Die Klavierkonzerte von Brahms - Zwei Symphonien mit piano obbligato

  • Liebe Forianer
    Mit seinen zwei Klavierkonzerten ist Johannes Brahms dem Schatten, den Beethoven seines Gefühls nach immer auf ihn warf, sehr gut entkommen. Brahms Klavierkonzerte heben sich deutlich vom Rest der Klavierkonzerte ab, haben eine ganz neue Art Konzert geschaffen. Das Klavier und das Orchester sind sozusagen zwei gleichwertige Partner, daher auch der Ausdruck "mit piano obbligato". Die Klavierkonzerte sind nicht "einfach" zwei Virtuosenwerke, obwohl sie einiges von Solist und Orchester fordern. Sie sind bspw. völlig anders als Tschaikowskys Klavierkonzert, wo das Orchester wirklich "nur" eine Begleitfunktion hat. Bei Brahms bilden Orchester und Solist so etwas wie eine Symbiose, was die Konzerte zu etwas Einmaligem macht.


    Nun meine Frage: Wie steht ihr zu den Werken? Welche Aufnahmen besitzt ihr (wo möglich mit Interpretationsvergleich)?


    Hier meine:
    1. Klavierkonzert:
    - Leif Ove Andsnes, City of Birmingham Symphony Orchestra, Simon Rattle (EMI 1998 )
    - Alfred Brendel, Berliner Philharmoniker, Claudio Abbado (Philips 1986)
    - Krystian Zimerman, Wiener Philharmoniker, Leonard Bernstein (DGG 1984)


    Bei Brendel und Abbado hört man mehr die Analytik, die Mechanik; die Konzerte sind sehr transparent. Allerdings ist Rattle meiner Meinung nach ein besserer Begleiter als Abbado. Das Orchester wirkt mehr mitgerissen, die Integration des Klavieres stimmt besser. Irgendwie hat die Aufnahme mit Andsnes mehr "Drive". Aber ja, das ist rein subjektiv. Der Klang der Zimerman Aufnahme ist nicht gerade bewunderswert und es kann daher rühren, dass ich das Orchester als etwas farblos empfinde. Zimermans Klavierpart gefällt mir ausgesprochen gut, im 3. Satz könnte das ganze etwas meht dynamik brauchen, finde ich.


    2.Klavierkonzert:
    - Rubinstein, RCA Symphony Orchestra, Josef Krips (RCA 1958 aufgenommen, 1999 veröffentlicht)
    - Gilels, Berliner Philharmoniker, Eugen Jochum (DGG 1972)
    - Zimerman, Wiener Philharmoniker, Bernstein (DGG 1985)
    - Richter, Chicago Symphony Orchestra, Leinsdorf (RCA 1961)


    ede der Aufnahmen hat ihre Qualität. Zimerman hat mir eine neue Sichtweise auf das Werk eröffnet, ist mir aber wie auch Rubinstein manchmal etwas zu zahm. Gilels fällt ein bisschen in die gleiche Kategorie. Richter ist einfach nur fantastisch, ich habe noch nie ein so energisches 2. Klavierkonzert gehört. Es ist einfach unglaublich.
    Ich habe aber alle Interpretationen sehr gern und möchte keine davon nicht haben. Richter hat für seinen Zug einen Extrapunkt.


    Kommentare zu diesen sowie anderen Aufnahmen sind durchaus erwünscht.


    Viele Grüsse...Cliowa

  • Hallo Cliowa,


    Zitat

    Original von cliowa
    Nun meine Frage: Wie steht ihr zu den Werken?


    Ehrlich gesagt, es hat recht lange gedauert, bis mich Brahms (obwohl auch Hamburger :D )so richtig gepackt hat. Und speziell bei den Klavierkonzerten hat es noch länger gedauert. Aber jetzt - wie so oft, wenn man um etwas ringen muß - ist die Liebe um so größer, hat die bessere Langzeitwirkung. Von den Konzerten gefällt mir das zweite Konzert besser als das 1.


