Tor zur "Neuen Musik" : Schlüsselwerke

  • Hallo,


    bin vor kurzem mit der sogenannten "Neuen Musik" sprich zeitgenössische Musik über einen Radiosender in (Hör-)Kontakt gekommen.Von Barock bis Romantik sind mir der Großteil bedeutender
    Werke geläufig, jedoch bei neuer Musik muss ich passen.


    Was könnt ihr mir als "Einsteiger" empfehlen bzw. welche sogenannten Schlüsselwerke sind interessant?


    Vielen Dank schonmal im voraus.


    Gruß Marvin

  • Salut,


    ja - so habe ich das schon auch verstanden, kann ihm aber leider nicht mit einer Auflistung dienen. Daher dachte ich, der Verweis würde für's erste mal einen Eindruck geben können.


    Scheint ja niemandem besonders daran gelegen zu sein, die Neue Musik zu verbreiten.


    :beatnik:


    Viele Grüße
    Ulli

  • Nun denn, wohlan ...
    Ich will vorrausschicken, dass ich Opern zugunsten von kürzeren Stücken unterdrücken werde, da der Einsteiger vielleicht nicht gleich 3 Hochpreis-cds für einen ihn unbekannten Komponisten anschaffen will. Sonst gibt es aber keine Rücksichten auf "leicht" oder "schwer"-verständliches, da das je nach Einsteiger völlig unterschiedlich ist.
    Außerdem mache ich erst nur die Generationen von Schönberg (1874) bis Schostakowitsch (1906), damit es nicht zu viel wird.


    Nicht fehlen dürfen die drei wichtigsten Vertreter der "Wiener Schule". Jeweils beschränke ich mich auf ein frei atonales und ein zwölftöniges Werk:
    Schönberg: 3 Orchesterstücke op. 16, Streichtrio
    Berg: Streichquartett op. 3, lyrische Suite für Streichquartett (Alban Berg Quartett-CD)
    Webern: 6 Bagatellen für Streichquartett, Symphonie
    ferner würde ich als Schlüsselwerk einer erweiterten Zwölftontechnik
    Eisler: Deutsche Symphonie
    aufnehmen.


    Nun zur "Konkurrenz":
    Bartok: die Streichquartette (Takacs Quartett-CD)
    Strawinsky: Le sacre, L'histoire du soldat, Requiem canticles
    (um von ihm ein expressionistisches, ein neoklassizistisches (?) und ein zwölftöniges anzuführen)
    Schostakowitsch: 4. und 5. Symphonie
    (um seinen Wandel sichtbar zu machen mit großartigen Werken)
    Prokofieff: 2. Symphonie, 7. Klaviersonate
    Hindemith: Die Kammermusiken, vor allem das Violinkonzert darunter
    (das sind Konzerte für Soloinstrument und Orchester aus seiner "wilden" Phase)
    Weill: Die Dreigroschenoper
    (um diese Oper führt kein Weg herum)
    Ives: Three Places in New England, 2. Klaviersonate (Concord)
    Varese: Arcana, Ionisation


    eventuell als Ergänzung:
    Poulenc: Konzert für Orgel, Streicher und Pauken
    Wolpe: Stehende Musik, charakteristische Märsche
    Hartmann: 8. Symphonie


    Ich sehe, dass die Vokalmusik zu kurz gekommen ist. Also (doch) noch 3 Opern und 1 Oratorium:
    Berg: Wozzeck, Lulu
    Schostakowitsch: Lady Macbeth
    Hindemith: Das Unaufhörliche

  • Hallo!


    Ich würde noch die Lukas-Passion von Penderecki empfehlen. Mit ihr habe ich meine ersten Erfahrungen mit sog. "Neuer Musik" gemacht. Vielleicht kein Schlüssekwerk; trotzdem aber ein tolles Stück, zu dem man als "Neuling" leicht Zugang findet.


    An Schlüsselwerken würde ich noch


    Stockhausen: "Gruppen" für drei Orchester
    Ligeti: "Atmosphères" für Orchester


    hinzufügen.


    Mit herzlichem Gruß


    Arne


    Edit: Ich sehe gerade, dass Kurzstueckmeister nur von Schönberg bis Schostakowitsch aufgelistet hat. Somit wären die beiden obigen Stücke (neben vielen anderen natürlich) bestimmt noch dazugekommen.

  • Ich werde jetzt noch weniger Werke je Komponist nehmen.


