Hector Berlioz - ein Genie unter Quarantäne

  • Liebe Taminoisten!


    Leider fehlt es mir momentan etwas an Zeit, um Biographisches zu Berlioz zu liefern, vielleicht möchte jemand anderes diese Lücke schließen. Es würde mich freuen. Dennoch möchte ich auf einen Aspekt eingehen, der mich gerade beschäftigt und der sich im Titel schon etwas andeutet.


    Frederick Goldbeck spricht in seinem Buch Die großen Komponisten unseres Jahrhunderts- Frankreich, Italien, Spanien vom "ruhmreich in Quarantäne gehaltenen Franzosen". In der Tat haben wir es hier mit einem Komponisten zu tun, dessen Bedeutung zweifelsfrei anerkannt scheint und der dennoch eine Art Vitrinendasein führt, wenn ich es mal so formulieren darf.


    Eine breiten Klassikhörergemeinschaft dürfte die "Symphonie Phantastique" durchaus ein Begriff sein, die " Grande Messe des morts" ist hier mit Sicherheit bei eingen bekannt und auch beliebt, jedoch bin ich der Ansicht, daß sie eine breite Hörerschft bisher nicht erreichen konnte - von dem übrigen Werk Belioz' ganz zu schweigen.


    Was sind Eurer Meinung nach die Ursachen für dieses doch recht erstaunliche Phänomen?
    Daß manch bedeutender Komponist nachwievor ein Archivdasein führt, ist ja nichts Neues. Bliebe man bei Frankreich, fiele mir gleich der Name Rameau ein. Daran wird (leider) auch Barto und Co nichts ändern können. Oder bei den Italienern z.B. Cesti. Die Unbekanntheit könnte man hier noch auf das vorklassische Zeitalter zurückführen, dessen Resonanz bei einer breiten Hörerschaft - vielleicht mit Ausnahme von Bach und Händel - eher gering ausfällt.


    Aber Berlioz war Romantiker. Hochromantiker sozusagen. Das Zeitalter, welches sich bei der "breiten Hörerschaft" eigentlich großer Beliebtheit erfreut.


    :hello:
    Wulf.

  • Hier muss ich schon aufgrund meines Avatars ein Posting absetzen :D.


    Ich liebe die Musik von Berlioz sehr und finde sie im Konzert- und Opernbetrieb mit ganz wenigen Ausnahmen gnadenlos unterrepräsentiert. Über die Gründe kann ich auch nur Vermutungen anstellen...


    Berlioz war kompositorisch ein Einzelgänger und gehörte nie wirklich einer breiten Strömung an (es gibt kein Gegenstück zu den Wagnerianern). Das gilt vor allem für sein Heimatland, das leider nie etwas mit ihm anfangen konnte - noch die Berlioz-"Renaissance" der letzten 40 Jahre ging bezeichnenderweise von England aus (ein Hoch auf Colin Davis!). Aber auch seine zu Zeiten Liszts betriebene Integration in die "neudeutsche" Schule scheiterte spätestens mit Wagner (Berlioz' und Wagners Vorstellungen von Musiktheater waren inkompatibel) und auch mit der zunehmenden "Nationalisierung" der Musiktraditionen. Für die Moderne konnte Berlioz aber auch nur schwer vereinnahmt werden.


    Zudem würde ich behaupten, dass Berlioz nicht nur "Hochromantiker", sondern eben auch Klassizist war. Die große Tradition des französischen musikalischen Klassizismus (spätestens seit der französischen Revolution) ist aber noch viel gründlicher in der Versenkung verschwunden als Berlioz.


    Berlioz ist ein "schwieriger" Komponist. Am ehesten ergötzt sich der heutige Hörer noch an seinen Schockeffekten (Fantastique) oder Klangmassierungen (Requiem). Für seine spezifische Melodik und Metrik fehlt vielfach das Verständnis. Im Opernbereich wird Berlioz zwischen den beiden Polen "italienische Oper" und "Wagner und die Folgen" zerrieben. Überhaupt wird Berlioz' Musik oft "falsch" gespielt, insb. dirigiert - ohne Sinn für die spezifischen Klangfarben. Seine Werkkonzeptionen können sehr sperrig sein und fügen sich teilweise schlecht in typische Konzertabläufe ein - z.B. die Trauermusik für Hamlet aus den "Tristia" mit ihren Gewehrschüssen etc. Selbst die "Fantastique" wird fast nie im ursprünglich vorgesehenen Doppelpack mit "Lélio" aufgeführt...


    Aber es gibt Hoffnung: Auch wenn das Publikum nicht überzeugt ist - immer wieder tauchen auch die sperrigeren Werke von Berlioz in den Spielplänen auf. Und es gibt Dirigenten wie Davis und Cambreling, aber auch den großen Einsatz von Gardiner, Norrington und Herreweghe.


    Viele Grüße


    Bernd

  • Zitat

    Original von Zwielicht
    Zudem würde ich behaupten, dass Berlioz nicht nur "Hochromantiker", sondern eben auch Klassizist war.


    So wie Schubert und Schumann. Wobei Schubert und der Fantastique-Berlioz nicht Hoch- sondern Frühromantiker sind.


    Die Generation von Berlioz ist allerdings überhaupt nicht beim Publikum beliebt. Schubert, Rossini und Berlioz schon. Aber Glinka, Marschner, Meyerbeer, Mercadante?


    Die Zeit, die ein wirklich breiteres Publikumsinteresse hat ist die Mahlergeneration meinem Eindruck nach. Und dann die konservativeren Komponisten der folgenden Generationen. Aus der Früh- Hoch- und früheren Spätromantik sind nur ganz wenige Komponisten beliebt, zum Teil nur mit wenigen Stücken. Das ist nun mal so ...

  • Zitat

    Original von Kurzstueckmeister


    So wie Schubert und Schumann. Wobei Schubert und der Fantastique-Berlioz nicht Hoch- sondern Frühromantiker sind.


    Über Stiletiketten kann man sich füglich streiten. Aber Schubert und Schumann standen nun mal in der Tradition der "Wiener Klassik" (resp. Klassizismus), die bis heute eine zentrale Rolle im Musikbetrieb spielt - ganz im Gegensatz zum französischen Klassizismus eines Gossec, Méhul oder Cherubini. Um den Einwand vorwegzunehmen: Berlioz war natürlich auch und vor allem Beethoven-Nachfolger, und zwar einer der originellsten.




    Zitat

    Die Generation von Berlioz ist allerdings überhaupt nicht beim Publikum beliebt. Schubert, Rossini und Berlioz schon. Aber Glinka, Marschner, Meyerbeer, Mercadante?


    Also bei aller Liebe zu den genannten Komponisten, insbesondere Meyerbeer: Berlioz rangiert schon eine Ebene höher.


