Anton Bruckner: Sinfonie Nr 9 mit "neukomponiertem" Finalsatz von Peter Jan Marthé

  • Liebe Forianer, liebe Bruckner-Liebhaber und -Kenner


    In wenigen Tagen wird bei den Brucknertagen 2006 in St. Florian
    Bruckners Sinfonie Nr 9 in d-moll aufgeführt.


    Das Besondere daran ist, daß die Sinfonie 4 sätzig aufgeführt wird.
    Der Dirigent Peter Jan Marthé verwendet hier nicht etwa den von der Wissenschaftergruppe Samale-Phillips-Cohrs-Mazzuca in akribischer Kleinstarbeit vervollständigte Aufführungsfassung, sondern er gehorchte der inneren Stimme Bruckners, die ihn quasi ermunterte den Finalsatz in "seiner" (oder Bruckners posthumer) Endfassung zu Papier zu bringen - unter der Verwendung von vorhandenen Fragmenten


    Originalzitat Peter Jan Marthé


    Zitat

    „Trau di nur! Sperr deine Ohrwaschl auf und schreib nieda, wos´d so daherst. ´s Gwantl dazua host jo dann eh von mir!“ - so lautete die innere Stimme Bruckners, die ich zuerst nur sehr vage, dann aber immer bestimmter vernahm, bis sie einen Grad der Unerbittlichkeit erreichte, die einem Befehl gleichkam.
    Natürlich musste ich vorerst für mich abklären: vermochte ich die für eine derartige Herausforderung geradezu halsbrecherische Chuzpe sowie die ebenfalls dafür unerlässliche Demut eines unbefangenen und neugierigen Kindes aufzubringen? Und vor allem: hatte ich den Mut, jedwede musikwissenschaftlichen Skrupel links liegen und mich ganz einfach nur von Bruckners Geist leiten zu lassen? Bruckners innere Stimme war schließlich stärker als alles Wenn und Aber

    .



    Es ist Herrn Marthé natürlich klar, daß sein Vorstoß sowohl von der Musikwissenschaft - als auch von den "Gralshütern Bruckners" angefeindet werden - Aber das nimmt er in Kauf.


    Als Celibidacheschüler hat er gelernt unbequem zu sein und gegen den Strom zu schwimmen - und die Reaktionen die die Folge davon sind - gelassen hinzunehmen.


    Auch seine "Sager" könnten teilweise von Celi stammen - wenn er etwa vom "Würgegriff der Authenzität" spricht, oder davon, daß die Klassik heute "mausetot" sei.


    Zitat

    Seit mehr als 100 Jahren haben wir klassischen Werken den Dialog des Lebens entzogen und haben sie in eine Vitrine gestellt- Davor stehen Museumswärter mit flammenden Schwertern


    Es ist natürlich eine Sache des persönlichen Standpunkts wie man zu solchen Aussagen steht. Ist solch eine Nachkomposition "von Bruckner diktiert" legitim ? Warum hat Bruckner den vierten Satz nicht schon vor rund dreißig Jahren dem Musikmedium Rosemary Brown (das ja auf Kontakte mit Komponisten aus dem jenseits spezialisiert war) diktiert?


    Wie wird das Publikum reagieren ?
    Wie die Tonträgerindustrie ?
    (Die Reaktion der Musikwissenschaft wage ich indes problemlos vorherzusagen)


    Sicher ist, daß durch solche spektakulären Ereignisse der GESAMTEN Brucknerszene Leben eingehaucht wird. Ja ich bin sogar der Überzeugung, daß dann die wissenschaftlich fundierten Rekonstruktionen auch wieder in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses gerückt werden - welches sie zweifellos verdient haben.



    Über Musik die noch nicht erklungen ist kann man zwar a priori den Stab brechen - die Wirkung lässt sich jedoch erst beschreiben wenn das Werk uraufgeführt wurde.


    Vielleicht wird dann sogar der Ruf nach einer Bruckner zehnten laut.... ;)


    Wie dem auch sei:


    am 18. August 2006 um20 Uhr


    wird die neue Fassung von Bruckners Neunter


    (mit dem "nachkomponierten" bzw "ergänzten" 4. Satz unter Verwendung vorhandener Fragmente)


    in St. Florian aus der Taufe gehoben.


