Franz Schmidt - Grenzgänger zwischen den Stilen

  • Hallo Walter,


    Zitat

    Original von Walter Heggendorn
    Ich hoffe, meine verehrten Tamino(h)ren „gluschtig“ gemacht zu haben


    davon kannst Du ausgehen, zumindest was meine Wenigkeit betrifft. :D Ganz vielen Dank für Deine sehr hilfreichen und wunderbar anschaulich verfaßten Beiträge über Schmidts Symphonien.
    Da ich außer dem 'Buch mit sieben Siegeln' und der Symphonie Nr. 2 (in der Järvi-Einspielung auf LP und ewig nicht mehr gehört) noch nichts auf Tonträger besitze, wird es - als mittlerweile glühender Verehrer von Weingartners Musik - allmählich Zeit, mich mit Schmidts symphonischem Schaffen erneut zu beschäftigen. Weingartner erwähne ich deshalb, weil etliche Deiner Charakterisierungen von Schmidts Musik auch Weingartners Symphonik sehr treffend beschreiben:


    Zitat

    Original von Walter Heggendorn
    ... beruhigende und tröstliche Wirkung ...
    ... Das ist keine „Schaut-her-da-bin-ICH-Musik, auch wenn ... durchaus die Post abgeht ...
    ... Diese Musik verströmt eine grosse Gelassenheit. Da gibt es keine Kämpfe und nur wenig kontrapunkisches Gefecht, sondern Konzeptionen von Flächen, ein quasi Ausbreiten von Teppichen mit klimtschen Mustern ...


    In dankbarer Erwartung Deines Beitrages über die IV. und weihnachtlichen Grüßen
    Johannes

  • Hallo werter Guercoeur, liebe Tamina/o-s,


    Weingartner ist das Stichwort: Lassen wie nach Herrn Schmidt den smarten Felix zu Klang kommen: Jetzt aber zu Schmidt 4:


    Die Vierte Sinfonie von Franz Schmidt ist kein einschmeichelndes Werk: Tod und Verklärung scheinen durch die Partitur hindurch, hat Schmidt doch dieses tiefgründende Werk unter dem Eindruck des Todes seiner Tochter niedergeschrieben, welche an der Geburt ihres ersten Kindes verstarb! Vater Schmidt, ein feinfühliger Mensch, war gebrochen.


    Er beginnt die „Homage an seine Tochter“ (Allegro molto moderato) mit einem exponierten Trompetensolo: Es erklingt ein verblüffend einfaches, archaisches Motiv, das eigentlich schon ALLES ausdrückt!
    Ich musste heute nach dieser Exposition die Anhörung der Sinfonie unterbrechen, so stark hat mich der rezitativähnliche Klageruf wieder bewegt: In diesen paar wenigen Tönen steckt die GANZE Musik! (NB: Hut ab, vor den armen Solotrompetern, die mutterseelenallein diese grossartige Sinfonie eröffnen müssen!)


    Es folgt eine Sequenz, bei der man nicht umhin kann, an Brahms`1. Sinfonie zu denken:
    2 1/2 Minuten lang generiert die Pauke einen unerbittlichen Puls, wie ein übererregter
    Herzschlag, um schliesslich abrupt abzubrechen und sich in ein atonales Klanggewusel aufzulösen, den ersten Herzstillstand seiner Tochter suggerierend?

    (Sollen wir diese absolute Musik überhaupt mit dieser Vorstellungsvorgabe hören? )


    Nochmals regeneriert sich das Pulsieren, ein letztes Mal sich aufbäumend gegen die Trägheit des Leiblichen, und sogar einige zaghafte Jubelversuche wagend (Solovioline), aber, oh Weh: in Resignation erblassend. Nun oszillieret das musikalische Spektrum in dunkelgrün-grauen Mustern, um schliesslich einzutauchen in das matt glänzende Türkis des Solo-Violoncellos, das den himmlischen 2. Satz eröffnet.(Adagio)


    Schmidt findet in diesem (überhaupt nicht hoffnungslos wirkenden) Klagegesang musikalische Wendungen von erschütternder Einfachheit, frei von allen tränendrüsen-drückenden Stereotypien, auch wenn der Satz letztlich doch wieder in drohend ostinierendes Paukengedräu und (unchoralisch empfundene) Verzweiflungs-Choräle mündet.
    Ein Engelsgesang (Cello) beendet den Satz, gleichsam mit dem Aufruf: Melancholiker dieser Welt: Fühlt euch verstanden und aufgehoben inmitten der Klänge von Schmidts Vierter Sinfonie.


    Life goes on im 3. Satz (Molto vivace).
    Die geliebte Tochter möge ihre Ruhe gefunden haben, aber wir Hinterbliebenen bleiben Opfer der Geister, die wir riefen: der Duktus dieses Satzes erinnert an Dukas` Zauberlehrling oder an Atterbergs (Ballade und) Passacaglia für grosses Orchester. Nur arbeitet Schmidt viel filigraner und bescheidener: Mit Subtilität und Nonchalance mimt er das Perpetuum mobile des Lebenskampfes.
    Das Stricken dieser Zaubergeister-Fuge, unterlegt mit dem roten Faden des bekannten Trompeten-Motivs aus dem ersten Satz, soll ihm erst mal einer nachmachen!
    Das ist feinste satztechnische Kunst. Das musikalische Geschehen mündet schlieslich in ein mephistophelesches Hohngelächter: und damit Schluss, ohne Amen!


