Bruno Leonardo Gelber - Schattendasein?

  • Sagitt meint:


    Live habe ich diesen Pianisten um 1968 kennengelernt. Er spielte in Marburg das zweite Brahms-Konzert. Ich war damals sehr beeindruckt, wie zupackend er spielte, nicht sehr groß, offensichtlich gehandicapt durch eine frühe Kinderlähmung.


    Seit dieser Zeit habe ich versucht, ihn nicht aus den Augen zu verlieren, was gar nicht so leicht ist . Sicher, ich kann ein Suchsystem damit füttern und bekomme mit, wo und mit welchen Stücken Gelber in Deutschland auftritt.


    Gelber ist inzwischem um die 63, die Geburtsangaben schwanken zwischen 1941 und 1942. Eher inzwischen nicht mehr im allgemeinen Bewußtsein. Mir ist nicht bekannt, wie er heute spielt.


    Es gibt einige Aufnahmen, denen ich nach wie vor Referenzcharakter zukommen lasse:


    1. Das erste Brahms-Konzert, 1965 unter Decker eingespielt. Die Begleitung ist nicht sonderlich inspiriert, aber Gelber spielt äußerst kraftvoll, die gefürchteten Doppeltriller werden förmlich herausgeschleudert. Ds kommt diesen Konzert, das bei ersten Hören die Leipziger gehörte verschreckte,sehr zu gute. Beim d-moll Konzert ist für die Pianisten keine Zurückhaltung angesagt.


    2. Als Referenzaufnahme betrachte ich ferner seine Aufnahme vo Bach-Transkriptionen. Wie er die Busoni-Bearbeitung vom BWV 1004 hoch-virtuos präsentiert, ist schon beispielhaftes Klavierspiel. Ich habe diese Aufnahme nur als Vinyl gesehen. Wenn Sie jemand als CD kennt, bin ich für eine Mitteilung dankbar.


    Im übrigen hatte Gelber bei Denon einmal einen Zyklus mit Beethovensonaten angefangen. Der ist aber sicher nicht zu Ende aufgenommen worden, hat mir wegen des vielen Halls nicht so gefallen, aber seine Einzelaufnahme der Appassionata ( 1979) ist ebenfalls sehr anhörenswert.


    Ich hoffe, die ein oder anderen Schätze dieses Pianisten werden ausgegraben.

  • Hallo sagitt,


    auf CD gibt es tatsächlich ganz offensichtlich nicht mehr als 2-3 Aufnahmen.


    Zwischen meinen LPs befindet sich ebenfalls das Brahms d-moll-Konzert mit Gelber, Decker und den Münchner Philharmonikern und Beethovens KK Nr.5 mit Ferdinand Leitner und dem New Philharmonia Orchestra - zu wenig, um den Künstler beurteilen zu können. Ich weiß nur noch, dass ich nicht nachhaltig beeindruckt war, aber das ist zu lange her, um heute noch haltbar zu sein.


    Aber es ist schon seltsam, welche Wege einzelne Künstlerschicksale so nehmen, wer bekannt wird, wer groß herauskommt, wie Laufbahnen auch gemacht werden. Seine Lehrerin Marguerite Long soll zu ihm gesagt haben: "Sie werden mein letzter Schüler sein, aber der beste."
    Er gibt offensichtlich immer noch Konzerte (auch in Deutschland), aber Plattenaufnahmen gibt und gab es kaum. In seiner Diskographie befinden sich knapp 20 Aufnahmen. Seine letzte allerdings erst wieder - nach längerer Pause - aus jüngster Zeit:



    Grüße aus Hamburg
    Uwe

  • Natürlich messen wir hier den Erfolg eines Pianisten an dem seiner Schallplatten- resp. CD-Aufnahmen.
    Allerdings gibt es auch Pianisten, die meiden das Studio wie der Teufel das Weihwasser - sind aber trotzdem nicht vergessen, bzw. sind sehr erfolgreich. Ich denke da besonders an lokale Größen, die in einer bestimmten Stadt und ihrer Umgebung wahre Triumphe feiern, aber sich nicht dem Stress des Studios aussetzen wollen, oder aber lediglich von den Managern der Tonträgerindustrie nicht wahrgenommen werden.
    Trotzdem ist es schade, daß Künstler, die sicher eine Bereicherung für die Tonträgerszene darstellen würden, dort nur sehr gering vertreten sind.
    BTW: In meiner Jugend war Gelber durchaus berühmt und ich erinnere mich, ein Konzert mit ihm im Wiener Konzerthaus besucht zu haben....
    Da ich in jenen Tagen fast täglich im Konzert war, erinnere ich mich nicht mehr an das Programm.


    Beste Grüße aus Wien


    Alfred

  • Tag,


    Stillstand! hatte unsereiner von B. L. Gelber gelernt. Man konnte für Jahre eine Programmnummer mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit voraussagen: gespielt wurde überall die Sonate "Les Adieu" op. 81a von Beethoven, jahrein jahraus. Wenn es eine Zeit der Krise gegeben hatte, anscheinend wurde die Krise nicht glücklich überwunden.


    MfG
    Albus

  • Ja, eindeutig Schattendasein - das merkt man schon daran, das dieser Thread nach 4 antworten eingeschlafen ist - sehr bedauerlich.


    Gelber hat im Zuge seines Beethoven-Zykluses für Denon (der m.E. aber nicht fertig geworden ist) auch Brahms Händel-Variationen und dessen 3. Klaviersonate eingespielt - sie gehört in ihrer leidenschaftlichen Athletik zu den Schönsten Brahm-Platten überhaupt. Schlichtweg fulminant ist, wie Gelber die Fuge der Händel-Var. gliedert.


    Das bereits erwähnte 1. Brahms-Konzert (gibt es jetzt übrigens, wie auch das 2, KK, zum Sparpreis in der Nipper Collection von EMI) ist wirklich zu empfehlen - bis auf die von sagitt bereits angesprochenen Mängel beim Orchester. (Das 2. KK begleitet das RPO unter Kempe - auch nicht unbedingt ein künstlerisches Wunder) Schade, der fabelhafte Pianist hätte engagierte Mitspieler verdient...


    Auf der ersten Scheibe ist des weiteren noch die alte Einspielung der Händel-Variationen. Sie ist sehr gut, aber keineswegs besser als die neuere Denon-Aufnahme - das sollte einem doch eigentlich zu denken geben. Gelber hat sich offenbar noch weiterentwickelt und trotzdem mag ihn keiner mehr hören.


    Ich habe ihn bislang nur mit unserem "Hausorchester", dem Staatsorchester Hannover (das Opernorchester) erlebt - auch da konnte sich Gelber nur begrenzt verwirklichen, weil das fade Orchester mehr verhinderte...


    Schöne Grüße!
    Daniel

  • hallo,


    zweifelsohne waren die platten des jungen gelber (BLG) sensationell stark. ich kenne seine brahms-klavierkonzerte bei EMI, die bach-busoni-chaconne, schumanns carnaval und symph. etüden, beethovens pastoralsonate, appassionata und les adieux.


    darüberhinaus habe ich ihn in neuss um 1982 live erlebt: mozarts sonate a-moll kv 310, liszts 'apres une lecture du dante' und chopins f-moll ballade und schumanns carnaval. phantastische großartiges klavierspiel. insgesamt ein 'altmodischer' stil mit lust am zugreifen und mit sonorem ton. ich denke, BLG kam zur falschen zeit ! mit seiner traditionellen art des spiels hatte er gegen größen wie rubinstein, horowitz, backhaus etc. keine chance. als er älter wurde, kamen andere mit neuen ansätzen und arten wie z.b. pogorelich oder pletnev.


    gruß, siamak

  • Gelber ist noch aktiv.


