Beethovens Streichquartette und ihre Interpreten


  • Das Ensemble bestand nur relativ kurze Zeit (und selbst auf Beethovenaufnahmen wechselt die Besetzung einmal); sie haben außer dem späten Beethoven nur zwei oder drei Platten aufgenommen. Der Klang ist für die Zeit eigentlich ziemlich gut (Vanguard, mag sein, dass Brilliant da keine originalen Tapes hatte oder so, sie sind inwzischen einzlen auf zwei Doppel-CDs erhältlich (Artemis/Vanguard).
    Es galt jedenfalls damals als hochvirtuoses Quartettensemble. (Auch wenn ich Intonation nicht so genau höre, möchte ich das "jedes" oben entschieden bestreiten :D, vgl. z.B. das Lindsay Q. oder das Leipziger Streichquartett).
    Den nahezu legendären Ruf der Einspielungen kann ich indes auch nicht nachvollziehen. Aus derselben Zeit finde ich die Juillards expressiver und konsequenter, wobei die Yales allerdings wesentlich klangschöner sind.
    Die für unsere Ohren geringen dynamischen Unterschiede wundern mich auch; sie treffen aber auf viele älter aufnahmen zu, so dass ich mich frage, ob das nicht auch aufnahmetechnische Gründe haben könnte (wobei es für Orchester so nicht gilt, hier finde ich etliche moderne Aufnahmen fast unanhörbar in Mietwohnungen...)


    Die Tempowechsel in op.131,4 stehen übrigens in der Partitur, jede Variation hat ein anderes Tempo (und fast jede einen anderen Takt). Es ist ein außerordentlich schwieriges Unterfangen, hier eine Systematik zu finden dun man kann wohl immer zu ziemlich unterschiedlichen Ergebnissen kommen, wie Tempi sich zueinander verhalten sollen. Und natürlich auch, wie frei ein Tempo gestaltet werden sollte.


    Khampan, hast Du mal eine Aufnahme mit dem Petersen Quartet gehört? Ich kenne zwar op.131 mit ihnen nicht, aber insgesamt könnte Dir deren Zugang liegen. Sie scheinen mir sehr präzise, dabei wesentlich geradliniger als z.B die Hagens. Es gibt alle späten und fast alle frühen Quartette bei Capriccio, aufgenommen seit Mitte der 90er. Dann noch eine frühere Aufnahme bei Berlin Classics mit 59,2 und 95.


    Vom Guarneri-Q. hätten mich wenn, dann die älteren RCA-Aufnahmen interessiert. Ich werde erstmal abwarten, wie die Brilliant-Box so aufgenommen wird.


    viele Grüße


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Hallo Johannes,


    Zitat

    Der Klang ist für die Zeit eigentlich ziemlich gut


    Naja, besser als Juilliard... Die Aufnahmen des Smetana Quartetts aus den 60ern z.B. scheinen mir den Yales in jeder Hinsicht, insbesondere auch klanglich, weit überlegen.


    Zitat

    Es galt jedenfalls damals als hochvirtuoses Quartettensemble. (Auch wenn ich Intonation nicht so genau höre, möchte ich das "jedes" oben entschieden bestreiten großes Grinsen , vgl. z.B. das Lindsay Q. oder das Leipziger Streichquartett).


    "hochvirtuos" will ich gar nicht bestreiten. Ich ärgere mich ja vor allem über die schlampige Produktion. An der Intonation hätte man sicher noch feilen können (müssen!), wenn man sich die Zeit dazu genommen häte. Jedenfalls sind sie im letzten Satz von op. 132 ab ca. 2:00 nicht mehr zu unterbieten. Das liegt leider auch an einem in der oberen Oktave um 1/4 Ton zu hoch spielenden Primarius, alle andere folgen nach dem Motto "rette sich wer kann". Auf dem Schallplattenmarkt dürfte dieser Satz für alle Zeiten beispiellos sein.


    Zitat

    Die Tempowechsel in op.131,4 stehen übrigens in der Partitur, jede Variation hat ein anderes Tempo (und fast jede einen anderen Takt). Es ist ein außerordentlich schwieriges Unterfangen, hier eine Systematik zu finden dun man kann wohl immer zu ziemlich unterschiedlichen Ergebnissen kommen, wie Tempi sich zueinander verhalten sollen. Und natürlich auch, wie frei ein Tempo gestaltet werden sollte.


    schon klar, ich habe in der Partitur mitgelesen. Das Allegretto in Takt 162 ist unzweifelhaft um einiges zu schnell, auch daran zu erkennen, daß der letzte Takt plötzlich im halben Tempo gespielt wird (natürlich ist das nur so zusammengeschnitten, aber... s.o.). Die weiteren Allegrettos in diesem Satz folgen dagegen genau der typischen beethovenschen Metronomisierung (Viertel = 76, siehe 2. Satz der 7. Sinfonie). Nur ein kleines Beispiel, sicherlich. Aber dieser Satz macht auf mich keinen geschlossenen Eindruck, was zugegenermaßen auch nicht ganz einfach ist. Andere können's aber.


    Gruß, Khampan

  • An alle Streichquartettfreunde,


    Partituren zum kostenlosen Download gibt es hier:
    wewewe... dlib.indiana.edu/variations/scores/bhp9444/index.html


    Sehr praktisch! Es gibt 2 Größen, in der Übersicht "View Larger version of this score" auswählen, falls keine Verbindungsprobleme dagegensprechen. Zum einfachen Mitlesen sind die Seiten scrollbar.


    Viel Spaß,
    Khampan

  • Zitat

    Original von Khampan
    Vom Yale Quartet gibt es eine Aufnahme (nur) der späten Quartette


    [...]


    2. Dynamik findet kaum statt (das sagt einer, dem die postmoderne Kontrastsuche à la Hagen, Artemis etc. deutlich zuviel des Guten ist).