    Zitat

    Original von cliowa
    Welche Aufnahmen besitzt ihr (wo möglich mit Interpretationsvergleich)?


    Einige (wenn's interessiert, kann ich sie ja mal per PN mailen); aber, um es kurz zu machen: meine Favoriten für beide Konzerte sind Fleisher/Szell: sehr glühende, energiegeladene Aufnahmen.



    Weitere Favoriten für das 1.Konzert sind Arrau/Giulini, Krips/Rubunstein, Bernstein/Zimerman.
    Für das 2.Konzert natürlich ebenfalls Richter/Leinsdorf, Reiner/Gilels und auch Arrau/Giulini.


    Grüße aus Hamburg
    Uwe

  • Hallo,
    meine Heransgehensweise an die beiden Konzerte war zugegebenermaßen etwas ungewöhnlich - ich wollte, da ich mit Brahms noch so meine Probleme habe, in erster Linie eine Repertoire-Lücke schließen und suchte möglichst eine Aufnahme beider Konzerte vom selben Pianisten. Ich habe dann einigermaßen ausführlich verglichen:
    Gilels/Jochum
    Fleisher/szell
    Buchbinder/Harnoncourt.
    Gefallen haben mir alle drei Einspielungen, entschieden habe ich mich letzlich für Buchbinder/Harnoncourt, weil ich sie - im direkten Vergleich - weniger wuchtig und streng, mehr "spielerisch" leicht empfand. Außerdem war zugegebenrmaßen auch die bei weitem bessere Klangqualität eine Entscheidungsgrund. Dass sie in der Teldec-Apex-Serie mittlerweile extrem günstig zu haben ist, war ein angenehmer Nebeneffekt, aber nicht kaufentscheidend.
    Gruß
    Achim

  • Hallo


    Auch ich hatte lange mit dem "spröden" Johannes Brahms meine Probleme: Wo hatte ich nur meine Ohren ? :D


    Aber vielleicht erschien mir das erste Klavierkonzert zu dick und zu bombastisch, vor allem der Anfang,auch das Publikum bei der Uraufführung konnte nichts rechtes damit anfangen, in Leipzig fiel das Werk sogar durch.


    Es heißt, daß das Werk ursprünglich als Sinfonie konzipiert war, die dann zum Klavierkonzert umfunktioniert wurde, das stimmt aber nur bedingt.
    Das Werk hatte etliche "Bestimmungen" und "Umarbeitungen hinter sich bis seine endgültige Form hatte.


    Spätestens beim Einsatz des Soloparts verschwinden bei mir jedoch alle Vorbehalte.


    Das zweite, ebenfalls sinfonisch angelegte Klavierkonzert, ging mir, soweit ich mich erinnere, sofort unter die Haut.
    Eigentlich wollte ich schreiben, daß es mir besser gefällt, als das erste,
    aber eine Überprüfung hat ergeben, daß das nicht mehr stimmt. :D


    Meine vorhandenen Einspielungen sind derzeit:


    Johannes BRAHMS: Klavierkonzert Nr 1
    Claudio Arrau
    Philharmonia Orchestra
    Carlo Maria Giulini
    EMI Studio


    (Limited Edition, wahrscheinlich vergriffen)


    Johannes BRAHMS: Klavierkonzert Nr 1
    Emil Gilels
    Berliner Philharmoniker
    EugenJochum
    Deutsche Grammophon (serie Galleria)




    Johannes BRAHMS: Klavierkonzert Nr 1
    Maurizio Pollini
    Wiener Philharmoniker
    Karl Böhm
    Deutsche Grammophon (Galleria)



    Johannes BRAHMS: Klavierkonzert Nr 2
    Wilhelm Backhaus
    Wiener Philharmoniker
    Karl Böhm
    DECCA


    Johannes BRAHMS: Klavierkonzert Nr 2
    Geza Anda
    Berliner Philharmoniker
    Herbert von Karajan
    Deutsche Grammophon (Serie Resonance)


    Vergleiche sind schwierig, weil die Aufnahmechnik der Aufnahmen grundverschieden ist.


