Giuseppe di Stefano - eine Jahrhundertstimme

  • hallo!!


    Wie ihr, hoffentlich :D, alle wisst hat der große italienische Tenor Giuseppe di Stefano heute seinen 85 Geburtstag!! Zuerst mal alles Gute von mir, er möge sich von dem an ihm begangenen Überfall erholen!!!


    Ich möchte diesen Thread nutzen, um über heruasragende Aufnahmen dieses großartigen Sängers zu diskutieren!!


    Ich lasse euch den Vortritt, da ich nur eine kenne, die ich später kundtun will!!


    LG Joschi

  • Hallo Don Basilio,
    für die herrausragenste Aufname di Stefanos halte ich die Tosca
    ( Callas,Gobbi,de Sabata).Das liegt allerdings nicht nur an di Stefano.
    Auch alle seine Aufnahmen von Lucia di Lammermoor sind sehr
    beachtlich,weil er meiner Meinung nach ein lyrischer Tenor war,
    der sich mit den dramatischen Partien seine ohnehin technisch
    nicht perfekte Stimme vorzeitig ruiniert hat. ;(


    :hello:Herbert.

  • Hallo,


    ich kenne mich Opern leider nicht so gut aus - besitze aber eine Aufnahme mit di Stefano - und zwar als Enzo Grimaldo in Ponchiellis "La Gioconda". Mir gefällt diese Aufnahme sehr gut:
    Vielleicht kann jemand fachkundiges kurz dazu etwas sagen?


    La Gioconda: Zinka Milanov
    La Cieca: Belen Amparan
    Enzo Grimaldo: Guiseppe di Stefano
    Alvise Badoero: Plinio Clabassi
    Laura Adorno: Rosalind Elias
    Barnaba: Leonard Warren
    Zuane: Fernando Valentini
    Isepo: Giacomo Cottino
    Un cantore: Virgilio Carbonari
    Un pilota: Fernando Valentini


    Orchestra e coro dell' Accademia di Santa Cecilia / Fernando Previtali
    erschienen bei Decca



    :hello:
    Wulf.

  • Hallo Wulf,
    ich kann dazu nur sagen:Klasse,aber ich bin voreingenommen,
    weil mein Lieblingssänger Leonard Warren mitwirkt,der 2 Jahre
    später auf der Bühne der"Met"gestorben ist.Die anderen Sänger
    sind auch 1.Wahl,aber Warren ist 1+.


    :hello:Herbert.

  • Hallo!!


    Ich kenne folgende Doppel-CD



    Mascagni - Cavalleria rusticana
    Leoncavallo - I Pagliacci


    Hier ist di Stefano einfach großartig, vor allem als Bajazzo!!!!!


    So jetzt hab ich meine einzige (noch) gesagt, denn Lucia, I Puritani sind schon bestellt!!!


    LG Joschi

  • Ich hörte ihn 1992 bei einem Konzert in Potsdam (er war halt da), wo er junge italienische "Sänger" vorstellte.


    Meine Lieblingsaufnahme mit ihm ist die "Tosca" mit Tebaldi, Gobbi unter Gavazzeni vom 9.12.59 aus der Scala.
    Interessant sind vor allem seine frühen Aufnahmen, als die Stimme, resp. die Technik noch intakt war. :hello:


    Gruß Heldenbariton

  • Hallo,


    Giuseppe di Stefano scheint nicht viele Anhänger im Tamino-Forum zu haben. Ich finde das schade, denn diese Stimme fasziniert mich, seit ich mich für Gesang interessiere. Di Stefano war ein Sänger, der längst nicht perfekt, aber einzigartig war; ein Ausnahmetalent, das hell brannte, aber schnell verglühte.


    Die Qualitäten di Stefanos liegen im Bereich der Stimmschönheit und Musikalität. Hier macht ihm für meinen Geschmack kein Tenor der Nachkriegszeit etwas vor. Im Einzelnen:


    - Zum Anfang seiner Karriere (er debütierte 1946 mit Massenets Manon) hatte Giuseppe di Stefano eine unverwechselbare Stimme von außerordentlicher Schönheit. Für mich ist diese Stimme, als sie noch intakt war, wie Gold: warm, strahlend und voll von einem unmittelbar einnehmenden Charme. Im Vergleich dazu erscheint mir die Stimme von Mario del Monaco eher wie Stahl - hart, glanzlos, unkaputtbar. Bei Björling denke ich übrigens an Silber, bei Tucker an Bronze. Das soll jetzt keine Siegerehrung sein sondern der Versuch einer Beschreibung der Stimmfarbe. Vielleicht bin ich auch der einzige, der solche Assoziationen hat.