    Zitat

    Original von Johannes Roehl
    Die für unsere Ohren geringen dynamischen Unterschiede wundern mich auch; sie treffen aber auf viele älter aufnahmen zu, so dass ich mich frage, ob das nicht auch aufnahmetechnische Gründe haben könnte



    An die aufnahmetechnischen Gründe glaube ich nicht unbedingt: bei den Juilliard-Aufnahmen ist die Klangqualität bekanntlich auch nicht überwältigend, aber man hört doch, dass das Ensemble ein relativ großes Dynamikspektrum bedient. Das gilt selbst für die alten Londoner Aufnahmen mit dem Busch-Quartett vom Anfang der 30er Jahre. Andererseits stimmt schon, dass viele ältere Formationen sich sehr gerne überwiegend im dynamischen Mittelfeld tummeln. Das ist mir bei den Einspielungen des Ungarischen Quartetts wieder stark aufgefallen, von den "klassischen" Ensembles könnte man auch das Amadeus-Quartett nennen.


    Meine rein auf Spekulationen beruhende Vermutung: Die intensive Beschäftigung mit bestimmten Werken der Moderne (ich denke hier z.B. an Webern, Ligeti und Nono), in denen ein extrem weites dynamisches Spektrum gefordert wird, führt manche Ensembles dazu, auch bei Beethoven in diese Richtung zu tendieren. Weiter oben hatte sich a.b. über die dynamischen Wechselbäder in der Einspielung der späten Quartette mit dem LaSalle-Quartett beklagt. Auch wenn ich diese Kritik nicht nachvollziehen kann, weil die LaSalles m.E. dynamisch sehr genau differenzieren, so ist das Spektrum vom pp zum ff in diesen Aufnahmen sehr groß. Nicht umsonst war das LaSalle-Quartett auf die Moderne spezialisiert - und Hagen- und Artemis-Quartett spielen viel 20. Jahrhundert (u.a. beide Ligeti) und sind übrigens auch beide beim LaSalle-Quartett bzw. bei Walter Levin in die Lehre gegangen. Insofern - wenn ich den kleinen Seitenhieb Khampans gegen meine beiden Lieblingsformationen erwidern darf :D - würde es sich hier nicht um postmodernes, sondern um modernes Beethoven-Spiel handeln.


    Es wäre interessant zu erfahren, wie das Kolisch-Quartett Beethoven gespielt hat. Leider scheinen z.Zt. nur sehr wenige Einspielungen dieses Ensembles auf dem Markt zu sein, darunter kein Beethoven.


    Viele Grüße


    Bernd

  • Zitat

    Original von Zwielicht
    Meine rein auf Spekulationen beruhende Vermutung: Die intensive Beschäftigung mit bestimmten Werken der Moderne (ich denke hier z.B. an Webern, Ligeti und Nono), in denen ein extrem weites dynamisches Spektrum gefordert wird, führt manche Ensembles dazu, auch bei Beethoven in diese Richtung zu tendieren.


    dem würde ich zustimmen. Parallel dazu erhielt der Gedanke der größtmöglichen Notentreue erst in dieser Zeit richtig Auftrieb (wie man an der allmählich sich verbreitenden Einhaltung der Wiederholungszeichen exemplarisch verfolgen kann). Beides mag sich wechselseitig beeinflußt haben..


    Seitenhieb ist akzeptiert, wir verstehen uns 8)
    Ich hätte auch gern noch mehr von den leider nur kurzlebigen Ensembles wie Kreuzberger Streichquartett und Cherubini Quartett gehört, die vermutlich in diese Riege gehören. Spielt das Arditti Quartett eigentlich auch Beethoven?!


    Gruß, Khampan

  • Zitat

    Original von Khampan
    Spielt das Arditti Quartett eigentlich auch Beethoven?!


    Soviel ich weiß, ist das Arditti-Quartett ausschließlich im Quartettschaffen des 20. (und 21.) Jahrhunderts aktiv - ich erinnere mich aber, vor langer Zeit irgendwo eine Arditti-CD mit einem Seitensprung in älteres Repertoire gesehen zu haben. Leider habe ich keine Ahnung mehr, ob es Beethoven war...


    Viele Grüße


    Bernd

  • Das Cherubini-Quartett hatte auf den mir bekannten Aufnahmen (Schumann, Mendelssohn) einen ganz anderen "sound" und Zugang als die Hagens: traditioneller, vollerer, weicherer, "schönerer" Klang, weniger differenziert in Klangfarbe und Artikulation. Ich glaube, das Arditti hat mal die Große Fuge gespielt. Ich weiß jetzt zwar nicht mehr, was Khampan an allen möglichen anderen neueren Ensembles (Melos/DG, ABQ, Emerson) gestört hat, aber ich empfehle wirklich mal in eine Aufnahme mit dem Petersen-Q. reinzuhören. Ebenfalls gut, aber gar nicht oder höchstens in Japan (ich habe zwei japanisch beschriftete CDs (18,3, 59,2+3, 74) aber es gibt eine GA) erhältlich (und etwas hallig aufgenommen) ist das Musikverein-Quartett.


    Vom Kolisch-Q. ist meines Wissens keine Beethovenaufnahme erhalten (oder eher nie gemacht worden); es hat sich noch während des Krieges aufgelöst und private Aufnahmen usw. waren damals schwierig. Es muß aber irgendwo Beethovens Violinsonaten (wenigstens ein paar) mit R. Kolisch geben, die er um 1960 in den Staaten gemacht hat. Und irgendwo in einem süddeutschen oder schweizerischen Rundfunkarchiv sollte das Beethovensche Violinkonzert mit Kolisch/Leibowitz, ebenfalls aus dieser Zeit, schlummern!


    viele Grüße


    JR

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  • ganz oben schrieb ich:

    Zitat

    Ich würde mal sagen,, daß Philips nie und nimmer einen solch neuen Zyklus an Brilliant verscherbelt, wenn überhaupt dann würden die wohl eher an Pentatone lizensieren (die ja das Philips Aufnahmeteam waren).


