Haydn, Joseph: Sinfonie Nr. 104 D-Dur "Londoner"

  • Liebe Forianer


    Heute möchte ich das fortsetzen, was BigBerlinBear bereits vor Monaten begonnen hat: Die Auseinandersetzung mit den Sinfonien von Joseph Haydn. Während er die "Sturm und Drang" Sinfonien als Thema wählte (ich werde diesen Thread demnächst um einen Beitrag erweiteren) hab ich mir Haydns letzte Sinfonie, die Nr 104 mit dem Beinamen "Londoner" ausgesucht. Sie ist dem Verleger Johann Peter Salomon gewidmet und führt in England daher den Beinamen "Salomon", eine Kuriosität.



    Die Sinfonie ist vielleicht ein leichterer Einstieg in die Welt Joseph Haydns,für jene, die mit dem Meister ansonst wenig anfangen können, ist diese Sinfonie einerseits Mozarts späten Sinfonien sehr nahe, und läßt andererseits Beethoven bereits vorausahnen. -- Und trotzdem ein waschechter Haydn.
    Haydn war ja , im Gegensatz zu seinem Ruf, sehr innovativ und experimentierfreudig. So bearbeitete er für den letzten Satz Dieser "Londoner Sinfonie eine kroatische (!) Volksweise...


    Zitat

    "Dieser wunderbare Mann enttäuscht uns nie.Alle Einfälle seines erfinderischen und leidenschaftlichen Geistes wurden selten zuvor von einem Orchester mit mehr Präzision durchgeführt ......"


    Kritik im "Morning Chronicle" vom 15. 4. 1795


    Jetzt fragt sich nur noch:
    Wer von Euch kennt das Werk, und welche Aufnahme habt Ihr, bzw hättet Ihr gern? Bei Haydn ist meiner Erfahrung nach die Interpretation wichtiger als bei manch anderem Dirigenten....


    Freundliche Grüße


    aus Wien


    Alfred

  • Hallo Alfred


    in Ermangelung großer Alternativen kann ich auch hier nur die Einspielung mit Adam Fischer (ehemals Nimbus, jetzt Brillant Classics) empfehlen. Celi mit den Münchnern ist mir, wie so oft, eindeutig zu langsam, so dass ich die Spannung, die er aufzubauen versucht, gar nicht mehr mitbekomme und Dorati (Philharmonia Hungarica) - nun ja, sehr klassisch ausgewogen, aber da ist Fischer für mich die bessere Wahl.



    Grüße aus Hamburg
    Uwe

  • Da stimme ich meinen Vorgänger absolut zu. :)


    Adam Fischer ist echt cool!


    Er hat sich echt viel Zeit gelassen für die Haydn Sinfonien.
    In der Brilliant Classics Schuber Ausgabe sieht man 2 Fotos von ihm.
    Da sieht man wieviel Zeit er mit den Sinfonien verbracht hat! 8o


    Auf den bin ich aber nur durch puren Zufall gekommen.
    Ich sass im Flugzeug,als ich mir die 44. (trauer?) sinfonie anhörte.
    Bislang war ich mit Haydn Sinfonien auch nicht sehr vertraut,aber da im Flugzeug nichts anderes vernünftiges (klassisches) lief,hörte ich mir die Sinfonie an.
    Erquickend,schnell,frisch,aber vor allem sehr LEBENDIG!


    Zu Hause angekommen,besorgte ich das Box-Set (nicht billig!).
    Ich wurde nicht enttäuscht! Keine einzige Sinfonie enttäuschte mich!
    Und die letzte Sinfonie von ihm somit auch nicht! :)

  • Ich weiß nicht ob es Sinn macht mich über jede Sinfonie auszulassen, ich bin jedenfalls absolut begeister von seinem Sinfonischen Schaffen, jede Sinfonie ist ein Meisterwerk, angefangen von den frühen Werken bis hin zu den Londoner Symphonien.


    Auch wenn ich eventuell gesteinigt werde, manche Symphonien von Mozart empfinde ich als eher langweilig, das gleiche bei Beethoven. Haydn ist da ganz anders, ich habe noch nicht alle Symphonien gehört, das sind ja schon einige, aber den Großteil (ca. 75%) und ich bin immer wieder von dieser Genialität beeindruckt.