    Mein Persönlicher Favorit ist das 2. Klavierkonzert in der Aufnahme Backhaus/Böhm , soweit ich weiß als "Legends" dereit wiederveröffentlicht. Beim ersten kann ich mich schwer entscheiden zwischen Gilels und Arrau.


    Freundliche Grüße aus Wien


    Alfred

  • Es ist richtig. Über Geschmack kann man nicht streiten. Deswegen nur die Anmerkung: Ich fand die Aufnahme mit Andsnes eine große Enttöuschung und zwar wegen des Pianisten. Das erste Konzert, ich liebe sie beide seit jahrzehten, ist ein bißchen ein Horrorstück, die Leipziger ließen es ja bekanntlich durchfallen. Insbesondere der erste Satz darf überhaupt nicht harmlos gespielt werden, sondern muß rausgeschleudert werden, das man vor Schrecken erbebt. Wer konnte das ?
    Erstens Julius Katchen mit Monteux, zweitens Bruno Leonardo Gelber mit Decker und drittens Cliburn mit Reiner. Alle drei Pianisten greifen richtig zu und man versteht die Leipziger ein wenig. Alle anderen Aufnahmen lassen das Stück nicht so explodieren und sind deswegen nach meiner Auffassung nicht ganz adäquat Der hervorragende Rattle hätte einen Pianisten vom Range eines Katchen haben müssen. Wird Lars Vogt ein solcher ?


    Das zweite Konzert ist ja das schiere Gegenteil davon. Da will ich nur auf einen Pianisten hinweisen, der- sic transiit gloria mundi- einmal einen Grand prix für diese Darstellung bekommen hat und heute vollkommen vergessen ist. Hans Richter Haaser mit Karajan hat dieses Konzert so gespielt, wie Brahms es selber, natürlich ironisierend, charakterisiert hat, übersende ich Dir ein kleines Konzert, fast kammermusikalisch intim spielt Richter Haaser. Diese Aufnahme hat zu Recht eine Auszeichnung bekommen und ist wahrscheinlich heute unerreichbar. Leider.

  • Die Klavierkonzerte von Brahms wollte ich schon länger kennenlernen.
    Bei jpc habe ich auch Anfang des Jahres eine Aufnahme mit Elisabeth Leonskaja bestellt. Die ist aber heute immer noch nicht da, deswegen wurde das storniert.


    Nach dem Lesen dieses Threads bin ich jetzt unentschlossen, welche CD bestellt wird.
    Bei mir stehen zur Disposition:
    1. Gilels / Jochum
    2. Buchbinder / Harnoncourt


    Also, jetzt könnt ihr eine ultimative Kaufbeeinflussung vornehmen!
    Ich bin bereit.



    Gruß, Peter.

  • Na gut, überredet.


    Habe gerade noch mal Hörproben von Fleisher gehört, hört sich ganz gut an.
    Und da er zusätzlich noch interessante "Zugaben" hat,
    gebe ich auch 3 Euro mehr aus.


    Und wehe, sie überzeugen mich nicht. :evil: :D



    Gruß, Peter.


  • @Peter,
    Du kannst da Thorsten "blind" vertrauen!
    Kaufe Dir DIESE Aufnahme! :stumm:

  • Hallo


    Ja, ich finde auch, daß man mit Gilels/Jochum auf der sicheren Seite ist, wenn die beiden auch vergleichsweise eher zahm sind, aber das ist ja keine qualitätsmindernde Aussage.


