Unbekannte Meister der Kammermusik des 18. und 19. Jahrhunderts

  • Liebe Forianer,


    Immer wieder sieht man auf kleinen "Nischenlabeln" Kammermusikkompositionen von Komponisten, von denen man nie zu vor etwas gehört hat- oder von denen bisher keine Einspielungen am Markt waren.
    Manches ist "Konfektionsware" - aber relativ oft trifft man auf Schätze, die Jahrhunderte im Dunkel verborgen lagen.
    Diese einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen - dazu dient dieser Thread



    Wie immer halte ich mich mit meinen Nominierungen anfang noch bescheiden zurück...


    LG


    aus Wien


    Alfred

  • Zufällig stieß ich unlängst auf die Seite mit cpo-Sonderangeboten und bestellte daher pflichtbewußt je eine CD mit Kammermusik von CPE Bach, Dittersdorf, Dussek, Cherubini, Onslow, Volkmann und Reger. Ich habe noch nicht alles gehört, daher verweise ich zu den Quartetten von Volkmann zunächst auf diesen thread und beschränke mich auf zwei Hinweise:


    -C.P.E. Bach (1714-88 ): Quartette für Fortepiano, Flöte, Viola, und B.c. Wq. 93-95
    (der Bach-Sohn ist zugegeben nicht gerade unbekannt, aber doch oft nur namentlich bekannt)
    Diese Werke kenne ich seit längerer Zeit (bei jpc habe ich Klaviertrios bestellt, zu denen später). Sie sind erst kurz vor dem Tod dem Komponisten entstanden/erschienen (1787/88 ), also bereits mitten in der "Wiener Klassik", zeigen aber sehr deutlich den kontrastreichen Personalstil des Bach-Sohnes, teils noch Barock und "Empfindsamkeit" verhaftet, teils fast schon in Beethovens Nähe. Die klanglich reizvolle Besetzung mit Flöte und Bratsche tut ihr übriges; auf jeden Fall empfehlenswert! Meine Aufnahme (Bild) ist leider nicht mehr einzeln erhältlich, aber in einer 3er-Box, die gewiß insgesamt sehr gut ist (ich kenne eine weitere der enthaltenen CDs):



    -Georges Onslow (1784-1853), ein franz. Komponist (mit englischem Vater), der in den 1830er Jahren recht populär gewesen sein muß, dann aber in Vergessenheit geriet. Kammermusik war entgegen dem Trend der Zeit sein Schwerpunkt, hat ca. 70 Streichquartette und -quintette, 4 Sinfonien und 2 Opern komponiert.
    Stilistisch würde ich die Werke als klassizistisch bezeichnen; es gibt einige romantische Züge, etwa in langsamen Satz des g-moll-Werks oder auch in einigen leicht exotisch anmutenden Stellen der Scherzi, aber eine Reaktion auf z.B. Beethovens mittlere Quartette höre ich zumindest nicht. Am nächsten kommen sie unter berühmten Komponisten vielleicht Mendelssohn, freilich ohne dessen formale Experimente in seinen ersten beidne Quartetten. Die Stücke sind frisch, brillant, aber nicht banal oder Konzerte für die 1. Violine mit Begleitung (Onslow selbst spielte das Cello). Das erste, relativ frühe Stück auf der CD ist noch recht konventionell, die beiden anderen schon origineller, das g-moll-Werk gewiß das gewichtigste (auch wenn man nicht ein Drama wie etwa in Mozarts Quintett erwarten sollte).
    Das Mandelring Quartett spielt transparent, geradlinig und teils mit erstaunlicher Verve; die CD gehört gewiß zu den erfreulichen Überraschungen dieser Bestellung:



    Dieses Ensemble hat noch zwei weitere CDs mit Quartetten des Komponisten vorgelegt; bei Gelegenheit werde ich die vielleicht auch noch besorgen; ebenso bietet jpc 4 Sinfonien, sowie Streichquintette und Kammermusik mit Klavier.


    viele Grüße


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Quartets for Fortepiano (1), Flute (2) and Viola (3)


    Aha! Interessant.

    "Das Große an der Musik von Richard Strauss ist, daß sie ein Argument darstellt und untermauert, das über alle Dogmen der Kunst - alle Fragen von Stil und Geschmack und Idiom -, über alle nichtigen, unfruchtbaren Voreingenommenheiten des Chronisten hinausgeht.Sie bietet uns das Beispiel eines Menschen, der seine eigene Zeit bereichert, indem er keiner angehört." - Glenn Gould

  • Zitat

    Original von rappy
    Quartets for Fortepiano (1), Flute (2) and Viola (3)


    Aha! Interessant.