    Bei den einigermaßen beliebten Komponisten könnte man noch hinzufügen: Donizetti, Bellini, Schumann, Mendelssohn, Liszt, Wagner (ja, letztere sind ein paar Jahre jünger, aber nicht eine Generation). Liszt ist am ehesten noch ein Parallelfall.




    Zitat

    Die Zeit, die ein wirklich breiteres Publikumsinteresse hat ist die Mahlergeneration meinem Eindruck nach. Und dann die konservativeren Komponisten der folgenden Generationen. Aus der Früh- Hoch- und früheren Spätromantik sind nur ganz wenige Komponisten beliebt, zum Teil nur mit wenigen Stücken. Das ist nun mal so ...


    Ja. Aber Berlioz war nun mal der bedeutendste französische Komponist zwischen Rameau und Debussy.


    Viele Grüße


    Bernd


  • Naja. Eigentlich schließt man in der Generation Schuberts, Rossinis und Berlioz' die wenige Jahre jüngeren Liszt, Chopin, Schumann, Mendelssohn (das ist Rosens "Romantic Generation", und evtl. Wagner und Verdi mit ein. Die sind alle mindestens so berühmt und beliebt wie die Komponisten der Mahler-Generation (ca. 1855-65).


    Und es wird sicher Gründe geben, warum (im Ggs. zu den gerade genannten) Marschner, Mercadante und Meyerbeer praktisch von den Spielplänen verschwunden sind... wobei mir neu wäre, dass sie außer vielleicht Meyerbeer mit zwei oder drei Werken Anfang/Mitte des 20. Jhds. präsenter gewesen wären.


    Von Berlioz' sind tatsächlich nur sehr wenige Stücke, eigentlich nur die Fantastique breit bekannt (und man lese mal nach, was noch in Konzertführern um 1900 dazu steht, man sollte den scheußlichen 5. Satz doch besser weglassen....) Zum Teil liegt das sicher an ihrer ganz äußerlichen Sperrigkeit und Aufwendigkeit. Was soll man mit einem Hybrid wie Fausts Verdammnis (auch noch relativ beliebt) machen? Wie eine Oper inszenieren oder konzertant. Lelio? Harold en Italie, eine Dreiviertelstunde mit Solobratsche, aber weder so spektakulär wie die Fantastique noch wirklich eine Gelegenheit für den Bratscher sich zu produzieren..usw.


    viele Grüße


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Zitat

    Original von Johannes Roehl
    Naja. Eigentlich schließt man in der Generation Schuberts, Rossinis und Berlioz' die wenige Jahre jüngeren Liszt, Chopin, Schumann, Mendelssohn (das ist Rosens "Romantic Generation", und evtl. Wagner und Verdi mit ein. Die sind alle mindestens so berühmt und beliebt wie die Komponisten der Mahler-Generation (ca. 1855-65).


    Eigentlich sollte es ja nicht darum gehen ...
    Rossini *92 verstummte um 1830, als die Hochromantik begann.
    Schubert *97 verstummte zwangsläufig 1828.
    Berlioz *03 schrieb die Symphonie fantastique 1829.
    All das ist die Zeit des späten Beethoven.


    Wagner und Verdi *1813 können wirklich nicht mit Schubert und Rossini zusammengefaßt werden.


    Dass die Menge der um Mahler geborenen Komponisten die beliebt sind (Mahler, Wolf, Strauss, Debussy, Dukas, Satie, Sibelius, Nielsen, Glasunow, Puccini, Leoncavallo, Mascagni, Elgar, Delius, Albeniz, Granados, Kienzl, Humperdink) größer ist als die der Generation Schuberts, dessen bin ich mir ganz sicher.


    Die Hochromantik fängt jedenfalls erst nach 1830 an mit Schumann, Mendelssohn, Burgmüller und Gade. Selbst den in den 40ern Symphonien schreibenden Berwald gibt man doch noch zur Frühromantik dazu. Und der ist auch keineswegs so beliebt wie etwa Humperdink - wie dieses Forum sehr schön bestätigt!


    :hello:

  • Früh-, Hoch- oder Tiefromantik - was auch immer. Berlioz' öffentlich wahrgenommenes kompositorisches Wirken fällt in die Zeit zwischen 1830 und 1869. Damit war er nun mal "Zeitgenosse" von Mendelssohn, Schumann und Liszt, ab ca. 1840 auch von Wagner und Verdi. Und kompositionsgeschichtlich ist er eben in der Tradition der Revolutionsmusik, des französischen Klassizismus (sich teilweise von diesem distanzierend) sowie Beethovens und Webers zu verorten.


    Viele Grüße


    Bernd


  • Die habe ich ja auch eingeklammert. Kommt es jetzt auf ein Jahr an?


    1825 Mendelssohns Oktett
    1826 Ouverture zum Sommernachtstraum
    1829 Sinfonie Fantastique, Guillaume Tell
    ca. 1830 Chopins Klavierkonzerte, Trio, erste Mazurken, Nocturnes, Etudes op.10; Mendelssohns Reformationssinfonie (viel später veröffentlicht)
    1831 Schumanns Papillons
    1833 Italienische Sinfonie
    1834 Carnaval
    1842 Nabucco
    1843 Der Fliegende Holländer
    1846 La Damnation du Faust
    1847 Macbeth


    Wagner und Verdis reife Werke kommen später (ebenso ein Großteil von Liszt). Aber alle anderen gehören in jeder Hinsicht zur selben Generation wie Berlioz; Rossini kann man noch ausklammern, Schubert ist strittig. Jede Einteilung, in Früh-, Hoch-, Mittel, die das mißachtet, ist aufgrund der vorstehenden Entstehungszeiten m.E. künstlich und unplausibel.


    Zitat


    Dass die Menge der um Mahler geborenen Komponisten die beliebt sind (Mahler, Wolf, Strauss, Debussy, Dukas, Satie, Sibelius, Nielsen, Glasunow, Puccini, Leoncavallo, Mascagni, Elgar, Delius, Albeniz, Granados, Kienzl, Humperdink) größer ist als die der Generation Schuberts, dessen bin ich mir ganz sicher.