    Nichts anderes ist jetzt noch möglich, als eine Rückerinnerung an den schlichten Klageruf des Anfangs, der diesmal im Horn erklingt (Tempo primo un poco sostenuto). Ist es Resignation, ist es zaghafte Zuversicht: der Satz bleibt in der Schwebe. Er erinnert mich im Habitus (nicht in der Klangaesthetik) an die „Verklärung“ von Richard Strauss (imo dessen stärkstes sinfonisches Werk).
    Es gibt keine Eruptionen mehr: Wozu soll man sich noch anstrengen: Es ist, wie es ist. „Let it be“! Akzeptiere: das Leben ist eine tödliche Krankheit – noch niemand hat es überlebt! Nimm es nicht tragischischer als es ist, und nimm vor allem dich selbst nicht so wichtig!


    Ich wiederhole mich: Dies ist imo GROSSE MUSIK!
    Das sind singuläre Klänge von zuversichtlicher Resignation, und resignierter Zuversicht, das ist ein lauterer Abklang der Polarität unseres Daseins.


    Ist es nicht nachvollziehbar, dass Schmidt nach diesem Schicksalsswerk keine weitere Sinfonie mehr schreiben konnte?!

    Es folgen noch ein Klavierkonzert für die linke Hand, (1934), und sein geistliches Hauptwerk, das Oratorium: „Das Buch mit sieben Siegeln“ für Soli, Chor, Orgel und Orchester, nach Texten aus der Offenbarung des hl. Johannes, komponiert in den Jahren 1935-37.


    PS: Man verzeihe mit die pathetischen Worte: Aber wie sonst soll ich die Begeisterung artikulieren, die eine solche Musik bei mir auslöst? Eine solchermassen tief empfundene, ehrliche Musik ist natürlich mit Worten nicht zu beschreiben. Aber, wenn mans nicht trotzdem versuchen würde, wäre ein solches Forum obsolet...


    Ich wünsche Euch allen möglichst erträgliche Festtage.
    Walter

  • Hallo, Walter!


    Schöne Charakterisierung der 4. Sinfonie von Schmidt, die ich heute nachmittag auch zufällig wieder gehört habe, in der Aufnahme, auf die ich mich weiter oben in diesem Thread bereits bezogen habe!


    In der Tat ein beeindruckendes Werk, das ich zur Zeit genau wie Du jeder Bruckner-Sinfonie vorziehen würde. Es ist raffinierter, unpathetischer, subtiler. Hier lasse ich mich in meinem Hörurteil aber immer wieder neu beeinflussen. Zur Zeit habe ich eben ein besonderes Faible für das Fin de Siecle.


    Besten Gruß, Wolfgang

  • Lieber Wolfgang,


    Schön, dass Du auch ins Schmidtsche Melos eingetaucht bist. Erlaube mir einen kleinen Einwand: Ich habe mich nicht dahingehend geäussert, dass ich die "schmidtschen", den "brucknerschen" vorziehen würde. Das mag für Dich im Moment so sein, für mich ist es durchaus grundsätzlich nicht so. Bruckner bleibt für mich der Diamant. Aber daneben schöne Amethiste und Kristalle glänzen zu lassen, dafür möchte ich mich einsetzten.


    Mit stillen Grüssen
    Walter

  • Zitat

    Original von Elisabeth


    So, jetzt habt Ihr´s geschafft, lieber Micha und lieber Walter!


    Nachdem ich diese Aufnahme gerade auch noch sehr günstig bestellen konnte, wächst meine Neugier erst recht. Ich werde gerne berichten...


    Hallo zusammen,


    es hat etwas länger gedauert, aber gerade eben erlebte ich die erste Begegnung mit dieser Sinfonie in der zitierten Aufnahme.


    Überraschenderweise fühlte ich mich in dieser Musik sofort heimisch. Vielleicht, weil ich vieles wiederfinde, was mir aus der Tonsprache eines Richard Strauss vertraut ist. Und auch meine intensive Beschäftigung mit Bruckners NEUNTEN hat wohl Spuren hinterlassen - für mein Empfinden besteht eine Verwandtschaft zwischen dem vierten Satz bei Schmidt und dem Adagio der Neunten.


    Und das großartige und hier auch ganz wundervoll gespielte Cello-Solo :jubel: :jubel: :jubel:


    Fazit: von diesem Komponisten muss ich mehr hören!


    LG, Elisabeth


  • Grüß dich Walter,


    das hast Du sehr, sehr schön beschrieben. Schmidt hat selbst gesagt, dass die Musik der 4. diejenige ist, die man hört, wenn man vom Diesseits ins Jenseits hinübergeht.
    Meine Mutter konnte diese Symphonie nicht hören ohne zu weinen. Und ich muss gestehen, dass es mir ähnlich gehen würde, wenn ich nicht gleichzeitig den absolut tröstlichen Charakter empfände.
    Franz Schmidt hat in meiner Familie eine ganz große Rolle gespielt. Die entsprechenden Postings stelle ich aber separat hier ein.
    liebe Grüße, Hans

  • Liebe Taminoianer,


    die Rolle Franz Schmidts in meinem Elternhaus.


    Mein Vater, Dipl.Ing. hatte neben dem Technikstudium auch zwei Jahre an der Musikakademie studiert. Er bemühte sich sehr, dass ihn Franz Schmidt als Student akzeptierte.
    Franz Schmidt wollte nicht. "Sie betreiben die Musik ja nur zum Spass." soll er sinngemäß gesagt haben.

