchte besagten 1940, er sei in einer Nervenheilanstalt gelandet, daraus geflüchtet und mittlerweile gemeingefährlich. Daraufhin sah er sich genötigt, ein Konzert in der Carnegie zu veranstalten (aus eigener Tasche), das beweisen sollte, dass er bei bester geistiger und körperlicher Gesundheit sei.
    1951 rutschte er aus und brach sich den Oberschenkel.
    1959 schlief er beim Rauchen in seinem Bett ein, erwachte durch den Qualm des Bettzeugs und griff zur nächsten Flsche mit Flüssigkeit, um das Feuer zu löschen. Es war Spiritus...
    Zu guter vielmehr schlechter Letzt brach er sich bei einem Sturz die Hüfte. Schließlich folgten noch einige Schlaganfälle.
    Trotzdem ist er 88 Jahre alt geworden - und hat sich nie unterkriegen lassen, hat nie aufgegeben. Die Größe und Wucht seiner Interpretationen kann man sicher nicht nur auf die Verkettung all dieser Unglücke reduzieren, aber sie spielen sicherlich eine Rolle.


    Gruß
    Uwe

  • Macken:


    Brendel: getapte Finger (Wieso macht der das bloss?????)
    Gould: Summerei,seltsame Sitzweise,legeré
    Serkin: stumm singen.
    Argerich: Summerei (gesehen bei piano extravaganza), privat: playgirl,aber nicht gewollt. Das Glück erschien ihr privat leider nie.
    Glasunow: Trinkerei
    Gulda: bei dem wusste man nie,was er als nächstes tat,privat: playboy aus Spass
    Michelangeli und Lipatti: Perfektionsdrang; sie traten jeweils nur auf,wenn sie ein Stück wirklich perfektioniert haben.
    John Ogdon: Angst vorm Publikum


    Pech/Tragik:


    Ginette Niveu - Flugzeugabsturz
    Lipatti - früher Tod durch Krankheit


    Jacqueline du Pré - DIE absolute tragische Figur überhaupt.
    Krank geworden, betrogen vom Ehemann, elendig gestorben. :(


    Sterben Genies immer so früh? - Muss das sein? :(
    Das kann doch kein dummer Zufall sein,oder? :(

  • Sagitt schreibt:


    Ich möchte der Klemperer-Geschichte diejenige der Haskil an die Seite stellen.Ein Leben, üebrwiegend in Armut und Elend( ihr erstes eigenes Klavier bekam sie mit 55). Als junge Hochbegabung einsam und schwer krank ( vier Jahre völlig ausser Gefecht gesetzt), dann unter der Fuchtel eines schrecklichen Onkels in Paris, der ihren Lebenswillen lähmte, nach dessen Tod arm in Paris, mit fürchterlicher Auftrittsangst, Hirntumor, Flucht vor den Nazis, Spielverbot in der ängstlichen Schweiz ( so wie auch Joseph Schmidt). Dann ab 1950 für zehn Jahre eine ganz große Karriere, aber von schweren Krankheiten beeinträchtigt. Stirbt nach einem Treppensturz in Brüssel, wo sie ein Gedächtniskonzert für Dinu Lipatti geben sollte, den sie unglücklich geliebt hatte.


    An diesem Elend ist die Haskil nicht untergegangen, sondern hat uns Aufnahmen von Mozart hinterlassen, die nicht überbietbar sind, in denen sie singulär ist, die eine Ruhe und Schönheit ausstrahlen, durch alles Elend zum Licht.

  • Salut,


    Justus Frantz [Frustus Schw***]: Ignorant, überheblich, war früher sehr gut [die Einspielungen der Mozartkonzerte, im besonderen des Es-Dur-Doppelkonzertes KV 365 mit Christoph Eschenbach war unübertroffen].


    Klassikliebhaber : Meinst Du jetzt Genies oder Stars???


    Cordialement,
    Ulli

  • Sagitt meint:


    Kennst Du KV 365 mit Anda, Haskil oder Gulda,Chroea oder erst recht Zacharias/ Hinrichs ? Und bleibst Du bei Deiner Auffassung diejenige mit Frantz sei unübertroffen ?


