O welche Lust - Beethovens Fidelio

  • Liebe Opernfreunde,


    Beethovens einzige Oper Fidelio, am 23. Mai 1814 in Wien uraufgeführt, nach einem Libretto von Ferdinand von Sonnleithner und Georg Friedrich Treitschke ist eine Auftragsarbeit für das "Theater an der Wien", die aber schon 1804 komponiert wurde und 1805 unter dem Titel "Leonore" erfolglos daselbst uraufgeführt wurde.
    Erst nach zahlreichen Überarbeitungen kam das Werk
    9 Jahre später erneut auf die Bühne.
    1955 wurde es bei der Wiedereröffnung der Wiener Staatsoper (Zuschauerraum und Bühne wurden im Krieg fast völlig zerstört)gespielt, unter dem Dirigat von Dr. Karl Böhm.


    Wenngleich es etliche Gesamtaufnahmen des Werkes gibt,und sogar einige sehr gute, so bleiben doch fast immer Wünsche offen, sei es in orchestraler, Sängerischer, schauspielerischer oder tontechnischer Hinsicht. Dazu kommt noch das "Zusammenspiel" aller Sänger.


    Hier wären nun eure Präferenzen gefragt, wobei es nicht unbedingt eine "Lieblingsaufnahme" sein muß, es können auch lediglich einzelne Sänger bewertet, bzw hervorgehoben werden, der Dirigent etc etc.


    Persönlich besitze ich von dieser Oper vier Gesamtaufnahmen, eine auf Vinyl, und drei auf CD.
    Vielleicht kennt auch jemand die Neuaufnahme unter Rattle (Vorsicht Copy-Controlled ->Läuft nicht auf jedem Player, und verusacht auf manchen, Störungen)und möchte sich dazu äussern.


    Freundliche Grüße
    aus Wien


    Alfred

  • Tag,


    der Fidelio?! - Die Textur ist zum Ausblenden, freundlich gesagt (Beethoven war nun kein Literat, ja ja) aber die Musik ist eine einzige Sinfonie. Kann es sein, dass ich eine Produktion mit Otto Klemperer als Dirigent habe? Es kann sein.


    Die Neuproduktion der Hamburger Staatsoper von diesem Frühjahr hatte endlich mit dem Hohelied der Gattenliebe ein Ende gemacht: am Schluß wechselte der Gefangene in den Rollstuhl - aaahh. Keine Freude.


    MfG
    Albus

  • Hallo Albus,


    meinst Du mit Textur den Text? Den finde ich persönlich aber ganz erträglich - wenn man mal von den gesprochenen Einlagen absieht. Da ich die aber in Opern ohnehin nicht ausstehen kann, spricht das auch nicht gegen die Textdichter.


    Wenn das nicht zu sehr das Thema verläßt, wüßte ich gern, inwiefern bei dieser Hamburger Inszenierung der Gattenliebe ein Ende gemacht wird. Richtet Leonore die Waffe gegen Florestan? Oder liebt sie ihren Mann nicht mehr, wenn er im Rollstuhl sitzt? Erklär' das nochmal näher!
    Wir hatten hier vor einigen Jahren eine phänomenale Inszenierung, in der auch mit einigen liebgewordenen Klischees aufgeräumt wurde. Unter anderem fielen Florestan und Leonore sich nach der Befreiung nicht in die Arme - was mir sehr plausibel erschien.
    Allerdings ist das damals beim Publikum gar nicht gut angekommen - man war empört!


    Herzliche Grüße,


    Astrid



    Ach so - ich habe die Aufnahme mit Bernstein, den Wiener Philharmonikern, René Kollo, Gundula Janowitz etc. und ich mag sie gern, habe allerdings keinen Vergleich.

  • Tag erneut,


    die handelnden Personen ziehen sich sämtlich in den Hintergrund der Bühne zurück während der Florstan, im Rollstuhl hängend, nach vorn geschoben wird, um dort isoliert stehen zu bleiben. Die Gewalt hat ihr Ziel doch erreicht.


    MfG
    Albus

  • Hallo Albus,


    das ist ja auch gar nicht anders denkbar! Man muß sich das mal vorstellen: Jemand, der zwei Jahre unter solchen Umständen eingesperrt ist. Der kann doch kaum unbeschädigt daraus hervorgehen - körperlich und seelisch.

    Hört sich an, als hätte sich der Regisseur Gedanken gemacht!


    Grüße,


    Astrid

  • Tag Astrid,


    Gedanken haben sich gemacht Hans Neuenfels für die Regie und Ingo Metzmacher für die musikalische Leitung. Neuenfels berichtete, er sei sich mit Metzmacher über die Pointe (was die Gewalt vermag) einig gewesen.