  • Liebe Taminoianer,


    die Rolle Franz Schmidts in meinem Elternhaus:


    Mein Vater war begeisterter Wagnerianer. Insbesonders interessierte er sich auch für die Schriften von Houston Stewart Chamberlain über Wagner. So ergab sich ein Briefwechsel mit der damaligen Dame des Hauses in Bayreuth und er wurde auf einen Besuch eingeladen.
    Man führte ihn zu einem Flügel "Das ist der Flügel des Meisters" und bot ihm an, ihn auszuprobieren.


    Jetzt hätte mein Vater ganz leicht irgendetwas aus den Opern zitieren können, doch er machte Reklame für Franz Schmidt, spielte irgendein Präludium und pries die Vorzüge dieses nicht so bekannten österreichischen Komponisten an. Er wurde schnell unterbrochen, hinauskomplimentiert und natürlich nie mehr eingeladen. Was für eine Entweihung des Wagnerschen Flügels. Wenn er wenigstens noch Liszt gespielt hätte?


    Anm.: ich kann die Details nicht genauer angeben, aber die Geschichte ist verbürgt. Sie wurde von meiner Mutter und von meiner Schwester oft als Beispiel für die manchmal beispiellose Naivität meines Vaters angeführt, der ja an sich nicht gerade dumm war;)

  • Liebe Taminoianer,


    Die Rolle Franz Schmidts in meinem Haus:


    ich habe natürlich einen Haufen Noten geerbt und bin immer einmal in Stimmung mir sie zu Gemüte zu führen.
    Das Buch mit sieben Siegeln gehört zu den "wichtigen" Werken. Wenn es aufgeführt wird, versuche ich Karten zu bekommen. (2007 gab es dass Buch 3x, daneben auch die 2. und die 4. Ich war tatsächlich in 2 Buch-Aufführungen und in den beiden Symphonien, bei der 2. sogar bei den Proben. Fabio Luisi ist ein Schmidt-Fan und ich empfinde sein Dirigat auch als besonders gut.)


    Manchmal entstehen dann solche Exkurse:


    An dieser Stelle (Einfügung)


    Zitat
    Das gesamte Oratorium ist ergreifend und jeder wird seine persönlichen Stellen der Berührung finden. Bei mir sind sie jedenfalls die folgenden:

    • Wenn das Lamm an den Thron herantritt, was später zu "Du bist würdig" führt. Dabei ist der Schluß, bei dem das Soloquartett zum bereits in Fortissimo exaltieren Chor "In Ewigkeit" hinzufügt, der absolute Wahnsinn. Man hört die Solosopranistin über alle anderen Stimmen hinaus.
    • das dritte Siegel - Mutter und Tochter
    • das siebte Siegel - "Ein Weib umkleidet mit der Sonne".
    • die Stimme des Herrn zum Schluss mit der Überleitung ins Hallelujah.

    Zitatende


    habe ich auf eine bestimmte Stelle im Buch mit sieben Siegeln hingewiesen, nämlich die Öffnung des siebten Siegels. Hier soll ein Weib gebären, einen, der einst alle mit eisernem Stab leiten solle. Obwohl die Bedrohung durch den Drachen herrscht, weisen die Zwischenspiele hier eine besondere Lieblichkeit auf. An der Stelle "und sie gebar" gibt es folgende Untermalung im Orchester.
    Buch mit sieben Siegeln, Zwischenspiel
    9 Jahre vorher schrieb Franz Schmidt ein Orgelpräludium, in dem das Themenmaterial bereits anklingt. Er hat sozusagen bei sich selbst abgeschrieben:)
    Dieses Präludium hatte mein Vater für Klavier transkribiert. Da er es meistens um die Weihnachtszeit herum spielte, hat es für mich den Namen Weihnachtspräludium bekommen. Das ist aber sicher keine offizielle oder richtige Bezeichnung. Interessierte können sich ja anhören, ob sie die verwandten Stellen entdecken;)
    Präludium in G-Dur, 1928
    Dieses Präludium hat auch ein Trio, was ich der Vollständigkeit für Interessierte anschließe.
    Präludium in G-Dur, 1928, Trio und Beginn von Präludium


    PS: Auch hier gilt: ungeschnittene Mitschnitte ausschließlich zu Dokumentationszwecken - hingesetzt und aufgenommen. Bitte daher die Vor- und Abspänne zu entschuldigen.


    Etwas später habe ich dann die Siegelfuge aufgenommen, die ich hier schon anderwertig referenziert habe. Aber falls sie interessiert, hier ist sie: Siegelfuge
    http://www.youtube.com/watch?v=CM27W59c320&feature=related
    Ich hoffe, wenigsten den Schmidtianern damit ein bisschen Freude zu machen.
    liebe Grüße Hans

  • Liebe Schmidtliebhaber,


    Am 20 und am 21. Mai 2008 gibt es das Klavierkonzert von Franz Schmidt unter Fabio Luisi mit den Wr. Symphonikern im großen Saal des Konzerthauses.


    Das Werk wird meines Wissen nach ganz selten aufgeführt.


    liebe Grüße
    Hans

  • Zitat

    Original von steppenhund
    ... hätte mein Vater ganz leicht irgendetwas aus den Opern zitieren können, doch er machte Reklame für Franz Schmidt...


