• Zunächst muß ich den Titel erläutern, der nach Alfreds Vorbild mehr Blickfang als korrekt ist ;)
    Mit heiligen Kühen bezeichnet man in englischsprachigen Foren Einspielungen, die fast unantastbaren Ruhm zu genießen scheinen, die man selbst jedoch für eher uninteressant hält.
    Gewiß könnte jetzt jeder solche aufzählen, mir geht es aber um etwas anderes, für das ich keinen besseren Titel wußte.
    Angesichts der kürzlich mal wieder sehr deutlich gewordenen Vielfalt persönlicher Geschmäcker und angeregt von Edwins "Aussteigerthread" sollen Werke (keine Interpretationen) genannt werden, die von Komponisten stammen, die ihr eigentlich sehr schätzt und die auch ziemlich berühmt sind, die ihr aber nicht besonders mögt, jedenfalls nicht ihrem offenbar allgemein anerkannten Rang entsprechend.
    Natürlich ist das oft nur eine relative Zurücksetzung, d.h. man findet das Werk nicht direkt schlecht, nur eben lange nicht so gut wie anscheinend der Rest der Musikwelt. (d.h. Wellingtons Sieg relativ schlecht zu finden ist nicht gemeint!)


    Bei mir kommt das eigentlich eher selten vor, da ich fast immer die meisten Werke eines Komponisten, den ich wirklich mag, sehr liebe, aber da gibt es z.B. (zunächst noch ohne Begründung)


    Beethoven: Violinkonzert, Pastorale
    Schubert: Wandererfantasie
    Mozart: Jupitersinfonie (außer dem Finale)


    viele Grüße


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Ich hätte die folgenden heiligen Kühe anzubieten:


    Mahler: Symphonien Nr. 1 und 4
    Mendelssohn: Symphonie Nr. 3 "Schottische"
    Mozart: Zauberflöte
    Richard Strauss: Till Eulenspiegel und Die Frau ohne Schatten
    Schostakowitsch: Symphonien Nr. 5 und 7
    Tschaikowsky: Symphonie Nr. 6
    Wagner: Tristan


    Flo

  • Ullis Antwort hat was; darüber muss ich mal lange nachdenken.


    Ein Beispiel von mir im Bereich der Kammermusik: die beiden Streichsextette von Brahms. Fast überall werden diese sehr herausgehoben und gepriesen; für mich stehen sie, trotz unzweifehafter Qualitäten, weit hinter einigen anderen Kammermusikwerken dieses Komponisten wie z.B. besonders den Streichquintetten, die im Allgemeinen erheblich weniger Erwähnung und Freunde finden.


    Uwe

  • Zitat

    Original von Uwe Schoof
    Ullis Antwort hat was; darüber muss ich mal lange nachdenken.


    Salut,


    da will ich Dir ein wenig helfen: Alles, was ich nach Mozart nannte, ist mir persönlich zu schwülstig. Ich kenne zwar längst nicht alles der genannten Komponisten; was ich aber hörte, lies mich sie schnell wieder vergessen. Es ist nicht mein Geschmack.


    Bei Mozart ist das so, dass es für mich keine heilige Kuh mehr ist, da ich jede einzelne Noten [mit extrem wenigen Ausnahmen] persönlich kenne. Er hat für mich an Reiz, nicht aber an Bedeutung, verloren. Ich höre Mozart extrem selten - nur wenn man mich dazu zwingt :D - lesen hingegen [ob Briefe oder Partituren] weitaus öfter.


    Und um vielleicht doch noch beim Thema zu bleiben: Ich finde Haydns Quinten-Quartett weitaus besser, als Mozarts Haydn-Quartette in der Summe... wenn es aber das QQ nicht gäbe, sähe die Sache schon wieder anders aus.


    :hello:


    Ulli

  • Hallo,


    ein merkwürdiger Thread, in der Tat. Ich denke da können Kommentare zu bisher genannten Werken nicht ausbleiben, dadurch wird's evtl. noch richtig interessant.


    Beethoven (mein 1. Favorit): Pastorale (witzig, hatten wir schon)
    Brahms (mein 2. Favorit): 1. Streichsextett op. 18 (dito). Allerdings muß ich Uwe beim 2. Sextett op. 36 heftig widersprechen (schon mit l'Archibudelli gehört?). Auch das 1. Streichquintett op. 88 mag ich nicht (sehr im Gegensatz zum zweiten op. 111), es zählt aber nicht zu den heiligen Kühen.
    Debussy (mein 3. Favorit): Prélude à l'après-midi d'un faun (ich bevorzuge herben Wein, keinen süßen).