    MfG
    Albus

  • Hallo Albus,


    ich habe die letzte halbe Stunde damit verbracht, online Kritiken zu der Neuenfels-Inszenierung zu lesen :)! Das scheint ja eine wirklich schlüssige Sache gewesen zu sein.
    Enttäuscht bin ich allerdings, daß das Hamburger Publikum offensichtlich noch weniger bereit ist, sich neuen Sichtweisen zu öffnen als das Braunschweiger. Hier haben wir bei der umstrittenen Inszenierung wenigstens kräftig gegen die Buh-Rufer angejubelt!


    Grüße,


    Astrid

  • Hallo Astrid und Albus,


    ich muß gestehen, ich kenne die neue "Fidelio"-Inszenierung (noch?) nicht, habe allerdings das hamburger Opernpublikum als sehr tolerant und dem neuen aufgeschlossen kennengelernt.


    Ich erinnere mich insbesondere an die Konwitschny-Inszenierungen des "Freischütz" und des "Lohengrin", die zwar kontrovers, aber durchaus freundlich-interesseirt aufgenommen wurden.


    Zum eigentlichen Thema: Bernstein hat in vielen Bereichen schon die ideale Aufnahme herausgebracht. Gundula Janowitz und René Kollo sind das ideale Paar und singen ihre jeweilige Rolle mit viel Glaubwürdigkeit. Bernstein entwickelt das richtige "Theaterfeeling" und begleitet seine Sänger sehr gut. Einzig der erheblich zu brave Hans Sotin als Pizarro stört ein wenig (aber die Rolle ist ja eh nicht so groß ;) ).


    Die andere "Referenz" ist Klemperer, aber zu dem sowie zu ein paar anderen Aufnahmen äußere ich mich, wenn ich nicht so müde bin. Die Heia ruft ;) .

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.
    Gustav Mahler

  • Fidelio ist mir ein besonderes Anliegen.
    Als "mitläuferischer 68er" habe ich "Fidelio" als einzige Oper, da revolutionär, akzeptiert.
    Aufnahmen habe ich so ca. mehr als 15, da ich immer auf dieses Werk "hereinfalle".
    Nun zu Alfreds Anforderungen, wobei ich einen Mix ohne Anspruch auf Vollständigkeit bevorzuge. Ich kann mich leider nicht entscheiden.


    Dirigent(en): Böhm 1944, Furtwängler, Klemperer, Bernstein
    Orchester: Entsprechend den Dirigenten (Wiener Philharmoniker, Philharmonia Orchestra London, Orchester der Covent Garden London,
    Leonore(n): Martha Mödl, Hildegard Behrens, Sena Jurinac, Christa Ludwig
    Florestan(e): Wolfgang Windgassen, James King, Jess Thomas,
    Pizarro(s): Hans Hotter, Paul Schöffler. Walter Berry.
    Die Neuaufnahme unter Simon Rattle kenne ich von den Salzburger Festspielen (im Radio gehört und aufgenommen) und als Studioaufnahme.
    Sie gehört aus folgenden Gründen nicht zu meinen Favorits (wird Rattle auch nicht wirklich kränken):
    Dirigat: runterdirigiert
    Sänger: Angela Denoke leider an den Grenzen ihrer derzeitigen stimmlichen Möglichkeiten, was man leider hört (Um Mißverständnisse zu vermeiden, schätze ich diese Künstlerin sehr - ihre Jenufa an der Wiener Staatsoper war grandios),
    der Tenor ist ebenfalls von der Partie überfordert, bleibt Quasthoff als Minister, was für den Fidelio doch etwas wenig ist.


    Was Inszenierungen betrifft: "Meinen" Fidelio kann mir keine vermiesen.

    Otto Rehhagel: "Mal verliert man und mal gewinnen die anderen".
    (aus "Sprechen Sie Fußball?")

  • Natürlich muss ich mich auch noch einklinken, immerhin hab ich damals sowohl die Proben in der Wiener Staatsoper als auch die Plattenaufnahmen im Musikverein miterlebt; Janowitz als Leonore ? Nein, nein, und nochmals nein !! Auf der Platte konnten sie ja noch das 'Töt erst sein Weib!' zwischen der Janowitz und der Popp aufteilen (hört einmal genau hin), auf der Bühne ging das allerdings nicht. Viel Schuld daran hat aber auch der Lennie gehabt, dass die Aufführung ziemlich den Bach runterging: wenn man sogar den Kollo nicht mehr hört in der 'namenlosen Freude', dann kann es nicht mehr nur an den Sängern liegen, das stimmt schon an der Basis nicht mehr. Man konnte Karajan viel nachsagen, etwa wie er die Dernesch bei 40° Fieber im Studio durch den Götterdämmerung-Schluss gejagt hat, und von der Gundel hat er Zeit seines Lebens mehr verlangt, als in den einzelnen Stadien ihrer Entwicklung gesund war, aber zumindest ist er immer wieder einen Konsens eingegangen, wenn es um die persönlichen Grenzen der Sänger ging. Das war bei Lennie sehr oft nicht der Fall - leider.