    "http://www.concerto.de/artist/p_gelber/intro.php"


    Hier kann man Konzerttermine aufrufen (derzeit steht nur einer im Oktober drin). Interessant finde ich die Rubrik "Repertoire" mit den zwei Rezital-Programmen. Ist das wohl so zu verstehen, dass man entweder das eine oder das andere buchen kann.
    ?(



    Copyright: Hans-Dieter Göhre (Verwendung des Fotos erlaubt)

    Bitte bedenken Sie, dass lautes Husten - auch zwischen den Stücken - die Konzentration der Künstler wie auch den Genuss der Zuhörer beeinträchtigt und sich durch den Filter eines Taschentuchs o. ä. erheblich dämpfen lässt.

  • Gelbers Beethoven-Zyklus bei Denon ist bis Vol. 6 gediehen. Die letzte Aufnahme war 1995, mit den Sonaten Nr. 1, 6 und 7.
    13 Sonaten fehlen noch, was bei seinem Arbeitstempo noch Jahrzehnte dauern würde. In der heutigen Marktsituation selbst für ein kleines Label ein Unding (bei einem Major-Label hatte er vermutlich deswegen nie eine Chance, womit absolut nichts über seine künstlerische Qualität ausgesagt ist, jedenfalls nichts negatives).
    Gelber spielt die frühen Beethoven-Sonaten überraschend unpathetisch, voller Spiellaune und Esprit, wie es diesen Stücken IMO am besten angemessen ist. Die Aufnahme ist weit weniger hallig als etwa die Händel-Variationen oder Beethoven Vol. 5 (mit der Sturm-Sonate), mithin auch klanglich top.
    Wo die Denon-CDs derzeit zu bekommen sind, weiß ich allerdings nicht.


    Gruß,
    Khampan

  • Zitat

    Original von Khampan
    Wo die Denon-CDs derzeit zu bekommen sind, weiß ich allerdings nicht.


    Nirgendwo, das Label gibt es AFAIK nicht mehr. Auf Ebay kann man Glück haben. Brilliant Classics hat etliche Denon-Aufnahmen im Katalog (Dalbertos Schubert, der Mozart von Pires zB).

  • Ich suche vergeblich diese spätere Denon-CD mit den Händelvariationen. Vielleicht findet sich ja mal jemand, der sie mir für ein paar Tage leihen kann.


    Bitte bedenken Sie, dass lautes Husten - auch zwischen den Stücken - die Konzentration der Künstler wie auch den Genuss der Zuhörer beeinträchtigt und sich durch den Filter eines Taschentuchs o. ä. erheblich dämpfen lässt.

  • Zitat

    Original von Khampan
    hmm, Aufnahme 1992 ist nicht gerade spät.
    Allein schon wegen des Coverfotos gebe ich diese CD nicht aus der Hand...
    nein, Spaß beiseite, aber Wien ist etwas weit weg für mich.


    Gruß, Khampan


    Ich habe eine Aufnahme der Händel-Variationen mit ihm aus den siebziger Jahren, und die bei Denon ist für mich "die spätere". Freut mich für dich, dass du die CD hast.


    Noch jemand, der sie hat und nicht aus der Hand gibt?


    :rolleyes:

    Bitte bedenken Sie, dass lautes Husten - auch zwischen den Stücken - die Konzentration der Künstler wie auch den Genuss der Zuhörer beeinträchtigt und sich durch den Filter eines Taschentuchs o. ä. erheblich dämpfen lässt.

  • :jubel:
    Die Händelvariationen gefallen mir höchstens mit Julius Katchen (aus der legendären Gesamtaufnahme) noch besser als mit Gelber (Denon). Die Sonate op. 5 ist 1A gespielt, die hallige Aufnahme stört mich überhaupt nicht; diese Musik verträgt das gut. Der Klang ist meiner Meinung nach sehr klar.


    Danke, Uwe!

    Bitte bedenken Sie, dass lautes Husten - auch zwischen den Stücken - die Konzentration der Künstler wie auch den Genuss der Zuhörer beeinträchtigt und sich durch den Filter eines Taschentuchs o. ä. erheblich dämpfen lässt.