    Der Weg zum Serialismus und wieder heraus:
    Boulez: 2. Klaviersonate
    Stockhausen: Gruppen
    B. A. Zimmermann: Die Soldaten
    (nun ja, wieder eine Oper, aber bei Zimmermann IMO konkurrenzlos)
    Nono: Como una ola


    und der Gegenpol:
    Cage: Sonatas & Interludes for prepared piano, Klavierkonzert
    (eins für präpariertes Klavier, ein aleatorisches)
    Feldman: Konzerte für Soloinstrument und Orchester
    (da kenne ich sonst nicht so viel)


    Ergänzungen von Komponisten, die zwar in die Cage-Stockhausen-Generation fallen, aber nicht so "avantgarde-mäßig" sind, wie obige:
    Carter
    Pettersson
    Britten
    Henze
    Lutoslawski
    Kurtag


    60er Jahre sonst:
    Messiaen: Couleurs de la cité celeste
    Xenakis: Bohor
    (elektronisch)
    Berio: Sinfonia
    (mit dem berühmten Zitate-Satz)
    Ligeti: 2. Streichquartett
    (weils alle seine typischen Ingredienzien zeigt)
    Schnebel: Choralvorspiele
    Kagel: Match (instrumentales Theater/Film)
    Penderecki: Threnos
    Scelsi: Quatro pezzi su una sola nota (1959)

    Reich: Piano phase


    70er:
    Lachenmann: Tanzsuite mit Deutschlandlied
    Sciarrino: Capricen für Violine solo
    W. Zimmermann: Ländlertopographien
    (ist zwar nicht so bekannt, zeigt aber einen ganz eigenen Umgang mit der Tradition)

    Grisey: Espaces Acoustiques


    80er:
    Rihm: Hamletmaschine
    (wieder eine Oper ...)
    Hübler: Arie dissolue (Ferneyhough ist berühmter, aber ich schätze ihn nicht so sehr)
    Ferneyhough: Streichquartette
    Nancarrow: Studies for player piano


    90er:
    es ist die Frage, ob man hier schon "Schlüsselwerke" nennen kann. Ich mache sozusagen nur "Vorschläge":
    Schnittke: Violinkonzert
    Holliger: Schneewittchen
    (auch hier leider eine Oper)
    Dusapin: Medeamaterial
    Hidalgo: Einfache Musik
    (bei ihm muss ich noch Alternativen angeben)

    Lucier: Opera with Objects
    Romitelli: Professor Bad Trip


    farblich markierte Stellen am 07.08.2009 geändert (blau = hat gefehlt, grau = muss nicht sein), KSM

  • Hallo Kurzstueckmeister!
    Deiner Liste ist fast nichts hinzuzufügen, außer, daß sich jemand, der noch kein genauer Kenner der Neuen Musik ist, mit der Avantgarde etwas schwerer tun könnte, und vielleicht über Britten und Orff (ich weiß, Du rümpfst Deine Nase!) leichter Zugang finden.


    Abgesehen davon: Ob man die Werke nun mag oder nicht - die "Carmina burana" Orffs, Brittens "War Requiem" und (die von mir verabscheute) Lukas-Passion von Penderecki sind Schlüsselwerke, die man auf jeden Fall kennen sollte.
    Meiner Meinung nach kann es auch nichts schaden, wenn man Henzes Dritte Symphonie kennt und/oder seinen "Tristan".
    Obendrein würde ich von Messiaen nicht gerade das einzige Werk empfehlen, das aufgrund seiner extremen Kleinteiligkeit wirklich problematisch ist, sondern "Eclairs sur l'Au-delà", weil in diesem umfassenden Orchesterwerk alle Möglichkeiten des Messiaen-Stils integriert sind, also die, wenn man so will, üppige Süße der "Turangalila" bis hin zur quasi-seriellen Schreibweise der "Neumes rhythmiques".


    Was die Liste sonst aber betrifft - perfekt!!! :jubel:
    :hello:

  • Oh, vielen Dank, ihr beiden, ich bin wirklich gerührt!
    :)
    (Außerdem rümpfe ich nicht die Nase und werde mich wirklich wieder mit Orff - allerdings mit dem von Edwin empfohlenen späten Orff - und Britten hörend befassen. Auch Arvo Pärt, der sehr beliebt ist, und über den ich früher die Nase rümpfte, möchte ich besser kennenlernen.)