    Aber auch Fricsay war so ein kompromissloser. Und dennoch muss ich seinen bayrischen Fidelio an dieser Stelle erwähnen, mit einer - wie könnte es in meinem Fall anders sein - phänomenalen Leonie Rysanek, mit Haefliger (sic!) als Florestan: gar nicht so übel, aber auf der Bühne wäre es undurchführbar gewesen; flankiert werden sie von einem bitterbösen Fischer-Dieskau, von Irmgard Seefried, Gottlob Frick, Friedrich Lenz und Keith Engen. Ungewohnte Tempi, ungewohnte Klänge in den Tutti (vieles wird hervorgehoben, was normalerweise im Gesamtklang nicht so auffällt), insgesamt ein wahrer Hör-Krimi - nur schade, dass die ohnehin bedenklichen Dialoge von Schauspielern noch dazu ziemlich pathetisch vorgetragen werden.


    Unlängst hat auch orfeo, das immer besser werdende Live-Label, Karl Böhms letzte Münchner Premiere von 1978 herausgebracht, mit Hildegard Behrens (ich kann mich noch erinnern, wie sie mich damals in der Bayerischen Staatsoper zu Tränen rührte), Jimmie King, Donald McIntyre, Kurt Moll und Norbert Orth als extrem aggressiven Jacquino (wahrscheinlich eine Idee von Götz Friedrich). Insgesamt sehr empfehlenswert, auch von der Tonqualität her.


    Über Böhms Studio-Einspielung sag ich nichts weiter als die Besetzung: Jones, King, Adam, Mathis, Schreier, Crass.


    Desgleichen vor kurzem auf Mercury rausgekommen: Knappertsbusch 1961, erstaunlich hurtig dirigiert, mit Sena Jurinac, vielleicht der berührendsten aller Leonoren, die ich kenne, Gustav Neidlinger (bitterböse wie sein berühmter Alberich), Jan Peerce, Maria Stader und Murray Dickie. Leider nur mono erhältlich (und das 1961 !!).
    Viel Spass beim Hören !!
    Martin

  • Sagitt meint:


    Fidelio ist aber auch missglückt. Nicht umsonst hat Beethoven daran lange rumgewerkelt. Wir hatten in Bremen einmal eine unerträgliche Inscenierung von Kresnik. Wenn ich ehrlich bin, fängt für mich die Oper richtig erst mit dem zweiten Akt an. Von diesem Punkt an, finde ich sie großartig. Um gleich mit den Florestan-Arie anzufangen. Ich kenne nur eine Interpretation ( keine Graugans-Prägung, das war Windgassen mit Furtwängler,eine im übrigen großartige Version), die mich ganz und gar berührt. Peter Anders in einer Aufnahme von 1948. Oftmals singen Heldentenöre diese Partie. Ziemlich gräulich, so auch Kollo bei Bernstein.
    Neben Martha Mödel ist meine bevorzugte Leonore Christa Ludwig,obwohl diese Partie für sie ja erheblich hoch lag. Nun zu den Dirigenten. Ich gestehe es: manche haben mich enttäuscht,obwohl ich viel Dramatik von ihnen erwartete( und was wäre schon dramatischer als die Scene, in der Florestan getötet werden soll) Ich hatte auf Klemperer gehofft,auf Solti, auf Harnoncourt. Keine dieser Versionen hat die Dramatik von Bernstein, auch wenn ich die Sänger alles andere als optimal finde, aber Bernstein erzeugt einen Sturm, der unter die Haut geht. Den mit den richtigen Sängern- das wäre traumhaft gewesen. Und einen weiteren Traunm will ich hinterhersenden. Ich denke, Fritz Wunderlich wäre bereits 1966 ein großartiger Florestan gewesen....

  • Hallo zusammen,


    der Anti kennt den Fidelio erst seit einigen Tagen und kann deshalb naturgemäß noch nix Vergleichendes kundtun.
    Nur soviel: Ich empfand die Oper im ersten Durchhören mit Libretto in der Hand als musikalisch nicht besonders beeindruckend. Dies änderte sich - geht mir oft bei Beethoven so - in den nächsten Durchläufen dramatisch und mittlerweile befinde ich mich in einem wahren Fidelio-Rausch. Welch wunderbare Musik! :D
    Von den herrlichen Ensembles kann ich gar nicht genug bekommen. Musikdramatische Unzulänglichkeiten stören mich bisher nicht, auch ist mir die Platzierung der Leonore III im Moment noch Schnurz. Hierbei ist anzumerken, dass ich mich eh viel eher von den Stärken eines Werkes mitreißen lasse, als mich an seinen Schwächen aufzuziehen.


