Mussorgsky-Ravel: Bilder einer Ausstellung

  • Liebe Forianer,



    Die Bilder des Malers Viktor Hartmann mögen ja nicht gerade Kunstwerke erster Güte sein, immerhin haben sie durch die Vertonung als Klavierstücke durch seinen Freund Modest Mussorgsky Weltruhm erlangt, wenn auch über Umwege.


    Anlass zu dieser Klaviersuite waren einerseits der Tod Hartmans 1873 und andererseits die Ihm gewidmete Ausstellung ein Jahr später.



    .....

    .....



    Die 1874 vollendete Klavierkomposition beschreibt die einzelnen Bilder, dazwischen werden immer wieder "Promenaden" gespielt.



    Hier die einzelnen Bilder (von denen physikalisch nur mehr einige erhalten geblieben sind.)



    "Promenade"


    "Gnomus"


    "Das alte Schloß"


    "Die Tuilerien"


    "Bydlo"


    "Samuel Goldenberg und Schmuyl"


    "Der Marktplatz von Limoges"


    "Catacombae"


    "cum mortuis in lingua mortua"


    "Die Hütte der Baba Yaga":


    "Das große Tor von Kiew"'



    Knapp 50 Jahre später instrumentiert Maurice Ravel das Werk (1922) und im gleichen Jahr auch Leopold Stokowsky, im Laufe der Jahre folgen Ihnen diverse Andre. Unter Ihnen auch der Pianist /Dirigent Vladimir ASHKENAZY



    Durchgesetzt hat sich jedoch lediglich die Version Ravels


    Es gibt keinen Mangel an Einspielungen dieses Werkes zu beobachten,


    sowohl die Klavierversion , als auch die Orchesterversion sind gern gehört und gut dokumentiert.



    Beste Grüße aus Wien Alfred


  • Ich habe vor einigen Monaten die Fassung von Stokowski im Konzert gehört.
    Der hatte die "Tuilerien" rausgelassen und irgendwas anderes noch, glaube ich.


    Die Fassung hat mir ziemlich gut gefallen, sie kam aber dann doch nicht an Ravel heran.


    Die letzten Takte beim "Großen Tor" waren sehr gigantisch und haben sich nochmal richtig zu einem Höhepunkt gesteigert, was bei Ravel nicht so sehr heraussticht.

  • petemonova schrieb bezüglich Stokowski Instrumentation:


    Zitat

    Die letzten Takte beim "Großen Tor" waren sehr gigantisch und haben sich nochmal richtig zu einem Höhepunkt gesteigert, was bei Ravel nicht so sehr heraussticht.


    Hallo Peter,


    Kein Wunder. Stokowski, eigentlich Dirigent, wer ja berühmt-berüchtigt für seine Orchestrierungen. Lange Zeit als "Klangmagier" gefeiert, wurde er später doch von einigen als "Scharlatan" oder als "Meister des schlechten Geschmacks " bezeichnet. So ändern sich die Zeiten.


    Ungeachtet dessen ist Stokowskis Instrumentierung der "Bilder" die wahrscheinlich bekannteste, nach der von Ravel.


    Beste Grüße aus Wien


    Alfred

  • Lieber Alfred,


    ich habe vor zwei Wochen die Bilder einer Ausstellung in der Mussorgskyschen Klavierfassung im Konzert von Nikolaus Lahusen gehört. Dies war für mich viel beeindruckender und stärker als die Orchesterfassung (ich kenne nur die von Ravel). Am liebsten hätte ich sofort die Aufnahme dieses Konzertes gehabt. Lahusen hat eine längere Einführung gegeben und begründet, weshalb für ihn die Klavierfassung vorzuziehen ist. Das hat mir nach dem Hören sehr eingeleuchtet.


    Frage an alle Forianer:


    Welche Klaviereinspielung ist nach Eurer Meinung zu empfehlen?



    Mit freundlichen Grüßen


    Matthias

  • Ja, Matthias, da hast Du mir und den anderen etwas voraus...ich selbst konnte Lahusen leider noch nicht damit hören, hoffentlich hat er die Möglichkeit, die Bilder auf CD zu bannen.
    Nikolaus Lahusen ist ja auch bekannt für seine informativen wie auch sinnigen und teils mit Humor bedachten Einführungen zu den vorgetragenen Werken, die es dem Hörer dann gut ermöglichen, dem Werk und der Interpretation (besser) zu folgen.


    Die Bilder gibt es ja in unzähligen Bearbeitungen, selbst schon für Klavier und Orchester, aber auch für mich zählt die Originalkomposition für das Tasteninstrument.


    Viele Pianisten haben es im Repertoire und auf Tonträger gebannt, teils Studio aber auch Livemitschnitte.
    Für mich muss der Interpret in der Lage sein, sowohl den "Museumsrundgang" als auch die einzelnen Bilder darzustellen.


    Die erste Promenade ist sowohl Leitfaden, der später im Tor von Kiew ausgekostet wird, als auch Begleiter von einem Bild zum nächsten, wobei hier sowohl das jeweilige musikalische Thema des letzen wie auch des nächsten Bildes mit "eingebaut" wird.


    Man meint jedoch, dass viele Pianisten dieses Werk rein virtuos spielen, ohne sich Gedanken über den Titel des Bildes und der dahinterstehenden Zeichnung machen.
    Die vielgerühmte Richter-Aufnahme ist pianistisch nicht großartig zu beanstanden, fällt aber bei mir genauso durch, wie die der meisten Kollegen.


    Ich hänge mich sehr gerne am "Bydlo" auf. :wacky:
    Man stelle sich doch einmal bildlich diesen schweren, holzgefertigten (polnischen) Transportwagen vor, der im weichen, teils vielleicht sogar vermatschten Boden, von einigen Ochsen gezogen wird.
    Das Spiel fast aller Pianisten mutet jedoch an, als ob zwei Gazellen eine Streichholzschachtel hinter sich herziehen !!


    Weitere "Unstimmigkeiten" habe ich jetzt (bin unterwegs) nicht im Kopf, aber es gibt noch einige Ungereimtheiten.


    Die einzige Einspielung (von denen, die ich bisher kenne), die mich wirklich überzeugt wie auch umgehauen hat, ist die von Ivo Pogorelich.
    Wenn mein Gedächtnis mich nicht im Stich läßt, benötigt er um die 40 Minuten für die Bilder - und was für Bilder er in dieser Zeit beschreibt !


    Nicht - was die recht lange Gesamtspieldauer evt. vermuten läßt - dass er sich Arrau'sche Tempi genehmigt. Er kann auch schnell/virtuos sein, zB bei den "Kücklein" (die Alfred vergessen hat....) oder der Hexe "Baba Yaga".
    Aber die stillen, Ruhe oder Ausgeglichenheit vermittelnden Bilder, beschreibt er durch sein bedächtiges, teils schon andächtiges Spiel mit einem Ausdruck, den man sonst nirgendwo findet. Wobei er übringens nicht an klaren Akzenten spart oder gar einen Klangbrei zaubert, in dem viele Noten und Übergänge einfach untergehen.
    Selbst der Ochsenkarren wird seeeeeeehr schwerfällig von den Tieren gezogen und man merkt/hört ganz deutlich das Vorbeiziehen des Wagens, der dann in der Ferne (pianissimo) verschwindet.


    Ob jetzt "Samuel Goldenberg und Schmuyle" eine Person ist im Zwiegespräch oder tatsächlich zwei Menschen sind, dürfte für die Interpretation nicht derart bedeutend sein, wie viele Kommentare in Booklets oder gar groß angelegte Abhandlungen über dieses Thema vermuten lassen.


    Wer also die Pogorelich-Sichtweise nicht kennt, der hat wirklich etwas im (Musik-) Leben verpasst. - für mich ohne Zögern DIE Bilder-Aufnahme des 20. Jahrhunderts.
    Auf der CD sind übrigens als "Zugabe" noch die Valses nobles.... von Ravel einspielt.


    Die einzige, weitere Aufnahme, die noch ausbaufähiges Potential erkennen läßt, stammt von Kissin. Obwohl teils noch viel zu schnell gespielt, bietet er schon fast "gemeißelte" Töne und die Virtuosität ist von mehr untergeordneter Bedeutung und man nimmt ihm den "Rundgang" und das Beschreiben der Bilder eher ab, als seinen unwissenden Kollegen, die man eigentlich alle samt vor einen Bydlo spannen sollte und jeweils im gewählten Spieltempo zur gleichen Leistung anpeitschen müßte, damit diese endlich ihren Fehler erkennen und vor allem einsehen... :evil:


    Ich bin jedoch gespannt, welche Favoriten noch von Euch aufgestellt werden...


    Gruß,
    Jürgen

    Wenn Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann das Recht, den Menschen zu sagen, was sie nicht hören wollen. [frei nach George Orwell]

  • Herzlichen Dank Jürgen für Deine sehr inspirierende Antwort;
    ich habe wirklich ungemeine Lust, die Bilder mit Klavier zu hören und werde Pogorelich sofort versuchen.


    Herzliche Grüße


    Matthias

  • Zitat

    Original von MStauch


    ich habe vor zwei Wochen die Bilder einer Ausstellung in der Mussorgskyschen Klavierfassung im Konzert von Nikolaus Lahusen gehört. Dies war für mich viel beeindruckender und stärker als die Orchesterfassung (ich kenne nur die von Ravel). Am liebsten hätte ich sofort die Aufnahme dieses Konzertes gehabt. Lahusen hat eine längere Einführung gegeben und begründet, weshalb für ihn die Klavierfassung vorzuziehen ist. Das hat mir nach dem Hören sehr eingeleuchtet.


    Deinen Eindruck, lieber Matthias, kann ich bestätigen, nachdem ich Lahusen gestern abend mit den "Bildern" in Saarbrücken hören konnte (nebst Werken von Ciurlionis und Schubert/Liszt). Eine faszinierende Interpretation, die Lahusen da abliefert - und bei der ich sogar problemlos über einige Fehlgriffe hinweghörte. Lahusens sieht das Stück teils sehr hart (Bydlo habe ich noch nie so logisch gehört, die Küchlein in den Eierschalen noch ie so herrlich tappsig) und betont, dass es das Klavier an die Grenzen bringt. Wie er in seiner Einführung einleuchtend darlegte, macht aber genau das auch den Wert der Klavierfassung vor (vor allem) Ravels Orchestrierung aus: Ravel glätte eben auch dort, wo es von Mussorgski gewollt Härten und Schärfen gebe. Lahusens Interpretation macht das sofort einsichtig, ohne die lyrischen Passagen der Musik zu vernachlässigen. Ich hätte das auch sofort auf CD mitgenommen, und habe gerne aus dem Programm zur Kenntnis genommen, dass die "Bilder" das nächste Aufnahmeprojekt dieses außergewöhnlichen Pianisten sein werden.


    Beste Grüsse,


    Claus

    Die wirkliche Basis eines schöpferischen Werks ist Experimentieren - kühnes Experimentieren! (Edgar Varèse)

  • Lieber Claus,


    vielen Dank für diese schöne Rückmeldung. Das Konzert in Bremen war in jeder Hinsicht - auch persönlich - sehr bewegend. Lahusen war bzw. ist schwer krank. Es ist sehr faszinierend zu erleben, welche große Kraft und Entschiedenheit dieser schmale fast durchscheinende Mensch in seinen musikalischen Ausdruck legt, auch noch bei scheinbar so einfachen Stücken wie den Bildern. Sein besonderer Schwerpunkt ist eigentlich Schubert. Die Sonate d. 960 (Celestial Harmonies 2000) ist ungemein hörenswert, wenn auch der Hammerflügel gewöhnungsbedürftig ist.


    Danke und freundliche Grüße aus dem Norden


    Matthias

  • Die Klavierfassung habe ich in der Aufnahme mit Alfred Brendel auf Philips, mit der ich zufrieden bin. Dieses Meisterwerk ist jedoch wie geschaffen für eine Orchesterfassung, da die Bilder für mein Hörempfinden dann viel Eindrucksvoller rüber kommen.
    :)Natürlich kommt keine Fassung an die RAVEL-Fassung heran und die sollte man sich auf der DECCA-CD mit Solti/ChicagoSO kaufen - eine bessere Einspielung, sowohl interpretatorisch wie von der Klangqualität ist mir noch nicht ans Ohr gekommen.
    Auf dieser DECCA-CD ist noch die TOP-Einspielung des Bartok:Konzert für Orchester mit drauf !


    Gruß aus Bonn
    Wolfgang

  • Zitat

    Original von teleton
    Die Klavierfassung habe ich in der Aufnahme mit Alfred Brendel auf Philips, mit der ich zufrieden bin. Dieses Meisterwerk ist jedoch wie geschaffen für eine Orchesterfassung, da die Bilder für mein Hörempfinden dann viel Eindrucksvoller rüber kommen.


    Das kommt natürlich auf die Einspielung an. Ich habe in Brendels Aufnahem mal vor längerer Zeit reingehört und das ist eigentlich nicht sein Repertoire. Vielleicht musste er es auch einfach aufnehmen, weil es ja zum guten Ton gehört, dass jede Plattenfirma die Klavierfassung von ihrem Premiuminterpreten im Katalog hat - wobei Philips da ja schon die Richter-Einspielung (in schrecklicher Tonqualität) hat. Ich finde das viele Orchesteraufnahmen die kleinen Nuancen vermissen lassen (die in guten Klavierinterpretationen zu hören sind), dafür aber die bombastischen Sequenzen übermässig betonen, auch Solti ist da leider keine Ausnahme - ist aber dennoch eine meiner Lieblingsaufnahmen der Ravel-Ochestrerierung, auch wenn ich Reiner mit dem gleichen Orchester vorziehe.

  • Schwierig, Matthias, schwierig. Primär natürlich Richters Sofia-Aufnahme, trotzt ziemlich schlechter Klangqualität. Entweder in der Philips 50 oder Great Pianists Edition (hier gibt es dann noch Prokofiev dazu). Moderne Aufnahmen in guter Klangqualität haben mich nur von Pogorelich und Ugorski überzeugt, die sind aber sehr extrem in der Tempogestaltung, dennoch eigentlich ein Muss. Ashkenazy und Kissin lassen mich relativ kalt. Eine andere quasi-historische Einspielung ist von Byron Janis, die ist gekoppelt mit Antal Doratis Aufnahme der Ravel-Orchestrierung auf Mercury:


  • Hallo Gerrit,


    Du schreibst:

    Zitat

    Ich finde dasß viele Orchesteraufnahmen die kleinen Nuancen vermissen lassen (die in guten Klavierinterpretationen zu hören sind), dafür aber die bombastischen Sequenzen übermässig betonen, auch Solti ist da leider keine Ausnahme - ist aber dennoch eine meiner Lieblingsaufnahmen der Ravel-Ochestrerierung


    Gerade in der Orchesterfassung finde ich das beeindruckend, wenn das Orchester hier effektvoll die Bilder malt, so wie Solti/ChicagoSO.
    Man höre nur mal die Hütte der BabaJaga, was für ein Feuer hier ausgebreitet wird - genial, einfach fantastisch.
    Eine frühere EMI-CD, die mir selbst mit Ricardo Muti in dieser Hinsicht zu brav war, habe ich schon vor Jahren abgesetzt.


    Gruß Wolfgang

  • Hallo Klavierfreunde,


    Eine interessante Meldung.


    Eine neue Aufnahme der Klavierversion der "Bilder einer Ausstelluing" steht vor der Veröffentlichung:


    Auf Nachfrage nach neuen geplanten Aufnahmen teilt mir Markus Schirmer folgendes mit:


    Auszug aus einer email:


    lieber Alfred...



    Für jene wenigen, die das folgende nicht wissen, hier einige Erläuterungen:


    Markus Schirmer hat schon einige Schallplattenpreise eingeheimst ditto begeisterte Kritiken, die Anzahl seiner bisher veröffentlichten CDs ist nicht aussergewöhnlich hoch, wohl aber deren Qualität, sowohl in Bezug auf Interpretation, als auch auf Klangqualität. Das Label Tacet gilt als audiophil, und das IMO zu recht.
    Erwähnenswert wäre ferne, daß Markus Schirmer als Flügel die Marke Fazioli favorisiert. Fazioli ist eine Bereicherung der "Klavierlandschaft auf CD", die in den letzten Jahrzehnten einen allzu einseitig steinigen Weg eingeschlagen hat, hin und wirder gesäumt von bösen Dörfern und vereinzeltenBechsteinen. ;)
    Aber nun im Ernst: Fazioli ist ein edler Flügel mit edlem Klang, und ich bin glücklich, daß wir ihn auf CD hören dürfen, notabene mit einem Spitzenpianisten.


    Beste Grüße aus Wien


    Alfred

  • Hallo Alfred,


    klingt interessant, werde ich mal reinhören wenn es mir vor die Nase fällt. ;)


    Ich bevorzuge in diesem Fall auch eindeutig die Klavierversion, da sie für mich in vielen Stücken einen ganz anderen Charakter zeigt, als die Orchesterversionen . Ich höre die Musik auch eher "absolut", ohne mir also die Bilder dabei vorzustellen.
    Und da wird für mich einiges erst bei virtuosem Vortrag auf dem Flügel richtig erfahrbar. Das kommt dem Charakter dieser Musik einfach am nächsten, dafür wurde sie geschrieben. Möglichst pompös viele und laute Farben mit dem Orchester zu zaubern tut ihr nicht gut - zumindest in meinen Ohren.


    Ich habe aber auch noch keine befriedigende Aufnahme für mich entdeckt.


    Gruß
    Anti

  • Ja, und wo sind die Gratis-CDs für die Rezensenten bzw. Mitglieder des Tamino-Forums !!??? Die Pianisten von heute werden ja immer knickriger... ;) :wacky: :stumm:


    In Bezug auf den Fazioli-Flügel bleibt natürlich anzumerken, dass nicht jeder - selbst nicht erfahrene Pianisten - damit einfach und sofort umgehen können, es ist eben kein Steingang oder Bösenstädter; alleine die enorme Größe von über 3 m und das 4. Pedal und und und...
    Das läßt sich zB gut hören bei dem von mir sonst so geschätzten Nikolaus Lahusen und seiner letzten Schubert/Liszt CD.


    Übringens scheint der Faziloli gerade in den Niederlanden sehr verbreitet zu sein. Mich wundert, dass selbst kleine Orte wie Doorn sich bei dem Preis für dieses Instrument in ihrer Kirche entschieden haben, allerdings sehr zum Gefallen des Publikums, aber nicht immer zum Gefallen der Interpreten.


    Ein Erfahrungsbericht/Vergleich durch einen Interpreten wäre doch bestimmt sehr interessant, lieber Markus Schirmer, oder ? :rolleyes:

    Wenn Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann das Recht, den Menschen zu sagen, was sie nicht hören wollen. [frei nach George Orwell]

  • Von Sviatoslav Richter sind momentan sieben verschiedene Einspielungen der Klaviereinspielung erhältlich. Wer vom zugegeben reichlich beschränkten Klang der Philips-Einspielung (Sofia, 24. Februar 1958 ) abgestoßen ist, mag sich an diese Version laben:



    Aufgenommen am 8. August 1958 in Moskau. Ich persönlich ziehen diese (oder die Sofia- oder die Prag-Einspielung) jeder Orchesterfassung vor. Hier ist allerdings Vorsicht oder ein gutes CD-Ripping-Programm gefragt. Melodiya hat es zumindest in meiner Fassung vollbracht, vor jeden Track eine Pause einzufügen, was den Fluss der Musik empfindlich stört.

  • Im Gegensatz zu der von Gerrit besprochenen Aufnahme, hat jene die ich nun zur Sprache bringen will einen ausgezeichneten Klang. Kein Wunder, gilt doch das Label Tacet unter Insidern als "audiophil".
    Solche "Stempel" sind indes nicht immer von Vorteil, geht doch gelegentlich "audiophilen" Labeln der Ruf voraus, lediglich auf Klang, nicht aber auf künstlerische Quallität zu setzen.




    Das ist aber bei Tacet im allgemeinen nicht der Fall, und im speziellen Fall schon gar nicht, im Gegenteil, man weiß nicht was man zuerst loben soll, den Pianisten oder den herrvorragen eingefangenen Klang des Fazioli.
    Markus Schirmer ist kein "Tastendonnerer" sondern ein subtiler Gestalter, ein Meister der Zwischentöne, der natürlich auch energisch werden kann, wo es angebracht scheint, aber er opfert nie sein künstlerisches Credo zugunsten von billigen Effekten, alles ist wohlkalkuliert. Im Vordergrund, so scheint mir, steht die Absicht, die Bilder des Malers Hartmann zum Leuchten zu bringen, mit mehr Feinheiten und Abtönungen, als dies der Maler zustandebrachte, auch in einer Art und Weise, die zeigt, daß die Klavierfassung die einzig richtige ist, und daß die Orchestrierungen sämtlich das eigentlich großartige des Werks zudecken, egal wer da immer orchestriert hat.


    Immer finder der Pianist den passenden Ton, nie erliegt er der Versuchung, zu übertreiben, so wird bei Bydl der Ochsenkarren nicht ein Panzer, sondern bleibt was er ist: Ein Ochsenkarren - aber was für einer - ich kann ihn fast sehen.


    Das gilt natürlich auch für die anderen Bilder, soeben sehe/höre ich den Marktplatz von Limoges mit seinem geschäftigen Treiben...


    So, genug Lob gehudelt um Euch neugierig zu machen,
    reinhören müsst ihr selber. :D


    Beste Grüße aus Wien


    Alfred

  • Wie ist´s mit anderen Orchestrierungen als der von Ravel? Welche Unterschiede gibt´s da eigentlich und wie sieht es mit Aufnahmen aus?. Ich möchte mich da gern ein wenig weiterbilden und bin für eure Tipps dankbar.


    Thomas

    Da freute sich der Hase:
    "Wie schön ist meine Nase
    und auch mein blaues Ohr!
    Das kommt so selten vor."
    - H. Heine -



  • Danke für Deine schönen Ausführungen! Ich habe noch keine so treffende Beschreibung von Pogorelichs Aufnahme gelesen. Kissin habe ich vor einigen Jahren im Konzert mit den Bildern gehört. Mich hat es damals regelrecht vom Hocker gehauen. Kissin wirkt ja immer ein wenig jungenhaft, wohlerzogen, still, bescheiden .... aber das ändert sich sobald er in die Tasten greift. So packend habe ich das Tor von Kiew noch nie gehört, und wie klug er das letzte Bild vorbereitet, es entsteht wirklich eine unglaubliche Spannung. Kein Wunder, dass ich mir die Platte gleich bei Erscheinen gekauft habe ....


    Herzliche Grüße,


    Christian :yes: :yes:


  • Nur zur Vervollständigung des Bildes der Pogorelich-Aufnahme hier die Rezension aus Rondo:



    Mussorgsky, Ravel


    Bilder einer Ausstellung, Valses nobles et sentimentales


    Ivo Pogorelich (Klavier)


    Deutsche Grammophon 437 667-2
    (61 Min., aufgenommen 1996)



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    Das nennt man Repertoire-Politik: Zum dritten Mal in vier Jahren Mussorgskys „Bilder“ bei der Deutschen Grammophon – und im Katalog fünfzig Konkurrenten. Doch Ivo Pogorelich ist nicht irgendwer, er ist der König aller Klavierexzentriker, und er unternimmt auch hier wieder alles, um seinen Ruf nicht zu gefährden. Anatol Ugorskis hausinterne Konkurrenzversion, ebenfalls recht freizügig, verblaßt zum braven Akademismus.
    Vielleicht benützt Pogorelich eine eigene Ausgabe des (philologisch an sich unproblematischen) Notentextes, denn seine dynamischen, agogischen und vor allem rhythmisch-metrischen Eigenmächtigkeiten überschreiten (wieder einmal) bei weitem das Maß des Erträglichen. Im klingenden Resultat hat es den Anschein, als würde Pogorelich die Interpretationsgeschichte auf den Kopf stellen und Mussorgskys guten Ruf (als Realisten) nachträglich desavouieren wollen – so unverfroren und konsequent betreibt er hier die Rückverwandlung des Antiromantikers und Anti-Illusionisten Mussorgsky zu einem auf Klangeffekte, schmachtende Rubati und morbid-süße Stimmungen ausgerichteten Spätromantiker, zu einem „somnambulen“ Vorläufer Skrjabins oder Rachmaninows.
    Pogorelichs kunstvolle Verwischungen des Metrums und seine „zeitlosen“ Mysterienspiele erweisen sich freilich als sehr zeitraubend: Mit lähmenden 42 Minuten für den Zyklus peilt er die untere Rekordmarke an und verweist Horowitz’ fünfzig Jahre alte Referenz-Version (29’30) in die Kategorie olympischer Sprint-Leistungen. Statt knochentrockenen russischen Stationentheaters erleben wir hier die schwankenden Albträume eines müde und ausgebrannt wirkenden Museumsbesuchers. Mussorgsky glaubt, Tschaikowsky zu sein, und Pogorelich, sein „Dr. Freud“, bringt’s an den Tag.


    Attila Csampai, RONDO

  • ... und - vielleicht als Kuriosum - eine Rezension bei classics-today über die Einspielung von Peter Rösel auf Berlin-Classics, über den ich bislang ehrlich gesagt noch nie etwas Herausragendes gehört hatte...:


    Here's an Eastern European production from the early 1970s that few Western collectors will have previously encountered. Among piano versions of Mussorgsky's great cycle, Peter Rösel's is a veritable sleeper. While he brings ample freedom and imaginative nuance to every movement, he never lapses into Pogorelich's willful dragging nor Kissin's overly cute reverse accents and self-conscious rubatos. To confirm my observation, do a three-way comparison among these pianists in Gnomus or the Old Castle. Rösel achieves shattering momentum in a heavy-gaited Bydlo, and contrastingly breezes through the Ballet of the Chicks in their Shells and the Market Place at Limoges with deft, supple fingerwork. If the short pieces that fill out the disc don't match Mussorgsky's heights of inspiration in Pictures, Rösel's loving, committed performances nearly convince me otherwise. In sum, here's a distinctive Pictures to consider alongside the above-mentioned reference versions.



    --Jed Distler


    Die Bewertung: 10 / 7 (jeweils von 10 möglichen für Interpreation und Technik)

  • Tja das Problem dürfte sein, daß nicht allzuviel die Alternativfassungen besitzen, zum einen, weil etliche der Meinung sind, dasß die Instrumentierung eines für Klavier geschriebenen Werkes durch einen anderen Komponisten sowiesi ein Sakrileg, darstellt, das im Falle Ravel allerdings akzeptiert wurde, zum anderen weil Ravels Intrumentierung ohnedies als optimal eingeschätzt werden dürfte.


    Ungeachtet dieser Vorbehalte ist das Werk etliche Male von sich berufen Fühlenden, neu instrumentiert worden, allen voran natürlich vom "Klangmagier" (andere meinen " Scharlatan") Leopold Stokowsky.


    Leider kenne ich diese Version nicht.


    Ich besitze neben der Ravel-Instrumentierung lediglich eine vin Ashkenazy, ohne daß sich mit allerdings die Notwendigkeit einer solchen Version erschliessen wollte.




    Erschienen auf Decca 414 386-2



    Freundliche Grüße aus Wien


    Alfred

  • Lieber Alfred! Eine ausführliche Begründung, warum ich die Fassung von Ashkenazy eine mehr als gültige Variante finde, habe ich mal bei Klassik Heute geliefert - in meinem Beitrag "Des Kaisers neue Kleider" zum Thema; da findet sich auch eine Auflistung aller mir bekannten Versionen und Einspielungen (ich glaube, Heft 1/1999; ich weiß nicht, ob der Artikel inzwischen im Netz steht). Kurz gefaßt: Für mich klingt Ravels Fassung eher den damals allein bekannten Mussorgskij-Instrumentationen Rimskij-Korsakovs angenähert; außerdem hat Ravel auf 2 Promenaden verzichtet, und er hatte auch nur den fehlerhaften Erstdruck, während Ashkenazy nach dem Faksimile vorging. Seine Fassung ist übrigens leihweise bei Boosey und Hawkes in Berlin zu bekommen.
    Liebe Grüße
    Ben Cohrs

  • Ich kenne auch das von Gerrit angesprochene Sofia-Recital und bin musikalisch äußerst zufrieden damit. Allerdings verspielt sich Richter recht häufig dabei. Ein Indiz dafür, dass technische Perfektion nicht immer zwingend sein muss für ein großes musikalisches Ereignis, das hier zweifelsohne eingefangen wurde. Mit bescheidensten technischen Mitteln dazu. Ich hörte vor einer weile Anatol Ugorski mit den Bildern live. Die Aufnahme
    Erscheinungsdatum: 31. März 1992
    Label: Deutsche G (Universal)
    ASIN: B00000E53A
    Komponist: Modest Mussorgsky, Igor Stravinsky
    Künstler: Anatol Ugorski


    ist gegenwärtig bei amazon vergriffen, wie ich gerade nachgeschaut habe, müsste aber sicher zum Besten gehören, was es gibt. Wer weiß etwas darüber oder hat sie sogar und kann davon berichten ???

  • Hallo Thomas,
    ich kenne außer dem Original die Fassungen von Ravel, Stokowsky, das eine Stück der Swingle-Singers und die Fassung von Emerson, Lake und Palmer, wobei die beiden letzgenannten außer Konkurrenz laufen.


    Bezüglich der Stokowsky-Fassung kann ich sagen, daß da schon mal ein Takt mehr gespielt wird, weil das ganze Orchester nicht so schnell spielen kann, als wie ein Klavierspieler.

  • Erstmal Dank an yarpel für die Erinnerung an meine Frage. Und auch für die schon eingegangenen Antworten. Ich hoffe, es kommt noch etwas mehr zusammen. Und vielleich auch etwas Genaueres bezüglich der Unterschiede.


    beste Grüße
    Thomas

    Da freute sich der Hase:
    "Wie schön ist meine Nase
    und auch mein blaues Ohr!
    Das kommt so selten vor."
    - H. Heine -