    Auf die RCA Aufnahme bei Brilliant darf man also gespannt sein.
    Für mich wird wohl trotzdem kein Weg vorbei an einem kompletten Set mit dem Takacs Quartet führen (nach genauem Durchhören der späten Quartette dazu mehr).


    In beiden Punkten habe ich mich geirrt.
    Der eindeutig von Philips lizensierte (neuere) Zyklus des Guarneri-Quartetts ist inzwischen bei jpc (16 Euro) und 2001 (13 Euro) erhältlich.


    Das Takacs Quartett habe ich wieder von meiner Topliste gestrichen. Gründe sind
    - ein häufig für meinen Geschmack zu starkes Vibrato, wodurch insbesondere die 1. Violine etwas zerbrechlich wirkt
    - eigenwillige Rhythmisierungen im 1. Satz von op. 135 (aus dem Stimmenautograph übernommene abweichende Punktierungen des Themenkopfes, klingt eher nach einem Gag, überwiegend nicht in der autographen Partitur zu finden)
    - größter Kritikpunkt: die Wiederholungen (Expositionen, Scherzi etc.) sind zum größten Teil kopiert, d.h. für mich: frei von musikalischer Aussage. X(
    (Ähnlich exzessives copy-and-paste-Verhalten habe ich bisher nur beim Emerson Quartet gefunden, einen genauen Untersuchungsbericht werde ich bei Gelegenheit präsentieren)


    Dank an JR wegen Empfehlung des Petersen Quartetts, ich habe in die Hörbeispiele reingehört, interessant in der Tat. Nur der Anfang von op. 130 ist doch wirklich zu schnell, oder? Das Hauptproblem: eine einzige CD kostet mehr als der ganze Guarneri-Zyklus...


    Gruß, Khampan

  • Zitat

    Original von Khampan
    ganz oben schrieb ich:


    In beiden Punkten habe ich mich geirrt.
    Der eindeutig von Philips lizensierte (neuere) Zyklus des Guarneri-Quartetts ist inzwischen bei jpc (16 Euro) und 2001 (13 Euro) erhältlich.


    Ja leider; ich hätte wesentlich mehr Interesse an der älteren RCA gehabt... :rolleyes: Ich glaube, die stelle ich erstmal zurück.


    Zitat


    - größter Kritikpunkt: die Wiederholungen (Expositionen, Scherzi etc.) sind zum größten Teil kopiert, d.h. für mich: frei von musikalischer Aussage. X(


    Wie stellt man das, abgesehen von offensichtlichen doppelten Fehlern fest?


    Zitat


    Dank an JR wegen Empfehlung des Petersen Quartetts, ich habe in die Hörbeispiele reingehört, interessant in der Tat. Nur der Anfang von op. 130 ist doch wirklich zu schnell, oder? Das Hauptproblem: eine einzige CD kostet mehr als der ganze Guarneri-Zyklus...


    Per Import kriegt man sie mit etwas Geduld für 10-15 (inkl. der unvermeidlichen Gebühren). Eigentlich komisch, Capriccio ist sonst eher ein günstiges Label, das schnell preiswerte Boxen herausbringt
    Die Einleitung zu op.130 ist in der Tat sehr zügig (ebenso die Cavatina); ich habe jetz nicht überprüft, ob sie das aus Proportionalitätsgründen (Adagio genau halb so schnell wie allegro) machen, es paßt m.E zu ihrem insgesamt eher nüchternen Zugang.
    Das ist allerdings die einzige wirklich ungewöhnliche Tempowahl unter denen, die ich bisher kenne, der Rest ist im Rahmen (allerdings wie heute üblich eher zügig). Mir fehlen noch die CDs opp. 131/132, letztere habe ich kürzlich bestellt, die ist aber noch nicht da.


    Die Petersens haben obendrein eingies an eher ungewöhnlichem Repertoire eingespielt (IIRC Schulhoffs? Quartette komplett). Recht günstig findet man mit Glück Mozarts "Haydn"-Quartette (die dürften einigen aber zu "schlank" daherkommen). Von Haydn haben sie leider nur op.1 (!) eingespielt, das jedoch mit soviel Verve, dass man sich ein "richtiges" Opus mit ihnen wünschte.
    Sehr schön auch Schuberts Quintett, mehr kenne ich aber auch nicht.


    viele Grüße


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
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    (Bob Dylan)

  • Zitat

    Original von Khampan
    - größter Kritikpunkt: die Wiederholungen (Expositionen, Scherzi etc.) sind zum größten Teil kopiert, d.h. für mich: frei von musikalischer Aussage. X(
    (Ähnlich exzessives copy-and-paste-Verhalten habe ich bisher nur beim Emerson Quartet gefunden, einen genauen Untersuchungsbericht werde ich bei Gelegenheit präsentieren)


    Das nervt mich auch schon länger, da die gesamten Werke dadurch steril wirken - lieber gleich die Wiederholungen weglassen...
    (der Hammer ist dann, wenn man kleine Unregelmäßigkeiten, wie Stühleknarren, minimale Abweichungen beim Spielen etc., dann auch noch doppelt hört :angry: )
    Auf Deine Untersuchung bin ich schon gespannt :yes:


    :hello:
    Stefan

  • Zitat

    Original von Johannes Roehl


    Bei den späten Quartetten finde ich BTW die Hagenschen Tempi keineswegs extrem. Ungewöhnlich schnell ist nur der Kopfsatz von op.18,4.
    Die große Fuge ist zwar recht schnell, aber eher klangschön, verglichen mit dem Gesäge, das man hier oft zu hören bekommt.