    Ferner, dem Beispiel von Ulli folgend:
    Wagner komplett
    Schönberg komplett, ganz besonders seine Bearbeitung von Brahms' Klavierquartett g-Moll.


    Kommentar zu den Nennungen von Barockbassflo:
    obwohl ich mir nicht viel aus Mendelssohn mache, gehören drei seiner Werke zu meinen Favoriten: Hebriden-Ouvertüre, die "Schottische", die "Italienische". Eine Erklärung dafür hab ich nicht.


    Gruß, Khampan

  • Zitat

    Original von Khampan
    ein merkwürdiger Thread, in der Tat. Ich denke da können Kommentare zu bisher genannten Werken nicht ausbleiben, dadurch wird's evtl. noch richtig interessant.


    Beethoven (mein 1. Favorit): Pastorale (witzig, hatten wir schon)


    Ich habe wirklich nichts gegen die oft vernachlässigte lyrische und humorvolle Seite Beethovens, etwa in etlichen Violin- und Klaviersonaten. Aber die Pastorale hat definitiv Längen (dito das Violinkonzert) und die illustrativen Elemente finde ich etwas albern, besonders wenn man das Werk eben schon kennt und weiß: jetzt kommen die Vogelstimmen, jetzt das Gewitter usw.
    Die Wandererfantasie finde ich konzeptuell interessant wegen der zyklischen Form, aber große Teile davon sind in meinen Ohren recht brutales, repetitives Gedonnere. Zwar fehlen die himmlischen Längen, dafür aber auch die Schubertschen Melodien.
    Das Finale der Jupitersinfonie ist grandios, aber die ersten drei Sätze finde ich relativ platt verglichen mit den anderen späten Mozartsinfonien.
    und natürlich das "Krönungskonzert" D-Dur KV 537 Ich verstehe nicht, warum das immer noch beliebter ist als so fantastische Stücke wie KV 459 oder 503 :rolleyes:


    Zitat


    Brahms (mein 2. Favorit): 1. Streichsextett op. 18 (dito). Allerdings muß ich Uwe beim 2. Sextett op. 36 heftig widersprechen (schon mit l'Archibudelli gehört?). Auch das 1. Streichquintett op. 88 mag ich nicht (sehr im Gegensatz zum zweiten op. 111), es zählt aber nicht zu den heiligen Kühen.


    Ich lieb das 1. Sextett sehr, auch wenn (oder gerade weil) es vielleicht noch nicht so konzentriert ist wie spätere Werke. Bloß das Finale ist noch zu Schubertisch, zu lang und zu repetitiv. Auch mag ich das 1. Quintett lieber als das 2. (wobei ich gestehen muß, die beide längst nicht so gut zu kennen wie Klavier- und Klarinettenquintett).


    Was mir gerade noch einfällt:
    Ravel: Bolero, Daphnis & Chloe können mir ebenfalls gestohlen bleiben...keineswegs aber sein Klaviertrio, Quartett, das Konzert f. die Linke Hand, La Valse usw.


    viele Grüße


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Zitat

    Was mir gerade noch einfällt:

    Zitat

    Ravel: Bolero, Daphnis & Chloe können mir ebenfalls gestohlen bleiben...keineswegs aber sein Klaviertrio, Quartett, das Konzert f. die Linke Hand, La Valse usw.


    Da muss ich leider widersprechen: Der Bolero ist ein sehr ausdrucksstarkes Werk...nunja, ich will es dabei belassen; mir gefällt der Bolero gut, und ich werde ihn nie leid.


    Nun zu Daphnis und Chloe: ich tu mich wahrlich schwer, Orchesterwerke zu verteidigen, aber dieses Werk ist nunmal ein ganz besonderes; es sticht in seiner feinen, sensiblen , ja fast atemberaubenden Instrumentation absolut hervor und zählt völlig zurecht zu den großen Orchesterwerken.


    Meine Vorschläge hinsichtlich der Kammermusikwerke von Brahms möchte ich am liebsten zurückziehen, da sie wohl den Anforderungen dieses Threads nicht genügen: sie sind nicht ziemlich berühmt, wie wohl kaum ein Kammermusikwerk außer der Elise (ich mag sie) ziemlich berühmt, also auch nicht wesentlich überschätzt, ist.


    Uwe

  • Zitat

    obwohl ich mir nicht viel aus Mendelssohn mache, gehören drei seiner Werke zu meinen Favoriten: Hebriden-Ouvertüre, die "Schottische", die "Italienische". Eine Erklärung dafür hab ich nicht.