    - Die Stimme di Stefanos war von einer großen Natürlichkeit und konnte Emotionen sehr gut vermitteln. Di Stefanos Paraderolle war die des jugendlichen ungestümen Liebhabers. Er kümmerte sich nie groß um Technik, sondern sang immer mehr instinktiv drauf los. Instinktiv richtig liegt er insbesondere als Edgardo (Lucia di Lammermoor), Cavaradossi (Tosca), Alfredo (La Traviata) oder Nemorino (L'elisir d'amore) - zugegeben alles etwas eindimensionale Charaktere, aber deren Gefühle und Leidenschaften transportiert Giuseppe di Stefano mit seiner zuweilen etwas hemdsärmeligen Art perfekt. Wenn er die Arie "De miei bollenti spiriti" aus La Traviata singt, glaube ich ihm jedes Wort. Nie wirkt er unbeteiligt oder routiniert.


    - Hinzu kommt eine vorbildliche Diktion. Da wo z.B. Franco Corelli als Cavaradossi nur unartikuliertes Gurgeln produziert, versteht man bei di Stefano jede Silbe.


    - Di Stefano hatte die Fähigkeit, sich am Klang seiner eigenen Stimme und am Jubel des Publikums zu berauschen und so über sich hinauszuwachsen. Daher sind seine Liveaufnahmen in meinen Ohren auch fast immer besser als etwa zeitgleich entstandene Studioproduktionen. Man mag ihn auch als undiszipliniert bezeichnen, ich finde hingegen, dass sich die Begeisterung dieses Sängers unmittelbar auf den Hörer überträgt, weil seine Darstellung so echt und lebendig und so wenig artifiziell-opernhaft ist. Giuseppe di Stefano auf der Höhe seiner Kunst war einer der Wenigen, denen es gelingt, bei mir so etwas wie "Magie" zu erzeugen.



    Leider kann ich hier aber auch nicht ganz über seine technischen Mängel hinweggehen. Durch seine fast ausschließlich offene Stimmführung konnte di Stefano zu Beginn seiner Karriere großartige Effekte auf der Opernbühne erzeugen, was aber nicht eben stimmschonend war. Er weigerte sich stets, seine Stimme im Bereich des Passaggio und in der hohen Lage zu verblenden. Dadurch zerstörte er wahrscheinlich eine der schönsten Tenorstimmen der Operngeschichte. Wer seine Tosca-Aufnahmen von 1953 (de Sabata) und 1962 (Karajan) vergleicht, muss unweigerlich entsetzt sein. Es dürfte ziemlich singulär sein, wie hier eine Stimme in weniger als zehn Jahren völlig zugrunde gerichtet wurde. Noch dazu kommt, dass di Stefano ab 1955 auch Spinto-Rollen übernahm, mit denen sein lyrischer Tenor einfach überfordert war, z.B. Andrea Chenier, Radames, Alvaro, Calaf oder Don José. Das gab seiner Stimme dann den Rest.


    Fast alles was von di Stefano von nach 1956 konserviert ist, muss man daher mit großer Vorsicht genießen. Eine bemerkenswerte Ausnahme hat heldenbariton mit der 1959er Live-Tosca genannt. Die besondere Tragik di Stefanos besteht darin, dass die meisten seiner Aufnahmen aus einer Zeit stammen, als seine Stimme schon erkennbar abgenutzt war. Die einstmals sichere Höhe war schon ab 1955 weitgehend verloren, die Spitzentöne kamen dann nur noch unter hörbaren Schmerzen. "Pippo" war noch viel zu lange auf Opernbühnen zu finden, die in den 60er Jahren immer kleiner und unbedeutender wurden. Als abschreckendes Beispiel sei die unselige Abschiedstournee mit Maria Callas genannt, von der leider auch Tonaufnahmen existieren.