    Auf welche der beiden Aufnahmen beziehst Du dich da, auf die Studioproduktion gepaart mit dem enttäsuchend lammfrommen Schubert-Quintett in C mit H. Schiff, oder auf den jüngeren Konzertmitschnitt beim op.130?

    Gruß ab


    ---
    Und ich meine, man kann häufig mehr aus den unerwarteten Fragen eines Kindes lernen als aus Gesprächen mit Männern, die drauflosreden nach Begriffen, die sie geborgt haben, und nach den Vorurteilen ihrer Erziehung.
    J. Locke

  • Zitat

    Original von Khampan
    Das Takacs Quartett habe ich wieder von meiner Topliste gestrichen. Gründe sind
    - ein häufig für meinen Geschmack zu starkes Vibrato, wodurch insbesondere die 1. Violine etwas zerbrechlich wirkt
    - eigenwillige Rhythmisierungen im 1. Satz von op. 135 (aus dem Stimmenautograph übernommene abweichende Punktierungen des Themenkopfes, klingt eher nach einem Gag, überwiegend nicht in der autographen Partitur zu finden)
    - größter Kritikpunkt: die Wiederholungen (Expositionen, Scherzi etc.) sind zum größten Teil kopiert, d.h. für mich: frei von musikalischer Aussage. X(


    Ich habe jüngst - durch Deinen Beitrag motiviert - im Laden nochmals hineingehört, weil ich mein Urteil überprüfen wollte; und konnte es leider nicht revidieren. Das Vibrato und die "Zerbrechlichkeit" des Primgeigers kann ich ganz bestätigen. (Auch das Guarneri4 hat größeres Vibrato, aber einheilticher und stimmiger füllig, wie ich finde). Mich stören auch die eigenwilligen Rhythmisierungen und vor allem für mich ganz seltsamen Prasierungen. (Viel extremer ist es bei ihren seltsamen Mozart-Qunitett-Aufnahmen vor vielen Jahren noch bei Hungaroton: für mich unanhörbar!) Auch finde ich sie klanglich und farblich unhomogen. Am meisten aber stört mich, dass ich statt Musik einfach nur Noten höre.


    Die Pertersons finde ich übrigens sowohl im Konzert als auf Aufnahmen ganz matt.

    Gruß ab


    ---
    Und ich meine, man kann häufig mehr aus den unerwarteten Fragen eines Kindes lernen als aus Gesprächen mit Männern, die drauflosreden nach Begriffen, die sie geborgt haben, und nach den Vorurteilen ihrer Erziehung.
    J. Locke

  • Zitat

    Original von a.b.


    Auf welche der beiden Aufnahmen beziehst Du dich da, auf die Studioproduktion gepaart mit dem enttäsuchend lammfrommen Schubert-Quintett in C mit H. Schiff, oder auf den jüngeren Konzertmitschnitt beim op.130?


    Auf die mit op.130. Aber das ist lt. meiner CD kein Mitschnitt. (Die andere CD kenne ich gar nicht). Mit knapp 13:30 ist sie relativ deutlich die flotteste, die ich habe und dennoch die mit dem wenigsten "Gesäge" im ersten Abschnitt (der 4/4 B-Dur-Fuge, nicht der Overtura). Das liegt allerdings hauptsächlich daran, dass die die moderato-Abschnitte nicht so breit nehmen wie häufig üblich.
    Das Dumme an der CD ist, wie schon von anderen im op.130-thread angemerkt hauptsächlich, dass das alternative Finale fehlt (stattdessen Mozart/Bach-Fugen, die es inzwischen eh wieder als Füller in der Mozart-GA gibt)


    viele Grüße


    JR

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    (Bob Dylan)

  • Zitat

    Original von Johannes Roehl
    Auf die mit op.130. Aber das ist lt. meiner CD kein Mitschnitt. (Die andere CD kenne ich gar nicht). Mit knapp 13:30 ist sie relativ deutlich die flotteste, die ich habe und dennoch die mit dem wenigsten "Gesäge" im ersten Abschnitt (der 4/4 B-Dur-Fuge, nicht der Overtura). Das liegt allerdings hauptsächlich daran, dass die die moderato-Abschnitte nicht so breit nehmen wie häufig üblich.


    Hör Dir unbedingt einmal die ältere Einspielung an! Das ist das Beste, was ich an Großer Fuge jemals gehört habe! Allerdings hört man natürlich den "Wahnsinn" nicht mehr, den woh Beethovens Nachkommen - und auch jene Hörer weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein - beschlichen haben mag, der darauf beruht, dass eigentlich früher die Quartette jenseits der Greneze des technischen Könnens agieren mussten.

    Gruß ab


    ---
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    J. Locke


  • Ich habe die alten Aufnahmen geliebt und bin nun positiv überrascht von den neueren - sie gefallen mir nicht weniger gut. Diese Aufnahmen gibt es demnächst auch als Eloquence-Sonderedition mit (lt. Cover) neuem Remastering. Ich frage mich, wozu:


    Bitte bedenken Sie, dass lautes Husten - auch zwischen den Stücken - die Konzentration der Künstler wie auch den Genuss der Zuhörer beeinträchtigt und sich durch den Filter eines Taschentuchs o. ä. erheblich dämpfen lässt.

  • Zitat

    Original von Christian B.
    Auf der Brilliant-Homepage ist nun endlich näheres zu erfahren: erstaunlicherweise handelt es sich nicht um die ältere RCA-Aufnahme (die ich gerne erworben hätte), sondern um eine Lizenz der jüngeren Philips-Aufnahmen - es heißt jedenfalls " Recordings made between 1987 and 1992 in New York". Vor allem bei den späten Quartetten ist das meines Erachtens eine der besten Einspielungen überhaupt: bis in die letzten Details kompromisslos ausgeleuchtet, leuchtend im Klang und gleichzeitig doch auch fahl, introvertiert und irgendwie das Ende der Dinge umkreisend. Später Beethoven ohne Zugeständnisse und gerade deswegen überzeugend.