  • Ich habe unter meinen Unverzichtbaren drei Pärt CDs und eine reine Klaviermusik-CD von Otte. Das wäre ein Anhaltspunkt für Pärt (wohin er sich Gott sei Dank entwickelt hat. Nicht auszudenken, wenn er beim Stil der ersten beiden Symphonien stehen geblieben wäre :D )


    Tip noch: Versuche zunächst preiswerte CDs, da gibt es bei Naxos, Apex, cpo usw. einiges, zB Boulez, Takemitsu, Scelsi, Cage, Ligeti (gibt es gerade sehr günstig), Schönberg, Berg, Webern, Ives, Messiaen.


    Vielleicht könntest Du mal posten, was Du im Radio gehört hast und wohin Du mal schnuppern willst.

  • Hallo,


    ersteinmal großes Danke für die reichhaltigen Antworten, da habe ich ja einiges noch vor mir. :rolleyes:
    Nach kurzem "Drüberhören" bei JPC und Amazon wurde schonmal eine imaginäre Einkaufsliste gemacht:


    Strawinskys Le Sacre
    Poulencs Konzert für Orgel, Streicher und Pauken
    Messiaens Couleurs de la cité celeste
    und
    die kompletten Teldec Aufnahmen der größeren Werke Ligetis ( mit Atmospheres ,Piano Concertos , Mysteries of the Macabre, etc.), da sie nur 4,99 Euronen pro CD kosten.


    Robert Stuhr
    Gehört habe ich im Radio ein Klavierstück Solo von John Cage (der genaue Name ist mir gereade entfallen) ,Strawinskys Sacre (nur einen Auszug) und Kontakte von Stockhausen.
    In die Richtug von Messiaen, Cage, Pärt und Strawinsky soll es grob gehen,
    bin aber von elektronischer Musik nicht abgeneigt.



    Gruß Marvin

  • Hallo Monsterdiscohell,
    wenn Du Dich im Fall Messiaen wirklich für die "Couleurs" entscheidest, rate ich Dir zu dieser Aufnahme:

    Das "Et exspecto" ist ein Gipfelpunkt von Messiaens Schaffen, und die "L'ascension" zeigt sehr schön, wo Messiaen stilistisch herkommt. Noch dazu sind Boulez' frühe Aufnahmen besser, weil wesentlich konzentrierter als seine Neueinspielungen, und Constant ist im französischen Repertoire ein kluger, bei uns viel zu wenig bekannter Interpret (übrigens auch ein interessanter Komponist, der sich mit Zwölftonfeldern und Aleatorik auseinandersetzte). Die Erato-CD müsste im französischen Versandhandel unschwer aufzutreiben sein.



    Hallo Arne,
    ich habe gegen Pendereckis "Lukas-Passion" die größten Vorbehalte aus mehreren Gründen:
    1) Penderecki deutet das Passionsgeschehen nicht musikalisch, sondern er illustriert es.
    2) Ich habe das Gefühl, daß er relativ oberflächlich zu Werk geht und Effekt an Effekt reiht. In einer Oper kann das ganz spannend sein (die "Teufel von Loudon" wirken auf der Bühne fulminant, als reine Musik gehört, werden sie schon blasser), in einer Passion finde ich es deplaciert.
    3) Der Dur-Schluß ist für mich widerlich. Ich weiß schon, man kann argumentieren, daß es eine vervielfachte Version des "Domine"-Motivs ist, das über Kleinsekundschritte zu einer Dur-Terz kadenziert. Doch auch dieses "Domino"-Motiv finde ich nicht so gut. Ich werde das Gefühl nicht los, daß Penderecki an diese "tonalen" Floskeln nicht glaubt, sondern auch sie nur als Mittel einsetzt, um Effekt zu machen.
    Dennoch glaube ich, daß die "Lukas-Passion" zu den zentralen Werken der Musik des 20. Jahrhunderts gehört, weil sie einen ungeheuren Einfluß auf die Sakralmusik ausübte und mit relativ großer Breitenwirkung zeigte, daß Geistliche Musik nicht unbedingt in der Sprache der Tradition geschrieben werden muß.