    Schmälert das den Wert der frühen Aufnahmen di Stefanos? Ich denke nicht. Für denjenigen, der diese Stimme auf ihrem absoluten Zenit kennenlernen möchte, bietet sich Folgendes an:


    [amx=B000001MJ2]300[/amx]


    Diese CD enthält m.E. das Beste, was Giuseppe di Stefano je aufgenommen hat, scheint allerdings derzeit schwer erhältlich zu sein. Es handelt sich um einen Zusammenschnitt dreier Konzerte, die Giuseppe di Stefano im Oktober 1950 in San Francisco gegeben hat und die von dem ansonsten sehr gewissenhaften Label Myto seltsamerweise unter dem Titel "Giuseppe di Stefano a Chicago" vertrieben werden. Die Aufnahmen stammen aus der Zeit, als di Stefano mit seiner Stimme einfach ALLES machen konnte. Neben anderen Perlen ist die Arie "Salut! Demeure chaste et pure" aus Gounods Faust enthalten, die von dem erst 29-Jährigen mit viel Hingabe gesungen wird. Am Ende der Arie macht di Stefano etwas, was ihm, soweit ich weiß, kein anderer Tenor je gleichgetan hat: Auf das hohe C (!) setzt er ein wirklich atemberaubendes Diminuendo, bei dem seine Stimme vom forte zu einem pianissimo zusammenschmilzt. Das hört sich völlig selbstverständlich, unangestrengt und einfach hinreißend an. Und das Ganze wohlgemerkt live! Allein mit der Einspielung dieser Arie hat sich Giuseppe di Stefano für mich unsterblich gemacht.


    Im Begleittext zur Myto-CD steht sinngemäß: Giuseppe di Stefano ruinierte seine Stimme, und dabei war er großartig. Ich schließe mich dem an.


    Wer hat noch eine Meinung zu diesem Sänger?

  • Lieber Zauberton,


    ich stimme Dir voll zu, einschließlich der sängerischen Farbenlehre. Die von Dir empfohlene Myto-CD kommt auf die Wunschliste.


    Ein wunderbarer Beitrag! Mehr davon!!!


    :jubel: :jubel: :jubel:


    BBF

  • Hallo Barockbassflo,


    vielen Dank für das nette Lob. Es freut mich, wenn auch du die Stimme von di Stefano magst und wenn ich noch etwas mehr Interesse geweckt haben sollte, freut es mich noch mehr.


    Mein Eindruck ist, dass man di Stefano vor allem als "Tenor der Callas" oder in ähnlichen Verkürzungen wahrnimmt. Meines Erachtens wird ihm das nicht gerecht. Callas und di Stefano haben, sofern ich mich nicht verzählt habe, für die EMI gemeinsam zehn Operngesamtaufnahmen gemacht, von denen die meisten nicht nur wegen Callas sondern auch wegen di Stefano hörenswert sind. Di Stefano hatte aber schon vor diesen Aufnahmen in den Jahren 1948 bis 1952 mit großem Erfolg an der New Yorker MET gesungen, während Callas, obwohl in New York geboren, dort erst 1956 debütierte. Gerade die Zeit vor 1954 umfasst wohl di Stefanos beste Jahre, in denen er sich durchaus bereits internationales Renommee erworben hatte. Callas war im Vergleich dazu noch relativ unbekannt. Daher ist Giuseppe di Stefano für mich jedenfalls mehr als das Beigemüse zu Maria Callas, der ich ihre Großartigkeit hiermit natürlich keineswegs absprechen möchte.

  • Servus Joschi,


    Eins möchte ich anmerken, auch wenn's jetzt vielleicht manchen strenger Denkenden einen Entsetzensschauer über den Rücken jagt: Das oft zu Tode gesungene "O sole mio" klingt bei Pippo einmalig; er singt nämlich und brüllt nicht.


    LG


    Waldi

  • Man darf auch nicht die Aufnahme des Requiems von Verdi


    unter Toscanini (1951)vergessen, in der di Stefano das


    Tenorsolo sang. Der Bass war Cesare Siepi.


    (Die Arbeit mit Toscanini war für die Karriere der
    beiden Sänger auf jeden Fall sehr positiv.)




    :hello:Herbert.