    Von den hier Genannten sind in meiner Wahrnehmung der "offiziellen" Musikgeschichte nur Mahler, Strauss und Debussy so hochgeschätzt wie Berlioz, Mendelssohn, Chopin oder Schumann.
    Dukas, Wolf, Leoncavallo, Mascagni, Elgar, Delius, Albeniz, Granados, Kienzl, Humperdink werden eher als one-hit-wonder oder randständige Komponisten, die hauptsächlich aufgrund ihrer Nationalität (die Spanier und Engländer) oder in einem eher unbeliebten Genre (Wolf) bekannt sind. Die Generation von ca. 1800-1810 ist bei aller Individualität noch "europäisch".
    Bei aller Unterschätzung die Berlioz zuteil werden mag, in Deutschland ist er gewiß um Längen bekannter und beliebter als Wolf oder Delius.


    viele Grüße


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Zitat

    Original von Johannes Roehl
    Bei aller Unterschätzung die Berlioz zuteil werden mag, in Deutschland ist er gewiß um Längen bekannter und beliebter als Wolf oder Delius.


    Ich denke wohl doch, dass Berlioz als einer der wichtigsten Komponisten seiner Zeit angesehen wird und nicht unterschätzt.


    Das hat mit Beliebtheit nichts zu tun.


    Ich glaube, wir haben alle ein wenig aneinander vorbeigeredet ...
    :hello:



  • Zweifellos ist Berlioz in Deutschland bekannter und beliebter als Wolf oder Delius. Die Frage müsste nur lauten: Warum ist Berlioz selbst in Frankreich weniger bekannt als Wagner?


    Und dass Berlioz unter Musikern, Wissenschaftlern und "Kennern" als einer der wichtigsten Komponisten seiner Zeit angesehen wird, stimmt zweifellos. Aber warum steht er dann abseits der "Symphonie fanstastique" so selten auf den Spielpänen von Orchestern und Opernhäusern? Und warum ist ein Großteil seiner Werke einem breiten Publikum so unbekannt? Das war ja auch die Frage, die Wulf in seinem Eröffnungsbeitrag gestellt hat.


    Selbst relativ leicht zugängliche Werke wie "Harold en Italie" oder "Les nuits d'été", ein Schlüsselwerk in der Geschichte des Orchesterlieds, sind das Gegenteil von populär. "Roméo et Juliette" wird fast nie in der originalen Fassung als Symphonie mit Soli und Chören aufgeführt. Zu hören bekommt man nur ab und zu die drei Orchesterstücke aus diesem Werk. Wie schon oben gesagt: Die originellen, manchmal hypertrophen Formen, die Berlioz wählt, entziehen sich oft einer Schubladen-Gattungsästhetik - "Roméo" als Synthese zwischen Symphonie und Oratorium, "La damnation de Faust" als Zwitter zwischen Oratorium und Oper etc.


    Vollends augenfällig wird die Schere zwischen Bedeutung und Bekanntheit beim Opernwerk. Beispiel: "Les troyens". Eine der bedeutendsten Opern des 19. Jahrhunderts, das französische Gegenstück zu Wagners "Ring" mit einem grandiosen, wie immer von Berlioz selbst verfasstem Libretto. Ab und zu wird es von tapferen Intendanten und Dirigenten auf die Bühne gehievt, um dann wieder zu verschwinden. Warum? Das Werk ist zu anspruchsvoll und entzieht sich jeder Einordnung in gängige Gattungsmuster und Hörgewohnheiten. Das trifft für Wagners spätere Musikdramen natürlich auch zu. Die Genialität des Sachsen im Durchsetzen von Plänen und Utopien war Berlioz aber nicht gegeben. Und so wirken die "Trojaner" aufgrund ihrer fehlenden Rezeptionsgeschichte wie ein weißer Elefant in der Musikgeschichte des 19. Jahrhunderts, während man munter noch die dritt- und vorletzte Belcanto-Oper ausgräbt.


    Übrigens war Berlioz auch als Musikschriftsteller eine überragende Erscheinung, weitaus besser als Wagner, aber auch schärfer und witziger als Schumann - erst wieder von Debussy erreicht.


    Viele Grüße


    Bernd

  • Zitat

    Original von Zwielicht


    Und dass Berlioz unter Musikern, Wissenschaftlern und "Kennern" als einer der wichtigsten Komponisten seiner Zeit angesehen wird, stimmt zweifellos. Aber warum steht er dann abseits der "Symphonie fanstastique" so selten auf den Spielpänen von Orchestern und Opernhäusern? Und warum ist ein Großteil seiner Werke einem breiten Publikum so unbekannt? Das war ja auch die Frage, die Wulf in seinem Eröffnungsbeitrag gestellt hat.


    Stimmt. Um die Frage geht es mir. Marschner. Meyerbeer etc - selbst wenn dem so wäre daß Spätromantik sich einer größeren Beliebtheit erfreut wie Hochromantik (was ich nicht ganz so schnell hinnehmen möchte), ist es mit Berlioz, wie Zwielicht drauf hinwies, eine besondere Sache. Niemand wird abstreiten können, daß sein Werk - will man so argumentieren - um einige Ecken bedeutender als das von Meyerbeer & Co ist. Von "Kennern" wird er als einer der bedeutensten Komponisten überhaupt geführt - durchaus in einem Atemzug mit Beethoven, Schubert und Schumann.


    Die Schwierigkeit einer Gattungszuordnung mag eine plausible Erklärung sein, das alleine sollte aber nicht ausschlaggebend sein. Der "sperrige" Charakter, die Komplexität und die mancher Orts fehlende Unmittelbarkeit der Wirkung (ich sporeche jetzt mal nicht von der "Fantastique) könnten Ursachen der zu geringen Resonanz sein.


    Zwielicht wies zurecht auf "Les Nuits d'Ete" hin - das Scbhlüsselwerk des Orchesterlieders, das für Mahler noch große Vorbildfunktion haben sollte - es ist subtil, getragen von einer IMO typischen Berliozschen Ästhetik, die vielleicht wenig breitentauglich ist (gewagt, ich weiß, aber anders kann ich das momentan nicht umschreiben). Zudem ist dieses Werk - auch in harmonsicher Hinsicht - unglaublich frei. Fast zu frei. Berlioz erreicht einen Grad der Freiheit, der vielleicht heute noch fremd anmutet, da sich diese Feriheit bei Berlioz dennoch in ein romantisches Gewand kleidet.



    Zitat


    Übrigens war Berlioz auch als Musikschriftsteller eine überragende Erscheinung, weitaus besser als Wagner, aber auch schärfer und witziger als Schumann - erst wieder von Debussy erreicht.


    Und von Dukas, der für seinen Scharfsinn und für seine treffsicheren Geschmack als Kritiker und Musikschriftsteller hlch geschätzt wurde...


    LG
    Wulf.
    Viele Grüße


    Bernd[/quote]

  • Zitat

    Original von Wulf
    Zudem ist dieses Werk - auch in harmonsicher Hinsicht - unglaublich frei. Fast zu frei. Berlioz erreicht einen Grad der Freiheit, der vielleicht heute noch fremd anmutet, da sich diese Feriheit bei Berlioz dennoch in ein romantisches Gewand kleidet.