  • Hallo,
    Haydns letzte Symphonie ist für mich eine der besten klassischen Symphonien überhaupt. Sie ist geprägt von Haydns "Symphonie-Stil" in Vollendung und ist - genau wie Mozarts letzte Symphonie - bereits eine Brücke zu Beethoven.


    Mit meiner Aufnahme mit Eugen Jochum bin ich durchaus zufrieden.
    Zu meinem Vorredner:


    Zitat

    Original von der Lullist


    Auch wenn ich eventuell gesteinigt werde, manche Symphonien von Mozart empfinde ich als eher langweilig, das gleiche bei Beethoven. Haydn ist da ganz anders, ich habe noch nicht alle Symphonien gehört, das sind ja schon einige, aber den Großteil (ca. 75%) und ich bin immer wieder von dieser Genialität beeindruckt.


    Bei Mozart sehe ich das genauso. Von seinen wirklich genialen letzten vier Symphonien abgesehen, ist eine "durchschnittliche" Haydn-Symphonie sicher interessanter zu hören als eine Mozart-Symphonie.
    Aber Beethoven-Symphonie und langweilig? Na ja, Geschmäcker sind ja verschieden, und vielleicht kommts ja auch vom Zu-oft-Hören.


    Viele Grüße,


    Pius.

  • Zitat

    Bei Mozart sehe ich das genauso. Von seinen wirklich genialen letzten vier Symphonien abgesehen, ist eine "durchschnittliche" Haydn-Symphonie sicher interessanter zu hören als eine Mozart-Symphonie.


    Salut,


    grundlegend ja, aber ein paar Ausnahmen sollen doch wenigstens genannt sein:


    Sinfonie g-moll KV 173dB [183]
    Sinfonie A-Dur KV 186a [201]
    Sinfonie D-Dur KV 300q [297] "Pariser"
    Sinfonie D-Dur KV 385 "Haffner"
    Sinfonie C-Dur KV 425 "Linzer"


    vielleicht noch B-Dur KV 319 [ich schwanke]


    sans, souci
    Ulli

  • Hallo, Ulli!



    Bevor ich hier als "Mozart-Symphonie-Verächter" erscheine, danke ich Dir, daß Du die obigen Symphonien noch mal hervorhebst. Sie sind alle wirklich kennens- und hörenswert! Alle Mozart-Symphonien von vor 1785 über einen (Qualitäts-)Kamm zu scheren ist ganz bestimmt falsch. Besonders KV 201 und KV 425 gehören für mich zu den bemerkenswertesten Werken in der klassischen Symphonik. Die Londoner und Pariser Symphonien gefallen mir dennoch besser. Aber bei den früheren Haydn-Symphonien gibts ja auch die eine oder andere nicht so interessante.
    Viele Grüße,
    Pius.

  • Salut,


    um den Anschluss an Haydn nicht zu verpassen: Die 104. und somit katalogisch "letzte" Haydn-Sinfonie tanzt für mich ein wenig aus der Reihe... sie ist nicht so typisch haydnsch wie ihre Vorgängerinnen: Für den Hörer klingt sie ein wenig oberflächlich, doch die [kompositorische] Schönheit steckt im Detail. Ich mag sie eigentlich nicht so gerne hören, dafür aber mehr "lesen".


    bien cordialement
    Ulli

  • Zitat

    Original von Ulli
    Salut,


    um den Anschluss an Haydn nicht zu verpassen: Die 104. und somit katalogisch "letzte" Haydn-Sinfonie tanzt für mich ein wenig aus der Reihe... sie ist nicht so typisch haydnsch wie ihre Vorgängerinnen: Für den Hörer klingt sie ein wenig oberflächlich, doch die [kompositorische] Schönheit steckt im Detail. Ich mag sie eigentlich nicht so gerne hören, dafür aber mehr "lesen".


    bien cordialement
    Ulli


    ...und genau deswegen höre ich sie gerade:



    [irgendwie habe ich das Cover heute schoneinmal gesehen...]