    Ich entschied mich beim Kauf für die Aufnahme mit Klemperer:



    Bernstein fiel raus, da ich mich mit Rene Kollos Gesang partout nicht anfreunden kann (was mir eine ganze Reihe sonst grandioser Aufnahmen vermiest, ich denke nur an "Kleibers" Tristan.).


    Von Cast gehören viele der Sänger zu meinen generellen Favoriten. Frick ist großartig wie immer, seine Diktion eh einzigartig wie ich finde. Vor allem das Zusammenwirken im Duett mit Walter Berry ist grandios.
    Crass passt sicher ebenfalls grandios in seine Rolle, vom warmen Timbre seiner Stimme her wie geschaffen für edle "humanistische" Rollen wie die des Ministers, ähnlich wie Moll oder Talvela. Vickers kann ich nie wirklich objektiv beurteilen, da ich an seiner emotionalen teils schroffen Art des Singens einen Narren gefressen habe.


    Wie auch immer: Oh welche Lust, dies zu hören. Da ich mit Klemperes Beethoven im Übrigen sehr vertraut bin, ist wohl auch ohne Vergleichsaufnahme die Vermutung zu wagen, dass er es wieder ziemlich langsam angehen lässt. Dies aber ohne merklichen Spannungsverlust, vor allem bieten die breiten Tempi in den Ensembles Raum für die großartige Gesangskultur, die da an den Tag gelegt wird.


    Neues bei neuem, wenn ich mal eine zweite Aufnahme angeschafft habe. ;)


    Gruß
    Anti

  • Hallo Anti


    Mit dem Fidelio unter Klemperer hast Du meiner Meinung nach einen hervorragenden Griff getan, und das sowohl in sängerischer Hinsicht als auch vom Dirigat her.


    Aus meiner Sicht übertrifft sie klar die Einspieluingen von Bernsten, als auch von Böhm, über jene von Dohnanyi schweige ich diskret, allenfalls kann ihr noch jene unter Fricsay vergleichend gegenüber gestellt werden.



    Beste Grüße aus Wien


    Alfred

  • Sagitt meint:


    Kürzlich als low price erworben. Barenboim mit Waltraud Maier und Domingo. Man zuckt, Domingo im deutschen Repertoire und dies zu Recht. Er hat einfach keinen Sprachtrainer und sein Deutsch ist recht schlecht, wobei es seltsam ist, dass er im Duett mit der Maier viel besser Deutsch singt als in der großen Arie - Gott, welch Dunkel hier- Waltraud Maier kann ebenfalls nicht mit den großen Leonoren mithalten.Obwohl sie als Wagnersängerin ja genügend Power haben müsste, bleibt sie in der dramatischen Szene " Er sterbe" eher blass. Da muß die Mödl hören oder die wunderbar hysterische Kirsten Flagstad. Eigentlich schade, dass orchestral gute Aufnahme des Fidelio immer wieder mit Sängern besetzt sind, die man nicht so gerne hört. Barenboim nämlich mit seiner Berliner Staatskapelle ist ganz großartig. Man höre die Ouvertüren oder das wunderbare Quartett, mir ist so wunderbar, wie er die musikalischen Linien entwickelt, wie durchhörbar - die Aufnahme ist von 1999- das Werk ist, man hört da Bläserstellen, wo bei vielen Aufnahmen nur " Brei" ist.


    Bisher habe ich keinen Fidelio gehört, der mir rundum gefallen hätte,wobei die alten Furtwängleraufnahmen halt unter der schwachen Tonqualität leiden. Wenn ich an sein Quartett Schwarzkopf, Flagstad,Greindl,Dermota denke und mir vorstelle, die würde ich in der Tonqualität 2005 hören, dann könnte es das schon sein.........

  • Sagitt meint:


    Zum Thema Zusammenspiel eine eigene Hörerfahrung und eine Recherche aus dem internet. Rattle dirigierte den Fidelio 2003 in Glyndebourne mit dem herrlichen Orchester Age of enlightment und war bei der dramatische Scene Er sterbe so aus dem " Häuschen", dass die Sänger völlig raus waren und ihren Part erheblich kürzen mussten, um wieder hereinzukommen.


    Gleiches wird von ihm von den Osterfestspielen 2003 mit den Berlinern im Netz berichtet.


    Zuviel Überschwang mit Kontrollverlust.


