Jazz als Bruder der Klassik ?

  • Liebe Forianer,


    Als Tamino vor nunmehr über 2 Jahren eröffnet wurde, hatte ich im Hinterkopf ein kleines Jazzforum einzurichten.


    Meine Liebe zum Jazz ist relativ jung , konservativ (wer hätte auch was anderes erwartet) und nicht sehr stabil.
    Mit anderen Worten mir fehlt es vorne und hinten am nötigen Fachwissen, zudem endet meine "Zuneugung" in etwa um 1950 (immerhin einige Jahrzehnte später als im KLassikbereich)


    Das Jazzforum - Schlauberger haben es schon erkannt - war also in erste Linie als "Nachhilfe" in Sachen Jazz für mich geplant gewesen - indes lehnten die damaligen Forianer die Idee kategorisch ab.


    Wie das heute ist vermag ich nicht zu beurteilen - aber mich würde zumindest interessieren wer gelegentlich oder öfter Jazz hört - und ob ihr den Jazz als der Klassik ebenbürtigen Partner seht....



    mfg


    aus Wien


    Alfred

  • kleine Kulturrevolution...? :D


    Ich würde mich über ein kleines Jazzforum im internen Bereich freuen... (vor allem auch, um mir Anregungen zukommen zu lassen)
    Ich höre "gelegentlich" Jazz, aber auch nur die üblichen Verdächtigen von Louis Armstrong, Django Reinhard etc. bis Miles Davis. Ein ausführliches Hintergrundwissen ist nicht vorhanden.


    Und was die Frage betrift, ob "Jazz ein ebenbürtiger Partner der Klassik" sei: hatten wir nicht schonmal einen ähnlichen Thread...?


    ?( :hello:

  • Momentan beschäftige ich mich überhaupt nicht mit Jazz - er steht auf der "to listen"-Liste, aber auf der stehen zuvor noch so viele andere Werke aus dem Bereich der Klassik. Bin ein absoluter Jazz-Laie, der sich aber trotzdem auch in diesen Bereich hineinhören möchte (na ja, nachdem ich mein Klassikprogramm durch habe - aber das wächst schneller, als abgearbeitet wird). Mir geht es also wie Alfred, der sich eher Anregungen wünscht, als konstruktiv Wissen und Erfahrungen einbringen zu können :D
    Man könnte ja vorerst wirklich mit einem eigenen kleinen Bereich einmal anfangen, um zu testen, wie die Resonanz ist. Die Tamino-Mitglieder rekrutierten sich ja jeweils immer aus Klassik-Fans, so dass es Zufall wäre, hierunter auch Jazz-Liebhaber zu finden - besser gesagt: Experten wird man kaum finden (bis auf die Musikwissenschaftler), aber dann hätten wir auch wieder etwas, das uns eint: zusammen sich neues zu erarbeiten und Erfahrungen austauschen.


    Zum Verhältnis Klassik/Jazz: Ich weiß, dass es diesen (leider) mittlerweile geschlossenen Thread über die Wertigkeit verschiedener Musikrichtungen gibt und dass man von einem Teil der Forenmitglieder geächtet wird, wenn man sich verallgemeinernd und herablassend über andere Richtungen äußert bzw. zu werten beginnt.
    Trotzdem: :P
    IMO gibt es kaum Stile, die an Klassik auch nur annähernd herankommen können. Eine der wenigen Ausnahmen stellt aber dann doch Jazz dar, der durchaus qualitativ sehr hochwertig, innovativ, rhythmisch interessant und vielschichtig sein kann, was ihn adelt und fürs Forum tauglich machen würde.


    Bin mal gespannt, wie die anderen Meinungen hierzu sind :pfeif:


    :hello:
    Stefan

  • Ich bin auch absoluter Jazz-Laie. Für mich stellt sich nicht die Frage, ob Jazz jetzt in irgendeiner Weise der Klassik ebenbürtig ist - dafür finde ich sie dann doch zu verschieden und je nach Standpunkt kann hier wahrscheinlich sowohl das eine als auch das andere höher geschätzt werden. Aber an sich finde ich Jazz unheimlich toll und höre das auch wirklich gerne.
    Als Brüder würde ich die beiden auch nicht bezeichnen - für mich sind das eher zwei verschiedene Familien, die ihre Wurzeln ganz woanders haben.


