Wolfgang Amadeus Mozart: Die Entführung aus dem Serail

  • Hallo GiselherHH,


    Du hast natürlich vollkommen recht.Es war ein Denkfehler


    Mir kam der Gedanke,weil ich gelesen habe,daß Mozart die


    Rolle schon für einen Tenor komponiert hatte,und sie dann


    doch aus irgendwelchen Gründen für Bass umgeschrieben hat.


    Gottseidank,sonst wären ja "Drei Tenöre"in der Oper. :(


    :hello:Herbert.

  • Zitat

    Das Osmanische Reich war zu der Zeit bereits an allen Fronten auf dem Rückzug und 50 Jahre später sollte man vom "kranken Mann am Bosporus" sprechen.


    Das war noch etwas später. Das Zitat wird Zar Nikolaus zugeschrieben und soll mit 1852 datiert sein (gegenüber einem britischen Gesandten).


    :hello:

  • Hallo Theophilus,


    hast recht. Und der Diagnose des Zaren folgte dann die Auffassung, dass man dem kranken Osmanen zwecks "Sammlung russischer Erde" gleich mal die Krim abnehmen könne, was wiederum zum gleichnamigen Krieg führte.


    :hello:


    GiselherHH

    "Mache es besser! (...) soll ein bloßes Stichblatt sein, die Stöße des Kunstrichters abglitschen zu lassen."


    (Gotthold Ephraim Lessing: Der Rezensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt)

  • Hallo,
    um mal wieder zur Oper von Mozart zurückzukehren.
    Produktionen im Theater sind ja wohl nicht mehr
    genießbar.Darum müssen wir uns leider auf die Ton=
    träger-Aufnahmen zurückziehen.
    Es gibt hier auch,wie meist keine ideale Aufnahme.
    Zwei Einspielungen kommen in die engere Wahl.Da
    ist zunächst die Aufnahme von F.Fricsay,die musikalisch
    hervorragend ist.Aber die Dialogstimmen passen nicht
    zu den Sängerstimmen.Dann ist da die Aufnahme von
    E.Jochum,mit F.Wunderlich als sehr gutem Belmonte.
    E.Köth ist eine eher undramatische Konstanze.Sie könnte
    auch "Blondchen"sein.K.Böhme ist ein Ollendorf,den es
    in den Orient verschlagen hat.


    Für mich wäre eine ideale Besetzung :
    J.Sutherland,Konstanze
    R.Streich,Blonde
    N.Gedda,Belmonte
    J.Greindl,Osmin
    P.Klein,Pedrillo
    M.Wiemann,Bassa
    Dir.F.Fricsay.

  • Hallo Herbert,



    Mit dieser Wahl kann ich gut leben. Zwar sagen die Namen Klein und Wiemann mir nichts, aber die sind ja nicht so wichtig. Und ich bin sicher, daß Du keine Stümper vorschlägst. :D


    Als Alternativ zu Greindl (den ich sehr bewundere als Osmin) kann auch Ollendorff genommen werden. Und Wunderlich als Belmonte ist m.E. noch besser.
    Aber mit Deiner Besetzung möchte ich gerne die Entführung hören.


    LG, Paul


    PS Ich ändere meinen Pedrillo in Gerhard Unger. Ein guter Vorschlag von Giselher.

  • Hallo Herbert,


    meine Idealbesetzung (geht zeitlich zwar nicht zusammen, aber was solls):


    Lilli Lehmann (Konstanze)
    Rita Streich (Blonde)
    Hermann Jadlowker (Belmonte)
    Gerhard Unger (Pedrillo)
    Alexander Kipnis (Osmin)
    Rolf Boysen (Bassa)


    Dir.: Fricsay


    :hello:


    GiselherHH

    "Mache es besser! (...) soll ein bloßes Stichblatt sein, die Stöße des Kunstrichters abglitschen zu lassen."


    (Gotthold Ephraim Lessing: Der Rezensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt)

  • Hallo Paul,


    Peter Klein war ein sehr guter Tenor-Buffo ,der auch bei J.Krips


    den Pedrillo singt.Mathias Wiemann war ein berühmter deutscher


    seiöser Schauspieler.Fritz Ollendorff hatte genauso wie B.Kusche


    für den Osmin nicht die nötige Tiefe.


    :hello:Herbert.

  • Hallo Herbert,


    Ich bin völlig mit Greindl einverstanden. Man hört sogar auf CD wie fabelhaft er diese Rolle verkörpert. Und wenn ich mich nicht irre, schrieb Giselher einmal, das er auch ein echtes Bühnentier war.


    Es war nur eunen Versuch die beste Besetzung zusammenzustellen.


    LG, Paul

  • Hallo zusammen!


    Nachdem ich hier schon einige Zeit mit Interesse mitlese, hätte ich nun eine ganz spezielle Frage:


    Kann jemand von euch etwas zur Entführung der diesjährigen Salzburger Festspiele sagen? Es würde mich sehr interessieren, da ich (urlaubsbedingt) davon kaum etwas mitbekommen habe. ?(


    Wer könnte übrigens auch etwas zum Thema Zaide -> Entführung a. d. Serail beisteuern? Oder wär das was für einen eigenen Thread?


    :angel:


    L. Grüße


    WR
    ___________________________


    Man h ö r t nur mit dem Herzen gut!

  • Hallo Ulli!


    Danke für den Hinweis! Hab den Thread glatt übersehen o. vergessen.
    Werde mir das jedenfalls bald genauer ansehen.


    LG


    WR
    ________________________


    Man h ö r t nur mit dem Herzen gut!

  • In der " Entführung aus den Serail", verwendet Mozart für den Selim Bassa, den Anführer der Wachen und für Klaas, einem Schiffer- Sprechrollen. Darum tat er das? Verfolgte Mozart damit eine bestimmte Absicht? In der Zauberflöte verwendet er auch eine Sprechrolle. Welche Funktionen haben solche Sprechrollen?
    Der Text den der Selim spricht, z. B:" Man solle sich einen Menschen , den man mit Wohltun nicht überzeugen und gewinnen könne, vom Halse halten." Dieser schöne, hintergründige Satz hätte Mozart doch leicht in Musik fassen können. Die Wirkung dieser Aussage, wäre m. E. stärker zum Ausdruck gekommen.
    Um es einfach zu fragen,gibt es einen besonderen Grund, warum der Selim Bassa nur eine Sprechrolle ist?
    Viele Grüße
    Padre

  • Salü,


    manche Autoren gehen davon aus, dass in der Entlassung des Tenors Walter [der ursprünglich für die Rolle des Bassa vorgesehen war] durch Joseph II. der Grund für Gestaltung als Sprechrolle zu suchen ist. Andere Autoren schließen aber folgerichtig, dass ein Tenor ersetzbar gewesen wäre und pochen daher auf die Erkenntnis der Singspielautoren Mozart und Stephanie, dass das Belassen der von Bretzner vorgesehenen Sprechrolle dramaturgisch durchaus sinnvoll und die einzig richtige Entscheidung war. Drei Tenöre und noch mehr Noten hätten Joseph II. wahrlich auf die Palme gebracht...


    Außerdem: Der Bassa gesungen? Nicht vorstellbar... :no:


    Viele Grüße
    Ulli

  • Zitat

    Original von Ulli
    Außerdem: Der Bassa gesungen? Nicht vorstellbar... :no:


    Exakt! Das ist der Punkt!


    In Ergänzung zu Ulli:


    Singspiele wurden damals in der Regel von singenden Schauspielern aufgeführt, es waren eben Lustspiele mit Ouvertüren und Gesangseinlagen. Deshalb war es nicht ungewöhnlich, dass es eine Reihe von nichtsingenden Rollen gab, auch nichtsingende Hauptdarsteller waren nicht selten. Die "Vorlage" von Stephani war ja Brezners Libretto, das André vertont hatte. In dieser Vertonung ist der Bassa auch eine Sprechrolle.


    Dass der Bassa eine Sprechrolle ist, hat also Mozart zwar nicht "erfunden", er hat es aber in seiner "Entführung" notwendig gemacht. Man bedenke nur, der Bassa hätte eine Werbe-Arie, eine Rache-Arie und nähme am Ende am Schlussensemble teil - dieses Mehr wäre ein deutliches Weniger. Da er seine Gefühle nicht in Arien äußern kann, sind sie vertraut und fremd zugleich, er ist der Außenseiter, der Renegat, der weder der alten noch der neuen Heimat zugehört. Nur das macht den Edelmut ästhetisch erträglich. Dass er am Ende weder am Jubel noch an den Rachegelüsten teilhat, ist eine Entscheidung der künstlerischen Wahrhaftigkeit.


    LG Peter

  • Zitat

    Original von Padre
    In der " Entführung aus den Serail", verwendet Mozart für den Selim Bassa, den Anführer der Wachen und für Klaas, einem Schiffer- Sprechrollen. Darum tat er das? Verfolgte Mozart damit eine bestimmte Absicht? In der Zauberflöte verwendet er auch eine Sprechrolle. Welche Funktionen haben solche Sprechrollen?
    Der Text den der Selim spricht, z. B:" Man solle sich einen Menschen , den man mit Wohltun nicht überzeugen und gewinnen könne, vom Halse halten." Dieser schöne, hintergründige Satz hätte Mozart doch leicht in Musik fassen können. Die Wirkung dieser Aussage, wäre m. E. stärker zum Ausdruck gekommen.
    Um es einfach zu fragen,gibt es einen besonderen Grund, warum der Selim Bassa nur eine Sprechrolle ist?
    Viele Grüße
    Padre


    Hallo Padre,
    in der Zauberflöte gibt es zwar einen Sprecher, aber der singt. :hello:
    (Finale 1. Akt)

  • Zitat

    Original von Siegfried
    in der Zauberflöte gibt es zwar einen Sprecher, aber der singt. :hello:
    (Finale 1. Akt)


    Lieber Siegfried,


    da siehst Du mal wieder, wo man Dialektik überall brauchen kann. Das ist richtig, der Sprecher in der Zauberflöte singt, aber der Dritte Priester und die drei Sklaven sind Sprechrollen. Die meinte wohl Padre.


    LG Peter


  • Hallo Peter,
    du legst dich ja kräftig ins Zeug! Nur hätte ich gerne von Padre selbst erfahren, ob er wirklich die subalternen Sklaven oder den (wegen der heiligen Freimaurer-Drei) auch noch existenten dritten Priester gemeint hat. Deren Bedeutung kann ja nicht mit der Bassa Selims verglichen werden. Und das war der Ausgangspunkt, oder irre ich mich?

  • Zitat

    Original von Siegfried
    du legst dich ja kräftig ins Zeug! Nur hätte ich gerne von Padre selbst erfahren, ob er wirklich die subalternen Sklaven oder den (wegen der heiligen Freimaurer-Drei) auch noch existenten dritten Priester gemeint hat. Deren Bedeutung kann ja nicht mit der Bassa Selims verglichen werden. Und das war der Ausgangspunkt, oder irre ich mich?


    Lieber Siegfried,


    die Ausgangsfrage war:


    Zitat

    In der " Entführung aus den Serail", verwendet Mozart für den Selim Bassa, den Anführer der Wachen und für Klaas, einem Schiffer- Sprechrollen. Darum tat er das? Verfolgte Mozart damit eine bestimmte Absicht? In der Zauberflöte verwendet er auch eine Sprechrolle. Welche Funktionen haben solche Sprechrollen?


    Der Anführer der Wachen und Klaas sind ja nun auch keine "tragenden" Rollen. Deine Frage habe ich schon in dem Beitrag zuvor beantwortet: Im Singspiel dieser Zeit war es durchaus nicht ungewöhnlich, wenn auch eine Hauptrolle als Sprechrolle gestaltet wurde. Ich sag es einfach mal ins Unreine: Wenn man einen guten Schauspieler hatte, der nicht singen konnte, der aber die Leute in die Veranstaltung brachte, warum sollte man ihn quälen - Ausgangspunkt war eben ein Theaterstück, dann ein Theaterstück mit Gesangseinlagen usw. bis hin zu der "deutschen Oper", bei der die Rezitative gesprochen wurden.


    Genies wie Mozart machen aus einer Gewohnheit dann eine Notwendigkeit, wie Mozart beim Bassa. Und da liegt natürlich ein elementarer Unterschied zu den Chargen à la Dritter Sklave und Klaas.


    LG Peter

  • Danke , danke.
    Mit der Sprechrolle in der Zauberflöte habe ich mich vertan.Ich beuge mich eurem Sachverstand.
    Also nur Sprechrollen in der Entführung, was zweifelsohne etwas mit Singspielen zu tun hat.Oder steckt doch mehr dahinter? Da Walter ( Tenor) entlassen wurde, suggeriert, der Bassa wäre ursprünglich als Tenorrrolle gedacht gewesen. Hätte es nicht auch ein Bariton oder Bassrolle sein können? Stephanie hätte die Rolle doch so schreiben und Mozart sie komponieren können. Das ist natürlich spekulativ.Und so will ich der Meinung folgen, dass es durchaus dramaturgisch sinnvoll ist , dem Selim eine Sprechrolle zu geben, und es zu den Charaktiristika von Singspielen gehörte, Sprechrollen zu schreiben.
    Da ihr euch aber doch sehr gut im Komponieren auskennt, wäre es für mich doch sehr reizvoll, in Abwandlung des Libretto, probehalber, dem Bassa sind einer Singrolle auszustatten!
    Unsinn?
    Viele Grüße
    Padre

  • Zitat

    Original von Padre
    Also nur Sprechrollen in der Entführung, was zweifelsohne etwas mit Singspielen zu tun hat.Oder steckt doch mehr dahinter? Da Walter ( Tenor) entlassen wurde, suggeriert, der Bassa wäre ursprünglich als Tenorrrolle gedacht gewesen. Hätte es nicht auch ein Bariton oder Bassrolle sein können? Stephanie hätte die Rolle doch so schreiben und Mozart sie komponieren können. Das ist natürlich spekulativ.


    Lieber Padre,


    da hast Du ein gutes Beispiel, warum ich bei dem Wust von (meist nicht authentischen) Anekdoten und Geschichtchen so skeptisch bis manchmal allergisch reagiere. Statt Wissen zu vermitteln, wird Wissen suggeriert. Der Hinweis darauf, dass schon bei Brezner der Bassa eine Sprechrolle war, macht doch alle diese Spekulation überflüssig. Wenn man sich mehr um das Verständnis der Komposition bemühte, statt um Nachrede und Geschwätz (und davon gibt es bei Mozart-"Biografen" mehr als genug)!


    Natürlich hätte man den Bassa auch als Bass oder als Bariton komponieren können, aber das ist, wie wenn man einem Sonett noch eine Terzine dranhängt - es ist kein Sonett mehr. Versuchen wir doch dieses wunderbare Werk, die "Entführung" zu verstehen - und da steht außerordentlich viel in den Noten. Einen singenden "Bassa" findet man, wenn man will, in der Zaide - stell Dir doch nur mal vor, den hätte man in die "Entführung" importiert - das Stück wäre ein anderes, es hätte seine Vollkommenheit verloren. Es ist eben - genau! - keine Note zuviel ...


    LG Peter

  • Salü,


    das beste Beispiel für die von Peter angesprochenen "singenden Schauspieler" findet man im Schauspieldirektor, dessen Libretto ebenfalls von Stephanie d. J. stammt. Eine ganze Reihe von Personen singen in diesem eigentlichen Theaterstück nicht:



    Herr Frank, ein Schauspieldirektor [Sprechrolle]
    Herr Eiler, ein Bankier [Sprechrolle]

    Herr Buff, ein Schauspieler [Bass]
    Herr Herz, ein Schauspieler [Sprechrolle]
    Madame Pfeil, eine Schauspielerin [Sprechrolle]
    Madame Krone, eine Schauspielerin [Sprechrolle]
    Madame Vogelsang, eine Schauspielerin [Sprechrolle]

    Monsieur Vogelsang, ein Sänger [Tenor]
    Madame Herz, Sängerin [Sopran]
    Madame Silberklang, Sängerin [Sopran]


    Die große Ausnahme ist Buff, der letztlich nur im Schlußgesang/Vaudeville "singt". Man benötigt also zur Besetzung dieser Rolle in jedem Fall einen Schauspieler, der nicht singen kann... besser i.S.v. schlechter als Harnoncourt dies selbstpersönlich tat, kann man es kaum bieten. ( :evil: )


    :hello:


    Ulli

  • Ich hatte schon eine Antwort gegeben, aber leider weg. Zunächst möchte ich feststellen, dass ich niemand Wissen vorgaukeln möchte. Wenn hier über Mozart Unsinn geschrieben wird, dann ist dieses Forum dazu da, dies richtig zu stellen.
    Dabei sind m. E. , spukulative Fragen durchaus erlaubt. Über die Entstehungsgeschichte des Libretti, in der Überarbeitung von Stephanie.d.J und unter Einflussnahme von Mozart besteht ja Konsens. Ist ist aber noch ein Aspekt zu beleuchten. Mozarts Entführung ist inhaltlich, mit Glucks Oper " Die Pilgrime von Mekka" und mit Neefes " Adelheid von Veltheim" verwandt.
    In beiden Fälllen werden europ. Frauen, trotz anfänglichen Misslingen des Fluchtplans aus der Gefangenschaft des Serails befreit. Mozart muss von Glucks Oper so beeindruckt gewesen sein, dass er " Zehn Variationen G- Dur über Arinette, unser dummer Poebel meint", 1783 in Anwesenheit von Glucks improvisierte.
    Man kann wohl davon ausgehen, dass ihn diese beiden Stücke, Mozart inspiriert haben, dabei können wir natürlich die Frage, nach einer Singrolle für den Selim beiseite lassen. Es war wohl nicht nur die rein textliche Änderung, sondern auch eine gewisse Inspiration durch die beiden o. a. Werke , die Mozart zu diesem wunderschönen Singspiel veranlasste.
    Der Hebel -Preisträger Dr. Wilhelm Zentner, sieht in dem Selim Bassa, sogar einen Vorläufer des Sarastro!
    Es grüßt
    Padre

  • Zitat

    Original von Padre
    Ich hatte schon eine Antwort gegeben, aber leider weg. Zunächst möchte ich feststellen, dass ich niemand Wissen vorgaukeln möchte. Wenn hier über Mozart Unsinn geschrieben wird, dann ist dieses Forum dazu da, dies richtig zu stellen.


    Lieber Padre,


    das hat auch niemand geschrieben. Ich sage nur, diese Dutzende von Anekdotenschreiber (wie eben jener, der den Ausfall eines Sängers zum Anlass bestimmte, den Bassa als Sprechrolle zu gestalten) erschweren es mehr, als dass sie es erleichtern, einen Blick auf Mozarts Werk zu werfen. Ich schaue eben lieber in die Noten und versuche sie zu verstehen. Mozart hat wohl durch sein kurzes Leben ein Mehrfaches an Anekdoten provoziert als andere große Komponisten in ihrem langen Leben. Dass es dabei so viele Fälschungen gibt, die von der Musikwissenschaft entlarvt wurden, aber immer und immer wieder aufgetischt werden, macht schon ein wenig ärgerlich, wenn man sich über Mozart unterhalten will und nicht über diese Wichte, die sich mit Mozart wichtig machen möchten. Das betrifft nachdrücklich nicht Dich, Du fragst ja höflich nach, das ist in Ordnung, es betrifft vor allem mich, der ich mich im Studium immer wieder mit vom Wesentlichen abhaltenden Stories um Mozart beschäftigen durfte und da eine gewisse Empfindlichkeit entwickelt habe.


    Zitat

    Dabei sind m. E. , spukulative Fragen durchaus erlaubt.


    Wenn die wichtigen Fragen, auf die man antworten kann, abgehandelt worden sind, kann man am Abend zur geistigen Entlastung sicher auch mal spekulieren, aber Nebensächliches sollte doch nicht das Wesentliche verdecken. Wenn Mozart bei einem Hustenanfall eine ungewollte Note schrieb, sich die wieder ansah - und plötzlich besser als das geplante fand, so ist nicht der Hustenanfall das Interessante, sondern die Funktion der Note im kompositorischen Gefüge des Werkes. Wer nur über den Hustenanfall schreibt, beschwört Akzidentielles, wer sich aber über den Sinn der Note Gedanken macht, beschäftigt sich mit Mozart.

    Zitat

    Mozarts Entführung ist inhaltlich, mit Glucks Oper " Die Pilgrime von Mekka" und mit Neefes " Adelheid von Veltheim" verwandt.
    In beiden Fälllen werden europ. Frauen, trotz anfänglichen Misslingen des Fluchtplans aus der Gefangenschaft des Serails befreit.