    Ich kann mich noch erinnern wie ich nach einer Gehöranalyse eines Fauré-Werks die Lehrerin auf Berlioz ansprach, worauf Sie meinte, dass Analyse dort uninteressant wäre, da er "irgendwas" macht.


    Musikgeschichtlich hatte Berliozens harmonische Beliebigkeit aber freilich - ebenso wie die von Gesualdo ein paar Jahrhunderte davor oder vielleicht von Blow oder Rébel dazwischen - bei weitem nicht die Bedeutung, die Wagners Tristanakkord und dann Skrjabin oder Schönberg hatten.


    Rückblickend wirken alle diese Komponisten recht fremd, da sie scheinbar mit diesen harmonisch falschen Wendungen besser in eine viel spätere Epoche passen würden. Je mehr man aber kennt, umso mehr solche harmonische Frechheiten wird man hie und da bemerken, manche Wendung eines unverdächtigen Komponisten erweist sich als verwandt. Monteverdi und Grandi (bei letzterem bin ich mir doch ziemlich sicher) haben Spuren von Gesualdos Wahnwitz abbekommen. Und Berlioz ist dann doch ein Vorläufer der "Neudeutschen"?


    Da ich mich schon an meine Studienzeit erinnere (oh wie nostalgisch) - da hat doch unser Musikgeschichtler eine Parallele im harmonischen Auf-der-Stelle-Treten trotzdem, dass suggeriert wird, dass es so richtig los ginge (oder so ähnlich) zwischen Rossini, Schubert und Berlioz gesehen. Mit Schubert und Schumann teilt er eine Beethovennachfolge, wobei bei Berlioz der experimentelle Charakter besonders betont wird, während bei Schumann (vielleicht auch durch den größeren zeitlichen Abstand) die Nachfolge klassizistischer wird, komplexer, dicker, indirekter? (früh-hoch-tief ...)

  • Zitat

    Original von Kurzstueckmeister
    Ich kann mich noch erinnern wie ich nach einer Gehöranalyse eines Fauré-Werks die Lehrerin auf Berlioz ansprach, worauf Sie meinte, dass Analyse dort uninteressant wäre, da er "irgendwas" macht.


    Hört sich nach intensiver Beschäftigung mit Berlioz an :D.



    Zitat

    Musikgeschichtlich hatte Berliozens harmonische Beliebigkeit aber freilich - ebenso wie die von Gesualdo ein paar Jahrhunderte davor oder vielleicht von Blow oder Rébel dazwischen - bei weitem nicht die Bedeutung, die Wagners Tristanakkord und dann Skrjabin oder Schönberg hatten.


    Das ist unzweifelhaft richtig, wenn man mal von der Vokabel "Beliebigkeit" absieht. Es ist aber eine grundsätzliche Frage, ob man die fugenlose Einordnung eines Komponisten in eine teleologisch aufgefasste Musikgeschichte zum Kriterium für seine Bedeutung machen kann.



    Zitat

    Rückblickend wirken alle diese Komponisten recht fremd, da sie scheinbar mit diesen harmonisch falschen Wendungen besser in eine viel spätere Epoche passen würden. Je mehr man aber kennt, umso mehr solche harmonische Frechheiten wird man hie und da bemerken, manche Wendung eines unverdächtigen Komponisten erweist sich als verwandt. Monteverdi und Grandi (bei letzterem bin ich mir doch ziemlich sicher) haben Spuren von Gesualdos Wahnwitz abbekommen. Und Berlioz ist dann doch ein Vorläufer der "Neudeutschen"?


    Als Harmoniker war Berlioz doch gar nicht so revolutionär oder auch nur "anders", wenngleich sicherlich interessant. Höhere Bedeutung hat er m.E. in den Bereichen Melodie und Rhythmik (insb. auch beim Verhältnis Musik-Sprache) sowie beim experimentellen Umgang mit der Form, bei Gattungsästhetik und Dramaturgie. Die Reduktion von Musikgeschichte auf die Entwicklung der Harmonik fand ich schon immer etwas befremdlich (um nicht zu sagen: deutsch-österreichisch).



    Zitat

    Da ich mich schon an meine Studienzeit erinnere (oh wie nostalgisch) - da hat doch unser Musikgeschichtler eine Parallele im harmonischen Auf-der-Stelle-Treten trotzdem, dass suggeriert wird, dass es so richtig los ginge (oder so ähnlich) zwischen Rossini, Schubert und Berlioz gesehen. Mit Schubert und Schumann teilt er eine Beethovennachfolge, wobei bei Berlioz der experimentelle Charakter besonders betont wird, während bei Schumann (vielleicht auch durch den größeren zeitlichen Abstand) die Nachfolge klassizistischer wird, komplexer, dicker, indirekter? (früh-hoch-tief ...)


    Dem mit der unterschiedlichen Beethovennachfolge stimme ich zu.


    Viele Grüße


    Bernd

  • Zitat

    Original von Zwielicht
    Die Reduktion von Musikgeschichte auf die Entwicklung der Harmonik fand ich schon immer etwas befremdlich (um nicht zu sagen: deutsch-österreichisch).


    Ähm, ich habe mich in diesem Posting bezugnehmend auf Wulfs Posting nur auf Harmonik bezogen, was nicht heißen soll, dass mich alles andere nicht interessiert.


    Und bezüglich Bedeutung habe ich auch von Bedeutung der harmonischen Beliebigkeit gesprochen und nicht von Berliozens Bedeutung generell.
    :hello:

  • Zitat

    Original von Kurzstueckmeister
    Ähm, ich habe mich in diesem Posting bezugnehmend auf Wulfs Posting nur auf Harmonik bezogen, was nicht heißen soll, dass mich alles andere nicht interessiert.


    Und bezüglich Bedeutung habe ich auch von Bedeutung der harmonischen Beliebigkeit gesprochen und nicht von Berliozens Bedeutung generell.
    :hello:


    Ja, ist mir schon klar. Hatte nur gerade Lust, etwas polemisch zu reagieren :D. Sorry!


    Viele Grüße


    Bernd

  • Zitat

    Original von Johannes Roehl
    ...Harold en Italie, eine Dreiviertelstunde mit Solobratsche, aber weder so spektakulär wie die Fantastique noch wirklich eine Gelegenheit für den Bratscher sich zu produzieren..usw.


    Deshalb hat ja Paganini, der das Stück bei Berlioz in Auftrag gab, weil ihm das wundervolle ROMÉO ET JULIETTE so gefiel, Berlioz zwar großzügig bezahlt, das Werk aber nie aufgeführt.