    Lieber Hans,


    da befand er sich zumindest in guter Gesellschaft. Leo Slezak sang was aus Bajazzo. Und durfte auch nicht wiederkommen.


    Gruß,



    audiamus


    .


  • Es freut mich natürlich, in Steppenhund einen kompetenten Musikliebhaber im Forum zu wissen, der offenbar einen nahen (über dessen Vater auch persönlichen) Bezug zu meinem „Liebling“ Franz Schmidt hat.
    Also lieber Hans: Empfange auch von mir einen lieben Dank für Dein Engagement im Forum einerseits, und andererseit im Speziellen für Dein mutiges youtube-sample: Ich spüre in deinem Spiel (neben aller manuellen Bewältigung des vollgriffigen Satzes) eine grosse Ernsthaftigkeit und eine stille Freude an der komplexen Fugengestalt.


    (N.B. Für das Herunterfahren Deiner Posting-Frequenz brauchst Du nicht um Verständnis zu bitten. Du fährst ja immer noch eine schwindelerregende Kadenz. Aber das geht uns allen so: Der anfängliche Enthusiasmus über die lockende Spielwiese tendierte auch bei mir nach und nach zu erschöpfender Selbstüberforderung. Schau, dass es bei Dir nicht so weit kommt.)


    Doch zurück zu Franz Schmidt:
    Ich habe mich in den letzen Tagen beschäftigt mit seinem


    KONZERT FÜR KLAVIER (linke Hand) UND ORCHESTER, ES-DUR (1934)


    Ich spreche kurz über diese Aufnahme, die auch schon Andythr vorgestellt hat:



    Gerade weil dem Werk m.E. ein durchaus sinfonischer Impetus zu eigen ist, kann man nicht von einem Virtuosenkonzert sprechen, Anders als in den Wittgenstein-Widmungen eines Ravel oder Prokofjew ist hier nicht primär die (linke) Riesenpranke gefordert, sondern die Fähigkeit, Raum zwischen den Fingern zu lassen. Dies gelingt m.E. dem Solisten in meiner Einspielung nicht. Insbesondere der sehr lyrische Mittelsatz, ein viertelstündige innige Meditationsmusik, ein leises Gedicht, eine zarte Pastellzeichnung, kurz: ein Wunder an Musik ,... klingt bei Carlo Grante durchwegs hölzern, dynamisch nivelliert und (horribile dictu) mehr oder weniger uninspiriert. Schade, schade, schade!


    Am ehesten gelungen scheint mir der rasche Schlussatz, ein übermütiger Rondo-Kehraus, dem ich allerdings auch eine „hamelinigere“ linke Hand gönnen möchte.

    Der gross angelegte erste Satz (über 20 Minuten) ist geprägt von drei sehr einfachen Themen, die im Verlauf ihrer Durchführung zu sinfonischer Bedeutung gelangen. Das wird von Luisi und dem MDR-Sinfonieorchester durchaus sorgfältig musiziert, wenn auch die letzte Stringenz fehlt, was ich subjektiverweise auch bei Carlo Grante (den ich bis dato nicht kannte) monieren muss.


    Das Konzert wäre als gut anhörbaren Einstieg in den schmidtschen Kosmos durchaus geeignet:
    Der Kopfsatz mag gleichsam „Brahms light“ suggerieren und aus dem 2. und 3. Satz höre ich schumanneske Anklänge. Das ist wirklich ein schönes (anachronistisch völlig tonales) Werk, das aber kaum öffentlich erklingt, weil es es weder Fisch noch Vogel ist, weder Sinfonie noch Konzert, und der Solist darin wenig Gelegenheit findet zur Entfaltung von Brillanz.


    Alles in Allem ist diese Produktion zu begrüssen.
    Sie bietet eine respektable, repertoireerweiternde Einspielung, die mich aber in keinster Weise vom Hocker haut.


    Schliesslich ärgert mich auch noch die manipulative Aufnahmetechnik, die am (an sich schönen) Klavierklang herumbastelt und alle 20 Sekunden den Pegel ändert: Leise Stellen werden angehoben, laute Stellen gedämpft. Das ist unverständlich und unerträglich. Es scheint so, als ob auch die Techniker sich nicht genau entscheiden konnten, ob sie nun ein Virtuosenkonzert oder eine Sinfonie mit obligatem Klavier (was m.E. hier vorliegt) produzieren sollen.


    Vielleicht kennt jemand eine andere Aufnahme oder berichtet im Mai vom seltenen Live-Erlebnis im Konzerthaus. Das wäre schön.


    Mit liebem Gruss aus Bern von
    Walter

  • Liebe Schmidt-Begeisterte


    Seit Kurzem komme ich in den Genuss einer Aufnahme von Franz Schmidts Klavierkonzert, welche jegliches, in der Grande/Luisi Aufnahme subjektiv moniertes Defizit, erfüllt:



    Konzert für Klavier (linke Hand) und Orchester Es-Dur (1934)
    Chaconne cis-moll für Orchester (1931)


    Karl-Andreas Kolly
    Wiener Jeunesse Orchester
    Herbert Böck


    Pan classics 510 081
    1995
    (Musikverlag Pan AG
    Schaffhauserstrasse 280
    CH-8057 Zürich)


    Die Aufnahme wird zwar weder von jpc noch von amazon geführt, ist aber in ausgewählten CD-Geschäften erhältlich, ebenso bei der Schmidt-Gesellschaft in Wien, oder beim Pianisten persönlich.




    Karl-Andreas Kolly, der Solist dieser Einspielung, ist ein beachtenswerter, schweizerischer Tastenvirtuose (Professor an der Musikhochschule Zürich-Winterthur), der u.a. das Skrjabin-Klavierkonzert in souveräner Manier und in kongenialer Partnerschaft mit dem leider verstorbenen Armin Jordan vorgelegt hat.


    Das Orchester dieser erfreulichen Schmidt-Aufnahme ist die „Wiener Jeunesse“ unter Herbert Böck, ein Ensemble aus AbsolventInnen der Wiener Musikhochschulen, welches mit unvergleichlich mehr Herzblut an die wertvolle Schmidt-Sache heran geht als die Kombination Luisi/MDR.


    Kolly scheint mir, zu recht, den langsamen Satz als meditatives Zentrum des Konzerts zu empfinden und gedeiht ihm sorgfältigste Pflege an:
    Obwohl das Tempo sogar etwas schneller genommen wird als bei Grande/Luisi, wirkt der meditative Satz bei Kolly bedeutend ausgeglichener als bei Grande.


    Die langen, mono-tönigen (nicht monotonen) Tongirlanden werden durch Kolly nicht so unsensibel buchstabiert, wie durch Grande, der mit dieser bemerkenswert bescheidenen, unvirtuosen Textur irgendwie wenig anfangen kann, obwohl seine Interpretation alles andere als schlecht ist: sie trifft einfach, für mein Empfinden, die Aussage des Satzes nicht optimal.


    Die Anlage des Mittelsatztes ist „simpel“ und entsprechend schwierig: Ton wird an Ton gereiht, es passiert scheinbar wenig, aber bei Kolly ist der Duktus agogisch gefühlssicher differenziert und im piano-Bereich dynamisch reich schattiert.


    Ich möchte allen sensiblen LiebhaberInnen der romantischen Musik diesen Satz ans Herz legen: Das ist Musik, die ist Musik, die ist Musik. Es geschieht fast nichts, es fliesst einfach, so wie das Leben fliesst.


    Diese Musik ist von solcher Innigkeit, dass mir andauernd die Haare zu Berge stehen (und Karl Andreas Kolly und die „Wiener Jugend“ unter Böck leisten Berührendes: Sie generieren ein Klangmelos, das bei mir quasi als himmelaufragendes Haar-Gel wirkt... :D)


    Die Ecksätze sind zu recht sinfonisch empfunden und in jeder Hinsicht souverän gemeistert, sowohl durch den virtuosen Kolly, wie auch durch das engagierte „Jugendorchester“ aus Schmidt Franzens (und des gleichnamigen Alfredens) Heimatstadt, die mir leider (shame on me) noch unbekannt ist...


    Ein Geschenk, diese Aufnahme!


    Mit liebem Gruss aus Bern vom


    Walter

  • Liebe Tamino-Freunde,


    nur eine kurze Erinnerung, dass am Dienstag, 20.5.2008, Fabio Luisi das Klavierkonzert von Franz Schmidt mit Grante und den Wr. Symphonikern im Konzerthaus aufführt. Es gibt noch Karten.
    Sollten sich da noch andere Freunde einfinden, wäre es doch eine gute Gelegenheit, sich nachher noch wo hineinzusetzen, um ein bisschen über das Konzert zu plaudern.
    liebe Grüße
    Steppenhund

  • Liebe Schmidt-LiebhaberInnen,


    die 2. Sinfonie von Franz Schmidt ist ein grosser Wurf, ein Ereignis! Jedenfalls in meinen Ohren.


    Wie beim gleichzahligen Werk des Hamburgers Johannes, hat auch die zweite Sinfonie des Wieners Franz einen gewissen pastoralen Charakter, auch wenn dieser sich in grossflächigeren und zerklüfteteren Landschaften formt, als die brahmssche Skulptur, welche geprägt ist von der sanfteren Tektonik kärntnerischer Hügel (Brahms schrieb seine Zweite in Pörtschach).


    Der Vergleich mag etwas gar plump sein: Aber mir erscheint Franz Schmidts zweite Sinfonie in Es-Dur ( komponiert: 1911-13, Uraufführung: Wien 1913) wie eine Vermählung von Brahms` Zweiter mit Bruckners Zweiter, getraut von Oberpriester Zemlinsky... :D


    Diese (im Sinne seriöser Musikwissenschaft wohl ziemlich peinliche) Allusion mag man bitte dem Laien verzeihen: aber so ist nun halt einmal mein unreflektierter Eindruck.


    Ich gebe zu: Man empfindet angesichts des suggestiven Klanggewabers im Spannungsbereich zwischen den Idiomen von Brahms und Bruckner durchaus auch manchmal eine gewisse Richard Strauss-Nähe.
    Aber während sich Strauss wohl in klebrigen Girlanden „jugendlichen Stils“ verheddern würde, destilliert Franz Schmidt seine Themen zu klar abgrenzbaren, akribisch( kontrapunktisch) elaborierten Kristallketten, und lässt diese glitzern in klarer orchestraler Beleuchtung, fern von “neonröhrenhafter“ straussenscher Glühwürmchen-Aura.