  • Liebe Forianer,


    nach fast vier Wochen Wartezeit lag gestern endlich folgende CD in der Post:



    Ich kannte bisher kaum Aufnahmen von Gelber, habe ihn vor vielen Jahren einmal live im Herlulessaal in München erlebt (kann mich aber nicht mehr an das Programm erinnern) und bin jetzt wirklich SEHR überrascht. Die Beethoven-Sonate aus den 60er Jahren sind ungemein vital und sprühen nur so vor Energie, das Tempo wird durchgehalten, die Musik atmet und pulsiert. Seit langem habe ich diese Sonaten (op. 28 und 81) nicht mehr so frisch und lebendig erlebt. Freue mich heute Abend auf Schumann (op. 9 und 13) und Chopin (op. 58 ).


    Beste Grüße,
    Christian

  • Hallo liebe TaminoanerInnen


    Noch wenige biografische Hinweise zu Gelber wurden bis anhin in diesem Thread erwähnt. Dies möchten wir nun gerne nachholen.


    Bruno Leonardo Gelber ist 1941 in Argentinien in eine musikalische Familie geboren worden. Der Vater stammte aus Österreich, die Mutter aus Argentinien mit italienisch-französischem Hintergrund, ebenfalls eine begabte Pianistin.
    Bruno Leonardo Gelber begann mit drei Jahren Klavier zu spielen. Gelber sagte, „Meine Mutter wollte mich gar nicht unterrichten, aber ich habe versucht, mit einem Finger Melodien nachzuspielen und habe geheult und geschrien, wenn sie mir nicht geholfen oder mich sogar vom Klavier weggeholt hat.“ Das erste öffentliche Konzert folgt bereits mit fünf. Mit sieben erkrankte er an Kinderlähmung, was seinen Bewegungsablauf bis heute stark einschränkt. Bruno Leonardo Gelber war lange Zeit ans Bett gefesselt. Die Musik ist dem Kind jedoch bereits soweit zum Lebensinhalt geworden, dass er sich sein Klavier umbauen liess, um auch in dieser Zeit Üben zu können. Mit grosser Willensstärke hat er das Leiden nicht nur überstanden, sondern hatte ungeachtet aller Einschränkungen weiter geübt. Auf die Bühne konnte er während dieser Zeit nicht mehr, doch hatte er es geschafft mit acht ein Radiokonzert zu geben. Später studierte er zusammen mit Barenboim, Martha Argerich und Julio F. Largacha bei Vincenzo Scaramuzza in Buenos Aires. Im Alter von fünfzehn Jahren spielte er Robert Schumanns Klavierkonzert unter der Leitung des noch jungen Dirigenten Lorin Maazel, mit dem er auch in der Folge vielfach gemeinsam auftritt.


    Mit neunzehn Jahren bekam er schliesslich ein Stipendium in Paris bei der grossen Marguerite Long, als letzter Schüler der bei ihr studieren durfte. Sie gilt als eine der wichtigsten französischen Lehrerinnen und stammt aus dem Dunstkreis von Claude Debussy, Maurice Ravel und Gabriel Fauré. Long soll damals zu Gelber gesagt haben, „Sie werden mein letzter Schüler sein, aber der beste“. Sie veranlasst ihn, an ihrem Wettbewerb teilzunehmen, bei dem er den dritten Preis belegt. Dies rief einen Skandal herauf.


    Seine bevorzugten Komponisten liegen zwischen Bach und Brahms, auch etwas Schumann, Schubert und immer wieder Beethoven. Moderne Musik mag er überhaupt nicht. „That’s not my cup of tea“, sagte er einmal. Ebenso gerne wie das Solorezital liebt er die Kunst des Konzertierens mit Orchester. Inzwischen hat Bruno Leonardo Gelber etwa 5000 Konzerte gegeben mit Dirigenten wie Kurt Masur, Ernest Ansermet, Sergiu Celibidache, George Szell, Sir Colin Davis, Charles Dutoit, Lorin Maazel, Klaus Tennstedt, Mstislav Rostropovich, Christoph Eschenbach und Esa-Pekka Salonen.