    Tja, Erklärung habe ich leider auch keine - hinsichtlich der Hebriden-Ouvertüre sind wir uns jedenfalls einig, ob nun mit oder ohne Erklärung. Die "Italienische" mag ich auch recht gern (vor allem in der Aufnahme mit Leopold Stokowski 1977), aber sie fällt für mich doch weit zurück hinter die "Reformationssymphonie" (mein Mendelssohn-Favorit) und die "Lobgesang"-Symphonie.


    De gustibus...


    Herzlicher Gruß,
    Flo

  • Ravels Bolero ist definitiv überflüssig.
    Mit Schumanns Cellokonzert komme ich nicht klar. Was mich das schon an wertvolle Lebenszeit gekostet hat.


    Dvoraks 9. ist hingegen genial. Wer das nicht erkennt, sollte kostenlos Straßenbahn fahren dürfen.



    Thomas Deck

  • Juhu ich darf umsonst Straßenbahn fahren. :D
    Ne Spass beiseite.
    Ulli
    Sicher das du von den Komponisten ALLES toll findest?
    z.B. hab ich mal gehört Wagner soll mal 3 Klaviersonaten geschrieben haben, die nicht so der Brüller sind.
    Also alles finde ich von keinem Komponisten toll.
    Bach und Beethoven kommen schon nah daran, das ich sagen würde, von denen brauch ich alles, aber eben nur fast von Beethoven gefällt mir z.b. die erste symphonie nicht und von Bach gefällt mir das Osteroratorium nicht.

  • Zitat

    Original von kleinershredder Ulli
    Sicher das du von den Komponisten ALLES toll findest?


    Das erschreckende ist, dass er von den genannten Komponisten NICHTS toll findet, wenn ich das richtig verstanden habe ;)


    Also bei mir gilt das nahezu grundsätzlich für Komponisten mit "M". Mozart, Mendelssohn, Mahler. Der erste ist mir zu heiter (vom allerspätesten Spätwerk mal abgesehen), der zweite ist mir zu süßlich, der dritte ist mir zu breit. Ich mag tendenziell lieber Komponisten mit "B".

    „People may say I can't sing, but no one can ever say I didn't sing."
    Florence Foster-Jenkins (1868-1944)

  • Frei nach Lichtenberg ("Wenn ein Buch und ein Kopf zusammenstoßen, und es klingt hohl, ist das allemal im Buch?") könnte man auch fragen, wie die Relation ist, wenn ein Musikwerk und ein Kopf zusammen stoßen. Bei mir habe ich jedenfalls zuerst immer den Verdacht, es liege an mir - und so wird es auch bei der folgenden Heiligen Kuh sein, die ich auch nach wiederholtem Hören nicht verstehe:


    Beethoven - Streichquartett op. 133 B-dur "Große Fuge"

  • Mitunter sind es für mich auch nur einzelne Sätze (wie Johannes es bei der Jupitersinfonie empfand), keine gesamten Werke die in diese Kategorie fallen:


    Tschaikowski: Violinkonzert, 3. Satz
    Mendelssohn: Violinkonz. Op. 64, 3. Satz
    Mozart KV 456: 3. Satz (nachdem die ersten beiden Sätze grossartig waren)
    Von Vivaldi kann ich jetzt bestenfalls Op.8 Nr. 3 (Herbst) nennen.


    Zur Ehrenrettung der Komponisten sei gesagt, dass diese Sätze an sich nicht 'schlecht' sind, sondern bestenfalls im Vergleich mit dem übrigen Werk etwas abfallen.

  • Zitat

    Frei nach Lichtenberg ("Wenn ein Buch und ein Kopf zusammenstoßen, und es klingt hohl, ist das allemal im Buch?") könnte man auch fragen, wie die Relation ist, wenn ein Musikwerk und ein Kopf zusammen stoßen. Bei mir habe ich jedenfalls zuerst immer den Verdacht, es liege an mir


    Lieber alfons,


    diesen Disclaimer hätte ich auch noch vorausschicken sollen - meine volle Zustimmung hierzu!
    Flo

  • alles liegt an einem :wacky:
    das ist ja auch nur eine art negativer lieblinge-thread. und damit alle mitschreiben können, hat jr es auf schlachtrösser eingeschränkt. also die rösser, bzw. kühe, welche ich schlachte, aber nicht verspeise:


    z.b.u.a.
    bach: brandenburgische
    beethoven: symph 9
    schubert: forellenquintett
    schostakowitsch:symph 7

  • Einige meiner Kühe wurden schon genannt...