    Um es mal ein bisschen vereinfacht auszudrücken: Die Klassik versucht doch eher, durch das gegebene Notenmaterial des Komponisten die Musik zum Klingen zu bringen, die der Vorstellung des Komponisten entsprechen. Der Musiker ist zu einem großen Teil Interpret. Oder wie seht ihr das?


    Der Jazz ist in dieser Beziehung vielleicht doch ein bisschen "freier", indem die Grenzen des Notierten relativ leichtfüßig verlässt und dem Musiker viel Raum gibt sich zu entfalten. Hier steht weniger eine Reproduktion im Vordergrund als vielmehr die spontane Improvisation.


    Das ist nun wirklich sehr vereinfacht dargestellt und ich bitte das nicht falsch zu verstehen: Klassische Musik ist keine reine Reproduktion genauswenig wie Jazz nur Improvisation ist. Beide haben letztendlich als Ergebnis beseelte Musik, aber die Herangehensweise und die Rolle des Musikers ist doch eine Verschiedene.


    Was meint ihr?


    Benjamin



    PS: Habe letztens diese Jazz-CD gefunden und bestellt (zufällig im WDR gesehen). Kostet nicht viel (bei Amazon günstig zu haben) und für einsame (oder zweisame?) nächtliche Stunden ganz schön zum Hören.


    Ach, und bevor ich's vergess: Über ein Jazz-Forum würde ich mich auch freuen - schon allein um ein bisschen besser bekannt zu werden mit der Musik.

  • Zitat

    Ein ausführliches Hintergrundwissen ist nicht vorhanden

    .


    Ich glaube DAS ist das Problem.


    Und es gibt weitere:


    Vor allem - das wusste ich lange Zeit nicht -ist der Jazz Marktanteil WESENTLICH geringer als jener der Klassik.


    Zudem scheinen "Jazzer" eher schreibfaul zu sein.


    Ich erinnere mich noch gut, daß ich in einem Jazzforum hin und wieder vorbeischaute , wo eigentlich nur 3-4 Poster den Löwenanteil bestritten - der Rest erschien sporadisch auf der Bildfläche - wenn wo eine Frage auftauchte.


    Ich möchte hier - wenn überhaupr - eine kleine Jazzecke einrichten - für unsere Klassik- Mitglieder (daher mit PW).
    Was ich NICHT möcht ist ein Jazzforum in der Grösse von Tamino - mit eigenen Mitgliedern - solchen denen Klassik egal iist.....


    LG


    Alfred

  • Ich würde ein Unterforum sehr begrüßen. Ich höre gelegentlich Jazz, würde aber auch hier hoffen, neue Einsichten zu erlangen.


    Ob der Jazz nun der Klassik ebenbürdig ist, oder nicht, vermag ich nicht zu beurteilen. Ich erfreue mich an dem einen, wie an dem anderen.


    Auch hinsichtlich des Jazz können sich bei genauerem Hinschauen unendliche Weiten offenbaren. Da gibt es den klassischen Jazz, den avantgardistischen Jazz, Viel perverse (im Sinne von verdreht) Musik, die stark durch den Jazz geprägt ist, Big-Band-Jazz etc. Jazzmusiker sind meist ganz große Virtuosen.


    Manchmal packt es mich und ich krieg eine Jazzphase.

  • hallo,


    ein jazz-bereich ist sicher interessant.


    ich höre öfters mal jazz, meist in phasen (z.b. 2 wochen fast nur, dann wieder länger nicht).
    jazz mit klassischer musik zu vergleichen, ist natürlich schwierig - die grenzen verschwimmen auch in neuerer zeit. b.a. zimmermann etwa hat in seinen klassischen stücken immer wieder auch jazz-elemente drinnen (soldaten...) und es gibt ja viele jazz-musiker, die sich auch des klassischen repertoires annehmen (und umgekehrt, wie bei gidon kremer).
    ich finde auch, ein vergleich muß gar nicht sein, beides ist "kunst", und hat seine berechtigung.


    greetings, uhlmann

  • Einen (kleinen) Jazzbereich fände ich auch nicht schlecht, zumal ja tatsächlich Überschneidungsbereiche zur Klassik an mehreren Ecken "lauern" und hier tatsächlich interessante Querverweise etc. ganz gut hinpassen könnten.


    Neben dem von Robert Stuhr genannten Keith Jarrett könnte man ja auch sogenannte "Cross-Over"-Ausflüge in den Jazz-Bereich von klassischen Instrumentalisten und SängerInnen hier vorstellen, ich denke z. B. an den Flötisten Emmanuel Pahud oder die Mezzosopranistin Anne-Sofie von Otter.


