Franz Schmidt - Grenzgänger zwischen den Stilen

  • Liebe Forianer,


    Da der Wunsch nach einem Thread über diesen Komponisten geäussert wurde, will ich diesem heute nachkommen.


    Franz Schmidt (übrigens ein Lehrer Karajans, im Fach Komposition, wenn ich nicht irre)am 22.12.1874 in Pressburg geboren und starb am 11. 2.1939 in Percholdsdorf bei Wien. Er war ausgebildeter Violoncellist, (Hellmesberger)eine Position die er einige Zeit im Orchester der Wr. Hofoper ausübte.
    Einige Zeit auch Mitglied der Wiener Philharmoniker.
    Sein Kompositionslehrer war R. Fuchs, eine andere Quelle nennt auch Anton Bruckner. Ab 1901 Unterrichtstätigkeit am Wien Konservatorium



    Von seinen Kompositionen ist heute vorwiegend das Oratorium "Das Buch mit sieben Siegeln" (UA 1935 Wien) bekannt.
    Neben Chören und Solisten nimmt auch die Orgel eine wichtige Position in diesem Werk ein.


    Bekannt ist allenfalls noch das Zwischenspiel zu seiner einst erfolgreichen Oper "Notre Dame" (nach Victor Hugo, UA 1914 Wien), die aber heute weitgehend in Vergessenheit geraten ist. Völlig vergessen ist indes auch seine zweite Oper "Fredigundis" (UA 1922 Berlin).


    Selten zu hören (mit Ausnahme der vierten) sind Schmidts Sinfonien.


    Sie sind einerseits Brahms und Bruckner nahestehend, weisen aber dennoch, wenn auch zögernd in die Zukunft. Das mag auch ein Grund für ihre heute mangelnde Beliebtheit sein. Den Progressiven erscheint Schmidts Werk als zu konserv, den Konservativen werden die modernen Ansätze, auch wenn Schmidt sich lediglich bis an den Rand der Tonalität wagte, niemals jedoch darüber hinausging.


    Dennoch, zu Lebzeiten war Schmidt nicht nur anerkannt sondern sogar erfolgreich. Seine Erste Sinfonie wurde 1900 mit dem Beethoven Preis der Stadt Wien ausgezeichnet. (UA 1902 Wien Musikverein)


    Schmidts 2 Sinfonie (UA 1913 Wien) konnte bis heute nicht richtig durchsetzen, es gibt jedoch Einspielungen auf Chandos und Marco Polo


    Schmidts 3. Sinfonie wurde Anläßlich eines Wettbewerbs zu Schuberts 100 Todestag komponiert und wurde mit einem Preis ausgezeichnet.
    Die Urarfführung fand, wie schon bei der 2. unter Franz Schalk statt (UA 1928 Wien) Hier sind die modernen Stellen besonders ausgeprägt, im Dialog mit der Spätromantik


    Die 4. Sinfonie ist die heute bekannteste. Die vier Sätz sind ineinander übergehend, das Werk ist melancholich düster getönt,


    Schmidts Lieblingsinstrument war die Orgel für die er zahlreiche Stücke schrieb. Weiters zu erwähnen sind ein Klavierkonzert und zwei Steichquartette, sowie zahlreiche Klavierstücke.


    Freundliche Grüße
    aus Wien
    Alfred

  • Hallo Alfred,


    welch wunderbare Synchronizität der Ereignisse: gerade heute morgen hatte ich die CD's mit den Schmidt-Sinfonien fürs Büro eingepackt - und eine Stunde später sehe ich deinen neuen Thread.



    Nachdem mich Franz Schmidt nun den Tag über begleitet hat, hat sich auch meine Meinung wieder etwas verfestigt: gut zu hörende Musik mit deutlichen Zeitbezügen, zwischendurch wagnert's etwas, dann eine Prise Strauss (aber ohne dessen kalten Glanz) sondern mit mehr wärme. Dabei gefallen mir die 1. und -vor allem - die 4. am besten.


    Zitat

    Die 4. Sinfonie ist die heute bekannteste. Die vier Sätz sind ineinander übergehend, das Werk ist melancholich düster getönt,


    ...was auch kein Wunder ist, da es das "Requiem für seine Tochter" war, die bei der Geburt ihres ersten Kindes verstarb.
    Mit der Aufnahme von Rajter bin ich sehr zufrieden - ich vermisse nichts. Aber soviel Auswahl an verfügbaren / konkurrierenden Aufnahmen gibt es ja auch nicht.
    Anders sieht es mit dem "Buch mit den sieben Siegeln" aus: da könnte ich mir schon etwas anderes als Horst Stein vorstellen.




    Übrigens war er nicht nur Mitglied der Wiener Philharmoniker, sondern auch Dirigent und Kammermusiker - und soll ein unglaubliches musikalisches Gedächtnis besessen haben (was mich immer sehr beeindruckt).