    Sehr gut im Duett spielte er früher mit Eschenbach, u.a. neben Mozart die wunderbaren Schubert-Vierhändigen (zB f-moll D 940).


    Die Tragik, dass Künstler verflachen, kommt ja öfters vor. Manchmal denke ich, diejenigen, die im Fernsehen sehr präsent sind, neigen noch eher dazu. Schock, Prey,Rothenberger, natürlich auch Frantz ( Achtung! Frantz!)

  • Salut,


    Haskil & Co. sind natürlich ebenso unübertroffen, auch wenn sich das nun widerspricht... eben einzigartig, vielleicht verstehst Du, was ich zu so später Stunde damit meine!?


    Cordialement,
    Ulli

  • Salut,


    zu diesem genialen Thread fällt mir grad noch ein Aphorismus ein:


    Beim Genie heißt es: Laß dich gehen! Beim Talent: Nimm dich zusammen! [Marie von Ebner-Eschenbach]


    Vielleicht kann man dies hier inhaltlich verwenden??


    Cordialement,
    Ulli

  • Sagitt meint:


    Glück und Pech sind gesellschaftliche Konventionen. Hat einer, der mit 16 einen Unfall erleidet, dann hinkt, daraufhin nicht in den Krieg muss, Glück oder Pech ?


    Wenn man mit dem Begriff " Genie" ziemlich begrenzt umgeht, haben Genies nach der obigen Definition oft eher " Pech", weil sie in die Gesellschaft nicht so recht hineinpassen. Oftmals sind sie von dem, was sie als Genie ausmacht, vollkommen besetzt. Hätte Mozart irgendetwas anderes werden können als Musiker ? Wer so in seiner Aufgabe aufgeht, als schaffender oder nachschaffender Künstler, der von ihr oft auch getrieben und ordnet alles dieser Aufgabe unter,Beziehung, gesellschaftlichen Status und Zustimmung. Das führt notwendigerweise zu Konflikten und das Leben eines Genies kann schwer werden, auch dadurch, dass die Neider ein solches nicht dulden wollen und ihm zu schaden suchen, wo es geht. Ein Mittelmaß, das in den Schatten eines Genies gerät, könnte Rache suchen( ein sehr altes Motiv, wenn man bedenkt, dass die Götter der Antike zu diesem Neid fähig waren).

  • Salut,


    man sollte sich vielleicht in diesem Zusammenhang fragen, was eigentlich ein Genie per definitionis ist. „Ein Genie kann etwas, was andere nicht können“? Dadurch würden schon alle ausführenden Künstler [Instrumentalisten, Sänger] ausscheiden. Was ist an einem Pianisten x oder der Sopranistin y genial? Es kann sich eigentlich nur um das Wie in der Ausführung handeln, oder? Auch nicht jeder Komponist ist genial – oder doch? Wurde Haydn jemals als Genie bezeichnet? Unabhängig davon, ob man Mozart nun als ein solches bezeichnen mag oder nicht – Haydn hat glaube ich den Begriff Genie maßgebend - geprägt durch seine an Mozarts Vater gerichtete Aussage, welche Leopold Mozart brieflich wiedergibt:


    Zitat

    Original von Joseph Haydn [über W. A. Mozart]


    Ich sage Ihnen vor Gott, als ein Ehrlicher Mann, Ihr Sohn ist der größte Componist, den ich von Person und dem Namen nach kenne; er hat Geschmack und überdies die größte Compositionswissenschaft.


    Vor Gott also… ? Ein Genie als etwas über- oder gar unmenschliches? Marie von Ebner-Eschenbach meinte bereits zum Genie: Laß dich gehen! Lass es fließen! Strenge Dich nicht an! Mache einfach! Also etwas eigentlich ganz Natürliches, Normales. Nur eben, dass „Talentierten“ das gewisse Etwas fehlt. Sie müssen sich abplagen, quälen, zusammen nehmen


    Das Genie Albert Einstein sagte einmal sinngemäß in einem Interview zu Beginn des 20. Jahrhunderts [welches schriftlich festgehalten ist], dass seine Entdeckung der RT reiner Zufall war [es ist ihm also „zugefallen“] und nun meint die Welt, alles was aus seinem Geiste und Munde kommt, sei genial.