    (Ich dachte schon, ich hätte englisch geschrieben, bei mir steht übrigens klar noch "und b.c."). Sie sind als Quartette bezeichnet, weil die linke Hand der Klavierstimme als Bass zusätzlich zu der rechten zählt. Ein unterstützendes Cello wäre optional, ist aber nicht notwendig (und fehlt auf der von mir genannte Einspielung)


    viele Grüße


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
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    (Bob Dylan)

  • Salut,


    Joseph Martin Kraus gilt vielleicht gemeinhin nicht mehr als 'unbekannt', denn seine Sinfonien machen ja ganz gut die Runde. Aber seine Kammermusik ist weitestgehend unbekannt - und das ist ein Frevel:



    Streichquartette
    B-Dur op. I Nr. 2
    f-moll, ohne Opuszahl
    C-Dur, op. I Nr. 5
    g-moll, op. I Nr. 3
    D-Dur, op. I Nr. 4


    Joseph-Martin-Kraus-Quartett [Mitglieder des Concerto Köln]
    Werner Ehrhard und Jörg Buschhaus, Violine
    Antje Sabinski, Viola - Gerhart Darmstadt, Violoncello



    Streichquartette
    C-Dur, op. I Nr. 5
    B-Dur, op. I Nr. 2
    D-Dur, op. I Nr. 4
    G-Dur, op. I Nr. 6


    Lysell Quartet
    Bernt Lysell und Per Sandklet, Violine
    Thomas Sundkvist, Viola - Mikael Sjögren, Violoncello


    Die Streichquartette werden in den Booklets zu Recht als 'sehr eigen' dargestellt - man könnte sie aber ohne Bedenken zwischen Mozarts Haydn- und die Preußischen Quartette stellen - ohne Zweifel handelt es sich dabei um äußerst kunstvoll gestaltete Musik der ersten Güte!


    Das Lysell-Quartett spielt ganz ausgezeichnet in der Manier der Quatuor festetics auf höchstem technischem Niveau, hingegen ist die Einspielung des JMK-Quartetts sehr durchwachsen: Nicht gefallen mir die Interpretationen der Quartette B- und C-Dur, ganz besonders hingegen das g-moll und D-Dur-Quartett, denn beide vertragen das hektisch-aggressive Spiel der Kölner Soloconcertanten sehr gut.


    Beide CDs sind - trotz der größtenteils doppelten Werke - unbedingt zur Vervollständigung einer Kammermusiksammlung Pflicht!


    Cordialement
    Ulli

  • Zitat

    Original von Ulli
    Joseph Martin Kraus gilt vielleicht gemeinhin nicht mehr als 'unbekannt', denn seine Sinfonien machen ja ganz gut die Runde. Aber seine Kammermusik ist weitestgehend unbekannt - und das ist ein Frevel:


    ...


    Beide CDs sind - trotz der größtenteils doppelten Werke - unbedingt zur Vervollständigung einer Kammermusiksammlung Pflicht!


    (die Musica Sveciae-CD ist anscheinend nur noch zu horrenden Preisen gebraucht zu bekommen...
    Ist dieses op. 1 Kraus' einzige Quartettsammlung oder gibt es noch mehr?


    viele Grüße


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
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    (Bob Dylan)

  • Salut,


    die Musica Sveciae Einspielung ist bei der Joseph-Martin-Kraus-Gesellschaft für 16,-- € [13,-- € für Mitglieder, jeweils zzgl. Porto] zu haben, vorrätig wie ich gestern eigenäugig gesehen habe. Meines Wissens gibt es von Kraus lediglich 6 Streichquartette [op. I bezieht sich nur auf den Erstdruck wie zumeist], zudem noch ein mir unbekanntes Quintett und Werke mit Flöte, natürlich Violinsonaten [vier Stück habe ich im Original, d.h. Handschriftenkopie], Klaviersonaten. Alles ist mittlerweile - mehr oder weniger gut - auf CDs zu erhalten.


    Liebe Grüße
    Ulli

  • Ich glaube kaum, dass viele diese Aufnahme von Brunetti Streichquartetten haben - aber ich bin eigentlich überzeugt, dass viele sie haben wollten, wenn sie ihnen bekannt wäre: Voila........
    Das Schuppanzigh-Quartett (benannt nach dem schon vor zweihundert Jahren existierenden Quartett gleichen Namens) spielt die auf dieser CD befindlichen 4 Streichquartette Brunettis (auf Originalinstrumenten, bzw deren Kopien) mit Verve und Schmelz gleichermaßen. Weder bleibt das Temperament noch die Süße auf der Strecke - einfach perfekt


    mit freundlichen Grüßen aus Wien
    Alfred

  • Dann kann ich noch sehr empfehlen:



    Näheres zu Rosetti findet man unter:
    Rosetti



    und




    Beides sehr gute Einspielungen, allerdings nicht in HIP.

  • Die Brunetti-Quartette sind eine echte Wiederentdeckung, genauso wie die vom CK eingespielten Symphonien.
    Müßte man nicht ständig auf den Geldbeutel respektive seinen Inhalt achten, gehörte Brunetti schon seit Erscheinen zu meinem Repertoire.
    Aber so, kenne ich die Quartette und Symphonien nur vom Reinhören. :(
    Ich arbeite an meinem Weg zum Millionär :)

  • Auch wenn man bei jpc reinhören kann, fände ich es gut, wenn man hier, da es doch um wirklich kaum bekannte Stücke und Komponisten geht, ein paar Worte zu Komponisten, Werken und ungefährer stilistischer Einordnung sagen könnte. Klar kann ich bei j*c nachschauen, dass Brunetti ein Zeitgenosse von Mozart und Haydn war. Aber dann könnte man den thread auf "X gefällt mir" und links zu j*c beschränken. Zu Kraus gibt es ja schon threads und Informationen, zu Brunetti, Rosetti etc. weniger. Ich weiß selbst, wie schwierig solche Beschreibungen sind, es verlangt auch keiner Romane, aber ein persönlicher Eindruck in zwei, drei Sätzen, oder eben die wichtigsten Informationen aus dem Booklet. Als bloßes Name-dropping fände ich den thread ziemlich sinnlos...und so genau, weiß man ja nie, was dem andern nun gefällt, als dass als unbedingte Empfehlung ausreichen würde.


    viele Grüße


    JR

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    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Klar, findet man die Informationen irgendwo. Daher vielen Dank für den Link. Wie gesagt sehe ich aber den Sinn eines solchen threads nicht im bloßen Erwähnen von Namen, über deren Träger ich mir dann im Themenverzeichnis, per Foren- oder Google--Suche was zusammenklauben darf. Anna-Beate bat ja neulich darum, in den "Was höre/Was kaufe ich"-thread Begründungen und Beschreibungen zu liefern. Das finde ich nun zwar übertrieben. Wenn der thread aber »Unbekannte Meister der Kammermusik des 18. und 19. Jahrhunderts» betitelt ist, erwarte ich dort, wenigstens minimale Information zu besagten Meistern (vielleicht ja auch, ob, warum, wieso sie "unbekannt" sind oder nicht, ob zu Unrecht usw.) und ihren Werken zu finden. Das könne auch bloß zwei oder drei aus dem Booklet entnommen Sätze sein. Und zu Werken/CDs möchte ich Gründe erfahren, ob ich sie mir evtl. zulegen oder anhören sollte, oder nicht und hier möglichst Begründungen, die darüber hinausgehen, dass die Musik Forumsmitglied X gefällt. Sonst versucht man das ja auch, also sollte man es erst recht bei unbekannten Stücken tun; ich meine z.B. auch solche Hinweise wie "klingt wie ein Mischung aus Haydn und Mendelssohn","erinnert mich an Beethovens op. 74", "eine Art Brahms light" u.ä. Klar ist sowas immer noch subjektiv gefärbt, aber besser als gar nichts
    Das kostet natürlich etwas mehr Zeit und Mühe, würde den thread aber erheblich aufwerten!


    viele Grüße


    JR

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  • Also CPE Bach als "unbekannter Meister der Kammermusik" schmerzt mich schon etwas ...
    :motz:
    Von mir aus die Grauns, Bendas, Kirnberger, Müthel, Quantz, wenn man schon bei Friedrich dem 2. vorbeischaut (wobei die Frage ist, ob die Grauns "unbekannt" sind):



    mit den Kuijkens und Asperen hervorragend interpretierte Flötensonaten.


    Quantz, die Brüder Graun und Franz Benda zählen zu den wichtigen Komponisten um 1750 (sind für diesen Thread also eigentlich auch zu bekannt). Sie repräsentieren den "galanten Stil" in perfekter Weise, auch wenn mitunter ein wenig "Empfindsamkeit" hereingrüßt. Friedrich II., der auch selbst komponierte (ist auch auf der CD), scheint CPE Bach, seinen Cembalobegleiter und wichtigsten Komponisten am Hofe, mitunter wegen seiner Bizarrerien gemaßregelt zu haben, dennoch ist Bendas Flötensonate wohl durch CPEs Empfindsamkeit geschult, ebenso die Müthelsonate auf der CD. Die Sonaten von Quantz und den Graun-Brüdern werden wohl dem Ideal des Königs mehr entsprochen haben, CH Graun war Friedrichs liebster Opernkomponist, als er starb, wurde er von Hasse darin abgelöst.