    Grüße aus Hamburg
    Uwe

  • Beim "Buch mit 7 Siegeln" ist wohl diese die Referenzaufnahme. Diese Musik liegt Harnoncourt offenbar ganz besonders. Bestechend sowohl die Auswahl der Solisten und die Transparenz des Klanges. Der Aufnahme unter Stein ist Harnoncourt auf jeden Fall vorzuziehen:



    übrigens derzeit für 10 € bei jpc zu haben !!!)


    Die Aufnahmen der Sinfonien unter Rajter, der ein Schüler Schmidts war, habe ich auch; zur 4. Sinfonie sind gewiss Alternativen denkbar.

    Das geht über das Sagbare hinaus. Das läßt sich nicht deuten und bedarf keiner Deutung. Es kann nur gehört werden. Es ist Musik. (H.H.Jahnn)

  • Hallo Uwe, für Klang-Fetischisten empfehle ich diese Aufnahme, die ich nicht selbst habe, aber bei einem Freund hören konnte:



    Sie ist besser, als die in der mitte der 90ger gepriesene Aufnahme unter Järvi.

    Das geht über das Sagbare hinaus. Das läßt sich nicht deuten und bedarf keiner Deutung. Es kann nur gehört werden. Es ist Musik. (H.H.Jahnn)

  • Hallo BBB,


    Zitat

    Original von BigBerlinBear
    Hallo Uwe, für Klang-Fetischisten empfehle ich diese Aufnahme, die ich nicht selbst habe, aber bei einem Freund hören konnte:.


    ...hoffe, du hälst mich nicht für einen solchen. Wenn ja: unberechtigterweise! :D



    Das war, was ich eigentlich hören wollte. Beim Stöbern fiel mir natürlich die Järvi-Aufnahme auf, konnte aber nichts kompetentes dazu lesen.


    Zitat

    Original von BigBerlinBear
    Sie ist besser, als die in der mitte der 90ger gepriesene Aufnahme unter Järvi.


    Dank und Gruß
    Uwe

  • Eine interessante Notiz über Franz Schmidt findet sich im Briefwechsel von Strauss-Hofmannsthal. Man ist gerade an der Arbeit an der "Frau ohne Schatten" und Hofmannsthal schreibt am 22.4.1914:


    "Ich hörte unlängst eine Oper hier, von einem bisher Unbekannten, Franz Schmidt. Das Merkwürdige an der Oper von Schmidt [Notre Dame], weshalb ich hier davon spreche, war mir dies, dass ich beim ersten Hören fast alles von dem (übrigens absurden) Text verstand, und doch war es keine dünne melodramartige Musik - aber wenn die Singstimme vorwiegen soll, so war alles andere so zurücktretend, und - ich kann mir nicht helfen, ich hatte einen sehr schönen Eindruck davon, trotzdem der Text, wie gesagt, albern war."


    Was will Hofmannsthal hier Strauss "durch die Blume" mitteilen? ;)


    Spielmann

  • Hallo,


    gut, dass ich dieses Thema nach langer Zeit entdeckt habe. Ich nehme mir trotz des langzeitigen Desinteresses die Freiheit, das Thema weiter zu führe.


    Zitat

    Weiters zu erwähnen sind ein Klavierkonzert und zwei Steichquartette


    ...deren letztgenannte Stücke ich kenne. Ich habe seit langem diese Aufnahme:



    Alfreds Überschrift "Grenzgänger zwischen den Stilen" passt ganz gut auf die beiden Streichquartette, die, wenngleich nur vier Jahre auseinander, stilistisch aus verschiedenen Epochen zu sein scheinen.


    Ich war beim Kauf der CD damals sehr positiv überrascht. Das erste Quartett in A-Dur, das Schmidt im Alter von 51 Jahren komponierte, ist ein sehr melodisches und traditionell harmonisches Werk, das mit über 37 Minuten ein ziemlich ausgedehntes Werk ist, das jedoch nie langweilig wird. Die ersten drei der vier Sätze sind voller schöner melodiöser Einfälle, besonders der Adagio-Satz, dessen Hauptthema raffiniert aus dem Thema des ersten Satzes abgeleitet ist. Es folgen zwei schöne Pizzikato-Stellen. Natürlich muss es wieder einen Wehrmutstropfen geben: Der Schlussatz mit seinen stumpfen Variationen.


    Das zweite Quartett in G-Dur dagegen ist mit viel freierer Harmonik und Melodik ausgestattet. Man mag nicht glauben, dass beide Werke so kurz hintereinander komponiert wurden. Sehr schön gefallen mir die ersten beiden Sätze: auch sie sind voller agenehmer Melodieeinfälle und geistreicher Verarbeitungen bzw. Umspielungen. Leider mag ich auch hier den Schluss, also die beiden letzten Sätze, nicht, da es typische frühromantische Scherzo- und Allegrosätze sind, wie so viele nach Beethoven und vor Zemlinsky.


