Bach Violine solo

  • Hallo liebe TaminoanerInnen


    Die Sonaten und Partiten wurden in den jüngsten Jahren öfter eingespielt, so dass wir uns einige Aufnahmen intensiver angehört und verglichen haben. Schliesslich gehören diese Werke für uns zu den schönsten Kompositionen für Violine solo. Joseph Joachim begann als erster, einzelne Sätze unbegleitet zu spielen, nachdem die Werke zuvor immer mit Begleitung aufgeführt wurden.


    Enttäuscht hat uns folgende Aufnahme;


    Elizabeth Wallfisch (Barockgeige)
    Hypérion (1997)
    Relativ langsam gespielt, wirkt sehr schwerfällig, und vorsichtig.


    Auch nicht sonderlich gefallen haben folgende zwei Einspielungen;


    Monica Huggett (Barockgeige)
    Virgin Veritas (1997)
    Sehr ausgedüftelte Interpretation mit einem Schwerpunkt im Detail.


    Hansheinz Schneeberger (moderne Geige)
    Jecklin (1988 )
    Hansheinz Schneeberger sucht einen Mittelweg, geradeaus gespielt, technisch nicht ganz einwandfrei mit einigen Unsauberkeiten in der Intonation, auch Akkorde nicht klanglich befriedigend, jedoch strahlender eleganter Ton und stringentes Tempo.


    zwei Aufnahmen die extreme Suchen und je nach Stück begeistern oder zur Diskussion anregen aber sicherlich einen wichtigen Beitrag leisten;


    Gidon Kremer (moderne Geige)
    ECM New Series (2005)
    Ungemein subjektive Interpretation mit zum Teil wunderbaren Ergebnissen, spannungsvoll, hart gespielte Akkorde, sehr vertikal, gelegentlich zu gleichförmig, sucht stark die Extreme, emotional aber sehr schön gespielt.


    John Holloway (Barockgeige)
    ECM New Series (2006)
    Akkorde gebrochen mit schönem Fluss, klanglich sehr sauber, etwas flach, objektiv, neutral gestaltet, zu wenig vital, zu schwach gespielt bezüglich auf- und absteigenden Tonfolgen.


    Gut gefallen hat uns die folgende Einspielung;


    Julia Fischer auf moderner Geige
    Penta Tone classics (2005)
    Spontan gespielter Eindruck, trotzdem elegant und strahlend aber nicht tänzerisch, Arpeggio Stelle sehr differenziert, sehr Strukturbetont, Suche nach Ästethik, nicht historisch informierte Interpretation.


    Überzeugt hat uns die Aufnahme von Gordan Nikolic mit seinem historisch informierten und trotzdem modernen Spiel


    Gordan Nikolic (moderne Geige)
    Syrius (1998 )
    Fugenthema sehr tänzerisch ohne übertriebene Interpretation gespielt, Oberstimmen orientiert, ändert den Klang des Themas jedes Mal in der Fuge, sehr genau und grundsätzlich recht tänzerisch, flexibel in der Periodik. Spielt sehr punktiert und lotet die emotionalen Dimensionen gut aus, ungemein farbenreich mit wenig Vibrato.


    Herzliche Grüsse


    romeo&julia

  • Einen Guten!
    Interessante Gedanken. Habe auch schon mehrere Einspielungen verglichen (leider nicht die von Frollein Fischer - sollte ich?) Mein Favorite gerade: Rachel Podgers. Gedankenvoll, entspannt mit Spannung und seidenes Barockgeigenspiel. Wundervoll ....

  • die Originale habe ich nur in einer recht alten Einspielung, Bretislav Novotny, 1969. Klangtechnisch ist sie aber in Ordnung, nicht ganz so präsent oder dynamisch wie typischerweise modere Aufnahmen, aber es paßt gut zum Charakter des Verloren- und Einsamseins, den vor allem BWV 1004 austrahlt - man geht durch einen nebligen Winterwald, alles ist gedämpft und schwarz-weiß aber dennoch hochkonzentriert, vor allem bei der Gigue, die ich am liebsten mag.


    Die Chaconne erscheint mir bei der hier vorliegenden Aufnahme nicht ganz so gelungen, da wird schon mal gekratzt, wo es eher perlend sein sollte.


    Wie aber bereits dargestellt, bietet sich das ganze Solo-Werk als Vorlage für Transkriptionen an. Von denen, die ich kenne, schätze ich die Aufnahme von Pepe Romero mit Gitarre (1004 und 1009) am meisten, die Struktur der Musik wird wunderbar herausgearbeitet, und wenn Romero mit seiner großartigen Flamenco-Technik durch die schnellen Passagen der Chaconne eilt, glaubt man, zwei Gitarren zu hören. Was sich bei John Williams noch ein wenig "gearbeitet" anhört, wird bei Romero zelebriert.

  • Zitat

    Original von Michel
    Gedankenvoll, entspannt mit Spannung und seidenes Barockgeigenspiel. Wundervoll ....


    Lieber Michel,


    ja, Rachel Podger spielt wirklich wundervoll!
    Ebenfalls mein Favorit.


    LG,
    Flo

  • Josef Suk, könnte interessant sein, der wird so oder so unterschätzt (oder andere medial überhöht), bei Szigeti wäre es die Lust an der Nostalgie und vielleicht ist das Vibratoarme adrett zu hören, aber dessen Bogenhaltung alleine versperrt ihm manche Leichtigkeit im Spiel. Ich habe einiges von ihm und schätze das Prokofiev- und das Mozartkonzert sehr, sehr! Aber wenn er schon Händel-Sonaten zum Besten gibt, ui, dann wird es schräg und zum Teil doch arg unsauber in der Intonation! Und dann noch Bach? Du machst mich skeptisch … Nicht ganz unähnlich beklommen und "making-nervous" geht es mir beim sonst großartigen Oistrach, wenn der mit seinem Sohnemann Igor die Bach oder Händel spielt – eher gruselig!

  • Hallo,


    jetzt da ich mal wieder in den letzten Tagen Violinsonaten und Partiten höre und gehört habe, merke ich wieder, dass diese Musik überhaupt nicht an mich geht.
    Es ist aber nicht nur die Tatsache, dass mir mindestens ein zusätzliches Instrument fehlt. Es ist mir auch alles viel zu melancholisch, ich höre keine Melodien, es fehlt mir hier schlicht und einfach an Musik, an der ich mich erfreuen kann.


    Ich weiß, dass das Meisterwerke sind und viele hier im Forum diese Sachen lieben, aber anfangen kann ich damit überhaupt nichts.
    Vielleicht geht es ja jemandem ähnlich?


    Und schon sehe ich wieder die ersten Steine fliegen... :baeh01:



    Gruß, Peter.

  • Zitat

    Original von petemonova
    jetzt da ich mal wieder in den letzten Tagen Violinsonaten und Partiten höre und gehört habe, merke ich wieder, dass diese Musik überhaupt nicht an mich geht.
    Es ist aber nicht nur die Tatsache, dass mir mindestens ein zusätzliches Instrument fehlt. Es ist mir auch alles viel zu melancholisch, ich höre keine Melodien, es fehlt mir hier schlicht und einfach an Musik, an der ich mich erfreuen kann.


    Ich weiß, dass das Meisterwerke sind und viele hier im Forum diese Sachen lieben, aber anfangen kann ich damit überhaupt nichts.
    Vielleicht geht es ja jemandem ähnlich?


    Was für eine Aufnahme hast Du denn gehört?


    Ich kann Deinen Eindruck nachvollziehen.
    Die ungeheure Beliebtheit dieser Werke, besonders verglichen mit anderer als "sperrig" geltender Musik, aber auch im Gegensatz zu den wunderschönen eingängigen Bachschen Sonaten f. Violine/Cembalo finde ich ebenfalls sehr seltsam. Ich mochte jahrelang nur die E-Dur-Partita und die Chaconne. Und der Rest gehört immer noch nicht zu den Werken, die ich oft und gerne höre. Die E-Dur ist aber ziemlich zugänglich und melodisch, dann auch noch der 3. Satz aus der a-moll oder der g-moll. Die Solofugen in den 3 Sonaten sind einfach krass, die gefallen gewiß kaum jemanden. Ich würde wie gesagt mir den E-Dur und d-moll-Stücken beginnen, dann mit der a-moll oder g-moll-Sonate.


    viele Grüße


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Danke für die Tips, Johannes.
    Dann werde ich speziell diese Sätze mir nochmal genauer zu Gemüte führen.


    Ich habe bei Naxos die Aufnahme mit Christiane Edinger gehört.
    Bestimmt nicht so die Wucht, aber man hört ja ab und zu im Radio auch andere Interpretationen und bis jetzt hat mich da noch gar nichts angesprochen.



    Gruß, Peter.

  • Ich lieeeebe diese Musik; die Chaconne klingt auch romantisch toll.
    :jubel:
    Und er gibt uns Laien Mut, indem er zeigt, dass sich auch die Besten mal
    verspielen können (Am Ende der 72` Aufnahme).


    Heifetz 72 I
    Heifetz 72 II


    Heifetz 52 I
    Heifetz 52 II



    Aber Menuhins Aufnahme gefällt mir besser:
    IMMO EINE INSELAUFNAHME :jubel: :jubel: :jubel:


    Ein Mensch, eine Geige, ein Universum


    Menuhin 34 I
    Menuhin 34 II


    Die Welt ist schön!


    :hello:


    Aber Milstein ist auch grandios, da hat simiak recht:


    Milstein I
    Milstein II

  • Hallo Peter,


    ich kann Deine Eindrücke nachvollziehen. Auch wenn ich diese Art von Musik heute sehr gerne höre. (Aber es gab auch mal eine Zeit, da lehnte ich Klavier solo ab :rolleyes: )


    Ich hatte mir seinerzeit dieses Album besorgt, einmal reingehört, ge:kotz:t und weggelegt.



    Das ist lange her. Für meine Verhältnisse lange her... ;)


    Irgendwann, als ich längst mit dem Bach-Virus infiziert war, hörte ich in die Suiten für Violoncellchen Solo mit Heinrich Schiff hinein und war so was ähnliches wie begeistert. Dann kramte ich meinen Szering mit seinen Sonatas und Partitas für Violin solo wieder heraus und konnte eine Zeit lang gar nicht genug davon bekommen. Mich fasziniert, wie ein Mensch allein so viel Musik hervorbringen kann. Wenn ich nicht wüsste, dass ich gerade Werke für Violine solo höre, dann würde ich bestimmt an vielen Stellen von zwei Musikern ausgehen.


    Ich kann diese Musik aber nur dann hören, wenn ich mich voll und ganz darauf konzentrieren kann. Da hat dann neben der Musik auch nichts anderes im Kopf platz. Sobald ich an etwas anderes denke, während ich diese Musik höre, beginnt sie sofort zu nerven.


    Liebe Grüße
    GalloNero

  • Guten Tag


    Zitat

    Original von MStauch


    Welche Aufnahmen bevorzugt ihr Forianer von diesen Bachschen Großstücken und wie wichtig sind sie Euch?


    Erstmals kaufte ich mir Anfang 2006 diese Aufnahmen:




    Vorher habe ich mich mit den Solo-Violinsonaten -obwohl ich Bacxh sehr liebe- noch nicht befasst. War von diesen Aufnahmen begeistert, sie unterhielten mich erstmals auf einer längeren Bahnfahrt.


    Gruß aus der Kurpfalz


    Bernhard

  • Guten Tag


    Zitat

    Original von MStauch



    Mich bewegen gerade die Solostücke, auch die für das Violoncello solo, die vielleicht auch noch des Austausches unter uns wert sind.


    Bei den Solo-Cellosuiten entschied ich mich für diese




    Aufnahme.
    Der Name "Kuijken" war für mich Empfehlung und ich wurde nicht enttäuscht :jubel: :jubel:


    Gruß aus der Kurpfalz


    Bernhard

  • Mit meinen CDs und LPs der Violin-Solo-Sachen bin ich nie so recht glücklich geworden:


    Kremer spielt auf einem seltsamen Holzstück; zwar exaltiert, aber für meinen Geschmack oft an den falschen Stellen. Sehr schön war allerdings die Beilage sämtlicher Noten im Facsimile.


    Podger klingt schön, aber seltsam leblos. Sie kann das ganz wunderbar, aber so emotionslos muss es ja nun wirklich nicht sein.


    Wie hört sich denn Frau Schmidt an?


    Kennt jemand die neuere Aufnahme von Sigiswald Kuijken?


    Bin für jede weitere Beratung dankbar, allerdings sind Versuche von Haifetz über Menuhin bis Hahn vollkommen zwecklos. :D

  • Da ich den Klang von Darmsaiten bevorzuge, ist die Aufnahme von Monica Huggett mein Favorit - auch weil die Stücke bei ihr nicht die ganze Zeit so verdammt schwierig usw. klingen.
    Vorher hatte ich Sigiswald Kuijkens erste (DHM) und Jaap Schröders (Smithsonian) gekauft - Huggett ist eindeutig besser.
    Kuijkens neue habe ich noch nicht gehört. Holloways Ton war mir etwas zu rauh, Rachel Podger war mir irgendwie zu weich und schön.

  • Zitat

    Original von Johannes Roehl
    Die Solofugen in den 3 Sonaten sind einfach krass, die gefallen gewiß kaum jemanden.


    8o


    Die empfinde ich gerade als Höhepunkte in den Sonaten..

  • Zitat

    Original von miguel54
    Da ich den Klang von Darmsaiten bevorzuge, ist die Aufnahme von Monica Huggett mein Favorit - auch weil die Stücke bei ihr nicht die ganze Zeit so verdammt schwierig usw. klingen.


    Dem kann ich nur aus tiefster Seele zustimmen. Habe heute die Einspielung mit Frau Huggett mal wieder gehört (gleich 2x) und bin begeistert!!
    Eigentlich bin ich, anders als bei den Werken für Cello-Solo, trotz tiefer Bewunderung nicht unbedingt ein Liebhaber der Bach'schen Werke für Solo-Violine gewesen. Doch Mrs. Huggett spielt diese Stücke so erfrischend unangestrengt, klangschön und mit einer unheimlichen Poesie! Selbst die sonst oftmals gequält wirkenden Fugen kommen frisch und musikalisch daher. Unter den Einspielungen die ich kenne (Grumiaux, Milstein, Zehetmair, Jaap Schröder und eben Huggett) IMO deutlich die schönste !!


    Hier das Bildchen:



    Herzlichst,
    Medard

  • Die Solosonaten für Violine und Cello sind nicht einfach zu genießen. Das Ansinnen, vierstimmig sogar ganze Fugen spielen zu lassen, führt schon zu merkwürdigen Hilfskniffen und Skurillitäten. Ich glaube, dass, um dennoch große, ergreifende Musik zu machen, man schon ein J.S. Bach sein muß. Wenn ich die entsprechenden Lautentranskriptionen höre, kann ich mich zurücklehnen und wunderbar entspannt genießen. Die Violin- und Cellosonaten provozieren dagegen mein Klangempfinden, regen mich auf und packen mich.


    Diese Provokation kann aber auch zur Ablehnung führen. Der große Geiger Joseph Joachim (1831-1907) spielte die Violinsonaten in einem Konzert in England, und der bissige Bernard Shaw schrieb dazu: "Joachim kratzte verzweifelt vor sich hin und produzierte Töne, nach denen der Versuch, Mußkatnuß auf einer Schuhsohle zu reiben, sich wie eine Äolsharfe angehört hätte. Die Noten, soweit sie überhaupt hinreichend musikalisch waren, um deren Höhe unterscheiden zu können, waren meistens unsauber. Es war schrecklich - verdammenswürdig! Wäre es ein unbekannter Spieler gewesen, der das Werk eines unbekannten Komponisten spielte, er wäre nicht mit dem Leben davongekommen!"


    Provoziert fühlte sich offensichtlich auch der große Bachästet Albert Schweitzer. Ihn störte das Zerbrechen der Akkorde, die damit verbundenen Kratzgeräusche, die Pausen zwischen den Akkorden, das ständige Fortespiel und die unsinnige Stimmführung. Dagegen ging er davon aus, dass vierstimmiges Geigenspiel zu Bachs Zeit auch tatsächlich möglich und üblich war und sah sich in Berichten zum Beispiel über Bachs älteren Zeitgenossen Nicolaus Bruhns bestätigt. Nach Schweitzers Meinung lag der Schlüssel in der Verwendung eines konvexen Bogens, dessen Haare beim Spiel so entspannt werden können, dass ein gleichzeitiges Anstreichen aller Saiten möglich ist. Schweitzer entwickelte gemeinsam mit dem Geiger Rolf Schröder einen konvexen Bogen mit einer Hebelapparatur am unteren Ende, mit der die Entspannung der Haare beim Spiel möglich war, wohl wissend, dass er damit kein historisches Instrument aus Bachs Zeit, sondern eben eine Neukonstruktion vorgelegt hatte. Heute wird diese Bogen als Rundbogen bezeichnet.


    Nur wenige Geiger praktizieren heute dieses Spiel, unter ihnen Rudolf Gähler, der zu diesem Thema auch ein Buch veröffentlicht hat. Bei den Cellisten sei Michael Bach genannt (der heißt tatsächlich auch Bach). Hier aber zur Violine:



    Faszinierend der unerwartet runde, orgelartig volle Klang, die Ruhe, wo sonst die Arpeggien Unruhe produzieren. Allerdings schleichen sich auch bei ihm Unsauberkeiten ein, und auch hier gelingt beim vollgriffigen Spiel das Legato nicht, wie ich es mir erhoffen würde.


    Insgesamt ein Ohrenöffner, den ich nicht mehr missen möchte. Bevorzugen tue ich trotzdem immer noch bei weitem meine alte Aufnahme von Henryk Szeryng, oder wenn ich mich mit Musik auf hohem Niveau entspannen möchte die Transkription von der Transkription für Guitarre mit dem großen Ausnahmekünstler Narciso Yepes.


    Beste Grüße


    Manuel García

  • Lieber Manuel,


    Als Gitarrist muss ich an dieser Stelle mal eingreifen:


    Zitat

    wenn ich mich mit Musik auf hohem Niveau entspannen möchte die Transkription von der Transkription für Guitarre mit dem großen Ausnahmekünstler Narciso Yepes.


    Mir ist es ein Rätsel, wie es zu solchen Urteilen kommen kann, aber Du bist da nicht der Einzige. Yepes ist unter Gitarristen schon lange eine Lachnummer, der zugegeben ganz gut vermarktet wurde. Er kann kein Legato, er macht keine oder falsche Dynamik, er spielt schlicht unmusikalisch.
    Wenn Du mal eine gute Aufnahme der BAchsuiten für Gitarre hören willst, greif zu dieser hier von Stephan Schmidt, auch 10-saitige Gitarre



    oder Göran Söllscher ist bei Bach auch nicht schlecht (DG)


    Gruss Syrinx

  • ich dachte immer, der ominöse Rundbogen sei eine Chimäre, die nichts mit den im Barock tatsächlich verwendeten Bögen zu tun habe, bzw. ein leichtes Arpeggio bei den Akkorden sein üblich gewesen und damit auch historisch richtig??? ?(


    Weitere Diskussion zu Versionen für Laute/Gitarre/Cembalo/Akkordeon vielleicht besser in anderen threads


    JR als Mod


    :hello:


    JR (privat)

    Struck by the sounds before the sun,
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    (Bob Dylan)

  • Lieber Johannes,


    Albert Schweitzer weist in der Bach-Gedenkschrift 1950 auf alte Gemälde hin, auf denen die Engel genau solche Rundbögen in der Hand haben. Die alte Technik, die Spannung im Bogen nicht mittels der Schraube an seinem Ende zu erzeugen, sondern unmittelbar mit dem auf die Bespannung gelegten Daumen, solle eine schnelle Veränderung der Spannung, also ein Loslassen ermöglichen, so dass eben mit verminderter Spannung die Bespannung selbst im Bogen verlaufen und ohne partiellen Druck alle vier Saiten erreichen könne. Den Platz dafür biete die Ausführung der Stange als tatsächlicher Bogen.


    Diese Vorstellung Schweitzers und anderer vor ihm ist angegriffen worden und lässt sich wohl nicht mit den heute verfügbaren Kenntnissen belegen, jedenfalls nicht mehr für die Barockzeit; im Mittelalter mögen stärker gewölbte Bögen gebräuchlich gewesen sein, die aber gleichwohl gespannt waren. Danach stellt sich der Bachbogen, auch in seiner durch Michael Bach verwendeten Form, als Neuentwicklung des 20. Jahrhunderts dar. Ein Trugbild? Insofern schon, als Schweitzer und andere sich in ihren Grundannahmen täuschten.


    Sehr instruktiv zu dem Thema ist die Seite BACH.Bogen mit Texten u. a. von Albert Schweitzer, E. T. A. Hoffmann oder dem bereis genannten Michael Bach. Du findest sie, indem Du >Bach.Bogen< googlest. Der zweite oder erste Nachweis führt auf die Seite BACH.Bogen, dort tickst Du am linken Rand im Seitenmenü den Link [text].


    Liebe Grüße, Ulrich

  • Ich habe mir vor kurzem die Aufnahme von Itzhak Perlman gekauft - preiswert (10 Euro) bei EMI zu haben. Bestechend wie immer sein Legato-Spiel. Besonders spannend: Er hatte erst geplant, alle Sonaten und Partiten auf seiner Guarneri aufzunehmen, zwischenzeitlich aber eine Stradivari erstanden! Die Guarneri klingt ungemein ausgewogen und plastisch, die Stradivari schmeichlerisch-sinnlicher um nicht zu sagen >romantischer<! Faszinierend!


    Gruß Holger

  • Lieber Syrinx, Du hast Recht, ich sollte nicht von "Ausnahmekünstlern" sprechen, wenn ich die besseren Alternativen nicht kenne :O . Aber Danke für Deinen CD-Hinweis!


    Lieber Johannes, es geht ja nicht nur um ein "leichtes" Arpeggio. Der Rundbogen mit der Hebelapparatur ist auch kein Nachbau und hat auch keine historische Rechtfertigung, außer das er dort ein mehrstimmiges Spiel erlaubt, wo mit dem modernen Bogen mit - nach Schweitzers Meinung unbefriedigenden - Behelfen gearbeitet werden muß.


    Insgesamt erscheint mir die von mir o.g. Aufnahme Rudolf Gählers mit dem Rundbogen nicht als irgendwie geartete HIP- Versuch sondern ein überaus interessanter klanglicher "Diskussionsbeitrag" zur Frage: war es wirklich Absicht Bachs, die vollen Akkorde nur anzudeuten und den Fortklang der Fantasie und Vorstellungskraft der Zuhörer zu überlassen oder hatte der Barockgeiger oder speziell Bach andere technische Mittel, um den vollstimmigen Klang zu ermöglichen?


    Gruß! García

  • Zitat

    Original von Manuel García
    ein überaus interessanter klanglicher "Diskussionsbeitrag" zur Frage: war es wirklich Absicht Bachs, die vollen Akkorde nur anzudeuten und den Fortklang der Fantasie und Vorstellungskraft der Zuhörer zu überlassen oder hatte der Barockgeiger oder speziell Bach andere technische Mittel, um den vollstimmigen Klang zu ermöglichen?


    Lieber Garcia,


    diese Frage scheint doch inzwischen geklärt zu sein: Zur Bach-Zeit bestanden diese Möglichkeiten nicht, da die aus dieser Zeit gefundenen Bögen gerade nicht die erforderliche Rundung aufweisen. Mit eventuell seinerzeit noch existenten mittelalterlichen Bögen bestand die Möglichkeit auch nicht, da diese voll gespannt waren.


    Ein Klangexperiment und Diskussionsbeitrag ist das Ganze allerdings; ob mans hören mag, muss jeder selbst entscheiden - ich für mich vermag nicht mal ein Bedürfnis zu erkennen. Akkordbrechungen und sonstige Ausführungsformen stehen der Vollstimmigkeit des Klangs für mein Ohr nicht im Wege. Und das Herumreiten auf angeblichem Gekratze konnte ich noch nie nachvollziehen. Allerdings finde ich dabei schon bemerkenswert, dass sich heutige Komponisten - John Cage, Dieter Schnebel - dergestalt der Diskussion annehmen, dass sie genau für diesen Rundbogen komponierten.


    Liebe Grüße, Ulrich

  • Zitat

    Original von Hildebrandt
    Kremer spielt auf einem seltsamen Holzstück; zwar exaltiert, aber für meinen Geschmack oft an den falschen Stellen. Sehr schön war allerdings die Beilage sämtlicher Noten im Facsimile.


    Lieber Hildebrandt,


    ich fürchte, da liegt Dir Kremers erste Einspielung vor (es muss so sein, weil der zweiten Einspielung nicht sämtliche Noten im Facsimile beigefügt sind). Die zweite bei ECM erschienene Aufnahme hat Matthias MStauch weiter oben am 13.11.2005 sehr schön besprochen.


    An anderer Stelle habe ich zu dieser Aufnahme angemerkt: "Denn was (Kremer) vorgelegt hat, ist der Ausdruck seines höchst individuellen, "spielmännischen" Vermächtnisses, und das braucht den Jubel der Massen nicht.


    Ausdruck seiner individuellen Auffassung - genau dies ist ihm bei dieser Aufnahme zum Vorwurf gemacht worden, über die schon viel Kluges und auch Dummes gesagt worden ist. Natürlich ist "Schönklang" um seiner selbst willen nicht Kremers Ding, war es auch nie. Dabei muss letztlich die hinreißende Differenziertheit seiner Herangehensweise jeden überzeugen, der für Bachs Musik für Soloinstrumente ein offenes Ohr behalten hat. Stets trifft er den rechten Ton der Tanzsätze, das swingt so recht, wo es angebracht erscheint. Klarer als jeder/m anderen gelingt ihm die differenzierte Präsentation der Mehrstimmigkeit, die Verwirklichung barocker Klangrede als Weg und als Ziel - Musik als Klangrede nannte Harnoncourt diese Kunst, die Bach zur Vollendung führt. In vielem fühlte ich mich beim Hören dieser Aufnahme erinnert an die zweite Einspielung, die Pieter Wispelwey von den Bachschen Cellosuiten vorgelegt hat. Vielleicht scheinen die Cellosuiten es uns einfacher zu machen, weil ihre moderne Rezeptionsgeschichte im Prinzip erst mit Casals begann. Kraft, Lebendigkeit, Reichtum, die ganze Palette der in diesen Solomusiken enthaltenen vielen Facetten und Möglichkeiten zu zeigen, das zeichnet diesen Interpretationsstil und Kremers Aufnahme aus.


    Was sollen wir von Rezensenten halten, die ihm dies zum Vorwurf machen?"


    Wenn Du Gidon Kremer da noch einmal eine Chance geben wollen würdest - diese seine zweite Aufnahme würde ich nicht von vorneherein für chancenlos halten.


    Liebe Grüße, Ulrich

  • Zitat

    Original von Ulrich Kudoweh
    Wenn Du Gidon Kremer da noch einmal eine Chance geben wollen würdest - diese seine zweite Aufnahme würde ich nicht von vorneherein für chancenlos halten.


    Alle wollen mein Bestes – mein Geld. :D
    Kürzlich habe ich mir die Kuijken-Aufnahme zugelegt und bin sehr zufrieden.
    Wenn ich bedenke, dass ich seit meiner Mitleser-, noch mehr seit meiner Mitgliedschaft hier aufgrund zielsicheren Ansteuerns der Armutsgrenze wg. haltlosen CD-Kaufverhaltens den stetig wachsenden Unmut der von mir wirtschaftlich Abhängigen provoziere...
    Aber ich setze sie mal auf die Liste. *seufz*