    Einen Hauch Exotik umgibt diesen Pianisten. Gelber wirkt oft künstlich, geschlechtslos, das Alter schwer zu fassen, so auch auf den wenigen Fotos die es von ihm gibt. Er scheint von einer anderen Welt, seine Stimme oder seinen dicken Brillanten am Handgelenk, doch ist er äusserst höflich und verfügt über eine natürliche Gesprächigkeit mit warmem Humor und liebenswürdiger Herzlichkeit.
    Sein Stil ist geprägt zur Hinwendung des Erspürens, was im Saal passiert. Er versucht die Architektur eines Stückes zu erfassen, die Noten zu kolorieren und auszuschmücken. „Der geschriebene Notentext bildet immer nur die halbe Wahrheit“, sagte Gelber.


    Diesen Sommer soll der inzwischen siebzig jährige alte grosse Herr wieder nach Europa kommen. Warten wir darauf.


    Gruss


    romeo&julia

  • Diesen Sommer soll der inzwischen siebzig jährige alte grosse Herr wieder nach Europa kommen.


    Ich bin ganz erstaunt, dass Bruno-Leonardo Gelber schon Siebzig ist. Ich habe ihn vor einigen Jahren in der Düsseldorfer Tonhalle mit Rachmaninoffs Klavierkonzert Nr. 3 gehört - da wirkte er wesentlich jünger als ein Ü-Sechziger.


    Gelber war für mich vor diesem Konzert nur ein Name - ein Pianist, von dem weder viel gehört noch je eine CD erworben hatte. Seit ich ihn an diesem Abend erlebt habe, ist er für mich jedoch einer meiner Favourites. Er hat die große Solokadenz im ersten Satz dieses wunderbaren Klavierkonzerts mit einer Nonchalance gespielt, die ihresgleichen sucht. Und es gelang ihm mühelos, einserseits die ungeheure technische Virtuosität, die dieses Stück stellenweise erfordert, zu bedienen, gleichzeitig aber auch die leisen, lyrischen Töne in den liedhaften Passagen überzeugend zu spielen.


    Das Konzert habe ich mittelerweile mit vier verschiedenen Interpreten live erlebt - da gab sich manch einer schnaufend und schwitzend! Bei Gelber jedoch war davon nichts zu spüren. Diese zurückgenommende Art, die dennoch -oder gerade deswegen- ein Höchstmaß an Klanggenuss erzeugt, hat mich schier überwältigt.

  • Wenn man Wikipedia glauben darf, wird er erst siebzig, aber in diesem Jahr.


    Ich kenne seit Gelber seit Jahrzehnten. Nach wie vor gibt es in Frankreich mehr Interesse für diesen Pianisten.
    Er hat bereits 1965 fulminant das d-moll Konzert von Brahms eingespielt. Es gab aus der damaligen Zeit sehr schöne Aufnahmen von Beethoven, Schumann, Brahms.


    Lange war es stlller um ihn geworden. Der Denon-Zyklus der Beethovensonaten wurde nicht abgeschlossen.


    Wie schön, dass er immer noch beeindrucken kann. :)

  • Hallo liebe TaminoanerInnen


    Für Musikfreunde wie uns, die noch nie die Gelegenheit hatten einem Konzert mit Gelber beizuwohnen, gibt es jetzt die Gelegenheit eine Konzertaufzeichnung vom Dezember 1981 mit dem 2. Klavierkonzert op. 19 von Ludwig van Beethoven vom Label Testament zu erstehen, herausgebracht 2010.


    Klaus Tennstedt dirigiert die Berliner Philharmoniker, am Klavier Bruno Leonardo Gelber.