    :hello:

  • Strawinsky: Le sacre (und Feuervogel, Petrouschka, Symphonie in 3 Sätzen, Bernstein bei DG, 2 CD, 17€):

    Wolpe: Stehende Musik, charakteristische Märsche, Battle Piece (u.a. Klaviermusik, Madge, cpo, 3€):

    Schostakowitsch: Alle Symphonien (Barshai, Brilliant, 11 CDs, 22€):

    Prokofieff: 7. Klaviersonate &
    Boulez: 2. Klaviersonate (mit Strawinsky, Webern: Pollini bei DG, 10€):

    Nono: Como una ola (mit weiterem Nono und Manzoni: Pollini, Abbado bei DG, 10€):

    Feldman: Flue/Cello/Oboe/Piano and orchestra (Zender bei cpo, 2 CD, 8€):

    W. Zimmermann: Ländlertopographien (Reihe Musik in Deutschland 1950-2000 bei RCA, "Weltmusik", mit Werken u.a.von N.A.Huber, Pagh-Pan 10€):

    Pettersson: 6. Symphonie (Trojahn, bei cpo, 8€):

    Berio: Sinfonia (Boulez bei apex, 5€):

  • Hallo Edwin und kurzstueckmeister,


    ich möchte mich dem Lullisten und Marvin anschließen:


    Sehr interessante Listen, die Ihr da zusammengestellt habt - ein paar Ansatzpunkte können nichts schaden, wenn man sich mal was mehr oder weniger Zeitgenössisches zulegen möchte, aber einem die ganzen Namen überhaupt nix sagen (so muss sich auch jemand fühlen, der noch nicht mal mit Namen wie Schumann oder Brahms was verbindet und dann ratlos vor den Klassik-CD-Regalen steht :D )


    Eine Frage hätte ich aber dennoch:


    Ist es Zufall oder Absicht, dass Ihr weder Philipp Glass noch Henryk Gorécki erwähnt?


    Immerhin sind beide in den letzten 15-20 Jahren doch recht populär gewesen, Goréckis "Sinfonie der Klagelieder" war doch vor ca. 15 Jahren sogar ein echter "Hit" (eine der wenigen Einspielungen von E-Musik nach 1950, die ich in meiner Sammlung habe und ich finde die Sinfonie persönlich gar nicht schlecht)?


    Ok - "populär" muss nicht "bedeutsam" oder "gehaltvoll" bedeuten, aber immerhin ist es doch schon beachtlich, wenn eine neuzeitliche Sinfonie derartige Beliebtheit erfährt - sie trifft damit dann doch einen Nerv beim Publikum, oder?
    Das ist auch für Komponisten von heute ja nun nichts verwerfliches - obwohl ich manchmal den Eindruck habe, dass viele das so sehen :stumm:

    "Es ist mit dem Witz wie mit der Musick, je mehr man hört, desto feinere Verhältnisse verlangt man."
    (Georg Christoph Lichtenberg, 1773)

  • Zitat

    Original von Monsterdiscohell
    In die Richtug von Messiaen, Cage, Pärt und Strawinsky soll es grob gehen,
    bin aber von elektronischer Musik nicht abgeneigt.


    Von Cage gibt es zwei preiswerte Naxos-CDs (Euro 5,99 bei jpc), und bei Apex eine Sammel-CD mit amerikanischer Klaviermusik.


    Naxos hat 6 reine Messiaen-CDs im Angebot (lt. jpc), da wirst Du auch fündig.


    Bei Pärt würde sich die Doppel-CD von Naxos empfehlen, die enthält ein 78seitiges Booklet über Leben und Wirken Pärts und einen guten musikalischen Überblick.


    Die bei ECM erschienen Pärt-CDs sind erste Wahl, aber leider sehr teuer. Da hilft nur Augen auf bei Amazon Marketplace.

  • Hallo Marc,


    mit Philipp Glass ist das so eine Sache. Er gehört zu den Vätern des amerikansichen Minimalismus, deren eminentester und intelligentester Vertreter jedoch Steve Reich seien dürfte. Mit Werken wie "Music for 18 musicians", "Music for Mallet Instruments, Voices & Organ" oder "Drumming" schuf Reich Werke, über deren Aufnahme in die Liste der "bedeutenden" Werke des 20. Jhd. (für mich) kein Zweifel besteht. Während Reich nach seinen ersten Werken stetig an einer Weiterentwicklung minimalistischer Techniken bzw. Konzepte feilte, glitt Glass nach einer ebenfalls guten Anfangsphase in das schnelle Bedienen von pop -und New Age-orientierten Geschmäckern ab. (Inzwischen hat Glass 8 Symphonien geschrieben, schon nach der 3. hätte er eigentlich aufhören müssen - spätestens :stumm: )
    Mir gefällt auch einiges an Glass, das will ich nicht abstreiten.


