Peteris Vasks - lettischer Komponist

  • Hallo liebe TaminoanerInnen


    Peteris Vasks ist am Ostersonntag am 16. April sechzig Jahre alt geworden. Geboren im kurländischen Aizpute (Hasenput) in Lettland als Pastorensohn.



    Als Beweggrund seines Schaffens empfindet Peteris Vask „das Mitleiden mit den Schmerzen der Welt“. Er hat bis zu seinem fünfundvierzigsten Lebensjahr, als seine russisch unterdrückte heimat nach dem Zerfall der Sowjetmacht endlich unabhängig wurde, hautnah erlebt. Seine Musik verstand Vasks als die Stimme verzweifelter Unterdrückter, aber auch als Stimme des Widerstands – Trauer und Optimismus in einem Atemzug, in verschlüsselter Klangbotschaft wider die Parteidoktrin und ihr Kulturdiktat.
    Nicht zufällig hat Vasks seine Streicherymphonie, die er zur Jahreswende 1990/91 in der schwierigsten Phase im Befreiungskampf der drei baltischen Staaten schrieb, „Stimmen“ genannt. Die instrumentalen Vogellaute im zweiten Teil des Triptychons sind ihm ein Symbol von Leben, Schönheit und Freiheit der leichthin Grenzen überfliegenden Tiere, während die Menschen sich hinmorden. Den dritten Teil sieht der Komponist im Selbstkommentar als eine „Vision der Vernichtung“ – als Appell wider politische und ökologische Katastrophen. Auch nach der politischen Wende blieb Vasks’ Musik aller Zuversicht zum Trotz trauerumflort: Ein schweres Erwachen hinterliess Trümmer im Land und in den Seelen, die den politischen Käfig trotz offener Türen nicht verlassen wollen.
    Vasks ist ein Prediger in Tönen, der sich gegen „dieses moderne Esperanto verwahrt, das nur Spezialisten verständlich ist“. Er möchte statt dessen möglichst viele Menschen ansprechen mit seinen Botschaften, nicht nur das Konzertsaalpublikum. Doch biedern sich seine tönenden Erzählungen nicht platt an; sie sind vielmehr hintergründige, vieldeutige Konzentrate aus Konstruktion und Emotion. So kopierte Vasks in seiner „Musica dolorosa“ von 1983 persönliches und nationales Leid distanziert ineinander, um den Tod der Schwester und die Unterdrückung seines Volkes musikalisch zu bewältigen. In Liegeklängen brodelt es, Linien verdichten und überschneiden sich zu Klangknoten mit Herzschlägen tief innen und das Orchester seziert und verallgemeinert die Passion, statt sie lamentierend auszustellen. Allgemeingültigkeit beansprucht auch das David Geringas gewidmete Cellokonzert, trotz seines wiederum autobiographischen Erfahrungskerns in der tönenden Auflehnung einer Persönlichkeit (des Solocellos) „gegen eine stumpfe, brutale Macht“ im Orchesterpart, wie Vasks aus Anlass der Berliner Uraufführung am 26. November 1994 erklärte. Das Zitat des lettischen Volkslieds „Weh, Winchen“ symbolisiert den geistigen Protest gegen Gewalt wie „die Beständigkeit meines Volkes“. Lettische Volklore durchtränkt auch das für Gidon Kremer geschriebene Violinkonzert von 1997, das wie das titelgebende „Ferne Licht“ von der Gefährdung zu Hoffnung führt.
    In diesen Werken sehr gegenständlichen Schreckensnachvollzugs ist zudem der Einfluß der polnischen Avantgarde am evidentesten: Vor allem Lutoslawski hat in Vasks' tonsetzerischem Bewußtsein und künstlerischen Gewissen verbindliche Spuren hinterlassen. Auf der anderen Seite findet sich auch eine monotonale Dimension, die offenkundig auf Arvo Pärt verweist, ohne je dessen emotionale Distanz zu teilen. Im Gegenteil: Vasks will so unmittelbar wie möglich seelische Pein und Freude an der Existenz ausdrücken, wobei die Gedanken, die klanglichen Resultate von großer Einfachheit und suggestivem Gefühlsüberschwang bestimmt sind.
    Obwohl seine Musik wie mit Zungen redet, hat Vasks Vokalwerke lange Zeit fast ausgespart. Mitunter liess er in Kammermusik – etwa in „Buch“ für Cello solo ( 1978 ) oder „Landschaft mit Vögeln“ für Soloflöte ( 1980 ) – die Interpreten wortlos mitsummen, um Zweistimmigkeit zu simulieren. Diese Enthaltsamkeit begründet er mit einer politischen List: „Ich schrieb hauptsächlich instrumentale Musik, die nicht unter die Kontrolle der KGB fiel. Er konnte die Literatur und das Kino kontrollieren, konnte aber instrumentale Musik nicht verstehen.“
    Vasks hat archaisch-folkloristische Elemente der lettischen Musik in seine Kompositionen eingebracht. Seine Werke tragen meist programmatische Titel, die sich auf naturhafte Vorgänge beziehen, doch geht es Vasks nicht um eine poetische Lobpreisung der Natur oder eine Landschaftsschilderung als ästhetisches Ideal. Die wechselseitige Beziehung zwischen der Natur und dem Menschen, die Schönheit des Lebens und die drohende ökologische und moralische Zerstörung dieser Werte sind vielmehr die Themen, die Vasks vornehmlich in seinen jüngsten Werken aufgreift und musikalisch gestaltet.
    Vasks, besuchte die Musikakademie in Riga und die Litauische Musikakademie in Vilnius, wo er bis 1970 ein Kontrabassstudium bei Vitautas Sereika absolvierte. Von 1973 bis 1978 studierte er Komposition bei Valentin Utkin an der Lettischen Musikhochschule in Riga; von 1963 bis 1974 war Vasks Mitglied verschiedener Symphonie- und Kammerorchester, so unter anderem beim Philharmonischen Orchester von Litauen (1966 bis 1969), beim Philharmonischen Kammerorchester von Lettland (1969 bis 1970) und beim Lettischen Rundfunk- und Fernsehorchester (1971 bis 1974).
    Vasks versteht sich als "Gewissen seines Volkes". Tatsächlich spielte er eine wichtige Rolle beim Entstehen einer neuen lettischen Kulturidentität. Darüber hinaus hat seine Musik internationales Ansehen gewonnen als eine eigenständige, eigewillige Stimme.