    Ich danke Zwielicht für den Hinweis, dass dieser Thread wieder einmal aufgenommen werden sollte, denn mindestens das Zitat seiner "harmonischen Beliebigkeit" kann so nicht stehen bleiben, nur weil einmal jemand aus einer Zeit, in der Berlioz nur die "Symphonie Fantastique" bedeutete, das in seinem/ihrem Nichtwissen in den Raum gestellt hat.


    Ein passender Kommentar dazu braucht aber etwas mehr Zeit und Konzentration, als ich derzeit aufbringen kann. Man sollte jedoch wenigstens berücksichtigen, dass Berlioz allgemein als der beste Orchestrator bis Richard Strauss gegolten (was dieser neidlos anerkannte) und dazu auch ein Standardwerk verfasst hat, in dem er sich wiederholt auf seine bewunderten Vorbilder Beethoven und Weber berief. Spricht das für einen Komponisten, der beliebig harmonisiert, wenn doch eher seinerzeit polemisch verkannte Kühnheit im Umgang mit dem etablierten Tonartensystem dahinter steckt?


    Was seine Aufnahme bei seinen Zeitgenossen betrifft, darf man außerdem nicht vergessen, dass er seinen Lebensunterhalt als (ein sehr spitzzüngiger) Musikkritiker bestreiten musste und sich dadurch sehr viele Feinde gemacht hatte.


    An dieser Stelle sei noch einmal darauf hingewiesen, dass ARTE am 15. August den Salzburger BENVENUTO CELLINI überträgt. Wer einmal eine extrem verkannte und deshalb bis heute meist nur dem Namen nach bekannte Oper hören will, darf diese Übertragung keinesfalls versäumen - wobei ich zu wenig über die Darbietung weiß um mehr als die Oper selbst ans Herz zu legen.


    Bis demnächst in diesem Forum


    :hello: Rideamus

  • Zitat

    Original von Rideamus
    Man sollte jedoch wenigstens berücksichtigen, dass Berlioz allgemein als der beste Orchestrator bis Richard Strauss gegolten (was dieser neidlos anerkannte) und dazu auch ein Standardwerk verfasst hat, in dem er sich wiederholt auf seine bewunderten Vorbilder Beethoven und Weber berief.


    Ich darf in "eigener" Sache beifügen, dass zu den Vorbildern nicht nur Gluck gehörte, sondern dass auch - wenn ich mich recht erinnere - die meisten Musikbeispiele von Gluck genommen wurden ...


    Wenn man die Instrumentationslehre von Strauss kennt, so kann man schon gut erkennen, wie sehr sie auf der von Berlioz gründet. Allerdings hat es inzwischen einen neuen Magier des Klanges gegeben ... Wagner.


    LG Peter

  • Berlioz harmonische Beliebigkeit oder Harmlosigkeit zu unterstellen, halte ich für ein wenig voreilig. Betrachtet man seine Werke im zeitlichen Zusammenhang, gewinnen sie ein größeres Gewicht.


    Dass die Trojaner oder sein Requiem nicht häufig aufgeführt werden, liegt wohl ganz banal an dem Riesenapparat und dem damit verbundenen Aufwand schon vor Beginn der ersten Probe. Beim Requiem kommt die Frage nach dem Aufführungsort dazu.
    Dagegen stehen die Sommernächte doch schon einmal öfter auf dem Programm.


    Auch wenn ihm Verdienste als Orchestrator zugestanden werden, sollte man dabei nicht seine Suche nach neuen Klängen und Klangfarben vergessen, die ja nicht nur das reine Orchestrieren einschlossen, wobei er Gluck in seinem Traktat vielleicht ein bisschen zu sehr für seine Zwecke eingesetzt hat. (Aber gegen Meyerbeer war ihm ja nahezu jedes Mittel recht. :D)
    Er hat sich doch auch sehr intensiv mit den Möglichkeiten der Instrumente befasst und seine Ideen umsetzen lassen.
    Ich könnte mir vorstellen, dass die nachfolgenden Generationen ihm mehr zu verdanken haben, als man heute allgemein annimmt.


    Und noch eine Empfehlung für die verspätete Urlaubslektüre: Seine "Erinnerungen" sind nicht nur lesenswert und wichtig, sondern obendrein auch sehr vergnüglich. Und man lernt en passant eine ganze Menge über ihn und seine Zeitgenossen, was woanders nicht geschrieben steht.


    Schöne Grüße
    Hildebrandt

  • Zitat

    Original von pbrixius


    Ich darf in "eigener" Sache beifügen, dass zu den Vorbildern nicht nur Gluck gehörte, sondern dass auch - wenn ich mich recht erinnere - die meisten Musikbeispiele von Gluck genommen wurden ...


    Wenn man die Instrumentationslehre von Strauss kennt, so kann man schon gut erkennen, wie sehr sie auf der von Berlioz gründet. Allerdings hat es inzwischen einen neuen Magier des Klanges gegeben ... Wagner.


    In der Tat, Gluck hätte unbedingt in diese Reihe gehört, und dafür gibt es keinen gewichtigeren Zeugen als Berlioz selbst.


    Über das Verhältnis der beiden fast zeitgleichen Titanen Berlioz und Wagner lässt sich trefflich spekulieren. Meines Wissens hatten sie öffentlich nicht viel füreinander übrig, und das gilt wohl auch für den Umfang ihrer Äußerungen füreinander. Ihre Ansichten über das "Gesamtkunstwerk", um den von Wagner geprägten Begriff zu übernehmen, waren aber mindestens in ihrem Anspruch weniger gegensätzlich als hier gesagt, und ich unterstelle, dass beide einander mehr schätzten und vielleicht sogar bewunderten als sie offen bekannten. Mörderische Ansprüche an Stimmen, wie es sie heute kaum noch gibt, stellten sie jedenfalls beide. Das wäre mal eine eigene Studie wert. Da ich aber mit dem Popularitätssieger Wagner, ganz im Gegensatz zu Berlioz, meine Probleme habe, bleibe ich da lieber passiv interessiert.


    Beste Grüße
    Rideamus


  • Das unterschreibe ich durchweg sehr gerne mit Ausnahme der fetten Klammer. Nicht nur in seinen Memoiren, die allgemein und zu Recht als Spitzenwerk dieser Literaturgattung gelten, sondern auch in Kritiken und anderen Artikeln war Berlioz ein erklärter Bewunderer von Meyerbeer und insbesondere von dessen ROBERT LE DIABLE und LE HUGUENOTS. Die Animosität gegen den Juden Meyerbeer, die später auf so verheerende Weise missbraucht werden sollte, geht viel mehr auf Richard Wagner und dessen Neid auf Meyerbeers Erfolg an den Opernmetropolen Europas zurück.


