Das Ende der Klassikkrise kündigt sich an (?)

  • Hi , liebe Forianer!


    Meiner meinung nach gab es gar keine klassikkrise.


    Vor dreißig jahren war die gruppe der klassikhörer auch nicht größer als heute.
    Wir werden nicht mehr, aber auch nicht weniger und wir sind IMO vom aussterben lichtjahre entfernt :yes:


    LG florian


    :hello:

  • Hello! :hello:


    Ich sehe auch keine Krise
    im Gegenteil
    seit ich denken kann ist es doch so, dass es Stars gibt die sich gut vermarkten lassen und auch den Nichtklassikhörer ansprechen.


    Beispiele:
    in den 80ern Peter Hofmann
    in den 90ern Pavarotti and Friends
    Sarah Brightman & Andrea Bocelli


    ebenso die vielen pompös inszenierten Opern die parallel zu den Aufführungen in den Opernhäusern angeboten werden. zB.: die Carmina Burana mit Feuerspektakel sahen in Ö nicht nur Klassikfans


    und letztendlich schliesse ich mich meinen Vorednern an die sagen, dass Stars wie Anna Netrebko und Rolando Villazón dem Genre gut tun in dem sie in den Medien allegenwärtig sind und vermarktet werden.


    LG Paul? :angel:

  • Hallo,


    Ich denke, man muss fragen was "Krise" für die Klassik bedeutet.
    Ich denke schon, dass es nur sehr wenig Menshcen gibt, die sie intensiv und auch mit unbekannten Werken auseinander setzen.
    Pavarotti, Bocelli und Opernspektakel in Fussballstadien mögen auch den "Ottonormalhörer" anlocken, jedoch stellt sich die Frage: "Was bleibt?"
    Klassik verkommt zum "netten Zwischendurch-Kitsch" und wird nur noch sehr oberflächlich "verkonsumiert"; die Zahl der bekannten Werke kommt über Beethovens 5. Die Kleine Nachtmusk, Aida und den Nussknacker kaum heraus.
    Das sollte einem zu denken geben!


    Ich sehe die Krise weniger als das totale Ende der Klassik - viel mehr einer allzu oberflächichen Beschäftigung damit. Natürlich kann niemand erwarten, dass plötzlich alle Menschen NUR noch Klassik hören und zu hochinteressierten Experten mutieren, die einfach ALLES kennen, wissen und schätzen (ein solches, weit verbreitetes Kennertum gab es denke ich noch nie in der Geshchte der Klassik), jedoch wäre es wünschenswert, dass sich ein paar mehr Leute intensiver mit Klassik Beschäftigen! Und die "Laien" bzw "Konsumenten" nicht NUR konsumieren, sondern auch auf ihre weise ein wenig Interpretieren und sich informieren.


    LG
    Raphael

  • Doch, das Ende nähert. Aber anders als erwartet.
    In den Abteilungen für kleine(re) Besetzung (Kammermusik, Gesang, Konzerten die für den Rundfunk "mitgeschnitten" werden, usw) blüht es wie nie zuvor. Und eine Unmenge an unbekannte, schöne Musik erreicht uns.


    Dagegen werden die große Opern vermutlich darunter leiden. Denn wer kann das noch bezahlen?


    Opera Rara ist ein gutes Beispiel. Sie bringt (fast) unbekannten Opern. Aber leider sind die sehr teuer.


    LG, Paul

  • Hi Raphaell! :hello:


    da könnte man aber das selbe über Rock und Pop sagen
    auch hier kennt jeder die Highlights
    doch die Zahl derer die naben "Sloop John B." das komplette Pet Sounds Album kennen oder anstatt des Gassenhauers "Back in the U.S.S.R." das ganze Weisse Album konsumierten ist gering
    und hier nahm ich lediglich Beach Boys und Beatles als Beispiel.


    Aber schon allein die Tatsache, dass wenigstens Opern wie Nabucco, Aida oder Zauberflöte, um nur drei Beispiel zu nennen, einem breiteren Publikum als nur den eingefleischten Klassikhörer wohl im Ohr klingen ist doch etwas Schönes.