    Ein weiterer Bereich wäre die "verjazzte" Klassik à la "Play Bach" von Jacques Loussier und Co. (da gibt es viele interessante Beispiele, die ich immer wieder gerne höre, so sie denn einfallsreich gemacht sind).


    Und schließlich könnte man evtl. auch über Musik von klassischen Komponisten wie Schostakowitsch, Gershwin, Weill oder Bernstein (und andere...) hier etwas einbringen, die im "Jazz-Bereich" gewirkt haben - obwohl das natürlich Definitionssache ist...


    Ich denke also, dass einige Anschlussgebiete an die Klassik auf mehreren Ebenen bestehen dürften, weswegen ein überschaubarer Jazzbereich hier bei TAMINO sicher nicht wie ein völlig deplatzierter Fremdkörper wirken dürfte....

    "Es ist mit dem Witz wie mit der Musick, je mehr man hört, desto feinere Verhältnisse verlangt man."
    (Georg Christoph Lichtenberg, 1773)

  • Zitat

    Original von Walter.T
    Jazz sehe ich durchaus als ebenbürtigen Partner. Ein eigenes Jazz-Forum ist eine sehr gute Idee.


    Ist mir aus der Seele gesprochen! Es gibt immer wieder Phasen, da höre ich ausgesprochen gerne und viel Jazz, besonders die Skandinavier haben es mir angetan. Die weiter oben erwähnte Silje Neergard und andere.


    Herzliche Grüße,:hello: :hello:


    Christian

  • Hallo Alfred,


    auch von mir eine unbedingte Zustimmung zu einer solchen Einrichtung!! Wie ja schon des öfteren erwähnt, bin ich fleißiger Jazz-Hörer und Praktizierender. Mit 16 entdeckte ich den Jazz für mich, zehn Jahre später kam erst die Klassik hinzu. Heute halten sich meine Hörgewohnheiten, Anteile meiner CD-Sammlung und Konzertbesuche beider Disziplinen in etwa die Waage.
    Meine Erfahrung ist die, dass intensive Jazzhörer zum allergrößten Teil selbst Musik machen. Ich lebe selber in einer Jazzhochburg und kenne eigentlich nur Leute, die Musiker - zum Teil auf Hobby-Ebene - und leidenschaftliche Hörer in Personalunion sind. Dass Jazzforen bislang eher schwerfällig in Gang kamen, kann ich nur bestätigen. Allerdings sind mir die Gründe bislang eher verschlossen geblieben.


    Keep Swingin':D
    B.

  • Darf ich höflich auf diesen Thread verweisen und bemerken, das ich durchaus auch nichts gegen einen Jazz-Bereich im öffentlichen Teil des Forums hätte - freilich nur, wenn an anderer Stelle (Zusammenziehung der diversen Opern-Threads etwa) etwas entschlackt würde?


    Beste Grüsse,


    C.

    Die wirkliche Basis eines schöpferischen Werks ist Experimentieren - kühnes Experimentieren! (Edgar Varèse)

  • An einem kleinen Bereich für Jazz im Forum würde ich mich beteiligen, wenn ich Jazz auch als relativ eigenständige ästhetische Musikform ansehe. Es gibt Bezüge und Schnittstellen, aber Jazz ist Jazz und Klassik etwas anderes. Mein eigener Schwerpunkt ist auch deutlich die Klassik. Den bestimmtenden Schwerpunkt der Klassik sehe ich hier im Forum durch eine solche Erweiterung in keiner Weise gefährdet.


    Ich habe eine schon umfangreiche Sammlung von Jazz-Aufnahmen vor allem aus den Jahren 1950 bis etwa 1968 und ausgesuchte aktuelle Aufnahmen. Auch Kenntnisse der Entwicklungsrichtungen des Jazz und von etlichen Jazzmusikern - samt Literatur - sind vorhanden. Es würde mir Freude machen Hinweise zu geben, wenn dies gewünscht wird. Es gibt da sehr viel schöne Musik zu erkunden.


    Wir könnten ja etwa damit beginnen, dass Aufnahmen, die hier jemand für wichtig und gut hält, vorgestellt werden.