    Fazit: Die Streichquartette von Schmidt gehören für mich zwar nicht in die allererste Riege der Spitzenwerke, heben sich aber positiv von den meisten Kompositionen viel bekannterer Komponisten ab; dies besonders wegen der Fülle schöner und zugleich keinesfalls anspruchsloser Melodien und geistreicher Verarbeitungen.


    Weitere Werke Schmidts sind mir noch nicht bekannt; das soll sich aber ändern, da ich mir von diesem Komponisten noch einiges erhoffe. Das hier vorgeschlagene "Buch mit den sieben Siegeln" erwarte ich mit Spannung.


    Gruß,


    Uwe

  • Die von Uwe bereits gezeigte Franz Schmidt:Sinfonien-GA mit dem Bratislawa So habe ich auch.

    So richtig vom "Hocker gehauen" haben mich diese Sinfonien nicht.
    Einzig der Sinfonie Nr.4 konnte ich noch etwas abgewinnen.
    Liegt es an der Aufnahme, die einfach zu langweilig interpretiert ist oder an den Werken ?
    Aus den Angebots - Katalogen weiß ich, das Neeme Järvi sich auch dieser Werke angenomen hat - diese sind bestimmt spannender !?


    Nun muß ich aber mal diese Frage in die Runde werfen:
    Ist es ein Wunder warum man Franz Schmist so selten in Konzertprogrammen aufgeführt findet ? Liegt es nicht an den zu sperrigen Werken ?


    :wacky: Für die Schmidt-Sinfonien hatte ich mich damals interessiert, weil es hieß, daß Schmidt eine ähnlich Tonsprache wie Richard Strauß bietet.
    :yes: Für meinen Geschmack hat da der sinfonische Richard Strauß aus der gleichen Zeit wesentlich mehr zu bieten.

  • Zitat

    Original von teleton
    Aus den Angebots - Katalogen weiß ich, das Neeme Järvi sich auch dieser Werke angenomen hat - diese sind bestimmt spannender !?


    Nun muß ich aber mal diese Frage in die Runde werfen:
    Ist es ein Wunder warum man Franz Schmist so selten in Konzertprogrammen aufgeführt findet ? Liegt es nicht an den zu sperrigen Werken ?


    Für die Schmidt-Sinfonien hatte ich mich damals interessiert, weil es hieß, daß Schmidt eine ähnlich Tonsprache wie Richard Strauß bietet.


    Ich habe die 3. mit Järvi und bin (wie immer bei Järvi) nicht so glücklich damit, die übliche Järvi-Sauce eben. Die 4. mit Welser-Möst klingt da schon besser.


    Schmidt scheint mir nicht seltener in Konzertprogrammen aufzutreten als vergleichbare Generationsgenossen, in Österreich habe ich den Eindruck, dass er beinahe übermäßig bekannt ist.


    Die Tonsprache halte ich für sehr verschieden von der Straussschen, formal viel blockhafter/auf längere Steigerungen ausgelegt, harmonisch sowieso ganz eigen (Akkordumspielungen), in der Instrumentation keineswegs so effektvoll sondern eher "schumannesk" in allen Instrumentengruppen badend.



  • Hallo, miteinander!


    Ich möchte die erlesen schönen drei Klavierquintette (im Original für die linke Hand), zwei davon mit Klarinette, empfehlen, in A, B und G. Ob das in A im Augenblick bei jpc bzw. amazon überhaupt erhältlich ist oder ob ich das letzte Exemplar weggekauft habe :], weiß ich nicht so genau. Außer den oben abgebildeten gibt es jedenfalls nicht sonderlich viele weitere Einspielungen.


    Das B-Dur-Quartett kenne und schätze ich schon länger. Hier dominiert die Klarinette in breiter Fin-de-Siecle-Wehmut, das A-Dur Quartett ist sehr groß angelegt und lyrisch-heiter. Ähnlich das in G mit einem melancholisch-eleganten Walzersatz. Durch und durch österreichisches Flair aus den ersten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts, aber auch formal sehr differenziert gearbeitet.


    Warum solche Kammermusik nicht weiter verbreitet ist, kann ich gar nicht verstehen.


    Besten Gruß, Wolfgang

  • Zitat


    Teleton schreibt:


    :wacky: Für die Schmidt-Sinfonien hatte ich mich damals interessiert, weil es hieß, daß Schmidt eine ähnlich Tonsprache wie Richard Strauß bietet.
    :yes: Für meinen Geschmack hat da der sinfonische Richard Strauß aus der gleichen Zeit wesentlich mehr zu bieten.