  • Hallo zusammen,


    ich habe Zaubertons Beitrag sehr umfassend und würdigend gefunden sowie die anderen Beiträge auch. Dass Giuseppe di Stefano im Tamino Klassikforum nur wenige Freunde haben soll, kann ich so nicht bestätigen. Er war kein Show-Sänger, sondern ein begnadeter Tenor, dessen Dienst für die Kunst auch auf die sog. "Primadonna Assoluta" positiv gewirkt hat. Ein kongeniales Sängerduo, dessen Erfolg wenigstens zu 50% auf sein Konto ging. Die Frage nach der Jahrhundertstimme muss ich zweifelsfrei mit JA ! beantworten. :angel:

  • Hallo Siegfried,


    dass di Stefano hier nicht viele Freunde hat, war meine Schlussfolgerung aus der Kürze dieses Threads (jedenfalls bis gestern) und der Lektüre eurer Lieblingssänger im Voting-Thread. Da kam er nicht so oft vor. Wenn dem nicht so sein sollte, umso besser! Vielleicht wagen sich ja noch ein paar Fans hervor. ;)

  • Hallo Siegfried,


    jetzt da ich deinen Avatar sehe, fällt mir noch was ein:


    Es dürfte deutlich geworden sein, dass ich Giuseppe di Stefano für ein exzeptionelles Talent halte. Als lyrischer Tenor ist er für mich im italienischen Fach das, was für viele Fritz Wunderlich im deutschen Fach war: ein junger Mann der mit einer außerordentlichen Stimme gesegnet war und darüber hinaus ein Gefühl für die Musik hatte, die er sang. Auch wenn er stilistisch manchmal daneben lag, haben di Stefanos Rollengestaltungen immer im positiven Sinne "Gesicht" und bleiben nicht anonym.


    Schön, dass auch du beide Sänger schätzt.

  • Liegt di Stefano wirklich noch immer im Koma? Ich hörte, er habe den Überfall in Kenia besser überstanden als seine Frau und wohne jetzt im Sänger-Altersheim in Mailand. Wer weiß es genau?
    Vielleicht haben auch noch andere pesönliche Erinnerungen an ihn. Ich hörte ihn einmal bei einem Arienabend in der Berliner Philharmonie, als er schon vieles transponiert sang. Seine herrliche Stimme war zwar beeindruckend, aber er phrasierte nicht sehr künstlerisch, indem er ständig Portamenti (auch in der Lenski-Arie) suchte und gegen Ende der jeweiligen Gesangszeile Schmalz und Brio unterzubringen versuchte, egal wie der Gesamtzusammenhang war. Ich war damals als junger Mensch sehr puristisch und äußerte mich sehr zum Mißfallen meiner Umgebung kritisch. Später konnte man ihn dann auf dem Podium quasi anfassen, und er konnte sich kaum retten.

  • Dem wunderbaren Beitrag zaubertons ist eigentlich kaum etwas hinzuzufuegen. Er zeigt genau auf, was an di Stefano so hervorragend war, aber auch das, was man an ihm kritisieren kann.


    Ich habe di Stefano einige Male live erlebt, leider immer in sehr anfechtbarer Verfassung. Zum Einen Anfang der 60er Jahre eine Tosca (neben Crespin und Gobbi), bei der man das Gefuehl hatte, er habe seine Stimme beim Zocken im Spielcasino am Abend vor der Vorstellung hinterlegt. Zum Anderen eine Hälfte eines Arienrecitals. Natuerlich war nicht geplant, dass di Stefano nur eine Hälfte singen sollte, aber nach meinen Informationen hatte er kurz vor dem Konzert den Dirigenten zu ihm kommen lassen, um ihm zu sagen, welche Tempi er haben wollte. Als Pippo dann während des Konzerts bei einer Arie falsch einsetzte, "rächte" sich der Dirigent, indem er (deutlich sichtbar fuer das Publikum) Pippo seinen Fehler klar machte und ihm (ueberdeutlich) den richtigen Einsatz gab. Der Tenor regte sich darueber so auf, dass er sich weigerte, den 2. Teil zu singen.


    Gesegnet mit einem herrlichen Organ, kann Pippo heute dazu dienen, was man alles falsch machen kann.