    Ort : Stiftsbasilika


    EUROPEAN PHILHARMONIC ORCHESTRA
    Dirigent: PETER JAN MARTHÉ



    man darf gespannt sein



    mfg
    aus Wien
    Alfred

  • Ich hoffe, es wird diese Variante und die des Herrn Cohrs irgendwann mal auf CD geben, damit man vergleichen wird.


    Ihm hier würde ich in der Tat zutrauen, dass er bald mit der 10. von Bruckner kommt. Nach dem Motto "Hier Bua ge fei her nimms Notenblatterl un schreib wos i Dir soag. Un wenns fertig bist moachmo noch a scheene Messn mir zwoa beidn" :D


    Ich finde das etwas zu offensichtliche Werbung in eigener Sache. Das Ergebnis sollte für sich sprechen.


    Der einzige, dem ich diesbezüglich solche Eingebungen abkaufe, ist Bruckner selbst. Der hatte wohl wirklich einen Draht nach oben :jubel:

  • Es ist schon verwunderlich, daß sich in diesem brucknerlastigen Forum erst so wenige Stimmen zu diesem heiklen Thema erhoben haben.
    Ist es die Angst vor der Wissenschaft, die hier vertreten ist?


    Ich habe keine Angst und respektiere die Arbeit der Musikwissenschaft in bezug auf das Finale der Bruckner-Neunten. Aber der Blick in eine Partitur kann mir niemals das Erlebnis bescheren, das ich z.B. im letzten Jahr bei der Neufassung der Dritten in St. Florian hatte.


    Herr Marthé strahlt etwas aus (und das muss irgendwie auch auf sein Orchester überspringen), das mit Worten nicht zu beschreiben ist. Seine Fangemeinde (nicht nur die weibliche :D ) wird weiter wachsen und er wird mit seinem neuen Projekt auch international wieder für viel Wirbel sorgen und die Brucknergemeinde sowie die Musikfreunde erneut spalten.


    Mir ist es relativ egal, was die Puristen zu seinen Projekten meinen, für mich sind Marthé-Konzerte immer etwas unvergleichbares, unwiderbringliches.


    Die Orchester-CD der Dritten steht bei mir noch verschweisst im CD-Regal, als Sammler musste ich die Scheibe natürlich haben, aber ich habe sie bisher nicht eingelegt.


    ... schade, daß ich in diesem Jahr nicht in St. Florian sein kann...

  • Hallo,


    diese Symphonie wird bereits am 12.8. in Oberhofen im Inntal aufgeführt. Vom 8.8. bis 11.8. kann man die öffentlichen Proben dazu besuchen. Also ein möglicher Ausweichtermin.


    :hello:

  • Hi,


    eher unwahrscheinlich, aber wie ich soeben gesehen habe, gibt es noch mehr Möglichkeiten, das Werk zu erleben:


    13.08. - Liebherr-Werk Bischofshofen, Salzburg
    15.08. - Stadtpfarrkirche Schwaz, Tirol
    16.08. - Dom zu Brixen, Südtirol/Italien
    19.08. - Klangdom Leutasch, Tirol

    18.08. - Stiftsbasilika St. Florian, Oberösterreich

  • Zitat

    Original von Theophilus
    Hi,


    eher unwahrscheinlich,


    Ich bin mir relativ sicher, daß es von der Marthé-Einspielung mindestens eine CD-Veröffentlichung geben wird, evtl. sogar eine DVD, wahrscheinlich im Dezember.
    Wir können ja mal Frau Dankelmaier fragen, wenn ich richtig gesehen habe, ist sie hier im Forum als User registriert, normalerweise weiss sie so etwas. ?(

  • Im letzten Jahr wurde meines WIssens in Schwaz und in St. Florian mitgeschnitten.
    Die CD wurde dann von dem St.Florian Mitschnitt produziert, es gibt in jedem Falle zwei Master-Tapes, aber nur eines ist in Produktion gegangen.
    Ich hatte die Frage von Masetto eher dahingehend verstanden, ob es auch von der Aufführungsfassung des neuen Cohrs/u.a. -Finales eine CD geben wird. Hierüber ist mir nichts bekannt, soweit ich weiss, ist der Finalsatz einmal in Ludwigshafen und einmal in England, sowie einmal in einer Orgelbearbeitung von Schmögner/Linz aufgeführt worden.
    Davon gibt es aber meines WIssens keine AUfnahmen.

  • Liebe Forianer:
    Nicht vorenthalten wollte ich Euch/Ihnen die nachfolgende offizielle Pressererklärung von Peter Jan Marthe und seiner Agentur. Wie immer enthalte ich mich jeglicher öffentlicher Meinungsäußerung und finde, der Stil des Textes spricht durchaus für sich selbst.
    Auf Eindrücke bin ich gespannt - gern auch per PN.
    Beste Grüße
    Benjamin-Gunnar Cohrs


    **************************


    Peter Jan Marthé


    vollendet


    Anton Bruckners
    IX. Symphonie in d-Moll


    Spektakuläre Neufassung des Finales durch
    Peter Jan Marthé, Dirigent & Komponist


    Internationale Bruckner-Tage
    Sonntag, 18. August 2006, 20.00 Uhr
    St. Florian, Stiftsbasilika
    Mo., 07.08.2006, 22.30 Uhr, ORF/Treffpunkt Kultur 2. August-Woche 2006, 3sat, Kulturzeit (Termin wird noch bekannt gegeben.)
    Orchester: European Philharmonic Orchestra
    Dirigent: Peter Jan Marthé


    Bereits im letzten Jahr hat er mit einer Neufassung von Bruckners III. Symphonie für internationales Aufsehen gesorgt. Hier setzte er die drei Fassungen von Bruckners III. neu zusammen.



    In diesem Jahr landet er einen noch größeren Coup: Er vollendet Bruckners IX. Symphonie.


    Den unvollendeten Finalsatz hat er auf der Basis weniger Fragmente neu komponiert. Orthodoxe Brucknerianer befürchten eine epochale Werkschändung. Fans und Medien freuen sich auf ein Meisterwerk.


    Bei den einen hat er Hausverbot, bei den anderen – hier auch bei seriösen Klassikjournalisten renommierter Nachrichtenagenturen und Feuilletons – genießt er den Ruf eines Genies. Die Rede ist von Peter Jan Marthé, Bruckner-Spezialist, Dirigent und Komponist, früherer Celebidache-Schüler mit hohem Anspruch an sich selbst und nonkonformistischer Grundhaltung. Ein Mensch, der die Provokation liebt, aber auch seinen hohen Anspruch an sich selbst erfüllt.


    Jenseits des offiziellen Musikmarktes hat Marthé geschafft, wovon viele träumen: Spektakuläre Klassik-Großveranstaltungen mit Zigtausenden an außergewöhnlichen Orten zu humanen Preisen, von der Presse hochgelobt, vom Publikum bejubelt. Marthé mobilisiert die Massen für die Klassik, schafft für Tausende mit seinen Events der besonderen Art unvergessliche Konzerterlebnisse und Erfahrungen.


    Für Marthe steigen sie auf Hochplateaus, sitzen auf Holzbänken in Werks- und Montagehallen und versammeln sich vor Großbildleinwänden wie sonst nur bei Fußballweltmeisterschaften.


    „Geh nach Indien“, hat Celi damals seinem Meisterschüler gesagt. „Nur da findest Du, was Du suchst.“


    Marthé ist schon lange zurück, hat sich entschieden, die Kluft zwischen konventionellem Musikbusiness und seinen eigenen Visionen zu schließen; erfolgreich.


    "Langsam begriff man: Man wohnte einem historischen Ereignis bei, das Anstoß gibt, über Bruckner neu nachzudenken… Hier in St. Florian, direkt an Bruckners Grab, bekam man eine Ahnung von den ungeheuren Möglichkeiten, die in dieser Musik immer noch unentdeckt schlummern."
    (Süddeutsche Zeitung, über die Aufführung Bruckners III. 2005)




    Statement Peter Jan Marthé zu Bruckners IX. und bisherigen Rekonstruktionsversuchen
    „Zwar gibt es schon manche prominente Versuche, das von Bruckner torsohaft hinterlassene Finale der Neunten zu rekonstruieren – der namhafteste stammt von dem Autorenteam Nicola Samale/John Philips/Guiseppe Mazzuca/Gunnar Cohrs aus dem Jahre 1992 – durchsetzen konnten sich diese jedoch nicht. Alle bisherigen Versuche werden – so die einhellige Meinung der Experten – den eigentlichen Intentionen Bruckners nicht gerecht…


    … „Nach dem überwältigend einhelligen Erfolg der Uraufführung meiner vollständigen Neufassung der Dritten im Rahmen der Brucknertage St. Florian 2005 sah ich mich plötzlich von allen Seiten mit der Aufforderung konfrontiert, mich auch der unvollendeten Neunten anzunehmen und meine eigene Version einer Neukomposition des Finales zu wagen.


    Bruckner beabsichtigte durch die Krönung seiner Neunten mit einer bis dato nicht gehörten Musik im ultimativen Finale die bisherige, von Haydn bis Brahms gepflegt Form der Symphonie auf den Kopf zu stellen: der Hörer sollte nicht länger die Symphonie als „tönend bewegte Form“ genießen – so Eduard Hanslicks Forderung, (Österreichs bedeutendster Musiktheoretiker und Kritiker sowie Zeitgenosse und erbittertster Gegner Bruckners) sondern diese vielmehr als eine durch Musik vermittelte „Initiation“ erleben, die jedem offenen Hörer ebenso unbekannte wie faszinierende Horizonte zu öffnen vermag.


    Natürlich musste ich vorerst für mich abklären: vermochte ich die für eine derartige Herausforderung geradezu halsbrecherische Chuzpe sowie die ebenfalls dafür unerlässliche Demut eines unbefangenen und neugierigen Kindes aufzubringen? Und vor allem: hatte ich den Mut, jedwede musik-wissenschaftlichen Skrupel links liegen und mich ganz einfach nur von Bruckners Geist leiten zu lassen? Bruckners innere Stimme war schließlich stärker als alles Wenn und Aber…


    Natürlich bezichtigten mich sogleich - nachdem sich meine Arbeit am Finale der Neunten herumzusprechen begann - die brucknerianischen Gralshüter der Anmaßung und der Blasphemie wie auch schon im Falle meiner Neufassung der Dritten, aber das vermochte mich nicht mehr im Geringsten anzufechten. Denn plötzlich traf mich beim unablässig wiederholten Lesen und Hinein-spüren in die zunächst nicht zu deutenden Finale-Fragmente wie ein Blitz die Offenbarung eines von Bruckner angestrebten Gesamtplanes der Symphonie, die nicht mehr und nicht weniger die Umwertung aller bis dahin geltenden symphonischen Prinzipien bedeutete…


    Ich begann meine Arbeit am Finale wohl mit ähnlichen Gefühlen wie die Initiatoren des Dresdner Unterfangens, aus einer beängstigend chaotischen Masse von Steinen das Prachtgebilde der Frauenkirche hochzuziehen…


    Die Zeit ist in der Tat reif, dass Bruckner sich von einer bisher nicht gekannten Seite offenbart und sich so in die Herzen vieler Menschen spielt, vor allem jener, die bisher noch nicht einmal seinen Namen gekannt haben, geschweige denn seine Musik.


    Innsbruck, den 20. März 2006

  • »Die, die Vernunft in Frage stellen, sollten ernsthaft überlegen, ob sie gegen die Vernunft mit der Vernunft argumentieren oder ohne sie. Falls mit Vernunft, dann errichten sie eben das Prinzip, das sie zu entthronen sich bemühen – aber wenn sie ohne Vernunft argumentieren (was sie tun müssen, um sich nicht zu widersprechen), lassen sie sich weder rational überzeugen noch sind sie ein rationales Argument wert.«


    Ethan Allen, Amerikanischer Revolutionär (18. Jh.)

  • Zitat

    Original von ben cohrs
    Lieber Holger: Von einer Aufführung in Ludwigshafen unserer Version weiß ich NICHTS! Bitte dringend um Auskunft!


    Entschuldige bitte, Ben, ich habe es mit diesem Konzert verwechselt:


    Original von ben cohrs
    20.04.2006
    18.00 Uhr
    Saalbau
    Neustadt a.d. Weinstraße
    € 5,-/erm. 2,50


    Anton Bruckner
    1824-1896
    Symphonie Nr. IX d-Moll
    (mit rekonstruiertem Finalsatz von Dr. Nors S. Josephson)
    Sinfonieorchester der Musikhochschule Mannheim
    Leitung: Klaus Arp


    Mea culpa :untertauch:

  • Bei n-tv findet sich ein Artikel über Marthé und seinem neu komponierten Finale.


    Selbstbewußt ist er ja, der gute Herr Marthé...

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.
    Gustav Mahler

  • Zitat

    Original von Norbert
    Bei n-tv findet sich ein Artikel über Marthé und seinem neu komponierten Finale.


    Selbstbewußt ist er ja, der gute Herr Marthé...


    Zitat aus dem ntv-Beitrag:

    Zitat

    Als der am Ende geistig verwirrte Bruckner 1896 starb... ?(:no: :kotz:


    Also, das ist einfach eine andere Wahrnehmungs- und Mitteilungsebene, auf der sich Herr Marthé bewegt. Aber zweifellos wird das seine Wechselwirkungen mit den anderen Ebenen des Musikbetriebs zumindest vorübergehend entfalten. Tut es ja, schon, hier im Forum.

  • Zitat

    Original von Edwin Baumgartner
    Ihr versteht das falsch: Bei seinem Tod war Bruckners Geist verwirrt. Und dieser verwirrte Geist hat Marthé das Finale diktiert. So erklärt sich alles...
    :hahahaha:


    Ich neige eher zu der Fassung, daß sich sein Geist leider verirrt hat...

  • Zitat

    , daß sich sein Geist leider verirrt hat...


    Was einem verwirrten Geist schon einmal passieren kann. :hahahaha:


    Schluß mit den Kalauern. Einmal etwas Positives zum Marthé-Finale: Ich nehme an, es wird zeigen, daß das Samale-Mazzucca-Phillips-Cohrs-Finale doch das bessere ist.
    Nur um mich ganz klar auszudrücken: Ich hätte nichts dagegen, wenn es andere Versuche als die von Samale-Mazzucca-Phillips-Cohrs gäbe, auf der Basis von Wissenschaft und Kompositionstechnik Aufführungsversionen dieses Finales zu erstellen. Nur, wenn jemand so kommt wie Marthé, dann wittere ich einen verdorbenen Braten. Aber man wird ja sehen bzw. vielmehr hören, was da dran ist.
    :hello:

  • Zitat

    Original von Masetto
    Wieso eigentlich Neufassung der dritten? Es gibt doch schon genug Versionen davon! Was soll denn an der Dritten noch neu gefasst worden sein?


    Er hat wohl alles verfügbare Notenmaterial zusammengetragen, das Ganze mit ein bißchen Marthé miteinander verbunden plus Instrumentations'erweiterungen'.

  • Ja, in diese Richtung geht's.
    Was mich aber endgültig zur Weißglut treibt, ist, daß Marthé für die Entstellung eines Bruckner-Werks zumindest Bearbeiter-Tantiemen kassiert.
    Lesenswert ist das Booklet der CD: Eine derartige Ansammlung an Selbstüberschätzung habe ich noch selten erlebt. Tenor: Was Bruckner nicht zu zwingen vermochte, hat Marthé in eine Form gebracht, wie es Bruckner geschafft hätte, wäre er ein weniger unentschlossener Komponist gewesen.
    Im Grunde aber auch ein Fehler des Labels. Eigentlich hätte der zuständige Redakteur Herrn Marthé fragen müssen, ob er das wirklich so abgedruckt haben will und ihm klarmachen müssen, wie das herüberkommt.
    Andererseits: Gut, daß es schwarz auf weiß dasteht. Ein glänzendes Dokument dafür, was man von Marthé zu halten hat.

  • Zitat

    Was mich stört ist nicht Herr Marthé und seine Komposition. Sondern wie weit Herr Marthé damit kommt. Dass es das (bewusst inszenierte) Skandalträchtige (siehe Vorankündigung) leichter hat als das Seriöse.


    Ich habe auch jede Menge Pressematerial gelesen.


    Unter Anderem war da zu lesen, daß Herr Marthe die Vormachtsposition derMusikwissenschaft mit Skepsis sieht.
    Seiner Meinung ist die Klassik tot - weil sie keinen Wandel und keinen freien Umgeng mit vorhandenem Material zulässt.


    Wie jeder weiß bin ich ein Verfechter der Authenzität - aber im Prinzip ist das was er jetzt macht nichts Neues.


    Schon immer haben Dirigenten Werke neu orchestriert oder umgearbeitet, damit meine ich nicht etwa den "berüchtigten" Leopold Stokowsky , nein auch Sir Thomas Beecham fand nichts dabei die Jupitersinfonie (ironischerweise auch im Finalsatz) zu verbessern, weil Mozart sie nicht wirkuingsvoll genug komponiert hatte.......


    ZU Opern und Operetten wurden sogar ganze Arien von fremder Hand zugefügt, so beispielsweise "Hoffmanns Erzählungen" oder in der "Nacht in Venedig" ........


    Und natürlich gehört "Klappern zum Handwerk"


    Der Erfolg der umgestellten 3. musste ja eine Folge nach sich ziehe - was war da naheliegender als die unvollendete Neunte ?


    Ich bin persönlich der Meinung, daß all die PR die für diese Fassung gemacht wird doch sehr wirkungsvollsein wird . Die Brucknergemeind wird nicht umhinkönnen sich diese Version anzuhören - und die Tonträgerindustrie wird da ein willfähriges Instrument sein.


    Letztlich wird auch die wissenschaftlich korrekte Fassung die die Gruppe
    Samale-Phillips-Cohrs-Mazzuca davon profitieren, die Alternative darstellt und die (hier stimmen ja die Aussagen beider Seiten - soweit ich das einschätzen kann - weitgehend überein) so nahe an Bruckners Originalmaterial bleibt wie möglich.


    Marthe stellt diesen Anspruch absoluter Authenzität erst gar nicht.
    Er will das bringen was Bruckner "gewollt aber nicht mehr vermocht hat." Bruckner aus zweiter Hand gewissermaßen


    Egal wie immer: Ich kann mir nichts anderes vorstellen, als daß die echten Brucknerianer - ob gerne oder nicht - BEIDE Fassungen anhören werden. Denn - wer kann schon was verreissen - was er gar nicht gehört hat ?


    Und wenn die gesamte Musikwissenschaft laut aufschreit beim Gedanken einer nicht authentischen Vervollständigung bzw nachempfundener Komposition (noch bei der dritten wurde in Abrede gestellt daß hier hinzugefügt wurde - ein Jahr später bei der Neunten - hat man sich nicht mehr ganz festgelegt.) - die Mehrheit der Bruckner-Hörer sind nun mal keine Musikwissenschafter - und sie werden neugierig und begierig die beiden Fassungen vergleichen wollen...


    mfg
    aus Wien
    Alfred

  • Hallo Alfred!
    Prinzipiell gebe ich Dir ja recht. Auch ich bin der Meinung, daß man diverse Werke endlich einmal umkomponieren sollte, weil die Autoren erst nach ihrem Ableben merkten, daß sie nicht das Angestrebte erreicht haben.


    1) Die "Kleine Nachtmusik" - Mozarts Geist hat mir erklärt, er finde das Orchester nach einer Diskussion mit Mahlers Geist viel zu farblos und zu konventionell. Er schlägt mir daher vor, ich möge seine Intentionen für erweitertes Orchester umsetzen: 4 Flöten, 4 Oboen, 6 Klarinetten, 4 Saxophone, 4 Fagotte, Kontrafagott, 8 Hörner, 6 Trompeten, 4 Posaunen, Baßtuba, Pauken Schlagzeug, 2 Klaviere, Onde Martenot, 16. I. Geigen, 16. II. Geigen, 14 Bratschen, 12 Celli, 8-10 Kontrabässe. Natürlich muß die Länge des Werkes dem Gewicht des Orchesters angepaßt werden, daher wird der erste Satz nach dem letzten wiederholt, aber am Schluß wird eine neue Fuge über das Anfangsthema eingeführt.


    2) Ludwig van Beethoven, IX. Symphonie - leider instrumentationstechnischer Quatsch, wie mir Ludwigs Geist nach einem Gespräch mit Schönbergs Geist anvertraut hat. Daher eine verbessernde Erweiterung um folgende zusätzliche Instrumente: 2 Flöten, 1 Altflöte, 2 Englischhörner, 4 Saxophone, 1 Fagott, 1 Kontrafagott, 4 Hörner, 2 Trompeten, 2 Posaunen, Baßtuba, Klavier, Orgel, 4 Harfen 2 Ondes Martenots, diverses Schlagzeug wie Tamtams, Röhrenglocken etc; Streicherkörper der erweiterten Besetzung anpassen!
    Der Chor wird um einen Knabenchor verstärkt.
    Ludwig will außerdem, daß in das Werk vor dem Schlußsatz die 3. "Leonorenouvertüre" integriert wird, allerdings ohne Schluß, es wird eine Modulation geschrieben, um zum Beginn des Finalsatzes überzuleiten. Ludwig selbst wird mir bei deren Abfassung die Hand führen.


    3) Völlig gegenteilige Bearbeitung von "Tristan und Isolde", wodurch endlich Wagners Wille so ausgedrückt wird, wie mir das der Richardl bei der letzten Séance mit der Lotte Ingrisch gesagt hat: Das große Orchester wird der intimen Handlung nicht gerecht. Daher wird die Besetzung reduziert auf: 1 Flöte (wechselt mit Altflöte), 1 Oboe (wechselt mit Englischhorn), 1 Klarinette (wechselt mit Baßklarinette), 1 Alt-Saxophon, 1 Fagott (wechselt mit Kontrafagott), 1 Horn, 1 Trompete, 1 Posaune, Onde Martenot Klavier, Harfe, Elektronische Orgel, Celesta, Cembalo, Pauken, Schlagzeug (mit Vibraphon, Marimbaphon, sonst nur Metallschlagzeug wie Röhrenglocken, Crotales, 3 Gongs, 3 Tamtams); 2 Violinen, 2 Bratschen, 2 Celli, 1 Kontrabaß.
    Die Stimmlagen bleiben unberührt, außer daß die nach Richardls Willen einzige wirklich gültige Fassung auf die Klage reagiert, es gäbe heute keine richtigen Brüllaffen, äh, will sagen: Heldentenöre mehr; da es eine große Zahl ausgezeichneter Countertenöre gibt, wird die Rolle des Tristan für einen solchen modifiziert.
    Der Ablauf der Oper wird gestrafft auf etwa 2 Stunden Spieldauer, der Marke-Monolog des 2. Aktes findet übrigens gleichzeitig mit dem bisherigen Duett "Sink hernieder, Nacht der Liebe" statt, das dadurch zum Terzett wird. Die Oper endet vor dem Liebestod, dessen Musik wird freilich in Instrumentalversionen zu Zwischenspielen zwischen den Akten umgearbeitet, denn die Oper wird zum Einakter umgeformt. Das Vorspiel zum 3. Akt wird hingegen an den Schluß gestellt, um die trübe Stimmung anzudeuten, in der Isolde verharrt - sie stirbt ja in diesem verbesserten "Tristan" nicht, sondern bleibt allein zurück.


    Ich bin gerne bereit, diese Bearbeitungen selbst durchzuführen und hoffe, daß meine bescheidenen Kräfte dazu ausreichen werden, den originalen Intentionen der Komponisten gerecht zu werden.
    Leider kann ich das Werk aber erst in ein paar Monaten in Angriff nehmen, da ich zuerst noch eine schriftstellerische Aufgabe vor mir habe: Ich bin nämlich gerade dabei, Dostojewskijs "Brüder Karamasow" zu einem Erzählgedicht umzuarbeiten, Fjodor hat mir nämlich im Traum gesagt, das sei die Form, die er eigentlich gewollt habe, aber mangels Begabung nicht habe schaffen können. Er vertraut nun ganz auf mich, und ich unterwerfe mich zaudernd, aber mit dankbarem Herzen seinem Willen.
    Demütige Grüße
    :hello:

  • Edwin:


    Zitat

    Ich bin gerne bereit, diese Bearbeitungen selbst durchzuführen und hoffe, daß meine bescheidenen Kräfte dazu ausreichen werden


    Edwin, wir alle sind gespannnt auf deine Bearbeitungen, aber bitte bring vorher das begonnene "große Werk", deine Oper in 5 Akten "Das Grimmingtor"
    (nach Paula Grogger) zu einem glücklichen Ende !!!



    LG


    :untertauch:

    Das geht über das Sagbare hinaus. Das läßt sich nicht deuten und bedarf keiner Deutung. Es kann nur gehört werden. Es ist Musik. (H.H.Jahnn)