    Hallo, Namensgenosse!


    Dem will ich gar nicht widersprechen, trotzdem spricht mich die 4. Sinfonie von Schmidt mehr an als Strauss über den Daumen gepeilt. Abgesehen von der sehr eigenwilligen Melodik und Harmonik mit ihren dezenten Schärfen, ihrem durchgehenden Trauermarsch-Flair und ihrer Introvertiertheit, steckt da zugegebenermaßen ein wenig persönliche Ideologie dahinter.


    Polemisch überspitzt formuliert: Schmidt hat die Vierte dem Andenken seines verstorbenen Kindes gewidmet, Strauss hat stattdessen eine "Sinfonia domestica" geschrieben und ein "Heldenleben". Da darf man gewisse Rückschlüsse auf die Biographie und Mentalität beider Komponisten ziehen.


    Mit den besten Grüßen!


    Wolfgang

  • Überhaupt haut doch der Vergleich Schmidt-Strauss nicht hin. Strauss' leckerer Konventionalismus ist an Substanz der kontrapunkitischen Disziplin Schmidts weit unterlegen.
    Im Entwickeln eines ganzen sinfonischen Kosmos aus ein paar Intervallschritten ist Schmidt überhaupt eher der Schönberg-Schule verwandt, obwohl er deren Schritt in die Atonalität nicht mitvollzog, sondern einer stark durchchromatisierten Tonartenbindung treu blieb.


    :hello:

  • Wie viele andere Komponisten der Zeit schrieb auch Franz Schmidt Werke für den (nach einer Kriegsverletzung einarmigen) Pianisten Paul Wittgenstein (1887 - 1961): Neben den Beethoven-Variationen und dem Klavierkonzert Es-Dur waren dies das Klavierquartett G-Dur (1926), die Klarinettenquintette B-Dur (1932) und A-Dur (1938 ) sowie eilne Solo-Toccata (1938 ).



    Concertante Variationen über ein Thema von Beethoven für Klavier (Linke Hand) und Orchester


    1. Langsam
    2. Thema (Scherzo, allegro vivace)
    3. Ruhig fließend
    4. Lebhaft, doch nicht zu schnell (Tempo di Bolero)
    5. Langsam - Sehr lebhaft
    6. Sehr ruhig
    7. Mäßig bewegt - Sehr lebhaft


    Als Thema der Variationen wählte Schmidt Material aus Scherzo und Trio der Violinsonate F-Dur op. 24, Beethovens "Frühlingssonate". Das Variationen-Prinzio nutz Schmidt auf mehreren Ebenen: er wandelt das Scherzo-Thema so, dass es erkennbar bleibt und hält den Gestus - zunächst - in klassischen Bahnen. In harmonischer Sicht streift er die Konventionen jedoch bald ab und bezieht "zeignenössische Attitüden", etwa in Form eines Boleros mit ein, wandelt dann aber wieder bereits Bekanntes in den strengen Bahnen einer Fuge zu neuen Gestalten, die aufhören lassen.




    Konzert Es - Dur für Klavier (Linke Hand) und Orchester (1934)


    I. Allegro moderto un poco maestoso
    II. Andante
    III. Vivace


    Dem Allegro legte Schmidt die Sonatenhauptsatzform zu Grunde, fügte aber auch Fugenabschnitte ein. Das Hauptthema erscheint chromatisch durchsetzt und rhythmisch aufgelockert, aber auch etwas unruhig. In der Soloexposition wie im Durchführungsteil kommt es zu geradezu kammermusikalischen Episonden und teils romantisch versonnenen Klängen.


    Den zweiten Satz beherrschen zwei gleichberechtigte Themen, die durch den Solopart dominiert werden. Der Satz wirkt wiederum eher kammermusikalisch und durchsichtig, dynamische Explosionen fehlen ebenso wie durchdringende Klänge von Blechbläsern und Schlagwerk.


    Das Finale in Rondo - Form ist durchsetzt mit "freien" Abschnitten sowie fugenähnlichen und polyphonen Abschnitten. Das tänzerische und heitere Hauptthema verleiht dem Satz gleich zu Anfang einen kraftvollen Grundzug, der später jedoch wieder etwas zurückgenommen wird. In einer verträumt-nachdenklichen Kadenz erhält der Pianist Raum für eine ausführliche Schluss-Sentenz, der lediglich ein knappes Orchester-Tutti als Abschluss folgt.