    Nebebei bemerkt: Ich war über weihnachten in Berlin und besuchte dort ein rieiges Buchgeschäft


    Keller NUR Klassik - ich hab noch niemals soviele verschiedene Beethoven CDs auf einem Haufen gesehen


    da war mehr Auswahl an Klassik als in so manchen Plattenladen in Wien überhaupt an CDs gibt


    LG Paul? :angel:

  • Zitat

    Original von Austria
    Sein Fazit: Jeder hat schon alle CDs, die er wollte


    :hahahaha:

    Zitat


    - Mangelnder Pioniergeist
    Und:
    - Atonaler Modernismus
    "letztendlich wurde die Klassik von den Komponisten im Stich gelassen. Ohne eine neue Musik, die intelligente, sensible Konsumenten hören wollen, blieb nur die Möglichkeit, das Vergangene immer wieder aufzuwärmen" (Michael Haas, ehemaliger Sony-Produzent)


    Merkwürdige Kombination.


  • Ersteres bezieht sich auf Dirigenten und Produzenten, zweiteres auf die Ablehnung des Publikums (alterndes Publikum kauft keine moderne Musik, es muß erst neues Publikum nachwachsen). So ungefähr.


    :hello:


    Austria

    Wir lieben Menschen, die frisch heraus sagen, was sie denken - vorausgesetzt, sie denken dasselbe wie wir (Mark Twain)

  • Zitat

    Original von Paul?
    Nebebei bemerkt: Ich war über weihnachten in Berlin und besuchte dort ein rieiges Buchgeschäft


    Keller NUR Klassik - ich hab noch niemals soviele verschiedene Beethoven CDs auf einem Haufen gesehen


    da war mehr Auswahl an Klassik als in so manchen Plattenladen in Wien überhaupt an CDs gibt


    Tatsächlich? Größere Auswahl als in Wien? Das kann ja schon ein bisschen stolz machen. ;)
    Du warst übrigens bei Dussmann, in Berlins größtem Kulturkaufhaus.



    Gruß, Peter.

  • Und NUN ?
    Ist die "Klassikkrise" vorbei ? Sind wir mittendrin ? oder hat es sie nie gegeben ?


    Aus meiner Sicht ist Klassische Musik ein i priori ein "Nischenprodukt" - zumindest wenn man den "gesamten Markt" an Produkten hernimmt.
    Irgendwann - mit der Einführung der Schallplatte - entwickelte sich ein "Markt" für "Klassische Musik auf Tonträgern"
    Dieser boomte immer mehr, desto perfekter die Aufnahmetechnik wurde.
    Nun ist die Grenze seit einigen Jahren überschritten und der Markt kommt mit der Realität in Berührung.
    In ihrer geradezu unermesslichen Gier (auf Wunsch erläutere und untermauere ich diese Behauptung) konnte sich die Tonträgerindustrie damit nicht abfinden und tat ein Übriges den Vorgang noch zu beschleunigen.
    Aus meiner Sicht gibt es keine "Klassikkrise" sondern eine der "Verwerter"


    Gerade in den letzten Tage hatte ich den Eindruck, daß man hier mit Gewalt seine Gewinne halten möchte - und das im wahrsten Sinne des Wortes - "um jeden Preis" und mit allen Mitteln.....


    mfg aus Wien
    Alfred

  • Ich denke, dass es weniger um die Musik schlecht steht. Eher mehr um die Verbreitung.


    Wie soll ein Label noch irgendetwas finanzieren, wenn wir mit unserer Mentalität leben, dass alles fast gratis sein muss?


    Siehe Netflix, Spotify...


    Beste Grüße

  • Prinzipiell teile ich die Ansicht, daß nicht die Klassik in einer Krise steckt, sondern die Tonträgerindustrie.


    Zitat

    Wie soll ein Label noch irgendetwas finanzieren, wenn wir mit unserer Mentalität leben, dass alles fast gratis sein muss?


    Das ist natürlich ein zweischneidiges Schwert.
    Diese "Menatlität" ist eine Künstliche, von der Werbeindustrie erzeugte, die den Leute einredete, alles wäre gratis machbar, weil die Werbeindustrie das finanzieren würde. Das ist natürlich eine Milchmädchenrechnung, denn die Werbeinduistrie hat nur Geld zur Verfügung, solange ihre Kunden profitable Umsätze machen. Und man hat hier eine Klientel "geschffen" oder zumindest "gefördert", die völlig uninteressant ist. Die alte Regel "Ich gebe dem Kundten ZUERST etwas GRATIS - und anschliessend - wenn er sich gewöhnt hat - verkaufe ich ihm etwas - möglist so Teuer, daß auch meine "GESCHENKE" an ihn abgedeckt sind - GILT NICHT MEHR.
    Der trinierte "Schmarotzer" greift bei jeder sich bietenden Gratisgelegenheit zu - und wenn er dann zahlen soll, sucht er sich eine andere Frima, die gerade wieder ein "Gratisangebot" hat.
    Nicht genug damit. Diese Leute - die meisten sind sich ihres geringen Stellenwertrs in der auf Konsum angelegten Gesellschaft zumindest unterschwellig bewusst - begnügen sich nicht damit "Gratiskunden" zu sein - nein - sie raten anderen vom "Normalkauf" ab - und macht auch diese zu "uninteressanten Konsumenten" (zumindest versuchen sie das)