    Ich zitiere aus dem Booklet wie sich Bruno Leonardo Gelber 2009 in einem Gespräch mit der argentinischen Journalistin Cecilia Scalisi über das Konzert mit Tennstedt erinnert: "Das Zweite Klavierkonzert ist ein Werk voller Kontraste, aber gleichzeitig frisch, leicht, jugendlich. Man muss es galant und eitel spielen. Ganz wunderbar ist vor allem die Kadenz. Es ist reizend zu hören, wie ein reifer Beethoven voller Energie und Charakter in seine eigene Jugend einbricht... Aufregend! Den Dirigenten bitte ich immer, auf die Kontraste zwischen legato und staccato zu achten, weil gerade die Artikulation alles umfasst, was in der musikalischen Idee steckt. Klaus Tennstedt habe ich in Kiel kennengelernt; wir haben gemeinsam in Berlin musiziert. Er war einer der besten Dirigenten, mit denen ich zusammengearbeitet habe."


    Gelber trägt das Konzert anrührend und leichthändig mit delikater Artikulation vor.


    Gruss


    romeo&julia

  • Hallo liebe TaminoanerInnnen


    Hier noch einige Ergänzungen zu Bruno Leonardo Gelber.


    Der bekannte deutsche Kritiker Joachim Kaiser meine zu den ersten Debütauftritten in Köln, Stuttgart und in München „glichen fast einem Wunder“ und „wohl die grösste Klavierentdeckung seit dem Auftreten von Friedrich Gulda“.
    Seither spielt er mit grosser Kontinuität und hoher pianistischer Kompetenz mit warmem, griffigem Klavierton. Sein Charakteristikum ist geprägt von poetischem Realismus dem er all die Jahre treu geblieben ist. Sein Stil kommt wohl am wirkungsvollsten bei seinen Bach-Transkriptionen zum Ausdruck.


    Der Gefühlsmensch Gelber beschränkte sich bei seinem Repertoire ganz auf seine Solistenkarriere. Er unternahm niemals Ausflüge in die Kammermusik, begleitete auch keine Liedersänger und gab wenige Meisterkurse. Der Zyklus sämtlicher Klaviersonaten seines bevorzugten Komponisten Beethoven beim japanischen Label Denon vollständig einzuspielen, blieb leider unvollendet, wie es bereits Sagitt erwähnt hatte.


    Bis anhin blieb es uns leider versagt, diese Denon-Einspielungen zu hören. Hörerfahrungen sind hier gerne erwünscht.


    Gruss


    romeo&julia

  • Die 6 Folgen der Beethovensonaten bei Denon sind zumindest teilweise über Marketplace oder als mp3-Downloads oder direkt in Japan (hmv.jp oder cd-japan.com erhältlich; ebenso vermutlich die Brahms-CD. (Vier davon besitze ich, war aber zu geizig, die restlichen auch noch zu besorgen, zumal dieses Repertoire bei mir eigentlich ganz gut abgedeckt ist.) Für meine Ohren sind die CDs allerdings klanglich exzellent, von übermäßiger Halligkeit bemerke ich nichts.



    Die vor gar nicht so langer Zeit preiswert wiederveröffentlichte "Les Rarissimes" der franz. EMI (mit u.a. Beethoven op.27/1, 28, 81a, Wandererfantasie, Chopins 3. Sonate und Schumanns Carnaval+Sinf. Etuden) ist leider ziemlich teuer geworden.


    Gelber hatte für EMI in den 1960er/70ern ein wenig mehr Solorepertoire eingespielt (zB die 2. Schumann-Sonate und Mondschein/Pathetique (letztere als Füller mit dem 5. KK wieder zu haben)) als auf dieser Doppel-CD ist, aber vermutlich nicht genügend, dass sich eine größere Box lohnte. Genaueres weiß ich freilich nicht. Aber da die Rarissimes-Reihe wohl auch nicht mehr weitergeführt wird, wird es kaum eine 2. Lieferung geben, für die das Material vielleicht auslangen würde.
    Ich frage mich, ob an Konzerten mehr Aufnahmen vorliegen als bloß Brahms und Beethoven 3+5. Eigentlich müsste Gelber für Chopin, Schumann, Grieg und sicher auch Tschaikowsky, Liszt und Rachmaninoff ein idealer Interpret sein.