  • Wenn hier schon von Franz Schmidt die Rede ist, kann ich mir es nicht verkneifen, auf seine Oper "Notre Dame" hinzuweisen:



    Aufnahme: Aug. 1988, Studio
    Dirigent: Christoph Prick
    Radio-Symphonie-Orchester Berlin
    RIAS Kammerchor
    Chorleitung: Marcus Creed
    Orgel: Andreas Juffinger
    Capriccio, 2 CD
    Rollen und Sänger
    Archidiaconus: Hartmut Welker
    Esmeralda: Gwyneth Jones
    Falourdel: Kaja Borris
    Gringoire: Horst R. Laubenthal
    Offizier: Hans Helm
    Phoebus: James King
    Quasimodo: Kurt Moll
    Zigeuner: Hans Helm


    Zitat

    M. Deis in HiFiVision 4 / 89:"Musik und Orchestrierung erinnern zuweilen an große Sonatensätze, die Orgelpassagen gemahnen stellenweise gar an eine Messe. Dirigent Christof Perick bringt mit einer Starbesetzung aus weltberühmten Solisten und dem Radio-Sinfonie-Orchester Berlin das Mittelalter zum Klingen:fromm und pompös, intrigant und düster. Interpretation und Klangqualität: gut."


    Für Freunde historischer Aufnahmen sei auch noch auf die preiswerte Cantus-Classic-Aufnahme hingewiesen:



    Aufnahme: 1949, Studio
    Dirigent: Hans Altmann
    Orchester des Bayerischen Rundfunks
    Chor des Bayerischen Rundfunks
    Rollen und Sänger
    Archidiaconus: Wilhelm Schlichting
    Esmeralda: Hilde Scheppan
    Falourdel: Hanna Münch
    Gringoire: Karl Ostertag
    Offizier: Willy Berlin
    Phoebus: Hans Hopf
    Quasimodo: Max Proebstl
    Zigeuner: Wolfgang Lockner


    LG

  • Hallo liebe taminoeske Freunde der Spätromantik


    Ich habe mir heute mehrmals (ja, sie erträgt das!) die 1. Sinfonie von Franz Schmidt (1896) zu „Gemüthe“ geführt, die an selbigem eine erstaunlicherweise beruhigende und tröstliche Wirkung ausgeübt hat, und ich bin einmal mehr begeistert von der kontrapunktischen Kunst des Wiener Meisters.


    Man mag zwar im ersten Satz straussensche Aufschwünge monieren, aber bei Schmidt ist der ganze Duktus viel gemessener, und die Textur weit weniger plakativ gemacht als beim ollen Richard.

    Der zweite Satz erinnert mich beim wiederholten Hören immer mehr an Felix Weingartners wunderschöne Sinfonische Dichtung „Das Gefilde der Seligen“ op.21, welche ein Jahr später entstand (1897) :
    Der pfiffige Felix hat sich wohl beim Herstellen einer morbid-gelassenen Stimmung vom seriösen Franz inspirieren lassen. (Weingartner hat eh überall abgekupfert, wenn auch durchaus genial und mit sympathischer Selbstironie!)
    Oder ist diese aetherische Atmosphäre einfach typisch für das Jahrhundertende? Wie auch immer: zumindest wegen dieser Musik möchte ich damals gelebt haben.


    Der 3.Satz wirkt (jedenfalls auch mich) so was von optimistisch, dass sogar die Weihnachtsdepression Angst kriegt und man auch gerne ein etwas gar süssliches Trio über sich ergiessen lässt.


    Der 4. Satz ist gleichsam eine spätromantische „Kunst der Fuge“ : Ein Johann Sebastian, am Ende des 19. Jahrhunderts lebend, hätte es nicht raffinierter hingekriegt!


    Die Sinfonie hat mir den heutigen Tag gerettet, und wer spätromantische Musik nicht verabscheut, aber Mühe hat mit Mahler und Strauss (wie ich), der ist mit Schmidt Franz wohl beraten. (so wie alle Taminos mit Schmidt (A.) eh gut betreut sind...: gibt es da gar eine Verwandtschaft?)


    Ich höre die Aufnahme mit Neeme Järvi und den Sinfonikern aus Detroit: Beim Allround-Viel-Dirigierer (dem wir gerade deswegen viel Repertoirebereicherung verdanken) habe ich immer ein etwas zwiespältiges Gefühl: Das klingt alles etwas hemdsärmlig pauschal und straight ahead, aber erstaunlicherweise dennoch nicht uninspiriert, sondern mit spritzig-musikantischem Gestus.
    Vielleicht sollte ich mir dennoch die Luisi-Aufnahme als Alternative gönnen. Kann sie jemand empfehlen?


    Ich habe mir vorgenommen, mich in den nächsten Tagen eingehend mit dem sinfonischen Werk Schmidts zu befasssen: Seine 4 Sinfonien überragen den halben Mahler und den ganzen Strauss!