    Im übrigen hat sich ja die Aufführungsstatistik der Trojaner in den letzten Jahrzehnten sehr erfreulich geändert. Selbst die Augsburger Oper versuchte sich bereits vor einigen Jahrzehnten daran, und ich kann mich aus der gleichen Zeit an eine kontroverse, aber hoch interessante und von Michael Gielen maßstäblich dirigierte Inszenierung von Ruth Berghaus in Frankfurt erinnern. Seither scheint mir das Werk (rein gefühlsmäßig, nicht empirisch abgesichert) jedes Jahr in mindestens einem deutschen Opernhaus aufzutauchen, und es gibt wohl kein Haus von Weltrang, das nicht schon mindestens eine Inszenierung des Werkes herausgebracht hätte. Die MET bot mit Domingo, Jessye Norman und Tatjana Troyanos sogar eine absolute Starbesetzung, auch wenn die Aufführung, nach der DVD-Aufzeichnung zu schließen, nur öde statisches Rampentheater in teuren Kostümen darbot. Mit mindestens drei achtbaren bis vorzüglichen Aufnahmen ist das Werk zudem auf DVD sogar hervorragend präsentiert.


    Da wäre es schon an der Zeit, für Berlioz' vernachlässigte Opern BENVENUTO CELLINI und BÈATRICE ET BENEDICT zu plädieren und jedermann. dem der in der Tat enorme Aufwand für das Requiem zu groß ist und LA DAMNATION DE FAUST zu schwer zu inszenieren ist, seine wunderbare L'ENFANCE DU CHRIST ans Herz zu legen.


    Beste Grüße


    Rideamus

  • Mag sein, dass ich mich vertue. Es ist halt schon wirklich lange her mit der Lektüre. Aber ich meine immer noch, dass er Meyerbeer als seinen größten Konkurrenten auf den Pariser Bühnen ansah, wiewohl er selbst noch nicht allzu viel dort zu bestellen hatte. Auf jeden Fall habe ich Berlioz erfreulich Antisemitismus-frei in Erinnerung. Hoffentlich täusche ich mich da jetzt auch nicht schon wieder.


    Jedenfalls wird es Zeit, dass ich das noch einmal lese. Qualität und Unterhaltungswert waren jedenfalls ganz oben angesiedelt.


    Schöne Grüße
    Hildebrandt

  • Zitat

    Original von Hildebrandt
    Ich meine immer noch, dass er Meyerbeer als seinen größten Konkurrenten auf den Pariser Bühnen ansah, wiewohl er selbst noch nicht allzu viel dort zu bestellen hatte.
    Mag sein, dass ich mich vertue.


    Ja. :) Berlioz störte sich eher an den für seine Begriffe "billigen" Erfolgen Rossinis und der französischen Opéra comique, von deren Werken er wenig gelten ließ. Nachzulesen in den köstlichen "Dialogen im Orchester", in dem die Orchestermusiker mit Ausnahme des eifrig an seiner großen Pauke beschäftigten Schlagzeugers während der Aufführungen bissig das zeitgenössische Musikgeschehen kommentieren, weil ihre Partien sie langweilen.


    Da bin ich aber überhaupt nicht der Meinung dieses gestrengen Kritikers, der das Element der Unterhaltung als Sakrileg an der Musik bewertete.


    Zitat

    Original von Hildebrandt
    Auf jeden Fall habe ich Berlioz erfreulich Antisemitismus-frei in Erinnerung. Hoffentlich täusche ich mich da jetzt auch nicht schon wieder.


    Überhaupt nicht!!! :D:D:D


    Schöne Grüße
    Rideamus

  • Zitat

    Original von Hildebrandt
    Dass die Trojaner oder sein Requiem nicht häufig aufgeführt werden, liegt wohl ganz banal an dem Riesenapparat und dem damit verbundenen Aufwand schon vor Beginn der ersten Probe. Beim Requiem kommt die Frage nach dem Aufführungsort dazu.
    Dagegen stehen die Sommernächte doch schon einmal öfter auf dem Programm.



    Das mag ja für das Requiem stimmen - für die Trojaner aber doch wohl kaum. Hier braucht man keinen größeren Apparat als etwa für die "Meistersinger" oder "Boris Godunow". Das Werk ist zwar sehr lang - aber auch daran ist man spätestens seit Wagners Zeiten doch gewöhnt (zudem gibt es die Möglichkeit, die Trojaner an zwei Abenden zu spielen, wie vor einiger Zeit in Duisburg/Düsseldorf geschehen).


    Wenn im Konzert oder in der Oper ein weniger gebräuchliches Werk von Berlioz aufgeführt wird, stelle ich immer wieder ernüchternde Publikumsreaktionen fest: "interessant", "ungewöhnlich", "schön mal gehört zu haben", "vielleicht etwas lang", "wo ist die Garderobe?" etc. Der Funke springt nicht über - und das gilt m.E. nicht nur für Deutschland. Dabei sind die Trojaner in letzter Zeit gar nicht sooo selten auf die Bühne gebracht worden. Fast noch schlechter steht es um die anderen Opern (mit Ausnahme der "Damnation de Faust", die natürlich eigentlich keine Oper ist).


    Ein ganz wichtiger Aspekt bei Berlioz ist das Aufsprengen der Gattungen, das erstaunlicherweise auch heute noch beim Publikum auf wenig Verständnis stößt. Ich hatte ja oben schon "Roméo et Juliette", "Lélio" und andere Gattungszwitter erwähnt. Man kann sich auch die Frage stellen, warum ein zumindest äußerlich relativ traditionelles Oratorium wie "L'enfance du Christ" auf so schlechte Resonanz stößt (das höfliche Absitzen dieses Werkes durch das Publikum bei einer hiesigen Aufführung unter Norrington ist mir noch gut in Erinnerung). Vielleicht die ständigen Perspektiven- und Stilwechsel, das tendenziell Fragmentarische? Wie auch immer: Intendanten, Dirigenten etc. setzen die Werke ja tapfer immer mal wieder auf die Spielpläne. Aber es handelt sich eben m.E. um ein Problem der Rezeption.


    Viele Grüße


    Bernd

  • Zitat

    Original von Zwielicht


    Ein ganz wichtiger Aspekt bei Berlioz ist das Aufsprengen der Gattungen, das erstaunlicherweise auch heute noch beim Publikum auf wenig Verständnis stößt. Ich hatte ja oben schon "Roméo et Juliette", "Lélio" und andere Gattungszwitter erwähnt. Man kann sich auch die Frage stellen, warum ein zumindest äußerlich relativ traditionelles Oratorium wie "L'enfance du Christ" auf so schlechte Resonanz stößt (das höfliche Absitzen dieses Werkes durch das Publikum bei einer hiesigen Aufführung unter Norrington ist mir noch gut in Erinnerung). Vielleicht die ständigen Perspektiven- und Stilwechsel, das tendenziell Fragmentarische? Wie auch immer: Intendanten, Dirigenten etc. setzen die Werke ja tapfer immer mal wieder auf die Spielpläne. Aber es handelt sich eben m.E. um ein Problem der Rezeption.


