Königliches Amusement: Die Feuerwerksmusik von Georg Friedrich Händel

  • Liebe Klassikfreunde,


    Das Werk wurde am 27. April 1749 auf einem Fest anlässlich des 1748 geschlossenen Aachener Friedens uraufgeführt, das im Londoner Green Park stattfand.
    Es war ein prächiges Feuerwerk vorgesehen, womit eigens zwei Experten aus Italien beauftragt wurden.
    (Trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb war das Feuerwerk ein technischer Mißerfolg voller Pannen)



    Händel hatte persönlich vom englischen König den Auftrag für die Komposition bekommen, allerdings waren ein paar Auflagen vorgesehen, die dem Komponisten mißfielen, so sollte die Komposition beispielweise ohne Streicher auskommen, lediglich "kriegerische" Instrumente durften verwendet werden. Händel fügte sich widerwillig, fertigte aber eine Zweitfassung mit Streichern an, die noch heute in etlichen Varianten und unterschiedlichen Besetzungen gespielt wird. Bei der Erstaufführung sollen laut Aufzeichnungen über 100 Musiker mitgewirkt haben.......


    Bei der "Music for the Royal Fireworks", wie der englische Titel lautet, handelt es sich um eine Orchestersuite in 5, bzw 6 Sätzen, je nach dem, ob man die beiden Menuette I und II am Schluß als einen oder 2 Sätze sieht.


    Das IMO Interessante an dem Stück ist, daß es sich, mehr noch als sein "Schwesterwerk", die "Wassermusik" als Einstieg in die Welt des Barock eignet, sein festlicher triumphierender Charakter hat "Ohrwurmqualitäten".


    Für Insider hat sich das Stück dadurch zwar irgendwie "abgenützt", aber ich muß gestehen, daß ich heute, als ich es für diesen Thread in 3 verschiedenen Interpretationen abhörte, mir dies immer noch viel Vergnügen machte.


    Mich würde interessieren, welche Aufnahmen ihr davon (wenn überhaupt) habt. Meine sind durchwegs alle älter als 20 Jahre, obwohl alle auf historischen Intrumentarium.


    Freundliche Grüße


    aus Wien


    sendet Alfred

  • Hallo Alfred, die "Feuerwerks-Musik" habe ich in folgenden Aufnahmen:



    Das ist die, der originalen, nur mit "kriegerischen"
    Instrumenten aufgenommene Einspielung Trevor Pinnocks die als letzte Arbeit zwischen dem Dirigenten und dem Gelblabel entstand: in jeder Hinsicht hörenswert und viel weniger monströs, als man glaubt, wenn man die Besetzung liest.
    Unter demselben Dirigenten habe ich auch eine Einspielung aus den frühen 80gern (mit Streichern) , die ich ebenfalls sehr schätze. Korrigieren muss ich jedoch eines: weder Händel noch Bach sind ausgewiesene Vertreter des Barock: beide sind dem Spätbarock zuzurechnen, denn während sie ihre Werke schufen, entstand in Wien und Mannheim schon ganz anderes, weil Geschmack und Empfindungen sich grundlegend gewandelt hatten und reine "Repräsentationsmusik" nichtmehr so vordergründgig gefragt war. Bedeutende Vertreter des Hochbarock waren z.b. Henry Purcell, Corelli und der von mir ausserordenmtlich geschätzte und bewunderte Wiener Hofkapellmeister J.J. Fux, dessen diskographischer
    Bestand, gemessen an seiner Bedeutung, nur als fatal bezeichnet werden kann.

    Das geht über das Sagbare hinaus. Das läßt sich nicht deuten und bedarf keiner Deutung. Es kann nur gehört werden. Es ist Musik. (H.H.Jahnn)

  • Tag,


    ich komme immer wieder zurück auf die Aufnahme mit Charles Mackerras, English Chamber Orchestra, Label Novalis. Weil, es entsteht die Illusion einer Freiluft-Musik. Und, Musik ist auch Raumkunst. Eine Kirchen- oder eine Studio-Räumlichkeit geben in diesem Falle keinen geeigneten Werk-Raum her. Das Mastering schaffte diesmal einen Freiluft-Raum, gut so.


