Legendäre Tontechniker und Produzenten der Klassikbranche

  • Liebe Forianer,


    Wenn wir hierr über Tonaufnahmen sprechen, bzw schreiben, dann fallen viele Namen von Interpreten.
    Selten, nur allzu selten werden jedoch Produzenten und - imo noch wichtiger - Tontechniker erwähnt.
    Dabei war es speziell in der Anfangszeit von HIFI und Stereo sehr wichtig WER da die Hand an den Reglern hatte und welches Studio zur Verfügung stand.


    Ich ge so weit zu behaupten, daß der Tontechniker von einst (gemeint sind hier speziell die 60er und 70er Jahre des 20. Jahrhunderts) fast ebenso großen Anteil am Gelingen einer Produktion hatte, wie die aktiv Ausführenden. Manche Toningenieure haben den Aufnahmen, die sie machten ihren unverwechselbaren Stempel aufgedrückt - das konnte beglückend - aber auch frustrierend sein.


    Ich kenne einige wenige Namen im Klassikbereich, deren Tonaufnahmen bis heute unerreicht sind - zumindest nach meinem Dafürhalten.


    Mich würde interessieren, ob auch ihr solche "Stars" der Tontechnik kennt, bzw ob es solche noch heute gibt. Ich habe rein subjektiv den Eindruck, daß bei leicht gehobenem Allgemeinlevel (negative Aussreißer sind selten geworden) die Individualität der "Götter am Reglerpult" nachgelassen hat. Sie sind beliebig ersetzbar. (??)


    mfg


    aus Wien


    Alfred

  • Guten Abend,


    Ich hätte zu dem Thema eine Frage: Weiss jemand, wer für die m.E. ausserordentlich gute Qualität de Philips Klavieraufnahmen, insbesondere derer Alfred Brendels, verantwortlich ist ?


    Beste Grüsse,


    Jürgen

  • Ich hab grade nachgeschaut.


    Unterschiedliche Locations, unterschiedliche Toningenieure quer durch die Serien.
    Der spezielle Philips Klang, klar - hell und schlank - er kommt Klavier generell entgegen - dürfte auf das verwendete Tonaufnahme-Equipment zurückzuführen sein.


    mfg
    aus Wien
    Alfred

  • Hallo,


    für den Klang zuständig ist normalerweise hauptsächlich der "Toningenieur" ("sound engineer" oder "balance engineer"). Die Begriffe Produzent, Tonmeister, Aufnahmeleiter, Toningenieur, Tontechniker sind leider nicht eindeutig definiert, teils werden sie von den einzelnen Labels sehr unterschiedlich benutzt. Vor allem im deutschen Sprachbereich herrscht eine ziemliche Begriffsverwirrung, u.a. weil es hier die unklare (und unübersetzbare) Bezeichnung "Tonmeister" gibt, die sowohl Aufnahmeleiter als auch Toningenieur als auch eine Personalunion von beidem bedeuten kann.
    Im Zweifelsfall sind die englischen Bezeichnungen aussagekräftiger.


    Als "Tontechniker" wird im allgemeinen der reine Techniker bezeichnet, der für den reibungslosen Ablauf, aber nicht für den Klang einer Aufnahme verantwortlich ist.


    Dies nur damit ihr in den Booklets nicht nach den falschen Leuten sucht...



    zu Philips:
    Das Equipment würde ich eher nicht für einen typischen Klang verantwortlich machen, auch wenn die großen Labels regelmäßig in das Innenleben der Geräte "von der Stange" eingegriffen haben, um einen noch besseren Klang herauszukitzeln.
    Für Brendel verantwortlich war jahrzehntelang der Philips-Startonmeister Volker Straus. Sofern er nur als "Producer" aufgeführt ist, darf man davon ausgehen, daß ebenso die Klangeinstellung auf sein Konto geht, auch wenn ein "sound engineer" mit von der Partie war. Straus wurde irgendwann nach 1990 pensioniert.


    Gruß, Khampan

  • Hallo,


    ich bin eigentlich nicht besonders audiophil veranlagt, aber es gibt doch noch den einen oder anderen Namen, der mir einfällt:


    - Georges Kisselhoff, der viel für Calliope gearbeitet hat (und immer noch arbeitet ?)


    - René Gambini, Gründer und Tonmeister des Labels Lyrinx, das ganz ausgezeichnete Klavieraufnahmen macht.


    - Die Herren Dabringhaus und Grimm machen, nach den CDs von MDG, die ich besitze (z.B. die Liszt-Aufnahme von Bavouzet) einen guten Job.


    Naja, "Legenden" sind das wohl keine, aber Leute die für kleinere Labels mit viel Liebe und Sachverstand bei der Sache sind.


    Beste Grüsse,


    Jürgen

  • Zitat

    Original von Alfred_Schmidt
    Ich hab grade nachgeschaut.


    Der spezielle Philips Klang, klar - hell und schlank - er kommt Klavier generell entgegen - dürfte auf das verwendete Tonaufnahme-Equipment zurückzuführen sein.


    Lieber Alfred,


    Ich habe bereits einmal hier im Forum geschrieben, kann es aber leider nicht zurückfinden, daß jene Philips Klang kam, weil Philips damals ein besonder guten Tontechniker hatte. Die Name habe ich vergessen, aber ist in meinem Beitrag zu finden. Der mann (und sein Team) war einmalig.


    LG, Paul

  • Hallo Paul,


    über die Suchfunktion kommt man auf deinen früheren Beitrag. Da tauchen folgende Namen auf:
    Jaap van Ginniken / Wilhelm Hellweg / Volker Strauss / Onno Scholtze


    Jaap van Ginniken kenne ich nicht. Hellweg (selbst Pianist) war der Gegenspieler von Straus (in Holland schrieb er sich ohne -ss) und etwas mehr fürs "grobe". Scholtze entwickelte eine eigene, mehr "abgerundete" Klangphilosophie, und kam überhaupt etwas später dazu, oder?


    Gab es vielleicht Ginniken + Straus als Team?
    Als Holländer kannst du ja mal unverbindlich beim Philips-Nachfolger Pentatone Classics anrufen. Die alten Kollegen dürften an keine Schweigepflicht mehr gebunden sein...
    (Interessant, wenn man auf die Hompage von Pentatone geht, wird einem gleich das DSD-Remaster einer alten Straus-Aufnahme präsentiert, Schumann mit Inbal, darunter der Hinweis: Producer: Volker Straus †)


    Gruß, Khampan

  • Hallo Khampan,


    Es waren meist Jaap van Ginniken und Straus. Sie waren ein Unikum.
    Was ihn so unterscheidete, war offenbar ihr Gehör oder ihr Vorstellungsvermögen.
    Jedenfalls erkannte man sofort ein Werk, wo sie Toningenieure waren, zusammen sowie vereinzelt.


    LG, Paul

  • Zitat

    Original von JuergenB
    - Die Herren Dabringhaus und Grimm machen, nach den CDs von MDG, die ich besitze (z.B. die Liszt-Aufnahme von Bavouzet) einen guten Job.


    Auf Dabringhaus und Grimm bin ich - warum auch immer - erst vor kurzem gestoßen durch die bereits in einem anderen Thread erwähnte Gesamtaufnahme von Regers Orgelwerk durch Rosalinde Haas.
    Ich weiß gar nicht, ob man hier so öffentlich sagen sollte, aber bis dahin dachte ich ja, dass DG ein (audiophiler) Ableger der Deutschen Grammophon ist.
    Die Aufnahme von Regers Orgelwerk fand ich zum größten Teil ziemlich gut, habe mir daraufhin noch die CD mit Brahms' Op. 116-119, gespielt von Elisabeth Leonskaja, gekauft und war über diese Aufnahme sehr positiv überrascht. Als ich sah, dass eine Aufnahme von Tschaikowskys Jahreszeiten ebenfalls dort erschienen ist, habe ich letzte Woche gleich zugegriffen und der gute Eindruck hat sich nur verstärkt. Vor allem die beiden Klavieraufnahmen bestechen durch einen sehr klaren, aber nicht aufdringlichen Klang.


    Mit durchschnittlich fast 20 Euro sind die CD's zwar in einem höheren Preissegment, aber solange die Aufnahme sich hören lassen kann, zahle ich den Preis gerne.


    Viele Grüße,
    Benjamin

  • Zitat

    Ich weiß gar nicht, ob man hier so öffentlich sagen sollte, aber bis dahin dachte ich ja, dass DG ein (audiophiler) Ableger der Deutschen Grammophon ist.


    Das kommt von den vielen Kürzeln, bzw von deren falscher Auslegung


    DG = Deutsche Grammophon
    DGG = Deutsche Grammophon Gesellschaft (obsolet , ich verwende es noch gelegentlich, weil es eindeutiger ist , und eleganter)
    MDG = Musikproduktion Dabringhaus und Grimm


    mfg
    aus Wien


    Alfred

  • Einer der legendärsten Tonmeister ist der mittlerweile verstorbene, zeitlebens für DECCA tätige Kenneth Wilkinson gewesen.
    Er ist maßgeblich an der Entwicklung des DECCA-Sounds beteiligt gewesen und alle seine Aufnahmen gehören zum feinsten, was es gibt.


    Gruß,
    Michael

  • Ein Tonmeister, den ich für sehr begabt halte ist Michael Brammann. Er ist z.B. für die Aufnahmen von N. Harnoncourt verantwortlich, die ich allesamt für tontechnisch exzellent halte (interpretatorisch eigentlich auch... :D).


    Gustostückerl sind IMO N.H.s Schubert, Beethoven und Brahms, die alle durch die Technik nocheinmal einen Pluspunkt bei mir haben.

    Früher rasierte man sich wenn man Beethoven hören wollte. Heute hört man Beethoven wenn man sich rasiert. (Peter Bamm)

  • Zitat

    Original von Michael Schlechtriem
    Einer der legendärsten Tonmeister ist der mittlerweile verstorbene, zeitlebens für DECCA tätige Kenneth Wilkinson gewesen.
    Er ist maßgeblich an der Entwicklung des DECCA-Sounds beteiligt gewesen und alle seine Aufnahmen gehören zum feinsten, was es gibt.


    Lieber Michael,


    Ich kann Deine Aussage völlig bestätigen. Und auch die Taminos, die jene berühmte Ferrieraufnahme der Bach/Händelarien (8-10 Oktober 1952) haben.


    LG, Paul

  • Zitat

    Original von georgius1988
    Ein Tonmeister, den ich für sehr begabt halte ist Michael Brammann. Er ist z.B. für die Aufnahmen von N. Harnoncourt verantwortlich, die ich allesamt für tontechnisch exzellent halte (interpretatorisch eigentlich auch... :D).


    Gustostückerl sind IMO N.H.s Schubert, Beethoven und Brahms, die alle durch die Technik nocheinmal einen Pluspunkt bei mir haben.


    Dvorak 9. nicht zu vergessen.
    Ich finde die Brahms Sinfonien allerdings tontechnisch nur normal gut, nicht überragend. Etwas flach (stark gestützt), nichtsdestotrotz viele Huster aus dem Publikum (die sich, wie wir wissen, eigentlich beseitigen ließen). Dvorak ist wohl dank Concertgebouw sehr viel besser, da kann womöglich Herr Brammann gar nix für :untertauch:


    Gruß, Khampan

  • Und wer ist verwantwortlich für die eisig harschen, digital klirrenden Mozartsinfonien Harnoncourts aus dem Concertgebouw? :rolleyes:
    Fantastisch (und m.E besser als das meiste bei Teldec, was ich kenne, vielleicht mit Ausnahme der Dvorak sinfonischen Dichtungen) klingen die RCA/harmonia mundi-Aufnahmen NHs, frühe Mozartsinfonien, Haydn, Bartok.


    viele Grüße


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)