    Man lernt, mit Geschwindigkeit hat Dramatik wenig zu tun, aber die Genauigkeit kann leiden....

  • Ich bin erschüttert, wenn das stimmt. Etwas schlimmeres kann ein Operndirigent eigentlich nicht machen. Seine Aufgabe ist es ja primär, die Sänger auf der Bühne bestmöglich zu leiten und zu begleiten. So etwas wäre bei Böhm, Karajan, Kleiber, Krips etc. - also bei den echten Könnern :-) - undenkbar gewesen...


    Ciao

  • Hallo Theophilus,


    ich rate internetrecherche mit den Stichworten fidelio rattle. Die Aufnahme aus Glyndebounre wurde während des Festspielsommers in N3 übertragen und ich habe mir davon Teile aufgenommen. Als ich mal wieder tiefer in meine Fidelio-Aufnahme hineinhörte, war dies unüberhörbar.


    Offensichtlich ist ja auch die vorhandende Aufnahme mit Rattle niicht der " Hit". Um den Themenkreis noch zu erweitern: ich war von der Aufnahme der gesamten Sinfonien mit den Wienern ziemlich enttäuscht. Vielleicht ist Beethoiven einfach nicht der richtige Komponist für Rattle ?


    Grüße aus Bremen sendet


    Sagitt

  • Zitat

    Original von sagitt
    Sagitt meint:


    Kürzlich als low price erworben. Barenboim mit Waltraud Maier und Domingo. Man zuckt, Domingo im deutschen Repertoire und dies zu Recht. Er hat einfach keinen Sprachtrainer und sein Deutsch ist recht schlecht, wobei es seltsam ist, dass er im Duett mit der Maier viel besser Deutsch singt als in der großen Arie - Gott, welch Dunkel hier- Waltraud Maier kann ebenfalls nicht mit den großen Leonoren mithalten.Obwohl sie als Wagnersängerin ja genügend Power haben müsste, bleibt sie in der dramatischen Szene " Er sterbe" eher blass. Da muß die Mödl hören oder die wunderbar hysterische Kirsten Flagstad. Eigentlich schade, dass orchestral gute Aufnahme des Fidelio immer wieder mit Sängern besetzt sind, die man nicht so gerne hört. Barenboim nämlich mit seiner Berliner Staatskapelle ist ganz großartig. Man höre die Ouvertüren oder das wunderbare Quartett, mir ist so wunderbar, wie er die musikalischen Linien entwickelt, wie durchhörbar - die Aufnahme ist von 1999- das Werk ist, man hört da Bläserstellen, wo bei vielen Aufnahmen nur " Brei" ist.


    Das kommt eben dabei heraus, wenn man ein Produkt nur des Kommerzes wegen heraus bringt, quasi damit Herr Domingo auch noch diese oder jene Repertoirelücke schließen kann. Besonders bedauerlich ist es für mich, daß er sich standhaft weigert, ein akzeptables Deutsch zu erlernen, damit zumindest ansatzweise zu verstehen ist, was er singt.


    So weit ich informiert bin, kommt die Aufnahme ohne Dialoge aus. Auch wenn ich nicht gerade ein Fan von ihnen, gehören sie für mich dennoch unbedingt zur Oper.


    Gut und günstig ist übrigens



    Das Orchester, das mir auch schon bei der Aufnahme der neun Sinfonien Beethovens auf Naxos sehr gut gefällt, glänzt auch hier wieder durch einen sehr durchsichtigen Klang mit wunderschönen Holzbläsern.
    Gesangstechnisch kann man zwar keine Besetzung wie bei Klemperer oder Bernstein erwarten, aber es ist zumindest kein "Ausfall" dabei, was heutzutage bei Opernaufnahmen leider die eher die Ausnahme als die Regel bildet.

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.
    Gustav Mahler

  • Sagitt meint:


    Mir geht es mit " Fidelio" genauso. Beethoven ist ohnehin mein Hausgott und trotz der seltsamen Teile im ersten Akt, bin auch ich Fidelio-süchtig, bis hin zu solchen Absurditäten wie einer Aufführung des Fidelio von Napoli, bei der alle italienisch singen bis auf Peter Anders, der singt deutsch.


    Etwas genauer will ich auf Friscay eingehen. Er war ja in den fünfziger Jahren der Operndirigent der DG- mit Recht- er hat so viele schöne Aufnahmen hinterlassen.


    Fidelio hat Friscay öfters dirigiert. Eben die genannte in Napoli, dann gibt es eine aus Genf 1951, wieder mit Peter Anders ( bei der die Sänger auch kaum in der Scene... Er sterbe ... zu halten sind, soviel Leidenschaft).


    1957 dann seine Aufnahme mit Rysanek, Haefliger, Fischer-Dieskau. Eine Aufnahme, die prächtig tonlich rekonstruiert ist.


