Warum wurden Komponisten "vergessen" ?

  • Liebe Forianer


    Immer wieder liest man von "vergessenen" Komponisten, von "Kleinmeistern" , von zu Unrecht verkannten etc etc.....


    Vertieft man sich in deren Biographie, bzw Werkliste, so stellt man fest, daß etliche der hier in Frage kommenden zu Lebzeiten alles andere als "Kleinweister" waren - ihr Ruhm verbreitete sich oft über ganz Europa.


    Dieser Thread soll keine "Kleinmeister entdecken" helfen - dazu gibt es Spezialthreads - bzw - wo noch nicht vorhanden - wird es welche geben.


    Er soll lediglich klären - unter welchen Bedingungen scheinbar hervorragende Komponisten und deren Werke in Vergessenheit geraten - welche davon dauerhaft wiederbelebt werden konnten - und welche derzeit wenig Chancen auf Wiederentdeckung haben.


    Ferner kann und soll auf Komponisten hingewiesen werden, die EINST vergessen waren - sich aber heute wieder großer Beliebtheit erfreuen.
    Dabei kann auf die Umstände eingegangen werden, WARUM sich deren Bekanntheitgrat wieder erhöht hat, durch Zufall oder ein bestimmtes Ereignis, etc.


    Jeder Forianer sollte sich - zumindest anfangs - auf maximal 3 Beispiele beschränken


    Hinweise mittels Verlinkung auf foreninterne Threads sind hier durchaus erwünscht.


    Ich würde das Jahr 1900 als obere Grenze sehen - "Verkannte Moderne" soll ein eigener Thread werden, da hier - so glaube ich zumindest - die Rahmenbedingungen andere sind.


    Ich selbst werde mich beteiligen wenn bereits einige andere Forianer hier gepostet haben.


    Freundliche Grüße aus Wien


    Alfred

  • Erklärungsbedürftig ist eher, jedenfalls in einem Musikbetrieb, in dem Musik, die älter als ca. 30 Jahre ist, als mehr oder weniger obsolet gilt wie das bis ca. Beethoven der Fall war, das Gegenteil: Warum werden manche Komponisten nicht vergessen?
    Die ersten Komponisten, die (von der Öffentlichkeit) nicht vergessen wurden, sind Händel und Mozart. Allerdings nur mit einer sehr kleinen ausgewählten Zahl von Werken. Figaro dürfte die erste Oper sein, die seit ihrer Premiere im Repertoire präsent geblieben ist (während selbst die Entführung und Cosi erst um 1900 wieder ins Repertoire fanden). Ähnliches gilt für die bekanntesten Oratorien Händels und wenige Werke von Haydn.
    Bach war in der Öffentlichkeit bis zu der berühmten Mendelsohnschen Matthäuspassion weitgehend unbekannt, wohl aber mit einigen Werken (besonders Klavierwerke) unter Musikern (besonders bei der Ausbildung des Nachwuchses) sehr präsent. Der erste Komponist, der mit einem wesentlichen Teil seines Werks öffentlich präsent bliebt, war Beethoven. Inzwischen war das öffentliche Konzert als zentrale Musikveranstaltung etabliert, hier gab es nicht nur Bedarf für aktuelle Musik, sondern einige wenige "Klassiker" blieben erhalten, besonders natürlich Beethoven, der für das ganze 19. Jhd. der Bezugspunkt ist. Im 19. Jhd. stieg dann das akademische und historische Interesse an der Musik der Vergangenheit (Renaissance, Barock), aber auch wenn Brahms wohl Musik von Schütz kannte und bewunderte, so wäre er wohl kaum auf die Idee gekommen, sie aufzuführen. Es gibt angeblich (leider kann ich das nicht belegen, habe es irgendwo gelesen) einen Briefwechsel von Brahms und Joachim über Mozarts Sinfonia Concertante, in dem sie sich einig sind, dass es ein großartiges Stück sei, aber eine Aufführung ohne Bearbeitung ausschließen.
    Warum und ab wann genau (um 1900?) mehr und mehr Alte Musik auch zur Aufführung gebracht wurde, weiß ich nicht genau; das gesamte 19. Jhd. war ja ein sehr historisch orientiertes Zeitalter, vermutlich war eine solche Entwicklung natürlich. Spätestens in den 20er Jahren war die "Alte-Musik-Bewegung" ja auch ein ganz wichtiger Strom, sich von Spätromantik (und Moderne) abzusetzen.


    viele Grüße


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Ad hoc fallen mir ein: Felix Draeseke, Hermann Goetz und Wilhelm Kienzl (dessen bekannteste Oper, "Der Evangelimann", noch vor Alfreds Grausbirnendatum 1900 entstanden ist).


    Dass ein Komponist "vergessen" wird, kann meiner Meinung nach mehrere Ursachen haben: Einerseits kann sein Werk dadurch quasi entbehrlich werden, dass im gleichen Genre etwas geschrieben wird, das einfach mehr Aufmerksamkeit auf sich zieht: So sind Draesekes glänzende Symphonien wahrscheinlich im Spannungsfeld Wagner-Bruckner verloren gegangen.


    Es kann sich allerdings auch die Verlagssituation zu Ungunsten eines Komponisten entwickeln. Oder sein Hauptwerk fällt in ein Genre, das, aus welchen Gründen auch immer, allmählich verschwindet. So scheint es mir mit Goetz und Kienzl zu sein, deren Hauptwerke dem Umfeld der Spieloper entstammen bzw., vor allem bei Kienzl, auf ihr aufbauen und sie in Richtung Volksoper weiterentwickeln.

  • Nun ja, wann ist denn ein Komponist "vergessen"? Den Ausführungen von Johannes nach kann es nur um Komponisten des 19. Jh. gehen. Zu jedem müßte nun die Rezeptionsgeschichte betrachtet werden, dann bräuchte man einen Schwellwert, ab wie wenigen Aufführungen in einem Jahrzehnt, dieses als eine Zeit gelten darf, in der der Komponist "vergessen" war.


    Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, dass Kienzl jemals vergessen war.

  • Salut,


    ich glaube nicht, dass sie "vergessen" wurden. Entweder wurden sie verdrängt, weil man Besseres oder Gleichwertiges nicht [mehr] duldete oder sie wurden nur zu Gunsten einer anderen Mode geparkt.


    Wären sie wirklich vergessen worden, hätte man sie nicht "wiederentdecken" können. Es gilt nämlich "Was gut war, kommt wieder..."


    :hello:


    Ulli

  • War es nicht so, dass nach seinem Tod das Werk von keinem Geringeren als Johann Sebastian Bach in Vergessenheit geriet - und in der Tat viele Manuskripte seiner Werke durch mangelnde Sorgfalt seiner "Nachlassverwalter" (auch ein Ausdruck des fehlenden allgemeinen Interesses an Bachs Werk zu dieser Zeit) für immer verloren gegangen sind?


    Erst ca. achtzig Jahre nach Bachs Tod war es der Komponist und Dirigent Felix-Mendellsohn Bartholdy, der die Renaissance der Werke Bachs in Deutschland einleitete. Unter anderem wurde unter seiner Leitung 1829 die Matthäuspassion erstmalig seit Bachs Tod wieder aufgeführt.


    katlow

  • im letzten Jahr sah ich an der Staatsoper "le Vili" von Puccini (zusammen mit Osud/Janeczek, dirigiert von Simone Young).
    Warum ist gerade dieses Stück nicht so populär geworden, wie andere Opern Puccinis?

    WHEN MUSIC FAILS TO AGREE TO THE EAR;
    TO SOOTHE THE EAR AND THE HEART AND SENSES;
    THEN IT HAS MISSED ITS POINT
    (Maria Callas)

  • Das sogenannte Vergessen hat auch viel mit den politischen und kulturellen Umwälzungen um 1800 zu tun.


    Allein durch die frz. Revolution wurde eine 200 jährige Musiktradition ausgelöscht - und das mit politischer Absicht !
    Es gab keinen Absolutismus mehr und jegliche Musik die für Könige und Fürsten geschrieben wurde verlor seine Bedeutung, ganz besonders war ja das gesamte Zeitalter des Barock den Menschen des 19. Jahrhunderts "verhasst", da herrscht eine völlig andere Geisteshaltung.
    Wenn man nur an die "Vergewaltigungen" denk mit denen man die Paläste und Gärten im Geschmack des 19. Jahrhunderts umgestaltete :kotz:


    Ich denke gerade Philosphie und Politik haben hier einen enormen Einfluss.


    Die einzigen Ausnahmen die ich kenne, die wirklich nicht vergessen wurden waren z.B. die drei großen Renaissance Meister, Palestrina, Lassus, Victoria.


    Händel, naja seine Opern verfielen sehr wohl der Vergessenheit.


    Dann in Frankreich wurden die alten Komponisten, ganz besonders Lully mit dem Absolutismus in Verbindung gebracht und deshalb verdrängt.
    Zwar nichtmehr gespielt - aber war sein Einfluss zu stark, als dass man seine Existenz hätte leugnen können.


    Gluck und Haydn dürften doch ebenfalls immer präsent gewesen sein ?

  • Zitat

    Original von der Lullist
    Allein durch die frz. Revolution wurde eine 200 jährige Musiktradition ausgelöscht - und das mit politischer Absicht !


    Wurde 1770 in Paris normalerweise Lully gespielt? Nicht eher Gluck oder Jommelli?


    Zitat


    Die einzigen Ausnahmen die ich kenne, die wirklich nicht vergessen wurden waren z.B. die drei großen Renaissance Meister, Palestrina, Lassus, Victoria.


    Ja? Wurde um 1750 in Gottesdiensten Musik von Lassus gespielt? Wo?
    Palestrina war so etwas wie der Musterkomponist der katholische Kirche, daher als "Lehrbuch" und Vorbild in diesem Rahmen bekannt. Aber solche Nischen (gab es lokal noch öfter wie das Allegri-Stück, das Mozart angeblich niederschrieb) waren absolute Ausnahmen und normalerweise wurde sagen wir um 1700 neu komponierte Kirchenmusik gespielt, nicht Palestrina, oder?


    Zitat


    Händel, naja seine Opern verfielen sehr wohl der Vergessenheit.


    Die gesamte Operaseria Produktion verfiel sehr schnell der Vergessenheit, bzw. es wurden eben immer wieder neue Opern auf die alten Libretti geschrieben. Einige von Händels Oratorien wurden jedoch in England offenbar nach seinem Tod regelmäßig weiter aufgeführt, und auch Acis & Galatea.


    Zitat


    Gluck und Haydn dürften doch ebenfalls immer präsent gewesen sein ?


    Ja, ausschnittsweise, und Haydn eher bei Musikern als beim Publikum. Haydns Sinfonien wurden bis weit ins 20. Jhd. bis auf sehr wenige ignoriert, präsent dürften hauptsächlich die beiden Oratorien gewesen sein. Glucks Opern wurden oft massiv bearbeitet (Berlioz hat Orphee/Orfeo, hat nicht auch Wagner eine bearbeitet?)
    Mit "vergessen" meinte zumindest ich nicht "Name vergessen", sondern dass die Musik nicht aufgeführt wird oder nichtmal Musikern bekannt war.


    viele Grüße


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Katlow:


    Zitat

    War es nicht so, dass nach seinem Tod das Werk von keinem Geringeren als Johann Sebastian Bach in Vergessenheit geriet -


    Es wird es wieder einmal an der Zeit, ein weit verbreitetes Klischee zu widerlegen. Nein: Bach wurde nicht "vergessen", allein die beachtliche Zahl seiner Schüler auf Orgel und anderen Tasteninstrumenten gaben in ununterbrochener Folge seine Werke und seine geistig-schöpferischen Intentionen weiter. Ich nenne in diesem Zusammenhang nur seine komponierenden Söhne und seine Schüler Doles, Homilius und Kittel.


    Bachs "Wohltemperiertes Clavir" war sicher das in ganz Europa am weitesten verbreitete Werk für ein Tastenisnrument. Die absolute "musikalische Autorität" in Fragen Kontrapunkt, Padre Martini aus Mailand,
    unterrichte Kontrapunkt anhand der Werke von Fux UND Bach noch zu Lebzeiten des Komponisten.


    Die hier erwähnten oratorischen Werke waren auch zu Bachs Lebzeiten einem Publikum ausserhalb Leipzigs unbekannt und selbst Bachs erster Biograf Forkel hat nie eines seiner Vokalwerke zu Gesicht bekommen.
    Mendellsohns und Zelters Verdienst war es, die Matthäuspassion nach 100 Jahre "Ruhe" wieder aufgeführt zu haben, aber beid ehaben Bach nicht "wiederentdeckt"; der war nämlich in Wiklichkeit niemals verschwunden !

    Das geht über das Sagbare hinaus. Das läßt sich nicht deuten und bedarf keiner Deutung. Es kann nur gehört werden. Es ist Musik. (H.H.Jahnn)

  • Lully wurde immer noch gespielt 1770 z.B. zur Eröffnung des Opernhauses in Versailles "Persee", bis 1774 gab es noch eine recht extreme Lully Pflege, den Louis XV schätzte seine Musik ebenso sehr wie sein Großvater.
    In der Pariser Oper waren seine Opern bis zum Ausbruch der Revolution zu finden.
    Man muß sich seine Werke in der damaligen Bedeutung so vorstellen, wie das bei uns Heute bei Mozart oder noch eher bei Wagner bewusst ist.


    Ersta ab 1774 ist verstärkt der Einfluss von Gluck, Salieri Sacchini, Piccinini zu spüren.
    Das lag zum einen daran, dass Louis XVI und Marie Antoinette keine besonderen Musikkenner waren, oder neutraler formuliert sich nicht für die erhaltung der Nationaloper sonderlich einsetzten.
    Marie Antoinette war zudem noch von Gluck und Grètry begeistert.
    Das dümpelte so vor sich und mit den Niedergang der Monarchie verfiel auch die alte Musik.



    Und wenn ich mir die sakralen kompositionen von Fux oder Scarlatti ansehe dann ist der Einfluss Palestrinas absolut zu hören, ich denke das zumindest die Musiker diese Werke sehr gut kannten.
    Im öffentlichen Gebrauch wurden sie wohl kaum gesungen - vielleicht im Vatikan....
    Ich habe mich nie näher damit beschäftigt, aber vor kurzem habe ich herausgefunden, dass es z.B. am Hofe Louis XIV schon eine Pflege der alten Musik gab:


    Die gregorianischen Choräle wurde große Bedeutung beigemessen, alles was man aus alten tagen fand wurde gesammelt, katalogisiert und auch gespielt!


    Ich denke gerade die verschiedenen Höfe haben da recht viel erhalten.
    Ich denke nur daran dass bei Gottesdiensten in England noch Gibbons und andere aus dem beginnenden 17. Jahrhundert gesungen wurden...

  • Auch die Holländer habe noch viel Bach gespielt, als er tot war.
    Habe ich jedenfalls mal gelesen.


    Aber ein Komponist, der ziemlich vergessen ist, ist Dietrich Buxtehude.
    Ich meine wenn man sich wirklich für Musik interessiert kennt man ihn, aber sonst kennt ihn kaum einer.
    Ich weiß zwar nicht warum der vergessen ist/wurde, aber vielleicht liegt es ja daran das er im Schatten Bachs steht, obwohl er ja eigentlich Bachs Lehrer war, und seine Werke sich wirklich nicht vor Bachs Werken Verstecken müssen.

  • Jedenfalls kann man sagen, daß es kein Zeichen von minderer Qualität ist vergessen worden zu sein. Es hat zumeist lediglich etwas mit Zeitgeist und Zufall zu tun.


    Boccherini beispielsweise war so beliebt bei seinem Dienstherrn, daß ihn dieser zwar fürstlich entlohnte - aber seine Werke unter Verschluß hielt.....


    Ries - er gilt als Epigone - ist Beethoven zu nah.
    Kurz nach Beethovens tof gab es für Komponisten zwei Kardinalfehler um negiert zu werden:


    1) sie waren ähnlich wie Beethoven
    2)sie waren anders als Beethoven


    NUn einige Komponisten, die in meiner frühen Juigend kaum bekannt waren


    Vivaldi - Mann wusste dass da etwa 600 Werke vorhanden waren, aber man spielte lediglich einige wenige Konzerte - vorzugsweise die "Jahreszeiten" Opern waren "vergessen"


    Cannabich, Pleyel, Vanhal, Vranicky, Kozeluck, wer kannte die vor 40 Jahren.


    Auch Gustav Mahler wurde erst um 1960 wieder "ausgegraben -ganz vergessen war er indes nie.


    Freundliche Grüße asu Wien


    Alfred

  • Zitat

    Kurz nach Beethovens Tod gab es für Komponisten zwei Kardinalfehler um negiert zu werden:


    1) sie waren ähnlich wie Beethoven
    2) sie waren anders als Beethoven


    Du wirst für meine Beerdigung zahlen müssen... ich lache mich [noch immer] tot. Mindestens musst Du für eine Lkw-Ladung Taschentücher wegen der Lachtränen aufkommen, sofern ich das heute noch überlebe - ich habe Bauschmerzen vor Lachen.


    :D :D :D :D :D :D


    Ulli

  • Zitat

    Original von Alfred_Schmidt


    NUn einige Komponisten, die in meiner frühen Juigend kaum bekannt waren


    Vivaldi - Mann wusste dass da etwa 600 Werke vorhanden waren, aber man spielte lediglich einige wenige Konzerte - vorzugsweise die "Jahreszeiten" Opern waren "vergessen"


    Vor 100 Jahren waren noch nicht mal die "4 Jahreszeiten" irgendjemandem bekannt, geschweige denn als Ohrwurm im Umlauf.
    Erst als man ungefähr die Hälfte der Werke auf einem alten italienischen (?) Dachboden fand, die genausogut auch heute da noch liegen könnten, wurde man auf Vivaldi aufmerksam und er hat eine gewaltige Entwicklung in der Beliebtheitsskala hinter sich. Hinter Bach und Händel wird doch heute zumeist der Name Vivaldi genannt, den man vor 100 Jahren so gut wie gar nicht kannte.



    Gruß, Peter.

  • Sagitt meint:


    Zwei Grosse stehen heute am Rande: Heinrich Schütz und Telemann.
    Beide erlebten zwar eine gewisse Renaissance, Schütz so um 1985 herum ( sein vierhunderster Geburtstag), ist aber längst wieder versunken. War es nicht der Dresdener Kammerchor, der vor wenigen Jahren nicht den kompletten Schwanengesang von Schütz darstellte mit der Begründung, so viel Schütz könne man dem Publikum nicht zumuten ( assoziativ dazu: Brahms war eine gewisse Zeit Chorleiter in Wien und für seinen " schweren" Programme berüchtigt, da war sicher auch Schütz bei). Die Strenge, der ausschliessliche Bezug auf religiöse Themen machen ihn natürlich nicht gerade populär.
    Telemann galt im 19Jhdt. als Großmeister des Banalen- Vorurteil von Spitta und anderen.Harnoncourt und andere haben ein wenig zur Renaissance beigetragen, aber wirklich gewürdigt wird er auch heute nicht. Vielschreiber,taugt wohl nichts. So gibt es von der köstlichen Kantate über das Ableben seines Canari mal gerade eine - uralte, und nicht die beste- Aufnahme.Anders als Vivaldi, dessen sich doch viele angenommen haben, bleibt der große Telemann relativ im Dunkel. Altes Vorurteil ? Oder ?

  • Neben Schütz und Telemann sicher auch (meiner Meinung nach sogar in höherem Maße) Heinrich Ignaz Franz von Biber. Zwar gibt es nunmehr vier Aufnahmen der Missa Salisburgensis, aber wirklich populär - das ist er bestimmt nicht.



  • Carus Ulli, :)


    woher hast Du eigentlich immer diese schönen Ebner-Eschenbach Zitate?


    Sollte mir da eine wichtige Aphorismensammlung bisher entgangen sein? Oder hast Du die einzeln aus diversen Anthologien rausgeschrieben?


    fragt Carola :hello:

  • Ich teile sagitts Einschätzung zu Telemann (und teilweise auch zu Schütz) nur bedingt. Es kommen immer wieder neue Aufnahmen von Werken Telemanns auf den Markt, wobei sich cpo besonders hervortut. Immer wieder taucht dabei der Name von Ludger Remy auf, entweder als Ensembleleiter oder als Begleiter auf dem Claviere. Ähnliches gilt auch für Michael Schneider und seinem Orchester.


    Wirklich populär werden wohl weder Schütz noch Telemann noch Biber jemals werden. Dazu ist die Präsenz-Übermacht von Mozart, Beethoven, Verdi oder Bach einfach zu groß und die Lust vieler Leute was anderes zu hören zu klein. Solang für viele die Musikgeschichte erst um 1800 beginnt wird sich daran nicht ändern. ;(



    :hello:
    Thomas

    Da freute sich der Hase:
    "Wie schön ist meine Nase
    und auch mein blaues Ohr!
    Das kommt so selten vor."
    - H. Heine -

  • Sagitt meint:


    cpo ist nun gar kein Argument, weil die- verdienstvoll !!- sich allen möglichen Nebenmeistern widme,Raff,Jenner u.v.a. Schütz und Telemann sind aber keine Nebenmeister,sondern Großmeister, nicht nur ihrer Zeit.
    Das ist der Unterschied.
    Ich behaupte nicht, dass sie völlig vergessen sind, sondern nur, dass sie im Schatten stehen, aus unterschiedlichen Gründen. Schütz ist ferne Vergangenheit und Telemann haftet das Odium des Vielschreibers an.

  • Telemann hat mich als besonders Vernachlässigter auch gewundert, schließlich ist er eigentlich einer der beliebtesten seiner Generation. Wenn man ihn mit Bach und Vivaldi vergleicht, freilich ...


    Welche sind denn die Großen dieser Generation? Vivaldi, Telemann, Rameau, D. Scarlatti, Händel und Bach. Telemann habe ich in Konzerten jedenfalls öfter gehört als Rameau, in Frankreich mag das anders sein.


  • ***hmpf***


    Ich dachte, man würde mir abnehmen, dass ich sie alle auswendig weiß... :D


    Nein, hier sind sie drin:


    Quadratisch [naja], praktisch, gut:



    Ein nettes und kostengünstiges Geschenk für eigentlich jeden Anlass...


    :hello:

  • Klasse, und dann noch von Reclam - preisgünstig also.


    Und die Portokosten bei jpc hat man damit ja dann auch gespart!


    So dass ich eigentlich doch jetzt schon wenigstens ein oder zwei neue CD´s bestellen könnte... :D


    Schnell mal nachsehen, was ich so alles auf dem Wunschzettel hab´.