    Der 2. Satz ist ein edles, 20-minütiges Variationengebilde von suggestiver Kraft, und für die „palestrinischen“ Fugato-Emanationen im 3. Satz gibt es überhaupt keine adaequaten Worte: Einfach himmlisch, dieses kontrapunktische Festival!

    Das ist herzbewegend gute Musik, und um solche zu propagieren, habe ich mich entschlossen (trotz massivem gesundheitlichem Handicap) dem Forum Tamino wieder beizutreten!


    Zugegeben: ich bin ein ergebener (und deshalb vielleicht etwas gar unkritischer) Fan von Schmidt Franzens Musik.


    Seine musikalischen Ergebnisse - seien es die Sinfonien, sei es die Kammermusik, oder das grossartige Oratorium „Das Buch der sieben Siegel“ - berühren mein Herz (und auch meinen Kopf!) bei jedem Hördurchgang tiefer und essenzieller.
    Ich kann nicht erklären, weshalb. Und will es eigentlich auch nicht. Ich bin einfach dankbar (und möchte werben) dafür.


    Warum erklingt diese grosse Musik so selten im Konzertsaal?

    Sie ereignet sich meines Erachtens auf dem gleichen Level, wie der Klangkosmos eines Gustav Mahler (der mich aber nach wie vor leider relativ kalt lässt), und es besteht eine massive qualitative Differenz zu den bemühend artifiziellen Ergebnissen eines Richard Strauss, dessen musikalisches Bedeutsamkeitsgewölle die Rezeption der Fin-de-Siecle-Musik total usurpiert hat.


    Ich halte mich übrigens mit Überzeugung an die sehr anhörliche (wenn auch etwas bläserlastige) „Järvisierung“ der schmidtschen Partitur durch das fulminante Orchester aus Obama-town (Chicago).


    Selbstredend interessieren mich Eure Erfahrungen mit den Schmidt-Sinfonien brennend.


    Mit liebem Gruss aus Bern


    Walter

  • Nach vielen Jahren habe ich mir jetzt die in diesem Thread vielbesprochene, aber auch umstittene Neeme Järvi-GA (Chandos, 1989-1996, DDD) zugelegt
    und alle 4 Schmidt-Sinfonien gehört; auch alle im Vergleich zu meiner alten vorhandenen GA mit Ludovit Rajter/ RSO Bratislawa (GZ, 1987, DDD).



    Chandos, 1989-1996, DDD


    Meine bisherigen Eindrücke über die Sinfonien = ((Romatisches Geplänkel)), konnte Järvi auch nur bedingt ausräumen. Auch wenn viele es anders sehen, aber ich sage ews ganz frech: Schmidt ist eben kein Brahms, kein Schumann und auch kein Bruckner ... und trotz der Anleihen an Richard Strauss, auch kein R.Strauss ...


    Zum Aufnahmevergleich:
    Wenn es zur Sache geht, dann liegt Järvi (Chandos) klar vorne; allerdings auch zu Lasten eines stellenweise recht breiigen Orchesterklanges. KSM hatte es vor Jahren in Beitrag 10 auch schon geschrieben: „Die übliche Järvi-Sauce“; da ist was Wahres dran. Ich muss nun feststellen, dass meine alte Tschechoslowakische GA gar nicht so übel ist. Allerdings muss ich Järvi schon zugestehen, dass es bei ihm spannender klingt; aber zugleich auch vielfach pauschaler.
    Raijter und sein Orchester klingen besonders in den langsamen Sätzen deutlich hingebungsvoller; stellen bestimmte Passagen deutlicher und schöner heraus.
    Järvi punktet bei packenden Stellen und spielt die Effekte besser aus. Meinem Geschmack kommt auch entgegen, dass er pro Satz um 1Minute weniger Spielzeit benötigt.
    Die Aufnahmen mit dem Detroit SO klingen noch besser als mit dem CSO; ansonsten guter Chandos-Klang.


    Am besten liegen mir geschmacklich mir die Sinfonie Nr.2 und ganz besonders die Sinfonie Nr.4, die bei Järvi trotz der sufenlosen Übergänge der 4Sätze bei Chandos sauber in 4 Tracks eingeteilt ist (bei Raijter leider nur in einem Track über 48Minuten ...). Die Sinfonie Nr.3 klingt für mich etwas langatmig ohne herausragende Momente und stellt in ihrer kleineren Besetzung auch keine thematischen Vorteile heraus.


    Da mich die Sinfonie Nr.4 hauptsächlich anspricht, werde ich mir bei nächster Gelegenheit die Aufnahme mit Metha/Wiener PH (Decca) zulegen, die laut dem ehemaligen Hinweis von M.Schlechtriem in diesem Thread die Beste sein soll.
    8) Fazit: Im Grunde ist die Jävi-GA insgesamt genauso mehr oder weniger zufriedenstellend, wie die Rajter-GA.


    :?: Wie steht ihr zu meinen Eindrücken ?
    Gibt es Empfehlungen ?
    Kann die neuste Aufnahme auf NAXOS mit dem Malmö SO überhaupt mithalten (soweit überhaupt schon irgendwo bekannt !) ?

  • Da mich die Sinfonie Nr.4 hauptsächlich anspricht

    Michael kannte bei seinem Urteil naturgemäß noch nicht Bluniers Einspielung mit dem Beethoven Orchester, lieber Wolfgang.

