Martti Talvela: Ein sanfter Riese



  • Taminos, welche schon länger dabei sind wissen, dass ich einen gewissen Hang zur "Bassophilie" habe :D
    Insofern möchte ich mit diesen Thread mal wieder einem meiner Lieblingssänger widmen. Der finnische Bass Martti Talvela wurde am 04.02.1935 in Hiitola/Finnland geboren und verstarb leider viel zu früh bereits am 22.07.1989. Nach seinem Debüt 1960 in Helsinki als Sparafucile (Rigoletto/Verdi) fällt er Wieland Wagner auf, was der Beginn einer weltumspannenden Karriere werden soll. Im Folgenden interpretiert er weltweit alle Bassrollen Wagners und Mozarts, gastiert an allen großen Bühnen der Welt inklusive Bayreuths und der Salzburger Osterfestspiele. Ab 1962 gehört er dem Ensemble der Deutschen Oper an (was für "Goldene Zeiten" für dieses Haus, wenn man sich dort heute die Besetzungen anschaut :( ).
    Hinter der gewaltigen Erscheinung des hühnenhaften Mannes verbirgt sich (welch Segen für uns!) eine äußerst sensible Künstlerseele. Dem so jung aus dem beschaulichen Heim herauskatapultierten Sänger behagt die Weltkarriere nicht. Immer öfter wird er von Heimweh geplagt, sagt Auftritte ab. Erntet Unverständnis, dass er lieber in Finnland auf seinem Landgut sein möchte, als in Bayreuth zu singen.


    Die sensible Persönlichkeit prägt wenig verwundernd auch seine Gesangskunst: Obwohl mit einer Stimme von eindruckssvoller Fülle und warmem Timbre ausgestattet, glänzt er vor allem durch einfühlsame Sangeskunst und durch die psychologische Gestaltung der Rollen. Keine bloße "Röhre" also. Das Timbre ist unverwechselbar, obwohl man Ihn am einfachsten an seiner Art des Singens identifizieren kann. Er vermag seiner Stimme in vielen lyrischen Phrasen eine ausdrucksstarke Note zu geben, die manchmal fast "weinerlich" klingt, aber nicht kitschig wirkt. Ein Markenzeichen.


    Zum Leidwesen der Nachwelt sind wohl einige seiner Glanzrollen nicht oder nur ungenügend konserviert worden: So habe ich schon oftmals lesen müssen, dass seine Einspielung des Boris Godunov bei weitem nicht wiederzugeben vermag, was er der Rolle zu geben vermochte. Ebensolches soll wohl für seinen "Phillip II." (Don Carlos) gelten.
    Trotzdem ist auffällig, dass sein Name auf vielen Aufnahmen auftaucht, die im Rahmen des diskutablen Begriffes "Referenzaufnahme" heiss gehandelt werden:
    So singt er wunderbar in der Missa Solemnis unter Klemperer und im Karajan-Ring, Hunding und den Fasolt. Hier zeigt sich die Macht seiner Stimme vor allem im direkten Vergleich zum wahrhaft nicht schlechten Karl Ridderbusch als Fafner. Ein Highlight sicher auch die rührende Gestaltung des "König Marke" unter Böhm, der Titurell unter Knappertsbusch. Weiterhin wäre der "Daland" unter Klemperer zu erwähnen. Talvella war auch ein wundervoller Mozartsänger, wobei wohl die Aufnahmen unter Solti (Sarastro, Komtur und Osmin) auch nicht immer sein wahres Leistungsvermögen widerspiegeln sollen.
    Mich begeistert er z.B. auch in Haydns "Jahreszeiten" unter Böhm, obwohl da seine Stimme in der Höhe schon an Ihre Grenzen stößt.


    Jedenfalls ist der Mann für mich heutzutage leider massiv unterschätzt, seine großartigen Gesangsleistungen werden meist nur am Rande wahrgenommen, weil sie halt zu vielen großartigen Aufnahmen einfach dazugehören (was wiederum auch ein Lob für sich ist). Sicher auch begünstigt durch die Tatsache, dass in unserer Gesellschaft Tenor und Sopran schon immer höher angesehen waren, als die Bässe. Was für ein Segen doch, dass so viele Komponisten so wundervolle Arien für sie geschrieben haben.