    MfG
    Albus

  • Das English Chamber Orchestra unter Mackeras spielt
    die Fassung mit Streichern, die von Händel ausdrücklich für eine Interpretation in geschlossenen Räumen eingerichtet wurde !!!
    Demnach ist diese Aufnahme eine "Doppel-Chimäre", zum einen, weil sie einen "Freiluft-Effekt" suggeriert, wo garkeiner vorgesehn war, zum anderen, weil der Orchesterklang mit seiner eher üppigen Grundierung kaum den Intentionen des Komponisten
    entsprochen haben dürfte.

    Das geht über das Sagbare hinaus. Das läßt sich nicht deuten und bedarf keiner Deutung. Es kann nur gehört werden. Es ist Musik. (H.H.Jahnn)

  • Hallo


    Vielleicht sollte man anmerken, daß Händel das Stück eigentlich gar nicht komponieren wollte, ein "Gelegenheitswerk für ein Gartenfest", so wird er es wohl gesehen haben.
    Allein die privilegierte Stellung bei Hofe und ein sehr gutes persönliche Verhältnis zum König (sowas gabs in jener Zeit wahrscheinlich nur in England)
    dürften ihn bewogen haben nachzugeben.
    Daß aus Meisterwerk aus dem Stück wurde, und es rund 250 Jahre nach Entstehen noch gefragt sein würde grenzt an ein Wunder.
    Aber zurück zu Version: In meinen Unterlagen steht, daß, erst in neuerer Zeit wieder kleinere Besetzungen üblich sind, grösstenteils wurde das Werk früher von großen Sinfonieorchestern gespielt.


    Gruß aus Wien


    Alfred

  • Hallo,


    nun ein Fest voller Pannen ist gut :D ,soweit ich informiert bin ist die Tribüne der Pyrotechniker regelrecht explodiert und das Fest endete in Panik.
    Ob Händel zu der Instrumentierung "gezwungen" wurde, kann ich jetzt nicht bestätigen, denn es war an den europäischen Höfen üblich Musik die im Freien zelebriert wurde nur mit Bläsern zu interpretieren.
    Das geht (natürlich) auf die französische Hofhaltung zurück,
    Als der Hof 1682 nach Versailles verlegt wurde, reorganisierten Lully und Louis XIV die Musiker neu: neben den 24 Violinen des Königs und der Chambre du Roy gab es noch die Grande Ecurie. Hier waren vor allem die Oboen, Flöten, Trompeten und Paucken zu Hause mit denen dann im Park oder bei militärische Ereignissen musiziert wurde.
    Da in London ja ein militärischer Sieg gefeiert wurde ist es eigentlich völlig normal die Musik so zu instrumentieren und dem damaligen Gebräuchen auch statthaft.




    Man sollte sich wirklich beide Fassungen mal anhören, es ist recht interessant.

  • Hallo zusammen,


    kennt jemand hier die Aufnahme mit dem Concert Spirituel unter Hervé Niquet? Die würde mich schon länger sehr interessieren, auch und vor allem: Welche Fassung spielt Niquet? Vielleicht kennt sie ja jemand!



    Beste Grüsse,


    Claus

    Die wirkliche Basis eines schöpferischen Werks ist Experimentieren - kühnes Experimentieren! (Edgar Varèse)

  • Meine liebste CD von Händels Feuerwerksmusik:



    Barockaufnahme der Deutschen Grammophon der 60er Jahre unter der Leitung
    von August Wenzinger..... und dem Schola Cantorum Basiliensis....
    Wenzinger stand zur Zeit Karl Richters ein wenig in seinem Schatten und hatte nicht die
    Aufmerksamkeit, die ihm normalerweise zustand.....


    Eine gelungene barocke Aufführung musikalisch sehr entsprechend umgesetzt.....
    Tipp: empfehlenswerte Altaufnahme mit geringen Schwächen aufgrund der damaligen Tontechnik....


    Grüße
    reklov29

    Bach ist so vielfältig, sein Schatten ist ziemlich lang. Er inspirierte Musiker von Mozart bis Strawinsky. Er ist universal ,ich glaube Bach ist der Komponist der Zukunft.
    Zitat: J.E.G.

  • Hallo,


    kann mir jemand sagen, ob diese Aufnahme

    der oben aufgeführten Aufnahme unter Pinnock in der 1749er Urfassung mit den "kriegerischen" Instrumenten entspricht?

