Beckmesser - Witzfigur oder Tragödie?

  • Beckmesser - eine der interessantesten Gestalten in den Werken Wagners. Ursprünglich als Parodie auf Wagners Intimfeind, den Wiener Musikkritiker Eduard Hanslick, konzipiert, verselbständigte sich diese Figur aus der Karikatur und wurde zu einer vielschichtigen Charakterzeichnung: Wagners geniale Inspiration hat da wohl seinen ursprünglichen Plänen einen Strich durch die Rechnung gemacht.

    Aber wer ist dieser Beckmesser?
    Die Meinungen sind von unübersehbarer Vielfalt: Inbegriff des bürgerlichen Spießers? Karikatur des Intellektuellen als Außenseiter? Tragischer "Held" der Meistersinger? Der Kritiker als im eigenen Können beschränkter Neider des Genies? Eine antisemitische Karikatur, der "Jude im Dorn"? Objekt der Schadenfreude oder Gegenstand des Mitleids?


    Wie ist die "Beckmesser Musik", zB in der "Pantomime", zu bewerten?


    Wer hat den Beckmesser überzeugend und mit welcher Konzeption der Figur verkörpert?


    Ich könnte diese als Anregung gedachte Reihe beliebig fortsetzen, bin aber auf die Ansichten der Foristi gespannt.

  • Zitat

    Wer hat den Beckmesser überzeugend und mit welcher Konzeption der Figur verkörpert?


    Ich fange mit dieser Frage an, weil ihre Beantwortung meine Meinung zu dieser Figur inkludiert. Für mich war der beste Beckmesser Hermann Prey in Wolfgang Wagners Bayreuther Inszenierung.
    Prey zeichnete Beckmesser weder als Witzfigur noch als tragische Gestalt. Bei Prey war Beckmesser ein Mensch, der einfach immer wieder fehl am Platz ist: Als Mann Evas ebenso wie als "Merker", als Galan im Zweiten Akt nicht minder als auf der Festwiese, von der er sich wegschleicht. (In Wolfgang Wagners Inszenierung holt ihn Sachs am Schluss zurück und Beckmesser kann in den Jubel miteinstimmen - er ist endlich richtig amPlatz.)
    Demenstprechend sang Prey die Beckmesser-Lieder mit wunderbarem Legato und vollendet schönem Ausdruck. Beckmesser avancierte dadurch zum klugen, sogar empfindsamen Mann, der zur grotesken Gestalt wird, weil er im Bestreben, den Lauf der Dinge zu beeinflussen, Fehler macht, statt gegenüber Eva loszulassen und das Unbeeinflussbare zu akzeptieren.


    Ich finde, dass Beckmesser eine von Wagners vielschichtigsten Gestalten ist, nicht mehr Karikatur des Bürgers als die anderen Meister - eher sogar weniger. Beckmesser ist der, der Sachs das Wasser reichen kann. Vergessen wir nicht, dass Beckmesser den Wert von Stolzings "Zukunftsmusik" sehr wohl kapiert - nur bekämpft er das Neue (auch aus persönlichen Motiven), während Sachs dem Neuen gegenüber aufgeschlossen reagiert (er hat es leicht, er könnte wohl Eva jederzeit haben, während sie für Beckmesser unter normalen Umständen außer Reichweite wäre).
    Soll heißen: Für mich ist Beckmesser ein kluger konservativer Kopf, der etwas wagt und dabei nicht gewinnt. Keine große Tragödie, eher ein verlorenes Spiel, schmerzlich, aber nicht tödlich. Beim nächsten Mal wird vielleicht Beckmesser über Sachs lachen. Oder sie werden gemeinsam über die anderen lachen.

  • Für mich am überzeugendsten hat den Beckmesser Hermann Prey in Bayreuth gesungen.Das war nicht der sonst übliche Narrenkaspar,sondern der fühlende und leidende Mensch,der sich seiner Unterlegenheit schmerzhaft bewußt geworden ist.

  • Hallo Siegfried,
    für mich war H.Prey der am wenigsten überzeugende Beckmesser,
    auch B.Weikl oder R.Hermann fand ich nicht für die Rolle geeignet.
    Der Beckmesser ist ein "Narrenkaspar". Das Libretto und die Musik
    weisen ihn als solchen aus.Deshalb sind für mich nur Sänger
    akzeptabel,welche die Skurrilität der Figur im Spiel ,aber vor allem im
    Gesang zum Ausdruck bringen .
    ( E.Kunz ,K.Dönch,K.Schmitt-Walter, B.Kusche, G.Evens z.B. )


    Grüße von Herbert Henn.