    Besitzt Ihr Aufnahmen mit Talvela und wenn ja welche, ist Euch dieser Künstler schon mal in positiver oder negativer Hinsicht aufgefallen ?
    Kann sich noch jemand für diese einfühlsame Gesangskunst begeistern ?


    Gruß und schönes Wochenende
    Anti

  • Hallo Anti,


    Also als "massiv unterschätzt" würde ich Talvela sicher nicht bezeichnen, in einschlägiger Fachliteratur kommen immer wieder Bezeichnungen wie "führender Vertreter seines Fachs" oder "triumphale Erfolge" vor.


    Das erste Mal ist mir der Name etwa 1970 aufgefallen, er sang auf einer Fidelio - Aufnahme unter Böhm den Don Fernando.


    Dann besitze ich noch den "Fliegenden Holländer" unter Klemperer, wo er den Daland singt.


    Selbstverständlich auch die Jahreszeiten unter Böhm (Hier musste ich mich, als ich vergangenes Jahr, (oder war es heuer ?) die CD kaufte, erst an die Stimme gewöhnen, ich war Berry gewohnt.....


    Auch die Missa Solmnis unter Klemperer ist vorhanden


    Ich hätte schwören mögen, noch etliche Aufnahmen mit diesem Sänger zu besitzen, so vertraut scheint er mir, jedoch eine Überprüfung auf die Schnelle, ergab, daß er tatsächlich in meiner Sammlung nich alzu präsent ist. Das liegt aber eher daran, daß das Repertoire, dem er sich vorwiegend verschrieben hatte (Wagner, russisches Repertoire) in meiner Sammlung nur sehr gering vorhanden ist.


    Mal sehen was in diesem Thread noch an Schätzen ausgegraben wird.



    Beste Grüße aus Wien


    Alfred

  • @Alfred:


    O.K., massiv unterschätzt ist sicher etwas übertrieben und entsprang meinem missionarischen Eifer. ;) :D
    Aber ich hatte in der Tat den Eindruck, dass er etwas aus dem öffentlichen Bewußtsein verschwunden ist. Was natürlich nur allzuverständlich ist ob des frühen Ablebens, aber im Vergleich zu anderen großen Bässen der Vergangenheit scheint er mir vergleichsweise weniger gegenwärtig, vielleicht nur ein subjektiver Eindruck.


    Es gibt eine "Entführung" mit Ihm unter Solti (VPO), weiterhin singen Gruberova, Battle, Winbergh, Zednik. Mal schauen, davon fehlt mir noch eine Aufnahme, muss da mal reinhören. Wobei ich natürlich auch an der Aufnahme mit Gottlob Frick interessiert bin. Wird wohl eine Frage des ersten Reinhörens, wer das Rennen macht. Früher oder Später hab ich dann eh beide. :rolleyes:


    Gruß
    Sascha

  • Anzufügen wäre noch, daß Talevela einen ganz herausragende Großinquisitor in Soltis "Don Carlos" (mit Bergonzi, Fischer-Dieskau und Ghiaurov u.a. ohnehin unvergleichlich besetzt) sang.


    Sein Tod kam damals sehr überraschend, denn wenn ich mich recht entsinne, trat er ein, als Talvela sich entschloß, weniger Bühnenpräsenz zu zeigen und dafür in Finnalnd als Intendant (?) tätig zu werden.


    Da ich ebenfalls Bässe sehr gerne höre, ist mir Talevela in guter Erinnerung. Antracis' Einschätzung seiner Stimme und Verdienste ist igs. nichts hinzuzufügen.

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.
    Gustav Mahler

  • Hallo Norbert,


    danke für den Tipp. Ich hatte diese Aufnahme - zu einer Zeit als mir der Name Talvela noch nichts sagte schon alleine wegen Ghiaurov, welcher ebenfalls einer meiner Lieblingssänger ist, ins Auge gefasst.
    Dann aber aus den Augen verloren, da mit der Giulini-Aufnahme bei EMI eine auch durchaus gute Aufnahme zur Verfügung steht, die fast 1/3 des Preises zu haben ist.
    Jetzt fallen mir aber mindestens 4 gute Gründe für Solti ein, darüberhinaus hab ich die Oper heute für nur 45€ im Laden gesehen, kommt also auf den Wunschzettel. ;)