    Die Für mich "spannendste" Aufnahme ist jene:

    Das legendäre Konzert Gould/Bernstein/New York Philharmonic, 6.4.62.
    Gould spielt für meine Ohren wirklich romantisch und gut. Schade, daß die beiden damit nicht den Weg ins Studio angetreten sind, da hätte sicher etwas weit interessanteres herauskommen können, als es dann später, wiederum live, mit berstein/zimerman geglückt ist.


    Meine Rubinsteinaufnahme (vergessen welche genau) ist mir etwas zu poliert - aber das jetzt nur aus der erinnerung, ist länger her.


    Ich wusste bisher noch nichts von der arrau/giulini-kombination. Hoffentlich wird sie bald in der great recordings-serie wiederveröffentlicht.


    Dann habe ich noch von Brahms 1 eine Aufnahme mit Arrau/Haitink/Concertgebouw, 1969, werde ich demnächst nochmal reinhören und mich melden, wenn sie mir super gefällen täte, aber ich fand sie glaub ich nicht so toll.


    Und das Barhms 2-Konzert ist Pflicht in der Aufnahme Edwin Fischer/Furtwängler/Berliner Philharmoniker 9.11.1942 - trotz einiger schwächen und unzureichender Tonqualität.


    Gruß, Markus

  • Hallo Brahmsfreunde,


    da kann mal mal wieder sehen wie unterschiedlich Brahms bei den Hörern ankommt - der Eine findet erst spät zu Brahms, der Andere sagt er hielt Brahms für spröde (???), der Andere ist von Anfang an begeistert.
    Ich gehöre zur letzten Gruppe.


    Meine Aufnahmen der Klavierkonzerte Nr.1 und 2 sind:


    1.) Artur Rubinstein / Boston SO / Erich Leinsdorf
    auf RCA (LP).
    Mit dieser Aufnahme bin ich quasi aufgewachsen und diese hat mich für Brahms geprägt.


    2.) Leon Fleischer / Cleveland Orchester / George Szell
    auf CBS (LP).
    Diese Aufnahme finde ich wirklich toll und sie ist hier im Forum auch schon mehrfach als Favorit erwähnt worden. Leider rauschen meine CBS-LP´s sehr stark, sodaß ich meistens andere Interpretationenen beim hören vorgezogen habe.
    Rauschen die Aufnahmen auf CD auch so stark, oder haben die SONY-Leute das besser hinbekommen ???


    3.) Vladimir Ashkenazy / Wiener PH / Bernhard Haiting
    auf DECCA (CD).
    Die habe ich wegen der besten Klangqualität ehrlichgesagt früher am liebsten gehört und war viele Jahre zufrieden.


    4.) Rudorf Serkin / Cleveland Orchester / George Szell
    auf SONY (CD).
    Das dieses meine Favoritenaufnahme ist, die dann Ashkenazy abgelöst hatte, erwähnte ich schon im Serkin-Thread.
    Ganz Nebenbei: In einer Kritik hatte ich gelesen das George Szell der "Spiritus Rector" für die Brahms-Konzerte ist - weil er die Konzerte mit mehreren Solisten eingespielt hat.


    5.) Maurizio Pollini / Berliner PH / Claudio Abbado
    auf DG (CD).
    Diese Aufnahmen scheinen pianistisch perfekt zu sein, das letzte Feuer wird jedoch bei Serkin und Szell noch mehr entfacht.
    In diesem Zusammenhang ist der Tipp von sagitt mit Cliburn/Reriner oder Katchen/Monteux interessant.

  • Dochdoch
    Ich habe die Brahms KK 1 Aufnahme mit Buchbinder/Harnoncourt.
    Gefällt mir schon ganz gut, vor allem in Manchen Details.
    Es ist ja gottlob auch nicht so, daß Harnoncourt "immer alles gegen den strich bürsten muß". (Die erste Symphonie von Brahms zum beispiel hat unter Harnoncourt meiner meinung nach ein bisschen gelitten)
    Buchbinder spielt streckenweise auch fast so gefühlvoll sanft wie Gilels an den entsprechenden Stellen.