    Mit besten Grüßen


    Matthias

  • Zitat

    Original von Caesar73
    Lieber Matthias,


    das ist eine gute Idee! Möchtest Du den Anfang machen? (Vorausgesetzt die Moderation hat nichts dagegen?


    Von der Idee ist eher die Administration betroffen, denn die muß das (Unter-)Forum ggfs. einrichten.


    Der moderate Norbert

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.
    Gustav Mahler

  • Dass Jazzmusik sich hinsichtlich Ausdrucksintensität und Niveau nicht hinter der klassischen Musik verstecken muss, steht für mich außer Frage. Die Frage geht eher in die Richtung, ob es in ein Klassikforum gehört und wenn ja, auf welche Weise.


    Bevor ich die Klassische Musik ernsthaft kennenlernte, habe ich nahezu ausschließlich Jazzmusik gehört, darüber gelesen und auch im Amateurbereich selber Jazz gespielt. Auch heute noch ist mir der Jazz sehr wichtig, und das wird auch wohl so bleiben.


    Aber er ist von seiner Art her doch ganz anders als die klassische Musik. Wie Benjamin richtig sagte, ist die Jazzmusik im Unterschied zur Klassik doch eher inprovisationsorientiert, und da liegt für mich auch der Grund, warum über Jazz im Allgemeinen weniger geschrieben wird (bitte verzeiht die vereinfachende Plattheit): über Jazz wird nicht geredet, Jazz wird gemacht.


    Über ein mir wichtiges klassisches Werk könnte ich mich stunden- und tagelang austauschen; eine gute fertige Komposition ist voller Wunder, die Schönheit besteht bereits auf dem Papier und überträgt sich in mein Denken; das Hören ist natürlich ein übriges. In der Jazzmusik liegen die Schönheit und das Geheimnis m.E. weniger auf dem Papier als vielmehr im improvisatorischen Spiel des Moments, also im "Jetzt". Die theoretische Auseinandersetzung wird also, wie ich vermute, erheblich weniger ergiebig sein als bei der klassischen Musik (da ist das Prinzip der Schönheit die Zeitlosigkeit).


    Das heißt für mich, dass Jazzmusik der klassischen Musik vom Prinzip her nicht näher sein muss als z.B. Popmusik, eher im Gegenteil.


    Wenngleich das Hinzufügen des Jazzbereiches in diesem Forum fürmich keine herausragende Bedeutung hätte, kann ich mir ein Jazzforum als Nebenforum analog zum Literaturthread aber durchaus als belebend und fruchtbar vorstellen, hat der Jazz doch eine interessante Geschichte vorzuweisen. Ich würde mich an diesem Forum beteiligen.


    Uwe

  • Zitat

    Original von C.Huth
    Darf ich höflich auf diesen Thread verweisen und bemerken, das ich durchaus auch nichts gegen einen Jazz-Bereich im öffentlichen Teil des Forums hätte - freilich nur, wenn an anderer Stelle (Zusammenziehung der diversen Opern-Threads etwa) etwas entschlackt würde?


    8o Entschlacken?! Wie soll das denn geschehen? Wir haben eine Kunstecke, eine Literaturecke, warum nicht auch noch eine Jazz-Ecke? Aber bitte nicht auf Kosten anderer Bereiche - Jazz soll ja dann Bruder und nicht Rivale der Klassik sein, was bei der Abwägung Oper vs. Jazz irgendwie nicht mehr so ganz gegeben wäre :rolleyes:


    :hello:
    Stefan

  • Man könnte in dem Zusammenhang ja auch mal die wesentlichen Unterschiede zwischen Jazz und Klassik nennen. Da fällt mir zunächst ein, dass ich immer, wenn ich Jazz (wobei ich am ehesten an kleine Besetzungen und weniger an Big Bands denke) hörte, den Eindruck bekam, dass es keinen roten Faden, keine Entwicklung und schon gar keinen Spannungsbogen gibt, sondern dass da einfach vor sich hinimprovisiert wird und jeder Musiker sein Virtuosentum unter Beweis stellt. Ihr Anziehungspotenzial scheint diese Musik dann aus der "coolen" Ausstrahlung zu schöpfen, die sie von sich gibt. Während klassische Musik den Mut zum Pathos und zur Verletzlichkeit hat und dadurch ihre Intensität gewinnt, bleibt Jazz immer unverbindlich. Außerdem fällt mir auf, dass es im Jazz fast immer um Personen und Persönlichkeiten geht. So sind Jazzbands meinem Eindruck nach fast immer nach einem der Mitwirkenden benannt, während z. B. Rockformationen meistens mit ihrem Namen ein Konzept zum Ausdruck bringen, das von den Personen abstrahiert ist. Insofern finde ich Jazz ein wenig eitel und oberflächlich. Er kann auch keine bleibenden musikalischen Werke produzieren, da, wie hier schon richtig bemerkt wurde, alles durch Spontaneität wirkt. Wenn ich (wie im anderen Jazz"thread") lese, dass Jazz die einzige Musik ist, die der Klassik "ebenbürtig" ist (schon an sich eine problematische Fragestellung), dann möchte ich dezent auf den Progressive Rock verweisen, wo Alben wie "Foxtrot" von Genesis oder "Close to the edge" von Yes mit komplexen Strukturen aufwarten, die den endlosen Sologirlanden eines noch so versierten Jazzmusikers völlig abgehen. Das sind die Eindrücke eines Kaum-Kenners dieses Musikbereichs, über die sich Jazz-Liebhaber wahrscheinlich ärgern werden, aber vielleicht kommt dadurch ja auch eine angeregte Diskussion zu stande, die meinen Kenntnisstand ein wenig erweitert.

    „People may say I can't sing, but no one can ever say I didn't sing."
    Florence Foster-Jenkins (1868-1944)

  • Zitat

    Original von Draugur
    Man könnte in dem Zusammenhang ja auch mal die wesentlichen Unterschiede zwischen Jazz und Klassik nennen. Da fällt mir zunächst ein, dass ich immer, wenn ich Jazz (wobei ich am ehesten an kleine Besetzungen und weniger an Big Bands denke) hörte, den Eindruck bekam, dass es keinen roten Faden, keine Entwicklung und schon gar keinen Spannungsbogen gibt, sondern dass da einfach vor sich hinimprovisiert wird und jeder Musiker sein Virtuosentum unter Beweis stellt. Ihr Anziehungspotenzial scheint diese Musik dann aus der "coolen" Ausstrahlung zu schöpfen, die sie von sich gibt. Während klassische Musik den Mut zum Pathos und zur Verletzlichkeit hat und dadurch ihre Intensität gewinnt, bleibt Jazz immer unverbindlich.


    Die "Kraft" des Jazz wird doch gerade aus der Unverbindlichkeit erzeugt - aus der Freiheit, keinen genau aufgeschriebenen Notentext vor sich zu haben und einfach alles in die Musik zu packen was einen gerade bewegt. Bei den kleinen Jazz-Formationen, die Du ansprichst, bemerkt man oft, dass sich die einzelnen Musiker mit ihren Soli abwechslen. Dann greift der eine die Improvisation des anderen auf, legt seine eigene Seele dort hinein, usw...


    Und von wegen Verletzlichkeit: Der Blues ist doch eben gerade der Schmerz, der sich auch hier in der Musik ausdrücken kann (und nicht nur in der Klassik). Es scheint mir, dass Du die nächtliche Atmosphäre mit "Coolness" gleichsetzt (ich habe da immer so eine kleine Jazz-Combo vor Augen die, in blaues Licht gehüllt, in einer kleinen Nachtbar spielt), aber eigentlich ist genau das Gegenteil ist der Fall. Gerade in der Nacht "öffnet" sich doch eigentlich der Geist eines Menschen und die Welt ist eine völlig andere als tagsüber (ich hoffe man versteht, was ich meine :D).
    Mit dem Pathos hast du allerdings recht - den Pathos des Jazz kann man vielleicht auf eine andere Art erfahren - aber an sich hat die klassische Musik vielleicht aufgrund ihrer Entwicklungsgeschichte ein ganz anderes Selbstbewusstsein. Der Jazz hatte seit seiner Entstehung immer eher ein "Schattendasein" geführt, wurde vielmals unterdrückt und nicht ernst genommen (den Studiengang Jazz- und Popularmusik gibt es ja meines Wissens noch gar nicht so lange).


    Zitat

    Original von Draugur
    Außerdem fällt mir auf, dass es im Jazz fast immer um Personen und Persönlichkeiten geht. So sind Jazzbands meinem Eindruck nach fast immer nach einem der Mitwirkenden benannt, während z. B. Rockformationen meistens mit ihrem Namen ein Konzept zum Ausdruck bringen, das von den Personen abstrahiert ist. Insofern finde ich Jazz ein wenig eitel und oberflächlich.