    Herzliche Grüsse


    romeo&julia

  • Hallo liebe TaminoanerInnen


    Als erstes möchten wir die zweite Sinfonie in folgender Aufnahme vorstellen;



    Sinfonie Nr. 2, Violinkonzert ‚Tala gaisma‘ (Distant light)
    John Storgards (Dirigent), Tampere Philharmonic Orchestra; John Storgards (Violine), Ostrobothnian Chamber Orchestra, Ltg.: Juha Kangas bei Ondine


    Vasks 2. Sinfonie von 1999 erinnert gelegentlich an Mahler und Schostakowitsch aber auch etwas an Khatschaturian, und Giya Kancheli, doch spricht er auch eine ganz eigene Sprache, die ihre Wurzeln nicht selten in der fast minimalistischen Volksmusik des Baltikums hat aber leider auch archaische, kirchentonale Melodiefloskeln, die sich bedeutungsschwer nach oben schrauben, aufweisen. Zur volksliedähnlichen Melodie am Ende des 35minütigen Werks schreibt der lettische Komponist: “Sie ist ein Hauch schwereloser Sorgen ... ich kann mein Publikum nicht ohne einen Funken Hoffnung lassen, eine Ahnung von der Ewigkeit.“ Das Thema seiner Musik ist die Spannung zwischen Gut und Böse, Optimismus und Angst. Der dramatische Fortissimo-Beginn seiner 2. Sinfonie, ein Hinweis auf die „schlechte Welt“, wird ausbalanciert durch Verweise auf die Natur und den Gesang der Vögel, ein Symbol der „idealen Welt“. Klug dosierte Schlagzeugeffekte stehen im Kontrast zu melancholischen Holzbläsersoli über mystisch flirrenden Streicherflächen.Die Sinfonie ringt auf um die Balance zwischen inneren Weiten und Energie-zehrender Außenwelt. John Storgårds zeichnet dieses erschütternde Ringen eindrucksvoll nach; allerdings erscheint uns das einsätzige Stück auch etwas zu lange und vermag zeitweise nicht zu fesseln.


    Herzliche Grüsse


    romeo&julia

  • Hallo romeo und julia,


    eigentlich bin ich denkbar ungeeignet in eurem thread einen Beitrag zu verfassen, da mir das Werk Vasks' bisher unbekannt ist.
    Ich weiß, daß er wohl der führende Komponist seines Landes ist und inzwischen sich auch hier bei uns einen Namen gemacht hat und öfters auf den Spielplänen erscheint.
    Ich dachte, ich schreibe doch ein paar Worte - nicht etwa weil ich die 2. Symphonie bisher auch nur ansatzweise gehört hätte - sondern weil ich mal Ausschnitte aus dem Violinkonzert 'Distant Light' hörte, welches sich ja auf der von euch vorgestellten Aufnahme befindet. Ich kann mich erinnern, daß es sehr ergreifende Musik war, von einer selten inneren Schönheit.


    Insofern auch ein Danke für den thread - nun weiß ich, was beim nächsten Gang zu Dussmann im Player landen wird. :)


    :hello:
    LG
    Wulf

  • Dieser Thread verdient es einfach nicht, brach zu liegen, daher hole ich ihn wieder aus der Versenkung und stelle noch einige Aufnahmen mit Werken von Peteris Vasks vor.


    Das Violinenkonzert Distant Light wurde ja bereits genannt. doch die bessere Einspielung ist jene hier:

    Des weiterin ist dort die Sinfonie Stimmen enthalten, die in einem ähnlichen Duktus erklingt wie das Violinenkonzert.


    Sehr zu empfehlen ist diese CD mit neueren Vokalwerken:

    Insbesondere das Dona Nobis Pacem ist ein sehr eindrückliches Werk, welches durch seine schönen Klänge und Linien ausgesprochen ohrenfällig ist.



    Zu diesen CDs kann ich (noch) nichts sagen (sie sind unterwegs zu mir). Wird aber nachgeholt :)


    Kenn jemand noch andere Werke von Peteris Vasks?


    Liebe Grüße, der Thomas. :hello:

  • Gerade sah ich auf Arte ein Portrait der baltischen Dirigentin Anu Tali. In diesem Film wurde auch ein längerer Ausschnitt des Violinkonzerts von Peteris Vasks gezeigt; "Distant Light". Ich bin schwer beeindruckt, solche Musik habe ich noch nie gehört. Ein bisschen einfach gestrickt scheint sie mir allerdings zu sein, oder? Ich höre nur Klangflächen und keine richtigen Strukturen. Hört man sich das nicht schnell über? Ich habe keine Ahnung von dieser Musik und kann deshalb nur ganz naiv und dem ersten Eindruck folgend fragen.


    Die Aufnahme mit Gidon Kremer scheint vergriffen zu sein. Kennt jemand diese CD?



    Mit Gruß von Carola

  • Zitat

    Original von Carola
    Gerade sah ich auf Arte ein Portrait der baltischen Dirigentin Anu Tali. In diesem Film wurde auch ein längerer Ausschnitt des Violinkonzerts von Peteris Vasks gezeigt; "Distant Light". Ich bin schwer beeindruckt, solche Musik habe ich noch nie gehört. Ein bisschen einfach gestrickt scheint sie mir allerdings zu sein, oder? Ich höre nur Klangflächen und keine richtigen Strukturen. Hört man sich das nicht schnell über?


    Ich kann das "Über-Hören" eigentlich nicht bestätigen. Die Musik wirkt durch ihre gefühlvolle Weite. Aus meinem Empfinden heraus entdecke ich in ihr zahlreiche Strukturen. Allerdings höre ich selten Musik der Klassik und des Barocks und habe möglicherwiese daher etwas andere Hörgewohnheiten. Außerdem habe ich eine sehr starke Neigung zu klangflächige Musik. Wenn Dich die Musik aber beim ersten Hören so beeindruckt hat, würde ich dir unbedingt eine tiefere Beschäftigung empfehlen. :yes:


    Die von Dir gezeigte CD kenne ich nicht. Laut van Rossum jedoch ist die Einspielung mit Kremer mit Abstand die Beste. Und über ebay wird die Kremer-CD einigermaßen regelmäßig angeboten (dort habe ich sie vor wenigen Monaten ebenfalls erstanden).