    Mikko

  • Um Giuseppe di Stefano live erlebt zu haben, bin ich leider (oder zum Glück? ;) ) zu jung. Ich habe diese Stimme ausschließlich aus der Konserve kennen gelernt. Aber die Episode, die Mikko schildert, scheint mir gut zu ihm zu passen. Di Stefano ist Sizilianer und war immer mit einem dementsprechenden Temperament und einem Selbstbewusstsein ausgestattet, das, wie sich wohl bewahrheitet hat, größer war als seine lyrische Tenorstimme. Er soll außerdem immer ziemlich allergisch darauf reagiert haben, wenn sich jemand in seiner Gegenwart positiv über einen anderen Tenor als ihn selbst geäußert hat.


    Was seinen Gesundheitszustand angeht, kann ich auch nichts mit vollständiger Sicherheit beitragen. Mein letzter Stand stammt von etwa einem Monat nach dem Überfall. Dann hieß es, di Stefano sei aus dem Koma erwacht und auf dem Weg der Besserung. Da ich seit mehr als einem Jahr gar nichts mehr von ihm gehört habe, gehe ich als Optimist davon aus, dass er gesundheitlich einigermaßen stabil ist. Ich würde es ihm wünschen.


    Ich habe noch eine andere Frage: Es gab doch mal dieses Label "GDS - Giuseppe di Stefano Records", das immer wieder einige interessante Live-Mitschnitte veröffentlicht hat. Mir ist das seit längerer Zeit nicht mehr untergeommen. Weiß jemand, ob es eingegangen ist?

  • Zitat

    Original von Herbert Henn
    Hallo,
    ich möchte noch ergänzen,daß di Stefano seit dem Überfall
    im Dezember 2004 im Koma liegt.


    Herbert.


    Was für ein schmähliches Ende ... ;(

  • Zitat

    Original von Zauberton
    Zum Anfang seiner Karriere (er debütierte 1946 mit Massenets Manon) hatte Giuseppe di Stefano eine unverwechselbare Stimme von außerordentlicher Schönheit.


    Als ich kürzlich den Mitschnitt der "Manon"-Aufführung aus der Met vom 15.12.1951 mit di Stefano hörte, hatte ich das Gefühl dass der Tenor gut beraten gewesen wäre, dieses lyrische Fach stärker zu pflegen.


    Lässt man das stilistische mal aussen vor, präsentiert sich di Stefano hier mit einer noch intakten, gut ansprechenden Stimme, die doch mühelos die Töne formt. Leider hält er sich an keine Vortragszeichen, aber damit steht er freilich nicht alleine da.


    Etwa vier Jahre später liefert er an der Scala als "Don José" eine eher unterdurchschnittliche Leistung ab. Die Stimme hat bereits merklich gelitten, die Spitzentöne kommen unschön und technisch nicht sauber gebildet - der Sänger kämpft mit der Partie.

  • Sagitt meint:


    Darf man das denn zum Geburtstag überhaupt schreiben ? Wenn man die 1955 Traviata aus der Scala hört, denkt man, wer quatscht denn da ?
    Dann: ach, das ist der Souffleur. Ist der Eindruck falsch, dass er gerade bei der Tenorpartie, di Stefano, besonders viel und laut quatscht ? Denke ich doch, kann der Tenor seine Partie nicht oder ist er schwerhörig ?


    Ich weiss, kein angemessener Beitrag zum 85zigsten


    Was Nettes ? In meiner Jugend war er mit di Monaco die Inkarnation des italienischen Tenors. Ihn hörte ich lieber ( vielleicht, weil er immer mit der Callas sang ?)

  • Lieber Alviano,


    Zitat

    Zitat: Als ich kürzlich den Mitschnitt der "Manon"-Aufführung aus der Met vom 15.12.1951 mit di Stefano hörte, hatte ich das Gefühl dass der Tenor gut beraten gewesen wäre, dieses lyrische Fach stärker zu pflegen.


    ich auch :yes:
    Irgendwann habe ich einmal eine Bemerkung eines Kollegen über ihn gehört, die besagte, dass er "zwar die Stimme eines lyrischen, aber das Herz eines dramatischen Tenors" gehabt habe.


    Und seine offene Tonproduktion und die schwereren Partien haben seine Stimme leider allzu schnell zugrunde gehen lassen.


    Schade, denn wenn ich auch sonst eher Sänger schätze, die die Stilistik etwas stärker beachten: Seine warme, weiche Stimme und das gestische Singen, die Identifikation mit den Rollen haben mich auch sehr beeindruckt.