    Das Besondere dieser Auifnahme ist ihre Paradoxie. Sowohl Haefliger als auch Fischer-Dieskau sind eigentlich Fehlbesetzungen. Beide kommen aus dem lyrischen Fach, Haefliger versucht das Dramatische gar nicht und Fischer-Dieskau klingt eigentlich hässlich- für Pizarro letztlich nicht falsch.
    Paradox, weil die Hörerfahrung von Fidelio durcheinander gebracht wird. Friscay setzt nicht auf Maximierung der Dramatik, sondern auf kammermusikalische Durchhörbarkeit und da passt diese Besetzung wieder.


    Gegenüber dem reichlichen Angebot an dramatischen Aufnahmen ist dies eine unerlässliche Bereicherung des Spektrums von Fidelios.

  • Sagitt meint:


    Opernhäuser fangen ja an, ihre Aufführungen zu vermarkten,deswegen erlaube ich mir eine Einschätzung, Fidelio in Zürich 2004,eben gerade in 3sat gelaufen..
    Hanoncourt, mit 75 nicht gerade jung, schlägt gewaltig Feuer aus der Partitur, schon die Fidelio-Ouvertüre gerät zu einem Prachtstück Beethoven´scher Dramatik.
    Auch den Schlusschor- ich nehme an, es war der Opernchor- befeuert er zu Höchstleistungen.
    Von den Sängern ist vor allem Jonas Kaufmann als Florestan hervorzuheben. Dieser recht junge Sänger ( wann geboren?) meistert die Partie vorbildlich. Erstens muss man sich optisch nicht vorstellen,dieser sei im Gefängnis wohl gemästet worden, wie bei den meisten Tenören, die diese Partie singen.
    Zweitens hat er eine angenehme Höhe. Kaufmann muss nicht brüllen, er hat ausreichend Stimmvolumen.
    Drittens hat seine Stimme ein sehr schöne baritonale Färbung, die dieser Partie gut ansteht.
    Die anderen Sänger will ich nicht einzeln erwähnen. Sie sind gut, wenngleich nicht überragend.
    Die Inscenierung von Flimm verzichtet auf Mätzchen- gottseidank bei dieser Oper.Flimm erlaubt sich kleinere Eigenheiten. wie die langsame Annäherung bei ..Namenlose Freude.... Gut die Idee am Schluss, die Frauen befreien ihre gefangenen Männer.
    Insgesamt eine sehr gut ansehbare Version von Fidelio,noch überzeugenderdie musikalische Aussage von Harnoncourt( viel besser als bei seiner CD-Einspielung) der man weitere Verbreitung wünschen kann.

  • Stimme Sagitt vollinhaltlich zu. Die Fernsehregie vergaß auch nicht, inszenatorische Details herauszustreichen, wie etwa Marzellines gebrochene Verzweiflung am Schluß, bis sie sich eine Pistole nimmt und erschießen will, ihr Jaquino aber die Waffe abnimmt.
    Vor allem der zweite Aufzug erschien mir ungemein intensiv gelebt.

  • Ich habe die Beiträge zu Fidelio mit großem Interesse gelesen. Live habe ich die Oper leider noch nicht gesehen, obwohl es noch nicht zu lange her ist, daß sie hier in Stuttgart lief. Aufzeichnungen habe ich von der Oper sieben, davon sind zwei Querschnitte. Am besten gefällt mir die Aufnahme von Klemperer, danach Fricsay. Von Furtwängler besitze ich zwei Aufzeichnungen, einen Livemitschnitt von Salzburg 1950 und einen Querschnitt aus der Einspielung von 1953, der mir auch deutlich besser gefällt. 'Mir ist so wunderbar' wird man wohl kaum ergreifender hören können. Knappertsbusch ist mir persönlich zu langatmig, ihm fehlt das Feuer. Bei der Fricsay Aufnahme stört mich die Rysanek, sie ist mir zu hart. Zu den andren Aufnahemn melde ich mich nochmals.

  • Vielleicht sollte man hier auch noch erwähnen, dass es von den zwei Vorstadien zu "Fidelio" durchaus brauchbare Aufnahmen gibt - und es ist nicht uninteressant, dem Komponisten Beethoven einmal über die Schulter zu schauen, man hat ja nur so selten Gelegenheit dazu!


    Die erste Fassung, unter dem Titel "Leonore" ist von 1805, und soweit ich sehe, nur von Blomstedt vollständig eingespielt worden (günstig erhältlich und musikalisch durchaus befriedigend):



    Die nächste "Stufe" war dann die zweite Fassung, 1806 uraufgeführt, die es in einer Einspielung unter Marc Soustrot gibt, die ich nicht kenne. Ich habe aber die Übertragung der zugrundeliegenden Aufführung gehört, die ich vor allem sängerisch etwas durchwachsen fand:



    Schliesslich: Wer so etwas wie eine "Essenz" aus beiden Fassungen (samt ein, zwei Übernahmen aus dem späteren "Fidelio") haben will, der mag zu Gardiners orchestral herausragender und sängerisch mehr als solider (bisweilen etwas harmlos besetzter) Aufnahme greifen, die allein durch die etwas bemühten Zwischentexte (gesprochen von Christopher Bantzer) an Wert einbüsst. Aber sowas kann man heutzutage ja auch wegprogrammieren.....



    (Es handelt sich, wie gesagt, nicht um eine originale Fassung von Beethoven, sondern um einen Zusammenschnitt aus den Fassungen. Im Beiheft ist aber auch ausdrücklich gekennzeichnet, was aus welcher Fassung übernommen wurde.)


    Eine Diskussion über die Entstehungsgeschichte dieser mich immer wieder (auch im 1.Akt) faszinierenden Oper fände ich recht interessant. Vielleicht ergibt sich das ja irgendwann einmal.


    Beste Grüsse,


    Claus

    Die wirkliche Basis eines schöpferischen Werks ist Experimentieren - kühnes Experimentieren! (Edgar Varèse)

  • Ich habe eben mal wieder in Rattles hier auch schon - freilich wenig positiv - erwähnte "Fidelio"-Aufnahme hineingehört: Jedenfalls, was das Orchester/Dirigat angeht, eine Aufnahme, die sich durchaus hören lassen kann. Ein klarer, durchsichtiger, aber im rechten Moment auch schlagkräftiger Orchesterklang und ein gutes Gespür im zweiten Akt für die dramatischen Steigerungen. Fans (nicht nur) der Klemperer-Aufnahme wird einiges irrsinnig schnell vorkommen, aber das funktioniert IMO im Zusammenhang doch.


    Die Szene "Er sterbe!", die anscheinend live so daneben ging (da wäre Rattle freilich nicht der einzige, dem das passierte, es liegt oft genug genauso auch an den Sängern, wenn man da nur einen Moment unaufmerksam ist, ist man raus - und die anderen schnell mit! - und kein Dirigent der Welt kann einen in den schubhaften Abschnitten da wieder einfangen), funktioniert hervorragend und mit dramatischer Wucht. Über die Sänger wird man streiten können, es ist meiner Meinung nach freilich gar nicht so schlimm, wie gerne getan wird: Denoke, in der Tat, hadert etwas mit ihrer großen Arie, ist im zweiten Akt aber sehr gut, Villars dürfte schon vom Timbre her Geschmackssache sein (es stört mich nicht), Polgar ist mir zu "gemütlich" in dieser Aufnahme (da hat er unter Harnoncourt gezeigt, dass auch Rocco durchaus interessante Zwischentöne kennt), Alan Held ist als Pizarro rollendeckend wie Banse als Marzelline (die für meinen Geschmack etwas zu ältlich für die Rolle klingt), Trost (Jacquino) und Quasthoff (Minister) hervorragend. Der Arnold Schönberg-Chor schafft das irrsinnige Tempo des Schlusschores (endlich traut sich mal wieder ein Dirigent, diesen Chor wirklich tempomäßig so zu steigern!) ebenso wie die diffizilen Abstufungen im berühmten "Gefangenenchor".


    Die Aufnahme ist "Copy controlled", jedenfalls bei mir ergab das keine Probleme, wird aber viele vom Kauf abhalten. Für alle anderen liegt hier, denke ich, durchaus eine erwägenswerte moderne Alternative in der "Fidelio"-Diskographie vor (inklusive Dialoge, für meinen Geschmack allerdings viel zu verknappt).



    Beste Grüsse,


    Claus

    Die wirkliche Basis eines schöpferischen Werks ist Experimentieren - kühnes Experimentieren! (Edgar Varèse)

  • Vor kurzem überließ mir ein Freund die Einspielung unter Böhm mit der Dresdner Staatskapelle als Dauerleihgabe (DGG). Sie ist aktuell nur als Highlight-Querschnitt in der Eloquence-Reihe erhältlich, was aus meiner Sicht auch keinen wirklichen Verlust darstellt.


    Insgesamt, vor allem im direkten Vergleich zu Klemperer geht Böhm sehr zügig und straff zu Werke. Das ist durchaus gewinnträchtig besonders in der "Rache-Arie" des Pizarro und auch die Aufregung des Finales wird so fassbar. Allein bleibt irgendwie der große Spannungsbogen innerhalb des Werkes aus, packen tuts mich beim Durchhören nicht, die wunderbahren Ensembles gefallen mir bei Klemperer deutlich besser. Auch ist die Dresdner Staatskapelle bei weitem klanglich nicht so gut aufgelegt, wie das Philharmonia Orchestra (Hörner, Oboe).
    DIe Stärken der Aufnahme liegen in den tiefen Stimmlagen. Talvela ist ein grossartiger Minister, Theo Adam (Pizarro) ordentlich und Franz Crass singt einen tollen Rocco. Wobei ich Ihn allerdings als Minister ideal besetzt finde.
    Gwyneth Jones und James King bleiben als Hauptakteure eher blass und Edith Mathis und Peter Schreier sind für mich zwar durchaus eine Idealbesetzung für so manche Bachkantate, aber als Marzelline und Jaquino einfach nur langweilig. Wie herrlich zickig gibt sich dagegen Ingeborg Hallstein im Anfangsduett. :D
    Auch die Klangqualität ist eher mässig.




    Gruß
    Anti

  • Hallo Anti,


    Aufmerksamen Lesern dieses Forum wird nicht entgangen sein, daß ich mich über diese Aufnahme nie geäussert habe :D
    Kenner der Tatsache, daß ich Böhm-Verehrer bin werden dies ohnedies als Warnung auffassen ;)


    Aber nein, so schlecht ist diese Aufnahme wirklich nicht, sie wurd speziell für Beethovens 200 Geburtstag produziert, und sowas erzeugt immer Druck, da kommt bestenfalls Konfektionsware und Routine heraus, auch bei Böhm.


    Man wollte eine Aufnahme mit "grossen Namen", alles andere schien damals zweitrangig. Sie Wurde relativ rasch aus den Ktalogen genommen und durch die (IMO auch nicht bessere) Aufnahme unter Leonard Bernstein ersetzt. Soweit mir bekannt wurde sie nie komplett auf CD veröffentlicht...


    Die Tontechnik ist eigenartig synthetisch abweisend und trocken, ja auch Analogaufnahmen kann man verpfuschen (Ich besitze die LP-Gesamtaufnahme)


    Beste Grüße aus Wien


    Alfred

  • Hallo Alfred


    Zitat

    Kenner der Tatsache, daß ich Böhm-Vereherer bin werden dies ohnedies als Warnung auffassen


    Hab ich in der Tat getan. :D


    "Synthetisch abweisend und trocken" beschreibt den Klang treffend. Ich höre wie gesagt einzelne Arien ganz gerne, aber das Gesamtkonzept ist leider in der Tat durchschnittlich. Ich habe eine Gesamtaufnahme, die in der DGG-Budgetserie "Masterworks" erhältlich war. Der Kauf liegt aber wohl schon über 10 Jahre zurück.


    Der Postbote dürfte die Tage eine vorige Woche bestellte historische Karajanaufnahme mit Mödl und Windgassen bringen, hab einfach mal zugegriffen, da preislich bei 2001 billiger als eine Busfahrkarte. Besprechung folgt dann hier.


    Gruß
    Anti

  • Zitat

    Original von Alfred_Schmidt


    Man wollte eine Aufnahme mit "grossen Namen", alles andere schien damals zweitrangig. Sie Wurde relativ rasch aus den Ktalogen genommen und durch die (IMO auch nicht bessere) Aufnahme unter Leonard Bernstein ersetzt. Soweit mir bekannt wurde sie nie komplett auf CD veröffentlicht...


    Doch, Alfred, sie wurde, siehe auch Antracis' Beitrag.
    Meine Aufnahme stammt allerdings nicht aus der "Masterworks"-Serie und ist auch nich keine zehn Jahre alt.

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.
    Gustav Mahler

  • Hi!
    Di Studio-Aufnahmen habt ihr ja schon in jeder Richtung zerpflückt.
    Ich finde jedenfalls die Aufnahmen unter Haitink(Norman, goldberg, Moll, Wlaschiha) und C.Davis(Voigt, Heppner, Hölle, Kannen) erwähnenswert.
    Mein Lieblings- Fidelio ist jedoch der Kölner Rundfunkmitschnitt unter Erich Kleiber(1956) mit Birgit Nilsson, Hans Hopf, Gottlob Frick und Paul Schöffler.
    Hervorragend fand ich aber die Rundfunkmitschnitte aus Florenz unter Paavo Järvi mit Whitehouse und Gould, sowie vor kurzem aus Genua unter Maazel mit Ronge und dem ausgezeichneten Stuart Skelton.
    Mit Botha und Moser habe ich so meine Probleme, ich kann ganz einfach 150kg und 2 Jahre Kerker nicht unter einen Hut bringen.(und das nichteinmal beim Hören)
    manrico