  • Zitat

    Original von Herbert Henn
    Der Beckmesser ist ein "Narrenkaspar".


    Dann hätten also die Nürnberger einen "Deppen" zum Stadtschreiber gemacht?
    Auszug aus Wikipedia:

    Zitat

    Der..... Stadtschreiber stand an der Spitze der städtischen Verwaltung und gehörte damit ..... zu den mächtigsten Männern der Stadt. ..... Spätestens seit dem 15. Jahrhundert mussten angehende Stadtschreiber eine juristische Ausbildung nachweisen, .....


    Die Meistersinger hätten einen Trottel zum obersten Regelwächter und -bewahrer gemacht?


    Ich halte es für abwegig, anzunehmen, Wagner sei die historische Stellung des "Stadtschreibers nicht bekannt gewesen.

  • Hallo Misha,
    es liegt mir fern,die Nünberger zu beleidigen,aber Wagner wollte
    hier keinen Belcanto-Sänger,sondern eben einen Hans Lick,der
    allem neuen abhold ist.Darum Zeichnete er ihn als Witzfigur,
    außerdem gibt es in viel höheren politischen Ämtern wohl auch
    in unserer Zeit noch solche.


    Gruß Herbert.

  • Wagner kannte sich mit dem Meistergesang vorzüglich aus, ebenso mit den historischen Gegebenheiten. Ich glaube aber, dass Wagner ursprünglich den Beckmesser dennoch als Narrenkaspar gestalten wollte, schließlich zielte er auf seinen Feind Hanslick.
    Aber dann ist das geschehen, was bei großen Bühnenautoren sehr oft vorkommt: Unter ihrer Feder entwickeln die Figuren ein Eigenleben, sie emanzipieren sich vom Konzept. Das ist IMO auch mit dem Beckmesser passiert.
    Und schauen wir uns doch an, wie Beckmesser bei seinen Kollegen ankommt: Er wird von keinem verspottet oder ausgelacht. Mit Sachs kabbelt er sich, und Sachs spielt ihm einen Streich. Aber, so leid es mir tut, ich kann in Beckmesser keinen Trottel sehen. Und ich war über Prey heilfroh, denn was von seinen Vorgängern auf der Bühne herumgezappelt und getrottelt wurde, war dieser Oper nicht angemessen. Das ist doch kein Bauernschwank!

  • Nach Konsultation meiner Datenbank mit den Besetzungen von insgesamt 43 besuchten Meistersinger-Aufführungen lassen sich tatsächlich zwei Beckmesser-Typen herausschälen : einmal die Witzfigur á la Toni Blankenheim (Hamburg) oder Dönch (Berlin) - Schmitt-Walter würde ich übrigens nicht dazu zählen; das wäre bei Wieland Wagner unmöglich gewesen - und den Antitypus verschiedenster Prägung von Carlos Alexander (Bayreuth) bis hin zu Hermann Prey (ebendort).


    Im Jahr 1982 besuchte ich innerhalb weniger Wochen drei Meistersinger-Premieren in norddeutschen Opernhäusern : in Kiel, Hannover und Bremen. In Kiel (Regie Werner Saladin) gab es ein interessantes Porträt durch Richard Salter : ein den Handwerkern rein intellektuell überlegener Beckmesser, der die übrigen Meister seine Überlegenheit ständig spüren läßt. In dieselbe Richtung zielt auch Günter Leib (Ost-Berlin), zu sehen in einer vor noch gar nicht langer Zeit zu sehenden TV-Aufzeichnung aus der Berliner Staatsoper.


    Ich muß gestehen : Seit bei Toni Blankenheim alles darauf wartete, wie er sich im 3. Akt auf den Hammer setzen würde, kann ich mich am "Narrenkaspar" nicht erwärmen. Im Beckmesser steckt mehr als ein Trottel.