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Hallo Johannes,


    habe gerade mal bei iTunes reingeschaut. Dort gibt es für kleines Geld die Denon-Aufnahmen zum runterladen mit booklet zwischen 3,99 und 6,99 bzw. 9,99. Welche von den Sonaten sollte man denn, wenn man wollte, haben, die frühen oder die späteren, es geht glaube ich bis 31 zum runterladen. Habe alles schnipselweise gehört und fand den klang ausnahmsweise sehr gut.


    LG, Bernward


    "Nicht weinen, dass es vorüber ist
    sondern lächeln, dass es gewesen ist"

    Waldemar Kmentt (1929-2015)


  • Es ist länger her, dass ich die angehört habe.
    Aber op.27,1, op.28 und op.81a sind anscheinend so etwas wie Spezialitäten Gelbers, die er auch schon knapp 20 Jahre vorher für EMI aufgenommen hat. op.27/1 führt ja ein rechtes Schattendasein, insofern erfreulich, wenn ein Pianist sich gerade für dieses Werk einsetzt.


    Von den späten sind ohnehin wohl nur op.90 (die man nicht unbedingt spät zählt) und op.111 aufgenommen worden.


    Jedenfalls ist es sicher klug, erstmal einige Sonaten runterzuladen statt teuer in Japan zu bestellen.
    Sehr gelobt wird auch die Brahms-CD, die kenne ich aber nicht.


    Ich höre übrigens gerade die neulich von Willi erwähnte Aufnahme des 3. Beethovenkonzerts mit Gelber/Leitner. Der Kopfsatz ist mir (wie fast immer) zu zahm und zu lahm, nicht dass ich von Leitner hier mehr erwartet hätte, und Gelber spielt ketzerischerweise eine Kadenz von Reinecke, nicht Beethovens, aber im Finale geht gut die Post ab.


    Man darf von Gelber keine ausgefallenen oder bilderstürmerischen Interpretationen erwarten. Mir scheinen sie aber feuriger als oben Khampan mit "unpathetisch" andeutet.

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Leider betrifft es nicht nur die Aufnahmen von Künstlern wie Gelber, die bei Denon veröffentlicht haben, jetzt aber höchstens noch über Backkatalog/Restposten mittels Import erhältlich sind.
    Die Brahms-Einspielung aus den 90ern kenne ich zwar auch nicht, aber die gibt es zumindest inzwischen von dem kürzlich vorgestellten Label «PianoClassics» (Denon-Lizenz) für knapp 10 EUR bei jpc.
    Vielleicht beabsichtigt Pieter van Winkel, weitere Gelber-Aufnahmen herauszugeben. Und wenn man Glück hat, dann direkt die "neuere" Debussy-Gesamteinspielung von Michel Béroff hinterher... ;)


    Wenn Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann das Recht, den Menschen zu sagen, was sie nicht hören wollen. [frei nach George Orwell]

  • Sagitt meint:


    gerade hörte ich nochmals die Busoni-Bearbeitung von BWV 1004. Wer sich im Internet auskennt, wird fündig werden ( ich zwar nicht, aber mein Sohn!) und vielleicht dann auch niederknien: wie man SO spielen kann!

  • gerade hörte ich nochmals die Busoni-Bearbeitung von BWV 1004. Wer sich im Internet auskennt, wird fündig werden ( ich zwar nicht,aber mein Sohn!) und vielleicht dann auch niederknien: wie man SO spielen kann!


    Dieses Verlangen hatte ich schon, als ich BLG vor Jahren mit einem fulminanten Konzert erlebt habe. Busoni hat er da zwar nicht gespielt, dafür aber reichlich Beethoven, Brahms und Chopin. Von seinem kraftvollen Stil, gepaart mit technischer Brillanz war ich sehr beeindruckt.

    "Tatsachen sind die wilden Bestien im intellektuellen Gelände." (Oliver Wendell Holmes, 1809-94)