    Salü,


    also überzeugt hat mich von dieser Box bisher weniges: Der ultimative große-Fugen-Test ergab für mich das Urteil really HIP - und zwar so sehr, dass ich [wie das Uraufführungspublikum] weglaufen mochte... :kotz:


    Sorry - ich weiß: "nem geschenkten Schimmel schaut man nicht auf'n..." - aber wenn man mir die Box schon dankenswerter Weise schenkt, dann muß auch darüber geredet werden. :yes:


    Ich bin dennoch dankbar für diese Gesamteinspielung, da kann ich ein wenig rumstöbern, denn die gute Musik lässt sich ja erahnen.


    Insgesamt klingt mir alles zu filmmusikisch... da ist mir jeder midifile im Moment lieber. Da Beethoven ja noch keine Filme kannte, kann das defacto also gar nicht rischtisch sein. :pfeif: Wohl aber muß das erstmal jemand nachmachen - vorgemacht haben's ja die ABQs.


    Ingsgesamt ist es natürlich nicht so krass, wie ich es darstellte: Ich finde die Aufnahmen nur sehr barilliant - zwar sehr gut und preisgünstig, aber nicht wirklich überzeugend, wie die verlinkten Pasti ebenfalls. Nee, da muss ich noch weitersuchen. Die Schuppanzighs auf Beethovens Originalinstrumenten und die Mosaïques haben mir da deutlich mehr zugesagt - allerdings gabs da die große Fuge nicht...


    ...und die will ich jetzt hörbar haben!


    [Schuld ist "Klang der Stille..."]


    Ich werde mich aber noch heute näher mit diversen opp. 59 beschäftigen und bin schon sehr gespannt...


    :hello:


    Ulli

  • Bei der für die Lindsays typischen Präzision und Intonation verspricht die Große Fuge ein wahrhaft infernalisches Erlebnis zu werden... :rolleyes::no:
    Ich kenne zwar die Guarneri-Einspielung nicht, aber dass das von HIP eher weit entfernt ist, war ziemlich klar (die ältere RCA-Aufnahme gilt überdies als besser).
    Es gibt irgendwo eine HIP-Einspielung von op.135, sonst hat sich von denen noch keiner an die späten Quartette getraut. :rolleyes:
    Für nicht direkt HIPpe, aber gut gespielte, schlanke und klare Aufnahmen von op.130/133, würde ich wohl zu dem Hagen (DG, aber ohne das nachkomponierte Finale) oder dem Petersen-Quartett (Capriccio) raten.


    viele Grüße


    JR

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    (Bob Dylan)

  • Die Lindsays halte auch ich nicht nur beim späten Beethoven allenfalls für zweite Wahl - schon rein spieltechnisch. Es ist natürlich schwer, die jeweiligen individuellen Vorlieben abzuschätzen: Der eine mag es, wenn die Härten und Dissonanzen in op. 133 geschärft dargeboten und durch ein schnelles Tempo unterstrichen werden, den anderen stößt gerade das ab. Die radikalste mir bekannte Interpretation in dieser Hinsicht bietet das spieltechnisch überragende Hagen-Quartett (auch hier als Finalsatz von op. 130; das nachkomponierte Rondo fehlt):




    Die "entspannteste" (und wohl auch langsamste) Aufnahme der Großen Fuge, die ich kenne, hat das Budapester Streichquartett eingespielt. Diese Aufnahme ist - soweit ich sehe - nicht auf der als Einzel-CD erhältlichen Einspielung von op. 130 drauf, sondern nur im Rahmen der Gesamteinspielung erhältlich:




    Ansonsten gibt es eine ganze Reihe von guten Einspielungen des Werks, meist als Finalsatz von op. 130: momentan fallen mir Juilliard-, Emerson- und LaSalle-Quartett ein (die alle interpretatorisch eher dem Hagen-Quartett ähnlich sind, wenn auch nicht so radikal - das LaSalle-Quartett gefällt mir dabei besonders gut). Die Interpretation des Gewandhaus-Quartetts repräsentiert eher wieder einen "gezähmten" Beethoven (im positiven Sinn).



    Viele Grüße


    Bernd

  • Klangmäßig sind mir das Gewandhausquartett und sein Ableger, das Suske-Quartett, am vertrautesten, sozusagen von Kindheit an.


    Jede Menge anderer Interpretationen stehen bei mir, aber die Hagens sind nicht dabei.
    Warum: Ich habe sie 2006 im Rahmen des Beethovenfestes in Bonn gehört.
    Habe auch die Haydn-Quartette Mozarts von Ihnen.
    Mir gefällt nicht, wenn jeder Ton anschwillt, zu einem Höhepunkt kommt und dann wieder abschwillt.
    Das ist reine Hörgewohnheit und völlig subjektiv.
    Life war die Große Fuge - eines meiner Lieblingsstücke - großartig, artistisch.
    Life ist für mich immer anders als CD, der Eindruck ist immer besser mit Athmosphäre Oft habe ich mir an Ort und Stelle eine CD gekauft. Zu Hause war es dann immer anders, d.h. weniger aufregend.


    Gruß aus Bonn :hello:

  • Zitat

    Original von Blackadder
    Wie wäre es denn mit den Lindsays?