    Unsere Mails haben einander gekreuzt, so dass schon zu lesen war, dass ich Dir hier voll zustimme. Was das Problem der Rezeption betrifft, so hast Du sicher Recht. Das Publikum liebt allgemein keine großen Überraschungen, allenfalls Varianten des Bekannten. Man tut dem Klassikpublikum leider keinen Tort an, wenn man behauptet, dass es sich, mit wenigen Ausnahmen, die sich notgedrungen in Spezialfestivals und vor den Wiedergabegeräten zuhause versammeln, in dieser Erkenntnis von jedem Publikum im allgemeinen nicht unterscheidet. Eher im Gegenteil. Wenn sich einmal etwas Neues als erfolgreich erweist, dann fast immer nur für kurze Zeit als Resultat eines allgemeinen Medienhypes (siehe dazu den Strang, welche Opern aus der Zeit nach 1950 in hundert und mehr Jahren noch gespielt werden). Das beste Beispiel für mich dafür ist für mich Henzes DER JUNGE LORD, der in dem o. g. Thread nicht einmal mehr erwähnt wird, obwohl er wahrlich kompositorische und Unterhaltungsqualität zuhauf bietet und seinerzeit allgemein als Werk von bleibendem Rang angesehen wurde.


    Was Berlioz betrifft, muss man vielleicht eingestehen, dass seine melodischen Einfälle (an denen es ihm wahrlich nicht gebricht) sich oft erst beim Wieder-Hören eines voll erschließen und selten Spontanhits sind. Vielleicht ist die Symphonie Fanstatique auch deshalb so populär geworden, weil das berühmte Thema dort so oft vorkommt, dass es selbst dem oberflächlichsten Hörer im Ohr bleibt. Womit aber auch gar nichts gegen diese Symphonie und ihre Erfindung der "Idée fixe", also ein ganzes Werz durchziehendes Motiv, gesagt sein soll, auf die Berlioz in HAROLD EN ITALIE zurück griff, und die derart an Leitmotivik gemahnt, dass ich kaum an Zufall glauben kann, wenn sie zehn Jahre später einen so hohen Stellenwert bei Wagner einnimmt. :untertauch:


    Rideamus

  • Zitat

    Original von Zwielicht


    Das mag ja für das Requiem stimmen - für die Trojaner aber doch wohl kaum. Hier braucht man keinen größeren Apparat als etwa für die "Meistersinger" oder "Boris Godunow". Das Werk ist zwar sehr lang - aber auch daran ist man spätestens seit Wagners Zeiten doch gewöhnt...


    Der Aufwand ist nun ja wirklich nicht alltäglich. Und dann kommt all das hinzu, was Du aufzählst. In Zeiten, wo auch die Oper "Quote machen" muss und sich Intendanten mehr mit den Haushalten als mit künstlerischen Fragen zu beschäftigen haben, ist die Bereitschaft, das "Risiko Berlioz" einzugehen, in der Konsequenz eben nicht mehr besonders ausgeprägt.


    Schöne Grüße
    Hildebrandt

  • Zitat

    Original von Hildebrandt
    In Zeiten, wo auch die Oper "Quote machen" muss und sich Intendanten mehr mit den Haushalten als mit künstlerischen Fragen zu beschäftigen haben, ist die Bereitschaft, das "Risiko Berlioz" einzugehen, in der Konsequenz eben nicht mehr besonders ausgeprägt.


    Schöne Grüße
    Hildebrandt


    Das ist leider nur all zu wahr. Aber bevor wir die Intendanten zu pauschal und ungerecht schelten:


    diejenigen, die von ihnen volle Häuser fordern, sind die Haushaltspolitiker, die wiederum nur von uns allen zur Raison gefordert werden können. Solange das allgemeine Publikum Geiz geil findet und lieber nach der Subvention von allem Möglichen außer Kultur schreit, das Kulturpublikum Stücke außerhalb des gängigen Repertoires mit Nichtachtung und jeden Ausrutscher eines um ein aktuelles Verständnis eines klassischen Werkes bemühten Regisseurs mit Hohn und Fernbleiben abstraft, wird sich an dem konservativen Gebaren der meisten Intendanten wenig ändern.


    Womit, notabene, keine Lanze für die Mätzchen profilsüchtiger und musikignoranter Regisseure gebrochen werden soll. Da aber müssten sich neben den Intendanten, die solche Regiekonzepte um der erwünschten Kontroverse auswählen, auch die Feuilletonschreiber an die Nase fassen, die auf solche Strategien hereinfallen, weil es ihnen (oder ihren Brötchengebern?) zu langweilig erscheint, kompetente Fachkritik zu verfassen.


    Da haben sich die Zeiten seit dem exzellenten Musikkritiker Berlioz definitiv nicht gebessert.


    :hello: Rideamus

  • Zitat

    Original von Hildebrandt


    Der Aufwand ist nun ja wirklich nicht alltäglich. Und dann kommt all das hinzu, was Du aufzählst. In Zeiten, wo auch die Oper "Quote machen" muss und sich Intendanten mehr mit den Haushalten als mit künstlerischen Fragen zu beschäftigen haben, ist die Bereitschaft, das "Risiko Berlioz" einzugehen, in der Konsequenz eben nicht mehr besonders ausgeprägt.


    Schöne Grüße
    Hildebrandt



    Dem widerspricht jetzt aber, dass die Trojaner vor 1980 (als es den Opernhäusern noch relativ gutging) fast nie aufgeführt wurden, gerade in den letzten, finanziell problematischen Jahren aber - worauf Rideamus oben hingewiesen hat - immerhin pro Saison eine Neuinszenierung auf die Beine gestellt wird. Die Frage ist doch eher, warum diese Aufführungen keinen durchschlagenden Erfolg beim Publikum erzielen.



    Jetzt sehe ich gerade, dass Rideamus auch schon zum Thema gepostet hat:






    Ich stimme Dir zumindest teilweise zu. Das Feindbild "Intendant" fand ich noch nie sehr sinnvoll, ebenso die Strategie, es durch das noch beliebtere Feindbild "Politiker" (oder "Feuilletonist") zu ersetzen. Aber das gehört weniger zum Thema.