    Es sind da Dutzende von Singspielen zu benennen, denn das Türkenthema war ein aktuelles, im Wesentlichen ist aber für die "Entführung" der Brezner die sinnführende Quelle. Glucks ja sehr viel früher entstandene Oper, die allerdings zu dieser Zeit in Wien zu seinen Ehren wieder aufgeführt wurde, ist gegenüber Mozarts Entführung deutlich "veraltert". Schade, dass es keine Äußerungen Glucks zu Mozarts "Entführung" gibt, Gluck unterstützte allerdings Mozarts Bemühen, die "Entführung" aufzuführen. Dafür staunte Mozart bei der "Iphigenie in Tauris" ...


    Zitat

    Mozart muss von Glucks Oper so beeindruckt gewesen sein, dass er " Zehn Variationen G- Dur über Arinette, unser dummer Poebel meint", 1783 in Anwesenheit von Glucks improvisierte.


    Die Variationen waren zu Ehren Glucks (und sind auch das bedeutendste Variationswerk, das Mozart hinterließ), dass Mozart aber dieses Thema nahm, heißt nicht unbedingt, dass er von dieser Oper so beeindruckt war. Es war der Anlass, nicht der Grund - sonst hätte er ein Thema aus der Iphigenie gewählt ...


    Zitat

    Der Hebel -Preisträger Dr. Wilhelm Zentner, sieht in dem Selim Bassa, sogar einen Vorläufer des Sarastro!


    Da ist er nicht der einzige. Deshalb denke ich beim Bassa auch gleich an einen Bass :)


    LG Peter

  • Immer fachlich sehr gut fundiert. Man könnte natürlich die ganzen Anekdoten auch lassen , aber ich denke, sie gehören dazu. Wir haben ja hier im Forum, mit so manchen Unsinn schon aufgeräumt, dennoch bleibt einiges widersprüchlich.
    Die Funktion der Sprechrollen, hast du und Ulli, ausführlich beantwortet.
    Deshalb will ich auch nicht die Frage stellen, ob Mozart mit dem Selim, eine ganz bestimmte Person meinte?
    Vielen Dank
    Padre

  • Liebe Leute,


    ich sehe den Osmin-Part auch als die wichtigste Besetzung an. Ich wundere mich nur - bei aller von mir geteilten Bewunderung für Frick und - mit Abstrichen - Greindl, warum Kurt Moll als Osmin so gut wie gar nicht auftaucht. Ich finde zwar die Aufnahme von Böhm spannungsarm und irgendwie heruntergekurbelt, Moll allerdings ist sängerisch sicher der kompletteste Osmin auf der Platte. Kipnis singt "Wer ein Liebchen ..." einzigartig, ich frage mich aber, ob er mit dem tiefen D in "O wie will ich triumphieren" so glücklich gewesen wäre.
    Eine Konstanze aus alter Zeit möchte ich auch noch vorschlagen: Maria Ivogün.
    Mein Traum-Belmonte wäre John McCormack, ich mag aber Simoneau in der Rolle etwas lieber als Wunderlich.


    LG,


    Christian

  • Zitat

    Original von Il Grande Inquisitor
    Kipnis singt "Wer ein Liebchen ..." einzigartig, ich frage mich aber, ob er mit dem tiefen D in "O wie will ich triumphieren" so glücklich gewesen wäre.
    Christian


    Warum eigentlich ? Wie tief geht denn die Liebchenarie runter bzw. gibt es ja auch eine Aufnahme von Ihm, wo er die "Heil´gen Hallen" gen Erde beendet. Hast Du Aufnahmen, wo - abseits der Tagesform - eine schwache Tiefe in dem Bereich zu hören ist ? Der außergewöhnliche Stimmumfang mit der wotantauglichen Höhenexpansion lässt natürlich daran denken, da selbst Wunder Ihre Grenzen haben. Frick hatte zwar auch eine außergewöhnlich gute Höhe, aber als Leporello kann ich mir Ihn kaum vorstellen. (Von Moll gibt es übrigens eine Aufnahme der "Registerarie", müßte ich mal wieder hören. :D)


    Und: Ja, Moll als Osmin ist grandios.


    Gruß
    Sascha

  • Zitat

    Original von Antracis


    Warum eigentlich ? Wie tief geht denn die Liebchenarie runter bzw. gibt es ja auch eine Aufnahme von Ihm, wo er die "Heil´gen Hallen" gen Erde beendet. ...


    Sarastro und Osmin sind die tiefsten Rollen des Standard-Opernrepertoire, müssten also beide bis zum D gehen.