    Bei Aufnahmen ist es indes so, daß sie EIGENTLICH heute leichte produzierbar sein sollten.
    Klaus Heymann zeigt, daß es möglich ist.
    Wenn ich aber "Stars" einsetze, deren Gage allein schon das doppelte der zu erwartenden Einnahmen kosten - und auf ein Wunder warte - dann dar ich mich nicht wundern wenn dieses nicht eintritt und ich rote Zahlen schreibe...


    Ein weites Feld


    mfg aus Wien
    Alfred

  • Es ist absehbar, dass physische Tonträger zur Ausnahme werden werden. Schon jetzt haben die meisten Leute unter 30, viele unter 40 praktisch keine CDs mehr. Andererseits wird es CD/SACDs/DVDs als Geschenke, Sondereditionen usw. noch viele Jahre geben. Es wird darauf hinauslaufen, dass physische Tonträger mehr und mehr abnehmen, aber der Klassikanteil davon aufgrund der Demographie und der Vorlieben der Klassikhörer steigen wird.
    Dennoch wird man damit rechnen müssen, dass wenn der gegenwärtige Trend, ältere Aufnahmen in Boxen mit 100 CDs zu packen, abflaut, es vieles nicht mehr auf CD geben wird. Man wird auf die, die noch am Lager sind oder gebrauchte zurückgreifen müssen, oder eben Downloads. Gerade Labels mit Nischenrepertoire werden auf Bezahldownloads setzen. Es gab um 2000 in der ursprünglichen CD-Krise (wg. Brennen und später Napster) mal einen Text des Chefs (oder eines maßgeblichen Managers) von Hyperion, der vorgerechnet hat, wie er von manchen CDs weltweit über Jahre nur wenige tausend verkauft. Das ging schon damals nur, wenn man andere gut laufende Sachen im Angebot hatte (bzw. oft auch mit Mäzenen oder Sponsoren wie Rundfunk oder Komponistengesellschaften).


    Weiterhin besteht natürlich (bei Populärmusik und Klassik) das Problem, dass bei den gegenwärtigen Streamingangeboten Künstler fast nichts (jedenfalls anscheinend noch deutlich weniger als früher bei Platten/CDs) verdienen. Das wird auch Konsequenzen haben. Entweder werden diese Preise steigen oder es wird teurere Exklusivangebote (wie pay-TV u.ä.) geben.

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Gerade Labels mit Nischenrepertoire werden auf Bezahldownloads setzen. Es gab um 2000 in der ursprünglichen CD-Krise (wg. Brennen und später Napster) mal einen Text des Chefs (oder eines maßgeblichen Managers) von Hyperion, der vorgerechnet hat, wie er von manchen CDs weltweit über Jahre nur wenige tausend verkauft.


    Aber wie man sieht ist die CD trotz etlicher Unkenrufe der der letzten 15-20 Jahre noch immer am Leben, hat sogar - geanu bertrachtet - ihren "Nachfolger" die SACD überlebt. Der Grund ist, daß sie bei akzeptablem Preis eine akzeptable Klanggqualität bietet.