    „People may say I can't sing, but no one can ever say I didn't sing."
    Florence Foster-Jenkins (1868-1944)



  • Servus Claus,


    kommt ein bissel spät, die Antwort, was aber besser ist als nie... :rolleyes:


    Also: Niquet hat eine gaaaaz revolutionär neue Fassung vorgelegt, die im Beiheft als "first historical version (original instruments & tuning)" beworben wird. 8o


    Aber in der Tat hat diese Aufnahme einiges Ungewöhnliches zu bieten, vor allem aus Sicht der Instrumente. Die neun Trompeter spielen auf lochlosen Instrumenten*, die neun Hornisten verzichten auf das Treiben der Töne durch die Hand im Trichter, die 24 Oboisten spielen alle auf eigens dafür angefertigten Instrumenten, die der mitteltönigen Stimmung des Blechs angepasst sind und die 12 Fagottisten haben auch leicht veränderte Instrumente benutzt.


    Das ohrenfälligste ist aber die mitteltönige Stimmung, die diktiert vom Blech auf das komplette Orchester übertragen wurde. Das klingt an einigen Stellen schon ganz schön schief für heutige Ohren. Aber es ist tierisch interessant!



    *Als Erklärung hierzu ist anzumerken, dass Barocktrompeter heute fast immer Instrumente mit drei oder auch vier Löchern im Rohr benutzen, sozusagen als Ventilersatz, um sich das Spiel zu erleichtern. Es gibt zwar tatsächlich historische Vorbilder davon, aber dieses Hilfsmittel kam recht spät erst in der ersten Hälfte des 18. Jh. auf.


    herzliche Grüße,
    Thomas

    Da freute sich der Hase:
    "Wie schön ist meine Nase
    und auch mein blaues Ohr!
    Das kommt so selten vor."
    - H. Heine -

  • Zitat

    kann mir jemand sagen, ob diese Aufnahmeder oben aufgeführten Aufnahme unter Pinnock in der 1749er Urfassung mit den "kriegerischen" Instrumenten entspricht?


    Nein, diese Aufnahme stammt aus Pinnocks Sammelbox mit sämtlichen Händel-Orchesterwerken, aus 1983/84 (mit Streichern), die von dir angsprochene Origoinalfassung wurde 1996 als letzte Einspielung Pinnocks bei DGG veröffentlicht.


    Das geht über das Sagbare hinaus. Das läßt sich nicht deuten und bedarf keiner Deutung. Es kann nur gehört werden. Es ist Musik. (H.H.Jahnn)

  • Die erste Aufnahme der originalen Bläserfassung hat übrigens Robert King gemacht (im Booklet schreibt er von den Schwierigkeiten, so viele Barockbläser zusammenzutrommeln.) Das Bild zeigt die Wiederveröffentlichung - scheint aber vergriffen zu sein. Pinnocks Aufnahme von 1996 fand ich etwas besser, mehr auf den Punkt gebracht und besser aufgenommen (Hyperion stellt mir die Instrumente meistens zu tief in den Raum - die Pinnock-Version springt einen dagegen so richtig an!).


  • Schön, daß der thread wachgeküsst wird, hatte ich nämlich nach einem intensiveren Vergleichshören des Werkes selber vor (dubiose Quellen meinen, es sei die erste klassische Musik überhaupt gewesen mit der ich in Berührung gekommen bin und der ich begeistert gelauscht habe - egal)


    Frage: ich habe mit großer Faszination die Niquet-Aufnahme gehört, die mit so einigen Überraschungen aufwartet. Wirklich gestockt habe ich aber erst im vierten Satz La Rejouissance. Bei dem kurz nach Beginn auftretenden Quart-Terz-Intervallfolge cis-gis-f (also T-D-Terz) habe ich noch NIE vorher die Betonung auf gis gehört. Ich hörte sie eigtl. immer auf dem cis. Habe ich falsch gehört oder hat Niquet Anlass zu einer metrischen Verschiebung??


    :hello:
    Wulf

  • Guten Tag


    seit paar Tagen ist die Einspielung der Feuerwerksmusik (u. Wassermusik) von 1993



    mit dem Ensemble Le Concert de Nations, Leitung Jordi Savall wieder auf dem Markt.


    Georg II: wünschte zur Aufführung nur "Militärinstrumente", Händel favorisierte eine Version für Streicher und Bläser, beugte sich aber letztlich dem Willen des Königs.
    Nach Aufzählung eines Chronisten sollen bei der musikalischen Darbietung anläßlich der Aufführung der Feuerswerksmusik zur Feier des Friedens von Aachen 40 Trompeten, 20 französische Hörner, 16 Oboen, 16 Fagotte, 8 paar Kesselpauken und 12 Trommeln mitgewirkt haben.