    Ohne den 76. Regietheater-Thread eröffnen zu wollen: Mir fällt jetzt kein "profilsüchtiger und musikignoranter Regisseur" ein, der speziell Berlioz inszeniert hätte. Ganz im Gegenteil: Auf die legendäre Berghaus-Inszenierung aus den 80ern hast Du schon hingewiesen, man könnte noch einige andere gute bis überragende Inszenierungen hinzuzählen. Den "Trojanern" wird m.E. eher mit statuarischer Langweiler-Regie wie bei Kokkos in Paris der Garaus gemacht.


    Viele Grüße


    Bernd

  • Zitat

    Original von Rideamus
    Was Berlioz betrifft, muss man vielleicht eingestehen, dass seine melodischen Einfälle (an denen es ihm wahrlich nicht gebricht) sich oft erst beim Wieder-Hören eines voll erschließen und selten Spontanhits sind.



    Volle Zustimmung. Es sind ja oft ungewöhnliche, sehr komplex gegliederte Gebilde.



    Zitat

    Vielleicht ist die Symphonie Fanstatique auch deshalb so populär geworden, weil das berühmte Thema dort so oft vorkommt, dass es selbst dem oberflächlichsten Hörer im Ohr bleibt.



    Darauf bin ich noch gar nicht gekommen. Kann aber gut sein. Ich hatte den Erfolg der "Fantastique" immer darauf zurückgeführt, dass sie 1. immerhin als Symphonie betitelt und somit schubladisierbar ist und 2. durch die Ballung von Effekten zumindest in den beiden letzten Sätzen einen überaus mitreißenden Aplomb besitzt (den Berlioz in "Harold en Italie" nicht mehr ganz erreicht hat).



    Zitat

    Womit aber auch gar nichts gegen diese Symphonie und ihre Erfindung der "Idée fixe", also ein ganzes Werz durchziehendes Motiv, gesagt sein soll, auf die Berlioz in HAROLD EN ITALIE zurück griff, und die derart an Leitmotivik gemahnt, dass ich kaum an Zufall glauben kann, wenn sie zehn Jahre später einen so hohen Stellenwert bei Wagner einnimmt. :untertauch:


    Rideamus



    Die "Fantastique" ist zweifellos ein grandioses Schlüsselwerk der Musikgeschichte. Bezüglich der Leitmotivik gibt es natürlich auch andere Quellen, insb. Weber, auf den sich Berlioz ja selbst enthusiastisch bezogen hat.


    Insgesamt war das Verhältnis zwischen Berlioz und Wagner doch gar nicht so schlecht - Wagner hat sich mehrfach positiv über den französischen Kollegen geäußert (natürlich nicht nur - wer hätte auch anderes erwartet? :D). Hier müsste natürlich eher auf Liszt verwiesen werden, der sich ja immer wieder engagiert für Berlioz eingesetzt hat.


    Viele Grüße


    Bernd

  • Haaalt,


    ein "Feindbild Intendant" will ich gar nicht. Deswegen schrieb ich doch extra "muss" und "haben". Die Intendanten trifft noch die geringste Schuld.
    Und über Journalismus heute rege ich mich nicht mehr auf, nein überhaupt nicht! :motz:
    Aber Schluss mit diesem OT-Gemeckere. :D


    Aber kompetente Fachkritik wird später schon noch geschrieben. Man denke an Monsieur Croche...

  • Zitat

    Original von Zwielicht



    Das mag ja für das Requiem stimmen - für die Trojaner aber doch wohl kaum. Hier braucht man keinen größeren Apparat als etwa für die "Meistersinger" oder "Boris Godunow". Das Werk ist zwar sehr lang - aber auch daran ist man spätestens seit Wagners Zeiten doch gewöhnt (zudem gibt es die Möglichkeit, die Trojaner an zwei Abenden zu spielen, wie vor einiger Zeit in Duisburg/Düsseldorf geschehen).


    Ebenso im Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen, wo »Les Troyens« im vergangenen Januar Premiere hatte (in der Premiere wurden beide Teile am Stück gespielt, in allen folgenden Aufführungen waren die beiden Teile auf zwei Abende verteilt).


    Zitat

    Wenn im Konzert oder in der Oper ein weniger gebräuchliches Werk von Berlioz aufgeführt wird, stelle ich immer wieder ernüchternde Publikumsreaktionen fest: "interessant", "ungewöhnlich", "schön mal gehört zu haben", "vielleicht etwas lang", "wo ist die Garderobe?" etc. Der Funke springt nicht über - und das gilt m.E. nicht nur für Deutschland. Dabei sind die Trojaner in letzter Zeit gar nicht sooo selten auf die Bühne gebracht worden. Fast noch schlechter steht es um die anderen Opern (mit Ausnahme der "Damnation de Faust", die natürlich eigentlich keine Oper ist).


    Nun, auch da ist das MiR in Gelsenkirchen die Ausnahme. Dort sind in den vergangenen drei oder vier Jahren auch »Béatrice et Bénédict« und »Benvenuto Cellini« über die Bühne gegangen - was mir das Glück beschert hat, auch diese beiden wundervollen Opern live erleben zu können.


    Die Inszenierungen aller drei Opern (gilt zudem auch für die Trojaner in der Deutschen Oper am Rhein) entsprachen keineswegs »statuarischer Langweiler-Regie« sondern waren IMO erfrischend entschmockt, ohne daß eingefleischte Regietheatergegner hätten allzusehr verschreckt sein müssen - waren sie dann in einigen Fällen aber doch (Beispiel folgt). Habe mich über die Trojaner-Inszenierungen in Gelsenkirchen und Duisburg/Düsseldorf mal in diesem Thread kurz ausgelassen.


    Besonders gut hat mir die »Béatrice et Bénédict«-Inszenierung gefallen (Regie: Immo Karaman). Fand im kleinen Haus statt, kein Orchestergraben, Publikum ganz eng an der Bühnenrampe. Das Orchester auf der Bühne, daß ganze Stück als Orchesterprobe aufgemacht, alle Musiker, Dirigent, und Stühlerücker als Akteure des Schauspiels, Béatrice und Bénédict zwei einander herrlich anzickende Instrumentalisten (Oboistin und Kontrabassist). Wundervoll - kurzweilig und intelligent gemacht. Großartig schon die Overtüre: grauenhaft intoniert, schwerfällig - der Dirigent (also Samuel Bächli himself) unterbricht, tadelt die Musiker, läßt neu beginnen. Bessere Intonation, ansonsten genauso schleppend wie zuvor, bis der Dirigent seinen Musikern immer wieder zuruft »Mehr Leichtigkeit, mehr Leichtigkeit!!« Das war schon programmatisch für den Abend...
    Manch Opernliebhaber fand das albern: »Was das sollte? Wie kann man sowas machen, in die Musik hineinrufen lassen? Wir haben doch nicht für eine Probe bezahlt!«
    Ich fand's köstlich!!
    Herzlichst,
    Medard