  • Eine weitere der rezenten Anschaffungen:


    Carl Ditters von Dittersdorf (1739-99)


    Dittersdorf, zunächst als Geigenvirtuose berühmt geworden, später Kirchenmusikkomponist, Forstmeister und Amtshauptmann (im Laufe dieser Karriere geadelt, wohl nicht wegen seiner Kompositionen), lehnte einen Hofkapellmeisterposten in Wien ab und schuf mit Doktor und Apotheker das erfolgreichste Singspiel der Zeit. Er war sehr produktiv und schrieb (lt. Beiheft) ca. 120 Sinfonien, zahlreiche Kirchenmusikwerke, Konzerte, Opern und Singspiele, aber nur 6 Streichquartette [1788], daneben zweimal 6 Quintette (je einmal mit 2 Celli, einmal mit Cello und Kontrabass) und wohl noch ziemlich viel kleiner besetzte Kammermusik. Dennoch hat die Kammermusik in seinem Oeuvre offenbar nicht den Stellenwert wie bei Haydn, Boccherini oder später Onslow. (Daher weniger ein unbekannter Kammermusikmeister als Kammermusik von einem heute, wenn überhaupt, für Singspiel und Sinfonie bekannten Komponisten.)


    Streichquartette 1,3,4,5 Franz Schubert Quartett (rec. 1988 cpo)



    Die Quartette unterscheiden sich in zwei ziemlich offensichtlichen Aspekten von denen Haydns oder Mozarts:
    1) die vier hier vorliegenden sind allesamt dreisätzig nach dem Schema Allegro (oder Moderato) - Menuett - Finale (einmal Variationen, sonst schnelle und brillante Rondo)
    2) die erste Geige wird klar bevorzugt, viele Passagen, teils ganze Sätze haben quasi-konzertanten Charakter. Angesichts der Dominanz der 1. Violine ist für mich der Verzicht auf langsame Sätze schwer verständlich, hier gäbe es einmal die Möglichkeit, sie ohne Substanzverlust hervortreten zu lassen.


    Die Werke sind entsprechend eher leichtgewichtig, brillant, stellenweise witzig, mit überraschenden Wendungen und mit Exotismen (Ungarisches im Finale von Nr. 5) gewürzt. Alle vier sind eingängig und recht unterhaltsam. Das 5. in Es-Dur ist wohl mit Abstand das bekannteste und beliebteste Stück, auch unter Laienensembles populär, allerdings wohl häufig in einer Bearbeitung, die einen langsamen Satz hinzufügt. Schreiber bezeichnet es in seinem Plattenführer als "genialisch", was jedoch keine zu großen Erwartungen wecken sollte (Der Kopfsatz scheint mir indes von den Stücken auf der CD der ernsteste und kontrastreichste zu sein).
    Ich selbst war zunächst etwas enttäuscht, aber man darf eben keine Dichte und Tiefe wie bei Haydn und Mozart erwarten, beim erneuten Hören bin ich durchaus angetan und werde aus Komplettierungsgründen wohl auch noch die zweite cpo-CD erwerben.
    Das Franz-Schubert-Quartett bleibt der Brillanz und Spielfreude der Stücke nichts schuldig, spielt klar, transparent und klangschön.


    viele Grüße


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Salut,


    da schreibt einer, wie er's auch gern haben möchte... find ich gut! Danke!


    Dittersdorfs Adel:


    Aus seiner Biografie ist zu entnehmen, dass er den Titel käuflich erworben hat. Dies aber eigentlich nicht des Titels selbst wegen, sondern nur, weil er ausschliesslich im Besitze eines Adelstitels an die gewünschte und offerierte Stelle als Amtshauptmann herankam. Der Spaß kostete ihn inkl. Agentenhonorar 1.100 fl [was heute umgerechnet in etwa 20.000 € sind]. Dabei ist zu berücksichtigen, dass zum "Erwerb" des Adelsprädikats einige Zeugnisse und Nachweise notwendig waren, die sich auf Familie, Posten, Revenüen [wie er schreibt] und moralischen Charakter beziehen. In Ihrer Gnade hat Maria Theresia ihm 50 v.H. des Honorars [mithin 825 fl] erlassen, zudem bekam er vom Fürsten, der ihn für die Stelle des Amthauptmanns vorschlug, 400 fl. Zuschuß. Von Insgesamt 1.650 fl. plus Agentenhonorar iHv 50 Dukaten [275 fl.] = 1.925 fl. [ ~ 34.650 €] hat er demnach nur 700 fl. [ ~ 12.600 €] berappt.