    Aber: In dem thread geht es ja um Schlüsselwerke. Auch wenn der Vergleich jetzt etwas hinken mag. Was würdest Du jemanden, der sich mit der Zeitepoche der Klassik nicht auskennt, eher als Schlüsselwerk ans Herz legen:
    Haydns Symphonie "Mit dem Paukenschlag" oder irgendeine Symphonie von Gyrowetz? (der zu seinen Lebzeiten sehr beliebt war!) :stumm:



    :hello:
    Wulf.

  • Zitat

    Original von MarcCologne
    Ist es Zufall oder Absicht, dass Ihr weder Philipp Glass noch Henryk Gorécki erwähnt?


    Hallo Marc!


    Ich kann leider nur zum ersten etwas sagen, da der zweite mir bis dato unbekannt ist, er gilt allerdings auch nicht als "bedeutend" und da ich auch nicht alles kennen kann, richte ich mich beim Kennenlernen neuer Komponisten eher danach, wer als bedeutend angesehen wird, und nicht danach, von wem mehr CDs verkauft werden. Das muss sich freilich nicht ausschließen.


    Dass ich die Minimal Music hochhalte, hat in meiner Liste Ausdruck gefunden durch die Aufnahme von Steve Reichs "Piano phase". Nach "In C" von Terry Riley, dem "Vaterstück" der Minimal Music, gelingt es Reich, Rileys Konzept in ein noch strengeres und folgerichtigeres zu verwandeln, ihm gelingt eine extreme Transparenz des musikalischen Geschehens, das trotzdem nie langweilig wird. Ich habe den Eindruck, dass er viel vom Serialismus und der New-York-School um Cage gelernt hat, aber es gelingt ihm, mit diesem komplett anderen (diatonischen) Material, das mehr oder weniger von "In C" kommt, aber straffer organisiert ist (stimmt das?) eine Einfachheit zu erreichen, die als Gegenposition zum Serialismus empfunden wird. ("In C" kenne ich bisher nur vom ganz kurzen Hineinhören, ich nehme an, dort ist die Phasenverschiebung, die bei Reich so grandiose Effekte erziehlt, noch nicht in Verwendung?)


    Bereits in den 70ern verliert die Minimal Music durch Anreicherung ihrer Mittel in meinen Augen an Witz und Bedeutung. Da ich nur "Schlüsselwerke" anführen wollte, kommt für mich ab dann somit eigentlich nichts mehr (von dem, was ich kenne) aus diesem Bereich in Frage für obige Liste.


    :hello:


    PS: Piano Phase gibt es offenbar nicht billig, ich besitze die wergo-CD, die außerdem Four Organs, Pendulum Music und Phase Patterns enthält (alles frühe Stücke von Reich) und bin zufrieden damit:

  • Puristen mögen mir vorhalten, was jetzt kommt, sei keine Musik. Ist es zum Teil auch nicht, ich denke aber, es gehört trotzdem hierher.


    Es geht um Kunstwerke, die zwischen Musik und Graphik/Film/Theater/Lyrik stehen, und zwar auf eine Art und Weise, wie es sie erst im 20. Jh. gibt.


    zuerst die Zwischenkriegszeit:


    der futuristische Maler Russolo baute Geräuschmaschinen, mit denen er auf Tournee ging. Leider gibt es fast keine Tonaufzeichnungen und auch die Maschinen existieren nicht mehr. Man hat sie aber aufgrund von Aufzeichnungen rekonstruieren können und sie klingen wirklich nett.
    Kandinsky: Der gelbe Klang (Theaterstück)
    eine Art abstraktes Theater. Diverse Veränderungen auf der Bühne (z.B. werden mal 8 grellgelbe Riesen hereingeschoben) gehen ohne gesprochenen Text aber mit passender Msuikbegleitung von statten. Letztere ist nur sehr allgemein beschrieben. Das Stück wurde nie realisiert. Abgedruckt in: Einakter und kleine Dramen des Expressionismus, reclam.
    Klee: Fermate (Tusche auf Papier)
    die verwendeten Elemente der Notenschrift bedingen eine Kombination von rein ästhetischer Betrachtung und Entschlüsseln dieser Symbole
    Schwitters: Ursonate (Lautgedicht in Sonatenform)
    meiner Ansicht nach Musik ebenso wie Lyrik, auch wenn es nur gesprochen wird und der Rhythmus nur andeutungsweise fixiert ist. Eine großartige Einspielung mit Schwitters selbst gibt es bei wergo.
    dann gibt es noch experimentelle Hörspiele von Marinetti und Ruttmann, bei denen die aufgenommenen Elemente eher nach musikalischen als nach inhaltlichen Gesichtspunkten aufeinanderfolgen.
    Vertov: Enthusiasmus (Tonfilm)
    ein ganz früher Tonfilm, bei dem die optische und die Tonspur gleichberechtigt sind, von Chaplin als "schönste Symphonie" gerühmt. Am besten sind die Stellen mit Fabrikslärm!