    Salü,


    das ist ein guter non-hip-Tip für mich, Danke! Ich kann [ad JR] auf musikalische Correctness durchaus verzichten, wenn mich die Spielfreude oder -ernsthaftigkeit überzeugt und sich die Intensität auf meine Seele überträgt. Das ist bei der Lindsay-Haydn-Box absolut der Fall. Ich werde das mal testen, solange es keine "vernünftige" ( :D ) Einspielung auf dem Markt gibt. Natürlich war mir klar, dass die Guarneris non-hip spielen - allein durch die drängende Frage, ob man mir auch Guarneris ohne Verwendung von Guarneris schenken dürfe. Wie gesagt, ist die Guarneribox sicherlich eine hervorragende Lösung für eine Kompletteinspielung - nur fehlt mir das Feuer und das Persönliche dabei.


    Es bleibt für mich noch zu eruieren, welches Ensemble in "Klang der Stille" für die großzügigen Ausschnitte herhalten durfte.


    Viele Grüße
    Ulli

  • Zitat

    Original von Ulli
    - allerdings gabs da die große Fuge nicht...


    ...und die will ich jetzt hörbar haben!


    Da kommt man wohl (derzeit) nicht um die des Hagen Quartetts herum (die, mit dem lammfrommen Quintett in C mit H. Schiff)


    Gruß ab


    ---
    Und ich meine, man kann häufig mehr aus den unerwarteten Fragen eines Kindes lernen als aus Gesprächen mit Männern, die drauflosreden nach Begriffen, die sie geborgt haben, und nach den Vorurteilen ihrer Erziehung.
    J. Locke

  • Zitat

    Original von Zwielicht


    Die "entspannteste" (und wohl auch langsamste) Aufnahme der Großen Fuge, die ich kenne, hat das Budapester Streichquartett eingespielt. Diese Aufnahme ist - soweit ich sehe - nicht auf der als Einzel-CD erhältlichen Einspielung von op. 130 drauf, sondern nur im Rahmen der Gesamteinspielung erhältlich:




    Nicht zu vergessen jene des Ungarischen Streichquartetts von 1953, eine Aufnahme, die ich den Budapestern allemal vorziehe. Auch der Preis und das Remastering passt:



    14:34 dauert die Große Fuge bei ihnen; bei dem Busch Quartett :jubel: :jubel: :jubel: fehlt leider, leider die Goße Fuge; diese ist dafür in unten stehender, sensationell billiger Ausgabe in einer Kammerorchesterversion zu hören, wobei sie sich 1941 die Zeit von 16:18 lassen.



    Zwei Ausgaben, die ich neben dem Hagen Quartett (aber auch den Guarneris und den frühen der Lindsays) keinesfalls missen möchte.

    Gruß ab


    ---
    Und ich meine, man kann häufig mehr aus den unerwarteten Fragen eines Kindes lernen als aus Gesprächen mit Männern, die drauflosreden nach Begriffen, die sie geborgt haben, und nach den Vorurteilen ihrer Erziehung.
    J. Locke

  • Wie sind eigentlich die Aufnahmen des englischen Griller Quartet, die langsam bei Dutton wieder veröffentlicht werden?

    Gruß ab


    ---
    Und ich meine, man kann häufig mehr aus den unerwarteten Fragen eines Kindes lernen als aus Gesprächen mit Männern, die drauflosreden nach Begriffen, die sie geborgt haben, und nach den Vorurteilen ihrer Erziehung.
    J. Locke

  • Lieber celloflo,


    Du hattest mich in einem anderen Thread gefragt, ob die Box der Beethovenschen Streichquartette mit dem Emerson String Quartet



    aus meiner Sicht insgesamt zu empfehlen sei.


    Ich habe ich Box erst kürzlich gekauft und bislang nur vergleichweise oberflächlich gehört. Das Spielniveau erscheint mir durchgehend sehr hoch, geradezu beeindruckend virtuos. Vieles – vor allem die Ecksätze – ist sehr zügig, fast aggressiv gespielt. Manches wirkt ein wenig über-expressiv. Scharfe Attacken, schneidende Rhythmen und eine betonte Kontrapunktik prägen über weite Strecken hinweg das Klangbild. Daneben finden sich aber auch Passagen mit ausdrucksvoller Phrasierung. Alles ist sehr präzise, klar und transparent gespielt.


    Khampan hat weiter oben erwähnt, dass die Wiederholungen nicht ausgespielt, sondern kopiert seien. Das habe ich so genau noch nicht überprüft. Es wäre aber aus künstlerischer Sicht ernüchternd. Khampan wollte uns darüber noch Genaueres berichten.


    Mein vorläufiges Gesamturteil lautet: Eine moderne, unromantische Interpretation auf spieltechnisch außerordentlichem Niveau. Eher der feurig-rhythmische Beethoven (was ja keineswegs untypisch für ihn ist) als der "deutsch-romantische". Insofern nimmt das Emerson String Quartet hier vielleicht in etwa die Stellung ein, die Gardiner bei den Sinfonien zukommt, wobei hier aber nicht auf historischen Instrumente oder ohne Vibrato gespielt wird. Schon jetzt kann ich die Emerson-Gesamteinspielung also durchaus empfehlen. Das mitreißende Spiel bereitet Freude.


    Ich werde das alles bei Zeiten noch eingehender analysieren und berichten.


    Loge

  • Zwar habe ich mit den Emersons nur die 5 mittleren Quartette, aber hier kann ich Loges Charakterisierung zustimmen. Sie sind supervirtuos dargeboten und insgesamt sehr gut. Die rasanten Tempi in den Ecksätzen halte ich zwar für angemessen, aber sie sind vermutlich nicht jedermanns Sache. Auch gibt es, gerade in langsamen Sätzen gewiß ausdruckstärkere Lesarten, obwohl ich die Emersons nicht als oberflächlich abkanzeln möchte
    Die Box ist mit 75-100 EUR allerdings noch recht teuer.


    Wenn Celloflos Anfrage auf eine günstige Einsteigerversion zielte, dann befindet man sich heutzutage in einer ziemlich luxuriösen Situation.