    Cordialement
    Ulli

  • Ich könnte noch ein paar Franzosen beisteuern:



    Pancrace Royer (ca.1705 - 1755)


    war einer der erfolgreichsten Opernkomponisten neben Rameau, doch Heute sind es vor allem seine Cembalowerke die Aufsehen erregen.
    Recht kühne Stücke die er komponierte, zumindest den "Marche des Scythes" sollte man mal hören.


    dann Jean Schobert (ca, 1720 - 1767) eigentlich Deutscher, wurde aber Wahlfranzose und brachte es bis zum königlichen Kammercembalisten. Er ist wohl einer der genialsten Komponisten seiner Zeit was Kammermusik anbelangt, Quartette, Sonaten und Konzerte entstammen seiner Feder.
    Die wohl beste Aufnahme seiner Musik:




    dann natürlich Hyacinth Jadin (1769 - 1802) er stammte aus einer alten Musikverfamilie, daher auch der Geburtsort Versailles. Seine Streichquartette sind einfach wunderbar, seine Sonaten für Pianoforte sind absolut ungewöhnlich, obwohl noch vor der Revolution entstanden greifen sie schon auf Schubert vor.
    dazu könnte man auch noch Pierre Vachon zählen (1731 - 1803)


    lustigerweise gibt es eine CD auf denen gleich beide vertreten sind:



    und hier die tolle Aufnahme mit den Sonaten:


  • Zitat

    Original von Ulli
    da schreibt einer, wie er's auch gern haben möchte... find ich gut! Danke!


    Nicht ganz, eigentlich hätte ich von mir eine Satz-für-Satz oder wenigstens Quartett-für-Quartett-Beschreibung erwartet :D, aber dafür war ich dann doch zu faul und es ist bei diesen Stücken auch nicht wirklich notwendig.


    Zitat


    Dittersdorfs Adel:


    Aus seiner Biografie ist zu entnehmen, dass er den Titel käuflich erworben hat. Dies aber eigentlich nicht des Titels selbst wegen, sondern nur, weil er ausschliesslich im Besitze eines Adelstitels an die gewünschte und offerierte Stelle als Amtshauptmann herankam. Der Spaß kostete ihn inkl. Agentenhonorar 1.100 fl [was heute umgerechnet in etwa 20.000 € sind]. Dabei ist zu berücksichtigen, dass zum "Erwerb" des Adelsprädikats einige Zeugnisse und Nachweise notwendig waren, die sich auf Familie, Posten, Revenüen [wie er schreibt] und moralischen Charakter beziehen. In Ihrer Gnade hat Maria Theresia ihm 50 v.H. des Honorars [mithin 825 fl] erlassen, zudem bekam er vom Fürsten, der ihn für die Stelle des Amthauptmanns vorschlug, 400 fl. Zuschuß. Von Insgesamt 1.650 fl. plus Agentenhonorar iHv 50 Dukaten [275 fl.] = 1.925 fl. [ ~ 34.650 €] hat er demnach nur 700 fl. [ ~ 12.600 €] berappt.


    Nicht schlecht! Das verschweigt das Booklet (dort sieht es in der Tat umgekehrt aus, als sei der Titel eine Belohnung für treue Dienste als Amtshauptmann, wohl ähnlich einem Landrat, verliehen worden!); allerdings scheint er bereits vor seinem Haupterfolg Doktor & Apotheker wirtschaftlich saniert gewesen zu sein...


    Ich setze hier (was ich oben hätte tun sollen), den link zum Dittersdorf-thread


    viele Grüße


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
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    (Bob Dylan)

  • Salut,


    inwiefern die Autobiographie [seinem Sohne in die Feder diktiert :D ] mit der Wahrheit identisch ist, weiß ich jetzt aus dem FF auch nicht... jedenfalls hätte DvD ja in diesem Falle untertrieben, also glaube ich es einmal. Faktisch beschreibt er aber, dass das Adelsprädikat Voraussetzung für die angestrebte Stelle war und er somit "genöthigt" war, sich um den Titel zu bemühen, was ja anstandslos [ohne Anstand, schreibt er; das würde man heute missverstehen :D ] klappte. Dittersdorf hatte zu diesem Zeitpunkt sicher keine Schulden - wozu auch? Er war stets in besten Händen, freie Kost, Logie und Costumage, Tanz-, Gesangs- und Musikunterricht... zudem hatte er zumeist freie Hand, was die kulturellen Ausgaben betraf - er war wirklich sehr angesehen, was heute niemand mehr weiß.


    Zudem übrigens - weil es insbesondere die Kammermusik betrifft, musizierte er regelmässig mit Mozart, J. Haydn und Kozeluch als Streichquartettformation, wobei Haydn die erste, DvD die zweyte Geige, Mozart die Viola und Kozeluch - alternativ van Hall - das Cello spielten.


    Cordialement
    Ulli


  • Amédée Rasetti [c1759-1799]
    Trois Trios op. 13


    Wer hier eine Mischung aus Rosetti und Mozart vermutet, liegt größtenteils falsch, was die Stilistik betrifft! Die Trios wurden von Rasetti so herausgegeben, dass sie mit dem Klavier als Fixpunkt alternativ mit Flöte und Fagott oder mit Violine und Violoncello gespielt werden können. Es gibt sogar noch eine Originalversion, in der Rasetti die Trios als Duos umgearbeitet hat und der Violine allein die Parts der Vl/Fl und Fg/Vc zunotiert hat. Das lässt auf ausserordentliche Beliebtheit dieser Werke im ausgehenden 18. JH schliessen - Rasetti selbst dürfte davon nicht mehr allzusehr profitiert haben, denn im selben Jahr noch - 1799 - verlässt er die Welt in Person auf immer...


    Das 1. Trio in F-Dur ist das längste mit etwas mehr als 23 Minuten, wobei der erste Satz [Allegro molto] davon bereits allein die Hälfte einnimmt. Was zunächst sehr ‚klassisch’ beginnt, entpuppt sich sehr schnell als sehr schubertisch! Zweiter und dritter Satz teilen sich die verbleibende Restzeit: Ein Andantino ‚Il Canto d’amore o sia la Villanella’ könnte ein langsamer Satz aus einer Schubertsinfonie der mittleren Schaffensperiode sein. Ein sehr melancholischer Satz in a-moll. Als Schlusssatz folgt ein Allegro assai – ein vor Glück sprühender sehr fröhlicher Satz, hochvirtuos. Der Satz enthält Wendungen, die man aus Mahlers 4. Sinfonie kennt.


    Das 2. Trio in C-Dur mit knapp 18 Minuten ist das kürzeste. C-Dur? Ist auf Anhieb nicht zu erkennen; der Satz beginnt verschroben mit Akzenten auf Nebennoten, gefolgt von einer Romanza [Andantino cantabile], sehr rührend, eigentlich naiv. Und nun folgt ein unglaubliches Rondo. Presto. Anglaise. Ein echtes ‚Entertainer’-Stück – sehr virtuos!


    Das 3. Trio in B-Dur – mit knappen 21 Minuten im ‚Mittelfeld’ liegend - beginnt mit einem eher lyrischen Satz [Allegro con moto], was man gar nicht mehr erwartet… obwohl es die gewählte Tonart durchaus vorgibt, die Bewegung ist allerdings eher verhalten. Als Mittelsatz ein ebenso lyrisches Siciliano – dieser Satz könnte beinahe von Mozart sein: Irgendwie klingt das ‚Se vuol ballare..’ aus dem Figaro durch. Und zum Abschluß folgt als dritter Satz die ‚Belle Raymonde’, ein Andante un poco Allegretto mit sechs zauberhaften Variationen über ein [unbekanntes?] Revolutionslied.


    Insgesamt ordne ich diese Musik als sehr unterhaltend, leider wenig tiefgründig, ein – vielleicht eine Art „bessere Kaffeehausmusik“ mit einem ordentlichen Schuß an Virtuosität. So waren sie wohl auch vom Komponisten gedacht. Die beiden ersten Trios sind sehr ausgewogen – nach einem etwas verhaltenen, aber angenehmen und mit harmonischen Überraschungen gespicktem ersten Satz folgt jeweils ein bedächtiger Mittelsatz und zu Schluß die absolute Virtuosität: Eine Raserei sondergleichen! Das B-Dur-Trio passt hier nicht so recht hinein, es ist insgesamt sehr lyrisch gehalten und auf angenehme „Klangschönheit“ ausgerichtet.


    Das nach dem Komponisten benannte Trio Amédée


    Andrea Lieberknecht, Flöte
    Dag Jensen, Fagott
    Jan Philip Schulze, Piano


    spielt ganz hervorragend und hochvirtuos! Großartig!


    Gute Laune! =)


    Cordialement
    Ulli

  • Hallo!


    Ich kann es kaum glauben, daß noch niemand (besonders nicht jemand ganz bestimmtes ;) ) die Streichquartette von Arriaga hier erwähnt hat.
    Ich halte sie für wirklich bedeutende Werke. Und wer nach den Streichquartetten der großen Wiener Klassiker nach etwas anderem, "gleichwertigem" sucht, der sollte sich mal mit den Arriaga-Quartetten beschäftigen.



    Viele Grüße,
    Pius.

  • Voll erwischt, Pius! :O


    Ausrede: Es gibt bereits einen eigenen Threa zu Arriaga- daher ging ich davon aus, dass er nicht allzu unbekannt ist. Im Konzertrepertoire taucht er gar gelegentlich auf!


    Ich hatte mir einst diese Aufnahe zugelegt:



    Es spielt das Voces-Quartett, sicher noch etwas unbekannter als Arriaga selbst, aber genauso gut!


    Die Beschäftigung mit Arriaga ist in diesem Jahr angebracht, denn er hatte am 27. Januar 200. Geburtstag und am 17. Januar 180. Todestag!


    Die Musik ist sehr leidenschaftlich - ungewöhnlich für einen 16jährigen, nicht?


    Die drei einzigen Streichquartette stehen in den Tonarten d-moll, A-Dur und Es-Dur und sind wirklich himmlisch!


    Liebe Grüße
    Ulli

  • Diese CD ist wirklich wundervoll, daß solche bereits formvollendete Werke aus der Feder eines 16 - Jährigen stammen... :jubel::jubel::jubel:


    Ganz besonders gefällt mir das 3. StrQuart, dero der 4. Satz. Solch Spritzigkeit und Eleganz hat man seit Boccherini nicht mehr zu Ohren bekommen.


    Übrigens: laut classicstoday.com ist die absolute Referenzaufnahme die folgende mit dem New Vlach Quartet




    Irgendwo habe ich mal Hörschnipsel dieser Aufnahme mitbekommen. Ich kann besagter Kritik voll und ganz zustimmen.


    Wer sich die Arriaga-Quartette zulegen will, für den ist diese Aufnahme allererste Wahl. Erschienen ist das ganze bei dem eher unbekannten Klein-Label Avenira.


    Erhätlich z.B. über cduniverse.com.


    LG
    Wulf.

  • Hallo Wulf,


    verzeih mir, aber ich werde nicht ganz schlau aus Deinem Kommentar: Meinst Du nun das Voces-Quartett oder das New Vlach Qaurtet?


    Zitat

    Diese CD ist wirklich wundervoll, daß solche bereits formvollendete Werke aus der Feder eines 16 - Jährigen stammen... :jubel: :jubel: :jubel:


    ?(


    Wenn Du das New Vlach Quartet kennst: Spielen sie auf historischen Instrumenten?


    LG
    Ulli

  • Hallo Ulli,


    mea culpa: Das Voces-Quartett ist wundervoll - das New Vlach Quartet GEN-I-AL, absolute Referenz!!!!


    Ich habe nur ein paar Schnipsel mitbekommen, aber ich glaube nicht, daß auf historischen Instrumenten gespielt wird.


    Aber vielleicht steht ja etwas bei classicstoday.com!?


    LG
    Wulf.

  • Salut,


    Franz Anton Hoffmeister. Der Gebürtige Neckeraner kam 14jährig nach Wien, um dort JURA zu studieren. Welch ein Paradoxon. Vom Wiener Musikleben war er so angetan, dass er nach Abschluß seiner Studien sich lieber der Musik widmete. Wohl getan.



    Franz Anton Hoffmeister [1754-1812]
    Streichquartette op. 14


    Quartett Nr. 1 F-Dur
    Quartett Nr. 2 B-Dur
    Quartett Nr. 3 d-moll


    Aviv Quartet
    Sergey Ostrovsky, Violine
    Evgenia Epshtein, Violine
    Shuli Waterman, Viola
    Iris Jortner, Violoncello


    Die Aufnahme hat meinen Nervus musicus voll erwischt!


    Ich bin sehr begeistert! Sowohl von den Werken selbst, als auch von den Leistungen des mir bis heute gänzlich unbekannten Aviv Quartet. Die 1786 komponierten Werke stehen tatsächlich in ihrer "Machart" zwischen Haydns op. 76 und Mozarts "Preußischen" Quartetten. Die beiden ersten Quartette sind nur dreisätzig, aber das tut nichts zur Sache, die musikalische Qualität ist beeindruckend. Hoffmeister war einer der beiden ersten Verleger Wiens [neben Artaria] und aus seinem Verlag ging später nach einem Zusammenschluß mit einem Berufskollegen in Leipzig der heute noch existente Verlag C. F. Peters hervor.


    Das erste Quartett dieses Opus beginnt mit einem eher profanen Thema - das, wie man erst später bemerkt, zweigeteilt ist und aus einem melodischen und einem rhythmischen Teil besteht. Die Durchführung zeigt dies, wenn Hoffmeister die teile analysiert und übereinander lagert. Sehr an Haydns spätere Quartette angelehnt ist der Mittelsatz im 6/8-Takt, ein wiegendes, zufriedenes Etwas. Sehr erfreulich ist zudem der dritte Satz des F-Dur-Quartetts, das sehr in der Manier eines typischen Sinfonie-Finales von Haydn steht. Ein auftaktiges, sprunghaftes Thema wird regelrecht seziert und mal ohne, dann wieder mit Auftakt wiederholt, erhält dämonische Wendungen und mal führt der Auftakt überraschender Weise in ganz andere Gefilde. Das B-Dur-Quartett erinnert mich im ersten Satz an eines der Quartette von Joseph Martin Kraus [G-Dur op. 1 Nr. 6]. Ein ebenfalls sehr fröhliches, manchmal hingegen nachdenkliches Werk, das besonders markant durch die lautstarken offbeats im Finale auffällt.


    Als "Krönung" wartet Hoffmeister mit einem d-moll-Quartett auf, dessen Bedeutung durch seine viersätzigkeit etwas erhöht wird. Er beginnt mit einem von Seufzern durchzogenen Vivace, es folgt ein rührseliges Adagio cantabile, wiederum mit thematischer Anlehnung an Haydn. Das Menuett, ein Allegretto hat sizilianohafte Züge; es steht im sanften D-Dur und hat ein besonders schönes und zerbrechlich wirkendes Trio in moll. Mit einem im frz. Stil stehenden Presto [es beginnt wie das Finale von Mozarts Pariser Sinfonie zum Ohrenspitzen leise, um dann auszubrechen] endet op. 14 Nr. 3 triumphierend.


    Die Bookletautorin Dianne James kritisiert einen Mangel an Tiefe in den Werken. Ich glaube, die wäre hier einfach Fehl am Platz - mir geht hier nichts ab.


    Eine großartige Ergänzung zu den Wiener Klassikern, die nur hoffen lässt, dass die Serie genau so fortgesetzt wird.


    Viele Grüße
    Ulli

  • Salut,


    auch diese CD ist zumindest erwähnenswert:




    BRÜCKEN ZU JOSEPH HAYDN


    JOSEPH HAYDN [1732-1809]
    Divertimento Nr.25 C-Dur Hob.V:C3


    LUDWIG VAN BEETHOVEN [1770-1827]
    Aus den 6 Gesellschafts-Menuetten: Nr.I,4,6


    IGNAZ PLEYEL [1757-1831]
    Trio F-Dur op.10/3


    W. A. MOZART [1756-1791]
    Adagio aus dem Triofragment KV 266


    LUIGI TOMASINI [1741-1808]
    Trio B-Dur


    JOHANN NEPOMUK HUMMEL [1778-1837]
    6 Menuette und 7 Trios vom Apollo-Saal 1811


    MICHAEL HAYDN [1737-1806]
    Divertimento Nr.1 D-Dur MH 5


    JOHANN BAPTIST VANHAL [1739-1813]
    Divertimento D-Dur op.4/6


    TONKÜNSTLER TRIO
    Peter Erhart, 1.Violine
    Gerhard Fechner, 2.Violine
    Ursula Erhart-Schwertmann, Violoncello


    Alle Komponisten haben in irgendeiner Weise etwas mit dem Meister Haydn zu tun. Die Werke hingegen lassen keinen Jubel zu, obschon das Tonkünstler-Trio ganz hervorragend spielt. Das ist - auch vom Meister Haydn persönlich - eher in die Kategorie Larifari-Musik einzuordnen. Tenor: Auch Beethoven und Hummel konnten Menuette komponieren; welch eine Erkenntnis! Und Pleyel tat sein Bestes, um weiter in seinem Ansehen weiter zu sinken...


    Hellhörig wurde ich allerdings beim Divertimento Nr. 1 in D-Dur des weit unterschätzten Bruders Michel Haydn! Dies Kleinod werde ich sicherlich ein wenig öfter hören.


    Viele Grüße
    Ulli