    Oliver : In der Tat ist ers, das Gänsehauterlebnis teilen wir. ;)


    Gruß
    Sascha

  • An den Themenstarter:
    Ein herrliches Thema, ein wunderbarer Titel über Talvela.
    Einmal durfte ich Talvela an der Staatsoper als Fiesco in Simone Boccanegra "live" erleben. Meine Erinnerungen sind zwar schon etwas getrübt, aber daß man den 2m großen Talvela zwei Stufen höher als Luis Lima (ca. 1,6 m) stellte, sorgte für Heiterkeit im Publikum.
    Von der Aufführung habe ich mir notiert, wie mich die Interpretation von Talvela beeindruckte. Davor war ich der Meinung, Italianitá wäre nicht seines.
    Unvergleichlich für mich ist Talvela als Minister in Fidelio - eine Orgel der Menschlichkeit, um diese abgedroschene Phrase zu verwenden.
    Weitere Aufnahmen von ihm wurden teilweise schon erwähnt:
    Sein Marke
    der Simon in den Jahreszeiten
    der Osmin in "Die Entführung" aus 1980 aus München
    Sarastro 1982
    und natürlich Fasolt, als Mitarbeiter der Baufirma Fafner und Fasolt, die Walhall 1965 in Bayreuth errichtete.


    Gerwald

    Otto Rehhagel: "Mal verliert man und mal gewinnen die anderen".
    (aus "Sprechen Sie Fußball?")

  • Toll, das sich jemand an diesen grossartigen Sänger erinnert,dessen Stimme man nur noch "konserviert" hören kann.
    Ich habe ihn als Filippo, Marke,Daland,Osmin,Sarastro erleben dürfen und war immer gefesselt von seiner stimmlichen Ausdruckskraft, die jede Partie zum Erlebnis werden ließ. Er strahlte auch menschlich das gewisse Etwas aus, was mir aus persönlichem Erleben am Bühnenausgang unvergesslich bleibt.


    Gruss Guido

  • Spät, aber hoffentlich noch nicht zu spät (ich bin erst seit kurzem Mitglied in diesem Forum) möchte auch etwas zu diesem Thema beisteuern, zum einen, weil ich Talvela zu einem sehr frühen Zeitpunkt seiner Karriere erlebte, zum anderen, weil ich in Finnland in der Nähe des Bauernhofes lebe, den Talvela bis zu seinem Tode bewirtschaftete und wo seine Witwe noch heute lebt.


    Doch zurück zu den Anfängen. Früher war es in Bayreuth üblich, daß es typische Aufsteigerpartien gab, in denen ein Sänger beobachtet wurde, ob er für größere Aufgaben zu gebrauchen war. Im Parsifal waren es Titurel und der 2. Gralsritter, und so fiel mir 1962 die butterweiche Stimme des Titurel auf - wie ich auf einem Foto, das ich damals machte, feststellen konnte, figürlich noch schlank! 1964 wurde diesem jungen Mann dann gleich eine der Hauptpartien des Baßfaches anvertraut, der Landgraf im Tannhäuser, und das neben solchen Größen wie Rysanek und Windgassen. Und dann ging es mit der Karriere sehr schnell, nicht nur, aber auch in Bayreuth, bis zu seinem freiwilligen Rückzug aus der Wagner-Metropole, den besonders derjenige versteht, der schon einmal einen finnischen Sommer erlebt hat!


    Statt den Sommer in Bayreuth zu verbringen, wirkte Talvela nun in Savonlinna, und der Aufstieg dieses Festivals ist unzertrennbar mit seinem Namen verbunden. Man kann sogar behaupten, daß es ohne Talvela Savonlinna nicht mehr gäbe. Sein internationales Renommee erleichterte es, in einer Zeit, in der es auch in Finnland eine anti-elitäre Bewegung gegen Oper gab, Savonlinna durchzusetzen, so daß es heute nicht mehr wegzudenken ist. Talvela war nicht nur Intendant und Sänger in Personalunion, sondern kannte auch keinen Neid auf Kollegen. In seiner Zeit wurden einem Matti Salminen erste große Rollen anvertraut, alternierte Talvela mit seinem Baßkollegen Heikki Toivanen (wer erinnert sich noch an seinen Fasolt im Bouilez-Chéreau-Ring in Bayreuth?).