    Ich glaube, dass sich hier die Klassikbranche teilweise auch an die eigene Nase fassen kann bei Deiner Aussage... :stumm:;)


    Zitat

    Original von Draugur
    Er kann auch keine bleibenden musikalischen Werke produzieren, da, wie hier schon richtig bemerkt wurde, alles durch Spontaneität wirkt. Wenn ich (wie im anderen Jazz"thread") lese, dass Jazz die einzige Musik ist, die der Klassik "ebenbürtig" ist (schon an sich eine problematische Fragestellung), dann möchte ich dezent auf den Progressive Rock verweisen, wo Alben wie "Foxtrot" von Genesis oder "Close to the edge" von Yes mit komplexen Strukturen aufwarten, die den endlosen Sologirlanden eines noch so versierten Jazzmusikers völlig abgehen.


    Dass Jazz keine bleibenden musikalischen Werke produziert, finde ich auch eine mutige Aussage ;). Sicherlich gibt es nicht die 20 Symphonien eines Glenn Millers, aber wenn man sich ein bisschen im Jazz umschaut, stößt man doch immer wieder auf viele bekannte Jazz-Standards, die von jedem Musiker wieder völlig anders interpretiert werden könne und im Prinzip hat der Musiker hier alle Möglichkeite sich auszudrücken zu können - das ist natürlich aber wiederum schon was anderes wie das niedergeschriebene Werk eines Beethovens, aber Jazz hat nunmal seit eh und auch davon gelebt, dass die Musik eben nicht zwangsläufig aufgeschrieben werden musste.


    Viele Grüße soweit :hello:,
    Benjamin

  • Hallo,


    ich bin wegen der Klassischen Musik hier, alle anderen Themen interessieren mich - jedenfalls momentan - nicht. Ich finde es sogar lästig, bei jedem neuen einloggen Kunst- und Musikerforum ausblenden zu müssen, damit ich nicht so ewig weit nach unten scrollen muß. An einem Jazz-Forum würde ich mich ebenso wenig beteiligen. Es gibt zwar einige wenige Richtungen, die ich hin und wieder höre (Big Band & Dixiland zum Beispiel) aber das Meiste ist mir egal. Wovon ich allerdings Gehörgangbluten bekomme, das sind die unsäglichen Bachbearbeitungen von Loussier.


    herzliche Grüße,
    Thomas

    Da freute sich der Hase:
    "Wie schön ist meine Nase
    und auch mein blaues Ohr!
    Das kommt so selten vor."
    - H. Heine -

  • Zitat

    Ich finde es sogar lästig, bei jedem neuen einloggen Kunst- und Musikerforum ausblenden zu müssen, damit ich nicht so ewig weit nach unten scrollen muß.


    Einfache Sofortmaßnahme: Nie ausloggen!


    Wunsch an den Weihnachtsmann: Die Forensoftware könnte sich so eine Einstellung merken (denn sie tut es offenbar noch nicht).

  • Ich würde mich über ein Jazz (unter)Forum sehr freuen.
    Ich höre regelmäßig und viel Jazz, vlt. nicht ganz so viel wie "Klassik".
    Am meisten gefallen mir Jazzer, die entweder echte (!) Volksmusik einfließen lassen (dann z.B Latin-Jazzer wie Michell Camillo etc.) oder diejenigen, welche Elemente aus der Klassik aufgreifen (Dave Brubeck, Lennie Tristano, Bill Evans :jubel: :jubel: :jubel: )


    Mir fehlt es aber an echtem Fachwissen.

    Das Frühstück ist ihm viel zuviel Zeremonie. Die ganze Lächerlichkeit kommt zum Ausdruck, wenn ich den Löffel in die Hand nehme. Die ganze Sinnlosigkeit. Das Zuckerstück ist ja ein Anschlag gegen mich. Das Brot. Die Milch. Eine Katastrophe. So fängt der Tag mit hinterhältiger Süßigkeit an.

  • Ich höre selten Jazz (US 3, Petrucciani, Charlie Parker, Doldinger, Brubeck, Miles Davis, Big Band). Ich habe
    a) wenig bis keine Ahnung
    b) schon zu wenig Zeit für Klassik


    Im Hinblick auf die Erfahrungen mit den Literatur und Malereiforen, die Tamino auch nicht geschadet haben, spricht nichts gegen ein Jazzforum. Ist IMO auch "Kunstmusik". Allerdings sehe ich schon den nächsten Tamino, der dann ein Forum für "anspruchsvolle, klassische Rock- und Popmusik" einfordert....
    Man (Alfred) muss halt achtgeben, daß Tamino nicht vom Klassikforum zum Musikforum oder Kulturforum mutiert.