    Warum wollen bloß so viele Lyriker Helden sein :wacky: ;) ? (Lag wohl auch an dem damals bevorzugten Repertoire).



    :hello: Petra


    Zaubertons Charakterisierung der Stimmfarben Gold, Silber, Bronze für di Stefano, Björling und Tucker trifft es genau!

  • Zitat

    Original von Alviano
    Etwa vier Jahre später liefert er an der Scala als "Don José" eine eher unterdurchschnittliche Leistung ab. Die Stimme hat bereits merklich gelitten, die Spitzentöne kommen unschön und technisch nicht sauber gebildet - der Sänger kämpft mit der Partie.


    Möglicherweise bin ich voreingenommen, aber nichtsdestotrotz ist die Aufnahme ein spannendes Dokument, gerade auch wegen di Stefano. Wenn ich richtig informiert bin, ist das der Mitschnitt seines Rollendebüts als Don José. Spätestens im dritten Akt wird klar, dass sich di Stefano an diesem Abend deutlich in den roten Bereich bewegt. Im vierten Akt dann völlig entfesselt: Di Stefano schreit mehr als er singt. Dieser Mitschnitt ist da doch eher Zeugnis seiner völligen Identifikation mit der Rolle als eine ideale Interpretation des Don José. Ich würde zustimmen, dass Giuseppe di Stefano bei den lyrischen Rollen hätte bleiben sollen.



    Zitat

    Original von petra
    Schade, denn wenn ich auch sonst eher Sänger schätze, die die Stilistik etwas stärker beachten: Seine warme, weiche Stimme und das gestische Singen, die Identifikation mit den Rollen haben mich auch sehr beeindruckt.


    Ich habe den Eindruck, dass es in seinem Fach kaum einen Sänger gibt, der mehr aus dem Text macht als Giuseppe di Stefano, zum Beispiel auch in der für ihn problematischen Partie des Don Alvaro aus Verdis Forza del Destino. Ich habe den Mitschnitt aus Florenz von 1956 schon im Forza-Thread gelobt. Da singt er die Arie im dritten Akt so poetisch wie kaum ein anderer.


    Di Stefano war neben Maria Callas einer der ersten, von dem ich begonnen habe, mit Enthusiasmus alle mir greifbaren Aufnahmen zu sammeln. Wer sich einmal etwas mit dieser Stimme befasst hat, wird wissen, dass das zahlreiche beglückende Momente bescheren, aber auch manchmal sehr frustrierend sein kann. Auch wenn ich gelernt habe, diesen Sänger etwas kritischer zu sehen, habe ich der Stimme doch immer die Treue gehalten.

  • Zitat

    Original von sagitt
    Sagitt meint:


    Darf man das denn zum Geburtstag überhaupt schreiben ? Wenn man die 1955 Traviata aus der Scala hört, denkt man, wer quatscht denn da ?
    Dann: ach, das ist der Souffleur. Ist der Eindruck falsch, dass er gerade bei der Tenorpartie, di Stefano, besonders viel und laut quatscht ? Denke ich doch, kann der Tenor seine Partie nicht oder ist er schwerhörig ?
    ...


    Wie oft muss das jetzt noch erklärt werden? In Italien wird grundsätzlich durchgehend souffliert!!! Das ist einfach so!


    Warum man den Souffleur auf der Aufnahme so gut hört? Nun, bei so manchen Raubmitschnitten werden eben die Souffleure selbst die (Übel-)Täter gewesen sein. Sie haben ja die idealen Möglichkeiten dafür. Allerdings werden sie dabei zwangsläufig auch sehr gut gehört. Wollen wir doch annehmen, dass sie dies rein aus musikalischer Begeisterung gemacht haben! ;)

  • Zitat

    Zitat Theophilus: In Italien wird grundsätzlich durchgehend souffliert!!! Das ist einfach so!


    Anscheinend nicht nur in Italien. Ich habe Ausschnitte aus einem Mitschnitt der Met von 1959 (Tosca mit Björling und Curtis-Verna),
    da hört man den Souffleur auch die ganze Zeit überdeutlich, so als ob er dabei auch "an der Quelle saß" ;) .