    An der könnte Dir womöglich aus lokalpatriotischer Sicht gelegen sein, ich fürchte allerdings leider weniger aus anderen Gründen. Denn Blunier nimmt Schmidt hier in hohem Maße von seiner poetischen Seite her, etwas verhangen, etwas schleierhaft, etwas suchend und tastend - ein Ansatz, den man mögen muss, um ihn goutieren zu können.
    Eher teletontauglich erscheint mir da die Einspielung des viel zu früh verstorbenen Yakov Kreizberg, der das Nederlands Filharmonisch Orkest durch eine mitreißende Berg und Talfahrt voller Dramatik führt, durchaus zupackend. Für meine Ohren lässt er da selbst Mehta stehen, den ich vor einiger Zeit einmal mithören durfte.

  • Erst vor zwei Tagen hatte ich die noch originalverpackte Naxos-CD mir Schmidts Sinfonie Nr 1 in der Hand.

    . Aber ich war nicht in der Stimmung , sie zu hören. Einen Tag spätzer wird dieser Thread hier wiederbelebt - Und das hat mich dazu animiert das (vermeintlich) sperrige Werk doch in den Player zu legen.
    Aber - che Surprise ! Ich empfand es diesmal in keiner Weise als sperrig oder belanglos (Ich habe das Werk vor -Jahrzehnten mal gekauft - und bin damals zu dieser Beurteilung gekommen - welche Fehleinschätzung !!)
    Feierlich festlich - und sehr eingängig - eröffnet Schmidt seine erste. um dann relativ schnell die Stimmung zu wechseln.
    Es folgt eine Seqeunz, die (mich) an Mendelssohn (?) erinnert. Somit ist die Liste der Vergleiche um einen Komponisten reicher, denn mit Brahms, Bruckner und Richard Strauß wird Schmidt ja bereits "standardmäßig" verglichen, wobei ich sagen muß, daß diese Vergleiche zwar irgendwie naheliegen, aber nicht völlig überzeugen. Vielleicht liegt Schmidts Problem (und und das einiger anderer Komponisten) schlich und einfach darin, daß man ihn stets mit anderen Komponisten zu vergleichen versucht. Der zweite Satz ist für mich der überzeugendste , spätromantischer entspannter "Schönklang" - zum Versinken.
    Man muß sich ganz dieser Musik hingeben und in sie Eintauchen um ihre Schönheit zu begreifen - nebenbei hören geht nicht.
    Der dritte Satz, "schnell und leicht" überschreiben hat bei mir den geringsten Eindruck hinterlassen - aber vermutlich muß ich ihn noch ein paar Male hören. Der vierte Satz ist ein wenig markanter und weist gelegentlich wieder die feierliche Stimmung des ersten Satzes auf, allerdings stets durch lebhaftere Stellen gebrochen. Triumphierend endet das Werk.
    Ich besitze nur 2 Aufnahmen des Werkes, wobei meiners Erachtens, jener von Vassily Sinaisky der Vorzug zu geben ist.
    Aber bei aller wohlwollendben Betrachtung des musikalischen Materials ist nicht zu übersehen, warum dieses Werk mit HEUTIGEN Vorstellungen einer Sinfonie um die Jahrhundertwende kollidiert: Es gibt kaum exzessive Brüche oder Dynamiksprünge oder revolutionär anmutendes, jedoch jegliche Menge feiner Anklänge an Vergangenes und Musik von (heute berühmteren) Zeitgenossen....



    mit freundlichen Grüßen aus Wien
    Alfred

  • Aber bei aller wohlwollendben Betrachtung des musikalischen Materials ist nicht zu übersehen, warum dieses Werk mit HEUTIGEN Vorstellungen einer Sinfonie um die Jahrhundertwende kollidiert: Es gibt kaum exzessive Brüche oder Dynamiksprünge oder revolutionär anmutendes, jedoch jegliche Menge feiner Anklänge an Vergangenes und Musik von (heute berühmteren) Zeitgenossen....


    Naja, die berühmtesten Werke Schmidts sind ja auch die 4. und (vor allem) das Buch mit den 7 Siegeln. Da hat man schon einen sehr deutlichen Personalstil, den man kaum mit Mendelssohn oder Brahms vergleichen wird, und Brüche gibt's da auch. Kann man vielleicht irgendwie mit Pfitzner vergleichen ... aber dieses ständige geschäftige polyphone(?) Umspielen der Harmonietöne ist sehr unverkennbar Schmidt-Stil und kann durchaus auch auf die Nerven gehen.
    :D
    Aber das Buch ist ja zum Glück recht kontrastreich. Vielleicht kann man es neben "Von deutscher Seele" stellen.
    :hello:

  • Ganz alleine einen Thread gefunden!!
    Bis heute morgen wusste ich nicht, dass es einen Komponisten namens Franz Schmidt gab. (Der Name Schmidt kam mir bekannt vor :hahahaha: )
    Heute nun bekam ich die 4. von meinem Saturnverkäufer in die Hand gedrückt. Anders als z.B. bei Teleton war die Begründung, er stünde zwischen Bruckner und Mahler. Was eine ganz andere Sache ist als "ähnliche Tonsprache wie Strauß".
    Ich gehorche seinen Kaufbefehlen fast immer. Und auch diesmal lag er nicht so daneben. Das ist sehr interessant. Ich finde es allerdings nicht sehr bruckneresk, schon eher mahleresk und tatsächlich am meisten straußesk. (Diese verdammte Elster vor meinem Fenster mit ihrem ewigen "esk, esk, esk"!)
    Ich könnte mir vorstellen, dass es mit seiner überschaubaren Berühmtheit ähnlich zugeht wie bei Thomas Schmidt-Kowalski. Es kommt in der Folge von großen Meistern und hebt sich nicht genug von diesen ab.
    So bleibt so etwas wohl schöne Musik für eine sehr kleine Gemeinde. ANdererseits war ich beim Lesen des Threads schon auch erstaunt, dass es echte Fans gibt. Ich kann mir jedenfalls vorstellen, mir noch andere Sachen vom ihm zuzulegen.
    Meine Aufnahme war sehr preiswert: 5,99€. Dafür kann man kaum selber flöten.
    Tschö
    Klaus





    P.S.: Es ist überhaupt nicht beethovenesk...

