Die Bachkantate (007): BWV91: Gelobet seist du, Jesu Christ

  • BWV 91: Gelobet seist du , Jesu Christ
    Kantate zum ersten Weihnachtstag (Leipzig 1724)


    Lesungen:
    Epistel: Tit. 2,11-14 (Es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes) oder Jes. 9,2-7 (Uns ist ein Kind geboren)
    Evangelium: Luk. 2,1-14 (Geburt Christi, Verkündigung an die Hirten, Lobgesang der Engel)


    Sechs Sätze, Aufführungsdauer: ca. 20 Minuten


    Textdichter: unbekannt; inspiriert durch Martin Luthers Choral von 1524
    Choral (Nr. 1 und 6, sowie in Nr. 2): Martin Luther (1483-1546)


    Besetzung:
    Soli: Sopran, Alt, Tenor, Bass; Coro: SATB; Corni I + II, Timpani, Oboe I-III, Violino I/II, Viola, Continuo


    1. Choral (SATB, Corni I + II, Timpani, Oboe I-III, Streicher, Continuo)
    Gelobet, seist du, Jesu Christ,
    Dass du Mensch geboren bist
    Von einer Jungfrau, das ist wahr;
    Des freuet sich der Engel Schar.
    Kyrie eleis!


    2. Recitativo + Choral (Sopran, Continuo)
    Der Glanz der höchsten Herrlichkeit,
    Das Ebenbild von Gottes Wesen,
    Hat in bestimmter Zeit
    Sich einen Wohnplatz auserlesen.
    Des ew’gen Vaters einigs Kind,
    Das ew’ge Licht, von Licht geboren,
    Itzt man in der Krippe find’t.
    O Menschen, schauet an,
    Was hier der Liebe Kraft getan!
    In unser armes Fleisch und Blut
    (Und war denn dieses nicht verflucht, verdammt, verloren?)
    Verkleidet sich das ew’ge Gut.
    So wird es ja zum Segen auserkoren.


    3. Aria (Tenor, Oboe I-III, Continuo)
    Gott, dem der Erden Kreis zu klein,
    Den weder Welt noch Himmel fassen,
    Will in der engen Krippe sein.
    Erscheinet uns dies ew’ge Licht,
    So wird hinfüro Gott uns nicht
    Als dieses Lichtes Kinder hassen.


    4. Recitativo (Bass, Streicher, Continuo)
    O Christenheit!
    Wohlan, so mache dich bereit,
    Bei dir den Schöpfer zu empfangen.
    Der große Gottessohn
    Kömmt als ein Gast zu dir gegangen.
    Ach, lass dein Herz durch diese Liebe rühren;
    Er kömmt zu dir, um dich vor seinen Thron
    Durch dieses Jammertal zu führen.


    5. Aria (Sopran, Alt, Violino I + II, Continuo)
    Die Armut, so Gott auf sich nimmt,
    Hat uns ein ewig Heil bestimmt,
    Den Überfluss an Himmelsschätzen.
    Sein menschlich Wesen machet euch
    Den Engelsherrlichkeiten gleich,
    Euch zu der Engel Chor zu setzen.


    6. Choral (SATB, Corni I + II, Timpani, Oboe I-III, Streicher, Continuo)
    Das hat er alles uns getan,
    Sein groß Lieb zu zeigen an;
    Des freut sich alle Christenheit
    Und dank ihm des in Ewigkeit.
    Kyrie eleis!


    Wie in seinen Kantaten zum 1. Advent (BWV 61 und 62) greift Bach auch hier in BWV 91 auf ein zum jeweiligen Festtag passendes Luther-Lied zurück, dass er in dieser Choralkantate verarbeitet.
    Leider ist auch dieses Lied heute nicht mehr so allgemein bekannt, wie sicher noch zur Entstehunsgzeit der Kantate in 1724. So gesehen teilt auch dieses Lied das Schicksal des lutherschen Adventslieds "Nun komm, der Heiden Heiland".
    Das ist glücklicherweise dieser Kantate nicht abträglich ;)


    Vor allem die Verwendung der beiden Hörner finde ich besonders gelungen - es erinnert mich an das Hörnerpaar, das im Weihnachtsoratorium nur in der 4. Kantate eingesetzt wird. Daher also: Ein ganz besonderer Effekt!
    Noch eine Parallele zum Weihnachtsoratorium: Der Schlusschoral Nr. 6 taucht dort textgleich in der 3. Kantate wieder auf - die Hirten haben an dieser Stelle soeben beschlossen, nach Bethlehem zu gehen....

    "Es ist mit dem Witz wie mit der Musick, je mehr man hört, desto feinere Verhältnisse verlangt man."
    (Georg Christoph Lichtenberg, 1773)

  • Liebe Kantatenfreunde,


    An Weihnachtskantaten besteht ja jetzt kein Mangel mehr. Es ist schon überwältigend, was da an musikalischen Figuren und Eindrücken auf mich zukommt. Von BWV 91 habe ich die Rilling-Aufnahme von 1972, die im Bachjahr 2000 nochmal als gleiche Aufnahme herauskam (schade). In der Vielfalt der Weihnachtskantaten ragt für mich der Eingangschor von BWV 91 heraus. Warum?


    Ich finde im Eingangschor das Eingangsritornell-, Timpani (warum nicht gleich Pauken) mit den Hörnern und Oboen unheimlich berauschend. Dürr beschreibt es ja auf S.110 detailliert. Diese Kombination der Instrumente bringt einen Klang hervor, der (so kommt es mir vor) wie eine Wolke des Heiligen Geistes herunterfährt und 'einschlägt' auf den Mutterboden der Menschwerdung in der 'Jungfrau zart'. Entschuldigt bitte die vielleicht unapetittliche Ausdrucksweise. Aber ich habe in diesem blumigen und duftigen KLANG immer so etwas wie das Kommen des Heiligen Geistes gesehen. Spielt da auch eine sog. Oboe pomposa mit.


    Hört es Euch nochmal an!


    Ist das überinterpretiert?


    Wolfgang

  • Guten Tag



    Ich schätze den kurzen aber prunkvollen Eingangschoral ebenfalls sehr.
    Kenne ihn von dieser



    Einspielung durch das Collegium Vocale Gent von 2003
    als auch von dieser



    Einspielung 1997, beidesmal mit Ph. Herreweghe als Chorleiter,
    bei der 1979- Aufnahme (zusammen mit dem "Knabenchor Hannover") noch als "Subunternehmer" bei Gustav Leonhardt :D


    Gruß :hello:


    aus der Kurpfalz


    Bernhard