    :hello: Petra

  • Lieber Zauberton,


    Deine Beschreibung der letzten beiden "Carmen"-Akte sind absolut zutreffend, besonders der 4. geht sängerisch in dieser Form nicht mehr.


    Aber ich finde erwähnenswert, dass es auch Mitte der 50er Jahre noch Aufnahmen von di Stefano gibt, die richtig gut sind


    Eine Einspielung, die vielleicht etwas im Schatten steht, ist der Live-Mitschnitt des "Ballo in maschera" aus dem Jahr 1957 - Stefano wirkt bestens aufgelegt, ist stark in der Gestaltung und sängerisch voll präsent - dazu die Partner/innen Maria Callas, Ettore Bastianini und Giulietta Simionato, eine echte Alternative zur Studioproduktion, wenn man die Tonqualität zu goutieren vermag.


    Liebe petra,


    Zitat

    Und seine offene Tonproduktion und die schwereren Partien haben seine Stimme leider allzu schnell zugrunde gehen lassen


    Wobei diese "offenen" Töne natürlich auch ihren Reiz haben... Manchmal erlebe ich das auch im Opernhaus und denke, es klingt ja schon toll, aber so gänzlich ungeschützt...?


    Nochmal kurz einen Satz zur Stilistik: der Mitschnitt vom 28.05.1955 von Verdis "Traviata" gehört für mich wegen Giulini und Callas zu den wichtigen Aufnahmen des Werkes. Aber es ist schon bemerkenswert, dass di Stefano sich so mit Verve an der Stelle "Qui testimon vi chiamo che qui pagato io son" ins Zeug legt, dass Applaus losbricht...


    Tontechnisch katastrophal und, klar, der Souffleur hätte eine namentliche Erwähnung im Booklet verdient. Aber es ist völlig richtig: in der Oper wird, im Gegensatz zum Schauspiel, durchgängig souffliert, nicht nur in Italien - manchmal möchte ein Sänger oder eine Sängerin das nicht, andere sind dankbar, wenn vom Souffleur auch Hilfestellung bei rhytmischen Unsicherheiten gegeben wird und der oder die Helfende über eine entsprechende Befähigung verfügt.


    Lieber sagitt,


    der 85. von di Stefano liegt schon einige Zeit zurück (Jahrgang 1921) - nur wurde hier einmal vorbildlich ein bestehender Thread zu einem Thema weitergeführt und kein neuer eröffnet. Vielleicht ist es aber an der Zeit (hallo, Moderatoren...?), den Threadtitel einfach etwas allgemeiner zu formulieren...?

  • Hat jemand von euch die Puccini- Manon mit Callas unter Serafin gehört? Wie schätzt ihr da di Stefanos Leistung ein?
    Die Einspielung ist von 1959 und ich finde die Rolle des des Grieux eine beachtliche Herausforderung, die di Stefano für mein Gefühl aber gut besteht. Allerdings habe ich keinen anderen Puccini- des Grieux je gehört und kann daher nciht vergleichen.


    F.Q.

  • Die Leistung von di Stefano war immer schwankend und er hat wohl auch öfters gesungen, wenn er akut indisponiert war. Tendenziell meine ich aber zu erkennen, dass es mit der Stimme aber etwa ab 1955 rapide bergab ging. Aber die Liveaufnahmen von Traviata und Ballo sind Beispiele, wo er noch tolle Leistungen abliefert. Das gilt auch für die berühmte Lucia mit Karajan aus Berlin.


    Zur Manon Lescaut: Die Aufnahme ist vom Juli 1957, wurde aber nach ihrem Entstehen noch zwei Jahre zurückgehalten, vermutlich weil man mit der Leistung der beiden Protagonisten nicht vollends zufrieden war. Bei di Stefano kann man den stimmlichen Verfall schon erkennen. Viele hohe Töne muss er im forte nehmen, die dann gellend und mit Hochdruck herausgepresst werden, z.B. im "Donna non vidi mai". Ein paar Jahre früher war er besser; zumindestens nicht so angestrengt. Trotzdem ist das eine leidenschaftliche Darstellung und das, was noch geht, holt er raus. Auch ist die Stimme meines Erachtens noch intakter als die von Carreras bei seinem Versuch unter Chailly. Auch an Callas ist bei dieser Aufnahme relativ viel kritisiert worden, was ich aber nur partiell nachvollziehen kann.