    Es gibt ca. vier ziemlich preiswerte Boxen, alle vermutlich sehr ordentlich bis sehr gut (ich kenne die meisten nur auszugsweise):
    Alban-Berg-Q. (EMI) für ca. EUR 25
    Suske Q. (Berlin Classics) ca. EUR 25
    Gewandhaus-Quartett (NCA) gab es zwischendurch für ca. 20, ich weiß aber nicht, ob dies noch gilt
    Juilliard Q. (Sony) für ca. EUR 33, bei entsprechenden Anbietern noch deutlich günstiger


    und das Amadeus Q. für ca. EUR 45-50.


    Von diesen würde ich zum Einstieg vermutlich aufgrund der Kombination von Preis, Aufnahmequalität und Klangschönheit zu ABQ oder Suske raten.
    Die Juilliards sind zwar die ausdrucksstärksten und interpretatorisch m.E. klar besten (allerdings die einzigen, die ich komplett habe), aber ihr Klang ist nicht unbedingt angenehm und die Aufnahmetechnik nicht immer ideal.
    Suske sind außergewöhnlich klangschön und sehr gut aufgenommen, aber mir fehlt es dann doch etwas an Dampf. Aus einer Doppel-CD mit op.59 &74 gefiel mir letztlich nur letzteres, op.59 mangelte es am Tempo und Dramatik (das mag einem Ersthörer, der nicht Emerson, Juilliard usw., im Hinterkopf hat, aber gar nicht auffallen).
    Vom Gewandhaus-Q. habe ich nur eine CD mit zwei späten, fand ich etwas "neutral", aber wenn sie noch so günstig zu finden ist, mag es eine Alternative sein. Mit dem ABQ sind erfreulicherweise auch alle CDs für ca. 5-7 EUR einzeln erhältlich.
    Falls in Wien (es sind aber japanische CDs) noch die Einspielungen des Musikverein Q. zu finden sind, die sind erstklassig (allerdings vermutlich nicht billig)


    viele Grüße


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Hallo Loge und alle anderen Beethoven-Freunde auch,



    Zitat

    Insofern nimmt das Emerson String Quartet hier vielleicht in etwa die Stellung ein, die Gardiner bei den Sinfonien zukommt, wobei hier aber nicht auf historischen Instrumente oder ohne Vibrato gespielt wird.


    Historisch sind die Instrumente der Emersons (bis auf - seit längerer Zeit - das Cello). Eine Stradivari ist dabei (E. Drucker), die andere Geige und die Bratsche stammen von Ende des 18. Jahrhunderts. Andererseits spielt für ein historisch-authentisches Instrumentarium wohl auch noch sowas wie die Bespannung mit Darmseite eine Rolle; das haben die wohl nicht.


    Überhaupt habe ich ein gewisses Problem mit dem Klang der Emerson-Gesamtausgabe. Irgendwie ist mir der Klang zu phatt und irgendwie anstrengend. Vor einiger Zeit habe ich mir dann mal die Juillard-Ausgabe (1968 - 70) zugelegt. Diese Aufnahmen sind für mich angenehm.
    Dieses Problem habe ich allerdings nicht bei der alten Emerson-Aufnahme des Quartetto serioso von 1988.


    Viele Grüße


    :hello:

  • Ludwig van Beethovens Streichquartette mit dem Amadeus Quartett (DGG 7 CD 463 143-2) - ein persönlicher Höreindruck


    Es wird wohl so gewesen sein, dass die Deutsche Grammophon mit Beginn der Stereofonie möglichst bald eine Komplettaufnahme von Beethovens Streichquartetten anbieten wollte. 1963 war diese fertig eingespielt. In der Reihe „Collectors Edition“ erschien im September 1999 die zwischen 1959 und 1963 aufgenommene Gesamtaufnahme des Amadeus Quartetts auf CD. Im Beibuch würdigt Steven E. Paul das Quartett, das von 1948 bis 1987, bis zum Tod von Peter Schidlof, ohne Personaländerung miteinander musizierte. Der Schreiber hat in den Monaten vor der Beschäftigung mit Beethovens Quartetten, die er vor etwa 20 Jahren in der Aufnahme mit dem Juilliard Quartett aus den 60ern (damals noch auf LP) kennen und schätzen lernte, viele Haydn Quartette mit dem Amadeus Quartett gehört und dabei nicht immer Gefallen gefunden an der oft „süßlich-geschmierten“ Tongebung des Primgeigers Brainin sowie am etwas robusten Zusammenspiel (was keineswegs die Würdigung der interpretatorischen Gesamtleistung dieses Quartetts schmälern soll). Es „half“ das bei Haydn herzerfrischend musizierende Hagen-Quartett, das den Schreiber dann auch durch Mozarts unsterbliche Streichquartettwelt führte. Die akustische Reise durch Beethovens Quartette – hört man sie nach Haydn und Mozart, ist man einmal mehr überwältigt von dieser unglaublichen subjektiven Persönlichkeit, die es schafft, aus der Hingabe des Könnens und Talents an die Musik die Hingabe des Ich an die Musik ins Einmalige zu steigern – gehört, da als Gesamtaufnahme verfügbar, nun wieder dem Amadeus Quartett.