    Gruss an Schmidt A. in Wien,
    und Tausend Dank an Schmidt F. von Wien,
    von Walter aus Bern

  • Liebe Schmidtfreunde (wer ist das nicht bei Tamino?!)


    ich muss nochmals nachgreifen: ich habe mich heute durch alle 4 Sinfonien hindurchgelebt und bin begeistert und belebt. (Ich glaube, ich habe solches in den letzten 20 Jahren nie mehr gemacht, einen ganzen Nachmittag lang Musik hören, und das trotz Hyperakusis...Tamino sei Dank)


    Ich muss sagen, dass ich persönlich bei Schmidt mehr stilistische Abwechslung finde als bei Mahler oder Strauss. Mir war bei Schmidt keine Minute langweilig, was mir bei Strauss (und leider ab und an auch bei Mahler, was ich eigentlich bedaure) öfters geschieht.


    Ich frage mich, ob gerade diese stilistische Vielfalt der Weiterverbreitung von Schmidts sinfonischen Werken im Wege stand, ganz im Gegensatz zur stilistischen „Einfalt“, und der entsprechenden Popularität eines Strauss.


    (Gebrannt von den Reaktionen auf meinen zugegebenermassen „effekthascherischen“ Beitrag im „Zuviel-Mahler?-Thread, bitte ich um Beachtung meiner bewusst undifferenzierten und polemischen Ueberspitzung)


    Gute Wünsche aus Bern von
    Walter

  • Zitat

    Original von Walter Heggendorn


    Ich habe mir vorgenommen, mich in den nächsten Tagen eingehend mit dem sinfonischen Werk Schmidts zu befasssen: Seine 4 Sinfonien überragen den halben Mahler und den ganzen Strauss!


    Lieber Walter,


    damit machst Du einen Strauss-Fan wie mich sehr neugierig auf dieses Werk!




    Lieber Wulf,


    hier ist sie:


    Franz Schmidt (1874-1939)
    Symphonie Nr. 4

    +Variationen über ein Husarenlied
    London PO, Franz Welser-Möst
    Label: EMI , DDD, 94



    LG, Elisabeth

  • Hallo,
    die m.e. nach wie vor überzeugendste Aufnahme der 4.Sinfonie von Schmidt ist die alte Decca-Aufnahme unter Zubin Metha und den Wiener Philharmonikern.
    Das große Cello-Solo, gespielt von von Emanuel Brabec auf dieser Aufnahme, gehört für mich zum besten, was es an Cello-Aufnahmen gibt.



    In England bekommt man sie auch noch..........
    "Relativ" preisgünstig und mit Soundschnippsel.
    http://www.amazon.co.uk/Mahler…ic&qid=1198106620&sr=8-16


    Das ist dieselbe Aufnahme.
    Wie gesagt, für mich die beste von allen!
    [SIZE=7]Ich kenne auch alle, denn ich liebe dieses Werk.[/SIZE]


    LG,
    Michael


    P.S. Das Buch mit sieben Siegeln habe ich schon einige male gespielt.
    Kurios: Auf Aufnahmen fand ich es langatmig und es hat mich nicht weiter interessiert.
    Aber beim Spielen war der Eindruck ein ganz anderer:
    Ein absolutes Meisterwerk, ich bekomme jetzt nach einigen Jahren noch Schüttelfrost nur beim Denken daran.......

  • Hallo liebe SpätromantikerInnen


    Heute habe ich mir mit den Klängen aus Schmidt`s zweiter Sinfonie das Gemüthe ergötzet.

    Schon immer die Einschätzung vertretend, dass die 4 Schmidt-Sinfonien zum Besten aus der spätromantischen Stilepoche gehören, bin ich dennoch erstaunt darüber, dass sie mir gerade in diesen Tagen so vehement „einfahren“.


    Seine Zweite in Es-Dur hat Schmidt in den Jahren 1911-13 komponiert. (Uraufführung.: Wien 1913)
    Sie besteht aus 3 Sätzen: Ungewöhnlich die Tempi: grob gesagt: Lebhaft-Lebhaft-Langsam


    Der 1. Satz beginnt mit praeluduerendem, pastoralem Gedudel und Gejubel, das vom satten Blech zum Schweigen gebracht wird. Fortan entwickelt sich ein Kampf zwischen Idylle und Bedrängung, der nach ca. 7 1/2 min. (Neeme Järvi) in eine Klimax mündet, für die IMO das Wort Gänsehautstelle eine Untertreibung ist: der Gipfel der Durchführung ist für mein Empfinden höchste tonkünstlerische Demagogie: ich bin jedesmal hin und weg.


    Der 2. Satz ist ein Variationenzyklus grossen Ausmasses (rund 20 Minuten). Aus einem schlichten Lied-/choralartigem Thema entwickeln sich Ausfaltungen von berauschender Farbigkeit.
    Man mag an die St.Antoni-Variationen von Brahms erinnert werden, oder kann als zeitgemässeren Vergleich die Enigma-Variationen von Elgar (1899) herbeiziehen: jedenfalls brauchen Schmidts Satzkünste keinen Vergleich zu scheuen, im Gegenteil!


