Hélène Grimaud - die mit dem Wolf tanzt? Oder viel Lärm um nichts?

  • Hélène Grimaud

    Vor einigen Wochen (genauer an jenem traurigen Wochenende als der FCK seinen Weg in die Niederungen der Zweitklassigkeit antreten musste- im übrigen IMO völlig zu Recht) war im Feuilleton der Sontagsausgabe der FAZ ein Artikel zu lesen mit der Überschrift: "Frauen mit Flügeln". Gegenstand des besagten Artikels waren -wie sich unschwer erahnen lässt- Frauen am Flügel: Gabriela Montero und Hélène Grimaud.


    Hörte und höre ich den Namen "Hélène Grimaud kommt mir regelmäßig Kevin Kostner in den Sinn: "Der mit dem Wolf tanzt", oder hier besser: Die mit dem Wolf tanzt. Warum? Die 1969 in Frankreich (Aix en Provence) geborene und heute in den USA lebende Pianistin hat eine ausgesprochene Vorliebe für Wölfe, für die sie ein "Wolf-Conservation-Center" eingerichtet hat. (Eines ihrer Bücher trägt in der deutschen Übersetzung passenderweise auch den den Titel Wolfssonate)


    Ob dieses etwas ausgefallenen Hobbys könnte man gelegentlich vergessen, dass Héléne Grimaud eigentlich Pianistin ist- eine Künstlerin mit (insbesondere seit ihrem Wechsel zur DG) mit ausgefallenen Programmzusammenstellungen:


    Credo:



    Reflexions



    Insbesondere "Credo" hat mir imponiert: Hélène Grimaud spielt einen unverzärtelten, herben Beethoven, was besonders der Chorfantasie ausgesprochen gut bekommt. Das Zusammenspiel mit Esa-Pekka Salonen und der Staatskapelle Dresden lässt keine Wünsche offen.


    Bei dem Schumann-Brahms-Album setzt sich die Pianistin zwangsläufig dem Vergleich mit der großen Konkurrenz aus. Und- sie besteht durchaus, auch wenn mit Sicherheit keine neue Referenzeinspielung des Schumann-Konzerts entstanden. Auch hier überzeugt mich vor allem das organische Zusammenspiel mit Orchester und Dirigent.


    Hier noch einige andere Einspielungen der Künstlerin:





    Wie man anhand der Aufnahmen feststellen kann, hat sich die Pianistin bisher vor allem dem klassisch-romantischen Repertoire gewidmet.


    Herzliche Grüße,:hello::hello:


    Christian

  • Ich habe mir mal die Brilliant-Box mit den aälteren Grimaud Aufnahmen zugelegt und werde diese nun mir zu Gemüte führen.
    HIer das Cover:
    ...[ama]B0006B969E[/ama]


    Hier gibt es zumindest mal eine gewisse Bandbreite zu ergründen - meine Eindrücke werde ich dann hier nochmals posten :-)

  • Ganz ehrlich? Viel Lärm - nicht um nichts, aber um sehr wenig. Die Netrebko des Klaviers. Von den Labels über die Optik und die Biografie zum Star gemacht. Ein Star aus der retorte, sozusagen.
    Wer die Grimaud jemals live erlebt hat, ist von der hübschen, aber ausstrahlungslosen Erscheinung keineswegs fasziniert und der braven, von gelegentlichem Grunzen und Stöhnen untermalten Spielweise bestenfalls befremdet. Wer kennt nicht eine Schülerin irgendeiner Musikhochschuls- oder Konservatoriums-Meisterklasse, die auch auf etwa diesem Niveau spielt?


    Für mich ist Hélène Grimaud eine weitgehend farblose Pianistin, die ihre Noten brav abliefert ohne sonderlich viel damit zu machen. Im 3. Bartók-Konzert, für mich ihre beste Aufnahme, dürfte Pierre Boulez der Inspirationsgeber gewesen sein.
    Was die "Chorfantasie" betrifft, schlage ich einen Vergleich mit der Aufnahme Swjatoslaw Richters vor, weiters mit der von Pollini/Abbado sowie jener von Serkin/Kubelik, um zu sehen, wo die Grimaud anzusiedeln ist. Nämlich, damit kein Mißverständnis entsteht, keineswegs ganz unten. Für mich ist sie der absolute Durchschnitt: Ordentlich, korrekt, nett - und völlig farblos.


    Dabei würde ich so gerne etwas Anderes über sie schreiben, nämlich welch grandiose Pianistin sie ist, wie tief sie in die Musik schaut etc. - denn ich finde ihre Biografie interessant. Und, da ich nun einmal Wölfe mag, würde ich gerne mit ihnen zum Lobe der Grimaud heulen. Wenn ich's nur könnte...

  • Hallo liebe TaminoanerInnen


    Wir kennen nur weniges von Hélène Grimaud. Unser Eindruck über Ihr Klavierspiel deckt sich bis anhin mit der Beurteilung von Edwin.


    Wir haben die 2. Klaviersonate von Chopin mit anderen Einspielungen verglichen, dabei bildetet Hélène Grimaud das Schlusslicht.
    Hier unser Eindruck:
    Etwas viel Effekt, berührt wenig, insgesamt erscheint uns diese Einspielung nicht schlüssig und bildet für uns das Schlusslicht.



    Gruss


    romeo&julia

  • So ganz einordnen nach der nun vierten CD aus o.g. Box von Brilliant kann ich es noch nicht abschließend, jedoch gewinne ich den Eindruck, dass es auf Interpretationsebene weitaus bessere Musiker gibt. die Klviersonaten waren technisch gut gespielt doch es fehlte das gewisse Etwas, was bei anderen Interpreten weitaus deutlicher zum Tragen kommt. Bei Schumanns "Kreisleriana" weiß Sie durchaus zu gefallen. Chopins Ballade No.1 ist viel zu brav für meinen Geschmack. Die Rachmaninoff CD aus der Box läuft gerade: Hier hat Sie im zweiten Satz der 2. Klaviersonate ihren lichten Moment.
    Ein Kommentar zur ersten CD mit den Konzerten Rachmaninof 2 und Ravels G-Dur kommt wenn ich es mir nochmals angehört habe - wobei ich sagen muss da leidet Sie doch eher unter der tranigen Federführung des Jesus Lopez-Coboss (erster Eindruck).

  • Zitat

    Original von Edwin Baumgartner
    Ganz ehrlich? Viel Lärm - nicht um nichts, aber um sehr wenig. Die Netrebko des Klaviers. Von den Labels über die Optik und die Biografie zum Star gemacht. Ein Star aus der retorte, sozusagen.


    Liebe Forianer,


    in einem Interview (ich glaube es war Fono Forum) habe ich mal gelesen, dass Grimaud sehr unglücklich ist mit der Vermarktung ihrer CD's, die zuweilen ja vor allem auf ihre Attraktivität setzten. Insbesondere das Rachmaninovv Album war wohl nicht mit ihr abgesprochen:


    . . .[ama]B000058BAY[/ama]


    Wie dem auch sei, meines Erachtens gibt es von Grimaud durchaus einige Aufnahmen, die Bestand haben, so zum Bsp. die oben angeführte Brahms-CD mit den Intermezzi/Klavierstücken. Grimaud gelingt hier ein bemerkenswert analytischer Blick und bringt dabei auch noch den emotionalen Gehalt dieser kleinen, vollgriffigen Werke zum Klingen. Für mich eine der besten Einspielungen dieser Inermezzi (in der Konkurrenz habe ich immerhin Kempff, Rubinstein, Lupu anzubieten)!


    Die Brilliant-Box enthält vor allem frühe Aufnahmen, Grimaud war da zum Teil noch weit unter 20. Dies sollte man mitbedenken.


    Viele Grüße,
    Christian

  • Caesar73:


    Zitat

    Insbesondere "Credo" hat mir imponiert: Hélène Grimaud spielt einen unverzärtelten, herben Beethoven, was besonders der Choralfantasie ausgesprochen gut bekommt. Das Zusammenspiel mit Esa-Pekka Salonen und der Staatskapelle Dresden lässt keine Wünsche offen.


    Also es muss sich um eine CD handeln, die ich offenbar noch nicht kenne.
    In der Aufnahme, die mir vorliegt, wird Grimaud nicht von der Staatskapelle Dresden, sondern vom Schwedischen Radiosymphonie-Orchester unter E.-P. Salonen, einem von mir sehr geschätzten Dirigenten, begleitet.


    Die "Choralfantasie", (ich nehme an, daß die "Chorfanatsie" gemeint ist, wird von allen Beteiligten "zupackend" angegangen, Schwachstelle ist lediglich der Chor, dessen Sopranstimmen hörbare Mühen
    bei der Treffsicherheit der Spitzentöne haben, was mir die ansonsten akzeptable Einspielung doch etwas verhagelt.


    Wenn Grimaud das für sie "richtige" Repertoire spielt, kann das ganze durchaus zum "Ereignis" werden. Ich hab gehört, daß z.b. Boulez sie explizit für die Einspielung des 3. Bartok-Konzerts haben wollte, was die Legende von der angeblich immer etwas anämischen Ausstrahlung der Pianistin für mich zumindest infrage stellt.

    Das geht über das Sagbare hinaus. Das läßt sich nicht deuten und bedarf keiner Deutung. Es kann nur gehört werden. Es ist Musik. (H.H.Jahnn)

  • Zitat

    Original von BigBerlinBear
    Also es muss sich um eine CD handeln, die ich offenbar noch nicht kenne.
    In der Aufnahme, die mir vorliegt, wird Grimaud nicht von der Staatskapelle Dresden, sondern vom Schwedischen Radiosymphonie-Orchester unter E.-P. Salonen, einem von mir sehr geschätzten Dirigenten, begleitet.


    Das ist AFAIK ihre letzte CD:


    ..[ama]B000C5RRL8[/ama]


    Hier dirigiert Salonen die Staatskapelle, im Zentrum der CD das KK von Schumann. Die andere Cd ist diese hier:



    Ebenfalls mit Salonen, aber dem schwed. Orchester.

  • Hallo BBB,

    Zitat

    Ich hab gehört, daß z.b. Boulez sie explizit für die Einspielung des 3. Bartok-Konzerts haben wollte, was die Legende von der angeblich immer etwas anämischen Ausstrahlung der Pianistin für mich zumindest infrage stellt.


    Ich kenne die Aufnahme. Sie ist nicht uninteressant auch bezüglich Hélène Grimaud. Warum Boulez sie wollte, kann ich mir gut vorstellen: Grimaud liefert so absolut keine Interpretation, daß alles an Boulez selbst liegt und somit bekommt sein Understatement an Emotion die ideale Partnerin. Wie Boulez freilich mit den Tempi und den Balancen umgeht, ist schon eine feine Sache! Dennoch habe ich nicht den Eindruck, daß gerade dieses 3. Konzert Boulez ein besonderes Anliegen gewesen wäre.


    Hallo Christian,
    dann hat aber die Grimaud schon die Möglichkeit, diese Vermarktung zu untersagen und notfalls die Plattenfirma zu wechseln. Auch für den Rachmaninow-Cover muß sie sich wohl in Positur gesetzt haben. Was hat sie geglaubt, was mit dem Foto passiert? Daß es sich der Fotograf in seinen Spind hängt?
    Das ist meiner Meinung alles eine Form der Koketterie. Abgesehen davon: Warum wird wohl eine Künstlerin eher über ihr Aussehen als über ihr Können vermarktet... :rolleyes:
    :hello:

  • Hallo,


    Hélène Grimaud ist - immer noch - eine junge Pianistin. Das sollte nicht vergessen werden.


    Welchen Fortschritt sie erzielt hat, kann man am Vergleich der ersten Rachmaninoff-Aufnahmen (Denon) mit den aktuellen (Teldec) erkennen, wo teils dieselben Werke aufgenommen wurden. Bei der späteren Aufnahme von "keiner Interpretation" zu sprechen, trifft den Kern der Sache nicht.
    Die Qualität der Nachschöpfung (ich mag den Begriff "Interpretation" nicht besonders), insbesondere die Phrasierung hat sich bei Grimaud jedenfalls deutlich verändert, zum positiven wie ich meine.


    Eine Darbietung des 4. Klavierkonzerts von Beethoven neulich in Hamburg verlieft keineswegs enttäuschend. Die Vermarktung über das Aussehen ist bei Grimaud m.E. nicht erforderlich, aber immerhin möglich ;)


    Da sie ungefähr meine Generation ist, freue ich mich, ihre weitere Entwicklung vielleicht über viele Jahre verfolgen zu können.


    Gruß


    Andreas

  • Liebe Musikbegeisterte,


    Grimaud ist trotz allem Werberummel meine „Göttin“.


    Ich verzichte auf die bekannten Wolfsgeschichten.
    Immerhin hat sie sich von ihrem zeitintensiven Hobby distanziert und ist von New York in die Schweiz umgezogen, um sich ganz auf die Musik zu fokussieren, wie sie sagt. Zum Glück für die Musik, zum Leid für die Wölfe. Das war sicher kein leichter Entscheid.


    Ich habe die Grimaud erstmals vor ca. 10 Jahren mit dem ersten Brahmskonzert erlebt. (Tonhalleorchester Zürich unter David Zinman).


    Das war ein Konzert, welches mir damals neuen Lebensmut vermittelt hat! Ich bin ihr unendlich dankbar dafür. Seither pilgere ich von Konzert zu Konzert, solange die Distanz zu Bern nicht unvernünftige Ausmasse annimmt. (liegt etwa bei 500 km...)


    Sie trug übrigens damals die Haare ganz kurz (was ihr durchaus gut stand und ihrem „burschikosen“ Wesen entgegenkam) und sie war auf der Bühne alles andere als eine glamouröse Erscheinung.


    (Interessant, dass auch ich nicht umhin kann, mich hier mit ihrer äusseren Erscheinung zu befassen. Aber ich gebe unumwunden zu, dass ich im Life-Konzert auch mit den Augen höre, was bei einer Grimaud zu einem „gesamtkunstwerklicheren“ Ergebnis führt als bei einem griesgrämigen Brendel oder einem bärbeissigen Lupu ...).

    Was kann la belle Hélène dafür, dass sie von der lieben Göttin nicht nur mit überdurchschnittlichem Talent, sondern auch mit Ebenmass ausgestattet worden ist ? Wer sie schon live erlebt hat, weiss, dass sie sich eher linkisch und absolut nicht wie ein Model über die Bühne bewegt.


    Ich muss gestehen, dass mich ihre CD-Aufnahmen nicht unbedingt vom Hocker reissen (Ausnahme die Brahms-Intermezzi), wohl aber ihre live-Auftritte, wo ich kaum stillsitzen kann: Die unmittelbare live-Wirkung ihres Spiels nimmt mich persönlich stärker gefangen, als es bei jedem anderen Klaviermenschen der Fall ist, menschlich und musikalisch.


    Ihre Klangergebnisse mögen etwas weniger stringent sein als diejenigen eines Grigoriy Sokolov (um meinen absoluten Favoriten zu benennen), aber ihr Spiel ist unendlich berührender, weil irgendwie fragiler, unselbstverständlicher als dasjenige des soliden russischen Titans.
    Sie zeigt Gefühle, spielt emotional, leidenschaftlich, ja- ich zögere nicht, es zu sagen - magisch.


    In der Live-Situation geht eine magische Energie von ihr und ihrem Ringen am Instrument aus: Da wird gestöhnt, gesummt, gesungen, gerungen, dass es eine (gouldsche) Freude ist: Keine show, sondern eine abgrundtief ins musikalische Geschehen eingesogene Menschlichkeit. Berührend und nährend! Eine Klavierhexe!


    Und wie gesagt: ich verbinde die Grimaud mit einem Konzerterlebnis, das mir vielleicht das Leben gerettet hat. Sie kann also spielen wie und was sie will: sie ist und bleibt meine Klaviergöttin.


    Grimaud und Sokolov, mein Klavierhimmel auf Erden!


    Adventsgrüsse aus Bern von
    Walter

  • Hallo Walter Heggendorf,


    auf ZDF-Theaterkanal läuft in diesem Monat ein Porträt über H.G. und auch eine Klavierkonzert von Beethoven mit H.G. wird gezeigt. Zeiten weiß ich leider nicht aus dem Kopf, kann man aber im Internet nachlesen.


    Ich habs mir die Tage auf Festplatte aufgezeichnet und freue mich schon aufs Anschauen (wahrscheinlich Sonntag beim Bügeln!)


    Grüße


    Karin H.

  • Zitat

    Original von Karin H.
    ...freue mich schon aufs Anschauen (wahrscheinlich Sonntag beim Bügeln!)


    Lieber Walter,


    das Bügeleisen würde wohl mir der zittrigen Hand entgleiten...


    Vielleicht ist es ja wieder das alte, leidige Problem mit uns leidlich ollen Männern, die wir weise Weise verheißen und dann zum unreifen Reifen greifen, um ihn unbeirrbar und unbelehrbar gegen des Lebens goldnen Baum zu fahren.


    Doch die Idee des Gesamtkunstwerks, die in meiner Weltsicht - nicht allein in Hinblick auf Wagner-Affinitäten - generell eine große Rolle spielt, projiziert auf das Live-Erlebnis Grimaud, kann ich mit schwungvoller Federführung federlesenslos unterzeichnen.


    Obwohl das Thema des strategischen Einsatzes weiblicher Reize in künstlerischem Konkurrenzscharmützel an anderer Stelle in diesem Forum für keifenden Kleinkrieg sorgt, bekenne ich mich hier zum Sein als Augenmensch, der zudem fasziniert ist von einer Künstlerin, die in sich ruhend wirkt, still im Wesen, lauter in der Kunst.


    Aber wer weiß, vielleicht trügt uns ja doch der Nimbus, und ein wenig besser - oder klarer - würden wir leben, hätte Er uns nicht den Schein des Himmelslichts gegeben.


    Doch machtlos sind manche bei solcher Erscheinung, und nach einem Besuch in Auerbachs Keller würde ich vielleicht folgendes reimen:


    Ein Mensch schwärmt! Helenen Grimaud
    man(n) braucht nicht erst schau'n auf den Fuß.
    Da reicht schon ihr Lächeln,
    es startet das Hecheln
    und Fächeln: 'S wird einem très chaud!


    Aber ich treibe mich ja schließlich nicht in Studentenkneipen herum...



    LG,



    audiamus



    .


  • Sage an lieber Audiamus liesest Du gerade im Faust? Man könnte es meinen :D


    Helene Grimaud als Gesamtkunstwerk? Ein interessanter Ansatz. Ihre neuesten Aufnahmen kenne ich nicht und live habe ich sie noch nie hören können. Ihre Beethoven-Pärt-CD fand ich ansprechend. Über ihre neue Beethoven-CD habe ich nur Verrisse gelesen- selber gehört habe ich sie- wie gesagt- allerdings noch nicht. Wenn ich Walters eindrückliche Schilderung lese, scheint es mir, als gehöre Helene Grimaud zu den Künstlern die man live erleben muss, damit sich ihr ganzer Zauber entfaltet. Wenn Ihr´s nicht fühlt, Ihr werdet´s nicht erjagen.


    Herzliche Grüße,:hello::hello:


    Christian

  • Zitat

    Original von Caesar73
    Wenn ich Walters eindrückliche Schilderung lese, scheint es mir, als gehöre Helene Grimaud zu den Künstlern die man live erleben muss, damit sich ihr ganzer Zauber entfaltet. Wenn Ihr´s nicht fühlt, Ihr werdet´s nicht erjagen.


    Doch, das trifft's. Ich habe hier Frau Grimaud zweimal mit den Bamberger Symphonikern erlebt (Beethoven 4 und Schumann) - das hat bleibende gesamtkunstwerkliche Eindrücke hinterlassen. :D


    Ich kenne überhaupt nur zwei CDs mit ihr - finde aber, dass das Schumann-Konzert mit Salonen durchaus zu den besseren Einspielungen dieses Werks gehört.



    Viele Grüße


    Bernd

  • Ich teile die Meinung Edwins. Viel Lärm um nicht viel. Tatsächlich Mittelmaß mit unterdurchschnittlichem Anschlag. Die Brahms-CD kenn ich und finde sie ehrlich gesagt auch nicht wirklich erhellend: Vergleiche, gegen welche man die CD gleich wieder ausmachen kann, sind: Gilels, Gould,Hamelin, Richter und Gieseking.
    Ich war ja schon überrascht, dass sie in op 118/2 im Mittelteil die Mittelstimmen nicht vergessen hat.
    Aber hübsch ist sie und gibt vielleicht somit live tatsächlich ein ganz brauchbares "Gesamtkunstwerk" ab :hahahaha:
    Ich kann es nicht beurteilen, da ich sie live noch nie gehört habe. Werde ich wohl auch nicht - in München gibts echt interessantere Konzerte und Interpreten.


    Genug gelästert :untertauch:

    Das Frühstück ist ihm viel zuviel Zeremonie. Die ganze Lächerlichkeit kommt zum Ausdruck, wenn ich den Löffel in die Hand nehme. Die ganze Sinnlosigkeit. Das Zuckerstück ist ja ein Anschlag gegen mich. Das Brot. Die Milch. Eine Katastrophe. So fängt der Tag mit hinterhältiger Süßigkeit an.

  • Also, ich weiß ja nicht. Eigentlich würde ich Frau Grimaud auch gerne so richtig mögen - denn apart ist ihre Erscheinung und ihr Auftreten allemal (richtig live habe ich sie allerdings nie gesehen - nur auf dem Bildschirm). Neben enigen Fernsehübertragungen (letzhin das 4. Beethoven-Konzert unter Eschenbach - oder war's gar das fünfte? Ich kann mich nicht erinnern... Der Eindruck war also seeehr stark... Nein, im Ernst: Es war das vierte :D), kenne ich die oben gezeigte Brillant Box mit älteren Aufnahmen, die »Reflection«-CD (diese seltsamen thematischen Werkkompilationen unter esoterischen Albumtiteln finde ich ein wenig, hm, abturnend) die 2006er Chopin/Rachmaninov-Scheibe und das ältere Teldec-Album, das auch schon aben gezeigt wurde (das ist die mit dem Coverbild, das sie noch mit Kurzhaarfrisur burschikos auf der Klaviatur lagernd zeigt).


    Alles was ich von ihr gehört habe, ist nicht schlecht (abgesehen von Brahms op. 38 mit Truls Mork [auf der »Reflections«-Scheibe], das ist für meinen Geschmack ziemlich zerfahren und wirr musiziert) - aber für fast alles kenne ich Einspielungen, die mich mehr angehen. Das Schumann-Konzert macht sie tatsächlich sehr gut, Rachmaninovs 2. Konzert auch (aber da interessiert mich das Werk nicht so sehr - wozu Frau Grimaud naklar nichts kann). Die Chopin-Sachen spielt sie für meinen Geschmack ein wenig zu vordergründig emotional. Ihrer Einspielung von Brahms' op. 5 (die echt gar nicht übel ist) werden IMO von Ugorski, Biret und erst recht von Lupu ganz schön die Rücklichter gezeigt.
    Ja, und der Beethoven unter Eschenbach? Ich war ein wenig versucht, den Ton runterzuregeln, Lubin/Hogwood einzulegen und nur die Bilder anzuschauen... (zwischendurch zuckte meine Hand ich gar in Richtung Lupu/Mehta, aber das schien mir dann doch zu bärtig zu sein - in jeder Hinsicht).


    :untertauch:


    Jedenfalls halte ich Frau Grimaud - trotz allem - unter den markttauglichen Piano-Starlets für eine der interessantesten Erscheinungen. Dies nicht so sehr wegen des aparten Äußeren, sondern weil sie weniger eine Technikfetischistin und Tastenartistin ist, sondern sich wirklich um eine Durchdringung der Werke, um Ausdruck und Empfindung müht und dies zudem auch irgendwie zu transportieren weiß - nur trifft's mich leider oft nicht.


    Werde die Scheiben mal wieder rauskramen...


    Ganz herzlich,
    Medard

  • Zitat

    Original von Caesar73
    Sage an lieber Audiamus liesest Du gerade im Faust?


    Lieber Christian,


    mehr noch, ich versuche ihn gerade mit meinen Schülern auf die Bühne zu stellen. Das prägt natürlich.


    Und zu Grimaud: Ich hoffe, ich sehe nicht bald Helenen in jedem Weibe...


    LG,



    audiamus

  • Meine lieben, mehr oder (vor allem) weniger Phil-Helenen, und-innen,


    Ach ja, ich war mir ja sehr wohl bewusst, dass der Begriff „Gesamtkunstwerk“ Lacher, Kopfschüttler und Schenkelklopfer provozieren wird. Recht so. Die Diskussion kommt in Gang. Danke Euch allen für die Repliken


    Mir geht es um die Erklärung eines Phänomens: Ihre musikalischen Ergebnisse mögen ja gutes Mittelmass selten übertreffen (das ist immerhin schon etwas), aber dennoch geht m.E. (und jedenfalls für mich) von dieser Künstlerin eine seltsame positive Energie aus, die nichts mit ihrer äusseren Erscheinung zu tun hat. Und das spüren die Menschen und deshalb strömen sie in ihre Konzerte.
    Irgendwie verspüre ich hinter aller Fassade eine tiefe Ernsthaftigkeit. Und diese Aura (sorry, finde kein besseres Wort) trägt zum „Gesamtkunstwerk“ bei, nicht ihre Ansehnlichkeit (die n.b. überhaupt nicht meinen Geschmack trifft).


    Um zum Musikalischen zurückzufinden: Eine Grimaud-Sternviertelstunde finde ich Brahmsens „Liebeserklärung an Clara Schumann“, den 2. Satz aus dessen 1. Klavierkonzert unter Sanderling.


    Grüessli aus Bern von
    Walter

  • Zitat von Karin H

    auf ZDF-Theaterkanal läuft in diesem Monat ein Porträt über H.G. und auch eine Klavierkonzert von Beethoven mit H.G. wird gezeigt. Zeiten weiß ich leider nicht aus dem Kopf, kann man aber im Internet nachlesen.
    Karin H.


    Leider habe ich Helene Grimaud noch nie auf der Bühne erlebt, nur einmal im TV, als sie mit Rolando Villazon durch Berlin zog und da hat sie mich total fasziniert und ich kann Walters Begeisterung voll und ganz nachvollziehen.


    Ich habe jetzt noch ein wenig in der Fernsehzeitschrift gestöbert und bin auch fündig geworden:


    9.12. 14.00 H.G. spielt LvB
    14.40 H.G. und mein Leben


    14.12. 23.10 Durch die Nacht mit R.V. und H.G.


    Werde hoffentlich keinen Termin verpassen.


    Eine gute Nacht
    wünscht Euch
    Ingrid

  • Zitat

    Original von Walter Heggendorn
    aber dennoch geht m.E. (und jedenfalls für mich) von dieser Künstlerin eine seltsame positive Energie aus, die nichts mit ihrer äusseren Erscheinung zu tun hat. Und das spüren die Menschen und deshalb strömen sie in ihre Konzerte.


    beinahe hätte ich mich hier verlesen: "eine seltsame positive Energie ... und das spüren..." die Wölfe?
    Was uns Menschen betrifft, würde ich hier nur teilweise zustimmen, denn ich denke es hat auch mit ihrer äußeren Erscheinung (incl. Körpersprache) zu tun.



    Zitat

    Irgendwie verspüre ich hinter aller Fassade eine tiefe Ernsthaftigkeit.


    da ist keine Fassade. Wer ihre Biographie ein wenig kennt, bemerkt in der Art, wie sie als Künstlerin herangewachsen, dabei sehr vielem entwachsen ist, vieles was von dieser Ernsthaftigkeit zeugt: sehr früh hat sie sich dem in Frankreich obligatorischem französischen Repertoire verweigert (stattdessen Brahms zugewandt; konsequenterweise etwas später auch ihrem Heimatland den Rücken gekehrt), früh hat sie ebenso ihrem Lehrer Jacques Rouvier den Rücken gekehrt (man munkelt, beide wären nicht damit klargekommen, daß Hélène schon mit 14 besser spielte als ihr Lehrer), dem Wettbewerbsbetrieb hat sie sich komplett verweigert (wer hat sich das noch getraut?). Natürlich gehört hierher auch die Ernsthaftigkeit, mit der sie sich dem zweiten wichtigen Thema in ihrem Leben widmete, oder auch die Art wie sie - wie ein Buch! - über alles mögliche, nicht nur über Musik redet.


    Jetzt habe ich absichtlich wenig über ihr Spiel geschrieben, denn auch ich fühle mich dabei oft nicht so richtig wohl. Aber: sie unter die "nur" mittelmäßigen Künstler einzureihen, naja ich weiß nicht, wenigstens würde sie zu den interessantesten und vielversprechendsten der mittleren Garde zählen.


    Jedenfalls beobachte ich ihre weitere Entwicklung gespannt, um nicht zu sagen fasziniert.


    Gruß,
    Khampan

  • Sagitt meint:


    HG ist ein gefundenes Fressen für die Medien. Sehr atttraktiv, mit einem sehr ungewöhnlichen Hobby, hat was im Kopf und spielt gut Klavier. Alles zusammen reicht immer für eine Pressenachricht.
    HG als Künstlerin hinterlässt bei mir einen sehr zwiespältigen Eindruck. Manuell hat sie keine Probleme. Manche Interpretationen geraten ekstatisch, so das vierte Konzert von Beethoven mit Eschenbach, bei anderen sieht es so aus, sie sie so aus, aber man hört es nicht- zweiter Satz des Es-Dur Beethovenkonzerts und andere Aufnahmen, zB o. 31 Nr. 2 von Beethoven sind schlicht banal.


    Eine Anschlagskünstlerin wie die Haskil oder Pires ist sie für mich nicht.


    Manchmal macht sie anspruchsvolle Programme- und sie schreibt ja auch vor der Gefahr eines durch Routinen geprägten Betriebs, aber dann man sie wieder mainstream Programm ( das Schlachtross op. 73).


    Eine rote Linie kann ich darin nicht erkennen.

  • Zitat von Walter Heggendorn

    ...dass der Begriff „Gesamtkunstwerk“ Lacher, Kopfschüttler und Schenkelklopfer provozieren wird...


    Lieber Walter,


    den Begriff griff ich ohne Schütteln und Klopfen auf. Ich dachte, ich hätte das klar gemacht.



    Gruß,
    audiamus



    .

  • Lieber Audiamus,


    oh ja, Dein federlesensloses Mitwedeln habe ich sehr wohl dankbar zur Kenntnis genommen. Das Stirnrunzeln habe ich bei anderen Postern empfunden, mit allem Verständnis für die Anregung, den heiklen Begriff "Gesamtkunstwerk" sorgfältiger zu verwenden.


    Grüessli von
    Walter


  • Guten Abend Walter,


    ich bin berührt von der sehr persönlichen Schilderung einer musikalischen Begegnung. Ich muss gestehen, dass ich von Grimaud noch zu wenig gehört habe, um mir selbst ein Urteil zu bilden. Doch Sokolov kann ich für meinen Teil bestätigen. Den halte ich auch für großartig. Seine Musik wirkt auf mich sehr intensiv.


    liebe Grüße aus Wien Hans

  • Lieber Hans


    Hab Dank für Deine freundliche Replik auf meinen Bericht und sei auch von mir herzlich begrüsst im Forum.
    Ich habe die Grimaud mehrmals live erlebt und war jedesmal erschüttert ob ihrer Bühnenpräsenz. Ich empfinde sie als grosse Sucherin. Manchmal findet sie, manchmal nicht. (Sokolov findet immer, bleibt aber kühl und jubelt nicht). Bei Grimaud jodelt (lodert) Feuer.


    Zudem ist sie eine Musikerin, die glenngouldlike mitsingt und brummt und ächzt, und das ist keine Show, wie von Puristen moniert wird, sondern überquellendes Herz.


    Ein kleines Detail über den Menschen Hélène Grimaud: Beim Signieren (nach dem Konzert) nimmt sie sich viel Zeit, um jede(n) Konzertbesucher(in) freundlich zu begrüssen, mit ihr zu sprechen und ihn mit ihren grossen Augen freundlich anzuschauen. Da ist keine Routine zu spüren, sondern sie strahlt eine grosse Ernsthaftigkeit und tiefe Menschenliebe aus!


    Mit liebem Gruss aus Bern


    Walter

  • ... vor vierzehn Tagen erst ist bei der Zeit ein mit knapp 3000 Wörtern durchaus
    umfassendes Portrait von Hélène Grimaud erschienen, das sich vornehmlich
    mit dem biographischen Werdegang beschäftigt und als eventuellen Kritikpunkt
    genau jenen möglichen Vorbehalt, nämlich Karriere eher durch eine verstärkte
    Ausleuchtung von privaten Einblicken als durch musikalische Leistungen erreicht
    zu haben, eindringlich äußert.


    Nebenbei hat man die Neuigkeit erfahren - bzw. hörte zumindest ich hiervon zum
    erstenMal - dass sich Hélène Grimauds nächste CD-Einspielung bei der Deutschen
    Grammophon um Bach drehen wird.


    DIE ZEIT >> Musikerportrait > Hélène Grimaud


    ==============================
    Grüße aus dem Ländle.
    Milosz.


  • Die französische Pianistin legt hier ein „philosophisches“, thematisches Album vor, gibt das Zeugnis einer Künstlerin, die nicht nur Klavier spielen will, sondern über die Welt und sich selbst nachdenkt und entsprechend die Musik als „Botschaft“ versteht, als Auseinandersetzung des Menschen mit der Natur. Das Wasser, das feuchte Element fungiert so als Kontinuum, das alles durchdringt und benetzt, in verschiedenen Aggregatzuständen erscheint: sei es in den Wasserspielen von Liszt oder Ravel oder dem Nebelstück von Janacek. Das Wasser-Kontinuum verdeutlichen die meist einminütigen, sehr gefälligen elektronisch-soundigen Zwischenspiele von Nitin Sawhney. Das Klavier blendet sich dann ohne Pause immer wieder ein – alles bewegt sich in einem fließenden Fluss.


    Leider ist die Tontechnik ein wenig „baden“ gegangen, der Flügel klingt doch eher wie ins Wasserbad getaucht – bei den Aufnahmen handelt es sich um Live-Mitschnitte eines Konzerts (New York, Park Avenbue Armory, Dezember 1914). Der Saal ist offenbar dermaßen „hallig“, dass man meint, beim Instrument handele es sich vielleicht um „La Cathedrale engloutie“, Glockentöne aus der Tiefe des Ozeans, die dann auch das Schlussstück des Albums bilden. Ob das beabsichtigt so war? Besonders bei Albeniz´ „Almeria“ wirkt diese Halligkeit doch sehr störend. Die Programmauswahl ist durchaus gelungen, auch wenn ich den Bezug insbesondere von „Almeria“ zur „Wasser“-Thematik nicht so ganz nachvollziehen kann. Was auffällt, ist die große Individualität, das ungemein persönliche Expressivo von Grimauds Spiel. Ihr Anliegen ist offenkundig die Vermittlung von verschiedensten emotionalen Tönungen und Stimmungen, welche der Flexibilität des Elements Wasser entspricht. Dies geht in den meisten Fällen auch auf. Berios „Wasserklavier“ zu Beginn beeindruckt durch seine Melanchie, Almeria ist von einer geradezu ergreifenden Schmerzhaftigkeit. Grimauds Expressivo kann jedoch auch schon einmal die strukturelle Seite der Musik überdecken. So verschwindet in Faurés Barcarolle Nr. 5 schlicht der Barcarolle-Rhythmus, das Stück löst sich auf in einen pointilistischen Farben-Emotionenkomplex. Auch bei Ravels Jeux d´eau wirkt Grimauds Expressivo-Manier mit romantisierenden Drückern ein wenig anachronistisch vielleicht, mit spätromantischer Empfindsamkeit aufgeladen. Wie „modern“ dagegen gerade dieses Ravel-Stück sein kann mit seiner konstruktiven Klarheit und abstrakten Rhythmik, hatte einst Grimauds französische Pianistenkollegin Monique Haas unter Beweis gestellt. Liszts Les Jeux d´eau à la Villa d´Este liegt ihr dagegen, da trifft sie den „mystischen“ Ton des religiösen Impressionismus genau.


    Fazit: Ein interessantes Album mit deutlichen tontechnischen Schwächen, das allerdings auch keine „tiefen“ philosophischen Einsichten bietet. Was die Stücke verbindet sind keine „intellektuellen“ Bezüge zwischen den Kompositionen wie bei Pierre-Laurant Aimards so gelungenem Liszt-Album, sondern das bindende Band ist die emotionale Auseinandersetzung der Interpretin mit der jeweiligen Musik. Was auf diese Weise entsteht ist ein Kaleidoskop von Emotionen und Stimmungen, das zum Träumen einlädt – nicht mehr, aber auch nicht weniger.


    Schöne Grüße
    Holger