  • Zitat

    Original von achim.cremerius
    also bin ich wirklich der einzige, der Buchbinder / Harnoncourt favorisiert bzw. schätzt?! Hätte ich nicht gedacht.


    Neinnein, nur bei mir dauern Antworten derzeit vor allem eins - lang. Jedenfalls meistens ;) Aber hier kommt irgendwann noch eine.


    Beste Grüsse,


    C.

    Die wirkliche Basis eines schöpferischen Werks ist Experimentieren - kühnes Experimentieren! (Edgar Varèse)

  • Mein persönlicher Favorit ist:



    Wie Arrau diesen 3ten Satz in einem solche extrem langsamen (!!!) Tempo gestaltet ist einfach ein Wahnsinn, da kann kein noch so schneller und spritziger Pianist mithalten.


    Für das 2te Konzert kenne ich zu wenig Aufnahmen, besitze nur die Aufnahme mit Gilels:



    und hab die auch schon seit Ewigkeiten nicht mehr gehört.

  • Hallo Forianer!
    Also ich erinnere mich, was für ein Aha-Erlebniss es war, als ich mit 15 Jahren die Platte mit dem ersten Konzert mit Gilels/Jochum einlegte und es zum ersten Mal hörte. Ich war von der Wucht der Einleitungstakte dermassen überwältigt und beeindruckt, dass ich mir gar nicht vorstellen konnte, etwas derartiges noch einmal zu erleben. Daraufhin durchlebte ich das folgende Jahr mit dieser Einspielung, von der ich inzwischen die Einspielung des zweiten Konzerts, trotz aller technischen Unzulänglichkeiten, doch favorisiere.


    Fleischer/Szell halte ich für eine wunderbare Alternative für all jene, die eher einen "klassischen" Brahms bevorzugen.


    Buchbinder/Harnoncourt ist besonders aufgrund der schon erwähnten Leichtigkeit und Spielfreude zu empfehlen.


    Noch nicht erwähnt wurde die ältere Pollini-Einspielung mit Böhm im ersten und Abbado im zweiten Konzert; jeweils mit den Wiener Philharmonikern.
    Habe sie zugegebenermassen nie gehört, aber überlege evtl. einen Kauf...? Kann mir da jemand helfen?


    Die Richter/Leinsdorf-Einspielung des zweiten Konzerts gehört im Übreigen für mich zu den bedeutendsten Aufnahmen aller Zeiten.


    liebe Grüsse
    Raphael

  • Lieber Alfred ,
    Dank für die fast vergessene Aufnahme mit Geza Anda und Herbert von Karajan .
    Das geradezu federnde , leichte Spiel, Andas ist einfach phantastisch und sicherlich singulär unter allen Interprettaionen .
    Die Aufnahme beweist auch , welch grosser begleitender Dirigent Karajan sein konnte , wenn er wolltew ( bzw. gewollt hätte ) .
    Diese Aufnahme erwähne ich immer , wenn ich meine beiden anderen bevorzugten Einspielungen erwähne .
    Diese sind :
    Arrau / Giulini u n d Richter / Leinsdorf .


    Bei dem 1. Klavierkonzert , d-Moll , mit dem ich mich seit meiner Jugend befasse sind meine drei bevorzugten Aufnahmen :
    Arrau / Giulini
    Berman / Abbado
    Weissenberg / Muti .


    ich habe dies schon so oft gebründet , dass es interessant ist für mich einfach festzuhalten wie konstant meine Lieblingsaufnahmen sich gehalten haben .
    Beste Grüsse
    Frank
    PS: Ein sehr heikles Thema dürfte die Aufnahme mit Horowitz und Toscanini sein .
    Kennst Du eine ausführlichere Rezension ? F.