    Die Jochum-Einspielung ist festlich durch glänzendes Blech, ich finde sie dennoch langweilig. Was ist denn los mit mir...? Ich sollte mir die Dorati-Completes besorgen, sonst werde ich wahnsinnig... die Sinfonie ist eigentlich nicht so stur und stumpf, wie von Jochum [oder dem LSO] dargestellt, sondern witzig, etwas nachdenklich...


    Ach, Scheiß-Tag...


    :angel:
    Ulli

  • Hallo Ulli,
    haben Dir die Moziwis was ins Essen getan?
    Da heute hier offenbar das Haydn-Sinfonien-Fieber ausgebrochen ist und ich mir heute abend frisch angesteckt unbedingt #103 anhören wollte, habe ich doch feststellen müssen: habe ich überhaupt nicht.
    Also statt dessen 100 und 104, beide mit dem Orchester des 18Jhd und Frans Brüggen. Da das Thema hier aber 104 lautet, habe ich bei 100 nicht so genau hingehört, bin aber paarmal durch tschingdarassabum aufgeschreckt worden. Die "londoner" finde ich aber ausnehmend schön und auch die Aufnahme spricht mich an. Werd ich mir mal mit ins Wochenende nehmen, zusammen mit ein paar Vergleichen...
    Gruß
    Reinhard

    Einer acht´s - der andere betracht´s - der dritte verlacht´s - was macht´s ?
    (Spruch über der Eingangstür des Rathauses zu Wernigerode)

  • Zitat

    Hallo Ulli,
    haben Dir die Moziwis was ins Essen getan?


    Mitnichten... ganz im Gegentum: Es fehlt mir so sehr, dass ich glatt vergessen habe, etwas einzukaufen. Naja, am Samstag gibt's wieder Essen, solange ein bisserl abnehmen...


    Brüggen interessiert mich, schreib bei Gelegenheit bitte etwas darüber.


    Mein Haydn-Fieber rührt übrigens daher, dass ich zwar alle Sinfonien kenne, aber die "alten" Cassetten meiner Schwester vermachte [Radio-Aufnahmen der complete Haydn SWF, Moderator Walter Lessing :jubel: mit Dorati :jubel: :jubel: ] und nun quasi mir alle neu zulegen werde. Ich vermute, ich werde wieder zu Dorati greifen...


    Beste Grüße
    Ulli, dem der Magen knurrt

  • Zitat

    Original von Ulli
    Brüggen interessiert mich, schreib bei Gelegenheit bitte etwas darüber.


    Das wird wohl nicht so ergiebig werden. Ich habe lediglich zwei CDs von ihm, die ich mal geschenkt bekam (Haydn Sinf. 99,100,102,104). Habe sie eine Zeitlang oft gehört, sind dann ein bißchen in Vergessenheit geraten. Vergleiche habe ich praktisch nur für #104 (Rosbaud, Berliner Phih., DG; Wordworth, Cap. Istrop., Naxos; Adolph, Phil. Slav.).


    Hier wissen andere Taminoianer besimmt mehr. Meldet Euch :hello:


    Ansonsten wünsche ich jetzt eine gute Nacht. Meine Mutter feiert heute ihren 80sten, da sollte ich schon ausgeschlafen sein.


    Schlaft schön!
    Reinhard

    Einer acht´s - der andere betracht´s - der dritte verlacht´s - was macht´s ?
    (Spruch über der Eingangstür des Rathauses zu Wernigerode)

  • Preiswerte und gute Einspielungen der 12 "Londoner" sind diese hier



    Kein Angst vor übertriebenen HIP-Manierismen (vielleicht mit Ausnahme des Finales von #98 mit dem Cembalo-Solo), geradlinige, gut klingende und spielfreudige Aufnahmen.
    Eine Besonderheit ist, dass Brüggen (ich hoffe ich verwechsle nicht die Aufnahmen!) eine alternative Version des Finales von #103 bringt (mit einer etwas längeren Coda)


    Harnoncourts Londoner sind auch recht preiswert, teils einzelne, teils in Doubles erhältlich; etwas eigenwilliger und moderne Instrumente.


    viele Grüße


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Pius,


    mich würde Deine Einschätzung der Dorati-Einspielungen der Haydn-Sinfonien [von mir aus nur der späten 95-104] interessieren, so Du Gelegenheit hast, hineinzuhören.


    Trés amicalement
    Ulli

  • Hallo, Ulli!


    Zitat


    Pius,
    mich würde Deine Einschätzung der Dorati-Einspielungen der Haydn-Sinfonien [von mir aus nur der späten 95-104] interessieren, so Du Gelegenheit hast, hineinzuhören.


    Klar, schick sie mir her, ich höre sie durch und sag Dir dann bescheid! :D
    Im Ernst: Von Dorati habe ich von oben genannten Symphonien nur Nr. 100 und 101. Ich höre die nächsten Tage mal rein und poste dann in einem der zugehörigen threads. Daß mein Urteil recht positiv ausfallen wird, kann ich Dir aus meiner Erinnerung allerdings versichern.


    Viele Grüße,
    Pius.

  • Zitat

    Original von Pius


    Klar, schick sie mir her, ich höre sie durch und sag Dir dann bescheid! :D
    Im Ernst: Von Dorati habe ich von oben genannten Symphonien nur Nr. 100 und 101. Ich höre die nächsten Tage mal rein und poste dann in einem der zugehörigen threads. Daß mein Urteil recht positiv ausfallen wird, kann ich Dir aus meiner Erinnerung allerdings versichern.


    Ich kenne aus dem Dorati-Zyklus die Sinfonien 84-95 (früher gab es sie in solchen 4-CD-Boxen, nicht nur en gros). Die Qualität scheint mir durchwachsen, von sehr gut über sehr ordentlich bis sosolala (so finde ich z.B. #86 recht schwach, die selten gespielten 89 oder 90 wird man kaum besser finde, was nicht heißt, dass sie nicht noch besser vorstellbar wären) . Seltsamerweise sind nichtmal Klangqualität und orchestrale Balance einheitlich über diese kleine Box: die 3 Pariser Sinfonien klingen ziemlich dünn, #93 oder #95 dagegen großartig, sehr präsente Pauken, transparentes Klangbild; diese Uneinheitlichkeit hängt vielleicht damit zusammen, dass die Sinfoenin über viel jahre hinweg eingespielt wurden
    Bezüglich der Londoner und Pariser Sinfonien gibt es viele Alternativen, wenn es um die geht, muß man nicht Dorati kaufen.


    viele Grüße


    JR

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  • Hallo


    Die Dorati Einspielungen haben zahlreiche Preise ingeheimst, wobei ich mir immer die Frage gestellt habe warum.
    In Foren und persönlichen Gesprächen, konnte man des öfteren die Attribute "hausbacken" , " zu brav", oder eben (wie heute) "durchwachsen" vernehmen.


    Ich gebe zu, daß ich im Augenblick nicht vergleichshören konnte, aber ich habe es vor etwa einem dreiviertel Jahr getan und mein damaliger Eindruck war, daß die Londoner Konkurrenzaufnahme für die Deutsche Grammophon unter Eugen Jochum wesentlich spritziger und jugendlicher wirkten, ja daß die Jochum-Aufnahme sogar tendenziell aggressiv wirkte, etwas das heute im Zeitalter von HIP Produktionen geradezu als wegweisend gesehen werden muß.


    Ich würde auf jeden Fall raten sich unbedingt Jochum anzuhören bevor man sich für Dorati entscheidet.


    Beste Grüße aus Wien


    Alfred

  • Hallo Alfred


    Zitat

    Die Dorati Einspielungen haben zahlreiche Preise ingeheims, wobei ich mir immer die Frage gestellt habe warum.


    Deine Verwunderung ist unverständlich. Als Antal Dorati mit seiner Gesamteinspielung begann, dürfte es kaum mehr als ein Dutzend Haydn-Symphonien ständig käuflich zu erwerben gegeben haben. Außerdem hielten seine Aufnahmen fast jedem Vergleich zu den vorhandenen stand, im Gegenteil, während Haydn zuvor eher als wuchtiger Wiener Klassiker interpretiert worden war (Ausnahme natürlich Beecham), wirkte Dorati damals zumeist viel jugendlicher und frischer. Kein Wunder also, dass eine Kassette nach der anderen mit Preisen überhäuft wurde. Doratis Einspielung hatte für Haydn zumindest denselben Stellenwert wie in den Sechzigern Böhms Einspielung aller Mozartsymphonien (ich habe alte Rezensionen darüber gelesen, die in einem Maße hymnisch waren, wie man sich das heute überhaupt nicht mehr vorstellen kann! ;) ). Ja er war noch mehr der Wiederentdecker eines verschollenen musikalischen Schatzes, als es Böhm bei Mozart war (der immerhin die frühen Mozart-Symphonien aus dem Dornröschenschlaf erweckt hatte; die Siebziger scheinen besonders in England eine gute Haydn-Epoche gewesen zu sein, denn John McCabe realisierte auch die erste Einspielung aller Klaviersonaten). Außerdem war er lange Zeit das einzige Angebot am Markt. Einige Jahre nach Dorati (~1981) hat Neville Marriner mit seiner ASMF für Philips eine größere Zahl von Symphonien eingespielt (ich glaube ca. 25), wobei er sich jedoch in erster Linie (vermarktungsgerecht?) auf die Namens-Symphonien konzentriert hat. Der Haydn-Boom (wenn man das so überhaupt nennen darf) begann erst in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren, und es wäre sehr überraschend, wenn man seit Dorati nicht einiges dazugelernt hätte. Aber die Tatsache, dass seine Aufnahmen zumindest teilweise nach wie vor nicht obsolet sind, zeigt von der grundsätzlichen Qualität seiner archäologischen Arbeit.


    Eher überrascht mich JRs Bemerkung über die variable Klangqualität der CDs. Die Decca produzierte damals auf bemerkenswert hohem Niveau, und ich habe nur das Beste über die Aufnahmequalität der LPs gehört. Dennoch scheint es Ausreißer gegeben zu haben (vielleicht konnten nicht alle Symphonien am gleichen Ort aufgenommen werden?!).

  • Zitat

    Original von Theophilus



    Deine Verwunderung ist unverständlich. Als Antal Dorati mit seiner Gesamteinspielung begann, dürfte es kaum mehr als ein Dutzend Haydn-Symphonien ständig käuflich zu erwerben gegeben haben. Außerdem hielten seine Aufnahmen fast jedem Vergleich zu den vorhandenen stand, im Gegenteil, während Haydn zuvor eher als wuchtiger Wiener Klassiker interpretiert worden war (Ausnahme natürlich Beecham),


    Eben. Es gab zwar kurz vor oder etwas gleichzeitig mit Dorati einige weiter Haydn-Projekte weitgehend unbekannter Dirigenten auf kleinen Labels(ich kenne das alles nur dem Namen nach, z.B. David Blum bei Vanguard, Max Goberman), aber keins wurde beendet oder erreichte das technische Niveau von Doratis Einspielungen
    Dazu kommt, dass Beecham, Scherchen u.a. Haydn-Apologeten der 50er oft noch Prä-Robbins-Landon-Ausgaben verwendeten, da fehlen teils Bläserstimmen usw. (ich persönlich finde Beechams Haydn auch zu einseitig elegant)


    Zitat


    ...es wäre sehr überraschend, wenn man seit Dorati nicht einiges dazugelernt hätte. Aber die Tatsache, dass seine Aufnahmen zumindest teilweise nach wie vor nicht obsolet sind, zeigt von der grundsätzlichen Qualität seiner archäologischen Arbeit.


    Eher überrascht mich JRs Bemerkung über die variable Klangqualität der CDs. Die Decca produzierte damals auf bemerkenswert hohem Niveau, und ich habe nur das Beste über die Aufnahmequalität der LPs gehört. Dennoch scheint es Ausreißer gegeben zu haben.


    Ich kenne wie gesagt, nur eine Stichprobe, kann die auch nicht alle durhchören, habe gerade mal #86 und #90 getestet. 90 klingt wesentlich besser, bei 86 klingen die Streicher relativ dünn und kratzig, das ganze Orchester klein und kompakt, nicht räumlich und gut durchhörbar, 90 klingt wärmer, dynamischer, die Bläser präsenter usw. Es ist vielleicht auch möglich, dass solche Unterschiede beim Remastern entstanden sind oder verstärkt wurden.


    Es soll aber bitte nicht der Eindruck entstehen, ich meinte, Dorati sei schlecht! Aus meiner Box ist z.B. #90 die beste Version dieses tollen Stücks, die ich kenne (vs. Rattle, Brüggen, Fischer), die selten gespielten 89 und 91 sowie auch 88 und 92 ebenfalls sehr gut. In 93 ist er einer der wenigen (wie z.B. auch Harnoncourt, nicht aber Szell und Brüggen), die den Kopfsatz im angemessenen tempo (ganztaktig) nehmen. Menuette sind häufig für meinen Geschmack zu langsam, aber das betrfft praktisch alle Nicht-HIP-Aufnahmen. Nur die gesamte Box würde ich mir eben nicht kaufen, und nur die Pariser und Londoner, wo es etliche gute Alternativen gibt, scheinen einzeln erhältlich.


    viele Grüße


    JR

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  • Hallo!


    Mich hats beinahe umgehauen, als ich im neuen Programm für das "Rheingau-Musik-Festival" Haydns letzte Symphonie mit dem Beinamen "mit dem Dudelsack" betitelt gelesen habe. :angry:
    Bevor ich meinen Drohbrief an die Veranstalter abschicke, frage ich nochmal hier nach, ob das die Idee eines betrunkenen Programmgestalters war oder ob dieser Beiname schon länger kursiert - und wenn ja, warum. Hat diese Symphonie nicht schon genug Beinamen?


    Viele Grüße,
    Pius.

  • Zitat

    Original von Pius
    Mich hats beinahe umgehauen, als ich im neuen Programm für das "Rheingau-Musik-Festival" Haydns letzte Symphonie mit dem Beinamen "mit dem Dudelsack" betitelt gelesen habe. :angry:
    Bevor ich meinen Drohbrief an die Veranstalter abschicke, frage ich nochmal hier nach, ob das die Idee eines betrunkenen Programmgestalters war oder ob dieser Beiname schon länger kursiert - und wenn ja, warum. Hat diese Symphonie nicht schon genug Beinamen?


    Noch nie gehört, wobei ich "Londoner" oder "Salomon" auch dämlich finde, denn das bezieht sich ja eigentlich auf alle 12.
    Und ich finde den Dudelsack im Finale von #82 viel ausgeprägter...
    Meine liebste Dudelsack-Stelle der Klassik ist aber im Trio von Beethoven op. 132, ii; die Wirkung ist hier überhaupt nicht rustikal, sondern überirdisch ätherisch...


    viele Grüße


    JR

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  • Ich stelle mal Sigiswald Kuijken mit "La petite bande" zur Diskussion. Mit diesen Interpreten habe ich zwar nur Aufnahmen zweier anderer später Haydn-Symphonien und einen Grétry-Opernquerschnitt, die für mich aber zum Besten gehören, was ich im HIP-Klassik-Bereich kenne - na gut, da habe ich nicht wirklich gar so viele Vergleiche, es wäre aber trotzdem interessant, was ihr daran schätzt oder weniger mögt ...


  • Zitat

    Original von Kurzstueckmeister
    Ich stelle mal Sigiswald Kuijken mit "La petite bande" zur Diskussion. Mit diesen Interpreten habe ich zwar nur Aufnahmen zweier anderer später Haydn-Symphonien, die für mich aber zum Besten gehören, was ich im HIP-Wiener-Klassik-Symphonien-Bereich kenne - na gut, da habe ich nicht wirklich viele Vergleiche, es wäre aber trotzdem interessant, was ihr daran schätzt oder weniger mögt ...



    Diese CD ist sehr gut; Kuijken m.E. aber ein etwas unzuverlässiger Kandidat. Die Pariser Sinfonien bei Virgin scheinen mir wesentlich harmloser, auf ihre Art auch nicht schlecht, aber längst nicht so mitreißend wie die CD mit 103 &104, die mir auch klanglich besser scheint.


    viele Grüße


    JR

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  • Liebe Paminas und Taminos,


    die Aufnahme dieser Sinfonie mit der Academy of Ancient Music war eine der ersten LPs (!), die ich mit einer sog. historischen Einspielung hatte. Die zweite war die Prager Sinfonie mit Harnoncourt.
    Beim Hören dieser Haydn-Sinfonie gingen mir die Ohren auf - so farbig, so differenziert, so vital hatte ich diese Sinfonie in konventionellen (das ist nicht wertend gemeint) Aufnahmen noch nie gehört.



    Nach der Umstellung auf CD wollte ich diese Aufnahme (es gibt sie zusammen mit Nr. 100, und in anderer Zusammenstellung auch zusammen mit Nr. 94 und Nr. 100) unbedingt auf einer silbernen Scheibe erstehen. Es war unmöglich. In keinem Katalog und in keinem Laden fand ich diese CD.


    Ich war schon dabei, mir eine private Verschwörungstheorie zu basteln, da entdeckte ich während eines Urlaubs in Südfrankreich in einer Kleinstadt in einem Plattenladen diese CD und musste einen enorm hohen Preis dafür zahlen. Z.Zt. finde ich bei jpc und amazon außer der Gesamtaufnahme mit Hogwood keine Einzel-CD mit dieser Aufnahme.


    Ich habe inzwischen auch andere gute Aufnahmen dieser Sinfonie auf CD, z.B. Slatkin und Brüggen. Aber an der Hogwood-Aufnahme hängt mein Herz. Ich glaube, das ist nicht nur mein subjektives Empfinden ("... wenn man sich so viel Mühe mit der Beschaffung einer CD macht, würde man sich ja auch kaum eingestehen, dass sie nicht die Beste ist ...") , sondern hat auch mit der Qualität dieser Einspielung zu tun.


    Mich würde dazu die Einschätzung und Kritik anderer Paminas und Taminos interessieren.


    Grüße von der Küste von Andrew

    „Nichts auf Erden ist kräftiger, die Traurigen fröhlich, die Ausgelassenen nachdenklich, die Verzagten herzhaft, die Verwegenen bedachtsam zu machen, die Hochmütigen zur Demut zu reizen, und Neid und Hass zu mindern, als die Musik.“

  • Zitat

    Mich hats beinahe umgehauen, als ich im neuen Programm für das "Rheingau-Musik-Festival" Haydns letzte Symphonie mit dem Beinamen "mit dem Dudelsack" betitelt gelesen habe


    Hallo Pius,


    Ich hoffe, es trifft Dich nicht nochmals hart, aber der Beinahme "mit dem Dudelsack" ist gelegentlich - wenn auch eher selten - doch gebräuchlich.
    Er scheint sowohl in Programmen als auch in von Musikwissenschaftern verfassten Textbeiträgen auf.


    LG


    aus Wien


    Alfred

  • Der Beiname soll wohl auf den Beginn des Finales anspielen, der schon einen gewissen Dudelsackcharakter hat.

    "Das Große an der Musik von Richard Strauss ist, daß sie ein Argument darstellt und untermauert, das über alle Dogmen der Kunst - alle Fragen von Stil und Geschmack und Idiom -, über alle nichtigen, unfruchtbaren Voreingenommenheiten des Chronisten hinausgeht.Sie bietet uns das Beispiel eines Menschen, der seine eigene Zeit bereichert, indem er keiner angehört." - Glenn Gould

  • Hallo




    Zitat

    Original von rappy
    Der Beiname soll wohl auf den Beginn des Finales anspielen, der schon einen gewissen Dudelsackcharakter hat.


    Das muss so sein. Das Orgelpunkt-d in Celli, Kontrabässen und Fagotten zu Beginn des Finales und darüber die tänzerische Hauptstimme rufen wohl die Dudelsack-Assoziation hervor.


    Ich bin erst vor einer Woche auf diese Sinfonie gestossen, da wir sie im Sommer mit dem Orchester spielen. Ehrlicherweise muss ich dazu sagen, dass ich mir noch nicht die ganze Sinfonie angehört habe, nur jeweils die Satzanfänge im CD-Geschäft, da ich noch keine Aufnahme besitze... :rolleyes: Deshalb folgt möglicherweise noch eine Korrektur dieses Beitrags in den nächsten Tagen... Habe mir nun auf gut Glück Harnoncourt mit dem Concertgebouw-Orchester bestellt, ohne sie angehört zu haben - bin gespannt.


    Dies war mein erster Beitrag =) , werde mich in den nächsten TAgen im Thread "Neumitglieder" vorstellen...


    Grüsse aus der Schweiz nach Europa!