    Nachkrieg:


    Jetzt werden die Verknüpfungen zwischen Graphik und Musik und Theater und Musik noch enger.
    Die aleatorischen Partituren von Cage sind nicht nur sehr schön, sondern die musikalischen Ereignisse folgen aus den graphischen Elementen unmittelbar, außerdem verfertigt Cage mit denselben Methoden, die zur "Musikerzeugung" dienen, Bilder.
    Die Musikalische Graphik bei Bussotti erreicht es, genau zwischen Graphik und Notentext zu stehen zu kommen, sehr schön anzusehen und voller Notationselemente.
    International wird im Fluxus die Grenze zwischen Theater und Musik zunichte gemacht. Besonders wichtige Beispiele hoffe ich noch kennenzulernen. Dazugehören sollte aber:
    Kagel: Match (für 2 Celli und Schlagzeug)
    bei dem die Celli die Tennisspieler sind und das Schlagzeug der Schiedsrichter. Es gibt auch einen Film dazu.
    Tingueli: Metaharmonie (Skulptur)
    Es handelt sich um einen großen Aufbau diverser Gegenstände, die zum großteil mechanisch zum klingen gebracht werden. Steht im Museum Ludwig, Köln und macht mehrmals täglich einen wunderbaren Krach, auch wenn leider manche Schlägel bereits in Leere fahren.


    P.S.: Die "Fermate" von Klee ist natürlich kein Musikstück. Ich habe sie aber angeführt, damit Bussotti nicht vom Himmel fällt.

  • Zitat

    Original von Kurzstueckmeister
    80er:
    Rihm: Hamletmaschine
    (wieder eine Oper ...)
    Hübler: Arie dissolue
    (Ferneyhough ist berühmter, aber ich schätze ihn nicht so sehr)


    Ich revidiere:
    statt Hübler doch besser "das Original":
    Ferneyhough: 2. Streichquartett


    Weilt Monsterdiscohell noch unter uns?
    :hello:

  • Zitat

    Original von Kurzstueckmeister
    Bereits in den 70ern verliert die Minimal Music durch Anreicherung ihrer Mittel in meinen Augen an Witz und Bedeutung.
    :hello:


    Hallo KSM,


    das sehe ich anders. Gerade Steve Reich gelingt es durch resulting patterns, durch irreguläres Füllen von Pausen (Drumming), durch Zerdehnung von Akkorden(Four Organs) einem minimalistischen Konzept treu zu bleiben und dennoch zu erweitern.
    Reich erkannte IMO vollkommen richtig, daß bloße Phasenverschiebung wie in Piano Phase oder komplexer in Violin Phase einerseits allzu mechanistisch, andererseits sich bald als totgelaufen herausstellen würde.


    Übrigens: Steve Reich war an Terry Rileys "In C" maßgeblich mitbeteiligt, das sollte man nicht vergessen!!


    In Anbetracht der Tatsache, daß nach Schlüsselwerken gefragt ist, ist "Piano Phase" sicher eine gute Wahl, obwohl "Come Out" oder "It's Gonna Rain" noch eher den Status eines Schlüsselwerks beanspruchen dürfen - hier laufen zwei Tonbänder - anfangs synchronisiert - ab und geraten allmählich außer Phase.


    Dieses - von Reich zufällig entdeckte! - Phänomen, war die Initialzündung für alles, was danach kommen sollte.


    :hello:
    Wulf

  • Zitat

    Original von Wulf
    das sehe ich anders. Gerade Steve Reich gelingt es durch resulting patterns, durch irreguläres Füllen von Pausen (Drumming), durch Zerdehnung von Akkorden(Four Organs) einem minimalistischen Konzept treu zu bleiben und dennoch zu erweitern.