  • hallo, liebe brahms-freunde,


    ich versuche mal an dieser stelle meine erfahrungen mit diesen konzerten darzustellen. zuerst hatte ich während der schulzeit das 2. brahmskonzert kennengelernt undzwar in der DG-aufnahme mit gilels/berl. philh./jochum. ein paar monate später dann das erste konzert mit pollini/wiener philh./böhm. diese beiden aufnahmen haben mich geprägt. in der weiteren zeit habe ich dann folgende aufnahmen noch besessen, 1. konzert mit gilels, arrau, gelber, rubinstein, weissenberg, oppitz, zimerman, gutierrez;
    2. konzert mit backhaus, pollini, zimerman, rubinstein, arrau, gelber, oppitz, richter, anda, bulva, gutierrez.


    für mich haben sich folgende aufnahmen herauskristallisiert:



    diese aufnahme ist beeindruckend, eine der besten mit alexis weissenberg. weissenberg hat eine teilweise sehr archaische bis gewalttätige art des spiels. muti ist ja eher ein klangästhet mit seinem damaligen philadelphia orchestra. diese paarung ist ein tolles gemisch. ich kenne keine aufnahme, wo die triller im ersten satz so durchschlagend präsentiert werden. und im zweiten satz zwingt sich weissenberg zu ruhig-kantablem spiel.



    geza anda und karajan, ich habe meine lieblingsaufnahme dieses konzertes gefunden. diese aufnahme ist ein ideales beispiel für die verbindung von klang und form. phantastico !


    gruß, siamak

  • Hallo Brahms-Freunde,


    ich möchte meine Frage vom 18.02.05 nochmal wiederholern, da diese unbeantwortet bisher blieb !


    Wie klingt die Fleischer / Szell - Aufnahme der Brahms _ Klavierkonzerte Nr.1 und 2 heute auf SONY-CD ???


    :motz: Ich habe die Aufnahme auf CBS-Doppel-LP und die ist dermaßen verrauscht und im Stereopanorama rechtslastig, daß einem der Spaß vergeht - und das bei dieser Superinterpretation.
    Sind diese Fehler bei der CD-Compilierung eliminiert worden ?

  • Hallo,


    Brahms B-Dur Konzert ist für mich nicht nur der Höhepunkt der romantischen Konzertliteratur sondern gleichsam das größte, schönste, und Herausforderungsreichste Klavierkonzert der Musikgeschichte (danach folgen für mich Beethovens G-Dur und c-moll sowie das Schumann Konzert).


    Für mich führt Sviatoslav Richter unter Leinsdorf mit seiner epochalen Einspielung die Liste der gelungenen Aufnahmen an. Und das mit Abstand. Wer spielt die nahezu unmöglichen Pianissimooktaven der Scherzos, wer die absurden Sechzehntel-Triolen des letzten Satzes so sicher wie er? Wer bleibt im Finale des letzten Satzes so unverbrüchlich im Tempo (ich denke, Brahms verwendet hier den Fingersatz in genau dieser Absicht)? Im Andante dann lässt Richter die synkopierten Akkorde singen wie kein anderer. Wer kann es mit dieser stürmischen, leidenschaftlichen, aber nie oberflächlichen Lesart aufnehmen?


    Der eine oder andere Pianist mag ebenso wie Richter eine oder mehrere der genannten Meriten aufweisen, in der Summe unter dem Strich ist Richter jedoch der einzige der alles in seiner Interpretation vereint und damit den Nagel auf den Kopf trifft.


    Vielleicht noch ein kleiner Kommentar zu einigen weiteren Aufnahmen:


    Emil Gilels ist unter Eugen Jochum technisch souverän, wie immer mit großartig leuchtendem Ton. Für mich interpretatorisch aber zu gesund-eindimensional. Mit Schönklang allein ist dem Werk nicht beizukommen. Rudolf Serkin beeindruckt unter Ormandy mit seinem kühn-verwegenen Zugriff. So kann man das spielen. Vladimir Horowitz betont eher die mechanische als die kantable Seite des Werkes und profitiert von Toscaninis genialem Dirigat. Artur Schnabel vollbringt unter Adrian Boult interpretatorisch neues und spannendes, scheitert aber an seiner nicht immer lupenreinen Technik. Wilhelm Backhaus steht mit seiner etwas kühlen aber dennoch bewegenden Auffassung im Gegensatz zu Richters jugendlicher Frische.