  • Wenn schon, dann doch bitte die ganze Oper, wie schon zu Beginn dieses Threads erwähnt:



    Aufnahme: Aug. 1988, Studio
    Dirigent: Christoph Prick
    Radio-Symphonie-Orchester Berlin
    RIAS Kammerchor
    Chorleitung: Marcus Creed
    Orgel: Andreas Juffinger
    Capriccio, 2 CD


    Archidiaconus: Hartmut Welker
    Esmeralda: Gwyneth Jones
    Falourdel: Kaja Borris
    Gringoire: Horst R. Laubenthal
    Offizier: Hans Helm
    Phoebus: James King
    Quasimodo: Kurt Moll
    Zigeuner: Hans Helm


    Zitat

    M. Deis in HiFiVision 4 / 89:"Musik und Orchestrierung erinnern zuweilen an große Sonatensätze, die Orgelpassagen gemahnen stellenweise gar an eine Messe. Dirigent Christof Perick bringt mit einer Starbesetzung aus weltberühmten Solisten und dem Radio-Sinfonie-Orchester Berlin das Mittelalter zum Klingen:fromm und pompös, intrigant und düster. Interpretation und Klangqualität: gut."


    Für Freunde historischer Aufnahmen sei auch noch auf die preiswerte Cantus-Classic-Aufnahme hingewiesen:



    Aufnahme: 1949, Studio
    Dirigent: Hans Altmann
    Orchester des Bayerischen Rundfunks
    Chor des Bayerischen Rundfunks


    Archidiaconus: Wilhelm Schlichting
    Esmeralda: Hilde Scheppan
    Falourdel: Hanna Münch
    Gringoire: Karl Ostertag
    Offizier: Willy Berlin
    Phoebus: Hans Hopf
    Quasimodo: Max Proebstl
    Zigeuner: Wolfgang Lockner


    LG


    :hello:

  • ich habe es mir mal auf youtube angehört. Kommt mir nicht b ekannt vor. Irgendwie eine Mischung aus dem Mahleradagietto und beliebiger Filmschnulzenmusik, oder?
    Klaus

  • Zitat BigBerlinBear: „Beim "Buch mit 7 Siegeln"
    ist wohl diese die Referenzaufnahme. Diese Musik liegt Harnoncourt offenbar
    ganz besonders. Bestechend sowohl die Auswahl der Solisten und die Transparenz
    des Klanges.“


    Hier kann ich nur vollen Herzens zustimmen. Die Harnoncourt-Aufnahme ist einfach umwerfend und überrascht mit einer Wucht, die für Harnoncourt eher untypisch ist. Schmidts emotional aufgeladenes Werk hat hier anscheinend auch den Dirigenten überrumpelt. Diese Aufnahme war übrigens ein Spontankauf, da mir das Werk damals nicht bekannt war, der CD-Händler im Darmstädter Klassik-Shop mir aber zum Kauf riet - und das sicher nicht (nur) aus geschäftlichen Gründen. Seitdem ist "Das Buch..." eines meiner Lieblingswerke überhaupt geworden und ich war froh, dass ich es dieses Jahr endlich in einer gelungenen Aufführung in der Alten Oper in Frankfurt live erleben konnte.



    Zitat Spielmann, der Hugo von Hofmannsthal zitiert: „…dass
    ich beim ersten Hören fast alles von dem (übrigens absurden) Text verstand, und
    doch war es keine dünne melodramartige Musik - aber wenn die Singstimme
    vorwiegen soll, so war alles andere so zurücktretend…“



    Hofmannsthal bezieht sich hier zwar auf "Notre Dame", aber was er über die Balance von Musik und Gesang schreibt, trifft auch auf "Das Buch..." zu. (Abgesehen natürlich von der Bemerkung über den "absurden" Text.) Hier hat Schmidt etwas erreicht, mit dem z.B. Wagner oft zu kämpfen hat: Die relativ hohe Textverständlichkeit trotz eines großen Orchesterapparates. Den Text finde ich übrigens sehr treffend und in Kombination mit den verwendeten Bibelzitaten aus der Apokalypse des Johannes gut eingesetzt. Ob man nun die Apokalypse als gelungenen Text versteht oder in ihr eher die wirren Phantastereien eines religiös verblendeten Eiferers sieht, sei einmal dahingestellt. Hier erfüllt der Text jedoch seinen Zweck und lässt in Kombination mit der inspirierten Musik sowohl die Schrecken des Weltuntergangs, wie auch die Hoffnung auf ein glückliches Leben nach dem Tod klar aufscheinen. Das finde ich absolut erschütternd und ergreifend, auch wenn ich keinesfalls das bin, was man einen gläubigen Menschen nennt.