    Das meint


    Sune

  • Im Zusammenhang mit Beckmesser würde mich übrigens interessieren: Was meint Ihr, weshalb er im 3. Akt das Preislied so falsch singt?
    Erinnern wir uns, wie er zum Preislied kommt: Stolzing singt es Sachs vor, der schreibt mit; Beckmesser klaut das Papier, bekommt es aber von Sachs geschenkt. Und im 2. Bild folgt das bewusste Debakel.
    Was ist passiert?
    Hat Sachs eine verballhornte Version mitgeschrieben in der Hoffnung, sie Beckmesser zuspielen zu können? (Stolzing braucht den Text nicht schriftlich - und wenn, könnte er ihn wohl selbst aufschreiben.)
    "Die Tinte noch naß" - wird sie bei der Übergabe so verwischt, dass Beckmesser, dem der Text sowieso zu neumodisch ist, die Worte falsch entziffert?
    Oder singt er so undeutlich, dass das Volk (und damit auch das Publikum) eben diesen Unsinnstext versteht, die Worte also den subjektiven Eindruck des "Publikums" wiedergeben?

  • Hallo,
    ich bin der Meinung ,man braucht hier garnicht zu spekulieren.
    Beckmesser's eigenes Preislied ,das er Sachs im 2.Akt vorsingt,
    ("Den Tag seh'ich erscheinen...) ist genau so absurd ,wie das,
    welches er von Sachs genommen hat,und das er auf seine Art
    "verbessert"hat,und unter dem Gelächter des Volkes vorträgt.
    Am Ende ist Beckmesser eine eine tragikomische Figur.


    Gruß Herbert.

  • Angeregt durch die Diskussion im "Meistersinger" thread und auch als Antwort auf Edwins Frage:
    Ich sehe in Beckmesser eher den Intellektuellen, der, da er kein Handwerker ist, zwar Ansehen geniesst ("Seid meiner Treue wohl versehen, was ich bestimmt, ist Euch zu Nutz: im Wettgesang müsst Ihr bestehen, wer böte Euch als Meister Trutz?") aber andererseits auch mit Misstrauen und Spott bedacht wird ("find ich selbst dem Eseltreiber ein Sprüchlein auf die Sohl, dem hochgelahrten Herrn Stadtschreiber ich nichts drauf schreiben soll?
    Das Sprüchlein, das Eu'r würdig sei,mit all meiner armen Poeterei,
    fand ich noch nicht zur Stund.")
    Wie bereits gesagt, denke ich nicht, daß die Meister den wichtigen Posten des Merkers einem Hanswurst übertragen haben. Beckmesser ist zwar konservativ bis auf die Knochen, zur tragikkomischen Figur wird er aber, in erotischen Dingen völlig ohne Erfahrung, IMO erst durch die amour fou zu Eva, die ihm den Verstand, den er zweifellos hat trübt, was IMO die eigentliche Ursache für den Unsinnswust ist.
    Ist Stolzing Beckmesser überlegen? Ich bezweifle das. Abgesehen von der interessanteren Musik des Beckmesser ist er als Charakter doch eher banal. Er kann zwar intuitiv kreativ sein (im Lied bei der Freiung weit mehr als nach seiner Domestizierung durch Sachs im vergleichsweise konventionellen, fast banalen Preislied!), ist aber intellektuell und als Charakter ein Simpel, ein "Landei". Seine Reaktionen sind teils kindisch trotzig ("O, betrat ich doch nie sein Haus!", "Nicht Meister, nein"), teils plump brutal ("Wie? Sachs? Auch er? - Ich lösch ihm das Licht.", "Der Merker? Er? In meiner Gewalt? Drauf zu! Den Lung'rer mach ich kalt.")
    Vielleicht hätte Evchen mit Beckmesser langfristig die bessere Wahl getroffen........

  • Hallo Misha,


    es ist doch bekannt,das Wagner den Beckmesser als


    Karikatur des Kritikers und Musikkschriftstellers


    Eduard Hanslicks geschaffen hat.Hanslick war ein


    Gegner der Werke Wagners.Den Beckmesser wollte


    Wagner Zunächst Hans Lick nennen.Es ist durchaus


    legitim,wenn er als skurrile Figur dargestellt wird.


    Ein Intelektueller würde ja niemals solch ein"Preislied"


    singen,oder?



    :hello:Herbert.

  • Hallo Herbert, ich habe an anderer Stelle schon gesagt daß das auch ein legitimer und gut begründbarer Ansatz zur Interpretation ist und schätze zB Kusche unter Keilberth durchaus. Andererseits bin ich ein Anhänger der These von Heiner Müller "Der Text ist klüger als sein Autor". Beckmesser auf eine simple Karikatur von Hanslick zu beschränken - selbst wenn Wagner das in der Endfassung nach der Namensänderung noch gewollt hätte, hat jedenfalls sein Genie eine derart vordergründig, eindimensionale Anlage der Figur verhindert.