    Liebe Grüße


    Gino

    Im Verhältnis zur Musik ist alle Mitteilung durch Worte von schamloser Art.
    Friedrich Nietzsche

  • Hallo,


    der Thread ist zwar schon etwas älter, aber auch ich möchte meine Begeisterung zu der Aufnahme mit Richter und Leinsdorf loswerden. Es ist wohl der größter Hörgenuss der gesamten Musik überhaupt.
    Wer diese Einspielung nicht als eines der größten Wunder der Musikgeschichte bezeichnet - und das tun hier Gott sei dank nur wenige - hat sie entweder noch nicht gehört oder einen verdammt schlechten Geschmack.
    Die Aufnahme übetrifft alles, was ich bisher gehört habe. Sie ist für mich der 6. Gottesbeweis. Warum, das steht in allen Kritiken (s. Amazon) und mein Vorredner hat auch schon etwas dazu gesagt.


    Ich will nur jedem, der diese CD nicht besitzt, dazu raten, sie sich umgehend zu besorgen. Teuer ist sie nicht, ich glaube um die 10 Euro. Und dazu bekommt ihr noch eine sensationelle Einspielung von Beethovens Appassionata.

    "Das Große an der Musik von Richard Strauss ist, daß sie ein Argument darstellt und untermauert, das über alle Dogmen der Kunst - alle Fragen von Stil und Geschmack und Idiom -, über alle nichtigen, unfruchtbaren Voreingenommenheiten des Chronisten hinausgeht.Sie bietet uns das Beispiel eines Menschen, der seine eigene Zeit bereichert, indem er keiner angehört." - Glenn Gould

  • hallo rappy,


    habe ich nun einen schlechten geschmack, wenn ich behaupte, dass die aufnahmen des 2. konzertes mit anda/karajan und gelber/kempe derjenigen von richter/leinsdorf ebenbürtig sind ?


    gruß, siamak

  • Zitat

    Original von AcomA
    habe ich nun einen schlechten geschmack, wenn ich behaupte, dass die aufnahmen des 2. konzertes mit anda/karajan und gelber/kempe derjenigen von richter/leinsdorf ebenbürtig sind ?


    Nein, nur wenn Du geschrieben hättest, dass sie besser sind… ;)


    Gruß, Cosima

  • Für mich ist bei Brahms 2 auch Richter absolute Referenz.
    Anda und Gelber kenne ich nicht, bis dato ist mir nur noch Gilels und Fleisher bekannt. Die spielen das Konzert auch grandios, bleiben aber doch minimal hinter Richter zurück. Woran es genau liegt, kann ich kaum beurteilen. Das ist so eine Gefühlssache.
    Ich bin gespannt, wie sich meine heutige Neuerwerbung Buchbinder macht.



    Gruß, Peter.