    Selbstbewusst reiht sich Beethoven mit den sechs Quartetten op. 18 (1778 bis 1800 entstanden, aufgenommen im September 1961 im Beethoven-Saal von Hannover) in die Reihe der Streichquartettkomponisten ein. Sie haben alle vier Sätze, dauern hier zwischen 20 und 25 Minuten, meist ist der dritte ein Scherzo oder Menuett. Die langsamen Sätze werden oft zu großen Seelendramen. Weiter gespannte Themen und Durchführungen zeugen von Beethovens Individualität. Das Amadeus Quartett spielt mit beherzter, „wissender“ Selbstverständlichkeit. Leider mag es die Wiederholungen der Expositionen nicht und lässt sie gerne weg. Man kennt Brainins Geigenton und hat sich daran gewöhnt. Musikalisch bemerkenswert erscheinen dem Schreiber der von der Grabszene aus Shakespeares „Romeo und Julia“ inspirierte zweite Satz von Op. 18/1, aus dem freundlich-heiteren „Komplimentierquartett“ Op. 18/2 der Allegroteil im zweiten Satz, im eher unkompliziert wirkenden (als erstes der sechs Werke entstandenen) Op. 18/3 neben dem schön fließenden zweiten Satz das schon sehr kunstvoll komponierte Finale, der ganz eigene c-Moll Charakter im ersten und letzten Satz von Op. 18/4 sowie dessen ungewöhnlich flotter zweiter Satz (dem Schreiber fällt dabei Beethovens Achte Symphonie ein) und die schroffen Synkopen im Menuett dieses Werks, außerdem der inspirierte Variationssatz über ein schönes Andante-Thema in Op. 18/5, der große zweite Satz des Op. 18/6 und dessen ungewöhnlich-geheimnisvoller langsamer Teil „La Malinconia“ im Finale, der gegen Schluss noch einmal wiederkehrt, ehe sich die Heiterkeit durchsetzt.


    Was für ein Sprung zu den drei Quartetten Op. 59 (komponiert 1805/06, aufgenommen im April und Mai 1959 im Beethoven-Saal in Hannover)! Eklatant, wie hier Beethovens Personalstil ausgeprägt erscheint. Eine Offenbarung! Man erlebt die Musik elementar, als Charaktermusik. Noch größere Seelendramen entfalten sich, zumal in den langsamen Sätzen. Über 37 Minuten dauert das weitläufige erste Werk, die anderen beiden um die 30 Minuten. Spannend erlebt der Hörer nicht nur die Introduzione zum dritten Quartett. Mit Beethovens Op. 59 hat die Gattung des Streichquartetts einen gewaltigen Sprung gemacht In Op. 74 (1809, zusammen mit Op. 90 aufgenommen im Mai und Juni 1960 im Beethoven-Saal von Hannover) fällt die „mysteriöse“ Einleitung zum ersten Satz auf, natürlich auch der große, wunderbare zweite Satz. und Op. 90 (1810) unterstreicht die Einmaligkeit und Individualität jedes Werks von Beethoven. Das Amadeus Quartett lässt den Hörer mitleben bei dieser Musik, es wirkt bei den mittleren Quartetten „ganz zu Hause“.


    Das chronologische Durchhören schafft eine gute Basis für die komplexeren letzten Streichquartette, die zwischen 1823 und 1826 entstanden. Op. 127 (zusammen mit Op. 135 eingespielt im März und April 1963 im Berliner Ufa-Studio) mutet klassisch an, der 15 Minuten lange Variationssatz streckt das Werk auf über 36 Minuten Länge. Subjektive Kontraste fallen in Op. 130 (zusammen mit Op. 133 aufgenommen im September und Oktober 1962 in der Berliner Jesus-Christus-Kirche) auf. Und Beethovens Genialität kommt vielleicht am meisten im fast 40 Minuten langen Op. 131 (aufgenommen im Juni 1963 im Beethoven-Saal von Hannover) zur Geltung. Ein Geniestreich sondergleichen, diese sieben Sätze! Das längste Quartett in der Box ist Op. 132 (eingespielt im April 1962 in der Berliner Jesus-Christus-Kirche) mit fast 43 Minuten. Wer sich durch die Viertelstunde der Großen Fuge Op. 133 gekämpft hat, wird von Beethoven mit dem wieder klassisch-gemäßigteren Op. 135 aus dessen Streichquartettwelt entlassen. Für den Schreiber war die überraschende, schöne Hörerfahrung interessant, dass das Amadeus Quartett vom frühen zum späten Beethoven zu einer großartigen interpretatorischen Einheit verschmolz. Ab Op. 59 stören Brainins Eigenwilligkeiten weniger, und bei den späten Quartetten leben die vier Herren die Musik total erfühlt aus, souverän wie emotional. Das scheint „ihre“ Musik zu sein, ihr Herzensanliegen, viel mehr als Erfüllung von Plattenverträgen und routinierte Pflichterfüllung.


    Herzlicher Gruß
    Alexander

  • Hallo, Alexander,


    das war vor dem Schlafengehen noch eine ganz schöne und überzeugende Interpretation der Streichquartette, für die ich Dir danke.


    Ich kann alles unterschreiben. Das Amadeus-Quartett ist gut, da gibt es keine Diskussion.


    Ich habe noch viele andere Boxen - aus Begeisterung allerhand zusammengesammelt. Wenn ich sagen sollte, welche mir am besten gefällt - ich könnte es nicht sagen.


    Dazu müßte ich mal im iPod eine neue Wiedergabeliste machen und die einzelnen Sätze der verschiedenen Streichquartette und ihre Interpreten zusammenstellen.


    Aber, ernsthaft - das will ich nicht. Diese wunderbare Musik ist mir irgendwie zu "heilig", um sie so analysierend anzuhören.


    Allerdings höre ich gerne hintereinanderweg eine ganze Box - und nicht quer. Man stellt sich dann auf den spezifischen Klang des Ensembles ein, und alle, die ich habe, sind allein für sich genommen so gut, daß ich da nicht werten kann.


    Vielleicht so: Wenn ich es lebhaft, dramatisch will, dann Emersons
    Wenn ich es klassisch ausgewogen, lyrisch mag, dann
    Gewandthaus, schon weil es der Klang in meiner Jugend war.


    Gruß aus Bonn :hello: