Kitsch in der Klassik

  • Liebe Forianer


    Eigentlich bin ich mir nicht ganz schlüssig wie man das Thema angehene/benennen soll.


    Aber es ist ein, wie ich glaube ergiebiges Thema, das von vielen Seiten angegangen werden kann. Hier einige mögliche Fragestellungen:


    Kann klassische Musik (im landläufigen Sinn des Wortes) "kitschig" sein ?
    Gibt es Komponisten, die "Kitsch" bewusst als Kunstkniff einsetzten, bzw. gibt es Komponisten, die eine gewisse Affinität zum Kitsch haben, oder ihm völlig erlagen ?
    Was versteht Ihr überhaupt unter "kitschig" in diesem Zusammenhang ?
    Wer bestimmt was kitschig ist und was nicht ?


    Welchen klassischen Musikepochen ist der Kitsch Eurer Meinung nach fremd ? (und warum ?? :stumm: )


    Verabscheut Ihr Kitsch in der Musik, habt Ihr Euch mit Ihm "arrangiert" oder mögt Ihr ihn vielleicht sogar ?


    Ich nehme an das wird ein Thread bis in die Mitte der dreißiger Jahre dieses Jahrhunderts.


    Freundliche Grüße aus Wien


    Alfred

  • Salut,


    als erstes finde ich, dass "Kitsch" in seiner Bedeutung einem gewissen Wandel unterliegt. Wenn ich mich recht entsinne, wurde der Begriff "Kitsch" Ende des 19. Jahrhunderts geprägt. Wirklich schlüssig aber kann es niemand erklären, was eigentlich "Kitsch" ist. Kitsch kann durchaus schön sein - heute ist damit aber wohl eher wertloser Kram gemeint.


    Meiner Meinung nach ist der Schritt vom Kitsch zum Meisterwerk ebenso, wie der von Genie zum Wahnsinn... die Spuren sind verwischt.


    Kann klassische Musik (im landläufigen Sinn des Wortes) "kitschig" sein ?
    Ich würde das viel eher als "schnulzig" bezeichnen.


    Gibt es Komponisten, die "Kitsch" bewusst als Kunstkniff einsetzten, bzw.
    Ja, gibt es. Wobei ich nicht weiß, ob sie zu dem Zeitpunkt bereits den Begriff kannten.


    Was versteht Ihr überhaupt unter "kitschig" in diesem Zusammenhang ?
    Hier kommt die Frage nach dem Gehalt oder der Inhaltslosigkeit eines Werkes auf.


    Wer bestimmt was kitschig ist und was nicht ?
    Siehe ganz oben.


    Cordialement
    Ulli

  • Ich verstehe "Kitsch" immer als Urteil, das die Bewertung als "minderwertig" einschliesst. Daher habe ich ein Problem, Musik, die ich für gut halte als "Kitsch" zu bezeichnen.


    Wenn man aber den Begriff auf z.B." hemmungslos gefühlslastig" reduziert (eine bessere Definition fällt mir auf die Schnelle nicht ein, also bitte Nachsicht!), was der deutschen Mentalität schnell kitschverdächtig im negativen Sinne ist, fallen mir natürlich sofort Tschaikowsky (wobei die Ouvert. 1812 IMO ein Beispiel für schlechten Kitsch ist), Rachmaninoff und Puccini ein, die es ja auch lange schwer hatten und haben ("der Verdi des kleinen Mannes") von sog. ernsten Fachleuten anerkannt zu werden, aber bezeichnenderweise in den letzten Jahrzehnten immer Publikumslieblinge waren.


    "Echter" "Kitsch" als Stilmittel?
    Die italienische Arie des Sängers im Rosenkavalier: Kunstvolle (!) Parodie von Kitsch. Ins groteske überzeichnet: Beckmessers Ständchen und seine Preislied Variante. Manches von Lortzing kann man so interpretieren (siehe den einschl. thread).

  • Da fand ich doch zwecks Definition bei wikipedia folgendes Bedenkenswertes:


    Jemand der Kitsch herstellt, ist nach Broch "nicht einer, der minderwertige Kunst erzeugt, er ist kein Nichts - oder Wenigkönner … er ist kurzerhand ein schlechter Mensch, er ist ein ethisch Verworfener, ein Verbrecher, der das radikal Böse will. Oder etwas weniger pathetisch gesagt: er ist ein Schwein."


    Hoho...


    In der Tat ist Kitsch schwer zu fassen, aber nie ist der zu kritisieren, der Kitsch konsumiert, sondern der, der sie "kalkuliert" herstellt. Der offen gewollte Sehnsuchtsfantasien anspricht. Das heißt aber auch, dass es Kitsch gibt, das einstmals Kunsthandwerk war und dann zu Kitsch verkam.


    Musikalisch gesehen sind Stokowskis Bachbearbeitungen totaler Klangkitsch, aber sie waren nie als kalkulierter Kitsch gedacht. Oder? ?(

  • Zitat

    Original von Blackadder
    Der offen gewollte Sehnsuchtsfantasien anspricht.


    Na, ich weiß nicht so recht, ob es das wirklich trifft. Machen das nicht alle Komponisten bewußt hin und wieder?


    Stokowski halte ich nicht für "Kitsch" - sondern für völlig daneben. Große Blech- und Holzensembles machen Bachs Werke nur kaputt - James Last hingegen war da besser... :rolleyes:


    :hello:


    Ulli

  • Ja, okay, da ist meine Aussage zu unscharf. Da geb ich Dir Recht. Spreche ich lieber von offen kalkulierter Wirkung, vielleicht von der einzig beabsichtigten Wirkung, verbunden noch mit der breitesten Streuung des Effekts...

  • Ich glaube, man tut Stokowski heute unrecht. Natürlich ist sein Bach (in-) diskutabel, man kann über seine Mussorgskij-Bearbeitungen lästern und aus heutiger Sicht ist die individuelle Bogenführung bei den Streichern Mumpitz.
    Andererseits: Kein anderer Dirigent hat ähnlich viel geleistet für die zeitgenössische Musik - und zwar, ohne sich entweder den Konservativen oder den Radikalen zu verschreiben. Stokowski hat mit unbedingtem Einsatz und fast messianischem Glauben für die lebenden Komponisten gekämpft. Er machte rund 2000 (in Worten: zweitausend) Uraufführungen. Sogar im Alter von über 90 Jahren lernte er noch neue Werke - etwa eine Symphonie des damals ebenfalls rund 90-jährigen Briten Havergal Brian.
    Ich glaube, das ist eine Leistung, die man honorieren muss und die man nicht einfach damit herunterspielen kann, dass Stokowskis Bach-Bearbeitungen eher gut gemeint als gut sind.

  • Zitat

    Original von Edwin Baumgartner
    Ich glaube, das ist eine Leistung, die man honorieren muss und die man nicht einfach damit herunterspielen kann, dass Stokowskis Bach-Bearbeitungen eher gut gemeint als gut sind.


    Salut,


    es geht ja hier ausschließlich um den "Kitsch" - nicht um sonstige Leistungen. Dennoch - eine Ehrenrettung ist immer gut...


    :beatnik:


    Ulli

  • Zitat

    es geht ja hier ausschließlich um den "Kitsch" - nicht um sonstige Leistungen. Dennoch - eine Ehrenrettung ist immer gut...



    Bei diesem Hinweis könnte allerdings der - in meinen Augen völlig unberechtigte - Eindruck entstehen, daß die Non-Kitsch-Leistungen bei Stokowski die Ausnahme dargestellt haben, was sicher nicht der Fall war.


    Wenn ich mich nicht irre, beruhen Worte auf Vereinbarung. "Sonstige Leistungen" werden gemeinhin eben nur als "Nebenleistungen" angesehen. Richtig?

  • ;(


    Warum versteht mich immer niemand...?


    Eine "sonstige Leistung" ist in erster Linie eine LEISTUNG. Das "sonstige" ist nicht wertend gemeint, sondern meint ganz im klassischen Sinne "das Übrige" oder "das Weitere", was eben gerade jetzt nicht detailliert angesprochen wird.


    Das Deutsche Steuerrecht trennt z.B. die "Lieferung" von der "sonstigen Leistung". Grund der Unterteilung ist nicht die Wertung, sondern der mögliche Ort der Besteuerung. Das aber tut nichts zur Sache...


    Wenn ich in Deiner Übersetzung von "Kitsch - nicht um sonstige Leistungen" spreche, würde ich ja den Kitsch höher bewerten, als das Übrige... ?( :rolleyes:


    :hello:


    Cordialement
    Ulli

  • musikalischer Kitsch


    oberflächlich ==> sentimental ===> Kitsch.


    Für mich ergeben diese drei Begriffe eine logische Kette, die von zweidimensionalem Musizieren lediglich in belanglos ungefährlicher, weil der Natur der Unverbindlichkeit zugehöriger Ausprägung und somit in schwacher Anspannung aufrecht gehalten wird; eine Aussage, die es sich nicht traut, konkret Stellung zu beziehen, um im in neutraler Stellung indifferent verharren zu können.


    Oberflächlich: Auswaschung von Kanten, den geradlinigen Mittelweg suchend, der erlaubt, niemanden weh zu tun, niemanden zu vergraulen um Harmonie vorzugaukeln.


    Sentimental: aufgrund der gewählten Aussparung von wahren Tiefen folgt der Rückfall in die Sentimentalität und in letzter Instanz wird….


    Kitsch produziert; gefühllos seichte Anbiederung, die eventuell nett gemeint ist aber all zu schnell den gegenteiligen Effekt erzielt und abstoßend wirkt.


    /*-.-=
    Grüße.
    Milosz.

    "Ich bin ein Konservativer, ich erhalte den Fortschritt."
    Arnold Schönberg

    Einmal editiert, zuletzt von Milosz ()

  • Salut,


    das passt aber nicht zusammen, oder? Durch Sentimentalität in den Kitsch gelangen und dann gefühllos sein? Hm?


    Ich denke, es geht hier um den Grad der Sentimentalität, dieser kann ggfs. oberflächlich aber auch zu tiefgehend sein. Wenn eines der beiden Kriterien erfüllt ist, behaupte ich jetzt [ ;) ], es handele sich um "Kitsch".


    :hello:


    Cordialement
    Ulli

  • ... mit gefühllos meine ich den geschmacklosen Einsatz von Emotionalität, welcher natürlich Gefühle beinhalten kann, diese aber taktlos verwurschtelt.


    _=7"
    Grüße.
    Milosz.

  • Kitsch ist für mich verlogene Schönheit. Deshalb sind, um auf Stokowski zurückzukommen, seine Bachbearbeitungen für mich nicht Kitsch. Sie sind schlecht - aber ich halte sie nicht für verlogen. Verlogen ist für mich zum Beispiel die Pseudo-Romantik von Penderecki. Das ist Kitsch.


    "Für Elise" ist in meinen Augen nicht Kitsch, die "Ballade pour Adeline" oder wie der Schwachsinn hieß, hingegen schon. Auch die "Träumerei" ist IMHO nicht Kitsch. Man verwechselt oft eine gut gebaute, sinnfällige Melodie von einer gewissen Süße mit Kitsch. Aber das kommt aufs selbe hinaus, wenn man einen Lagen-Port mit Coca Cola gleichsetzt, weil beides süß ist.

  • Hallo Zusammen


    Zitat

    Kann klassische Musik (im landläufigen Sinn des Wortes) "kitschig" sein ?


    Kitsch hat für mich überhaupt nichts in der Kategorie Musik verloren.


    Kitsch ist von Menschenhand Geschaffenes, GEGENSTÄNDLICHES – auch wenn die Definition in diversen Nachschlagewerken anders lautet. Ich soll und möchte ja MEINE Meinung dazu sagen und nicht das, was irgendwer irgendwo niedergeschrieben hat. :yes:


    Für den einen ist eine Büste auf dem Klavier das schönste, was er gefunden hat, um das edle Instrument zu schmücken, für den anderen eine totale Entstellung des wertvollen Instrumentes. Ob ein Gegenstand Kunst oder Kitsch ist, hängt eben vom Geschmack eines jeden ab und über den sollte man sich niemals abwertend äußern. Aber das ist ein anderes Thema.


    Es gibt viele Menschen für die es undenkbar ist, sich den Vogelhändler anschauen / anhören zu müssen, weil es ihnen einfach nicht gefällt. Aber ein solches Kunstwerk deshalb als Kitsch zu bezeichnen? Das geht mir zu weit. Musik ist etwas wundervolles und egal ob mir Ballade pour Adeline gefällt oder nicht – da hat jemand seine Gefühle und Gedanken aufgeschrieben und sie für uns alle hörbar werden lassen. Es gefällt mir nicht? Dann hör ich nicht hin, nehme es nicht auf. Nicht jedes musikalische Werk trifft meinen Geschmack. Aber es bleibt dennoch Kunst. Die Vermarktung dieser Kunst kann dann hingegen wieder mit Hilfe von Kitsch erfolgen (siehe Thread Motzkotz).


    Musik gehört zu den wertvollsten und schönsten Dingen, die Menschen uns hinterlassen, widmen und schenken können. Ich kann sie daher nie in die Kategorie Minderwertiges – was Kitsch für mich ist - „eingeschubladen“ - Entschuldigung, aber das geht mir persönlich zu weit.


    Viele Grüße
    Mimi

  • Salut,


    mit der Oberflächlichkeit könnte Milosz durchaus Recht haben. Jedenfalls soll sich das Wort Kitsch vom englischen sketch [Skizze] abgeleitet haben - das ist jedenfalls ein allgemein üblicher Erklärungsversuch.
    Nun ist nicht jede Skkizze gleich Kitsch [welch Zungenbrecher: Skizze, Kitsch, Skizze, Kitsch, Skizze, Kitsch], aber es deutet auf Unvollkommenheit und Oberflächlichkeit.


    Zur Definition gehört m. E. auch noch, dass Kitsch etwas absolut Überflüssiges ist. Und genau da sind die Grenzen extrem schwammig - im Prinzip könnte man die gesamte Kunst mithin als überflüssig bezeichnen - denn einen wirklichen Sinn hat sie ja nun nicht. Das sagte bereits Marie von Ebner-Eschenbach:


    Aus dem Verlangen nach dem Überflüssigen ist die Kunst entstanden.


    Was ist dran?


    Cordialement
    Ulli

  • Liebe Mimi


    Implizit, ist das was Du geschrieben hast, sowieso von mir bei der Threaderstellung vorhanden gewesen.
    Ich habe hier einen Thread erstellt, mich aber nochj nicht geäussert.- das will ich nun nachholen.
    Zum ersten, "Kitsch" im zusammenhan mit Musik ist natürlich nur eine Metapher, sowas wird heutzutage gern in Kritiken eingesetz.


    Wir leben (leider) in eine "sachlichen" Zeit, wo einstige Positivattribute wie "hübsch" "gefällig" "angenehm" einen bitteren bis höhnischen Beigeschmack bekommen haben - und alles was Gefühl zeigt -wird als kitschig verdammt.
    Ist der Text eines Schubert-Liedes "kitschig" ? Ist es das Libretto von Beethovens "Fidelio" ? Wie schauts da mit "Tosca" oder La Traviata aus ? Richard Wagners Libretti ?? Die einst hochberühmten und vielgespielten Loewe-Balladen ???


    Wir wir sehen - das ist eine Gratwanderung.
    Diese Werke wurden einst -im guten Glauben- dem damaligen Zeitgefühl entsprechend verfasst - und zur Zeit ihrer Entstehung hätte kaum jemand sie als kitschig empfunden.


    Hete wird vieles mit scheelem Blick gesehen, was einst als Spitze der Kunst gesehen wurde - manches, das einst als abgrundtief hässlich betrachtet wurde, feiert heute fröhliche Wiederauferstehung als "bahnbrechendes Werk der Vergangenheit"


    Persönlich bin ich dem Kitsch nicht huindertprozentig abhold - wie sollte ich das auch als Opern- und Balladenfreund.


    Gruß aus Wien
    Alfred

  • Hallo Taminoaner,


    wenn ich in anderen Threads lese, dass das eine oder andere klassische Werk Kitsch sein soll, dann bin ich schon sehr verwundert gewesen, da es sich meist um sehr erstvolle Werke handelt, die alles andere als die Bezeichnung Kitsch verdienen. Komponistennamen wie Respighi und R.Strauss mußte ich in diesem Zusammenhang lesen - das kann ich nur zurückweisen.


    Ich finde dass die Bezeichnung KITSCH auf die gesamte ernste Klassik keine Anwendung findet !


    :rolleyes: Kitsch sind für mich sämtliche Operetten und z.Bsp. Heino (Popmusik), denn sowas tue ich mir nicht an !

  • Salut teleton und alle,


    ich empfinde Kitsch als ein musikalisches Gwürz, welches bei der Anwendung ähnliche Gefahren birgt, wie Ingwer - eine Messerspitze zu viel, und alles schmeckt nach Seife. Kitschige Elemente gehören für mich in einem Musikstück durchaus dazu - wie im Leben auch. Vielleicht eine Art Dekoration?


    Mitunter kann man auch Werke kitschig interpretieren - oder eben nicht.


    Cordialement
    Ulli

  • Zitat

    wie Ingwer - eine Messerspitze zu viel, und alles schmeckt nach Seife.


    D'accord, wenn Du statt Ingwer Kreuzkümmel sagst. Ingwer kann in Zusammenhang mit Jungzwiebel und Pfefferoni nämlich durchaus als quasi alleiniges Gewürz Anwendung finden. Während Kitsch mit guter Instrumentierung und ein paar eingestreuten Dissonanzen immer noch Kitsch ist.

  • Hallo Alfred


    Zitat

    Wir leben (leider) in eine "sachlichen" Zeit, wo einstige Positivattribute wie "hübsch" "gefällig" "angenehm" einen bitteren bis höhnischen Beigeschmack bekommen haben - und alles was Gefühl zeigt -wird als kitschig verdammt.


    Aber davon muß ich mich nicht anstecken lassen. Wer glaubt "voll cool" und gefühlskalt durch die Welt laufen zu müssen und alles, was hübsch und gefüllvoll ist als Kitsch zu bezeichnen, soll das ruhig machen. Davon lasse ich mich nicht beeinflussen.


    Loewe-Balladen? Ich liebe sie - wie alle anderen Balladen (mit und ohne Musik) auch. Grade wegen der alten Texte und teilweise der Dramatik. Damals war unsere Sprache noch nicht amerikanisiert und klingt dementsprechend für heutige Verhältnisse vielleicht "altmodisch" aber auf keinen Fall kitschig.


    Mach die Augen zu und lausche H. Prey, wenn er den Erlkönig singt. Bekommst Du nicht auch eine Gänsehaus? Bedenke, es entstand in einer Zeit, in der man Spannung / Dramatik nicht mit Hilfe von tollen Kamereffekten erzielen konnte, sondern einzig und allein mit Text und/oder Musik. Und das ist gelungen. Ich bleibe dabei - im Zusammenhang mit Musik gibt es den Begriff Kitsch für mich nicht.


    Liebe Grüße :hello:
    Mimi

  • Auf keinen Fall will ich Stokowski als Kitschmaestro darstellen, im Gegenteil, trotz vorliebe für HIPS mag ich seine Aufnahmen mit Gould sehr, sehr gerne...
    Aber mir kommen gerade (für den ein oder anderen) ketzerische Gedanken in den Sinn. Die "wahre" klassische Musik ist ja apriori kitschfrei, jedenfalls entsteht der Eindruck so bei Laien, wobei ich kein Experte bin, sondern sowas wie ein "kompetenter User"... Kitsch, so scheint es mir bei Durchsicht des bisher Geschriebenen, ist wohl sehr stark in einem zeitlichen Kontext zu betrachten. "Papa Haydn", um ein Beispiel zu nennen, wurde wohl nicht nur lange Zeit als langweilig, sondern auch als "verzopft", sprich kitschig, angesehen.
    Je mehr eine Vorstellung, und sei es eine falsche, sich wie Meme verbreitet (z.B. Wagners Walküren, Brunhildes mit ausladenden Körperteilen, behelmt etc..), umso anfälliger ist sie anscheinden für Kitsch. Möglicherweise ist die "Beggar`s opera" eben auch eine Antwort auf den italienischen "Kitsch" Händels gewesen. Was wir heute nicht unbedingt nachvollziehen mögen.
    Je volkstümlicher diese Vorstellung wird, und sei sie noch zu falsch, desto anfälliger. Vielleicht auch das ein Grund, warum Musicals und Operetten für mich erstmal immer kitschverdächtig sind (Ja, da sollen mich manche hauen, aber Vorurteile sind nicht immer schlecht :baeh01: )

  • Salut,


    Stokowski wurde hier lediglich bezugnehmend auf seine Bachbearbeitungen genannt, nichts weiter. Und diese wurden - zumindest von mir - nicht als Kitsch, sondern als überflüssig bezeichnet.


    Zwischen verzopft und kitschig besteht m. E. ein Unterschied. Verzopft ist für mich mit verstaubt, altertümlich gleichbedeutend... was hat das mit Kitsch zu tun?


    :hello:


    Ulli

  • Da kommt mir noch ein enzyklopädischer und wahrscheinlich angreifbarer Gedanke, aber mir kommts heut nur so :baeh01:
    Kitsch ist ja erstmal eine Sache der Wahrnehmung (man kann ja schließlich nur „wahr“nehmen und nicht „falsch“nehmen) und erst in zweiter Linie etwas dem Gegenstand Angehöriges. Ein Lamahirte aus den Anden, der noch niemals Beethoven oder Clayderman gehört hat, wird gar nicht das Rüstzeug besitzen, und kann ergo gar nicht „natürlich“ Kitsch erkennen, bzw. etwas als Kitsch verurteilen. Allein der Umstand, jetzt in einem Satz Beethoven und Clayderman geschrieben zu haben, hat etwas Frappierendes. Es war so, als ob sich meine Finger, von meiner bildungsbürgerlichen Arroganz genährt, geweigert hätten, beiden Namen in einer Zeile zu schreiben :wacky:
    Die Verurteilung von Kitsch ist also auch immer eine Sache des Bildungsstandes. Darüber hinaus auch eine bewusste Abgrenzung des Individuums eines ihm fremden Weltbildes, oder als Bestätigung seines „höheren“ Bildungsgrades benutzt.

  • Wie ich sehe, muss ich bei Kitschbetrachtung feststellen, dass man (!) hier aufs „man“ verzichten muss, und nur noch „Ich“-Aussagen tätigen sollte. Sicher bedeutet altertümlich nicht sofort Kitsch, aber das Sprungbrett ist definitiv bereitet. Etwas als Kitsch zu bezeichnen ist ja eine Abwertung, und das „altertümlich“ kann schnell da hin führen; „verzopft“ ist definitiv eine Abwertung und deshalb meine Überlegung dahingehend.


    Da aber gleich eine Frage meinerseits, die u.U. auch etwas mit Kitsch zu tun hat.
    Ich neige aus Vorurteilsgründen dazu, Konzertprogramme, die z.B Bach, Beethoven, Brahms beinhalten, so einzuschätzen, dass man Bach unterschwellig als Fingerübung benutzt und ihn ob seiner „Altertümlichkeit“ gering schätzt und so mancher in Gefahr kommt, ihn als „kitschig“ zu betrachten. Das heißt, ich unterstelle mindestens der Hälfte der Musiker, ihn nicht ernst zu nehmen, um bei Brahms dann aufzublühen. Geht das jemandem genauso oder bin ich einfach so verstockt reaktionär?


    Zitat

    Stokowski wurde hier lediglich bezugnehmend auf seine Bachbearbeitungen genannt, nichts weiter. Und diese wurden - zumindest von mir - nicht als Kitsch, sondern als überflüssig bezeichnet.


    Im Übrigen habe ich Stokowski auf die Schlachtbank geführt, was keine Absicht war, oder vielleicht doch. Ich halte auch Karajans Bachinterpretationen für Kitsch, weil´s nicht rumpelt sondern nur wabert *gg* Aber das Thema hattet ihr ja schon…


    So, und jetzt schlagt mich, ich brauch´s :jubel:

  • Wieso, er hat doch recht: Ich halte auch Karajans Bachinterpretationen für Kitsch, weil´s nicht rumpelt sondern nur wabert :stumm: :baeh01:

    Da freute sich der Hase:
    "Wie schön ist meine Nase
    und auch mein blaues Ohr!
    Das kommt so selten vor."
    - H. Heine -

  • Zitat

    Original von Blackadder
    Da kommt mir noch ein enzyklopädischer und wahrscheinlich angreifbarer Gedanke, aber mir kommts heut nur so :baeh01:
    Kitsch ist ja erstmal eine Sache der Wahrnehmung (man kann ja schließlich nur „wahr“nehmen und nicht „falsch“nehmen) und erst in zweiter Linie etwas dem Gegenstand Angehöriges. Ein Lamahirte aus den Anden, der noch niemals Beethoven oder Clayderman gehört hat, wird gar nicht das Rüstzeug besitzen, und kann ergo gar nicht „natürlich“ Kitsch erkennen, bzw. etwas als Kitsch verurteilen. Allein der Umstand, jetzt in einem Satz Beethoven und Clayderman geschrieben zu haben, hat etwas Frappierendes. Es war so, als ob sich meine Finger, von meiner bildungsbürgerlichen Arroganz genährt, geweigert hätten, beiden Namen in einer Zeile zu schreiben :wacky:
    Die Verurteilung von Kitsch ist also auch immer eine Sache des Bildungsstandes. Darüber hinaus auch eine bewusste Abgrenzung des Individuums eines ihm fremden Weltbildes, oder als Bestätigung seines „höheren“ Bildungsgrades benutzt.


    Salut,


    den Gedanken halte ich für nicht falsch. Er liesse sich noch dahin gehend erweitern, dass Kitsch das Produkt einer Überflussgesellschaft ist.


    P.S. Man kann übrigens auch falsch wahrnehmen. Originär nämlich bedeutet "wahrnehmen": etwas für wahr nehmen...


    Cordialement
    Ulli

  • Herbert von Karajans Bachinterpretationen waren IMO kein Kitsch -sondern Ausdruck des damals vorherrschenden Zeitgeschmacks.
    Man wollte zeigen, wie man Bach "entstaubt" und an (damals) "moderne Klangvorstellungen anpassen konnte - Ohne dasß die Substanz darunter leidet (Dieser Apekt wurde in Bezug auf Bach-Interpretationen immer wieder gern betont.


    DAß Herbert von Karajan auch einen Bruder hatte, Wolfgang von Karajan (1906-1987, der mit seinem "Orgel Ensemble Wolfgang von Karajan"
    (tendenziell alte Musik mit ausgefallenen Intrumenten , wie Portativen etc -er war selbst u.a Orgelbauer) die Konzertsäle der Welt bereiste- das ist längst vergessen.- Ein Beispiel wie richtig Herbert von Karajans Entscheidung "seines" Weges damals war.


    LG


    Alfred