    Danke!


    Carola :hello:

  • Zitat

    Telemann hat mich als besonders Vernachlässigter auch gewundert, schließlich ist er eigentlich einer der beliebtesten seiner Generation. Wenn man ihn mit Bach und Vivaldi vergleicht, freilich ...


    Sehr interessant, das SO zu lesen, vor einingen Jahren hätten man noch geschrieben "der seichte Vielschreiber Vivaldi....."


    ..und wir nähern uns einem Zeitalter, da man das immer öfter über Mozart lesen kann.....


    Ich glaube, daß etliche Komponisten quasi "ins Archiv" gelegt werden - um dann wieder "entdeckt" zu werden, wenn die Zeit dafür reif ist.


    Da spielt ein gewisses gesellschaftliches Wertesystrem offenbar auch eine Rolle - mehr aber noch wie die Werke eines Komponisten wiedergegeben werden.


    Ich denke hier insbesondere an Vivaldi, der einst fast wie Bach gespielt wurde und iregendwir dröge klang - der neue forschere Zugriff - der augenblicklich in Mode ist - tut seinen Werken jedoch ausgesprochen gut (unabhängig davon ob das nun WIRKLICH historisch korrekt ist - oder (wie ich glaube) -eher nicht) -im Gegensatz etwa zu Mozarts Spätwerk.


    Wenn sich einst die richtigen "Anwälte" für Telemann finden - dann wird er wieder aufstehen wie "Phönix aus der Asche"


    Wer übrigens Barock liebt (das ist meiner Meinung nach schon Voraussetzung !!) aber Telemann gegenüber Vorbehalte hat, dem empfehle ich zum Einstieg diese CD !!! (Achtung - nicht alles von ihm ist so effektvoll ;) )



    Liebe Grüße aus Wien


    Alfred

  • Bei Telemann und Schütz die ich absolut zu den ganz großen Komponisten zähle, absolut gleichwertig, gibt es eben diverse Probleme mit denen der "normal Hörer" wahrscheinlich Probleme hat.


    Schütz:
    Ersteinmal ist von ihm fast nur religiöse Musik erhalten, was nicht unbedingt als Publikumsmagnet wirkt. Dann muß seiner Musik eine wirklich gute Interpretation widerfahren, sonst wird es schnell tröge.
    Bei Cantus Cölln z.B. oder der Weser Renaissace passiert sowas nie...


    Dann ist es wohl sein Stil, der Musikstil des frühen Barock ist für viele wohl einfach zu ungewohnt, allein schon der Klang von Violinen Posaunen und Zinken im Zusammenspiel.
    Bei Schütz muß man sich wirklich einhören, doch was man dann erlebt ist einfach wunderbar, als ich zu ersten mal seine Exequien hörte stockte mir der Atem und ich hatte "Pipi" in den Augen....



    Telemann:
    Das größte Problem hier ist, dass durch die riesige Menge an Kompositionen bisher keine "populären Meisterwerke" im Sinne der Brandenburgischen Konzerte etc. ausgesondert wurden.
    Eventuell die Suite für Blockflöte und Orchester in a-moll.....


    Dann kommt hinzu dass Telemann sehr viel Witz in seiner Musik hat, der sich aber erst entschließt wenn man mehr über die Barockmusik und die damaligen Gebräuche weiß.
    Vieles von ihm ist immer noch nahezu unbekannt, kein Wunder bei der Masse an Kompositionen - was für mich aber kein Merkmal für die Qalität sein kann.


    Er selbst sah die Sammlung "Tafelmusik" als eine seiner bedeutensten Schöpfungen an, auch interessant die Pariser Quartette - aber wie gesagt es gibt so dermaßen viel, seine Opern, seine Oratorien Kantaten seine etwa 1000 Orchestersuiten......


    Das schlimmste ist wohl dass viele diese Vorurteile die von Schweitzer und anderen in die Welt gesetzt wurden bis Heute glauben.

  • Salut,


    ich bin nicht sicher, ob sich ein eigener Thread lohnt, daher hier die Frage:


    Warum werden Kleinmeister wiederentdeckt?


    Ich bin [wie Alfred] Mozart-Sympathisant und "notorischer Fremdgänger", was Komponisten des 18. Jahrhunderts betrifft.


    Ich frage mich aber, ob ich bzw. wir diese Entdeckungstouren unternehmen, um wirklich Neues kennen zu lernen oder um lediglich eine "Bestätigung" von Mozarts Einzigartigkeit zu erhalten. Bei mir war eigentlich Letztgenanntes der ausschlaggebende Punkt - ich wurde belehrt...


    :hello:


    Ulli

  • Zu den "Kleinmeistern " des 18. Jahrhunderts kam ich aus einem anderen Grund als Ullli:


    Warum musste Mozart schon mit 35 Jahren sterben ? so fragte ich mich.
    Was hätte er uns noch alles geben können ?


    Aber das ist nur eine Illusion.
    So machte ich mich auf die Suche nach Komponisten die Mozart weitgehend ähnlich sind - und wurde FÜNDIG.


    Oft allerdings anders als erhofft - ich fand Kompositionen -JENSEITS von Mozart. Etliche waren grundverschieden - wiesen aber letztlich doch immer jene Eigenschaften auf die gemeinhin Mozart zugebilligt werden)


    So entdeckte ich Eberl, Cannabich, J. Chr. Bach, Hummel, Clementi, Kozeluch, Schubart, Edelmann, Pleyel, Schrötter, und etliche andere.


    Natürlich interessierte ich mich auch für die Opern des Herrn Salieri - nichts war vor mir sicher. - und diese Faszination lässt mich bis heute nicht los....


    LG


    aus Wien


    Alfred

  • für meinen Teil bin ich immer sehr, sehr vorsichtig irgendjemanden als Kleinmeister zu bezeichnen.


    Aber was ich z.B. wirklich nicht brauche ist diese Zeug was schon damals Massenwahre gewesen ist: Triosonaten in jeglicher Form


    Mann denke nur an die etlichen Bücher von Boismortier, damit haben schon die Leute im 18. Jahrhundert ihren Salon lieber geheizt als sie zu spielen.
    Leider übersieht man dann eben sehr schnell das Boismortier doch ein ernstzunehmender Komponist neben Rameau, Mondonville, Leclair und Campra gewesen ist.


    Auf der anderen Seite sind Veröffentlichungen von so gut wie vergessenen Komponisten für mich sehr wertvoll, da man durch ihre Werke ein viel besseres Bild der jeweiligen Epoche bekommt.
    Ich glaube nicht, dass man vom Barock eine wirkliche Vorstellung haben kann wenn man sich auf Bach und Händel beschränkt!



    Auf der anderen Seite erkennt man dann erst Recht den Wert der Brandenburgischen Konzerte und erkennt ihre Einzigartigkeit.
    Und dann lernt man wirkliche Großmeister kennen, die auf der gleichen Stufe stehen wie Bach und Händel: Schütz, Monteverdi, Lully, Purcell, Fux, Biber, Schmelzer, Telemann...



    Bei mir war der Grund mich von den etablierten Komponisten "abzuwenden" ein anderer:
    Ich wollte wissen wie Musik um 1650 geklungen hat, was wurde in Spanien gemacht, was wurde für Louis XIV gespielt - was spielte man im 30 jährigen Krieg etc.


    Ich wurde nicht enttäuscht, ich habe Musik gefunden von der ich nicht zu träumen wagte, vieles hat die Werke der Etablierten ( meiner Meinung nach ) weit übertroffen und ich bin ein absoluter Entdecker und werde das auch fortsetzen! :D