    Grup :hello:


    aus der Kurpfalz


    Bernhard

  • ist eine dieser beiden nun auch mit den vom meister gewünschten streichern aufgenommen ???



    "Der moderne Komponist darf seine Werke einzig und allein auf der Grundlage der Wahrheit schreiben."
    Claudio Monteverdi


    "Der Komponist komponiert erstens für sich selbst und zweitens für das Publikum; aber für ein ideales Publikum und nicht für das...welches real existiert"
    Nikolai Rimski-Korsakow


    "Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche."
    Gustav Mahler

  • Zefiro hat eine Neuaufnahme der Feuerwerksmusik in der kleineren Besetzung für die zweite Aufführung im Foundling Hospital gemacht, schon 2006 - warum erscheint diese CD erst jetzt?



    Der Klang ist sehr schön, im Freien im Kreuzgang des Jesuitenkollegs in Catania aufgenommen, wo auch ein Konzert stattfand. Für eine Liveaufnahme würde ich das an einigen Stellen der Ouvertüre unpräzise Zusammenspiel auch durchgehen lassen, aber hier wurde ohne Publikum aufgenommen - da hätte man ruhig an der Phrasierung arbeiten können, die Bläser, Streicher und Pauken hier nicht wirklich zusammen fühlen. Dirigent Alfredo Bernardini drückt mir (der ich wirklich nichts gegen flotte Tempi habe) hier zu sehr auf die Tube - die Entspannung, die Zefiro bei allem Temperament immer behält, ist hier verloren gegangen, es wirkt nicht ausgeglichen. Schade - ich hatte dieser Aufnahme hohe Erwartungen entgegengebracht, da mir ihre Wassermusik sehr gut gefällt. Auch die Concerto a due cori sind gut gelungen, aber bei der Feuerwerksmusik haben sie sich ein wenig verrannt ...


    Ich höre gerade die Aufnahme von La Stravaganza Köln und Andrew Manze (in der Bernardini übrigens mitspielt) - die bekommen die Mischung aus Temperament und Präzision besser hin:


  • Zitat

    Original von miguel54
    Zefiro hat eine Neuaufnahme der Feuerwerksmusik in der kleineren Besetzung für die zweite Aufführung im Foundling Hospital gemacht, schon 2006 - warum erscheint diese CD erst jetzt?




    Warum wohl - wegen dem "Händel-Jahr" 2009, denke ich ...

  • Zitat

    Original von salisburgensis
    Das ohrenfälligste ist aber die mitteltönige Stimmung, die diktiert vom Blech auf das komplette Orchester übertragen wurde. Das klingt an einigen Stellen schon ganz schön schief für heutige Ohren. Aber es ist tierisch interessant!


    Das ist neuster Forschungsstand, auch Siegbert Rampe hat seine letzte CD mit Cembalowerken von Händel in einer mitteltönigen Stimmung gemacht, weil er das bei seinen Forschungen fürs Händel-Handbuch bestätigen konnte, daß Händel auch in England eine Art mitteltöniger Stimmung benutzte!

  • Zitat

    Original von miguel54
    ... ich bin schwach geworden: habe nochmal in die Klangschnipsel reingehört, die muß ich haben. Man verzeihe mir die Wortwahl, aber diese Bläser sind einfach oberaffen :stumm: ....scharf!


    ... und sie hält auch ein paar Überraschungen für den Perkussionisten bereit. :D

    Da freute sich der Hase:
    "Wie schön ist meine Nase
    und auch mein blaues Ohr!
    Das kommt so selten vor."
    - H. Heine -

  • Zitat

    Original von miguel54
    ... ich bin schwach geworden: habe nochmal in die Klangschnipsel reingehört, die muß ich haben. Man verzeihe mir die Wortwahl, aber diese Bläser sind einfach oberaffen :stumm: ....scharf!



    Ich letzte Woche ebenso!! Obwohl ich schon einen ganzen Sack voll Aufnahmen besitze, war es mir diese knallfreche, die Ohren durchpustende und alles Bekannte auch mal schräg in Frage stellende Aufnahme wert.
    Ich bin seeeehr zufrieden! :yes:


    Gruß
    Stefan