    Liebe Grüße, der Thomas. :hello:

  • Laut dem JPC-Courier ist eine neue CD mit Werken von Peteris Vasks beim Label Wergo erschienen:



    Enthalten sind folgende Werke:

    • Musica adventus für Streichorchester
    • Viatore für Streichorchester
    • Konzert für Englischhorn & Orchester


    Es spielt die Sinfonietta Riga[B] unter der Letung von [B]Normunds Sne. Bis 15.06.2008 ist sie übrigens zum Einführungspreis von EUR 14,99 zu haben.


    Liebe Grüße, der Thomas. :hello:

  • Hallo,


    Vasks ist ein Komponist, dessen Musik ich generell betrachtet sehr gerne höre - vor allem auf Grund ihres emotionalen Gehaltes. Manchmal, aber das ist jetzt eine sehr persönliche Aussage, wirkt sie auf mich einfach tröstlich.


    Es mag sein, dass man Einflüsse von Mahler, Schostakowitsch oder Chatschaturjan in dieser Musik ausmachen kann - aber der Eindruck, den man durch diese Namen vermittelt bekommt, trügt letztlich. Vor allem lebt Vasks' Musik nämlich von jenen leicht archaisch anmutenden, nicht selten auch offenbar religiös inspirierten weiten Melodiebögen. Das Chaos, das diesen gegenübersteht, stellt Vasks dagegen sehr oft durch Aleatorik dar. Nichtsdestotrotz dürfte seine Musik auch für den moderneunerfahrenen Hörer relativ leicht fassbar sein, ist sie doch fast grundsätzlich tonal oder modal fundiert und sehr melodisch gehalten.


    Ich persönlich halte sein Violinkonzert für sein bestes Werk, jedenfalls für das Werk, in welchem mir sein Konzept des Gegenüberstellens von "Gut und Böse" (ich habe ja gewisse Hemmungen, dies so scheinbar simplifiziert darzustellen, doch Vasks' Denkweise scheint sich tatsächlich überwiegend in diesen Kategorien zu bewegen) am überzeugendsten realisiert zu sein scheint. Ich gebe allerdings gerne zu, dass ich keinen besonders umfassenden Überblick über sein Schaffen besitze.


    "Fernes Licht" überzeugt vor allem durch seine Emotionalität - eine mehr als halbstündige sehr intensive Klage, mit weiten Monologe der Violine. Übrigens besteht das Orchester hier ausschließlich aus Streichern. Weite Teile des Konzertes stehen mehr oder weniger eindeutig in a-moll. Mehrere Aspekte erscheinen mir bemerkenswert: zum einen das athmosphärische Sirren des Beginns, wie Lichtreflexe, die undeutlich am Horizont schimmern. Daraus entstehen langsam Strukturen, die dann zu den erwähnten ausschweifenden melodischen Linien führen.


    Weiterhin ist der Höhepunkt des Konzerts meiner Ansicht nach sehr bewegend: eine Art schneller Walzer, der dissonant verzerrt wird und in einen schmerzerfüllten langen Tremolo-Akkord mündet. Wenn danach nur ein hohes "a" im äußersten Piano erklingt, als wäre dies alles, was nach den Konflikten übrig geblieben ist, dann wirkt die Trauer dieser Musik auf mich persönlich schon unmittelbar. Übrigens besteht der Schluss wiederum aus den sirrenden, fluoreszierenden Klängen des Beginns in der Solovioline - das Konzert erstirbt in der Stille.


    In anderem Werken geht Vasks ganz ähnlich vor, was teilweise auch zu sehr bemerkenswerten Resultaten führt: die Kantilene des Cellokonzertes ist zum Beispiel ein ganz vortrefflicher Einfall, und wenn im Schlusssatz das oben bereits erwähnte lettische Volkslied erklingt, wirkt die Musik auf mich wirklich unheimlich befreiend.


    Nun mag aber bereits angeklungen sein, dass ich Vasks trotz allem nicht nur positiv gegenüber stehe. Was mich zum Teil recht nachdenklich stimmt, sind folgende Überlegungen: zunächst habe ich den Eindruck, dass Vasks sich manchmal stark an einem gewissen Schema orientiert, dass sich vieles vielleicht über Gebühr gleicht. Nun ist es ja durchaus positiv, wenn ein Komponist eine eigene Stimme entwickelt. Andererseits ist Vasks so ein Fall, bei dem ich eben manchmal denke, dass er seinen Tonfall doch sehr über gewisse Parameter und Eigenheiten definiert, die auf Kosten einer schärferen Profilierung des einzelnen Werks gehen. Als ob ein Schema immer wieder mit neuem Inhalt zu füllen sei.


    Weiterhin finde ich, dass Vasks' Musik letztlich doch recht schlicht gebaut ist - weniger in musikalischer Hinsicht als vielmehr in ideeller. Sie scheint mir eben gerade auf den ewigen Dualismus von Gut und Böse hinauszulaufen, und das ist natürlich eine Position, wie man sie sich simpler kaum vorstellen kann. Außerdem muss ich gestehen, dass mir seine Kommentare zum Teil durch ihre stark moralisierende Tendenz wenig zusagen.


    Ich muss in diesem Zusammenhang ganz ehrlich gestehen, dass ich nicht selten erhebliche Probleme damit habe, seine eigenen Interpretationen in seiner Musik wiederzufinden. Lese ich etwa weiter oben, das Violinkonzert führe von Gefährdung zu Hoffnung, so kann ich nur beteuern, dass ich das schlicht und einfach nicht höre. Für mich ist das Ende dieses Werks letztlich tief traurig, ein Verdämmern in der Ferne. Ich selbst würde dies so interpretieren, dass das Ferne Licht, das Vasks im Titel anspricht, am Ende Illusion bleibt oder zumindest unerreichbar erscheint. In diesem Punkt scheint die Ansicht des Komponisten aber erheblich von der meinigen abzuweichen.


    Um eine Art kleines Fazit zu ziehen: ich höre Vasks' Musik generell ausgesprochen gerne, und es hat mal eine Phase in meinem Leben gegeben, in der ich fast täglich sein Violinkonzert gehört habe - die CD ist dementsprechend übrigens recht mitgenommen... Ich empfehle gerade dieses Werk mit Nachdruck weiter. Trotzdem lassen seine ästhetischen bzw. ideellen Positionierungen bei mir gewisse Fragen offen. Natürlich nur meine persönliche Einschätzung! Es gibt jedenfalls nicht viele Komponisten, die ich selbst so ambivalent sehe wie ihn.


    Viele Grüße
    Holger

  • Diesen Thread würde ich gerne wiederbeleben, denn auch mir bedeutet die Musik Peteris Vasks einiges. Über seinen Stil haben die Vorredner schon einiges Kluges gesagt. Ich höre diese Musik als eine Weiterentwicklung der von mir sehr geliebten tragischen langsamen Sätze von Gustav Mahler, Dimitri Schostakowitsch und Samuel Barber, natürlich mit zeitgenössischen Techniken (Aleatorik, Toncluster) angereichert, aber letztendlich doch an eine erweiterte Tonalität gebunden.
    Dies führt in bestimmten Quartieren zu einer Ablehnung seiner Musik, aber ich denke, Vasks erreicht mit seiner Musik einen breiteren Interessentenkreis als viele "Avantgardisten". Seine Musik kann sehr emotional und intensiv werden, manch einem sicher zu intensiv. Ich würde auch niemals wie mein Vorredner ein Stück von Vasks über Wochen täglich hören wollen. Dafür muss ich schon in einer entsprechenden Stimmung sein, gleiches gilt bei mir aber auch für Mahler 9, Bruckner 8 und Schostakowitsch 8 oder die Symphonien von Allen Pettersson.


    Die weiter oben abgebildete CD mit dem Violinkonzert "Distant Light-Tala Gaisma" und den "Stimmen" habe ich vor ein paar Tagen antiquarisch erstanden und diese Einspielung von Gidon Kremer und seiner Kremerata Baltica ist sehr eindrucksvoll. Beides sehr klangstarke tragische und eben intensive Stücke.


    Etwas leichter daher kommt das neue Violinkonzert "Vox amoris", das die junge Alina Pogostkina für ihr Plattendebüt ausgewählt hat.


    Es erinnert ein wenig an "The lark ascending" von Ralph Vaughan-Williams, die Violine spielt meist in sehr hohen Lagen.
    Daneben enthält die CD ebenfalls "Distant Light" und die Meditation "Einsamer Engel".


    Alle drei Werke sind bei Frau Pogostkina in besten Händen. Da ich die beiden Aufnahmen von "Distant Light" nur mit mehreren Wochen Abstand gehört habe, kann ich derzeit noch nicht sagen, welche mir besser gefällt.


    Wer auch der Musik von Arvo Pärt, Giya Kancheli oder Henryk Gorecki etwas abgewinnen kann, sollte sich mal mit Vasks beschäftigen. Diese CD könnte ein guter Einstieg sein.

  • Der 1946 geborene Peteris Vasks ist der vermutlich bekannteste lebende Komponist Lettlands. Der Werbepartner listet derzeit immerhin 23 CDs mit seiner Musik. Sie ist eine Mischung aus archaischen Klängen und moderner teils minimalistisch angehauchter Musik. Arvo Pärt, Henryk Gorecki und Giya Kancheli beackern ähnliche Felder. Je mehr ich von Vask's Musik kennenlerne umso mehr steigt er in meinem Ansehen.


    Das 2. Streichquartett würde ich zu einem der faszinierendsten Quartette zählen, die Ende des 20. Jahrhunderts komponiert wurden. 1984 komponiert, "Songs of Summer" betitelt mit drei Sätzen "Coming into bloom, Birds und Elegy" ist es ein Gesang auf die Natur. Technisch außerordentlich interessant gemacht, flirrende, sirrende Klänge, die einen in eine Art Trance versetzen, einfach genial. Wer die einschlägigen Werke von Ravel, Debussy und Janacek liebt, der kann hier eine zeitgemäße Weiterführung erleben.


    Und das Riga String Quartett spielt dieses Werk mit umwerfender technischer Vollkommenheit.


  • Balsis (Stimmen) entstand 1991 zu Zeiten, als die baltischen Staaten friedlich um ihre Freiheit von der Sowjetvorherrschaft kämpften. 50 Jahre zuvor, am 14.6.1941 hatten Massendeportationen von Hunderttausenden von Balten in sibirische Todeslager begonnen.


    Der Komponist schreibt über sein dreisätziges Werk, das wohl inzwischen als seine 1. Symphonie gilt, folgendes:


    1. Teil "Stimmen der Stille" - Das Horchen in die Unendlichkeit der Sternennacht. Ein Streicherchoral der ewigen Stille.
    2. Teil "Stimmen des Lebens" - Versuch, ein grandioses musikalisches Gemälde des Erwachens der Natur zu entwerfen. Vogelstimmen. Die Vögel als Symbol für Schönheit, für das Dasein.
    3. Teil "Stimme des Gewissens" - Die Rückkehr zur Realität. Wir leben am Ende des 20. Jahrhunderts. Es drohen ökologischen Katastrophen. Es gibt Panzer, Raketen, unterdrückte Völker. Fragen an Dich und mich, an uns alle. Verfinsterung. Vision der Vernichtung.


    Leider immer noch aktuell. ;(


    Wer die Musik von Vasks kennt, weiß was ihn erwartet. Die Musik beginnt ungefähr da, wo Mahler 9 aufhört. Die Streicher spielen flächenhaft, überwiegend tonal, viel in Moll, an manchen Stellen auch dissonante vermutlich aleatorisch notierte Steigerungen. Muss man mögen, ich mag's. Authentischer wie hier wird das vermutlich nicht zu hören bekommen, ebenso das Violinkonzert, obwohl es davon auch andere schöne Aufnahmen gibt, s. Beitrag 9.


    P.S. Wie ich gerade sehe, ist die CD derzeit nur zu Mondpreisen erhältlich. Schade, bzw. sehr ärgerlich. :(

  • Ich mag das Violinkonzert sehr (übrigens diese Seite hier hat mich dazu gebracht). Der Mondpreis von Kremer ist sehr ärgerlich, aber die in Beitrag 5 eingestellte Aufnahme mit Katarina Andreasson ist ganz vorzüglich. Leider ist meine CD defekt, sodass ich sie mir noch mal besorgen muss.

    Ihr absolviert diese Stelle wie ein Intercity auf einer schwer zu nehmenden Weiche (mein verstorbener Chordirigent Johannes Glauber aus Essen)

  • Peteris Vask's zweite Symphonie wurde bereits im 2. Beitrag beschrieben und gelobt, wenn auch als etwas zu lang empfunden. Nun, das Stück ist heute bei mir im Fluge vorbei gerauscht und ich war überrascht, dass die 40 min schon um sein sollen. Wenn jemand immer noch glaubt, zeitgenössische Musik sei dröge und ungenießbar, sollte er dies Stück hören. Eindringlicher und faszinierender kann Musik kaum sein. Eine Filmmusik ohne Film, die vermutlich bei jedem halbwegs offenen Ohr zahlreiche Bilder und Stimmungen heraufbeschwört. Ein Stück in der Tradition und im Stil von Holst Planeten, Respighis Rom Trilogie, Schostakowitschs 7er und 11er Symphonie und Vaughan-Williams Antarktis-Symphonie. Und genauso gut. Für mich ein ganz großer Wurf.

  • Die Musik von Peteris Vasks scheint hier im Forum kaum Freunde zu haben, außer ein paar Verschollenen und Gesperrten hat sich bisher nur Dr. Pingel zu einem Stück von ihm bekannt. Wundert mich etwas, denn Vasks ist unter den lebenden Komponisten vermutlich der zugänglichste, seine tonale, oft traurig oder melancholisch gestimmte Musik spricht eigentlich unmittelbar an. Die erste Symphonie "Stimmen" entstand zu Zeiten der Wende, als noch nicht klar war, ob die Auflösung des Warschauer Paktes für die Balten gut oder schlecht ausgeht. Sie ist demgemäß auch leicht pessimistisch gehalten, aber passt natürlich durchaus auch in die Jetztzeit, wo immer noch und wieder vieles ungewiss ist. Ich mag die Musik von Vasks und auch dieses Stück. Rudolf Werthen und das flandrische Kammerorchester spielen diese Musik sehr eindringlich und werden von Telarc in erwartungsgemäß audiophilem Sound eingefangen. Am Marktplatz gibt es das Teil für vergleichsweise wenig Geld.


    P.S. Im kommenden Jahr wird Vasks 70, spätestens dann sollte man vielleicht den Threadtitel ändern. :D

  • Streichquartet Nr. 3 von Peteris Vasks

    Das ist direkt ansprechende und emotional berührende Musik, die tonal und gleichzeitig modern ist.

    Vasks hat bis jetzt 5 Streichquartette geschrieben, die mir alle sehr gut gefallen. Aber ich möchte einmal das dritte hervor holen, weil es mich beim ersten mal hören direkt angesprochen hat und weil es eines der wenigen Stücke klassischer Musik ist, die auch meiner Frau gefallen. Was definitiv für seine Eingängigkeit und Hörbarkeit spricht.

    Ich habe sowohl die Aufnahme des Riga-Quartetts, wie auch die des Spikeru Quartett.

    Vasks selber hat einmal gesagt, dass er Musik komponieren will, die tröstend und fragend sein soll. In meinen Augen hat er das mit diesem Streichquartett geschafft, auch oder vielleicht gerade weil der zweite Satz eher dramatisch anklagend und aufwühlend ist. Aber das ist vielleicht die Stimme der Fragenden. Wenn ich das richtig verstehe, wollte er ja den Unterdrückten in seinem Heimatland eine Stimme verleihen.

    Sein drittes Streichquartett komponiert Peteris Vasks 1995 kurz nach Weihnachten, Es ist in traditioneller viersätziger Form geschrieben (halbschneller Kopfsatz, scherzoartiger zweiter Satz, Adagio und schnelles Finale mit langsamerer Einleitung). Und obwohl es immer mit Weihnachten oder dem Nachsinnen auf Weihnachten verbunden wird, kann ich kein konkretes Weihnachtslied hören oder damit verbinden. Und trotzdem klingt es für mich sehr vertraut.

    Die ersten, gezupften,Töne zwingen den Hörer dazu aufmerksam zu sein. Der Rest des Satzes ist sehr ruhig, für mein Gefühl fast ein bisschen Schwermütig, zumindest sehr getragen, aber immer sehr melodiös und eingängig.


    Der zweite Satz wie schon oben gesagt, dramatisch, anklagend, aufwühlend, dass schöne dabei ist, dass Vasks hier trotzdem tonal und melodiös bleibt.


    Das Adagio beginnt sehr wehmutsvoll und gleichzeitig schwingt immer etwas unterschwellig dramatisches mit. Gegensätze die sich gegenüberstehen.


    Den vierten Satz könnte man die weihnachliche Suche nach Frieden nennen. Die Anklagen aus dem zweiten Teil finden sich hier in deutlich gemäßigterem Ton wieder. Es gibt ein durcheinander von Stimmen, um dann wieder zum weihnachtlich friedvollen ruhigen Klängen zu finden.


    So doch vielleicht hat ja noch jemand das Streichquartett und mag etwas dazu sagen? Oder auch gerne zu anderen Stücken von Vasks, damit es hier nicht so ruhig ist. ;)


    Vielleicht hat ja auch Alfred doch mal Zeit diesen Thread umzubenennen und ins Themenverzeichnis zu übernehmen? Ich fände es zumindest eine gute Idee. Vielleicht sehen das andere ja ähnlich.

  • Lieber Friese
    schön, dass es hier noch jemand gibt, den die Musik von PV anspricht. Ich habe schon öfter - auch außerhalb dieses threads - auf sie hingewiesen. Das 3. SQ werde ich zeitnah hören und meine Eindrücke beisteuern.


    Um eine Aktualisierung des thread Titels hatte ich schon vor zwei Jahren gebeten. Vielleicht erhört uns diesmal jemand. :D


  • Wenn man nach der neue Sol Gabetta CD mit dem 2. Cellokonzert und kürzeren Stücken von Peteris Vasks seine 3. Symphonie von 2005 auflegt, mag man kaum glauben, dass das Werk vom gleichen Komponisten stammt. Eine weitgehend düstere, pessimistische Symphonie ist das geworden mit über 40 Minuten Länge, die immer wieder erhebliches dissonantes und angsterfülltes Potential entfaltet. Diese Symphonie steht nicht unbedingt in der Tradition eines DSCH, sondern erinnert eher an die ähnlich gestimmten späten Symphonien von Malcolm Arnold. Muß man sicher öfters hören, um sich ein abschliessendes Bild zu machen. Der Reviewer bei Gramophone war nicht ganz überzeugt, aber David Hurwitz bei classicstoday vergab 10/10.

  • Um eine Aktualisierung des thread Titels hatte ich schon vor zwei Jahren gebeten.


    Na, na. Nun mal nicht so hektisch... :sleeping::sleeping:;)


    Da ich mir aber gerade die Gabetta-CD bestellt habe, will ich mal nicht so sein. :rolleyes::D

    Einer acht´s - der andere betracht´s - der dritte verlacht´s - was macht´s ?
    (Spruch über der Eingangstür des Rathauses zu Wernigerode)

  • So doch vielleicht hat ja noch jemand das Streichquartett und mag etwas dazu sagen?


    Das 3. SQ werde ich zeitnah hören und meine Eindrücke beisteuern.


    Gleich vollzogen und ja, das ist ein ganz tolles Stück. Eines der schönsten postmodernen Streichquartette. Ich weiß zwar nicht, welche Verbindung es zwischen Miami und Lettland gibt, aber das Miami SQ spielt hinreissend.


  • Danke, dass ist doch mal ein deutlich besserer Titel ;)


    Und lieber Lutgra,


    Das Cello-Konzert habe ich auch, und es ist wirlich schöne Musik, die ich mir immer mal wieder gerne anhöre. Eigentlich müsste es jedem gefallen, der das Cello als Musikinstrument mag. Ich sehe es genauso wie du, die langsamen Sätze sind die, die den größten Eindruck machen. Genau das richtige, wenn man mal Halt machen und in sich gehen will.