  • Heute kam die viel gepriesene CD 2. Klavierkonzert mit Leinsdorf und Richter an. Habe sie gehört und bin auch beeindruckt. Ob sie der 6. Gottesbeweis ist vermag ich nicht zu sagen :) aber die Investition hat sich gelohnt. Ich kenne das 2. Konzert bislang von Pollini/ Abbado auf DG, von Bernstein/Zimerman und von Maazel/Richter mit dem Paris SO. Ich finde, dass diese Leinsdorf/Richter Einspielung alles andere in den Schatten stellt, wenngleich ich solche Formulierungen der Superlativen nicht besonders mag, da auch die andern genannten Einspielungen wirklich gut sind.
    Nachdem ich diese Aufnahme gerade gehört habe, sehe ich, dass der Thread nach 3 Monaten des Schlummerns wieder ausgegraben wurde.
    Die Brahmsklavierkonzerte gehören für mich auch zu den absoluten Liebliungskompositionen überhaupt, ich würde mich freuen, wenn dieser Thread noch ein bisschen weiter belebt würde. Insbesondere möchte ich die schon von teleton zweimal gestellte Frage wiederholen: Wie stehts mit der Klangqualität der Fleisher/Szell-Einspielung auf CD? Sollte die in Ordnung sein, dann würde ich sie mir auf der Stelle ordern.
    Noch eine andere Frage: Gibts eine Einspielung des 1. Konzertes, die man bezüglich der "Feurigkeit", des Temperamentes, der Leidenschaft mit der Richter/Leinsdorf das " 2. Konzert eingespielt haben, vergleichen kann?
    Frage verstanden? ?(
    Gruß

  • Zitat

    Original von fohlenfanatiker
    Noch eine andere Frage: Gibts eine Einspielung des 1. Konzertes, die man bezüglich der "Feurigkeit", des Temperamentes, der Leidenschaft mit der Richter/Leinsdorf das " 2. Konzert eingespielt haben, vergleichen kann?


    Weissenberg / Muti - siehe weiter oben im Thread.


    Gruß, Cosima :)

  • Zitat

    Original von fohlenfanatiker
    Heute kam die viel gepriesene CD 2. Klavierkonzert mit Leinsdorf und Richter an. Habe sie gehört und bin auch beeindruckt. Ob sie der 6. Gottesbeweis ist vermag ich nicht zu sagen :) a


    Die ersten 5 sind windig genug, das ist ein eher fragwürdiges Lob.... :D


    Zitat


    Insbesondere möchte ich die schon von teleton zweimal gestellte Frage wiederholen: Wie stehts mit der Klangqualität der Fleisher/Szell-Einspielung auf CD? Sollte die in Ordnung sein, dann würde ich sie mir auf der Stelle ordern.


    Ich weiß nicht, ob es mehr als eine CD-Ausgabe gibt. Die in der kurzlebigen
    "Masterworks heritage" erschienenen CDs, hatte eine sehr gute Klangqualität, etwa den Schumann-Sinfonien mit Szell entsprechend. Die zugegebenen Händel-Variationen sind mono, aber die Konzerte gutes Stereo.


    Zitat


    Noch eine andere Frage: Gibts eine Einspielung des 1. Konzertes, die man bezüglich der "Feurigkeit", des Temperamentes, der Leidenschaft mit der Richter/Leinsdorf das " 2. Konzert eingespielt haben, vergleichen kann?
    Frage verstanden? ?(


    selbst gehört: Fleisher/Szell, Katchen (Decca, Dirigent vergessen)
    dem Hörensagen nach: Rubinstein/Reiner (RCA)


    viel Grüße


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Hallo Johannes,


    Danke für die Antwort zu der SONY-CD-Qualität der Fleischer/Szell -Aufnahme der beiden Brahms Klavierkonzerte. Wie ich ja weiter ober schon schrieb ist meine LP-Version technisch hoffnungslos schlecht.
    Ich werde mir diese jetzt Aufnahme in Kürze auch noch auf CD kaufen, obwohl es eigendlich nicht unbedingt notwendig wäre, denn ich habe angeregt durch diesen Thread das 1.Klavierkonzert gestern wiedermal mit Rudolf Serkin/Cleveland Orchestra/Szell auf SONY/CBS gehört.
    :] Diese Einspielung kann sich als eine der Besten in die Reihe der kraftvollen und energischen Aufnahmen des 1.Klavierkonzertes einreihen, was auch durch den packenden Zugriff beim Orchester durch Szell zu begründen ist, den Serkin voll mitgeht.
    Die Serkin/Szell-Aufnahme stammt aus 1961.