    Eine Großtat war die Verpflichtung August Everdings für eine Zauberflöte, deren Publikumserfolg (nicht zuletzt durch die Verwendung der finnischen Sprache) so groß war und noch immer ist, daß diese Inszenierung im kommenden Sommer wiederaufgenommen wird.


    Seine Witwe sagte mir einmal, seine glücklichste Zeit habe er an der Hamburgischen Staatsoper gehabt, denn damals sei er noch nicht krank gewesen. Er litt an Diabetes und hat sein Leben leider nicht darauf eingestellt. So zog er sich nach und nach aus dem aktiven Sängerleben zurück und kaufte sich in der Nähe Mikkelis (er, der aus einer karelischen Bauerfamilie stammte) einen Bauerhof, den er ökologisch bewirtschaftete. Ein Vertrag, Intendant der Finnischen Nationaloper zu werden, war schon unterschriftsreif, doch der Tod kam dazwischen : Am Vorabend der Hochzeit seiner ältesten Tochter (seine Frau war schon schlafen gegangen) brach Talvela beim Tanz zusammen und verstarb kurze Zeit darauf.


    Talvela genießt in Finnland auch heute noch Kultstatus. Noch vor seinem Tode war der Große Saal des Konzerthauses in Mikkeli, wo heute Gergievs Mariinsky-Festival stattfindet, nach ihm benannt worden, und seine Nachfolger in Savonlinna ernten heute, was Talvela gesät hatte.


    Im Rückblick steht für mich nicht der Stimmbesitzer im Mittelpunkt, sondern seine menschliche Ausstrahlung. Meine Datenbank verzeichnet zwar, daß ich ihn einmal als Hagen gehört habe, doch bezeichnenderweise fehlt mir daran jede Erinnerung. Diese Partie, die ja auch an einem Kurt Moll vorüber gegangen ist, paßte einfach nicht zu Talvelas eher weichen Stimme, aber gerne erinnere ich mich an das "Duell" der beiden Baß-Giganten Ghiaurov und Talvela in der Hamburger "Chowanschtschina", und zum Glück ist ja auch deren Filippo und Großinquisitor der Nachwelt erhalten geblieben.


    Seine Witwe veröffentlichte zwei Erinnerungsbücher unter den Titeln "Aina on polku eessä" bzw. "Maailma on kovin suuri" ; für den, der nicht der finnischen Sprache mächtig ist, wohl lediglich durch die Fotos und die Rollenaufzählung interessant, wie auch das im vergangenen Jahr erschienene Buch Pekka Hakos "Unohtumaton".


    Martti Talvela hat unter den finnischen Bässen keinen Nachfolger gefunden, obwohl Matti Salminens Ruhm es mit seinem durchaus aufnehmen kann. Am ähnlichsten im Timbre ist ihm noch Jaakko Ryhänen.


    Danke an den Eröffner dieses Threads, dessen Bezeichnung "Sanfter Riese" nicht nur in stimmlicher, sondern auch menschlicher Beziehung äußerst stimmig ist.


    Schöne Grüße aus Finnland

  • Hallo,


    auch für mich unvergessen (live): Talvela und Ghiaurov als Großinquisitor resp. Philipp! Da bekam man die Ganslhaut.....


    Austria

    Wir lieben Menschen, die frisch heraus sagen, was sie denken - vorausgesetzt, sie denken dasselbe wie wir (Mark Twain)