    Der 3. Satz beginnt in der Aura eines Palestrina, um sich dann allmählich in kontrapunktische Feinheiten aufzugliedern. Solche (im besten Sinn) artifiziellen Künste stehen allemal auf der Höhe der Werke aus mahlerscher und straussenscher Werkstatt.
    Auch bei Schmidt wird massiv geklotzt, und der triumphale Schlusschoral mag an den Schluss von Bruckners Fünfter erinnern, ist aber wohl als eindrückliche Huldigung an den verehrten Anton zu verstehen.


    Ich höre wieder eine Interpretation durch Neeme Järvi, von der ich diesmal restlos begeistert bin, bietet doch das Orchester aus Chicago eine singuläre Klangkultur, die auch die technisch virtuosen Aspekte der Partitur nicht übermässig herausstreichen muss.


    Der Glanz des Blechs aus den USA ist unerreicht (was nicht für alles Blech aus diesen Landen gilt...)
    Die amerikanischen Bläser profitieren offenbar enorm von der lebenslangen Uebung im Aufblasen von chewing-gum-bubbles...! Was die „Bazooka-Puster“ etwa im Schlusschoral des dritten Satzes leisten, ist phänomenal. Obwohl ich einwenden möchte, dass der Choral, etwas bescheidener geblasen, noch berührender wirken könnte.


    Wen kann ich mit meiner Schmidt-Begeisterung anstecken und überzeugen?


    Mit dieser Frage grüsst herzlich aus Bern,


    Walter


    Darf man eigentlich hier einen Link setzten? dann: http://www.franzschmidtgesellschaft.at/

  • Zitat

    Wen kann ich mit meiner Schmidt-Begeisterung anstecken und überzeugen?


    Hallo Walter,


    mich brauchst du nicht mehr zu überzeugen! Seit dem ich die Symphonien und "Das Buch mit sieben Siegeln" live gehört habe, bin ich begeistert!


    Weihnachtliche Grüße aus Weimar
    André

  • Hallo lieber André


    Mein Dank gilt natürlich Dir, der Du den alten Thread wiederbelebt und mich in die Beschäftigung mit Schmidt gelockt hast. Das ist einfach GROSSE Musik, jedenfalls für meine Seele. Zu beneiden bist Du für die Live-Erfahrungen: Armin Jordan sollte in der letzten Saison mit dem Berner Sinfonieorchester die Zweite einstudieren: er verstarb kurz davor...möge er mit Herrn Franziskus Schmidt auf Wolke 7 fachsimpeln.
    Morgen, so ich genug Zeit finde, kommt die Dritte "dran": Das ist ein guter Advent!


    Gruss aus Bern von Walter

  • Hier mal ein paar Infos zu den Symphonien von Franz Schmidt:




    Symphonie Nr. 1 E-Dur


    01. Sehr langsam – Sehr lebhaft
    02. Langsam
    03. Schnell und leicht
    04. Lebhaft und leicht


    Entstehung: 1896 - 1899
    Uraufführung: 25.01.1902, Wien
    Dirigent: Franz Schmidt
    Verlag: Universal Edition, Wien




    Symphonie Nr. 2 Es-Dur


    01. Lebhaft
    02. Allegretto con variationi: Einfach und zart
    Variatione 1: In demselben Zeitmaß –
    Variatione 2: Etwas fließender –
    Variatione 3: Schnell und leicht –
    Variatione 4: Schnell (Dasselbe Zeitmaß) -
    Variatione 5: Sehr schnell –
    Variatione 6: Langsam und ruhig –
    Variatione 7: Sehr schnell –
    Variatione 8: Sehr leidenschaftlich, nicht zu schnell –
    Variatione 9: Scherzo: Sehr lebhaft –
    Variatione 10: Trio: Sehr ruhig
    03. Finale: Langsam


    Entstehung: 1911 - 1913
    Uraufführung: 03.12.1913, Wien
    Dirigent: Franz Schalk
    Verlag: Universal Edition, Wien




    Symphonie Nr. 3 A-Dur


    01. Allegro molto moderato
    02. Adagio
    03. Scherzo: Allegro vivace
    04. Lento – Allegro vivace


    Entstehung: 1927 - 1928
    Uraufführung: 02.12.1928, Wien
    Dirigent: Franz Schalk
    Verlag: Universal Edition, Wien




    Symphonie Nr. 4 C-Dur


    01. Allegro molto moderato –
    02. Adagio –
    03. Molto vivace –
    04. Tempo primo un poco sostenuto


    Entstehung: 1932 - 1933
    Uraufführung: 10.01.1934, Wien
    Dirigent: Oswald Kabasta
    Verlag: Universal Edition, Wien



    Davidoff

  • Hallo miteinander


    Zuerst herzlichen Dank, geschätzter Davidoff, für die detaillierten Angaben.


    Heute nun also, wie angkündigt (zur Sonnwende!) meine bescheidenen Eindrücke zu Schmidts
    3. Sinfonie in A-Dur (1927)
    Das ist keine „Schaut-her-da-bin-ICH-Musik, auch wenn im 4. Satz (nach der gemessenen brucknerhaften Einleitung) durchaus die Post abgeht.


    Der erste Satz (Allegro molto moderato) hinterlässt mit seinen sanften und gemessenen Klängen, in meinem Fühlen eine Sehnsucht nach der Möglichkeit eines universalen Friedens, adaequat zum Geschehen der heutigen Sonnwende.


    Die Bezeichnung „Idylle“ umschreibt die Stimmung der Musik nur rudimentär, und „lyrisch“ mag zwar die Komposition durchaus wirken, aber diese Musik ist keine „Pastorale“, sondern eher eine „Pacorale“, ein Friedensgesang, durchaus liedhaft empfunden, als ob Schönbergs Gurre-Lieder durch Schmidts (klarere und eigenständige) Idiomatik hindurchscheinen: Man kann sich durchaus eine Singstimme zum musikalischen Gewebe hinzudenken.


    Diese Musik verströmt eine grosse Gelassenheit.
    Da gibt es keine Kämpfe und nur wenig kontrapunkisches Gefecht, sondern Konzeptionen von Flächen, ein quasi Ausbreiten von Teppichen mit klimtschen Mustern.


    Der zweite Satz, ein (noch abgeklärteres) tief empfundenes Adagio offenbart Seelenverwandtschaften mit Korngold.
    Auch Rachmanonoff blinzelt um die Ecke..., was die Frage nahelegt, warum man bei unbekannteren Werken immer wieder versucht ist, Reminiszenzen an andere kompositorische Grössen zu suchen, so nach dem Motto: Hört, hört, mein "kleiner" Favorit macht es fast so gut wie die „Erwachsenen“ ...
    Franz Schmidt hat solche Finten nicht nötig. Das ist eigenständige Musik, die keinen Vergleich zu scheuen braucht (in Bezug auf diesen 2. Satz auch nicht mit Mahlers Adagietto aus der 5. Sinfonie...)
    ... womit ich mich jetzt gleich selbst Lügen strafte...die Versuchung ist halt so gross!


    Im dritten Satz (Allegro vivace) wendet die Stimmung vollends ins Lichthafte (heutige Sonnwende!). Das ist ein Springtanz von jugendlichem Ueberschwang und wieder (wie das Scherzo der Ersten) eine sehr optimistische Musik, ohne jeden Hauch des Pompösen.


    Der vierte Satz (Allegro vivace) schliesslich bildet wohl die Kulmination des Werkes: Wie schon erwähnt, fühlt man sich zu Beginn in die Atmosphäre von „Bruckners 15. Sinfonie“ hineinversetzt.
    Aber was dann anhebt ist höchst originär: Stringentes „Ineinanderfugieren“ von Bach-nahen Themen, klar durchhörbar, virtuos durchgeführt, ohne jeden jugendstilistischen Schwulst, Musik von unmittelbarer Verstehbarkeit. IMO ganz grosse Musik!


    Ich höre wieder, wünschlos glücklich:
    Neeme Järvi mit dem Chicago Symphony Orchestra



    Ich hoffe, meine verehrten Tamino(h)ren „gluschtig“ gemacht zu haben
    und grüsse sonnwendiglich aus Bern


    Walter

  • Zitat

    [i]Original Hallo,
    die m.e. nach wie vor überzeugendste Aufnahme der 4.Sinfonie von Schmidt ist die alte Decca-Aufnahme unter Zubin Metha und den Wiener Philharmonikern.
    Das große Cello-Solo, gespielt von von Emanuel Brabec auf dieser Aufnahme, gehört für mich zum besten, was es an Cello-Aufnahmen gibt.


    So, jetzt habt Ihr´s geschafft, lieber Micha und lieber Walter!


    Nachdem ich diese Aufnahme gerade auch noch sehr günstig bestellen konnte, wächst meine Neugier erst recht. Ich werde gerne berichten...


    LG, Elisabeth

  • Nun denn, liebe Elisabeth, ran an den Schmidt!


    Hören wir uns übers Wochenende gemeinsam die Vierte an: An ihr gefallen mir vor allem der himmlisch-traurige (nicht himmeltraurige!) zweite und der "Zauberlehrlings"-artige dritte Satz. Die Vierte ist düsterer als ihre Vorgängerinnen. Schmidt setzte mit ihr ein musikalisches Ton-Dankmal für seine verstorbene Tochter.


    Sei lieb gegrüsst von
    Waller