    Haben wir eigentlich einen Reich-Thread?
    Ich kopiere mal was aus dem Wikipedia her:


    # It's Gonna Rain (1965)
    # Come Out (1966)
    # Melodica (1966)
    # My Name Is (1967)
    # Piano Phase (1967)
    # Violin Phase for violin and tape (1967)
    # Pendulum Music (1968 )
    # Four Organs (1970)
    # Phase Patterns for four electric organs (1970)
    # Drumming (1970-71)
    # Clapping Music (1972)


    Bis hier sehe ich den von mir erwähnten "Witzverlust" durch Anreicherung der Mittel noch nicht. Üppig wirds erst später, nämlich bereits 1973.
    :hello:

  • Zitat

    Original von Kurzstueckmeister
    Haben wir eigentlich einen Reich-Thread?


    Wenn Du nichts dagegen hast, würde ich gerne übernehmen....



    Zitat


    Bis hier sehe ich den von mir erwähnten "Witzverlust" durch Anreicherung der Mittel noch nicht. Üppig wirds erst später, nämlich bereits 1973.


    Wie gesagt, auch wenn die Stilmittel erweitert sind, wie bei "Music for 18 Musicians" oder bei den Counterpoint-Werken, es sind minimalistische Meisterwerke.


    Zwischen "Piano Phase" und "Drumming" gibt es ja auch bereits einige Unterschiede. Obwohl letzteres vielleicht das letzte der "radikalen" Phase Reichs sein dürfte , kann man hier schon eine interessante Erweiterung erfahren - irreguläres Pausenfüllen, Einbeziehung des Klangfarbenparameters etc.


    :hello:
    Wulf.

  • Hallo MarcCologne,
    verzeih die späte Antwort.
    Was mich betrifft: Ich gebe ehrlich zu, daß ich von der Minimal Music nichts halte.
    Ich finde Reichs Ansätze interessant, einzelne seiner Werke finde ich sogar hörenswert - Begeisterung stellt sich bei mir aber keine ein.
    Noch schlimmer steht's um die kommerzielle Minimal Music eines Glass, der für mich einfach einschläfernd wirkt. "Einstein" mag ein paar gute Momente haben, aber was nachher kommt, ist vom Kommerz-Kitsch in meinen Augen nicht gar so weit entfernt.


    Gorecki ist ein etwas anderer Fall: Ich kenne ein paar frühere Werke von ihm, darunter auch eine imponierende Zweite Symphonie, die von den sanften Kanons und Repetitionen der Dritten weit entfernt ist. Wenn Du mich aber fragst, ob ein Moderne-Einsteiger Gorecki kennen muß, dann sage ich kategorisch "Nein". Schließlich wird man jemandem, der sich mit der Literatur des 20. Jahrhunderts befassen will, auch nicht als erstes Buch einen Simmel empfehlen.
    :hello:

  • Irgendwas muss passiert sein - ich höre seit Tagen immer wieder


    Alban Berg
    Lyrische Suite für Streichquartett (1925/26; UA 1927 durch das Kolisch-Quartett)


    I. Allegretto gioviale
    II. Andante amoroso
    III. Allegro misterioso
    IV. Adagio appassionato
    V. Presto delirando
    VI. Largo desolato


    Angeblich autobiographisch dem Thema "Liebestod" verhaftet und in einigen Sätzen streng dodekaphon, in anderen frei atonal.


    Meine Aufnahme ist mit dem Juilliard String Quartet von einer Mono-LP aus den frühen 1950ern, zu finden hier.


    Und ich bin begeistert von dieser wunderbaren Musik, obwohl ich bisher doch um alle "Moderne" einen ziemlich weiten Bogen gemacht hatte - gutta cavat lapidem kann man da nur sagen: meinen herzlichen Dank an alle "modernen" Taminos, deren Enthusiasmus mich so weit gebracht hat.


    Kann vielleicht einer von Euch noch etwas zu diesem Werk sagen?


    :hello:
    BBF

  • In der Tat ist es wunderbare Musik, ziemlich autobiographisch und


    tatsächlich gibt es über dieses Werk jede Menge zu sagen.


    Wie ich meine ist es eines der großen Schlüsselwerke, das einen eigenen Thread verdient.


    Uwe