  • Lieber Sune,


    Du hast mir das meiste ja schon abgenommen (und einiges dazu, daß ich so nicht wußte). Insofern bleibt mir nur, ein paar persönliche Erinnerungen nachzutragen. Auch ich habe den Hagen damals gehört (er sang in dem "Ring" auch noch Fasolt - neben Molls Fafner - und Hunding). Und soweit ich das noch in Erinnerung habe - es muß 1970 oder 71 gewesen sein -, fehlte der Stimme trotz ihrer Größe die charakterisierende Härte a la Greindl oder Frick für die Partie. Er hat das wohl auch selbst gewußt und die Partie meines Wissens dann nicht mehr gesungen, wie er ja auch König Heinrich und Pogner (sicherlich aus anderen Gründen) ziemlich schnell beiseite gelegt hat. Dafür war er ein wundervoller Gurnemanz, ein in Böhms Bayreuther "Tristan" für mich bis heute unerreichter Marke, bei Mozart neben dem Sarastro ein phänomenaler Komtur (der es sich außerdem bei seiner Statur erlauben konnte, ohne technische Tricks "in persona" zu erscheinen). Und nicht vergessen werden sollte auch sein Boris, in Hamburg damals noch auf deutsch, der gerade in den Piani durch die weichheit seiner Stimme beeindruckte.
    Diese Fähigkeit hat ihn auch zu einem für sein Stimmfach ungewöhnlich guten Liedersänger gemacht, wie man mit einer von Haus aus derartig großen Stimme Schumanns "Zu Augsburg steht ein hohes Haus" derartig diffizil singen kann, wird für mich wohl ewig eines der großen Rätsel bleiben.
    Wer also den Sänger Talvela in seiner ganzen Vielfältigkeit erleben will, dem seien sowohl die DECCA-CD mit Schumanns Kerner-Liedern, den Liedern und Tänzen des Todes von Mussorgski sowie Rachmaninow-Liedern als auch die Winterreise mit Ralf Gothoni (da hab ich jetzt das Label nicht im Kopf) wärmstens empfohlen.


    Schönen Sonntag
    hartmut

  • Zitat

    ... als auch die Winterreise mit Ralf Gothoni (da hab ich jetzt das Label nicht im Kopf) wärmstens empfohlen.


    Diese Empfehlung unterstütze ich nachdrücklich, ich habe diese Aufnahme noch als gute alte LP (es sind zwei). Sie wurde von TelDec im DMM-Verfahren aufgenommen. Wirklich hörenswert!

  • Eine Ergänzung zur Winterreise:
    Es gibt meines Wissens nach drei oder vier verschiedene Aufnahmen von denen mindestens zwei kurz vor seinem Tod entstanden sind. Hierbei ist unbedingt der bei dem Label Bis erschienenen Aufnahme der Vorzug zu geben!


    Außerdem möchte ich folgende CD empfehlen, die neben verschiedenen Opernausschnitten von 1963-1988 einige sehr schöne finnische Lieder von Toivo Kuula und Yrjö Kilpinen enthält. Trotz seiner zu Recht gerühmten Leistungen im Opernrepertoire würde ich seine Leistungen als Liedsänger sogar als noch wichtiger sehen.



    man beachte z.B. das letzte Stück auf der CD :jubel: :jubel: :jubel:

  • Heute abend war die wöchentliche Sendung des RBB Kulturradio "Schöne Stimmen" Martti Talvela gewidmet und brachte einige schöne Anekdoten, und vor allem natürlich Hörbeispiele dieses famosen Sängers.


    Restlos begeistert hat mich aber wieder einmal sein Fasolt in Wagners Rheingold - hier ja ebenfalls schon hochgelobt. Es ist wirklich erstaunlich, wie Talvela diese kleine Rolle anlegt. Grandios gesungen, vor allem aber wird da ein ungemein sensibles Wesen gezeichnet, dem man sein Mitgefühl einfach nicht verweigern kann. Traurig zu sehen, wie oft diese Rolle doch stiefmütterlich behandelt wird
    .
    Sängerisch auf jeden Fall eines der absoluten Highlights des Karajan-Ringes, auch wenn es nicht gerade der umfangreichste Part ist und für mich eine der größten Leistungen Talvelas, auch wenn Rollen wie Marke, Großinquisitor, Sarastro natürlich schwerer wiegen mögen.


    Jedenfalls :jubel:


    Gruß
    Sascha

  • Hallo Sascha,


    das ist ja das Schöne an den Interpretationen Talvelas, dass sie bei aller schieren Pracht und Sonorität der Stimme immer auch diese heftige Verletzlichkeit eines großen Kindes haben. Man merkt seinem Fasolt an, dass er in Freia tatsächlich verliebt ist (der schmerzlich-innige Ausdruck bei "..ein Weib zu gewinnen, das wonnig und hehr bei uns Armen wohne."). Und er trifft genau den Ton des ursprünglichen, fast kreatürlichen Unverständnisses des Naturwesens dafür, dass man überhaupt auf die Idee kommen kann, Macht gegen Liebe einzutauschen ("Die ihr in Schönheit herrscht, schimmernd hehres Geschlecht, wie töricht strebt ihr nach Türmen von Stein, setzt um Burg und Saal Weibes Wonne zum Pfand."). Nicht zuletzt wegen der Leistung Talvelas (aber auch anderer Sänger) schätze ich persönlich Karajans "Rheingold" sehr, trotz gewisser Schwächen.