    Ebenso meinte Jules Verne, ebenfalls zu Beginn des 20. Jahrhunderts in einem Interview [welches schriftlich fixiert ist], dass alle Utopien, die er „erfand“ bereits zur Hälfte erdacht waren, er sie nur weitergesponnen hat, was allzu menschlich ist, da es nicht allzu viele Möglichkeiten der Umsetzung solcher Ideen gibt.


    Was will ich nun damit sagen? Nun, eigentlich: Nichts!


    Cordialement,
    Ulli

  • Sagitt meinte:


    Zitat


    Hat einer, der mit 16 einen Unfall erleidet, dann hinkt, daraufhin nicht in den Krieg muss, Glück oder Pech ?


    Wäre Mozart so berühmt geworden, hätte er sein Requiem vollendet, wäre er erst mit 86 gestorben [hätte also Beethovens 9. überlebt], hätte vielleicht noch drei weitere Requien geschrieben?


    Ist das Geniale nun sein früher Tod? Das Leben ist ungerecht - aber nicht immer zu den eigenen Ungunsten...


    Ulli

  • Obwohl ja die Frage des Threads nicht eigentlich war "Was verstehen wir unter Genie " ist die Frage doch nun dorhin abgerutscht.
    Also Meinetwegen.
    Wir müssen uns , wie so oft, mal die eigentliche Bedeutung des Begriffs vor Augen führen, feststellen, daß hier das Wort "Genius" mit im Spiele ist, den Begriff durch die Jahrhunderte analysieren.
    Generell kann man sagen, daß "Genie" mit "Schöpferkraft" etwas zu tun hat, also eigentlich scheiden alle reproduzierenden Künstler aus.


    Mozart scheidet eigentlich auch aus, ebenso wie Bach, wenn man ihren eigenen Worten trauen darf.
    Sie sind in ihnrer Aussage noch dazu simultan.


    Bach meinte, jeder wäre in der Lage, ähnliches wie er zu vollbringen, mir den entsprechenden Fleiß
    (Das muß man natürlich einschränken auf "jeder musisch Begabte" und weiter dann noch auch "viele musisch Begabten"
    Wir dürfen nicht vergessen daß das "Genie Bach" erst ein poshumes produkt war.


    Ebenso meit der ca 6 jährige Wolferl, der ein Klavierkonzert komponiert hat, auf den Einwand seines Vaters, das wäre unspielbar, lakunisch meint: Drum ist es ja eben ein Conzert - Da muß man üben"


    Viele meinten sie könnten sich als Genie deklarieren, weil sie etwas geschaffen haben, das vor ihnen noch niemand kreiert hat. (Zumeist aus gutem Grund :D :P)


    Aus meiner Sicht ist "Genie" ein heute nicht mehr zeitgemäßer Begriff, zudem ein angestrebtes Ideal, ähnlich wie "Engel" oder "perfekt". Jeder hat eine bestimmte Vorstellung davon, aber Eigentlich gibt es weder das eine noch das andere.


    Beste Grüße aus Wien


    Alfred

  • Salut,


    um mal zum Thema zurückzukehren... also gut: Ich kenne den Violinisten [Prof.] Ulf Hoelscher, was an sich [ich meine das persönliche "Kennen"] nichts besonderes ist. Das kommt daher, weil meine Frau u.a. bei ihm studiert hat. Ich kannte allerdings auch vorher bereits Aufnahmen von bzw. mit ihm. Eine kleine Anekdote aus einem Konzert in Mannheim [Rosengarten]: In der Pause kam ein Journalist, der ihn fragte:


    "Herr Hoelscher, Sie sind also Professor. Welcher Fakultät denn...?"
    "Meiner Fakulatät. Das reicht mir!"


    Sein bissiger Witz gegenüber Unwissenden ist immer grandios gewesen.


    Grüße,
    Ulli

  • Salut,


    ich gebe es zu: Ich mag die Aphorismen von Marie von Ebner-Eschenbach, so widersprüchlich sie auch manchmal sind. Zum Thema Genie, Kunst, Künstler hier eine kleine Auswahl, die ich zur Diskussion stelle:


    Künstler, was du nicht schaffen musst, das darfst Du nicht schaffen wollen!


    Natur ist Wahrheit; Kunst ist die höchste Wahrheit.


    Nichts ist weniger verheißend als Frühreife; die junge Distel sieht einem zukünftigen Baume viel ähnlicher als die junge Eiche.


    Für das Können gibt es nur einen Beweis: Das Tun.


    Der Charakter des Künstlers ernährt oder verzehrt sein Talent.


    Die Großen schaffen das Große, die Guten das Dauernde.


    Manuskripte vermodern im Schranke oder reifen darin.


    Ein Mann mit großen Ideen ist ein unbequemer Nachbar.


    Den Strich, den das Genie in einem Zuge hinwirft, kann das Talent in glücklichen Stunden aus Punkten zusammensetzen.


    Der Genius weist den Weg, das Talent geht ihn.


    Künstler haben gewöhnlich die Meinung von uns, die wir von ihren Werken haben.


    Die Kleinen schaffen, der Große erschafft.


    Jeder Künstler soll es der Vogelmutter nachmachen, die sich um ihre Brut nicht mehr kümmert, sobald sie flügge geworden ist.


    Im Entwurf, da zeigt sich das Talent, in der Ausführung die Kunst.


    Es gibt kein Wunder für den, der sich nicht wundern kann.


    Es schreibt keiner wie ein Gott, der nicht gelitten hat wie ein Hund.


    Einem Künstler, von dem nichts gefällt, dem kann auch nichts gefallen.



    Grüße,
    Ulli

  • Ein Musiker, dessen Leben quasi ununterbrochen von herben Schicksalsschlägen heimgesucht wurde, zudem stets im "unpassendsten" Moment, ist der französische Organist Louis Vierne (1879-1937). Insbesondere Orgelliebhabern wird dieser Organist von Notre-Dame de Paris durch berühmte Orgelstücke wie das "Carillon de Westminster" oder seine Orgelsinfonien bekannt sein, aber er schrieb auch wunderbare Kammermusik (sehr empfehlenswert!), Lieder, Klavierwerke u.a.


    Hier ein einige traurige Spots auf sein tragisches Leben:


    1870 wird Vierne fast blind in Poitiers geboren (inoperabler grauer Star). Durch eine OP erhält er soviel Sehkraft, dass er sich einigermaßen ohne Hilfe bewegen kann. Die Eltern verhätscheln ihn, was zu einer lebenslangen Überempfindlichkeit, Krankheitsanfälligkeit und Nervosität führt.


    1881 begann er seine Ausbildung im Pariser Blindeninstitut. Der Eintritt wurde überschattet vom Todes seines Lieblingsonkels, der ihn zur Musik herangeführt hatte. Wenige Wochen vor den Abschlußprüfungen 1886 starb Viernes Vater an Magenkrebs.


    1906 stürzte Vierne auf der Straße in eine Baugrube und erlitt einen komplizierten Beinbruch, der unter nomalen Umständen zu einer Amputation geführt hätte. Mittels einer neuen und schmerzhaften Behandlungsmethode konnte das Bein gerettet werden, nach einem halben Jahr konnte er wieder gehen und (unter Schmerzen) Orgelspielen, war aber gezwungen, seine Spieltechnik völlig neu zu erlernen.


    1907 zwang ihn eine Typhus-Erkrankung, die in an den rand des Todes brachte, für mehrere Monate ins Krankenbett.


    1909 scheiterte Viernes Ehe endgültig und wurde geschieden. Seine Frau betrog ihn mit einem bekannten Orgelbauer (die Tochter ist angeblich nicht von Vierne).


    1911 wurde Vierne in Intrigen am Conservatoire hineingezogen. Aufgrund seine handicaps erhielt er nicht die erhoffte Lehrposition.


    1915 drohte aufghrund deines Grünen Stars die endgültige Erblindung. In der Schweiz hoffte er auf Heilung. Um den langjährigen Aufenthalt (1916-1920) finanzieren zu können, musst Vierne sein ganzes Hab und Gut verkaufen. Aufgrund von Komplikationen war er gezwungen, ein halbes Jahr in abgedunkelten Räumen zu leben.


    Bei der Rückkehr kam es zum Zerwürfnis mit Viernes Stellvertreter, der Viernes Organistentitel zu Karrierezwecken gebrauchte.


    Im ersten Weltkrieg fielen sein geliebter Bruder Réne und sein Sohn Jacques. Jacques war noch nicht volljährig und Vierne hatte auf drängen des Sohnes die Einverständniserklärung zu dessen Kriegsdienst unterschreiben müssen.


    Seit 1924 Herzprobleme, Ende 1927 Herzinfarkt auf einer Tournee.
    Schwere Lungenentzündung 1935/36 schwächten das Herz zusätzlich.


    In den letzte Lbensjahren schreitete die Erblindung unaufhaltsam fort, auch die Gesundheit war angegriffen, Depression und Verbitterung führten zu erhöhtem Beruhigungs- und Schlafmittelkonsum.


    1937 erlitt Vierne während seinem 1750. Konzert am Spieltisch "seiner" Orgel in Notre-Dame de Paris einen Gehirnschlag, an dsessen Folgen er verstarb.


    Gruß
    Karsten

  • Salut,


    wieder aufs neue fasziniert und entflammt bin ich durch den heutigen Dokumentarfilm Mensch Einstein... nicht von seiner Relativitätstheorie, sondern von dem Menschen Einstein, worauf der Film abgezielt und dies auch ziemlich gut geschafft hat. Hat noch jemand diese Dokumentation gesehen?


    Einstein war ein im Verhältnis zu Mozart stehender Kontroverser, der Mozart aber sehr geliebt und oft gespielt hat. Fasziniert hat mich an Einstein die Tatsache, "aus der Höhle raus" zu den Kindern zu kommen, sich allerliebst um sie zu kümmern, um sie dann wieder zu verstossen... [was sicherlich für die Kinder weniger gesund war, weshalb sich der jünste Sohn glaube ich, schizophrenieerkrankt frühzeitig verabschiedete...].


    Auch sein Verhältnis zu "Deutsch" war höchst interessant dargestellt: Er hasste die Deutschen, liebte aber seine Heimat und die Sprache Goethes, Schillers und Kants... teilweise ging er soweit, dass er nur noch Französisch sprach, mit dem englischen hatte er offenbar so seine Probleme.


    Cordialement,
    Ulli

  • Hallo,


    Zitat

    Klassikliebhaber schreibt:
    Gould: Summerei,seltsame Sitzweise,legeré
    Serkin: stumm singen.
    Argerich: Summerei


    dieses Summen einiger Instrumentalisten kann man doch nicht als Macken bezeichnen! Alt bekannt ist die Ehrfahrung, dass die gespielte Musik eines Instrumentalisen um einiges intensiver und lebendiger wirkt, wenn er dazu unbewusst singt. Denn auch die nicht gesungene Musik atmet und lebt. Bei einigen nun ist dieses Mitsingen hörbar, aber wenn ein Gould mitsingt, dann weiss ich, dass er voll bei der Sache ist. Es hilft übrigens auch, denn Bachs Klavierwerke werden heillos durcheinander wenn man nicht zumindest ein Stimme herausnehmen kann und sie extern mitschwingen lässt.



    Am Neujahr 1990 habe ich an einem kleinen Festival (ich habe den Organisator gekannt) mit Giuseppe di Stefano am selben Tisch das Morgenessen geniessen dürfen. Seine Macke, die alle im Raum gestört hat, ist eine richtig fette, stinkige Havanna Zigarre gewesen...
    Aber ansonsten ist er ein ganz einfacher gemütlicher Mann gewesen, der es nicht mehr nötig hatte grossen Starrummel zu haben.


    Dann am Abend im Konzert hat der Maestro noch ein paar neapolitanische Lieder zum Besten gegeben und der Saal ist im zu Füssen gelegen...



    Gruss
    Christoph

  • Hi :-)


    Aus Anlass ( habe nämlich eben mal wieder das Video "Kunst des Klaviers" angesehn ) :


    Was haltet Ihr von Michelangelis Interpretation der h-moll-Sonate Longo 449 ?


    Für mich - trotz des nicht in den Noten der Gesamtausgabe stehenden Schlussakkords und anderer Freiheiten - ein Wahnsinnsding.-


    ALLE anderen Aufnahmen, die ich u.a. anhand von Beispielen aus Amazon.de angehört habe, können mich nicht überzeugen. Zu lahm.


    Mir sind die Diskussionen um die Scarlatti-Tempi bekannt, ( "...alles viel langsamer...usw. " ), nur:


    Meiner Meinung nach bekommt man den "BOGEN" speziell in DIESER Sonate nicht rein, wenn man das Ding langsam dahinzuckelt :-).


    Zusätzlich - falls Ihr Lust habt - schreibt doch mal Eure Meinung zu Arturos Auftreten an sich.


    Hier ist meine:


    SUPER-WOHLTUEND. Kein Gezappel, keine ( sorry: ) Brendel-Mimik oder -Nervosität =) , der ganze Mann OHNE Regung, vgl. Horowitz, im TV interview, der es als SCHLECHT bezeichnete, wenn die Gefühle statt in die FINGER in den KÖRPER gehen, und ich hab mal einen Robert Schumann Wettbewerb gesehn im TV, wo die 2. oder 3.Preisträgerin beim Brahms-Konzert quasi AUFSPRANG.


    Wer mag sowas ? ( Ausgenommen Glenn G., der ja manchmal mitsingt, was ich wiederum COOL finde *gg* ).


    Bei nervösen oder zappeligen Pianisten leide ich immer mit...finde das nicht so gut :(


    Ich würde mich über Meinungen freuen !


    Greetz, OLLI !

  • Salut,


    noch eine seltsame Angewohnheit der meisten Genies - früh erkannt und gewagt formuliert von Lorenzo Da Ponte:


    [...] Die große Kunst ist im allgemeinen zu hoch für die Menge; sie bedarf zuweilen eines oder zweier Jahrhunderte, um jene Jury des Genies zu bilden, welche endlich mit Kenntnis der Sache ohne Appellation und für die Nachwelt entscheidet. [...]


    :hello:

  • Das Privatleben des australischen Pianisten Percy Grainger ist eher eine Sache für eine Porno-Seite. Grainger führte ein "Sexuelles Tagebuch", in dem er seine Begierden minutiös notierte - und wann er sie erfüllt bekommen hat, mit der Peitsche nämlich...


    Leonard Bernstein trank bei den Orchesterproben (und wohl auch nachher) den Whiskey aus randvoll gefüllten Wassergläsern und rauchte zwei Zigaretten gleichzeitig - von beidem bin ich Augenzeuge. (Nur beim Whiskey versicherte man mir, es sei Apfelsaft. Des Maestros Atem aber sprach Bände...)


    Leopold Stokowski, Sohn einer englischen Arbeiterfamilie, behauptete, er sei aus adeligem polnischen Geschlecht - und legte sich dementsprechend einen slawischen Akzent zu.


    Gottfried von Einem sah seine dahingeschiedenen Katzen spuken - aber da ist seine gleichfalls dem Alkohol ergebene Frau Lotte Ingrisch, Verfasserin eines "Reiseführers ins Jenseits", wohl die Auslöserin gewesen.


    Hans Werner Henze ist bekanntlich Kommunist. Was ihn nicht daran hindert, in einem schlossähnlichen Anwesen in der Gegend von Rom zu residieren und dort ausgesuchte Rassehunde zu halten. Als man ihn auf die Diskrepanz zwischen seinem Lebensstil und seiner politischen Haltung ansprach, gab er gereizt zurück: "Ein Kommunist im Rolls Royce ist besser als ein Faschist im Panzer." In Salzburg begann Henze ein Interview erst, nachdem es dem Interviewer gelungen war, eine Fliege aus dem Zimmer zu scheuchen - sie hatte Henzes ästhetisches Empfinden gestört. Als ihn ein anderer Interviewer frech mit "Herr Henze" anredete, korrigierte ihn Henze: Die richtige Anrede sei "Meister". So wurde er übrigens auch vom Hotelpersonal genannt - nicht ganz ohne Lächeln.


    Karlheinz Stockhausen wiederum inszeniert sich als Guru einer Großfamilie - und deren Leben transzendiert er zu seinem 7 mehrstündige Opern (eine für jeden Tag der Woche) umfassenden Zyklus "Licht".


    Zum Abschluss eine selbst erlebte Anekdote, die auch von Seltsamkeit zeugt: Der australische Komponist Peter Sculthorpe wurde seitens des Kulturministerium seines Landes anlässlich seines 70. Geburtstags durch die ganze Welt geschickt, um bei Konzerten mit seiner Musik persönlich anwesend zu sein. In Wien fand das Konzert im Sendesaal des Hörfunks statt. Es war extrem schütter besucht, wenn ich mich recht erinnere, waren es kaum mehr als 30 Zuhörer. Auf einem Tisch im Vorraum lagen diverse CDs und die von (wie ich später feststellte) Selbstzufriedenheit triefende Autobiografie Sculthorpes auf. Sculthorpe war mir mit einigen Werken, die ich noch immer sehr schätze, ein Begriff. Ich packte die Gelegenheit beim Schopf, kaufte in der Pause die Autobiografie zwecks Autogramm und wollte mit Sculthorpe ein wenig über seine Stücke plaudern. Er signierte, ich stellte ihm eine Frage nach seiner "Sun Music III" - und Sculthorpe antwortete: Er könne meine Frage nicht beantworten, er habe nämlich keine Zeit für mich, denn er müsse Autogramme geben. Aha. Ich trat einige Schritte zur Seite. Vergebens hatte Sculthorpe den Filzstift in der einen Hand und ein Sculthorpe-Foto in der anderen. Niemand, absolut niemand trat auf ihn zu und wollte ein Autogramm (da hat wohl die Australische Botschaft mit der Organisation gepatzt). Hilfesuchend blickte Sculthorpe in meine Richtung - aber ich blieb stocksteif stehen. Am Ende der Pause dankte ich Sculthorpe nochmals für sein Autogramm und drückte mein Bedauern aus, dass wir nicht mehr miteinander reden hatten können, weil er ja von Autogrammjägern so belagert war...
    Aber jetzt kommt's: Durch Zufall erzähle ich letztes Jahr einem Bekannten das merkwürdige Erlebnis, er beginnt zu lachen und sagt: Haargenau dasselbe sei ihm damals bei der Sculthorpe-Tournee in Paris passiert. Auch er habe versucht mit ihm zu reden, aber Sculthorpe blockte ab, er habe keine Zeit, er müsse Autogramme geben. Und auch dort gab es null Autogrammjäger.
    Hat nun Sculthorpe aus Paris oder aus Wien nichts gelernt?
    Arroganz treibt mitunter seltsame Blüten.

  • Weil ich diese Geschichte nur aus zweiter Hand habe und nicht wegen etwaiger Rufschädigung belangt werden möchte, wird der Name der beteiligten Person nicht genannt. Abgespielt haben soll es sich irgendwo zwischen Wien und Salzburg:


    Ein berühmter Sänger hatte während der nächtlichen Rückfahrt von einem Auftritt einen unverschuldeten Autounfall: er fuhr einen Mann an, der wegen eines dringenden Bedürfnisses auf der Autobahn angehalten hatte und gerade wieder einsteigen wollte. Der Mann starb, der Sänger meldete sich korrekt bei der Polizei und wurde zwecks Aufklärung und Feststellung seiner Unschuld für eine Weile festgehalten. Daher verpaßte er seinen am folgenden Tag geplanten Auftritt.


    Der Sänger versuchte daraufhin, das ihm entgangene Honorar der hinterbliebenen Familie seines Unfallgegners in Rechnung zu stellen.