  • Zitat

    Original von Benjamin_MüllerDass Jazz keine bleibenden musikalischen Werke produziert, finde ich auch eine mutige Aussage ;). Sicherlich gibt es nicht die 20 Symphonien eines Glenn Millers, aber wenn man sich ein bisschen im Jazz umschaut, stößt man doch immer wieder auf viele bekannte Jazz-Standards, die von jedem Musiker wieder völlig anders interpretiert werden könne und im Prinzip hat der Musiker hier alle Möglichkeite sich auszudrücken zu können - das ist natürlich aber wiederum schon was anderes wie das niedergeschriebene Werk eines Beethovens, aber Jazz hat nunmal seit eh und auch davon gelebt, dass die Musik eben nicht zwangsläufig aufgeschrieben werden musste.


    Da scheinen wir uns also doch recht einig zu sein. Jazz-Standards sind doch weniger fertige Kompositionen als Grundmaterial, das durch einen kreativen Musiker zum Leben erweckt werden muss.


    Im übrigen fände ich es problematisch, hier ein Jazzforum einzurichten, weil dann auch mit Recht z. B. für den Progressive Rock, Art Rock oder andere "anspruchsvolle" Musikrichtungen derartiges eingefordert werden könne.

    „People may say I can't sing, but no one can ever say I didn't sing."
    Florence Foster-Jenkins (1868-1944)

  • Ich hätte nichts gegen ein Jazz-Forum.
    Als Pianist habe ich selber jahrelang als "Ausgleich" im Trio gejazzt und höre ausgesprochen gerne Bill Evans, Oscar Peterson, Charlie Parker, Cedar Walton, Michel Camilo, Paquito d'Rivera usw.


    Übrigens wird im Jazz viel mehr aufgeschrieben als man denkt.
    Ein Peterson oder Evans hat jahrzentelang an seinen Soli gefeilt und es gehört durchaus zur Ausbildung, sich Soli berühmter Jazzer aufzuschreiben und zu üben.
    Es gibt ausführliche Jazz-Schulen u.a. von Axel Jungbluth oder eben auch Peterson.
    Nicht umsonst ist Jazz seit Jahrzenten ein äußerst anspruchsvoller Studiengang an zahlreichen Hochschulen.
    Die ausgefeilten Arrangements der zahlreichen Big-Bands sind so gut wie durchkomponiert und lassen nur ganz wenig Spielraum für Improvisationen.
    Im übrigen ist Jazz nicht der große Bruder oder die kleine Schwester oder irgendetwas anderes, sondern schlicht und ergreifend Jazz, mit all seinen interessanten Unterformen und stilistischen Entwicklungen.
    Bleibende Werke gibt es jede Menge, ich möchte da nur einmal an zwei Giganten, nämlich Charlie Parker oder Miles Davis erinnern, deren Musik heute schon unsterblich ist.


    Ansonsten gefällt mir Uwe Schoof's Anmerkung

    Zitat

    über Jazz wird nicht geredet, Jazz wird gemacht

    ausnehmend gut, und daher lasse ich es mal hierbei.


    LG.,


    Michael

  • Guten Morgen.


    Ein Unterforum? Warum nicht. Wie man es auch dreht und wendet, Jazz ist von der Klassik thematisch gewiss nicht weiter entfernt als Malerei oder Literatur - was bei den Taminos ja auch auf Interesse stößt.


    Mir hat bislang die Idee am besten gefallen, dass man in diesem Unterforum einfach seine Lieblings-Jazz-Aufnahmen vorstellt. Das wäre meines Erachtens für Jazz-Laien, wie es der Großteil von uns sein dürfte, am interessantesten.


    Und wenn wir schon mal dabei sind: Warum nicht auch mal über andere Musik etwas schreiben - vielleicht in einem klitzekleinen Unterforum, dass für Hardcore-Klassik-Fans kaum zu entdecken ist? ;)


    :hello:


    Gruß, l.


    P.S.: Hallo Draugur, Jazz, also guter Jazz ist für mein Empfinden alles mögliche, aber nicht unverbindlich.