    :hello:


    GiselherHH

    "Mache es besser! (...) soll ein bloßes Stichblatt sein, die Stöße des Kunstrichters abglitschen zu lassen."


    (Gotthold Ephraim Lessing: Der Rezensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt)

  • Hallo zusammen,


    die von GiselherHH zu Recht erwähnte Verletzlichkeit, die trotzt aller Kraft in Martti Talvelas Stimme mitschwang, ist m. E. besonders schön in der Aufnahme von Beethovens Missa Solemnis zu hören.
    Diese Aufnahme aus dem Jahre 1965 (mit Elisabeth Söderström, Marga Höffgen, Waldemar Kmentt und Martti Talvela als Solistenquartett und dem New Philharmonia Chorus/Orchestra), geleitet von Otto Klemperer, hat bis heute nichts von ihrer Bedeutung verloren. Martti Talvela ist in der Lage, sowohl die von Klemperer geforderte stimmliche "Wucht" zu bieten, in anderen Phasen dann wieder wundervolles Mezza Voce. Dabei singt er sich überhaupt nicht in den Vordergrund, die Messe wird nicht zur Oper.


    Gruß
    Pylades

  • Zitat

    Original von Pylades
    Hallo zusammen,


    die von GiselherHH zu Recht erwähnte Verletzlichkeit, die trotzt aller Kraft in Martti Talvelas Stimme mitschwang, ist m. E. besonders schön in der Aufnahme von Beethovens Missa Solemnis zu hören.


    Stimmt, man höre nur, wie bewegend er beispielsweise die Wörter "Benedictus" im gleichnamigen Teil oder das "Miserere" im Agnus Dei singt.


    :jubel:


    Gruß
    Sascha

  • Liebe Taminos,


    Rienzi-Gerwalds Enthusiasmus für Talvelas Minister in "Fidelio" unterstreiche ich voll und ganz. Das gilt nicht nur stimmlich, auch darstellerisch war er da voll präsent.


    Aufgenommen hat M.T. den "Fidelio" 1969 mit Karl Böhm und der Staatskapelle Dresden - auch sonst eine sehr eindrucksvolle Wiedergabe und etlichen Momenten, die absoluten Referenzcharakter beanspruchen dürfen.


    LG


    Waldi

  • Hallo Waldi,


    ich gestehe, dass ich mit der genannten Böhm-Fidelio-Aufnahme nie ganz warm geworden bin. Eine eindrucksvolle Ansammlung an großen Namen, aber irgendwie passt mir da zu wenig zueinander, jedenfalls wird aus meiner Sicht nicht annährend die qualitative Geschlossenheit der Klemperer-Aufnahme erreicht.


    Wo wir uns aber schnell einig werden: Aus meiner Sicht muß man diese Aufnahme wegen Talvela kennen. :yes:


    Gruß
    Sascha

  • Lieber Sascha,


    Gegen Gwyneth Jones und James King kann man natürlich etwas einwenden, aber trotzdem würde ich deren Interpretationen in die oberste Gruppe (nicht die Spitze) einordnen. Was mir neben Talvela besonders gefällt, ist die Intensität von Böhms Dirigat und wie er die Ensembles und Chöre hinkriegt - da schmelze ich. Durchwegs vorzüglich besetzt sind die kleinen Rollen. Bei Theo Adam mag es sein, daß ich unbewußt auch seinen Bühnen-Pizarro (Wiener Staatsoper, Otto-Schenk-Inszenierung - eine der mich weniger ansprechenden Leistungen Ottis) mit einbeziehe, der mich wahnsinnig beeindruckt hat und der für mich seither den Maßstab setzt.
    Zwischen Böhm und Talvela stimmt jedenfalls die Chemie hundertfünfzigprozentig. "Es sucht der Bruder seine Brüder..." ist ein Gänsehaut-Moment!


    LG


    Waldi

  • Gerade bemerke ich, daß die wunderbare Gesamtaufnahme mit M. Talvela in der Titelrolle wieder herauskommt:



    Ich mag Martti Talvela sehr wegen seiner melancholischen Tiefe, die ihn gerade für den Boris prädestiniert. Die Gesamtaufnahme mit J. Semkow schätze ich seit vielen Jahren sehr, weil sie das Fahle, Verhangene des Werks herausarbeitet, in kräftigen, warmen Farben. Sehr zu empfehlen!

  • Weil ich nicht alle historischen Eintragungen nachlese, bin ich eben erst jatzt auf die Würdigung eines meiner Lieblingssänger gestoßen. Was an Lob über ihn geschrieben worden ist, kann ich aus der Erinnerung des eigenen Hörens nur bestätigen und unterschreiben.


    Ich habe Martti Talvela oft und in verschiedenen Partien in Wien gehört, ein paar Mal in Hamburg und in einer Aufführung in Covent Garden. Ewig in Erinnerung wird mir ein "Holländer" in Wien bleiben, in dem Talvela die Inkarnation eines Daland war und Theo Adam an seiner Seite einen kongenialen Holländer sang. Von der Premiere des "Don Carlos" (ebenfalls Wien) gibt es ja einen mehr oder weniger offiziellen Mitschnitt; die Szene Philipp (Ghjaurov) - Großinquisitor (Talvela) war für mich eine der Sternstunden meines Opernlebens (und kommt am Tonträger nicht ganz so gut rüber, weil der optische Eindruck dazu fehlt). Und mit Wehmut erinnere mich an "Parsifal" in Hamburg (mit Rysanek und dem jungen Peter Hoffmann), in dem Talvela durch seine pastose Stimme ein Interpretationsideal war.


    Michael 2

  • Meine Erinnerungen an Talvela sind nur positiv.
    Ich denke nur an den Riseen im Rheingold.
    Talvela und Salminen welche grossartigen Riesen waren sie!
    Auf CD singt er im Rigoletto unter Bonynge mit Pavarotti,Freni den Sparafucile.
    Das sind immer offene Wunden,aus leider vergangenen Zeiten.


    Rita

  • Vielen Dank an antracis, dass er an Martti Talvela erinnert hat!
    Für mich war Talvela - trotz Gottlob Frick, Karl Ridderbusch und Nicolai Ghiaurov - die schönste Bassstimme, die ich je gehört habe.
    Unvergesslich sind mir etwa sein Gurnemanz oder ein Verdi-Requiem im Münchner Herkulessaal unter Kubelik.
    In einem Liederabend im Herkulessaal hatte ich einmal das Glück, ihn aus der 3. Reihe zu erleben: eine Orgel in Menschengestalt.
    Sein summum opus aber war für mich sein "Boris", in dem er nicht nur - dem Verständnis des Geschehens sehr förderlich auf Deutsch - grandios sang, sondern auchgroßartig und zu Herzen gehend spielte.
    Ghiaurovs Stimme war noch gewaltiger. Sein Münchner Konzert von 1966 gehört zu meinen ganz großen Opernerlebnissen. Aber an balsamischem Wohllaut, meine ich, war ihm Talvela noch überlegen.

  • Zitat

    Original von Austria
    Hallo,


    auch für mich unvergessen (live): Talvela und Ghiaurov als Großinquisitor resp. Philipp! Da bekam man die Ganslhaut.....


    Austria


    Liebe Austria!


    Sein großartiger Sarastro wir für mich, und ich habe im Laufe meines Lebens genug Sarastros gehört und gesehen,


    wird mir immer in Erinnerung bleiben.


    Lienbe Grüße sendet Dir Peter aus Wien. :hello: :hello:

  • Es ist zwar schon eine Weile her, dass Basso auf die "Winterreise" hingewiesen hat - hier eine optische Unterstützung bezüglich des Labels.
    Dass Talvela auch Robert Schumann sang, ist mir neu. Die Kerner-Lieder würden mich schon sehr interessieren, sind jedoch derzeit am Markt nicht zu finden, aber ich war erstaunt, dass "meine" Winterreise noch aktuell erhältlich ist.



    Ein einziges Mal konnte ich Martti Talvela auf der Opernbühne erleben, er sang den Osmin, eine Rolle, die hier bisher noch nicht genannt wurde. Natürlich war sein Auftritt absolut souverän!