    Daß nur wenige "jüngere" Leute heute noch CDs kaufen, hängt zum Teil auch mit dem derzeitigen Lohn - und Mietenniveau zusammen und an den "Ansprüchen ans Leben" Wenn man "Musterwohnungen" in Einrichtungshäusern snsieht, dann findet man ein Wohnzimmer mit überdimensionalem TV Gerät eine ebensolche Sitgarnitur mit Couchtisch ein Regal mit irgenwelchen unnützen Dekorationsgegenständen und 10-20 Büchern, sowie ein CD Rack für 80-100 CDs....Ein SAMMLER kann darüber nur wehleidig lächeln
    Die Manager der heutigen Generation scheinen aus eher ärmlichen Verhältnissen zu kommen, auf jeden Fall legen sie scheinbar die Maßstäbe nach ihrem eigenen Wertesystem. Diese übersihrt, daß der Mensch ansich entweder Jäger oder SAMMLER ist.
    Ich will eine Aufnahme nicht nur HÖREN - Ich will sie persönlich BESITZEN. Die Adeligen und Geistlichen haben schon in der Vergangenheit riedige Bibliotheken und Gemäldegalereien angelegt und sie prunkvoll ausgestattet.
    Der Grundcharakter des Menschen nach Macht und Besitz ist gleich geblieben und wird sich auch nicht im Wesentlichen ändern. Urwünsche der Menschen können zwar zeitweilig unterdrückt werden - sie kehren indes mit Gewalt wieder zurück und vernichten alles was sich ihnen in den Weg stellt.
    "Streaming" - allein der Gedanke, daß irgendjemand sagen könnte:
    "Wir nehmen jetzt allle Dirigenten und Interpreten aus dem Programm, die sich "frauenfeindlich","rassistisch" oder "antisemitisch" geäussert haben - und auch jene die wegen "erotischer Übergriffe" ins Gerede gekommen sind - ganz einfach aus dem Programm.


    Da lobe ich mir meine PRIVATE CD-Sammlung - da tangieren mich solche Dinge nicht.


    Ich sehe die Zukunft übrigens so:


    CDs am Markt: MINDESTENS noch 5 Jahre - vielleicht auch mehr - Tendenz leicht sinkend


    Rückzug der Großlabels von körperlichen Tonträgern und Flop beim Bownload - und zwar nicht in der Form, daß niemand mehr downloaden wird, sondern dahingehend, daß Hacker die Server anzapfen und das Gestohlene Material kostenlos von einem in Timbukto stationierten Server anbieten


    Kleinlabels und Künstler in Eigenvermarktung werden aber über einen längeren Zeitraum noch CDs anbieten.....


    mfg aus Wien
    Alfred

  • ...Streaming ist ja nun alles andere als umsonst. Für Tidal zahle ich, als einzelner Nutzer, 20 € im Monat und dieser Betrag stellt für mich die Schmerzgrenze für ein solches Angebot dar. Eine ganz andere Geschichte ist allerdings die Vergütung der Künstler, welche Johannes ja bereits ansprach. Das wäre aber ein Thema für sich.


    Sammeln und Streaming muss sich gar nicht ausschließen, ich kaufe trotz Tidal noch gelegentlich CDs. Man kann aber in vielen Fällen sehr gezielt sammeln, sofern die gewünschten Titel beim Streaming-Dienst verfügbar sind. Fehlkäufe lassen sich also deutlich reduzieren.
    Eigentum kann ja bekanntlich Fluch und Segen zugleich sein, kürzlich lernte ich einen Schallplattensammler kennen mit einer stolzen Sammlung von rund 12.000 LPs. Er macht sich bereits Gedanken darüber, was aus seinen Platten wird, wenn einmal nicht mehr unter uns weilt. Es erfordert auch Disziplin und Sorgfalt, eine solche Sammlung zu katalogisieren und so überhaupt praxistauglich "nutzbar" zu machen. Streaming ist ein Kinderspiel dagegen...


    Streaming wir weiterhin deutliche Zuwächse verzeichnen, bei fallenden Preisen. Der CD würde ich dennoch noch deutlich mehr als 5 Jahre geben, ein so etabliertes Medium verschwindet nicht so schnell. Auch Gelegenheitshörer setzten weiterhin auf diesen Tonträger.


    Zum Thema könnte die Macht der großen Anbieter werden, allen voran die des Marktführers Spotify. Schon jetzt wird z.B. die Zusammenstellung von Playlists oder personalisierten Playlists diskutiert. Eine gezielte Steuerung des Massengeschmacks scheint einfacher als je zuvor....

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    Gruß
    Nicolas

  • Ich kann ja den Kleinunternehmer noch ansatzweise verstehen, der sich Gedanken macht, was mit seinem Klempnerbetrieb passieren mag, wenn er nicht mehr unter uns weilt. Aber warum sollte man sich diesbezüglich über Platten mehr Sorgen machen als über Möbel, Autos, Kleidung, Briefmarkensammlung usw.


    Wäre mal eine neue Variante für eine Predigt zu "Wo dein Schatz ist, da wird auch dein Herz sein." :D

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)