    Meine Auffassung zum Unsinnswust in Beckmessers Preislied hatte ich ja oben dargelegt.


  • Ich habe darüber noch keine Literatur gelesen (würde ich aber gerne bald mal). Meine vorgefasste Meinung zu diesem Thema ist, dass Beckmesser sehr wohl das richtige Lied studiert hat, aber beim Vortrag so schrecklich Lampenfieber hat, dass ihm aus Nervosität nicht der richtige Text und die richtigen Noten einfallen.


    Beckmesser ist der gebildetste und sensibelste unter den Meistern, eigentlich ein liebenswerter Charakter, der beim Sport sicher ungeschickt gewesen wäre. Wenn es für ihn um die Wurst geht - d. h. wenn er in Stress gerät - wird er etwas ungeschickt beim Sprechen und in den Bewegungen (eventuell ist er auch fehlsichtig - allerdings gab es in der Originalzeit keine Brillen, somit hätte er das Amt nicht ausüben können) . Das kenne ich doch aus meinem Umfeld und von mir selber zur genüge. Ich finde nicht, dass man das überzeichnen muss.


    Ich habe es gern, wenn in der Darstellung das Liebenswerte nicht zu kurz kommt; außerdem passt es am besten, wenn der Sänger sehr schön lyrisch und wortdeutlich singen kann. Der Intellektuelle unter den Meistern hat ja auch sicher die schönste Sprache verwendet, vielleicht zu seiner Zeit schon etwas "altmodisch", weil der Traditon verpflichtet - so in etwa wie in meiner Schulzeit im Gymnasium die jüngeren Deutschlehrer, die ihre alten eigenen Deutschlehrer nachgeahmt haben (und uns Proleten Hochdeutsch beibringen wollten).

    Bitte bedenken Sie, dass lautes Husten - auch zwischen den Stücken - die Konzentration der Künstler wie auch den Genuss der Zuhörer beeinträchtigt und sich durch den Filter eines Taschentuchs o. ä. erheblich dämpfen lässt.

  • Hallo Melot,


    Du biegst dir den Beckmesser so hin,wie Du ihn möchtest,


    und nicht wie Wagner ihn geschaffen hat,und wie er ihn


    in seinen Schriften und Briefen beschrieben hat.


    man kann natürlich alle Charaktere der Oper verändern,


    aber dann wird ein anderes Werk daraus.


    :hello:Herbert.


  • Natürlich biege ich mir den Beckmesser so hin, wie ich ihn haben möchte. Mir ist der Beckmesser sympathischer als dir - ich sehe da kein Problem. Es gibt sehr wohl einen gewissen Spielraum. Wird deswegen gleich ein anderes Werk daraus?

    Bitte bedenken Sie, dass lautes Husten - auch zwischen den Stücken - die Konzentration der Künstler wie auch den Genuss der Zuhörer beeinträchtigt und sich durch den Filter eines Taschentuchs o. ä. erheblich dämpfen lässt.

  • Hallo Melot,
    mir ist der Beckmesser auch durchaus sympathisch,aber als komische
    Figur,genau so,wie mir auch Bartolo,Osmin oder Don Pasquale
    sympathisch sind.Aber die Oper lebt nun mal von verschiedenen
    Charakteren.


    (Den Beckmesser habe ich übrigens selber gesungen.)


    :hello:Herbert.

  • Hallo,


    also als einen "Hanswurst" oder "dummen August", der wie blöd grimmassierend über die Bühne tapert, hat Wagner seinen Beckmesser sicher nicht ausgestaltet. Wagners Porträt seines Gegners Hanslick ist subtiler und giftiger konzipiert als die lächerlichen Hagestolze aus Rossini- oder Donizetti-Opern. Ein Hanswurst wird zudem nicht Stadtschreiber einer Freien Reichsstadt, also Chef der gesamten Stadtverwaltung. Heutzutage wäre Beckmesser ein Verwaltungsjurist im öffentlichen Dienst mit B-Besoldung. Und auch schon damals war für die Bekleidung dieses Amtes zwingend eine juristische Vorbildung norwendig, viele Stadtschreiber hatten sogar ein Universitätsstudium absolviert. Also ist Beckmesser ein für damalige Verhältnisse weit überdurchschnittlich gelehrter Mann mit Gewicht und hohem Ansehen in der Stadt. Und da verwundert es auch nicht, wenn die Meistersinger ihn, der sich von Berufs wegen mit Edikten, Verordnungen und Gesetzen auskennt und daher eine Affinität zu Normen hat, zum Merker ernennen. B. wird auch hier zum "Regelfuchs" und Geschäftsordnungskenner - nicht beliebt, aber respektiert. "Beckmesser - keiner besser!", wie der Stadtschreiber recht stolz zu Sachs im 3. Akt sagt. Lächerlich ist Beckmesser nicht selbst als Person, sondern durch die knochentrockene Ernsthaftigkeit, mit der er sich durch das Liebeswerben um Eva zielsicher in sein Unglück manövriert.


    Juristen sind überwiegend recht konservative Menschen, die insgesamt eher systemstabilisierend wirken und überstürzten Neuerungen zumindest sehr skeptisch gegenüber stehen. Dies gilt dies für Beckmesser wie für sein Vorbild, den Wiener Hanslick, der einer sehr klassizistischen Ästhetik anhing und dem Wagner schon wegen dessen musikrevolutionären Bestrebungen suspekt sein musste. Wagner "rächt" sich dafür, indem er B. als einen Menschen zeigt, dessen Horizont nur so weit reicht wie die engen Regeln der Meistersingerzunft und für den alles Ungeregelte eine Gefahr darstellt. Wagner spricht Beckmesser die genuine, geniale Schöpferkraft ab, die er in urspünglicher Form in Stolzing und in gebändigter Form in Sachs verkörpert sieht. Nicht zufällig wird das Volk auf der Festwiese zum eigentlichen Lackmustest. Sachs und Stolzing werden wegen ihrer "Volksverbundenheit" akklamiert, Beckmesser fällt mit Pauken und Trompeten durch.


    Nun muss man zugunsten Beckmessers sicher anführen, dass es viele Gründe für sein Versagen gibt. Am Abend zuvor ist er mit seinem Werbelied gescheitert und dafür auch noch heftigst verprügelt worden. Mit dem vermeintlichen "Gedicht von Sachs", das er in der Schusterstube an sich bringt, kommt er in der kurzen Zeit bis zum Sängerwettstreit nicht zurecht ("Werd´nicht draus klug und hab´doch dran studiert genug.", ein weiterer "Beweis" Wagners für die künstlerische Impotenz des Merkers) und kann es daher nicht richtig "memorieren". Er spürt zudem, dass ihm das Volk überwiegend nicht wohl gesonnen ist ("Scheint mir nicht der rechte...") und ist daher sehr nervös ("Wie wackelig. Macht das hübsch fest!"). Beckmesser befindet sich also unter denkbar schlechten Bedingungen in dieser "Prüfungssituation". Und folglich hat er dann einen "Blackout", er stammelt unzusammenhängendes Zeug zusammen, das nur entfernt an den ursprünglichen Text erinnert (in Wahrheit, wohl auch gegen Wagners Intention, ein geniales Stück DADA und wesentlich unterhaltsamer als Stolzings schwülstiger Operettenschlager). Der Stadtschreiber, der hohe Beamte der Stadt, ist vor aller Augen blamiert und in seiner Wut versucht er nun, sein Scheitern als heimtückischen Plan von Sachs auszugeben. Aber das misslingt.


    Das Zerwürfnis von Sachs und Beckmesser dürfte angesichts des Ausmaßes der Blamage doch tiefer gehen als sonst üblich. Beckmesser wird sich nicht gleich den Strick nehmen, aber diese gegen Wagners Intention heutzutage oft inszenierten Versöhnungsgesten mit Sachs auf der Festwiese sind m.E. völlig unangemessen. Menschlich kann ich das zwar verstehen und es ist ja auch kein Wunder, dass sich gerade viele Intellektuelle angesichts ihrer eigenen, oft randständigen Existenz für den Verbleib Beckmessers eingesetzt haben. Aber es bleibt trotzdem falsch, da falsch-versöhnlerisch. Es ist eben nicht "Ende gut - alles gut" in Nürnberg.


    Viele Grüße


    GiselherHH

    "Mache es besser! (...) soll ein bloßes Stichblatt sein, die Stöße des Kunstrichters abglitschen zu lassen."


    (Gotthold Ephraim Lessing: Der Rezensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt)

  • Hallo Giselher,


    Deine Sicht empfand ich bislang als am überzeugendsten. Beckmesser ist kein Clown, sondern ein Intellektueller, der sich in einer Situation wiederfindet, der er nicht gewachsen ist. Insofern hat sein Agieren gewiss etwas Komisches (wer lacht nicht über den Streber, der sich blamiert?), aber letztlich vor allem etwas Tragisches (existenzielles Scheitern ist nicht witzig). Insofern würde ich es als unangemessen ansehen, wenn so ein Mensch auf der Bühne zur bloßen Lachnummer degradiert wird.


    Ich gehe davon aus, dass Wagner bei der Schöpfung des Beckmesser von echter Abneigung gegen Hanslick geleitet war; aber ich würde mir doch wünschen, dass ich mir den Meister nicht als schwefeldampfenden Bös-Zwerg vorstellen müsste, der sich mittels einer Bühnenfigur kleingeistig an einem Kritiker rächt. :no:
    Häme ist abstoßend.


    Insofern würde ich es begrüßen, wenn man Beckmesser am Ende wieder in den Kreis aufnimmt. Ich fürchte jedoch, dass Giselher auch da richtig liegt. Das war von Wagner nicht gewollt. Schade eigentlich.


    :hello:


    Gruß, l.

  • Hallo lohengrins,


    natürlich empfinden wir Häme heute als abstoßend. Allerdings war im 19. Jahrhundert Schadenfreude und Lachen über das Ungeschick von Außenseitern allgemein üblich und akzeptiert. Misha hatte ja Grimms "Juden im Dorn" erwähnt:


    Zitat

    Wie er nun mitten in dem Dorn steckte, plagte der Mutwille den guten Knecht, daß er seine Fiedel abnahm und anfing zu geigen. Gleich fing auch der Jude an die Beine zu heben und in die Höhe zu springen: und je mehr der Knecht strich, desto besser ging der Tanz. Aber die Dörner zerrissen ihm den schäbigen Rock, kämmten ihm den Ziegenbart und stachen und zwickten ihn am ganzen Leib. 'Mein,' rief der Jude, 'was soll mir das Geigen! laß der Herr das Geigen, ich begehre nicht zu tanzen.' Aber der Knecht hörte nicht darauf und dachte 'du hast die Leute genug geschunden, nun soll dirs die Dornhecke nicht besser machen,' und fing von neuem an zu geigen, daß der Jude immer höher aufspringen mußte, und die Fetzen von seinem Rock an den Stacheln hängen blieben.


    Und in dieser Tradition der Schadenfreude steht auch Wagners Beckmesser, mit dem er versucht hat, seinen "Feind" Hanslick der Lächerlichkeit preiszugeben. Allerdings brauchte Wagner für eine solche Figur auch eine gewisse dramatische Fallhöhe, damit die Blamage auf der Festwiese vollständig ist und nicht bloß ein kleiner Ausrutscher. Ein hoher Beamter kann sich unsterblich blamieren, ein Hanswurst ist selbst schon eine ständige Blamage seiner selbst und besitzt daher keine Fallhöhe.


    Wenn man als Regisseur entgegen Wagners Absichten Beckmesser ein wenig rehabilitieren will, sollte man das allerdings nicht so platt machen wie Wolfgang Wagner in seiner Bayreuther Inszenierung der 80er Jahre, wo der Regisseur en passant einen Handschlag von Sachs und Beckmesser einfädelt. Besser finde ich da die Lösung von Claus-Helmut Drese in Zürich 1984: Beckmesser sitzt da nach seinem gescheiterten Vortrag, zusammengesunken wie ein kleines Häufchen Elend, zusammen mit den anderen Meistern an einer Tafel inmitten der Bühne. Niemand beachtet ihn. Nachdem Sachs den Lorbeerkranz an eine Darstellerin der "Frau Musica" weitergereicht hat, legt er inmitten des Jubels Beckmesser mitfühlend die Hand auf die Schulter, worauf Beckmesser zögernd aufblickt. Eine Lösung, die zeigt, dass eine Versöhnung von Sachs und Beckmesser möglich ist, aber aufgrund der tiefen Verletzung des Merkers eben nicht sofort und auch nicht "so nebenbei".


    Viele Grüße


    GiselherHH

    "Mache es besser! (...) soll ein bloßes Stichblatt sein, die Stöße des Kunstrichters abglitschen zu lassen."


    (Gotthold Ephraim Lessing: Der Rezensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt)


  • Das habe ich anders verstanden. Ich stimme Dir völlig zu, daß eine sofortige Versöhnung nicht ins Stück passt. Aber gerade durch das Dazwischentreten des Regisseurs - der ja auch nicht zum Stück gehört! - habe ich das seinerzeit als Fiktion, als Wunsch und Perspektive verstanden, sozusagen eine szenische Ausformung von Jens' Postulat "Der Stadtschreiber wird noch gebraucht" (sinng. zitiert).

  • Hallo,


    Warum gönnt denn niemand dem Sänger des Beckmessers


    komisch zu sein?Es ist doch so herrlich,wenn man auf der


    Bühne eine Bufforolle verkörpern kann.


    Es muß ja nicht gleich ein Hanswurst sein,


    obschon der auch schön zu spielen ist.


    Ernst ist das Leben,heiter ist die Kunst. =)


    (Siehe auch Signatur)


    :hello:Herbert.

  • Hallo Misha,


    Wolfgang Wagner tritt aber nicht als "Regisseur" auf, also in heutiger Alltagsbekleidung mit Brille, sondern er initiiert diesen Handshake als verkleideter "Nürnberger", integriert das ganze also ganz naturalistisch-realistisch in die Handlung auf der Festwiese und inszeniert die Begegnung Sachs-Beckmesser somit nicht als Fiktion oder Wunsch. Und das empfinde ich nun als wirklich falsch-versöhnlerisch.


    Hallo Herbert,


    niemand will Dir den Spaß an Buffofiguren nehmen, aber der Beckmesser ist nun mal nicht das richtige Objekt, dem Affen Zucker zu geben. Genauso wie die "Meistersinger" eben keine harmlose komische Oper sind, in der es bloß darum geht, dass zwei junge Leute sich kriegen und der alte Hagestolz in die Röhre schaut. Zum Beleg noch ein Ausschnitt aus der Wagner-Biographie von Gregor-Dellin:


    "Dieser Beckmesser ist nicht nur Pedant, Versager, »Jude im Dorn« (Theodor W. Adorno), sondern auch einer der Mächtigen, ein Tugendbold und Regelkünstler, Meister und Stadtschreiber, der erst dann blind und dumm wird, wenn er balzt und flunkert und die Regel für sich nicht mehr gelten läßt. Wagner schrieb 1868 an Esser, Beckmesser dürfe nicht zur albernen Karikatur werden, nur seine Lage und die Situationen, in die er gerate, ließen ihn lächerlich erscheinen: »Beckmesser ist kein Komiker; er ist gerade so ernst als alle übrigen Meister.«"
    [Martin Gregor-Dellin: Richard Wagner. Sein Leben - sein Werk - sein Jahrhundert: Zweiter Teil: 1849-1864, S. 400. Digitale Bibliothek Band 107: Richard Wagner: Werke, Schriften und Briefe, S. 50712 (vgl. Gregor-Dellin WagnerBio, S. 485)]


    Viele Grüße


    GiselherHH

    "Mache es besser! (...) soll ein bloßes Stichblatt sein, die Stöße des Kunstrichters abglitschen zu lassen."


    (Gotthold Ephraim Lessing: Der Rezensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt)

  • Hallo Giselher,

    Zitat

    »Beckmesser ist kein Komiker; er ist gerade so ernst als alle übrigen Meister.«"


    Worin sich wieder der geniale Dramatiker Wagner zeigt: Komik um ihrer selbst Willen ist selten komisch. Aber die Beckmesser-Komik erwächst daraus, daß er eben keine lustige Figur ist, sondern ein ernster, würdevoller Meister, der beim Wandeln auf Freiersfüßen ausgleitet wie auf einer Bananenschale. Aus dem Mißverhältnis von Anspruch und Realität erwächst dann die Komik.


    :hello:

  • Wagners Idee bei der Konzeption des Beckmesser ist (leider) eindeutig:
    Es geht um eine an Vernichtung grenzende Lächerlichmachung und Demütigumg einer Person, um das völlige Abräumen ihrer Würde - und war ganz konkret auf einen jüdischen Musikkritiker bezogen.


    Glücklicherweise hat Wagner das jüdische (eigentlich jiddische) nur unterschwellig in die Musik eingebaut, so dass es nur bei einem auf Lächerlichkeit abzielenden, jaulenden Vortrag der Rolle hörbar wird. Damit darf man die Intention des Komponisten und Librettisten dorthin befördern, wo sie im konkreten Fall hingehört - auf den Misthaufen.


    Da eine Komödie nur dann wirklich eine ist, wenn sie auch den "negativen" Charakteren einen Rest an Würde lässt, wurde der Beckmesser wie bereits beschrieben "umgemodelt" - und das völlig zurecht.


    Beckmesser ist klug, sehr konservativ und extrem verkrampft. Anders als andere "Meister" kann er Neues zwar erfassen, ist aber nicht in der Lage, darin anderes zu sehen als eine Bedrohung. Nicht zu vergessen ist dabei, dass Beckmesser - als Stadtschreiber eigentlich kein "Meister", da kein Gilden-Handwerker - einen Fremdkörper darstellt und daher im Sinne einer Assimilation versucht, päpstlicher zu sein als der Papst. Was geradezu zwangsläufig zum Scheitern verurteilt ist.


    Prey kann ich leider nicht beurteilen, aber offenbar hat er die Rolle ähnlich angelegt wie später Slabbert in der Volksoper oder Thomas Allen an der MET (DVD).


    Einen Beckmesser im Sinne des Komponisten möchte ich jedenfalls weder sehen noch hören

  • Die Meistersinger kenne ich in und auswendig.


    Aber etwas unterschwellig jüdisches oder jiddisches


    habe ich noch nie an irgendeiner Stelle herrausgehört.


    Ich weiß auch nicht,was ein jaulender Vortrag mit


    jüdisch oder jiddisch zu tun haben soll. ?(


    Im übrigen bin ich der Meinung,daß man dem


    Beckmesser ruhig eine fein dosierte Portion Komik


    belassen sollte.Am besten ist ein Interpret,der


    unfreiwillige Komik darzustellen weiß.Man sollte auf


    keinen Fall das Konzept des Komponisten total verdrehen.


    :hello:Herbert.


  • Hallo!
    Das mit dem "jaulenden Vortrag" bezieht sich auf Sterotype, die mit jüdischer Synagogalmusik in Verbindung gebracht werden. Wenn man bei gewissen Figuren Wagners die musikalischen Vortragsbezeichnungen betrachtet (da ist neben und noch vor dem Beckmesser an Mime zu erinnern), wird dies von manchen Musikwissenschaftlern als Anspielung auf diese Sterotype gedeutet, die im antisemitischen Diskurs des ausgehenden 19. Jahrhunderts auch durchaus als solche wahrgenommen werden. Allerdings bin ich aus dem Thema aktuell etwas heraußen und muß daher auf die allgemeine Literatur verweisen, etwa den Aufsatzband über "Richard Wagner und die Juden", den Dieter Borchmeyer und Susanne Vill herausgegeben haben.

  • Hallo Armin,


    jaulende Synagogalmusik habe ich auch noch nie gehört.


    Ich empfinde sie als sehr angenehm,besonders wenn


    der Kantor eine schöne Stimme hat(J.Schmidt, R.Tucker,


    J.Peerce).Was Musikwissenschaftler gedeutet haben,


    interessiert mich nicht.


    :hello:Herbert.


  • Ich habe ja auch nicht behauptet, daß jüdische Synagogalmusik jaulend IST ; allerdings gibt es in der antisemitisch fundierten Musikwissenschaft (die sich auf Wagners "Judentum in der Musik" zurückführen läßt) immer wieder formulierte Sterotype über diese Musik, die von meckernden, jaulenden und durch Melismen verunzierten Melodien sprechen. Und auch wenn die Musikwissenschaft für das Hören und Ausüben von Musik mit Sicherheit nicht vonnöten ist, können ihre Erkenntnisse durchaus so manches zu Interpretationsmöglichkeiten aussagen, das man in Betracht ziehen kann und sollte.
    BTW: mit den Hinweisen auf Schmidt und seine Kollegen rennen Sie vollkommen offene Türen ein: es ist unglaublich, mit welcher Virtuosität er diese Werke interpretiert ; und es gab ja auch hauptamtliche Kantoren, die sich gelegentlich an Opernarien wagten und sie auf der Schallplatte sangen (beispielsweise Joseph Rosenblatt)

  • Hallo Armin,


    Vor einigen Jahren sah ich im Fernsehen ein Wettbewerb zwischen ± 20 Kantoren. Meist kamen sie aus Nord-Amerika; einige aus Israel und ein oder zwei aus Europa.
    Unfaßbar, unglaublich und unvorstellbar wie gut sie technisch schwere Prestationen lieferten. Mit recht kan man reden von Virtuosität. :yes:


    Ich war erstaunt über die Tatsache, daß nicht alle Kantoren Tenor waren. Es ist schon eine Zeit zurück, aber ich dachte, daß da 2 oder 3 Baritonen sangen.


    LG, Paul