    Beethovens Violinkonzert mag ich nicht, auch das von Dvorák nicht.
    Bei Beethoven ist es die 9. Sinfonie und das 3. Klavierkonzert.
    Ansonsten gibt es bei mir wenig Werke, die nicht gefallen, aber das sind keine Schlachtrösser.



    Gruß, Peter.

  • Nun denn:


    Beethoven: Egmont-Ouverture - ich weiß nicht, ob ich die hasse oder liebe - irgend so ein Zustand dazwischen - zumindets höchst selten im Player


    Mendelssohn: Violinkonzert - gähn....


    Brahms: Violinkonzert -der dritte Satz ist umwerfend, wenn ich aufgrund der ersten beiden nicht schon eingeschlafen bin :stumm:


    Brahms: 2. Symphonie


    Wagner: fast alles bisher


    Chopin: traumatisiert


    Verdi: beinahe komplett


    Puccini: äh ja...... :no:


    das sollte reichen, um eine Welle der Empörung auszulösen :D


    :hello:
    Wulf.

  • Hey KSM,


    huch, jetzt bin ich erstaunt, daß Du in der kurzen ZEit mein Posting gelesen hast. Habe es sofort zurückgenommen, da sich das "berühmt" IMO auf die Komponisten bezogen - und das ist Stockhausen ja allemal..


    :hello:
    Wulf.

  • Zitat

    Original von Draugur


    Das erschreckende ist, dass er von den genannten Komponisten NICHTS toll findet, wenn ich das richtig verstanden habe ;)


    Also bei mir gilt das nahezu grundsätzlich für Komponisten mit "M". Mozart, Mendelssohn, Mahler. Der erste ist mir zu heiter (vom allerspätesten Spätwerk mal abgesehen), der zweite ist mir zu süßlich, der dritte ist mir zu breit. Ich mag tendenziell lieber Komponisten mit "B".


    Interessant. Wenn dir Mozart angeblich zu heiter ist, empfehle ich eine Intensivbehandlung durch Nikolaus Harnoncourt. Heilung garantiert! ;)


    Mahler ist dir zu "breit"? Und würdest dagegen Bruckner oder auch Brahms eintauschen? Von Wagner gar nicht zu reden. Vielleicht ein paar flottere Mahler-Interpreten ausprobieren...


    :hello:

  • Nun ja, ich kenne wenig von Mahler, 7. Sinfonie (diese sinnlose Gitarre...), Lieder eines fahrenden Gesellen (diese Texte... da ist Wagner ja besser), und dann habe ich noch mal irgendwas im Fernsehen gesehen, weiß aber nicht mehr, was. Die paar Stücke haben aber gereicht, um mir den (vielleicht ja auch falschen) Eindruck zu vermitteln, dass der Stil des Mannes was allzu fetttes, überladenes hat. Wagner, Bruckner und vor allem Brahms empfinde ich da als transparenter und wohldosierter.


    Zitat

    Original von TheophilusWenn dir Mozart angeblich zu heiter ist, empfehle ich eine Intensivbehandlung durch Nikolaus Harnoncourt. Heilung garantiert! ;)


    Ich glaube, meine Krankenversicherung zahlt das nicht. Aber vielleicht probiere ich es trotzdem mal. Das Requiem mag ich ja auch.

    „People may say I can't sing, but no one can ever say I didn't sing."
    Florence Foster-Jenkins (1868-1944)

  • Zitat

    Original von observator
    alles liegt an einem :wacky:
    das ist ja auch nur eine art negativer lieblinge-thread. und damit alle mitschreiben können, hat jr es auf schlachtrösser eingeschränkt. also die


    Ich habe keinen passenden "negative Lieblinge"-thread gefunden, sonst hätte ichs drangehängt
    Natürlich kann man auch anderes nennen, aber es kratzt wohl kaum jemanden, wenn ich Beethovens Klaviersonaten op. 22 und op. 26 nicht besonders mag.
    Aber gewiß ist jeder eingeladen, der loswerden will, dass er Haydns Quartett op. 20,1 oder die Sinfonie Nr 55 nicht besonders hoch schätzt... ;)


    Mozart zu heiter? Das hat nix mit Spätwerk zu tun, im Gegenteil finde ich die melancholisch angehauchte Heiterkeit, etwa im letzten Klavierkonzert oder teils der Zauberflöte viel eher als in Werken aus der Mitte der 1780er Jahre.
    Dabei fällt mir ein, dass ich meine größte Heilige Kuh bei Mozart vergessen habe: das Requiem: 20% Mozart, 30% Süßmayr, 50% Legende... :untertauch:


    viele Grüße


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)